Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

See other formats


M 
-m 


■m  • 


'■'^■jtuOU^ 

'^ÄM 

Wm 

^»       'Cifi 


f*  »^ 


•*^^ 


|k#»* 


.»<. 


%-.  ^'^l' 


■       '4 


a 


*.  J%.-/s»>^ 


' ,  .-i*' 


'^>.  - 


^^    > 


ZEITSCHRIFT 


FÜR 


DEUTSCHE  PHILOLOGIE 


HERAUSGEGEBEN 


VON 


Dr.  ernst  hopfner  und  Dr.  JULIUS  ZACHER 

DIKECTOR  D.  REAIiSCHÜLE  Z.  HEIL.  GEIST  PROFESSOR    AN    DER    UNIVERSITÄT 

ZU  BRESLAU  ZU   HALLE 


ERSTER   BAND 


HALLE 

VERLAG    DER   BUCHHANDLUNG    DES    WAISENHAUSES 
1869 


Pf 

■3  Co  3 
^  3s 

6c/.     / 


VERZEICHNIS   DER  ME^ARBEITER 

welche    beitrage    zum    ersten    bände    geliefert    haben. 


Prof.  dr.  Aug.  Anscliütz  in  Halle. 

Gymnasiallehrer  dr.  Ludw.  Bossler  in  Gera. 

Dr.  Bertliold  Delbrück  in  Halle. 

Gymnasiallehrer  dr.  0  s  k.  E  r  d  m  a  n  n  in  Graudenz. 

Gymnasiallehrer  dr.  Ge.  Gerland  in  Magdeburg. 

Dr.  Moriz  Heyne  in  Halle. 

Prof.  dr.  Rud.  Hildebrand  in  Leipzig. 

Director  dr.  Ernst  Höpfner  in  Breslau. 

Oberlehrer  dr.  Oskar  Ja e nicke  in  Wriezen. 

Prof.  dr.  C.  Fr.  Koch  in  Eisenach. 

Bibliothekar  dr.  Reinhold  Köhler  in  Weimar. 

Prof.  dr.  Ad  albert  Kuhn  in  Berlin. 

Staatsrath  dr.  Leverkus  in  Oldenburg. 

Oberlehrer  dr.  Aug.  L ü b b e n  in  Oldenburg. 

Prof.  dr.  Ernst  Martin  in  Freiburg. 

Prof.  dr.  Konr.  Maurer  in  München. 

Dr.  Elard  Hugo  Meyer,  lehrer  an  der  handelsschule 

in  Bremen. 
Prof.  dr.  Leo  Meyer  in  Dorpat. 
Prof.  dr.  Theodor  Mob  ins  in  Kiel. 
Dr.  Max  Rieger  in  Giessen. 
Prof.  dr.  Ernst  Ludw.  Roch  holz  in  Aarau. 
Prof.  dr.  Heinr.  Rflckert  in  Breslau. 
Prof.  dr.  Rieh.  Schröder  in  Bonn. 
Prof.  dr.  Wilhelm  Wackernagel  in  BaseL 
Prof.  dr.  Karl  Weinhold  in  Iviel. 
F.  Woeste  in  Iserlolm. 
Prof.  dr.  Julius  Zaclier  in  Halle. 


INHALT. 


Seite 

Die  deutsche  lautversehiebuiig.    Von  Berthold  Delbrück 1 

Der  tannewetzel  und  bürzel.   Von  Karl  Wein  ho  kl 22 

Zur  gotischen  prononünalflexion.    Von  Leo  Meyer 24 

Über  die  norwegische  auffassung  der  nordischen  litteraturgeschichte.  Von  Kon- 
rad Maurer 25 

Der  schuss  des  wilden  Jägers  auf  den  sonnenhirsch ;  ein  beitrag  zur  vergleichen- 
den ni3'thologie  der  Indogermanen.    Von  Adalbert  Kuhn 89 

Zur  Alexandersage.     I.  Zum  Julius  Valerius.    Von  Wilhelm  Wackernagel      .  119 
W.  Seh  er  er,    zur  geschichte   der   deutschen  spräche;    angezeigt  von  B.  Del- 
brück         124 

Die  deutschen  zwölfgötter.     Von  Karl  Weinhold 129 

Die  deutsche  lautverschiebung  (Forts,  und  schluss).     Von  ß.  Delbrück  .     .     .  133 
Übersicht  der  mittelniederländischen  litteratur  in  ihrer  geschichtlichen   entwick- 

lung.    Von  E.  Martin 157 

Bruchstück  eines  lateinischen  marienliedes  mit  altfranzösischer  Übersetzung.   Von 

Aug.  An  schütz 178 

Das  thiermärchen  vom  gegessnen  herzen.    Von  E.  L.  E  och  holz 181 

Zur  Charakteristik  der  deutschen  mundarten  in  Schlesien.  I.    Von  H.  Eückert  199 
Litterarische,    exegetische,    grammatische   und   etymologische  beitrage  aus  dem 

bereiche  des  niederdeutschen.    Von  F.  Woeste 214 

über  Cynevulf.  I.  H.    Von  M.  Rieger 215 

Ein  brief  Jac.  Grimms 227 

Laas,  der  deutsche  aufsatz;  angez.  von  E.  Höpfuer 230 

Stark,    kosenamen,    und  Methner,    einführung  in  die   deutsche  Sprachlehre; 

angezeigt  von  G.  Gerland 232 

Pischons  leitfaden  und  Droese,  einführung  in  die  deutsche  litteratur;  ange- 
zeigt von  J.  Zacher 239 

Ein  altpreussisches  glossar.    Von  J.  Zacher 256 

Einladung  zur  philologenversamlung  in  Würzburg  1868       256 

Corpus  juris  germanici  poeticum.    L  Kudrun.    Von  Eich.  Schroeder      .     .     .  257 
Die  neuesten  Untersuchungen  über  die  abfassungszeit  des  Schwabenspiegels.  Von 

demselben 273 

Über  den  Heliaud.    Von  Moritz  Heyne 275 

Die   altsächsische    bibeldichtung   und    das   Wessobrunner  gebet.    Von  Wilhelm 

Wackernagel 291 

Bauernwenzel,  ziegenpeter,  mums.    Von  Georg  Gerland 309 

Über  Cynevulf.  m,  IV,  V.    Von  Max  Ei eg er 313 

Der  Seefahrer,  als  dialog  hergestellt.    Von  demselben 334 

Angelsächsich  eä  (Grimms  eä).    Yon  C.  Fr.  Koch 339 


VI  INIL\.LT 

Seite 

Der  storch ,  nach  schweizcrischoiu  Volksglauben.    Von  E.  L.  E o cli h o  1  z  .     .     .  344 

Ein  brief  von  Eud.  Weckherlin.    Von  Ernst  Höpfner 350 

Zu  Schillers  Toll.    Von  Oskar  Jae nicke 353 

Beriolit  über    die  Verhandlungen  der    germanistischen    sectioii    der  XX\'I.  ])liiIo- 

logenversamlung  zu  Würzburg  (1868).    Von  Ludwig  Boss  1er    .     .     .     .  354 

L.  Tob  1er,  über  die  wortzusaiuinensetzung;  angez.  von  G.  Gerland     .     .     .  357 

Stratniann,  dictionary  of  the  Old  English  lauguage;  ang.  von  Fr.  Koch  .  364 
C.  Fr.  Koch,   bist,   gramni.  der  engl,  sin-ache  111,  1.  —   Codd.  Gotici  Anibro- 

siani  ed.  Uppström.  —    Bernhardt,   krit.   Untersuchungen   über  die 

got.  bibelübersetzung;  angez.  v.  Moritz  Heyne 371 

K.  Meyer,  die  Dietrichssage;  angez.  von  Elard  Hugo  Meyer 375 

Das  leben  der  heil.  Elisabeth,  herausg.  v.  Eieger;  ang.  v.  Jae  nicke   .     .     .  376 

Weinhold,  Boie;  angez.  v.  Weinhold 378 

C.  Fr.  Koch,  deutsche  elemeutargranmiatik.  — ■   Eugelien,  leitfaden  für  den 

deutscheu  Unterricht;  ang.  von  J.  Zacher 388 

Nordischer  litteraturbericlit.  I.    Von  Th.  Möbius 389 

Bemerkungen  zu  Otfrid.    A^ou  0.  Erdmann 437 

Ein  wunderlicher  rheinischer  accusativ.     A"on  E,  Hilde br and 442 

Die  bedeutung  der  krypta.    Von  demselben 448 

Cornelius.     Eine  ergänzung  zum  deutschen  wörterbuche.   Von  Eeinhold  Köhler  452 

Ein  schlechtes  tüchlein  sein.    Von  E.  L.  Eochholz 459 

Zwei  niederländische  lieder  aus  dem  jaln-e  1593.   Von  W.  Leverkus  .     .     .     .  465 

Ancelmus  scal  de  passio  heten.    Von  A.  Lübben  .     , 469 

Zur  textkritik  des  Ludwigsliedes.    Von  J.  Zacher 473 

Ein  lebensabriss  Jacob  Grimms 489 

Hugo  Meyer,  Eoland;  angez.  von  A.  Kuhn 491 

Ger  1  and,  altgriechische  märchen  in  der  Odyssee;  angez.  vom  Verfasser  .  494 
Jülg,  kalmückische  märchen.  —    Jülg,  mongolische  märchen.  —   Jülg,  über 

wesen  und  aufgäbe  der  Sprachwissenschaft;    ang.  von  G.  Gerland     .     .  498 

Sach-  und  Wortregister  von  Konrad  Zacher 501 


DIE  DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG. 

Das  Problem  der  deutschen  lautverscliiebung  ist  noch  nicht  voll- 
ständig befriedigend  gelöst.  Noch  neuerdings  äussert  sich  darüber  einer 
unserer  scharfsinnigsten  Sprachforscher  W.  D.  Whitney  folgendermassen : 
the  phenomenon  is  perhaps  the  strängest  and  most  puzzling  of  all  those 
of  its  kind  which  the  study  of  language  has  hitherto  brought  to  light, 
and  not  one  of  the  various  explanations  offered  for  it  is  satisfying  to 
the  mind.  (North  American  Review  April  18G5.) 

Auch  in  diesem  aufsatz  wird  nicht  eine  befriedigende  erklärung 
der  gesammten  erscheinuug  beabsichtigt,  sondern  nur  versucht ,  bei  einem 
teile  des  gebietes  der  lautverschiebung  das  sichere  vom  unsicheren  zu 
scheiden.  Das  Verhältnis  der  hochdeutschen  laute  zu  den  urdeutschen 
soll  ununtersucht  bleiben,  mithin  nur  die  sogenannte  erste  lautver- 
schiebung behandelt  werden. 

In  der  ersten  lautverschiebung  nun  ist  nicht  —  wie  die  sache  bis- 
weilen unklar  dargestellt  wird  —  ein  Verhältnis  der  urdeutschen  laute 
zu  denen  der  verwanten  sprachen  ausgedrückt,  (welche  sprachen  selbst 
sich  oft  nicht  weniger  als  das  deutsche  vom  ursprünglichen  entfernt 
haben ,)  sondern  ein  Verhältnis  der  urdeutschen  mutae  zu  denen  der  indo- 
germanischen Ursprache,  aus  welchen  die  deutschen  ebenso  wie  die  der 
verwanten  sprachen  entstanden  sind.  Man  muss  also,  ehe  man  an  die 
Untersuchung  der  lautverschiebung  gehen  kann ,  constatieren ,  welche 
mutae  denn  diese  Ursprache  hatte.  Unter  Ursprache  aber  wird  hier  ver- 
standen derjenige  sprachzustand,  welcher  der  ersten  trennung  der  indo- 
germanischen sprachen  unmittelbar  vorhergieng.  Da  ist  es  nun  bis  jetzt 
niemand  eingefallen  zu  läugnen,  dass  die  Ursprache  in  dieser  periode 
besass:  k  g  t  d  p.  (Wegen  des  b  siehe  unten.)  Ob  sie  auch  aspiraten 
gehabt  habe,  ist  gegenständ  der  controverse  gewesen.  Man  hat  ihr  ent- 
weder alle  aspiraten  abgesprochen,  oder  nur  die  weichen  gh  dh  bh  zuge- 
standen, oder  endlich  weiche  und  harte:  gh  dh  bh  und  kh  th  ph.  Die 
ganze  frage  ist,  nachdem  Gr.  Curtius  in  dem  bekannten  aufsatze  „Die  aspi- 
raten der  indogermanischen  sprachen"  in  Kuhns  Zeitschrift  2,  321  flgd. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.  1 


DKLTiRUECK 


den  gnmd  gelegt  hat,  von  Grassmanii,  ebenda  12,  81  flgd. ,  scharf  und 
unitassend  behandelt  woi'den,  so  dass  wir  unsere  leser  auf  diesen  auf- 
satz  verweisen  können.  Nach  seinen  ermittelungen  ist  unzweifelhaft,  dass 
vor  der  spraclitrennung  die  weichen  aspiraten  gh  dh  bh  existierten.  Nach 
Grassmanns  sehr  Avahrscheinlieher  hypothese  hätte  es  auch  tenues  aspira- 
tae ,  w^enugleich  in  beschränkter  anzal  gegeben. 

Wir  gestatten  dieser  letzteren  anschauung  noch  keinen  bestimmen- 
den einfluss  auf  die  anordnung  unseres  aufsatzes,  bemerken  aber,  dass 
wenn  sie  sich  weiter  bestätigte,  sie  die  im  folgenden  vorgetragenen 
ansichten  von  der  entstehung  der  lautverscliiebung  nur  unterstützen 
würde. 

Aus  diesen  mutis  der  Ursprache  k  g  gh,  t  d  dh,  p  b(?)  bh,  haben 
sich  also  die  entsprechenden  deutschen  laute  entwickelt,  welche  in  der 
allen  deutschen  dialecten  zu  gründe  liegenden  deutschen  grundsprache 
wahrscheinlich  lauteten:  kh  k  g,  th  t  d,  ph  p  b,  und  im  gotischen 
lauten:  h  k  g,  }>  t  d,  f  p  b. 

Wir  beginnen  mit  den  ursprünglichen  weichen  aspiraten ,  lassen 
dann  die  tenues  folgen,  und  schliessen  mit  den  mediae. 

I.     Mediae    a  s  p  i  r  a  t  a  e. 

Die  mediae  aspiratae  der  Ursprache  sind  im  altindischen  (mit 
ganz  geringen  ausnahmen)  entweder  gebheben  was  sie  waren,  oder  zu  h 
verdünnt,  im  altbactrischen  entweder  geblieben,  oder  mediae  (oder 
weiche  Spiranten)  geworden,  im  griechischen  tenues  aspiratae,  (einige 
auch  blosse  mediae ,)  im  lateinischen  f,  h,  oder  mediae,  in  den  s la- 
visch-litauischen sprachen  mediae,  (oder  w^eiche  spiranteu,)  in  den 
keltischen  sprachen  mediae,  im  deutschen  mediae.  Besonderer 
beachtung  würdig  sind  die  lautveräuderungen,  welche  an  solchen  wur- 
zeln und  Wörtern  eingetreten  sind,  die  ursprünglich  zw^ei  aspiraten  hat- 
ten. ■  lieber  sie  hat  Grassmann  a.  a.  o.  aufklärungeu  gegeben ,  die  sich 
jetzt  wol  allgemeiner  anerkennung  erfreuen. 

Ein  classisches  beispil,  an  dem  sich  viele  dieser  Verwandlungen 
zeigen,  ist  lat.  fundus,  gr.  nv-d'firjv,  alts.  bodm,  altind.  budhnä.  Es 
muss  in  der  Ursprache  zwei  aspiraten  gehabt  haben ,  und  hat  also  viel- 
leicht bhudhna  gelautet,  obgleich  iuan  nicht  mit  Sicherheit  sagen  kann, 
ob  das  u  als  uralt  anzusehen  sei.  Im  altindischen  verwandelte  sich  aus 
scheu  vor  der  dichten  folge  zweier  asp.  das  bh  in  b,  im  griechischen 
giengen  beide  aspiratae  regelrecht  in  ten.  asp.  über,  aus  dem  vorauszu- 
setzenden phythmen  wurde  mit  Verlust  des  hauches  der  ersten  asp.  pyth- 
men,  im  lat.  wurde  die  erste  asp.  zu  f,  die  zweite  zur  media,  im  deut- 
schen beide  zu  mediae. 


DIE    DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG 


Ursprünglich  gh  =  niecl erdeutsch  g. 
a)  Im  anlaut. 

Unter  den  doch  so  zahlreichen  mit  g  anlautenden  gotischen  Wörtern 
ist  zufällig  kein  einziges,  in  dem  wir  diesem  g  mit  Sicherheit  ein  alt- 
indisches gh  gegenüberstellen  könnten.  Leo  Meyer  in  Kuhns  ztschrft.  7,  15. 

1)  g'aggau  s.  unten. 

2)  gaits  ziege,  lat.  haedus.  vgl.  Corsseu ,  kritische  beitrage  zur 
lateinischen  formenlehre,  pag.  212.  Curtius  183.  ^) 

3)  ahd.  g-ans,  altn.  gas,  altind.  hausä,  gr.  x'J^i  lat.  anser,  russ. 
giis'  gans  (u  ==  altem  an).  Das  wort  hängt  wahrscheinlich  zusammen 
mit  ahd.  ginen,  gr,  xatVfD,  womit  dann  wieder  got.  duginnan  verwant 
ist.  vgl.  Pauli  in  Kuhns  ztschrft.  14,  97.  Pott,  beitrage  von  Kuhn  und 
Schleicher  4,  83.     C.  182.     Diefenbach,  origines  europaeae  348. 

4)  altn.  görn  f.  plur.  garnir,  eingeweide,  altind.  hirä'  (aus  gharä), 
darm,  gr.  xoldö&g,  lat.  haru  in  haruspex,  lit.  zarnä,  lett.  fa'rna  darm. 
C.  184.  vgl.  noch  K.  Z.  5,  139. 

5)  gasts  gast,  russ.  gost  gast,  hit.  hostis.  Die  grundbedeutung 
ist:  der  verzehrende,    vgl.  Corssen,  krit.  beitr.  217  flgd. 

6)  ahd.  gelo,  nhd.  gelb,  altind.  häri,  grüngelb,  zendzairi,  zairina, 
zairita,  gelblich,  gr.  x^ot],  xlwQog,  lat.  helus.  Verwant  ist  auch  gras 
[und  vll.  grün  (altn.  groenn),  doch  vgl.  Kuhn  und  Schleicher,  beitrage 
2,  372.]  C.  184.  ebenso  ahd.  galla,  gr.  yßlog  etc.  C.  185.  Max  Müller, 
lect.  2,  215. 

7)  gistradagis  Matth.  6 ,  30  nach  der  gew.  annähme  irrtümlich 
statt  „morgen,"  altind.  hyas  gestern  (doch  vgl.  Benfey  Sämaveda  Gl. 
s.  V.,   wonach  es  auch  morgen  bedeutet),   gr.  /^f'g,    lat.  heri.    Das  wort 

1)  Curtius  grundzüge  der  griechisclieii  etymologie  2.  aufl.  Leipzig  1865  sind 
mit  C.  bezeichnet.  Citiert  ist  nach  den  Seiten.  Die  übrigen  citate  stehen  in  bezie- 
hung  auf  dieses  buch,  derart,  dass  die  dort  angeführte  literatur  nur  bei  besonderer 
veranlassung  hier  noch  einmal  notiert  ist.  Auch  die  verglichenen  sprachformen  sind 
mit  rücksicht  auf  C.  gewählt,  so  dass  der  leser  gut  thun  wird,  die  grundzüge  jedes- 
mal ,  wenn  sie  citiert  sind ,  nachzuschlagen.  Das  altindische  ist  transscribiert  nach  der 
Brockhaus'schen  methode ,  das  zend  in  der  dieser  sich  anschliessenden  von  Justi 
(handbuch  der  zendsprache,  Leipzig  1864).  Die  russischen  Wörter  sind  nicht  nach 
der  8chleicherschen  art ,  sondern  nach  den  von  Böhtlingk  und  Wiedemann  gemachten 
,,  Vorschlägen  zu  einer  gleichmässigen  Umschreibung  russischer  eigcnnamen  in  den 
Schriften  der  (Petersburger)  academie"  (Nov.  1860.  Bulletin  III.  pag.  158  — 175.) 
transscribiert.  Dieses  systcin  hat  zunächst  den  vorteil,  sich  am  nächsten  an  die  von 
mir  gewählte  transscription  des  sanskrit  und  zend  anzuschliessen,  und  den  weiteren, 
mit  den  zeichen  des  lateinischen  alphabetes  auszukommen.  Das  litauische  ist  nach 
Schleichers  methode  geschrieben  (grammatik  1856),  das  lettische  nach  Bielenstein, 
die  lettische  spräche.    Berlin  1863. 

1* 


4  DELBßUECK 

muss   in   idg.   zeit  mit  gli  angelautet  haben.     Eine   sichere   etymologie 
fehlt,   vergl.  Schweizer,  K.  Z.  3,  390.     C.  183. 

8)  bi-g'itan  finden,  gr.  yjivöano,  lat.  prehendo.  Sonstige  analo- 
gieu  sind  zweifelhaft,  C.  179. 

9)  gairnei  begehr  (gairiini  was  C.  hat,  hat  sich  seitdem  als  feh- 
lerhafte lesart  herausgestellt) ,  altind.  har  begehren ,  sich  freuen ,  gr.  yaiQco. 
C.  180. 

10)  gramjan  grimmig  machen,  zend.  gram  ergrimmt  werden, 
gr.  xQouadog  gebrumm,  i'uss.  gremet'  donnern,  vgl.  Fick,  wörterl)uch 
der  indogermanischen  grundsprache.    Göttingen  1868.  pag.  G8. 

11)  g-redus  hunger,  russ.  golod  (aus  glad)  hunger,  altind.  gardh 
gierig  sein.  Vorauszusetzen  ist  in  der  idg.  zeit  gh  und  dh.  vgl.  Grass- 
mann, K.  Z.  12,  130. 

12)  gretan  s.  unten. 

13)  g  u  1  p  gold ,  altind.  hiranya  gold ,  mit  abschwächung  von  a  zu  i. 
Näher  steht  noch  hätaka,  wenn  es  nach  Ficks  sehr  wahrscheinlicher  Ver- 
mutung (idg.  Wort.  66)  aus  hartaka  zu  deuten  ist;  zend  zaranya  gold, 
gr.  XQvaog  für  xqvtoq  (Walter,  K.  Z.  12,  377.),  russ.  zlato.  Die  wurzel 
ist  die  von  nr.  6.  C.  185.  vgl.  auch  Pott,  de  Lithuano - Borussicae  in 
slav.  lettic.  ling.  principatu.    Halis  1837  pag.  64. 

14)  guma  mann,  lit.  zmu,  lat.  homo,  als  erdgeborener  erklärt 
C.  180.  Eine  andere  etymologie  (von  einem  idg.  ghu  verser  arroser  = 
altind.  hu)  versucht  Abel  Hovelacque,  la  theorie  specieuse  de  lautverschie- 
bung.     Paris  1868  pag.  9.     Die  wurzel  hu  ist  sicher  erhalten  in 

15)  g'iutan  giesseu,  altind.  hu  opfer  ausgiessen,  gr.  xv  y^ko.  Am 
genauesten  entspricht  lat.  füd  fundo.  C.  186.  vgl.  Aufrecht,  K.  Z.  14,  268. 

b)  Im  iu-  und  auslaut. 

Bekanntlich  geht  im  gotischen  bisweilen  das  inlautende  h  in  g  über, 
so  in'aigands  aus  aihands,  dessen  h  durch  die  etymologie  als  ursprüng- 
lich erwiesen  ist.  Von  diesem  in  der  Specialgeschichte  des  niederdeut- 
schen verlaufenden  lautwechsel  ist  hier  nicht  die  rede,  dagegen  wird  bei 
besprechung  des  idg.  k  noch  einmal  darauf  zurückzukommen  sein. 

16)  agis  (stamm:  agisa)  angst,  6g  ich  bin  erschrocken.  Bis  auf 
die  nasalierung  und  das  suffix  a  identisch  mit  altind.  ähhas ,  griech.  a/og, 
lat.  vll.  angus-tus;  grundform  mit  gh.  C.  174,  wo  aber  das  folgende 
mit  unter  dieser  nummer  behandelt  ist.    Ebel,  beitr.  2,  173. 

17)  aggvus  eng.  Identisch  mit  altind.  ahhüs,  als  adj.  eng,  als 
subst.  enge,  drangsal;  griech.  e/Z'^S  niit  unregelmässigem  verlust  der 
aspiration,  während  das  deutsche  regelmässig  ist;  russ.  uzki  eng,  mit  u 
für  an,  C.  174.  vgl.  auch  zu  16  und  17  für  das  keltische:  beitrage  2,  159. 


DIE    DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBDNG 


18)  arg-  mit  urdeutsclieni  g  (siehe  Grimm  s.  v.),  altind.  rigliäy  (ri 
=  ar)  zittern,  beben,  „arg  bedeutet  wol  eigentlich  bebend,  sei  es  nun 
vor  eifer  oder  aus  furcht;"  H.  Schweizer,  K.  Z.  6 ,  452. 

19)  bairgan  bergen,  ksl.  bregü  ich  berge,  gr.  q^qay  in  (fgäoGio 
einschliessen ,  altind.  barh  feist  machen,  kräftigen,  stärken,  verstärken, 
pari-barh  umfangen,  umschliessen ,  munii-e,  zend  barez  wachsen.  Die 
grundbedeutung ,  woraus  sich  alle  gebrauchsweisen  leicht  ergeben,  ist:  dick 
sein  (zend:  dick  werden).  Daran  schliesst  sich  im  deutschen  am  näch- 
sten got.  bairgahei,  nhd.  berg.  Auch  baurgs  gehört  wol  dazu.  Die 
formen  erklären  sich  vollständig,  wenn  man  in  der  urgestalt  des  Wortes 
zwei  weiche  aspiraten  annimmt,  die  im  deutschen  regelrecht  beide  zu 
mediae  geworden  sind,  in  den  übrigen  sprachen  die  bekannten  Wande- 
lungen erfahren  haben,    vgl.  auch  C.  272. 

20)  ags.  bog"  bug,  altind.  bähii  arm,  Vorderarm,  gr.  rcrf/vg,^  zend. 
bäzu  arm.  Das  wort  der  idg.  urspr.  hatte  vorn  bh,  in  der  zweiten  silbe 
gh.    C.  177. 

21)  biugan  biegen,  altind.  bhuj  biegen,  bhugna  gebogen,  gr. 
q)Evyio^  lat.  fugio,  russ.  begu  ich  fliehe.  Um  der  gotischen  doppelten 
media  willen  schliesst  Grassmann  auf  ursprüngliche  doppelte  media  aspi- 
rata.  C.  172.  Darf  man  demnach  als  ur\vurzel  bhugh  ansetzen,  so  wäre 
eine  verwantschaft  mit  der  vorigen  (bhagh)  wol  denkbar. 

22)  deigan  kneten,  altind.  dih  verstreichen,  bestreichen,  verkit- 
ten, salben,  gr.  d-iyydvii),  in  abgeblasster  bedeutuug,  berühren,  lat.  fin- 
gere. Die  grundform  hatte  zwei  asp.  C.  166.  zeiyog  und  deich  ver- 
mitteln sich  durch  zend  diz  aufwerfen,  bedecken. 

23)  alts.  bedriogan  verlocken,  betrügen,  altind.  druh,  zend  druj 
trügen,  schädigen,  kelt.  drog.  Ebel,  beitr.  2,  169.  Die  ursprüngliche  wur- 
zelform hatte  unzweifelliaft  2  aspiraten  (Grassmann,  K.  Z.  12,  126).  Kuhn 
1,  179  flgd.  bringt  dazu  noch  griech.  d^elyto  und  liugan  lügen  (russ. 
Igat'  lügen) ,  mit  abfall  des  d ,  und  1  für  r.  Beide  Vorgänge  sind  wol  denk- 
bar, vgl.  laggs. 

24)  dugan  s.  nr.  44. 

25)  altn.  hryggr  rücken,  gr.  qdyig,  wahrsch.  aus  y.Qccyig.  C.  314, 
wo  auch  die  bedenken  gegen  diese  einzeln  stehende  deutung  angege- 
ben sind. 

26)  ahd.  igil  mit  unverschobenem  g,  griech.  iyivog,  russ.  iöj. 
C.  176. 

27)  laggs  lang.  C.  167  stellt  laggs  mit  lat.  longus  und  gr.  loyyd^to 
zaudern  zusammen ,  und  vermutet  einen  weiteren  Zusammenhang  mit  Wör- 
tern wie  langueo,  lahjä  etc.,  deren  wurzelauslaut  entschieden  eine  media 
ist;  laggs  aber  verlangt  in  den  übrigen  sprachen  parallelen  mit  gh.    Eine 


DELBRUECK 


Wurzel  mit  g\\  findet  sich  in  dem  längst  vergliclieiiun  altind.  dirgliä  lang, 
dirglul  führt  nach  altindischen  lautgesetzen  aiif  eine  wurzel  dargh  oder  dragh, 
der  wir  die  bedeutung  „sich  in  die  länge  ziehen"  beilegen  müssen.  Mit 
ihr  ist  offenbar  verwaut  dhraj  hingleiten ,  streichen ,  ziehen  (vom  v.inde, 
vögeln  etc.)  dragh  mid  dhraj  lassen  sich  vereinigen  zu  einer  wurzel  mit 
zwei  aspiraten  dhragh  (vgl.  auch  Grassmann,  K.  Z.  12,  127).  Von  dhragh 
oder  dhargh  mit  suffix  a  ist  gebildet  dirghä,  zend  daregha,  gr.  doXixog,  russ. 
dolgi,  lit.  ilgäs.  lett.  ilgi;  mit  dem  suffix  -na  ist  gebildet  altpersisch 
draäga  und  got.  lagga,  beide  mit  rücktritt  des  suff.  nasals  in  den  stamm 
des  Wortes,  und  das  gotische  mit  abfall  des  d.  Mit  derselben  wurzel  ist 
auch  d  rag  an  zu  vereinigen,  dessen  bedeutung  keine  Schwierigkeiten 
macht.  Die  Zusammenstellung  mit  lat.  trahere  kann  aufrecht  erhalten 
Averden ,  w^enn  man  annimmt,  dass  trahere  aus  drahere  (älter  dhrah)  ent- 
standen sei ,  weil  dr  eine  im  lat.  sehr  unbeliebte  anlautsgruppe  ist  (Kuhn 
Z.  7,  62). 

2«)  li g:  a  n  liegen ,  li gr  s  lager ,  gr.  Ae'/og ,  russ.  liagu  ich  werde  liegen. 
C.  177.  Wenn  man  bei  ligrs  und  As/og  die  bedeutung  .,beilager"  als  die 
ursprüngliche  ansehen  darf,  so  wäre  altind.  langhana  beischlaf  zu  ver- 
gleichen, von  langh  springen,  bespringen.  Mit  diesem  lahgh  hat  A.  Fick, 
Orient  und  Occideut3,  379,  liugan  heiraten  zusammengebracht.  Doch 
macht  der  vocal  Schwierigkeiten,    vgl.  auch  beitr.  2,  112. 

29)  leihts  leicht  (für  leigt  wegen  des  t),  altind.  laghü  (raghü),  gr. 
ikayvg,  lat.  levis,  lit.  lengvas,  russ,  liögki  leicht.  C.  175. 

30)  bilaigon,  altind.  rih  und  lih  lecken,  liugo  aus  linghuo,  gr. 
Isixo),   russ.  lizat',   keltisch  ligim  (lingo);  beitr.  2,  161.    C.  177. 

31)  mag  ich  kann,  russ.  mogü  ich  kann.  Das  oft  citierte  altindi- 
sche verbum  mah  crescere  existirt  nicht,  sondern  mah  heisst,  wie  man 
jetzt  aus  BR.^)  sehen  kann:  ergötzen,  erfreuen,  beleben.  Dagegen  lassen 
allerdings  die  adjectiva  mah ,  mahä,  mahänt,  mahä',  mähi,  mahin  gross, 
und  die  subst.  mahän,  mähas,  mahitvä,  mahitvanä,  mahimän,  zend  maz 
gross ,  mazant  gross  etc.  auf  eine  wurzel  mah  gross  sein  schliesseu ,  wozu 
mag  und  mahts  gehören;  ob  magus,  ist  zweifelhaft.  C.  299. 

32)  ahd.  nagal  mit  urd.  g. ,  gr.  ow'^,  lat.  unguis,  lit.  nägas,  lett. 
nags  nagel.  Im  altind.  nakhä  ist  das  kh  höchst  wahrscheinlich  aus  gh 
entstanden.     Grassman,  K.  Z.  12,  85. 

33)  rag  in  rat,  ragiueis  ratgeber,  raginön  Statthalter  sein,  stellt 
Curtius,  wie  mir  scheint  mit  recht,  zu  altind.  arh  wert  sein,  zend  arez 
verdienen,  wert  sein,  gr.  aqyso.  C.  173. 

])  Sanskrit  -  Wörterbuch  von  Böhtlingk  und  Roth. 


DIE    DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG  / 

34)  rig'u  regen,  höchst  wahrscheinlich  aus  vrign,  worauf  griech. 
ßqeyiio  aus  fgexio  führt,  lat.  rigare.  C.  174. 

35)  sigis  sieg  ist  bis  auf  den  Übergang  in  die  a - declination  iden- 
tisch mit  altind.  sahas  kraft,  (sah  besiegen),  zend  hazanh  gewalt,  raub. 
Aufrecht,  K.  Z.  1 ,  355. 

36)  steig  an  steigen,  altind,  stigh  (noch  unbelegt,  aber  durch  die 
verwanten  sprachen  sicher  gestellt),  gr.  otd%io,  lett  stigga  fussweg. 
C.  178. 

37)  tuggo  zunge.  Die  vergleichung  mit  altlat.  dingua  ist  alt. 
Im  altindischen  heisst  jihva  zunge.  Dieses  könnte  aus  dighvä  entstan- 
den sein,  wie  Leo  Meyer  0.  u.  0.  1,  620  andeutet  (z.  b.  jyut  =  dyut 
glänzen,  jihma  schief,  schräge,  aus  dihmä,  und  dieses  aus  dahma  =  (Jo/;t<o 
Ilias  12,  148).  Aber  dem  scheint  zend  hizu  zunge  zu  widersprechen, 
das  zwar  selbst  in  seiner  bildung  nicht  ganz  klar  ist,  aber  mit  einem 
vorauszusetzenden  dighvä  sich  auf  keinen  fall  vereinigen  lässt.  Es 
scheint  vielmehr  nebst  dem  altindischen  jihvä  von  hvä,  hu  rufen,  zu  stam- 
men. So  bleibt  also  nur  die  vergleichung  von  tuggo  mit  dingua  dessen 
g  aus  gh  entstanden  sein  muss.  Uebrigens  macht  selbst  hierbei  noch 
got.  u  =  lat.  i  Schwierigkeit.  Die  etyniologie  von  tuggo  ist  mithin  sehr 
unsicher,  vgl.  Lettner,  Z.  K.  7,  185.  Ebel,  beitr.  2,  168  und  Lettner, 
ebenda  pag.  115  anm. 

38)  pragjan  s.  unten. 

39)  gavigan  bewegen,  vigsweg,  altind.  vah  vehere,  griech.  o/6o- 
(.lai,  lat.  veho.  C.  175. 

Unregelmässigkeiten  in  der  Verschiebung  des  gh  sind  mit  Sicher- 
heit nicht  nachzuweisen.  Zwar  entspricht  dem  altind.  ahäm  ich  das  got. 
ik,  dem  altindischen  mahänt  gross  das  got.  mikils,  dem  altind.  hänu 
das  got.  kinnus ,  also  scheinbar  dem  ursprünglichen  gh  ein  got.  k.  Aber 
dass  diese  Wörter  keine  unzweifelhaften  ausnahmen  begründen ,  hat  Lett- 
ner in  seinem  gehaltreichen  aufsatz  „Die  ausnahmen  der  ersten  lautver- 
schiebung,"  K.  Z.  11,  161  flgd.,  auf  seite  177  nachgewiesen. 

Ursprünglich  dh  =  niederdeutsch  d. 
a)  im  anlaut. 

40)  (laddjan  säugen,  altind.  dhä  trinken  saugen,  dhätri  amme, 
gr.  d^i]odai,  russ.  doit'  milch  geben.  C.  227. 

11)  dars  ich  wage,  altind.  dharsh  wagen,  zend  daresh  wagen, 
griech.  d^aqaog  mut.  C.  232. 

42)  daubs  taub,  verstockt,  womit  wol  dumbs  stumm  verwant 
ist,  gr.  Tvcplog.    Das  deutsclie   wort  weist  auf  doppelte  weiche  aspirata. 


DELBRUECK 


Im  griecli.  ist  nach  eingetretener  Verhärtung  beider  iisp.  der  haucli  der 
ersten  verloren  gegangen. 

43)  (lauhtar  (für  daugdar)^)  tochter,  altind,  duhitär,  zcud.  dugdhar 
tochter,  gr,  ^vycarjQ ,  lit.  dukte,  russ.  dotsch  tochter.  Die  iirform  hatte 
zwei  aspiraten.  (lieber  die  etyniologie  spricht  zuletzt  Beufey,  vorwort  zu 
Fick  VII  Anm.).  C.  233,  Zu  derselben  wurzel  gehört  nach  Grassmanu, 
K.  Z.  12,  126,  auch 

■14)  dugan  taugen,  wozu  dauhts  gastmal.  Die  bedeutung  taugen 
lässt  sich  aus  der  des  altmdischen  duh  (milchen,  melken,  nutzen  ziehen 
und  gewähren)  recht  wol  entwickeln.  Auch  für  dugan  und  duh  wäre 
also  dhugh  als  wurzelform  anzunehmen.  Tiuhan  und  ducere  sind  mit 
altind.  duh  um  so  weniger  zu  vergleichen,  als  auch  das  altind.  h  zum 
lat.  c  und  got.  h  nicht  stimmt. 

45)  (launs  dunst,  geruch,  altind,  dhü  schütteln,  hin  und  her  bewe- 
gen ,  dhümä  rauch ,  zend  dunman  nebel ,  dunst ,  lat.  fumus ,  russ.  dyt 
hauchen.  C.  233. 

4G)  (laur  tor,  pforte,  gr.  d-i-ga,  lat.  fores,  weisen  entschieden  auf 
idg.  dh.  Keine  entscheidung  giebt  zend  dvara  tbür ,  russ.  dver'  und  kel- 
tisch dorus.  beitr.  2,  161,  Der  hauch  ist  im  altind.  dvä'ra,  dvär,  dur 
eingebüsst,  C,  233. 

47)  ga-deds  tat,  Aoms  urteil,  altind.  dhä  setzen,  legen,  tun, 
zend  da,  gr.  ri&tjfu.   C.  228.   vgl.  auch  Fick  s.  v.  dhäman. 

48)  deigan  s,  nr.  22, 

49)  driogan  s,  nr,  23. 

50)  drunjus  schall,  gr,  d-Qoog,  d-Qijvog.  Andere  sichere  vergleiche 
fehlen,  Altind,  dhran  tönen  ist  unbelegt,  und  steckt  auch  nicht  in 
bheridhrat,  worin  es  Fick  98,  nach  Bß,  unter  dhrat,  sucht  (siehe  jetzt 
BK.  5,  376). 

51)  düne.  Die  älteren  niederdeutschen  formen,  aus  denen  urdeut- 
sches' d  folgt,  sind  bei  Grimm  s,  v,  verzeichnet.  Die  hochdeutschen 
formen  mit  d  sind  wol  aus  Niederdeutschlaud ,  wo  allein  düuen  vor- 
kommen, entlehnt.  Altmd.  dhänvan  dürres  laud  (wol  eigentlich  vom 
winde  aufgehäufter  sand),  samüdrasya  dhanvan  EY.  1,  116,  4  „an  der 
wüste  des  meeres ,"  d.  i.  am  strande ,  an  der  düne.  gr.  d^lg  S-ivog.  Ver- 
want  ist  dhänvan  bogen,  so  dass  die  grundbedeutuug  anschwellung, 
rundung  ist,  C.  230.  vgl,  auch  KZ,  2,  236,  wo  einige  combina- 
tionen  gemacht  werden ,  welche  hinter  die  zeit  der  Sprachtrennung  zurück- 

1)  altind.  duhitär,  gr.  d-iyürrio,  got.  daulitar  lassen  sich  nui-  aus  dhughatar 
erklären.  Daraus  wurde  im  deutschen  zuerst  dugapar ,  dann  dugadar  (wie  fadar) ,  vll. 
dugidar,  dugdar ,  und  aus  gd  entstand  ht,  wie  in  niahta  aus  magda. 


DIE    DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG  \) 

gehen.  Für  unseren  zweck  ist  das  resultat  ausreichend,  dass  das  Avort 
in  der  periode  der  Ursprache ,  von  der  hier  die  rede  ist ,  mit  dh 
anlautete. 

51^)  dulps  fest  (stamm  dulpi).  Nachweise  über  bisherige  etymo- 
logische versuche  siehe  Grimm  wtb.  s.  v.  Es  ist  nach  laut  und  sinn 
identisch  mit  altind.  dhriti  (von  dhar)  1)  das  festhalten,  2)  ein  bestimm- 
tes Opfer,  also  ein  sicheres  beispiel  für  das  vorkommen  der  wurzel  dhar 
im  deutschen,  gr.  d-alia.  lässt  sich  vergleichen,  wenn  grr  i)^aX  =  dhar, 
was  Sonne,  K.  Z.  14,  327  flgd.,  behauptet. 

52)  ags.  (lynjan  oder  dynnan  tönen,  dröhnen,  altind.  dhvan 
tönen,  zeud  dvän  tönen,  dhüni  rauschend  brausend. 

b)  im  in-  imd  aiislaiit. 

5.3)  ags.  ad  Scheiterhaufen,  altind.  idh  anzünden,  edha  brennholz, 
zend  aeyma  brand,  zu  einer  wurzel  id  brennen,  gr.  ca'^w,  lat.  aedes 
feuerstätte.  C.  225. 

54)  ags.  beard  hart,  ksl.  bradä,  russ.  boroda  bart,  lett.  ba'rda 
hart.  Das  litauische  barzdä  scheint  eingeschobenes  z  zu  haben.  Diese 
formen  gewähren  keine  entscheidung  über  die  ursprüngliche  beschaffen- 
heit  der  dentalis,  dagegen  lat.  barba  ist  mit  ihnen  nur  zu  vereinigen 
unter  der  Voraussetzung  eines  urspr.  dh  (Corssen ,  krit.  beitr.  201 ,  wo 
auf  Lottner,  K.  Z.  7,  27,  verwiesen  wird).  Um  das  b  zu  rechtfertigen, 
könnte  man  eine  urforni  bhardh  annehmen,  von  übrigens  ungewisser 
etymologie.     Sicher  ist  nur  das  d  für  dh. 

55)  bindan  binden.  Altind.  bandh  binden,  zend  (wie  so  häufig  auf 
einer  lautstufe  mit  dem  deutscheu)  band,  binden,  gr.  /tsvS^eqog  verwan- 
ter.     Die  wurzel  ist  bhandh.     C.  236. 

56)  bodom  s.  oben  pag.  2. 

57)  ana-biudan  entbieten,  alts.  anbiodan  „entbieten,  durch  einen 
boten  wissen  lassen"  (Heyne  Gl.  z.  Hei.  s.  v.),  altind.  budh  erwachen, 
wissen;  das  caus.  ,, jemand  zur  besinnuug,  zur  Vernunft  bringen,  beleh- 
ren, jemand  etwas  zu  wissen  tun,  mitteilen"  (BR.  s.  v.).  Hinsichtlich 
der  bedeutung  macht  also  die  vergleichung  von  biudan  und  budh  keine 
Schwierigkeit.  Das  zendwort  bud  heisst  auffallenderweise ,  ausser  wittern, 
bemerken,  erwecken  (im  caus.),  auch  riechen,  duften.  Zur  erklärung  des 
b  muss  man  eine  urspr.  wurzel  mit  2  asp.  annehmen,  wozu  man  auch 
durch  gr.  7tvd-,,7tvvddvof.im  genötigt  wird,  russ.  budit'  erwecken.  Celti- 
sche  parallelen  Ebel,  beitr.  2,  174.  C.  236. 

58)  gredus  s.  nr.  11, 

59)  hairda  heerde,  altind.  yardhas,  yärdha  schaar,  besonders  von 
der  schaar   der  marutas  gebraucht,    zend  yaredha  art.    vgl.  Fick,  Wör- 


y 


lU  DKhBRUECK 

tcrb.  o5,   der  unter  „kardh"    auch  got.  haldan,   lialdis  vergleicht.     Sehr 
wahrscheinlicTl ! 

liO)  ags.  h 5' da  11  verbergen,  gr.  y.v{^  ytevO-to,  altiiid.  guh  ist  aus 
kuh  =  kudh  entstanden,  vgl.  C.  234. 

61)  liudan  wachsen,  altind.  ruh  für  rudh  aufsteigen,  zend  rud 
emporsteigen,  waclisen,  russ.  rodit'  hervorbringen,  dazu  alts.  liudi  volk, 
leute  (Heyne  Gl.  z.  Hei.  s.  v.) ,  russ.  liud  volk.  vgl.  auch  Fick  s.  v.  rudh. 

62)  ags.  nie  du  niet,  altind.  mädhu  süss,  honig,  zend  madhu 
houig,  russ.  luiöd  honig,  lit.  medüs  met.  C.  235. 

63)  m  i  dj  i  s  mitten ,  altind.  mädhya  dass. ,  zend  raaidhya  dass.,  mad- 
hema  der  mittelste,  gr.  fitooog,  lat.  medius,  russ.  mejdu  zwischen  (die 
slavische  grundform  ist  medja  (j  =  deutschem  j).  Schleicher,  beitr.  1,  24). 
C.  298. 

64)  mizdo.  Dass  zend  mizhda  lohn,  gr.  i:iiad-6g  lohn,  russ. 
mizda  lohn,  verwant  sind,  Kegt  auf  der  band.  C.  235.  Das  i  des  zend- 
wortes  scheint  zusammengezogen  aus  ya,  und  myazda  opferfleisch  mit 
mizhda  identisch  zu  sein.  Diesem  worte  entspricht  nun  genau  altind. 
miyedha  opfermahl  (vgl.  BK.  s.  v.),  das  wol  aus  niyedha  gedehnt  ist. 
Das  e  entspricht  einem  as,  wie  in  edhi  sei,  von  as.  Auch  altind.  medha 
ist  wol  dasselbe  wort  (s.  BR.).  Das  wort  scheint  zusammengesetzt  aus 
dhä  setzen,  geben,  und  einem  substantivum,  das  „fleisch"  bedeutete; 
vgl.  altind.  mähsa,  got.  mimz,  russ.  miäso  fleisch  (vgl.  K.  Z.  5,  233). 
Doch  ist  das  i  in  myazda  und  miyedha  freilich  auffallend.  Sollte  die 
ableitung  richtig  sein,  so  ergäbe  sich  der  höchst  passende  sinn:  fleisch- 
spende. 

65)  rauds  rot,  altind.  rudhirä  rot,  der  form  nach  noch  näher  alt- 
ind. loha  kupfer  für  rodha,  was  Fick  157  beibringt,  gr.  sQvd-Qog,  lat. 
rüber,  lett.  ruds  rotbraun.  C.  227. 

66)  ga-redan  sorge  tragen,  mit  schon  ziemlich  abgeblasster 
bedeutung.  Die  ursprüngliche  ist:  kräftig  sein,  Vorrat  haben  für  etwas, 
was  schon  aus  den  deutschen  parallelen  (Diefenbach  2,  168)  gefolgert 
werden  kann.  Unzweifelhaft  wird  es  durch  die  treffliche  ausführung, 
K.  Z.  6,  390,  wo  rä'dhas  reichthum ,  wolstand,  kraft,  zend  rädauh 
opfergabe,  mit  lat.  robur  (aus  rodhus)  und  mhd.  rät  schlagend  ver- 
mittelt wird.  Weitere  slavische  und  keltische  parallelen  s.  Ebel,  bei- 
trage 1 ,  426. 

67)  sidus  Sitte,  altind.  svadhä',  gewohnheit,  in  .der  formel  sva- 
dhä'm  änu  „nach  eigentümlicher  kraft,  nach  gewohnheit,"  gr.  sd-og. 
C.  226.  Vielleicht  celtisch  si'd  pax;  Ebel,  biitr.  2,  167. 

68)  ags.  üder  euter,  altind.  ü'dhan  und  ü'dhar  dass.,  gr.  ovd^aQ 
dass.,  lat.  über.  C.  235, 


DIE    DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG  11 

69)  vadi  pfaud,  gr.  aed-lnv,  lat.  vadimonium ;  von  imbekannter 
Wurzel. 

70)  vaurd,  lett.  wa'rds  wort.  Das  d  verhält  sich  zum  lat.  b  -wie  in 
ags.  beard  zum  lat.  barba.     Eine  grundform  vardha  ist  vorauszusetzen. 

71)  ags.  veder  wetter,  eigentlich  blitzschlag,  altind.  vadh  schla- 
gen, vädhas  blitzwaffe,  zend  vadare,  mittel,  waffe  zum  schlagen,  töten. 
Delbrück,  K.  Z.  16,  266. 

71b)  altn.  veii^a  venari.  weidman,  altind.  vyadh  durchbohren (vyath, 
beitr.  4,  281),  vyädha  Jäger,  vll.  lat.  venari  aus  vednari.  Bopp  Gl.  s.  v. 

72)  vi  du  V  6  witwe,  altind.  vidhavä,  lat.  vidua,  altpreussisch  wid- 
devu,  russ.  vdova.  Kuhn,  in  Webers  iud.  stud.  1,  325.  Die  ableitung 
aus  vi  und  dhava  (mann)  ist  zu  verwerfen ,  da  nach  Böhtlingk  -  Eoth  und 
"Weber,  in  Kuhns  beitragen  4,  281,  das  woit  dhava  erst  aus  vidhava 
fälschlich  erschlossen,  und  so  zu  einem  eben  so  unberechtigten  dasein 
gekommen  ist,  wje  z.  b.  die  wurzel  gup  hüten  aus  gopä  (kuhschützer, 
behüter).  Weber  a.  a.  o.  bringt  vidhavä  zusammen  mit  vidh  (vyadh) 
durchbohren,  dividere,  teilen,  also  die  „abgetrennte,  einsame." 

73)  got.  triggvs  treu,  das  man  gewöhnlich  mit  altind.  dhruvä 
vergleicht,  könnte  mit  altind.  darh  festmachen,  befestigen,  zusammen- 
hängen, zend  derezvan  das  fesseln  (worauf  auch  Fick  85  gekommen  ist), 
wenn  man  nicht  für  darh  eine  grundform  mit  zwei  aspiraten  annehmen 
muss.     Jedenfalls  ist  die  vergleichung  mit  dhruvä  nicht  richtig. 

Sichere  ausnahmen  fehlen  in  der  Vertretung  des  dh  so  gut  wie  in 
der  des  bh.  Dass  vaurts  zu  vardh  wachsen  gehöre,  wird  jetzt 
bestritten;  eine  sichere  etymologie  ist  indessen  noch  nicht  gefunden; 
(doch  vgl.  Sonne,  K.  Z.  12,  367  anm.X 

Ursprünglich  bh  =  niederdeutsch  b. 
a)  im  anlaut. 

74)  bagms  bäum,  bagms  pflegt  gewöhnlich  mit  bhü  vermittelt  zu 
werden,  und  soll  dann  ,,wesen,  gewächs"  bedeuten.  Aber  die  entwicke- 
lung  eines  g  aus  u  im  gotischen  ist  nicht  nachgOAviesen.  Wenigstens  darf 
triggvs  nicht  dafür  angeführt  werden.  Mir  scheint  (mit  Grassmann) 
bagms  „der  dicke,  starke"  zu  bedeuten,  und  mit  altind.  banh  caus.  befe- 
stigen, stärken  zu  vereinigen,  barih  hatte  ursprünglich  zwei  aspiraten, 
das  ergiebt  sich  aus  der  parallele  von  bahii  (welches  von  banh  abstammt) 
und  gr.  nayv  (Grassmann,  K.  Z.  12,  121).  Dass  aber  ^laxh  von  bahü 
nicht  zu  trennen  ist,  dafür  zum  beweise  vergleiche  man  bdnhishtha  und 
TrdxiGTog,  bä'dliam  und  jicr/xc. 

75)  "bai  beide,  altind.  ubhä'u  beide,  aus  einem  vorauszusetzenden 
ambhäu,  zend  uba,  gr.  cqtq^co,  lat.  ambo,  russ.  oba,  lett.  abbi.  0.265. 


12  DKLHRUECK 

76)  l)al,ns  b;ilg,  keltisch  bolg  (Ebel,  beitr.  2,  17 .'5.)  ist  wol  mit 
lat.  follis  vevgliclien  worden,  aber  daim  ist  das  g  unerklärt.  Es  scheint 
ursprünglich  zu  bedeuten  ,,das  bergende,"  und  zu  der  oben  nr.  19  erschlos- 
senen Wurzel  bliargii  zu  geliören ,  so  dass  balgs  mit  bairgan  verwant ist,  wie 
haldan  mit  hairda.  vgl.  altind.  barhis  und  zend  barezis  matte ,  flechtwerk. 

77)  balvjan  quälen,  balveins  quäl,  balvavesei  bosheit.  Identisch 
mit  altind.  bharv,  das  nur  an  zwei  stellen  des  Rigveda  belegt  ist. 
Roth  im  wl).  bringt  es  etymologisch  zusammen  mit  wurzel  bhas,  was 
lautlich  auf  grosse  Schwierigkeiten  stösst,  und  erklärt  es  durch  kauen, 
verzehren.  In  der  einen  stelle:  agnir  jambhais  tigitair  atti  bhärvati  „das 
feuer  mit  seinen  spitzen  zahnen  frisst,  verzehrt"  1,  143,  5  passt  indess 
„kauen"  nicht,  vielmehr  verlaugt  man  eine  Steigerung  des  ätti,  also 
etwa  verzehrt,  vernichtet.  Ebenso  ist  in  der  andern  stelle  yäh  pävakäh 
purutämah  purü'ni  prithü'ny  agnir  anuyati  bhärvan  „der  flammend  viel- 
fältig viele  flächen  verheerend  durchwandelt"  6,  6,  2.  von  eigentlichem 
kauen  nicht  die  rede.  Man  darf  deshalb  den  begrifi"  durch  feuer  verzeh- 
ren als  den  ersten  annehmen,  und  balvjan  wird  ursprünglich  heissen  durch 
feuer  martern,  lit.  balavöjus  toben,  sich  schlecht  aufführen,  könnte  nur 
schwer  vermittelt  werden ;  gr.  cpavlng  darf  wegen  seiner  beziehung  zu  att. 
(flaiQog  nicht  herangezogen  werden,  vgl.  Benfey ,  griech.  wurzeil.  1 ,  596. 

78)  banja  wunde,  gr.  cpev ,  e'/reffvov  töten.  C.  269.  Ebel,  beitr. 
2,  167;  Sanskrit  hau  und  gr.  ^eivu  sind  wol  hinzuzufügen.  Ein  alter 
Wechsel  der  weichen  aspiraten  ist  nicht  auffallend;  (vgl.  nah  knüpfen  = 
nadh  und  nabh;  Böhtlingk  -  Roth  s.  v.  näbhi.) 

79)  bausch  mundartlich  für  bauch,  s.  Grimm  s.  v.  Zwar  ist  es 
nicht  ganz  sicher,  ob  das  b  urdeutsch  ist,  aber  die  vergleichung  mit 
altind.  bhähsas  ein  bestimmter  teil  des  Unterleibes  scheint  dafür  doch 
beweisend.     Ist  got.  bansts  scheuer  zu  vergleiclien  ? 

80)  batiza  besser,  batists  der  beste.  Eine  sichere  parallele  weiss 
ich  nur  im  altind.  bhadrä  erfreulich ,  löblich ,  glücklich ,  günstig  ,  gut ,  das 
nach  BR.  von  bhand  „jubelruf  empfangen"  abzuleiten  ist.  Dies  bhand 
mag  wieder  zusammenhängen  mit  bhan  ertönen,  schallen,  laut  rufen. 

81)  ags.  beän,  altn.  bann  bohne.  Grimm  s.  v.  bohue  giebt  viele 
parallelen,  die  aber  nur  zum  teil  sicher  sind;  gr.  rrvavog  ist  abzuweisen, 
da  7T  hier  aus  älterem  /  entstanden  ist  (Curtius  480).  Aus  russ.  hob 
und  lat.  faba  kann  man  schliessen,  dass  auch  das  deutsche  wort  ein  b 
verloren  hat.  (Grimm,  kl.  schrift.  3,  157.) 

82)  bidjan  bitten.  Grimm  s.v.  vermutet,  dass  die  ursprüngliche 
bedeutuug  „  sich  neigen"  sei,  und  also  verwautschaft  mit  badi  bett.  Könnte 
man  annehmen,  dass  die  wurzel  von  bodom,  bhudh,  aus  bhadh  entstanden 
sei,    so   könnte  man    bidjan    sehr  gut   davon  ableiten.     Es  heisst   etwa 


DIE   DEUTSCHE  LAüTVEBSCHIEBtTNG  13 

sich  tief  maclien ,  sich  neigen.     Doch  ist  auch  Zusammenhang  mit  C.  236 
(327)  möglich. 

83)  ags.  bifiau  beben,  wozu  Grimm  s.  v.  beben  ein  got.  biban 
voraussetzt ;  altind.  bhi ,  zend  bi  erschrecken ,  gr.  (feßofiai ,  lit.  bijaii,  russ. 
boiat'sia  sich  fürchten.  C.  269. 

84)  Ibirke.  Die  diutschen  und  slav.  formen  sind  bei  Grimm  s.  v. 
aufgeführt;  altind.  bhürja,  russ.  beriöza  birke,  offenbar  von  bharj  glän- 
zen s.  bairhts. 

85)  bairan  tragen,  altind.  bhar,  zend  bar,  gr.  q^^Qco,  lat.  fero, 
russ.  brat',  keltisch,  wurzel  bar.  Ebel,  beitr.  2,  159.  Dazu  u.  a.  baris 
gerste,  nebst  far.     Mit  got.  barn  kiud  vgl.  lett.  berns  kind.  C.  270. 

86)  bairgan  s.  nr.  19. 

87)  bairhts  (h  aus  k)  hell,  offenbar,  deutlich,  altind.  bhärgas, 
bhärga  glänz  (vgl.  bhräj  glänzen),  gr.  q^'Aeyco,  lat.  fulgeo.  C.  171.  dazu 
auch  mhd.  blic.  vgl.  Kuhn,  herabkunft  des  feuers  etc.  s.  9. 

88)  bei  tan  beissen,  altind.  bhid  spalten,  lat.  Andere.  q>Eiöo/.iaL 
gehört  nicht  hierher ,  deim  es  hat  nicht  die  grundbedeutung  „jemand 
etwas  abzwacken ,  abbeissen ,"  sondern  eher  „  gegen  jemand  gütig  sein." 

89)  (uf)-blesau  blasen  lässt  sich  sicher  nur  mit  lat.  flare  verglei- 
chen (vgl.  K.  Z.  12,  418).  Vielleicht  gehört  zu  dieser  wurzel  auch 
blof)  blut,  das  „aufsprudelnde." 

89b)  ahd.  blao  blau,  wahrsch.  lat.  flavus,  und  ir.  blä.  vgL  Grimm 
wtb.  s.  V.  und  W.  S.  three  irish  glossaries  pag.  LXIII.    London  1862. 

90)  bodm  s.  p.  2. 

91)  bog  s.  nr.  20. 

92)  ags.  böc  in  boc - vudu  buche ,  gi:  cprjy 6g  eiche ,  lat.  fagus  buche. 
C.  171. 

93)  altn.  brim  rauschendes  meer,  bremse  brummendes  insect, 
altind.  bhram  umherschweifen ,  bhramarä  biene.  Der  begriff  des  lärmen- 
den ist  im  altindischen  nicht  mehr  so  deutlich  erkennbar  wie  in  den  ver- 
wanten  sprachen,  gr.  ßQef.i£iv^  ßqovTrj,  lat.  fremitus.  Kuhn,  Z.  6,  152. 
Verwant  hiermit  ist  jedenfalls 

94)  got.  b  rinn  an  brenne A.  Das  nn  ist  assimilation  aus  nv  oder 
nu,  dem  classencharacter.  Es  bleibt  also  von  bri-nu-an  bri  als  wurzel 
übrig ,  was  etwa  einem  altindischen  bhar  entsprechen  würde.  Dies  ist  in 
der  bedeutung  brennen  nicht  vorhanden ,  wohl  aber  bhur  „  züngeln  "  (vom 
feuer),  dessen  u  durch  r  hervorgerufen  sein  kann.*  Man  vgl.  aucli  C.  273. 

95)  brauen  mit  urdeutschem  b  (s.  Grimm  s.  v.),  altind.  bhrajj 
rösten,  gr.  cpQvyto,  lat.  frigo.     Kuhn,  herabk.  d.  f.  165. 

96)  altn.  brünn  braun,  altind.  babhrü  rotbraun,  gr.  (pQvvrj  kröte. 
C.  273. 


14  DEI.HRl'ECK 

i)7)  ags.  breäv  braue,  altind.  hliiü,  zend  brvat  braue,  gr.  o<jp^t'g, 
russ.  brov'  braue.  C.  26G. 

98)  bröl>ar  altind.  bhrä'tar,  zend  brätar,  gr.  cpQcariQ,  lat.  frater, 
russ.  brat,  keltisch  bräthair,  brathir.  beitr.  2,  159.  C.  27o.  vgl.  Böht- 
lingk,  Sanscrit  -  Chrestomathie  28;5. 

99)  l)üc  bauch.  Während  das  altind.  bhuj  biegen  aus  einem  alten 
bhugh  zu  erklären  ist,  leitet  bhuj  gemessen  auf  einfaches  bhug.  Denn 
büc  bauch  ist  von  Pauli,  benenuung  der  körperteile  s.  IG,  gewis  richtig 
als  der  geniessende,  erfreuende  gedeutet  worden. 

lUO)  l>iudan  s.  nr.  57. 

101)  Ibiugan  s.  nr.  21. 

102)  alts.  bium  ich  bin,  altind.  bhü,  zend  bü,  gr.  ifvco,  lat.  fu, 
russ.  hjf  sein.  C.  273. 

I>)  im  in-  und  aiislaut. 

103)  abrs  stark,  heftig,  altind.  ambhrinä  gewaltig,  wozu  BR.  auch 
gr.  oßQif.iog  stellen. 

104)  ags.  älf,  altn.  älfr,  wofür  man  mit  Grimm  s.  v.  elb  ein  goti- 
sches all>s,  jedenfalls  ein  wort  mit  b  erwarten  muss,  altind.  ribhü,  grund- 
bedeutung:  glänzend,  vgl.  gr.  aXcpog  weisse  flecken  auf  der  haut,  lat. 
albus;  Kuhn,  Ztschrft.  4,  110.   C.  2G4. 

105)  arbi  erbteil,  arbiiiumja  erbnehmer,  arbja  erbe.  Die  verglei- 
chung  mit  altind.  arbhakä  klein,  gr.  oQcpavog  verwaist,  lat.  orbus,  würde 
allenfalls  für  arbja  dem  sinne  nach  passen,  aber  nicht  für  arbi,  das  offen- 
bar so  viel  bedeuten  muss  als  „an  sich  genommenes"  und  zu  gr.  ahpävi.o 
stimmt.  Mithin  ist  verwant  altind.  rabh  „heftig  ergreifen,  sich  zu  eigen 
machen."  C.  263.  Ob  arbail)s  hierher  gehört,  ja  ob  es  überhaupt  ein 
deutsches  wort  ist,  ist  doch  wegen  des  wunderlichen  Suffixes  zweifelhaft. 
Wegen  celtischer  parallelen  vgl.  Ebel,  beitr.  2,  173. 

.     106)  daubs  und  dumbs  s.  nr.  42. 

107)  graban  =  yqücfEiv ,  russ.  grebsti  graben.  lieber  das  g 
später. 

108)  kalbo  s.  unten. 

109)  Hubs  lieb,  altind.  lubh  begierig  sein.  Die  eigentliche  bedeu- 
tung  ist  wol  „heftig  an  sich  reissen,"  (vgl.  auch  lubdha  und  lubdhaka 
Jäger,)  und  verwantschaft  mit  rabh  warscheinlich.  Darum  scheint  auch 
got.  bi-raubon  rauben  hierherzugehören,  lat.  libet,  lubet,  russ.  liubit' 
lieben.  C.  330,  der  auch  lobon  vergleicht. 

110)  ahd.  nebul,  alts.  nebal,  altind.  näbhasnebel,  dunst,  gewölk, 
lat.  nübes,  gr.  vecpog,  russ.  nebo,  plur.  nebesä  himmel.  C.  265.  vgl.  beitr. 
2,  164  u.  178. 


DIE    DEUTSCHE    LAUTVERSCHIEBUNG  15 

111)  nal)el,  mit  mdeutschem  b,  altind.  nä'bhi  nabel,  zend  nabi 
nabel,  verwautschaft ,  gv.  nf.icpalög,  lat.  umbilicus.  Die  wiirzel  ist  nabh 
binden;  siebe  BE.  s.  v.  nä'bhi.  C.  266. 

112)  sibja  gemeinschaft  vermittelt  Kuhn,  Z.  4,  370  mit  altind. 
sabhä'  Versammlung. 

113)  skiuban  =  altind,  kshubh;  s.  unter  k. 

114)  stabs  element,  kindheitslehre ,  eig.  stufe,  glied  einer  reihe, 
altind.  stabh  festigen,  gr.  aors/^icp^g,  azi/nßw,  lat.  stabilire,  lett.  stabs 
pfosten.  C.  178. 

115)  w^eben.  Aus  alts.  vebbi  gevs^ebe  folgt  urdeutsches b.  Darum 
ist  an  der  vergieichung  mit  vcpaivco ,  vpofür  aus  griechischen  mittein  eine 
ältere  w^urzelform  faq)  erschlossen  werden  kann ,  nichts  auszusetzen. 
Auch  an  einem  altindischen  vabh  ist  wol  nicht  zu  zweifeln,  vgl.  Auf- 
recht, K.  Z.  4,  274.     C.  267. 

Ausnahmen  sind  auch  bei  der  Verschiebung  des  bh  kaum  mit 
Sicherheit  nachweisbar.  In  einigen  fällen  scheint  freilich  die  gotische 
tenuis  p  einem  indogermanischen  bh  zu  entsprechen.     So  steht  neben 

116)  got.  greipan  das  altind.  grabh  ergreifen,  altpers.  grab  neh- 
men, lit.  grebti  greifen,  ksl.  grabiti  rauben  (C.  433),  Die  volle  Identi- 
tät der  bedeutungen  lässt  eine  abtrennung  des  .gotischen  worts  von  den 
übrigen  nicht  zu.  Das  g  erklärt  sich,  wenn  man  ghrabh  als  urform 
(und  zwar  als  Weiterbildung  von  bar,  ghar)  ansetzt,  das  p  ist  mir 
unklar. 

117)  Ebenso  das  p  in  got.  gaskapjan  gegenüber  dem  altind. 
skabh  (K.  Z.  1 ,  138).  * 

II.    T  e  n  u  e  s. 

Ursprünglich  k  =  niederdeutsch  h. 

Dem  indogermanischen  k  entspricht  im  altind.  die  gutturale  tenuis 
k  oder  die  palatale  tenuis  c  oder  der  palatale  Zischlaut  9.  Vereinzelt 
ist  die  Vertretung  eines  indogermanischen  k  durch  altind.  h  oder  p.  Im 
zend  entspricht  ebenfalls  gutturale  oder  palatale  tenuis ,  unter  gewissen 
Verhältnissen  tenuis -asp.  der  gutturalreihe,  ferner  der  palatale  Zisch- 
laut, vereinzelt  die  labiale  tenuis.  Das  griechische  zeigt  für  idg.  k 
meist  k  (selten  zu  y  erweicht),  ferner  vc  und  r.  Im  lateinischen  lin- 
den wir  c  und  q,  im  altslavischen  k  und  s,  im  litauischen  k 
und  sz,  im  deutschen  h  und  hv.  Die  gruppe  sk  wird  besonders 
besprochen  werden. 

a)  im  aiüaut. 

118)  altn.  ha  fr  bock,  gr.  xcm^og  eher,  lat.  capra  ziege.  C.  132. 
Corssen,  krit.  nachtr.  pag.  32.     Ebel,  beitr.  2,  168. 


16  DELBRUECK 

119)  hafjan  heben,  gr.  KOJTtr]  griff,  lat.  capio,  C,  131. 

120)  liahau  hängen,  schweben  hissen;  hinhalten,  m  zweifei  las- 
sen, bringt  Fick  pag.  24  geistreich  zu  altind.  9ank  zweifeln,  das  ursprfing- 
lich  „hangen  und  bangen"  bezeichnet  habe,  wofür  er  auch  9akuna  der 
vogel  (der  schwebende)  beibringt,  lat.  cunctari.  Nach  C.  638  wäre  auch 
üy.i'og  für  xo'/.i'og  zuzuziehen. 

121)  alth.  liahsa  kniekehle,  altind.  kaksha  versteck,  achselgrube, 
gl',  y.oywvt]  hinterteil,  lat.  coxa  hüftbein.  C.  141. 

122)  ags.  hän  Wetzstein  (aus  Bosworth),  altnord.  hein  f.  schleif-, 
Wetzstein,  Möbius  174,  engl.  hone.  Damit  ist  von  Pott  und  Grimm 
(C.  14(i)  verglichen  altind.  ^äna  Wetzstein,  von  altind.  9,0,  (9yäti)  schleifen, 
wozu  die  nebenform  91  schleifen ,  gr.  yuovog  spitzstein ,  kegel ,  lat.  cuneus. 
Die  vocale  sind  freilich  nicht  deutlich,  hän  würde  ein  gotisches  ai  vor- 
aussetzen, also  ein  analoges  Verhältnis  zu  '/.tovog,   wie  in  haims  zu  xa'/a;. 

123)  altn.  hefna  rächen,  hefnd  räche,  altind.  9ap  fluchen,  9äpa 
fluch.     Vielleicht  gehört  auch  got.  haifsts  streit  dahin. 

124)  liaihs  einäugig,  lat.  caecus  blind  C.  154,  kelt.  cuic  luscus, 
monophthalmus ;  Ebel,  beitr.  2,  1G8. 

125)  hails  heil,  heilsam,  gesund,  altind.  kalja  gesund,  angenehm, 
gr.  '/.cdog.     haila  ist  also  aus  halja  entstanden.  C.  130. 

126)  haims  dorf,  flecken.  Die  nächst  verwanten  litauischen  Wör- 
ter kemas  dorf,  kaimynas  nachbar,  szeimyna  familie ,  weisen  auf  ein  i  im 
stamm,  also  avoI  wurzel  91,  womit  freilich  gr.  xc6/.irj  schwer  zu  vereini- 
gen ist.  C.  134". 

127)  lialjus  stein,  altind.  9arkarä  griesz,  lat.  calculus.  Andere 
vergleiche  C.  134. 

128)  haldan  und  hairda  s.  nr.  59. 

129)  halm,  altind.  kalama  schreibrohr,  gY.xalai.tog,  lat.  calamus. 
Freilich  sind  diese  worte  von  so  verdächtiger  ähnlichkeit,  dass  man  an 
frühe  entlehuung  (wahrsch.  aus  dem  arabischen)  und  umdeutschung  den- 
ken könnte. 

130)  hals  der  hals,  lat.  collum  aus  colsum?  Or.  u.  Occ.  2,  88. 

131)  halts  lahm  vergleicht  Fick  35  hübsch  mit  altind.  kürd  (aus 
kard)  springen,  das  vll.  ein  s  vorn  verloren  hat.  claudus  stimmt  in  den 
consonanten.    Das  au  ist  noch  nicht  aufgeklärt. 

132)  ahd.  hamar  hammer,  altind.  d9man  schleuderstein,  griech. 
ay^uov.  C.  123.  Dazu  got,  himins,  zend  a9man  1)  stein,  2)  himmel, 
russ.  kamen'  stein,  vgl.  K.  Z.  2,  45.  und  nr  122. 

133)  gahamon  anziehen,  altn.  hamr,  ahd.  hämo  in  lik-hamo. 
Die  Wurzel  lautete  idg.  wol  skam,  und  ist  eine  nebenform  von  sku 
bedecken,    verwant  ist  aoj-/.ia,   aus  ^M/na,  für  oy.to-f.ia.    (K.  Z.  17,  238.) 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  17 

lo4)  ha  na  hahn,  gr.  YMvduo,  -/Mvcr//],  lat.  cäuo.  C.  l'.K).  celtiscli 
Wurzel  can  singen;  beitr.  2,  156. 

135)  altn.  hanpr,  alicl.  hanf,  wird  jetzt  (C.  lyu)  als  lehnwort  aus 
dem  lat.  canuabis  betrachtet,  und  dieses,  nebst  xawaßig,  als  aus  dem  Orient 
geborgt,  wo  skrt.  9anam  übrigens  auch  noch  keine  einheimische  etymo- 
logie  gefunden  hat. 

136)  alts.  här  haar  gehört  wol  zu  altind.  kesara  imd  ke^ara  haar, 
nebst  lat,  caesaries.  Man  hätte  dann  anzunehmen,  dass  das  dentale  s 
im  altind.  das  ursprüngliche  ist,  und  dass  das  wort  im  gotischen  etwa 
hes  hezis  gelautet  habe.     Die  wurzel  ist  unklar. 

136b)  hardus  hart,  strenge,  zunächst  aus  harjras  (ahd.  herti  mit 
t  spricht  nicht  dagegen,  vgl.  fatar  neben  fadar  aus  fajtar),  lit.  kartüs, 
bitter,  streng  von  geschmack.  Fick  bringt  dazu  pag.  34  auch  altind. 
katü  (aus  kartu).     Die  wurzel  ist  kart  schneiden. 

137)  haubif)  haupt.  Die  deutschen  Wörter  sind  nicht  alle  unter 
einen  hut  zu  bringen,  got.  haubil),  ahd.  houbit,  alts.  hobit,  ags.  heafod, 
fries.  häved  zeigen,  dass  ihre  grmidform  au  imd  b  hatte  und  etwa  hau- 
bath  lautete.  Dagegen  altn.  höfuS  und  das  jedenfalls  verwante  hafela 
weisen  auf  hafuth  (d?),  oder  allenfalls  habuth;  indessen  die  Identität  mit 
Caput  entscheidet  für  liafuth.  caput  aber  ist  von  altind.  kapa'la  hirn- 
schale  wol  nicht  zu  trennen,  mithin  einer  wurzel  kap  zuzuweisen  (C.  137); 
haubij)  dagegen  hat  Kuhn  schon  längst  (Z.  1 ,  137),  der  sicheren 
aualogie  von  naus  tot  folgend  (aus  nahu  =  vsxv),  aus  hahubip  oder 
urdeutsch  hahubal)  erklärt,  hahub-  aber  entspricht  genau  dem  altindi- 
schen kakubh  gipfel,  kakuha  (aus  -bha)  hervorragend.  Das  würde  nicht 
eine  wurzel  kap,  sondern  kubh,  oder  vielleicht  kabh,  voraussetzen.  Im 
letzteren  falle  könnte  man  damit  gr.  y.E(fC(h]  vereinigen,  für  das  man 
sonst  eine  aspirierung  annehmen  muss.  Das  suffix  des  deutschen  wortes 
ist  dasselbe  wie  in  liubaji. 

138)  haurn  hörn,  gr.  y.lQag,  lat.  cornu.  C.  136.  Dass  ags.  heorot 
hirsch  hierher  gehört,  ist  von  Leo  Meyer  0.  u.  0.  1,  197  nachgewiesen. 

139)  ags.  härfest  herbst,  gr.  /.aQTiös,  lat.  carpo.  C.  133. 

140)  liilpan  helfen,  altind.  kalp  in  rechter  Ordnung  sein,  gelin- 
gen, dienen  zu,  caus.  in  Ordnung  bringen,  verhelfen  zu,  lit.  szelpiü  für 
jemand  sorgen,  helfen.  Das  p  in  hilpan  ist  ohne  ersichtlichen  grund 
unverschoben. 

141)  himins  s.  unter  hamar. 

142)  heivafrauja  hausherr,  altind.  und  zend  91  liegen,  gr.  xti- 
lim  liegen.  C.  134,     Wegen  haims  s.  oben. 

143)  hairda  s.  nr.  59. 

ZEITSCHR.    F.     DEUTSCHE    PHILOL.  9 


18  DELBEÜECK 

144)  hairto  herz,  altiiid.,  mit  auffallendem  h,  hridaya,  hrid  herz, 
dem  h  entsprechend  im  zend  z:  zuredhaya  herz  (das  dh  ist  hysterogen), 
gr.  /MQdi'a,  lat.  cor,  russ.  serdtze ,  kelt.  cride.  C.  132.  Ebel,  beitr.  2,  160. 

145)  liairus  schwert,  altind.  9ar  verletzen,  gi:  yieiQU) ,  lat.  curtus. 
Die  Wurzel  hat  wohl  anlautendes  s  verloren ,  wie  vielleicht  (Kuhn  Ztschr. 
4,  18)   auch   die  Wörter  der  vorigen  nummer.    C.  137.     0.  u.  0.  2,  87. 

146)  hlaifs  s.  unten. 

147)  hlija  zeit,  ags.  hlin-bed  lager,  gr.  xA/vj^  lager ,  yMvco  leh- 
nen, xhoia  zeit,  lat.  clinare,  altind.  9ri  (Sonne  K.  Z.  15,  105)  ni^rayani' 
leiter,  gr.  y.Xifia^,  ags.  hläder.  C.  138.  Auch  hlains  und  hlaiv  gehören 
wol  hierher,     vgl.  Pfeiffers  Germ.  1,  81  flgd. 

148)  hlifan  stehlen,  gr.  ylinito ,  lat.  depo.  C.  138. 

149)  hliuma  gehör,  ohr,  altind.  und  zend  9ru  hören,  gr.  xAt'w, 
lat.  cluo.  C,  139. 

15.0)  hlutrs  lauter,  gr.  xZt'^w  spülen,  lat.  cluere  (purgare),  cf.  cloäca. 
C.  139. 

151)  hneivau  neigen,  hnaivs  niedrig,  gr.  veiw  nicken,  neigen, 
lat.  nuo,  coniveo.     Eine  urform  knu  oder  kni  ist  vorauszusetzen. 

152)  ags.  hnit  nisse,  gr.  vmv'iq,  (y.ovid),  böhm.  hnida,  lit.  glindas, 
lat.  lendes.   C.  218. 

153)  ahd.  hnazza  nessel,  gr.  xj'/(Jjj  und  xWCa  dass.  Fick  46.  Hin- 
zuzufügen ist  lett.  kneft  jucken,  dessen  nebeuform  neft  das  initiale  k 
abgeworfen  hat,  was  auch  Bielenstein,  die  lettische  spräche  1,  210  vom 
rein  lettischen  Standpunkt  aus  für  möglich  hält. 

154)  ahd.  hof,  gr.  x?~^7rog  garten,  lat.  campus.  C.  137. 

155)  alts.  ho  Im  hügel,  ags.  holni,  auch  meerflut  (das  sich  erhe- 
bende), gr.  yiohovog,  lat.  coUis,  celsus,  lit.  k.'dnas  höhe.  C.  141. 

156)  ahd.  liraban  rabe  (aus  hravan),  gv.yiöqa^,  lat.  corvus.  C.  141. 

157)  hramjan  kreuzigen,  gr.  y.qi(.ia^ica  hange,  yQe/.ica>vvfii  hänge, 
lit.  kariü  hänge.     Eine  sichere  altind.  parallele  fehlt.  C.  143. 

158)  ags.  hräv  leichnam,  got.  hraiv  (stamm  hraiva)  in  hraivadubö, 
Grimm  Gr.  3,  398.  altind. kra vis  rohes  fleisch,  aas,  krävya  dasselbe,  kra- 
vyä'd  fleischessend,  gr.  yqeag,  lat.  caro,  cruor,  russ.  krov'  blut.  C.  143. 

159)  ags.  hridder  sieb,  lat.  cribrum  dass. ,  altir.  glosse:  criathar 
dass.  K.  Z.  14,  215.     Die  wurzel  ist  die  in  aqivco  enthaltene.  C.  143. 

160)  hrukjan  krähen,  altind.  kruy  schreien,  kreischen,  wehklagen 
(auch  von  vogelgeschrei  gebraucht),  lat.  crocü-e  und  crocitare.  Das  k 
scheint  freilich  dem  altindischen  und  lateinischen  gegenüber  unverschoben. 
Aber  Lettner,  K.Z;  11, 185  macht  darauf  aufmerksam ,  dass  das  griech.  x^at//; 
diesen  Wörtern  entspricht.  WahrscheinUch  existierten  also  bei  diesem  schall- 
nachahmenden Worte  formen  mit  k  und  g  in  der  Ursprache  neben  einander. 


DIE   DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBUNG  19 

161)  huljaii  verhüllen,  niederdeutsch  liille  „ort  über  den  viehstäl- 
len  wo  gesinde  und  kmder  zu  schlafen  pflegen  " ,  gr,  vxiIlÖ.  hütte,  lat.  cella, 
altmd.  khäla  tenne.  Kuhn  Z.  5  ,  455.  C.  121».  Mit  diesen  Wörtern  ist  verwant 
hulistr  decke,  hulundi  höhle.  Sie  haben,  wie  ahd.  hol  zeigt,  kurzes  u,  und  kön- 
nen also  mite.  144(79)  nicht  vereinigt  werden,  kelt.  parall.  Ebel,  beitr.  2,  169. 

162)  ags.  b5'd,  altniederd.  hüd  haut,  altind.  sku  bedecken,  gr. 
G-ytiTog  haut,  lat.  scütum.  C.  154.  Das  s  ist  abgefallen  und  das  k  regel- 
recht verschoben. 

103)  liunds  hund,  altind.  ^van,  zend  9pä,  lat.  canis,  lit.  szü,  kelt. 
cü.    Beitr.  2,  160.     C.  146. 

164)  hund  (nur  pl.)  hundert,  altind.  9atä,  zend  yata,  gr.  excaov, 
lat.  centum,  lit.  szinitas.  C,  126. 

165)  ahd.  liün  hüne,  riese  bringt  Gerland ,  K.  Z.  10,  276  flgd,  zu- 
sammen mit  altind.  9vi  wachsen,  gr.  /.v.  (C.  144). 

166)  ags,  hydau  s.  nr.  56. 

167)  ahd.  huosto,  ags.  hvösta  der  husten,  altind.  käs  husten,  käs 
und  käsa  der  husten,     lett.  käset   husten.     Pictet,  K.  Z.  5,  347. 

Eine  im  deutschen  nicht  seltene  lautverbindung  ist  hv  im  anlaut 
und  inlaut,  die  hier  gemeinsam  behandelt  werden  mögen.  Sie  tritt 
u.  a.  auf  in  folgenden  Wörtern:  hvairban  wandeln,  hvairnei  hirnschädel, 
af-hvapjan  löschen,  ersticken,  livas  wer,  hvassaba  mit  schärfe  und 
hvassei  strenge,  hva]}jan  schäumen  nebst  hvapo  schäum,  hveila  weile, 
hveilau  weilen,  altn.  hvila  ruhen,  hveits  weiss  nebst  hvaiteis  waizen, 
hvilftri  bahre,  sarg,  alts.  bi-hwelbian  bewölben,  ags.  behvyl-fan,  hvo- 
pau  sicli  rühmen  mit  hvoftuli  rühm,  hvota  drohuug,  wol  zu  hvas- 
saba (Aufrecht,  K.  Z.  1 ,  471),  altn.  hvalr  walfisch,  hveöl  Scheibe,  rad, 
hverr  kessel,  alts.  hwelp  junges  tier;  im  inlaut:  ahva  wasser,  aihva 
in  aihvatundi  dornstrauch,  vielleicht  equisetum  iTtTtovQig,  so  dass 
aihva  pferd  bedeutet  (Gramm.  I^,  50),  arhvazna  pfeil,  brahv  das  blin- 
ken, nehva  nahe,  leihvan  leihen,  fairhvus  weit.  Sie  zerfallen  in  zwei 
classeu.  In  der  ersten  classe  entspricht  das  hv  indogermanischem  kv ,  in 
der  zweiten  einem  einfachen  k-laut.     Zur  ersten  classe  gehören 

168)  hveits  weiss  und  hvaiteins  waizen,  zu  altind.  ^vit,  ^veta  weiss, 
zend  9paeta  weiss.  Das  gotische  t  stützt  vielleicht  die  unbelegte  san- 
skritwurzel  9vid. 

169)  isl.  hväsa  und  hvaesa  schnaufen,  altind.  9vas  schnaufen, 
altsl.  kvasit'  tvf.iovv  aufblähen;  eingehend  erörtert  von  Kuhn  Z.  15,  318. 

170)  aihva-  in  aihvatundi,  altind.  a9va,  zend  a9pa,  gr.  'iTVTrog 
aus  l'xxog,  lat.  equus.  Keiche  nachweise  bei  Diefenbach  Orig.  Europ.  337. 

Zur  zweiten  classe  gehören,  ausser  dem  höchst  interessanten  ags. 
hvösta   (nr.  167),    von   dem   es   zweifelhaft  ist,    ob   das   v  sich   nur  im 

2* 


20  DELBEUECK 

ao"s.  entwickelt  hat,  oder  ob  es  schon  im  nrdcutschen  vorhanden  wai 
nnd  nur  im  ags.  blieb ,  das  aber  das  einzige  sichere  beispiel  ist ,  in  wel- 
chem deutsches  hv  einem  reinen  altindischen  k  entspricht: 

171)  altn.  livila  ruhen,  altiud.  91,  zend  91,  gr.  xslfiai,  lat.  quiesco. 

172)  hrairnei  gehirn  (falls  nicht  livairneins  adjectivisch  ist,  wie 
Leo  Meyer  0.  u.  0.  2,  280  annimmt),  altind.  9iras  haupt,  gr.  /«o«  und 
ycQavlov,  lat.  cerebrum.  C.  182. 

173)  ahya  wasser,  lat.  aqua,  gr.  a7r  in  Bleanänioi ,  altind.  und 
zend  ap  wasser  C.  411. 

174)  leihyan  überlassen,  altind.  ric ,  gr.  hi/rca,  lat.  linquo.  Die 
Wurzel  rik  ist  also  im  deutschen  vertreten  durch  lih  lif  (af-lifnan)  und 
aus  lif  abgeschwächt  lib  (laibos). 

175)  neliT,  lat.  neliya  nahe,  altind.  na9  erlangen ,  lat.  nanciscor, 
gr.  svsynslv.    Das  e  entspricht  wol  einem  ursprünglichen  an ,  wie  bei  fleka. 

176)  sailiTan  sehen,  ursprünglich:  mit  dem  äuge  nachgehen, 
altind.  sac,  zend  hac,  nebst  einer  in  der  vedischen  spräche  auftretenden 
nebenform  sap,  gr.  enof-iai,  lat.  sequi.  Aufrecht  K.  Z.  1 ,  352. 

177)  ags.  hyeöl  (die  weiteren  formen  siehe  Zacher,  runenalphabet 
113,  flgd.),  altind.  cakra,  zend  cakhrarad,  gx.v.v-A.koq.  Hier  könnte  man, 
wegen  des  griechischen  r,  für  das  griechische  eine  form  kvaklos  anneh- 
men, (vgl.  auch  Kuhn  herabk.  d.  f.  54). 

178)  Das  prou.  liya  ist  nicht  mit  erwähnt  worden,  weil  man  zwei- 
feln kann,  ob  man  diesen  stamm  mit  altindischem  ka  oder  ku  (-=  kva) 
zusammenstellen  soll,  welcher  letztere  in  altind.  kütas  woher?  kuha  wo 
wohin  ?     knvid  ob  etwa ,  küha  wo ,  kvä  wo  ?  hervortritt. 

Dem  gotischen  hv  entsprechen  also  in  diesen  beispielen  die  altin- 
dischen laute :  k  c  9  p,  die  griechischen  x  7t,  die  lateinischen  c  qu;  alle, 
mit  ausnähme  des  lateinischen  qu,  solche  laute,  bei  denen  von  einem  v 
nichts  zu  verspüren  ist.  Sie  sind  vielmehr  sämmtlich  Vertreter  des  indo- 
germanischen k.  Um  nun  die  gotischen  und  lateinischen  laute  (überein- 
stimmend bei  saihvan  hvila  ahva)  mit  denen  der  übrigen  indogermani- 
schen sprachen  zu  vereinigen,  hat  man  angenommen,  dass  in  der  Urspra- 
che überall  kv  stand,  dass  dies  v  im  lateinischen  und  deutschen  blieb, 
in  den  übrigen  sprachen  dagegen  abfiel,  und  in  der  modification  des 
k  -  lautes  eine  spur  seines  daseins  zurückliess  (vgl.  Grassmann ,  K.  Z.  9 ,  1 
flgd.,  Leo  Meyer,  vergl.  gr.  1,  29).  Es  wird  also  angenommen,  dass  das 
altindische  c  9  p  und  das  gr.  tt  x  durch  die  einwirkung  eines  v  auf  k 
entstanden  seien.  Zum  beweise,  dass  das  v  eine  solche  Wirkung  üben 
könne,  darf  man  natürlich  die  hier  erwähnten  formen,  deren  erklärung 
ja  eben  fraglich  ist,  nicht  verwenden.  Man  darf  auch  nicht  von  erschlos- 
senen formen  der   Ursprache  ausgeliend  wirkliche  formen  irgend  welcher 


DIE   DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBUNG  21 

einzelsprachen,  z.  b.  des  sanskrit,  vermittelst  solcher  einwirkuiigen  eines 
früheren  v  erklären  wollen.  Yielmelir  müste  durch  wirklich  existierende 
unzweifelhaft  zusammengehörende  formen  derselben  spräche  bewiesen 
werden,  dass  z.  b.  im  sanskrit  c  9  p  aus  k  durch  einwirkung  eines  v 
entstehen  kann.  Ich  kann  an  dieser  stelle  auf  die  dafür  beigebrachten 
beispile  nicht  eingehen,  befürchte  aber  keinen  widersprach,  wenn  ich 
behaupte,  dass  ein  solcher  beweis  noch  nicht  erbracht  ist. 

Und  selbst  angenommen  der  schwer  glaubliche  fall,  es  brächte 
jemand  altindische  Wörter  bei,  die  unzweifelhaft  zusammengehören,  von 
denen  die  eine  classe  kv ,  die  andere  c  oder  9  oder  p  an  derselben  stelle 
des  Wortes  zeigten,  so  würde  uoch  durchaus  nicht  entschieden  sein,  dass 
das  kv  als  die  ältere  gestaltung  anzusehen  sei.  Denn  wie  wäre  doch  — 
um  das  p,  das  allenfalls  anders  erklärt  werden  könnte,  zunächst  bei  seite 
zu  lassen  —  wie  wäre  doch  physiologisch  die  entstehung  eines  9  und  c 
aus  kv  zu  denken?  k  wird  gesprochen  am  gaumen,  v  an  den  lippen,  c 
und  9  zwischen  diesen  beiden  articulationsstellen.  So  wären  c  und  9 
also  gewissermassen  durch  compromiss  zwischen  beiden  mundsteUen  ent- 
standen, das  k  wäre  etwas  nach  vorne  gerückt,  das  v  etwas  nach  hin- 
ten, in  der  mitte  hätten  sie  sich  getroffen,  und  so  seien  entstanden  die 
laute  c  und  9.  Indessen  ein  solcher  Vorgang,  wie  der  eben  phantasierte, 
ist  nicht  wol  denkbar.  Alle  bewegung  der  konsonauten  geschieht  in  der 
richtuug  von  hinten  nach  vorn,  nicht  umgekehrt.  Ist  einmal  ein  kv 
geschaffen,  so  dreht  man  nicht  wieder  um  zum  c  und  9,  vielmehr  sind 
c  und  9  nichts  weiter  als  eine  Station  des  für  k  bestimmten  hauches  in 
seinem  vorrücken  nach  einer  vorderen  articulationsstelle  hin.  Ein  sol- 
ches vorrücken  des  k- hauches  begann  vielleicht  schon  in  der  Ursprache 
bei  gewissen  Wörtern.  Im  sanskrit  stellte  sich  für  den  in  bewegung 
befindlichen  hauch  der  verschluss  ein  an  der  articulationsstelle  von  c  9 
und  p ,  im  griechischen  an  der  von  l  und  /r.  Das  lateinische  und  deut- 
sche halten  die  articulationsstelle  des  k  am  zähesten  fest,  (obgleich  man 
sich  leicht  überzeugt,  dass  das  k  in  ka  weiter  hinten  gesprochen  wird 
als  das  q  in  qa,)  und  bekunden  die  tendenz  des  verschiebens  des  k  haupt- 
sächlich in  der  bereitmachung  der  lippen  zur  ausspräche  des  vorderlautes  v. 

Warum  nun  das  k  schon  in  der  Ursprache  anfieng  zu  rücken,  ist 
bei  dem  einzelnen  werte  nicht  zu  erweisen,  im  ganzen  aber  behaupten 
wir  doch  nichts  undenkbares ,  wenn  wir  meinen ,  dass  das  k  sich  in  der- 
selben richtung  zu  bewegen  angefangen  habe,  in  der  hauptsächlich  die 
bewegung  der  consonanten  vor  sich  geht.  (Vgl.  zu  dieser  behauptung 
auch  C.  399). 

H^^-  (Fortsetzung  folgt.)  ^'  ß^LBEUECK. 


22 


DER  TANNEWETZEL  UND  BÜRZEL. 

Das  54ste  fastiiachtspiel  in  Ad.  Kellers  samliing  ist  überschrie- 
ben: Hie  hebt  sich  ain  guot  vasnachtspil  von  ahn  siecht iinr/,  den  hies 
man  den  Tanaiveschel ,  der  was  iiberall  in  allen  teutschen  landen,  nu 
sieht  man  her  nach  ivie  er  vertrihen  ward,  der  siechtag  tvas  in  dem 
monat  fehruario  äö.  dorn.  etc.  qimdringcittesimo  quarto  decimo.  —  Das 
spiel  ist  ein  prozess  gegen  Tanawäscliel  den  poesen  man,  der  gar  viel 
leut  gekränkt  hat ,  dass  ein  mensch  ist  siech ,  das  ander  tot.  Der  farende 
schiüer,  der  ritter,  die  Jungfrau,  der  kaufmann,  die  klosterfrau,  der 
bauer  erheben  klagen.  Tanawäschel  sucht  sich  zu  verteidigen,  indem 
er  krankheit  und  tod  auf  die  unmässigkeit  oder  das  alter  der  menschen 
schiebt.  Aber  er  wird  des  lebens  durch  geschöpftes  urteil  losgesprochen, 
und  meister  Pausenhart  schlägt  ihm  das  haupt  ab. 

Aus  den  klagesätzen  erhellt,  dass  die  krankheit  mit  mattigkeit 
(4:6i),  25),  kopfweh  (471,  12),  heftigem  husten  und  auswurf  (472,  1), 
und  leibweh  (472,  18)  auftrat.  Der  ausgang  war  mitunter  tötlich  (470, 
7.  29.    474,  17). 

Geschichtliche  nachrichten  über  diese  katarrhale  epidemie  liegen 
zunächst  vor  in  einer  Nürnberger  und  einer  Augsburger  chronik,  beide 
zu  dem  j.  1414  unsers  fastnachtspiels.  Die  Augsburger  chronik  meldet: 
darnach  in  demselben  winter  was  der  bilrczel  als  iveit  die  Christenheit 
tvas,  desgleich  in  der  heidenschaft  (Mone,  anzeiger  6,  736);  die  genauere 
Nürnberger,  leider  lückenhaft  erhalten,  sagt:  anno  1414  —  do  was 
Bwischen  weichennacht  und  ostern  in  allen  landen  iederman  im  hopt  we, 
und  hiesz  nums  den  pürczel,  oder  den  taunwecsschel  und  macht 
nieman  doran  iveder  essen  noch  trincken.  (Chroniken  der  fränkischen 
Städte  1,  472).  Aus  Frankreich  haben  wir  ebenfalls  von  der  epidemie 
im  j.  1414  künde;  sie  hiess  damals  coqueluche,  und  war  so  allge- 
mein ,  dass  schulen  und  gerichtshöfe  geschlossen  wurden.  ^)  Sehr  hef- 
tiger husten,  appetitlosigkeit ,  lieber  und  nierenleiden  bilden  die  erschei- 
nungen  der  auch  1403  ,  1411  und  1427  grassierenden  krankheit ,  die  nach 
vierzehn  tagen  mit  genesung  endete.  Im  j.  1411  hiess  sie  le  Tac  und 
le  Horiou,  1427  Ladendo.  ^) 

Wir  vermögen  die  krankheit  aber  ])is  in  das  vierzehnte  Jahrhun- 
dert zu  verfolgen.  Schon  1366  durchzog  der  tanawetzel  Süddeutschland, 
wie   die   genealogia  princip.   austr.    (Rauch,    Script,   rer.   austr.  1,   384) 

1)  Mezeray,  abrege  de  Vhistoire  de  France  3,  190,  citiert  bei  Hecker,  die 
grossen  volkskrankheiten  des  mittelalters ,  herausgegeben  von  A.  Hirsch  S.  244. 

2)  ebd.  245. 


WEINHOLD,  DER  TANNEWETZEL  UND  BÜRZEL  23 

berichtet:  MCCCiiij  item  darnach  über  zway  jar  do  kam  ain  tusl^) 
uher  alle  tvelt ,  das  allermenniMich  siech  ivart,  und  was  an  der  vase- 
naht, die  da  stachen,  den  wart  so  ive  das  sy  ah  dem  plan  miisten  zie- 
hen; die  da  tauchen  ivolten,  den  gescliach  auch  also,  gar  alte  lewt  stür- 
ben, des  andern  volJc  starb  wenig,  ettlich  siechten  sivo  ivochen  oder  drey, 
ettlich  drey  manod.  daz  geschach  über  alle  tvelt  auf  ain  tag  und  man 
hiez  den  selben  siechtumb  den  Tanaheczl.  Diese  epidemie  trug  nicht 
bloss  einen  katarrhalen,  sondern  auch  einen  typhösen  character,  wie  die 
beschreibung  erkennen  lässt.  Dasselbe  gilt  fü]-  den  aus  dem  jähre  1387 
erwähnten  Bürzel,  den  nahen  verwanten  des  Tanawetzel.  In  Gas- 
sers Augsburg,  annalen  lesen  wir:  mira  quaedam  epidemia  hanc  urbem 
totamque  superiorem  Germaniam  fcorripiebat ,  qua  aegri  quatuor  vel  quin- 
que  ad  summum  dies  niolestissirais  destillationibus  laborabant  ac  ratione 
privati  instnr  phreneticorum  furebant,  atque  inde  convalescebant  pau- 
cissimis  ad  orcum  deniissis.  Dazu  wird  der  deutsche  name  gunbyr- 
zelen  angeführt.  Auch  die  vorhin  benutzte  Augsburger  chronik  (bei 
Mone,  auzeiger  6,  257)  spricht  von  dieser  seuche  beim  j.  1387:  do  Team 
ain  tvetag ,  den  Mct,  man  den  burcsel.  der  harn  in  alle  stet  und  in  allu 
laut  und  in  allu  dorfer,  und  lagen  die  laut  drei  tag  oder  vier,  und 
stunden  dun  wider  auf  es  vergiengen  alle  tag  an  diser  sucht  acht  bis 
sehen  personen.  ja  es  meret  sich  diser  bursel  von  tag  zti  tag.  Hier 
wird  die  krankheit  nur  als  grippe  geschildert,  ^j  Bei  Königshofen  (s.  303) 
heisst  dieser  selbe  siechtag  ganser  oder  burtsel  und  zeigt  sich  als  husten 
und  flösse  in  der  helen.  Ohne  nähere  beschreibung  scheint  eine  von 
Schmeller  b.  wb.  1,  204  aus  Senders  chronogr.  angeführte  stelle:  infir- 
mitas  generalis  vulgo  pcrtzel  grassabatur.  War  nun  auch  die  krankheit 
nicht  gefährlich,  so  blieb  sie  doch  unbequem,  und  die  Sympathie  ward 
auch  gegen  sie  angerufen.  Dieselbe  Münchener  sammelhandschrift ,  wel- 
che den  merkwürdigen  nachtsegen  enthält,  verzeichnet  auch  eine  formel 
contra  pircil:  stribraras  f  iob  traezon  zcorobon  connubia  iob  f  et  pone 

eqv (Konr.  Hofmann  in  den  Münchener  sitzungsber.  phil,  philol. 

kl.  1867.  juni  s.  171.) 

Tannewetzel  und  bürzel  gehören  nach  allem  diesem  zu  der  sippe 
der  katarrhalischen  seuchen,  welche  im  14—16  Jahrhundert  unter  ver- 
schiedenen namen  durch  die  europäischen  länder  zogen,  im  16  Jahrhun- 
dert besonders  Frankreich  heimsuchten,^)  und  nie  ganz  erloschen.  Seit 
dem  18  Jahrhundert  kam  der  name  influenza  oder  grippe  dafür  auf. 

1)  So  lese  ich  für  das  lust  des  druckes:  tusel,  schwinde!,  Fieber.  Schmeller  1,  402. 

2)  Die  stelle  in  Wurstisens  Basier  chronik  664  stimt  zu  dieser  Augsburger. 

3)  Hecker  -  Hirsch  a.  a.  o.  243.  246.  Biermcr  in  Virchows  handbuch  der  spec. 
pathol.  und  therapie  5,  1,  596  f. 


21  I'.    MEYER,    ZUR    GOT.   PRONOMINALFLEXION 

lieber  unsere  namen  seien  bemerkungen  angefügt. 

Wir  finden  die  formen  tanabecd,  tmmtvcczschel ,  tanawäschel;  daraus 
schlicsse  ich  auf  ein  echteres  tannetvezel.  Der  zweite  teil  des  composi- 
tums  ist  das  in  orwezeUn  (Heinrich  Tristan  5478)  nachweisliche  demi- 
nutiv zu  ivetse,  heute  watsche,  backenstreich.  Der  erste  teil  scheint  mir 
ein  bis  jetzt  nicht  nachgcAviesenes  tanne,  die  schlafe,  wozu  wir  mit  i 
und  u  im  stamm  die  bekannten  tinne  und  ümne  besitzen.  Demnach 
bedeutet  fnnneivezel  iichlsig  vor  die  schlafe,  und  wir  gedenken  der  erklä- 
rung  des  französischen  namens  der  epidemie  von  1411  le  liorion,  der 
schlag  vor  den  köpf. 

Der  andere  name,  hurzel^  wird  auch  für  andere  krankheiten  ge- 
braucht (Grimm,  wörterb.  2,  554);  genügend  vermag  ich  ihn  nicht  zu 
deuten.  Er  hat  sich  übrigens  bis  heute  erhalten,  da  um  Göttingen,  so 
wie  südlich  von  Halle  hürsel  der  gewöhnliche  name  des  Schnupfens  ist. 

KIEL.  "  KARL    WEINHOLD. 


ZUR   GOTISCHEN   PEONOMINALFLEXION. 

Holtzmann  hat  mit  seiner  entdeckung  neuer  grammatischer  formen  des 
gotischen  entschieden  kein  glück.  Was  er  im  achten  Jahrgang  der  Pfeiffer- 
schen Germania ,  Seite  261,  über  eine  bisher  für  nichts  geachtete  gotische 
weibliche  participform  nimancls  statt  des  allein  richtigen  nimandci  lehrte, 
muste  Seite  145  des  neunten  Jahrgangs  derselben  Zeitschrift  von  mii-  als 
auf  einem  Irrtum  beruhend  bezeichnet  werden.  Nicht  besser  ergeht  es 
der  nur  wenige  selten  früher  von  ihm  gemachten  bemerkmig,  dass  Timo- 
theus  1,  1,  10  in  hva  eine  plm-alform  des  fragepronomens  belegt  sei. 
Als  alle  dem,  was  wir  sonst  von  gotischer  pronominalflexion  wissen, 
gegenüber  zu  ungeheuerlich  ist  diese  annähme  meines  wissens  bisher 
noch  von  keinem  anderen  gewagt.  Nun  steht  denn  auch  sie  als  ein  ent- 
schiedener irrthum  da.  Aus  den  von  Uppströms  söhne,  dem  candidaten 
der  Philologie  Wilhelm  üppström  aus  üppsala  mir  freundlichst  übersan- 
ten  aushängebogen  der  neuen  ausgäbe  der  Paulinischen  briefe,  die  jetzt 
eben  ihrer  Vollendung  schon  sehr  nahe  gerückt  ist ,  ergiebt  sich  als  rich- 
tige lesart  der  fraglichen  Timotheusstelle :  jahai  hva  aljis  [nicht  aljä] 
pizai  hailm  laiseinai  anästandip  [nicht  andstandanä].  Jenes  hva  also 
ist  und  bleibt  singularform. 

DORPAT.  I-EO   MEYER. 


25 


ÜBER  DIE  NORWEGISCHE  AUFFASSUNG  DER  NORDISCHEN 
LITERATURGESCHICHTE. 

Efterladte  Skrifter  af  E.  Keyser.  Forste  Bind.    Nordmsendenes  "^idenskabelig- 
hed   og  Literatur  i  Äliddelalderen.     Christiania.     P.    T.  Mallings   Forlagsboghandel, 

1866;  Vm  und  588  ss.  8. 

In  den  letzten  jähren  hat  das  Studium  der  einheimischen  spräche 
und  geschichte  in  Norwegen  eine  reihe  der  schwersten  Verluste  erlitten. 
Von  den  gewaltigen  forschern,  welche  jene  vorher  so  wenig,  und  zumal 
so  wenig  methodisch  betriebene  disciplinen  in  ein  paar  Jahrzehnten  auf 
jenen  stattlichen  höhepunkt  gebracht  haben,  auf  welchem  sich  diesel- 
ben jetzt  in  jenem  lande  befinden ,  sind  drei  in  rascher  folge  gestorben, 
Christian  Christoph  Andreas  Lange  nämlich  (geb.  1810,  gest. 
1861),  Peter  Andreas  Munch  (geb.1810,  gest.1863),  und  Rudolf 
Keyser,  (geb.  1803,  gest.  1864).  Der  letztere,  wenn  auch  im  aus- 
lande bei  weitem  weniger  gekannt  und  gefeiert  als  der  ungleich  glän- 
zendere Munch,  ist  doch,  wie  der  älteste  unter  jenen  drei  koryphäen, 
so  auch  derjenige  gewesen ,  welchem  die  beiden  anderen  gutentheils  ihre 
richtung  verdankten,  und  er  darf  somit  als  der  eigentliche  Stifter  jener  viel- 
gepriesenen und  vielbekämpften,  jedenfalls  aber  hochverdienten  schule  ange- 
sehen werden ,  welche  man  als  die  „  neunorwegische "  zu  bezeichnen  pflegt. 

Allerdings  ist  die  zahl  der  von  Keyser  veröffentlichten  werke  keine  sehr 
bedeutende.  Sehe  ich  ab  von  einer  reihe  von  quellenausgaben,  welche 
er  mit  Munch,  oder  mit  Unger,  oder  mit  beiden  gemeinsam  veranstal- 
tete^), von  ein  paar  berichten  über  antiquarische  funde  und  über  die 
antiquitätensamlung  der  Universität  Christiania^),  von  ein  paar  Zusam- 
menstellungen und  Übersetzungen  von  quellentexten  ^) ,  endlich  von 
ein  paar  kleineren  abliandlungeu  über  einzelne  punkte  der  norwegi- 
schen geschichte  und  alterthümer  *) ,  so  bleiben  nur  zwei  umfangreichere 

1)  Norges  gcunle  Love,  hd.  I  —  III,  1846—49;  Konüngs- skuggsjä ,  1848; 
Olafs  sagahins  helga ,  1849;  Strengleikar ,  1850;  Barlaams  olc  JosapJiats  saga,  1851. 

2)  Annaler  for  nordisk  Oldkyndighed ,  1836  —  37,  1838  —  39,  1842  —  48; 
Urda,  I  u.  11. 

3)  Ueber  porgils  skaröi ,  in  den  Samlinger  Hl  det  norske  folks  S2}rog  og  histo- 
rie ,  I,  1833;  zur  geschichte  des  königs  Signrö  Jorsalafari ,  ebenda. 

4)  Zur  Geschichte  des  königs  Häkon  Magnüsson ,  in  der  Norsk  tidsskrift  for 
mdenskab  og  läeratar ,  I,  1847;  über  das  wappen  und  die  öagge  Norwegens,  1842; 
über  die  norwegische  kleidertracht  der  älteren  zeit,  als  beilage  zu  J.  Frichs  abbil- 
dungen  norwegischer  nationaltrachten  1847  erschienen;  über  die  religionsverfassung 
der  nordniänner  im  heidenthume  (1847) ;  über  die  wolniungen  und  täglichen  Verrich- 
tungen der  nordleute   in  den  älteren  zeiten  {Norsk  tidsskrift  I) ;    über  deren  belusti- 


2G  MAURER 

Schriften  übrig,  nämlich  die  tiefeinschneideude  abhandluug  über  die  her- 
kunft  und  stammverwantschaft  der  Nordmänner  (18.'59)^),  und  die  geschichte 
der  norwegischen  kirche  in  der  katholischen  zeit  (1856  —  5.s).  Aber  sehr 
irren  würde,  wer  des  mannes  geistige  Wirksamkeit  und  wissenschaftliche 
bedeutung  'lediglich  nach  diesen  wenigen  Schriften  bemessen  wollte. 
Ungleich  mehr  als  mit  der  feder  wüste  Keyser  durch  das  gesprochene 
wort  und  persönliche  anregung  zu  wirken,  und  selbst  von  dem  wenigen, 
was  er  im  di'uck  erscheinen  liess,  war  das  meiste  von  ihm  ursprünglich 
zum  behufe  der  Vorlesungen  ausgearbeitet  worden,  welche  er  an  der 
norwegischen  landesuniversität  zu  halten  pflegte.  Dabei  kann  es  keinen 
schärferen  gegensatz  geben  als  den,  welcher  zwischen  seiner  art  zu 
arbeiten  und  der  Munch's  l)estaud.  Des  letzteren  litterarisclie  productivi- 
tät  war  eine  ganz  erstaunliche  und  die  zahl  seiner  Schriften  ist  kaum 
anzugeben,  trotz  des  sehr  stattlichen  umfanges  mancher  unter  ihnen; 
aber  gewöhnt  wie  er  war,  auf  sein  fabelhaftes  gedächtuis  unbedingt  zu 
bauen,  und  zugleich  seine  manuscripte  bogen  für  bogen  mit  noch  nasser 
tinte  in  die  druckerei  zu  senden,  liess  er  sich  gar  manche  Übereilungen, 
versehen  und  Widersprüche  dabei  zu  schulden  kommen.  Keyser  dagegen 
pflegte  selbst  seine  vortrage  mit  einer  Pünktlichkeit  auszuarbeiten,  wel- 
che andere  für  ihre  bücher  nicht  nothwendig  finden,  und  die  wenigen 
von  ihm  veröffentlichten  werke  sind  auf  das  sorgsamste  und  sauberste 
durchdacht  und  geglättet;  er  liebte  es,  immer  und  immer  wider  zu 
seinen  alten  arbeiten  zurückzukehren,  um  an  ihnen  zu  bessern  und  zu 
feilen,  und  selbst  nach  widerholten  revisionen  entschloss  er  sich  nur 
schwer,  dieselben  der  vollen  Öffentlichkeit  zu  übergeben.  Eine  folge 
zugleich  jener  ungewöhnlichen  Sorgfalt  für  seine  akademischen  vortrage 
und  dieser  ebenso  selteijen  Zurückhaltung  im  veröffentlichen  der  eigenen 
Studien  ist  aber  die,  dass  die  bekanntschaft  mit  den  leistungen  Keysers, 
welche  dem  ausländischen  publikum  unzugänglich ,  aber  den  sämmtlichen 
gelehrten  Norwegens  ganz  geläufig  waren,  gar  vielfach  in  den  Schriften 
dieser  letzteren  vorausgesetzt  wird;  gar  manche  origüielle  ansieht  des 
mannes  ist  auf  diese  weise  in  die  werke  anderer  übergegangen ,  ohne  dass 
doch  deren  eigentlicher  Urheber  jemals  genannt  worden  wäre,  gar  man- 
che besondere  theorie  desselben  als  feststehend  behandelt  und  nur  im 
vorbeigehen  berührt  worden ,  von  welcher  doch  nirgends  eine  zusammen- 
hängende darstellung  und  begründung  in  der  litteratur  zu  finden  ist. 

gnngen  in  der  vorzeit  {ebenda  II,  1848);  über  die  entwicklung  der  norwegischen 
gesellschaftsordnung  im  mittelalter  {Nor,  lU,  1847). 

1)  Ursprünglich    in   den  Samlinger  VI  erschienen,   ist  diese  abhandlung  auch 
gesondert  herausgegeben  worden. 


DIE    NORWEG.   AUPFASS.    D.   NORD.   LIT. -GESCH.  27 

Einen  sehr  willkommenen  einblick  in  diese  verborgene  Wirksamkeit 
Keyser's  und  zugleich  einen  schlagenden  beweis  für  deren  tiefe  sowohl 
als  umfang  gewährt  aber  dessen  reicher  litterarischer  nachlass ,  mit  des- 
sen veröft'eutlichung  nunmehr  glücklich  begonnen  wurde.  Eine  bis  auf 
das  jähr  1340 herabgeführte  geschichte  Norwegens  wird  so  eben  von 
der  gesellschaft  zur  förderung  der  volksaufklärung  herausgegeben;  die 
sämmtMchen  übrigen  theile  des  nachlasses  dagegen  hat  professor  0.  Rygh 
unter  seine  umsichtige  obhut  genommen,  und  sollen  dieselben  in  drei 
bänden  erscheinen ,  deren  erster  eine  geschichte  der  altnordischen 
litte ratur,  deren  zweiter  eine  darstellung  der  Staats-  undrechts- 
verfassung  Norwegens  vor  der  unionszeit,  und  deren  dritter 
eine  Schilderung  des  privatlebeus  der  alten  Norweger  bringen 
soll.  Wie  von  der  geschichte  Norwegens  nur  ein  kleines  bruchstück 
schon  früher  gedruckt  war ,  ^)  so  ist  auch  von  dem  das  privatleben  der 
Norweger  behandelnden  werke  nur  ungefähr  die  hälfte ,  ^)  und  von  dem 
das  staatsieben  derselben  besprechenden  nur  der  einleitende  abschnitt 
bereits  in  einer  älteren  bearbeitung  veröffentlicht  gewesen;  2)  die  litte- 
raturgeschichte  aber  ist  für  das  grög"sere  publikum  vollkommen  neu.  Die 
abhandlung  über  die  religionsverfassung  des  heidenthumes  scheint  der 
herausgeber  ebenso  wie  die  über  die  herkunft  der  Nordmänner  und  die 
andere  über  Norwegens  flagge  und  wappen  darum  nicht  aufnehmen  zu 
wollen ,  weil  sich  in  Keyser's  nachlass  von  derselben  keine  von  der  bereits 
veröffentlichten  verschiedene  bearbeitung  vorfand,  und  sogar  eine  arbeit 
über  die  Verfassung  der  norwegischen  kii'che  in  der  katholischen  zeit, 
welche  derselbe  enthält ,  will  darum  von  der  Veröffentlichung  ausgeschlos- 
sen werden ,  weil  sie  in  verl)esserter ,  wenn  auch  etwas  abgekürzter  gestalt 
in  die  betreffenden  abschnitte  seiner  kirchengeschichte  vom  Verfasser 
bereits  verarbeitet  worden  sei.  Ich  möchte  indessen  wünschen ,  dass  der 
letzteren  wenigstens  noch  nachträglich  eine  stelle  vergönnt  werden  möchte; 
eine  zugleich  ausführlichere  und  übersichtlichere  darstellung  des  gegen- 
ständes derselben  wäre  auch  nach  dem  in  jenem  grösseren  werke  gebo- 
tenen immerhin  noch  für  den  rechtshistoriker  soAVohl  als  für  den  kirchen- 
historiker  von  hohem  Interesse.  —  Die  herausgäbe  jener  Schriften  hatte 
der  Verfasser  selbst  beabsichtigt,  nnd  sogar  bereits  deren  schKessliche 
revision  zu  solchem  behufe  begonnen;  seine  litteraturgeschichte  insbeson- 

1)  Nämlich  die  oben ,  s.  25 ,  anm.  4 ,  aiigeflilirte  erörteruiig  der  geschichte  des 
königs  Häkon  Magnüsson. 

2)  Vgl.  die  ebenda  angeführten  abhandlnngcn  über  die  kleidertracht,  die  Woh- 
nungen und  beschäftigungen ,  sowie  über  die  belustigungen  der  alten  Norweger. 

3)  Siehe  die  ebenda  angeführte  abhandlung  über  die  entwicklung  der  norwegi- 
schen gesellschaftsordnung  im  mittelalter. 


28  MAURER 

dere,  welclie  im  jähre  1846  —  47  zuerst  entworfen  und  dann  im  jähre 
1856  —  57  revidiert  und  theilweise  von  grund  aus  umgearbeitet  worden 
war,  hat  später  noch  mehrfache  Verbesserungen  durch  ihn  erfahren,  so 
dass  deren  abdruck  fast  wörtlich  nach  der  handschrift  erfolgen  konnte,  und  die 
vom  herausgeber  beigefügten  (übrigens  durch  klammern  gekennzeichneten) 
Zusätze  fast  nur  eine  ergänzung  der  litterarischen  nachweise  zu  erstreben 
hatten.  Da  diese  litteraturgeschichte  nunmehr  vollendet  vorliegt,  will 
ich  versuchen  über  deren  reichen  Inhalt  einigen  Ijericht  zu  geben,  zumal 
aber  den  geist  und  Standpunkt  zu  prüfen,  von  welchem  dieselbe  bestimmt 
und  geleitet  wu'd ;  da  höchst  eigenthümliche  grundanschauungen  hier  zum 
ersten  male  im  zusammenhange  vorgetragen  werden,  welche  unverkenn- 
bar schon  früher  für  eine  reihe  mehr  gelegentlicher  äusserungen  der  ver- 
schiedensten norwegischen  schriftsteiler  massgebend  geworden  waren, 
dürfte  eine  kritische  erörterung  derselben  in  der  that  um  so  mehr  am 
platze  sein.  Der  kürze  wegen,  und  um  nicht  gesagtes  nochmals  sagen 
zu  müssen,  erlaube  ich  mir  aber  bezüglich  der  näheren  begründung  so 
mancher  einzelnheiten  auf  einen  vertrag  „über  die  ausdrücke  altnordi- 
sche, altnorwegische  und  isländische  spräche"  zu  verweisen,  welchen  ich 
im  December  18 65  in  der  hiesigen  akademie  hielt,  und  welcher  nunmehr 
endlich  im  drucke  sich  befindet. 

Die  Ökonomie  des  zu  besprechenden  werkes  ist  eine  sehr  einfache. 
Eine  einleitung  (s.  3  —  60.)  giebt  einen  geschichtlichen  überblick  über 
die  entwicklung  der  altnordischen  litteratur  und  Wissenschaft,  und  fasst 
die  altnordische  spräche,  dann  die  schreibkunst ,  endlich  das  erziehungs- 
wesen  noch  besonders  ins  äuge,  soweit  dieselben  auf  jenen  entwicklungs- 
gang  bestimmenden  einfluss  geübt  haben.  In  einem  ersten  abschnitte, 
(s.  61  —  342),  wird  sodann  die  dichtkunst  und  die  poetische  lit- 
teratur behandelt,  wobei  wie  billig  die  jüngere  Edda  als  ein  lehr- 
buch  der  dichterkunst  gleich  mit  besprochen  wird.  Ein  zweiter  abschnitt, 
(s.' 343  — 530),  handelt  von  der  sagenkuude  und  sagenschrei- 
bung,  wobei  die  mythisch  -  heroischen ,  die  historischen  und  die  romanti- 
schen sagen  unterschieden,  den  letzteren  aber,  etwas  wunderlich,  auch 
die  heiligenlegenden  beigezählt  werden.  Ein  dritter  und  letzter  abschnitt 
endlich,  (s.  531^ — 579),  bespricht  alle  übrigen  zweige  der  Wis- 
senschaft und  litter  a tu r,  also  die  theologie,  Jurisprudenz  und  medi- 
cin,  die  geographie,  mathematik  und  naturkunde,  endlich  die  philosophie 
und  die  Sprachwissenschaft,  worauf  ein  regist  er  (s.  581  —  588)  das 
werk  schliesst.  Mir  will  diese  eintheüung ,  beiläufig  liemerkt ,  keine  ganz 
glückliche  scheinen.  Der  herausgeber  hat  dem  letzten  abschnitte  die 
Überschrift  „die  gelehrten  Wissenschaften  und  deren  litteratur"  gegeben, 
weil  er  meinte ,  der  verf.  habe  in  demselben  die  fremde  wissenschaftliche 


DIE   NORWEG.    AUFFASS.    D.    NORD.    LIT. -GESCH.  29 

litteratur  in  ihrem  gegensatze  zu.  den  nach  entstehung  und  wesen  rein 
nationalen  litteraturzweigen  zusammenfassen  wollen.  Aber  so  gefasst 
durfte  dann  nicht  nur,  was  er  selber  anerkennt,  die  norwegisch- islän- 
dische jurispi'udenz  nicht  den  producten  der  ausländischen  gelehrsamkeit 
beigezählt,  sondern  auch  umgekehrt  die  isländische  annalistik,  dann  die 
gesamte  übersetzungslitteratur ,  nicht  in  dem  von  den  sagen  handelnden 
abschnitte  mit  besprochen  werden ,  möge  diese  letztere  nun  mit  legen- 
den, mit  ritterromaneu,  oder  mit  wirklich  historischen  werken  sich  befasst 
haben ,  von  welchen  letzteren  freilich  der  Verfasser  so  gut  wie  keine  notiz 
nimmt.  Freilich  mag  ein  abriss  der  Weltgeschichte  als  Veraldar  saga, 
mögen  paraphrasen  Sallusts  und  Lucans  als  Bomverja  sögur ,  Übersetzun- 
gen der  Historia  Britonum  Geoffroy's  von  Monmouth  oder  der  Älexan- 
dreis  des  Philippus  Galterus  als  Breta  sögur  mid  Alexanders  saga, 
und  bearbeitungen  der  geschichtlichen  bücher  des  alten  testamentes  als 
QyÖinga  sögur  bezeichnet  werden;  aber  zur  „rein  nationalen"  litteratur 
des  nordens  gehören  solche  werke  darum  doch  nicht.  Umgekehrt  würde 
man  nicht  nur  die  nach  fremden  mustern  gearbeiteten  annalen,  sondern 
auch  genealogische  aufzeichnungen  und  die  au  solche  sich  anschliessende 
Landndmahöh ,  so  entschieden  nationalen  Charakter  diese  letzteren  auch 
tragen,  in  der  älteren  Zeit  kaum  zu  den  sögur  gerechnet  haben,  und 
der  titel  der  Skälholter  ausgäbe  (1688):  ,,Sagan  landnama"  ist  sicher 
nur  ein  erzeugnis  späteren  misverstaudes;  „dttvisi"  scheidet  der  erste 
grammatische  tractat  in  der  jüngeren  Edda  ausdrücklich  von  den  „fnieöi,^'- 
welche  Ari  |)orgilsson  geschrieben  hatte ,  und  die  vorrede  zur  Hihigur- 
vaka  führt  „mannfraiM"  neben  den  „sögur"  als  einen  lesenswerthen 
gegenständ  auf,  ganz  wie  bischof  jDorläkur  f)örhallsson  von  seiner  mutter 
„cettvisi  ok  mannfrceöi"  lernte.  Schwankend  zwischen  dem  gegensatze 
nationaler  und  ausländischer  bildung,  welcher  eine  nationale  gliederung 
wenigstens  der  ersten  Wissenszweige  gefordert  hätte,  und  zwischen  einer 
lediglich  objectiven  gesichtspunkten  entnommxcnen  Scheidung  der  einzel- 
nen litteraturgebiete ,  kommt  weder  die  eintheiluiig  des  werkes  noch  auch 
die  behandlung  des  Stoffes  innerhalb  seiner  einzelnen  abschnitte  zu  voller 
ruhe  und  klarheit;  aber  freilich  fragt  sich,  ob  jener  erstere  gegensatz 
sich  überhaupt  mit  voller  schärfe  durchführen  lasse,  da  fremde  kultur- 
elemente  schon  von  den  ersten  anfangen  einer  nordischen  litteratur  au 
diese  zu  durchdringen  begonnen  haben. 

Der  Standpunkt,  von  welchem  aus  der  Verfasser  die  altnordische 
litteraturgeschichte  behandelt,  ist  ein  sehr  eigenthümlicher.  Auf  der  einen 
Seite  statuiert  er ,  und  zwar  in  weit  schärferer  ausprägung  noch  als  diess 
bereits  von  P.  E.  Müller  und  seinen  nachfolgern  geschehen  war,  die 
existenz  so  zu  sagen  einer  litteratur  vor  der  litteratur,  indem  er  annimmt, 


30  MAURER 

dass  die  im  12.  und  13.  Jahrhunderte  geschriebenen  werke  bereits  längst 
vorher  nach  form  und  Inhalt  in  der  mündlichen  Überlieferung  gelebt  hät- 
ten, und  dass  somit  ihre  aufzeichnung  nur  als  ein  akt  der  Schreiber-, 
nicht  der  verfasserthätigkeit  zu  gelten  habe.  Auf  der  anderen  seite  aber 
spricht  er  nicht  nur  den  Dänen  und  Schweden  jeden  antheil  an  der  altnor- 
dischen litteratur  al) ,  sondern  er  leugnet  auch ,  hierin  von  Müller  weit 
abweichend,  deren  vorherrschend  isländisclien  Charakter,  um  dafür  viel- 
mehr einen  norwegischen  zu  substituieren,  und  als  ,,gammelnorsk"  wird 
demgemäss  die  Avissenschaft  und  litteratur  jener  zeit  von  ihm  bezeichnet. 
Nach  beiden  selten  hin  fordern  Keyser's  behauptungen  eine  eingehendere 
prüfung  heraus;  ich  glaube  dieser  aber  vorerst  ein  eingehenderes  referat 
über  seine  eigene  argumentatiou  vorausschicken  zu  müssen. 

Der  Verfasser  geht  aber  von  einigen  allgemeinen  bemerkungen  über  die 
entwicklung  aller  und  jeder  litteratur  aus.  Lange  vor  dem  aufkommen 
der  Schrift,  nimmt  er  an,  bilde  sich  bei  den  Völkern  eine  mündliche 
Überlieferung  aus,  welche  stets  namenlos  sei,  weil  der  Urheber  jedes  ein- 
zelnen beitrages  zu  derselben  sich  selber  in  seinem  wirken  als  Vertreter 
der  gesammtheit  fühle,  und  jedenfalls  nm-  das  von  dieser  aufgenommene 
in  der  zukunft  fortzuleben  vermöge;  durch  dichterische  form  gefestigt, 
lasse  diese  tradition  nur  secundär  prosaisclie  ergänzungen  und  erläuterun- 
gen  an  die  verse  sich  anschliessen.  Komme  nun  einem  volke,  dessen 
mündliche  tradition  sich  als  solche  bereits  hinreichend  entwickelt  liabe, 
von  aussen  her  die  schreibkunst  oder  doch  eine  zu  umfassenden  aufzeich- 
nungen  brauchbare  schreibkunst  zu,  so  handle  es  sich  zunächst  nur  um 
das  niederschreiben  jener  mündlich  umlaufenden  Überlieferungen ,  und 
bilde  sich  hierdurch ,  da  die  hierfür  thätigen  eben  nur  als  Schreiber  in 
betracht  kämen,  eine  verfasserlose  litteratur,  während  erst  weit  später 
einzelne  weiter  vorangeschrittene  es  wagten,  ihre  besonderen  geistespro- 
dukte  als  solche  niederzuschreiben,  und  damit  zur  Scheidung  einer  wis- 
senschaftlich gebildeten  classe  von  dem  übrigen  volke  den  grund  legten. 
Von  diesen  allgemeinen  Sätzen  wird  sodann  die  nutzanwendung  für  die 
altnordische  litteraturgeschichte  gezogen.  Da  die  Nord-  und  Südgermanen 
in  religion,  recht  und  sitte  ein  bedeutendes  maass  von  Übereinstimmung 
zeigen,  während  doch  beide  hauptzweige  des  gesamtvolkes  zu  verschie- 
dener zeit  und  auf 'verschiedenen  wegen  gewandert,  und  nach  ihrer  Wan- 
derung mit  einander  in  keinen  tiefer  greifenden  beziehungen  mehr  gestan- 
den seien ,  nimmt  der  Verfasser  an  ,  dass  beide  noch  vor  ihrer  trennung  von 
einander  und  vor  dem  beginn  ihrer  Wanderung  einen  ziemlich  hohen  cul- 
turgrad  erreicht  haben  müsten.  Hieraus  folgert  er  weiter,  dass  insbe- 
sondere die  Nordgermanen  zahlreiche  und  umfangreiche  Überlieferungen 
über  götterlehre,   Sittenlehre  und  recht,  über  geschichte  und  genealogie 


DIE   NOE"WEG.    AUFFASS.   D.    NORD.    LIT. -GESCH.  31 

über  die  natur  und  ihre  kräfte ,  die  zeit  und  deren  eintheilung  u.  dgl.  m. 
aus  ihrer  Urheimat  mitgebracht  haben  müsten ,  welche ,  durch  späteren 
Zuwachs  vermehrt,  Jahrhunderte  hindurch  nur  von  mund  zu  mund  gegan- 
gen seien ,  ohne  je  durch  die  schritt  fixiert  zu  werden.  Anfangs  habe  sich 
die  dichtkunst  jenes  stoflfes  bemächtigt  und  denselben  in  gebundene  form 
gebracht;  später  aber  babe  sich  neben  der  dichtkunst  auch  eine  tradition 
in  ungebundener  form  gebildet ,  und  diese  habe  sich,  erst  jener  dienstbar, 
bald  von  ihr  emancipiert,  um  sie  schliesslich  an  ausdehnung  sogar  zu 
überbieten.  In  diesen  zuständen  hätten  sich  die  Nordgermanen  bei  ihrem 
eintritte  in  die  geschichte,  also  im  8.  und  9.  Jahrhundert,  befunden;  in 
der  nächstfolgenden  zeit  aber  seien  sie,  zumal  soweit  der  norwegische 
zweig  derselben  in  betracht  komme,  nicht  unerheblich  weiter  entwickelt 
worden.  Einerseits  nämlich  hätten  die  heerfahrten  und  eroberungen  im 
Westen  der  nation  fremde  culturelemente  zugeführt,  welche  nicht  ohne 
einfluss  auf  den  fortschritt  des  geistigen  lebens  in  der  heiiuat  blei- 
ben konnten;  andererseits  habe  die  bilduug  eines  grösseren  gesamtstaa- 
tes  dessen  entwickelung  einen  einheitlichen  mittelpunkt  beschafft  und  das 
bestreben  erzeugt ,  die  bisher  zerstreuten  wissensschätze  zu  sammeln  und 
in  verbesserter  form  allgemeiner  zugänglich  zu  machen.  Extensiv  wie 
intensiv  habe  sich  demnach  für  die  Überlieferung  ein  sehr  erheblicher 
aufschwung  ergeben;  aber  da  die  runenschrift ,  an  deren  Ursprung  in 
einer  hinter  der  trennung  der  Nordgermanen  von  den  Südgermauen  zu- 
rückliegenden zeit  der  Verfasser  allerdings  festhält,  wegen  ihres  unbeque- 
men schreibmateriales  zu  grösseren  aufzeichnungen  wenig  brauchbar  gewe- 
sen sei,  habe  die  tradition  sich  den  mündlichen  character  bewahrt,  wie- 
wol  sie  bereits  jetzt  „eine  so  abgerundete  und  bestimmte  äussere  form" 
erlangt  habe,  dass  ilir  im  gründe  nur  eine  taugliche  feder  gefehlt  habe, 
um  sofort  als  litteratur  auftreten  zu  können.  Da  seien  endlich  mit  dem 
christentume  die  lateinischen  schriftzeichen,  und  zugleich  perganient 
und  tinte  als  ein  handlicheres  Schreibmaterial  nach  Norwegen  gekommen, 
und  damit  erst  sei  hier  der  gebrauch  der  schritt  überhaupt  ein  bedeut- 
samerer geworden.  Für  steininschriften  zwar  habe  man  die  für  sie  pas- 
senden runen  beibehalten ,  und  sei  der  gebrauch ,  verstorbenen  solche  zu 
setzen,  sogar  erst  durch  die  christliche  sitte  veranlasst  worden,  während 
man  sich  vordem  mit  der  errichtung  unbeschriebener  hantasteinar  begnügt 
habe;  im  übrigen  aber  habe  man,  abgesehen  etwa  von  heimlichen  mit- 
theilungen  und  den  Wunderlichkeiten  einiger  weniger  Schreiber ,  lediglich 
das  lateinische  aiphabet  verwendet,  und  zumal  nur  dieses  zu  litterari- 
schen zwecken  gebraucht.  Freilich  habe  man  zugleich  auch  die  latei- 
nische spräche  als  die  gelehrte  und  kirchensprache  aufgenommen,  und 
diese    werde    denn    auch    ganz    vorzugsweise   als   höhndl,    d.  h.  bücher- 


32  MAUEEB 

spräche,  bezeichnet;  aber  da  in  England,  von  woher  die  meisten  mis- 
sionäre  gekommen  waren ,  die  angelsächsische  spräche  längst  neben  der 
lateinisclieu  zu  litterarischen  zwecken  benützt  worden  war ,  konnte  es 
nicht  fehlen,  dass  die  fremden  sowohl  als  die  einheimischen  kleriker, 
welche  die  ersteren  mit  der  zeit  ablösten ,  der  Volkssprache  auch  im  nor- 
den keineswegs  feindselig  gegenübertrateu ,  vielmehr  diese  ganz  wie  in 
England  neben  der  lateinischen  zur  Schriftsprache  erwachsen  und  sell)st 
für  gelehrte  zwecke  Verwendung  finden  Hessen.  Seit  der  mitte  des  11. 
Jahrhunderts  seien  demnach  die  nordleute  im  besitze  der  mittel  gewesen, 
um  sowohl  die  Überlieferungen  der  vorzeit  als  auch  die  geistigen  erzeug- 
nisse  der  gegenwart  durch  die  schrift  fixieren  zu  können;  indessen  habe 
theils  das  hängen  an  der  altgewohnten  mündlichen  Überlieferung  und 
der  noch  geringe  grad  der  Schreibfertigkeit,  theils  auch  die  zumal  dem 
klerus  obliegende  pflicht,  vor  allem  für  die  nöthigen  lateinischen  mess- 
bücher,  breviere,  psalter  u.  dgl.  zu  sorgen,  erst  um  etwa  ein  Jahrhun- 
dert später  eine  nationale  litteratur  aufkommen  lassen ,  während  die  münd- 
liche tradition  zu  immer  höherer  Vollendung  sich  gesteigert  habe.  Erst 
als  die  letztere  mit  geistesproducten  „so  zu  sagen  überladen"  gewesen 
sei,  sei  die  schreibkunst  für  die  erzeugung  einer  einheimischen  litteratur 
recht  wirksam  geworden  ,  und  habe  diese  ihren  höhepunkt  unter  könig  Ha- 
kens des  alten  langer  regieruug  (1217  —  63)  erreicht.  Aber  die  so  voll- 
kommen ausgebildete  mündliche  tradition  habe  bis  in  diese  zeit  herein 
fortgewirkt,  und  sei  von  der  schriftlichen  im  gründe  nur  abgelöst  wor- 
den ,  ohne  dass  sich  in  bezug  auf  form  und  Inhalt  irgend  etwas  geändert 
habe.  „Der  niederschreibende  brauchte  in  der  regel  nur  die  feder;  die 
gedanken  und  werte  gehörten  der  tradition.  Da  konnte  selten  oder  nie 
von  einer  eigentlichen  verfasserthätigkeit  die  rede  sein;  Sammler-  und 
schreib ergeschick  war  in  der  hauptsache  das  einzige  erforderliche.  Die 
litteratur  war  namenlos,  aber  dafür  im  höchsten  grade  volksthümlich 
und  erhielt  sich  auf  diese  weise  den  character  der  tradition  in  seiner  wei- 
testen ausdehimng. "  Nur  soweit  die  hofdichtung  einerseits  und  die 
gelehrtere  wissenschaftliche  forschung  andererseits  reiche,  habe  sich  die 
persönlichkeit  in  höherem  maasse  geltend  gemacht;  doch  sei  es  auch 
beim  hofdichter  mehr  seine  angesehene  Stellung  am  hofe  bestimmter 
fürsteu,  und  seine  bedeutuug  als  musterlnld  für  bestimmte  kunstformen, 
was  seinen  namen  zu  erhalten  pflegte,  und  der  gelehrte  arbeiter  hinwi- 
derum  Averde  weniger  als  Verfasser ,  denn  als  gewährsmaun  für  bestimmte 
einzelne  ansichten,  als  berichtiger  einzelner  Irrtümer,  oder  höchstens 
noch  als  ordner  des  von  früher  her  überkommenen  steifes  genannt.  Bei- 
des sei  auch  bereits  unter  der  noch  ungebrochenen  herrschaft  der  münd- 
lichen  Überlieferung  vorgekommen,   und    anderenteils   seien   auch   später 


DIE  NOBWEG.   AÜPFASS.    D.    NORD.    LIT. -GESCH.  33 

noch  die  werke  nur  gering  an  umfang  und  zahl,  welche  man  mit  Sicher- 
heit bestirnten  Verfassern  zuzuschreiben  vermöge.  —  Weiterhin  unter- 
scheidet der  Verfasser  sodann  zunächst  was  die  spräche  betrifft,  zwei  sich 
coordinierte  hauptzweige  des  germanischen  gesamtvolkes ,  einen  südger- 
manischen oder  deutschen  und  einen  nordgermanischen,  skandinavischen 
oder  nordischen.  Jeder  von  beiden  zerfällt  ihm  sodann  wider  in  drei 
abteilungen,  und  zwar  der  deutsche  zweig  in  einen  gotischen,  hoch- 
deutschen und  niderdeutschen ,  der  nordische  dagegen  in  einen  norwegi- 
schen, schwedischen  und  dänischen  stamm.  Der  gotische  stamm,  unter 
allen  der  gemeinsamen  Ursprache  aller  Germanen  am  nächsten  kommend, 
sei  schon  frühzeitig  verschwunden,  der  hochdeutsche  liege  unserer  heu- 
tigen deutschen  Schriftsprache,  der  niderdeutsche  aber  dem  niderlän- 
dischen,  dem  friesischen,  samt  allen  sonstigen  plattdeutschen  dialec- 
ten,  endlich  gutenteils  auch  dem  englischen  zu  gründe;  andernteils 
dagegen  lebe  der  norwegische  in  der  isländischen  schrift-  und  redespra- 
che,  sowie  in  den  dialekten  Norwegens  und  der  Faröer  fort,  der  schwe- 
dische in  der  Schriftsprache  und  den  dialekten  Schwedens,  der  dänische 
endlich  in  den  dänischen  dialekten,  sowie  in  der  dänisch  -  norwegischen 
Schriftsprache.  Die  verwantschaft ,  welche  diese  drei  nordischen  sprach- 
stämme  unter  einander  verbinde,  soll  dabei  eine  ungleich  innigere  sein, 
als  die ,  welche  unter  den  drei  deutschen  bestehe ,  und  eine  weit  innigere 
auch,  als  welche  irgend  einer  der  ersteren  mit  irgend  einem  der  letzte- 
ren zeige.  Unentschieden  lässt  der  Verfasser,  ob  die  sonderung  jeuer 
drei  nordgermanischen  stamme  bereits  zur  zeit  ihrer  einwanderung  in 
Skandinavien  bestanden,  oder  ob  dieselbe  sich  etwa  erst  später  dadurch 
gebildet  habe,  dass  die  spräche  der  Dänen  und  Schweden  sich  von  der 
in  Norwegen  im  wesentlichen  erhaltenen  gemeinsamen  Ursprache  allmälig 
abgetrennt  und  selbstständiger  entwickelt  hätte;  dagegen  spricht  er  mit 
voller  bestimtheit  aus,  dass  jene  absonderung  jedenfalls  zu  der  zeit 
schon  längst  entschieden  gewesen  sei,  in  welcher  eine  literatur  im  nor- 
den zu  entstehen  begonnen  habe,  und  er  zieht  hieraus  die  weitere  folge- 
rung,  dass  die  altnorwegische  literatur,  die  isländische  mit  inbegriffen, 
keineswegs  ein  gemeingut  aller  Nordgermanen ,  vielmehr  das  ausschliess- 
liche eigentum  Norwegens  und  der  in  der  geschichtlichen  zeit  von  Nor- 
wegen aus  bevölkerten  länder  zu  nennen  sei.  Was  sodann  das  Verhält- 
nis Islands  zu  Norwegen  in'  bezug  auf  spräche  und  literatur  betrifft, 
so  geht  Keyser  von  der  annähme  aus,-  dass  die  nationale  gemeinschaft, 
welche  von  anfang  an  die  Isländer  mit  den  Norwegern  verband,  trotz 
der  selbständigen  entfaltung  des  staatlichen  lebens  auf  der  insel  den- 
noch die  volle  einheit  des  geisteslebens  für  beide  länder  forterhalten  habe, 
und  dass   dieses,   wie  dessen  grundlagen  aus  Norwegen  nach  Island  hin- 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  3 


34  MAURER 

übergebracht  worden  waren,  so  auch  sich  hier  ganz  in  derselben  rich- 
tung  und  ganz  mit  densel))en  hilfsmitteln  weiter  entwickelt  habe  wie  dort. 
So  sei  zunächst  schon  die  spräche  während  der  ganzen  blütezeit  der 
literatur  auf  Island  ganz  dieselbe  gewesen  wie  in  Norwegen.  Während 
nämlich  die  spräche  der  Schweden  und  der  Dänen  von  anfang  an  in  eine 
reihe  von  dialekten  sich  getheilt  habe,  sei  das  gleiche  bei  der  norwegi- 
schen spräche  nicht  der  fall  gewesen.  Der  gruud  dieser  Verschiedenheit 
soll  in  der  grösseren  reinheit  des  blutes  der  Norweger  liegen.  Es  sei 
ein  erfahrungssatz ,  dass  die  Veränderung  einer  spräche  von  innen  heraus 
stets  nur  sehr  unmerklich  und  langsam  vor  sich  gehe,  während  sie  sich 
leicht  und  hurtig  vollziehe  in  folge  äusserer  einwirkungen ,  zumal  ver- 
wanter  sprachen ;  dass  ferner  die  einmal  begonnene  Zersplitterung  in  dia- 
lekte  schnell  fortschreite ,  wenn  ihr  nicht  eine  gemeinsame  Schriftsprache 
einhält  thue ,  welche  doch  selbst  erst  nach  und  nach  zu  erwachsen  pflege, 
nachdem  zuvor  die  schrift  an  die  einzelnen  dialekte  sich  angeschlossen 
habe.  Da  nun  die  Norweger  bei  ihrer  einwanderung  keine  namhafte 
Urbevölkerung  vorgefunden  hätten,  während  in  Südskandmavien ,  Jütland 
und  auf  den  dänischen  inseln  eine  solche,  und  zwar  von  südgermani- 
schem stamme  vorhanden  gewesen  sei,  habe  hier  die  dialektbildung 
schon  sehr  frühzeitig ,  und  lange  vor  dem  aufkommen  einer  Schriftsprache 
vor  sich  gehen  müssen,  Avährend  sie  dort  noch  niclit  begonnen  gehabt 
habe,  als  die  lateinischen  buchstaben  eingeführt  wurden.  Demgeraäss 
sollen  denn  vom  12.  bis  zum  anfange  des  14.  jalirhunderts  nicht  nur  die 
schriftAverke  aus  den  vier  hauptteilen  Norwegens  wesentlich  dieselben 
sprachformen  zeigen,  sondern  auch  zwischen  der  Schriftsprache  Norwe- 
gens und  Islands ,  sowie  der  übrigen  von  Norwegen  aus  bevölkerten  lande 
sollen  nur  ganz  unbedeutende  differenzen  bestehen ,  welche  durchaus  nicht 
genügten  um  eine  dialektverschiedenheit  annehmen  zu  lassen,  und  nicht 
nur  für  die  Schriftsprache  soll  diese  Übereinstimmung  gelten,  sondern 
ganz  gleichmässig  auch  für  die  redesprache,  die  spräche  also  des  täg- 
lichen lebens.  Als  beweis  aber  für  diese  letztere  behauptung  soll  eben  die 
gleichheit  der  Schriftsprache  in  Island  und  Norwegen  dienen;  da  nämlich 
diese  hier  wie  dort  sich  erst  längst  nach  der  abtrennung  Islands  vom  mutter- 
lande ausgebildet  habe,  setze  deren  Übereinstimmung  nothwendig  auch 
die  gleichheit  der  redesprache  in  den  verschiedenen  teilen  dieses  letz- 
teren voraus,  aus  welchen  die  insel  ihre  bevölkerung  erhalten  habe,  und 
zwar  nicht  nur  für  die  zeit  ihrer  besiedelung,  sondern  auch  für  die  spä- 
tere zeit  bis  in  das  12.  Jahrhundert  herab,  indem  ja  eine  Schriftsprache, 
welche  aus  der  Verschmelzung  verschiedener  von  den  einwandereru 
gesprochener  dialekte  sich  erst  hinterher  gebildet  hätte ,  unmöglich  so  völ- 
lig gleich  mit  einer  anderen  Schriftsprache  hätte  ausfallen  können ,  welche, 


DIE   NORWEG.    AUPFASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  3S 

sei  es  nun  auf  demselben  wege,  oder  auch  durch  die  einem  einzigen 
dialekte  auf  kosten  aller  anderen  zu  teil  gewordene  bevorzugung  gleich- 
zeitig in  Norwegen  entstanden  wäre.  Aber  auch  hinsichtlich  der  gei- 
stigen production  und  insbesondere  der  literatur  l)ehauptet  der  Verfasser 
das  bestehen  einer  ebenso  vollkommenen  einheit  zwischen!  dem  mutter- 
lande und  tochterlande ,  und  er  meint  sogar ,  dass  l)ei  den  fortwährenden 
einwirkungen  des  einen  landes  auf  das  andere  Norwegen  eher  das  vor- 
wiegend gebende  als  das  vorwiegend  empfangende  gewesen  sei,  da  der 
Isländer  zwar  Norwegen  und  seinen  königshof  stets  aufgesucht  habe,  um 
sich  zu  bilden  und  zu  schulen,  und  um  nicht  blos  geschliffenere  sitten, 
sondern  auch  höhere  geistescultur  sich  anzueignen,  der  Norweger  dage- 
gen nie  nach  Island  gekommen  sei  um  m  lernen,  sondern  immer  nur 
um  handel  zu  treiben.  Demgemäss  erkennt  er  zwar  die  grosse  geistige 
regsamkeit  der  Isländer  und  ilire  lust  zum  lernen  sowohl  wie  zur  mit- 
teilung  des  gelernten  an;  er  rühmt  ihnen  auch  eifrige  förderuug  der 
mündlichen  tradition  nach,  und  gesteht  zu,  dass  ihnen  die  schreibkunst 
ziemlich  gleichzeitig  mit  den  Norwegern  zugekommen  sei.  Aber  die 
ganze  richtung  der  geistigen  entwicklung  sei  auf  Island  keine  andere, 
und  das  aufblühen  der  literatur  kein  rascheres  gewesen  als  in  Norwegen ; 
vielmehr  sei  die  insel  in  der  zeit  ihrer  blute  wie  ihres  Verfalles  eben 
nur  dem  vorbilde  des  mutterlandes  gefolg-t,  und  selbst  mit  der  allgemein 
europäischen  cultur  des  Südens  und  westens  nur  durch  dieses  in  Verbin- 
dung gekommen.  Freilich  habe  der  Isländer,  dem  die  heimisclien  Ver- 
hältnisse zu  eng  wurden ,  an  auswärtigen  herrenhöfen  sich  rühm  zu  ver- 
dienen gesucht,  als  dichter,  erzähler  und  später 'auch  Schreiber  so  gut 
wi(i  als  tapferer  kämpfer,  und  die  Übung  habe  ihm  gewautheit,  die 
g.ewanth.eit  hinwiderum  ansehen  verschafft  sogar  in  Norwegen  selber; 
aber  von  der  allgemeinen  geistesbewegung ,  wie  sie  sich  im  mutterlande 
durch  die  tradition  ausspracli ,  habe  sich  seine  sei  es  nun  dicliterische 
oder  erzählende  thätigkeit  zu  keiner .  zeit  abgetrennt.  Für  den  islän- 
dischen skalden  sei  spräche ,  dichtform  und  Vortrag  altnorwegisch  geblie- 
ben, wie  sie  diess  schon  vor  der  entdeckung  Islands  gewesen  waren;  der 
isländische  sagenerzähler  aber  habe  in  Norwegen  über  norwegische  bege= 
benheiten  eben  zumeist  nur  erzählt,  was  er  aus  erster  oder  zweiter  band 
der  norwegisclien  tradition  entnommen  habe,  und  ein  tüchtiges  gedächt- 
nis  sei  neben  der  gäbe,  fliesseiid  widerzugeben  was  in  der  norwegischen 
tradition  schon  eine  „mehr  oder  minder"  bestirnte  form  angenommen 
hatte,  sein  einziges  verdienst  gewesen.  Als  man  dann  später  zu  schrift- 
lichen aufzeichnungen  fortgeschritten  sei,  habe  sicli  das  Verhältnis  der 
Isländer  zu  dem  geistesleben  im  norden  nicht  wesentlich  verändert.  Wie 
früher  das  gedächtnis  und  die  zunge,   so  habe  man  fortan  die  feder  der 

3* 


36  MAURER 

Isländer  benützt,  und  der  unterschied  sei  im  gründe  nur  der  gewesen, 
dass  diese  nunmehr  auch  von  ihrer  heimat  aus  zu  gunsten  des  norwe- 
gisclien  ])uhlikums  thätig  Averden  konnten.  Auf  dieses  bescheidene  mass 
beschränke  sicli  die  vielgepriesene  literarische  Wirksamkeit  der  Isländer, 
und  so  viele  isländische  männer  sich  auch  als  dichter,  sagenerzähler, 
gescliichtsforscher ,  dann  auch  als  saraler  oder  Schreiber  einen  namen 
gemacht  hätten,  könne  doch  ihre  geistige  thätigkeit  immer  nur  als  ein 
einzelner  zweig  der  norwegischen  in  betracht  kommen.  Aber  allerdings 
habe  sich  die  alte  spräche  auf  Island  erhalten,  als  sie  in  Norwegen  ver- 
fallen sei ,  und  habe  man  dort  die  alten  geisteserzeugnisse  noch  abge- 
schrieben, als  hier  der  gebrauch  ihrer  spräche  schon  aufgehört  gehabt 
habe;  ein  eigentümliches  verdienst  um  die  alte  literatur,  welches  den 
Isländern  allein  und  ungeteilt  zukomme,  liege  somit  darin  begründet, 
dass  sie  es  gewesen  seien ,  welche  jene  durch  ihre  treue  pflege  vom  unter- 
gange errettet  hätten.  —  Das  zuletzt  bemerkte  leitet  von  selbst  zu  den 
eigentümlichen  anschauungen  hinüber,  welche  der  Verfasser  über  den 
verfall  der  literatur  im  norden  ausspricht.  Ihren  vollen  glänz  hat  diese 
nach  ihm  nur  so  lange  behauptet,  als  sie  im  dienste  der  mündlichen 
tradition  verblieb ;  dagegen  habe  sie  von  dem  momente  an  zu  kränkeln 
und  hinzusiechen  begonnen,  da  die  schätze  dieser  letzteren  erschöpft  gewe- 
sen seien.  Die  vorboten  einer  krisis  sollen  sicli  bereits  am  aüsgange  des 
13.  und  am  anfange  des  14.  Jahrhunderts  verspüren  lassen.  Der  tradi- 
tionell überkommene  stoft"  sei  damals  bereits  ziemlich  vollständig  aufge- 
zeichnet gewesen;  für  die  neu  entstehenden  geistesproducte  aber  habe 
man,  da  solche  gleich  von  ihrem  Verfasser  nidergeschrieben  oder  dic- 
tiert,  oder  wenigstens,  sowie  sie  nur  erst  im  vortrage  die  nöthige  run- 
dung  erhalten  hatten,  aufgezeichnet  werden  konnten,  natürlich  nicht 
mehr  eine  mehrere  generationen  durchlaufende  mündliche  Überlieferung 
in  anspruch  zu  nehmen  gebraucht.  Die  kraft  der  tradition  sei  bereits  hier- 
durch in  eben  dem  masse  geschwächt  worden,  in  welchem  sich  umgekehrt 
die  persönliche  Verfasserwirksamkeit  gesteigert  habe.  Einen  weiteren 
einfluss  habe  sodann  das  hinübergreifen  nach  ausländischen  Stoffen  geübt. 
Dieses  habe  begonnen,  sowie  man  erst  mit  den  einheimischen  Überliefe- 
rungen weit  genug  vorangekommen  war;  an  der  übersetzerarbeit  aber 
habe  sich  der  volksgeist  selbstverständlich  nicht  betheiligen  können,  und 
sei  diese  nothwendig  ausschliesslich  sache  der  gelehrten  kreise  geblieben. 
EndKch  habe  in  der  gleichen  richtung  auch  noch  das  Umsichgreifen  der 
gelehrten  Schulbildung  gewirkt,  und  das  hierdurch  bedingte  zurücktreten 
des  gemeinen  mannes.  Diesem  punkte  widmet  der  Verfasser  eine  einge- 
hendere betrachtung,  welche  originel  genug  ist,  um  hier  etwas  näher 
berücksichtigt   werden  zu  müssen.     Im  heideutume,   meint  er,  seien  die 


DIE    NORWEG.    ÄUFFASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  37 

häuptlinge  des  Volkes  zugleich  die  hauptträger  der  Überlieferung  in  recht 
und  religion,  geschichte  und  dichtkunst  gewesen,  also  auf  Island  die 
goSar,  in  Norwegen  aber  die  Jiersar  und  später  die  lendirmeun,  dann  vor 
allem  die  könige;  andere  männer  hätten  sich  kraft  inneren  berufes  zu 
ähnlicher  geltung  aufgeschwungen,  und  solche  speJcingar  oder  f'röÖir 
nienn  hätten  dann  nicht  nur  als  unterhaltende  erzähler,  dann  ratgeber 
in  öftentlichen  wie  in  Privatangelegenheiten  des  grösten  ansehen s  genos- 
sen, sondern  auch  als  erzieher  der  Jugend  eine  wichtige  rolle  gespielt. 
Ihre  häuser  seien  die  schulen  gewesen ,  in  welchen  Jurisprudenz ,  geschichte, 
religion  und  poesie  gelehrt  worden  seien,  durchaus  in  praktischer  rich- 
tung  gelernt  und  gelehrt;  von  öifentlichen  Unterrichtsanstalten  dagegen 
zeige  das  heidentum  nicht  die  mindeste  spur.  Der  übertritt  zum  chri- 
stentume  habe  aber  zunächst  schon  die  trennung  des  priestertums  von 
der  weltlichen  häuptlingschaft  hervorgerufen,  und  überdiess  auch  noch 
den  religiösen  Unterricht,  sowie  die  bildung  des  klerus  zur  sache  der 
kirche  gemacht,  da  diese  zur  Währung  ihrer  einheit  notwendig  auf  eine 
gewisse  conformität  mit  dem  anderwärts  üblichen  halten  muste.  Die 
bischöfe  übernahmen  sofort  die  Überwachung  des  religiösen  Unterrichts, 
sowie  die  prüfung  der  angehenden  kleriker,  und  wenn  auch  die  ertei- 
lung  des  Unterrichtes  selbst  zunächst  noch  ganz  Privatsache  einzelner 
qualificierter  geistlicher  blieb ,  so  erhielt  doch  damit  das  geistliche  unter- 
richtswesen  bereits  einen  gewissen  öffentlichen  anstrich,  welcher  in  Ver- 
bindung mit  der  Verschiedenheit  der  Unterrichtsgegenstände  fortan  die 
geistliche  erziehung  von  der  weltlichen  schied,  welche  letztere  nach  wie 
vor  ohne  alle  einmischung  der  geistlichen  gewalt  in  der  altherkömm- 
lichen weise  betrieben  wurde.  Allerdings  konnte  es  auch  jetzt  nocli  vor- 
kommen, dass  ein  weltlich  gebildeter  sich  zugleich  auch  gelehrte  geist- 
liche kenntnisse  erwarb,  oder  dass  umgekehrt  ein  priester  nebenbei  auch 
in  der  Jurisprudenz ,  historik  oder  poesie  sich  tüchtig  zeigte;  beides  wurde 
gern  gesehen  und  hoch  geachtet,  ja  auf  Island,  wo  die  sämtlichen  kir- 
chen  Privatbesitz  waren  und  deren  Inhaber,  um  ihnen  selber  vorstehen 
zu  können,  oft  genug  in  eigener  person  die  priesterweihe  nahmen,  blieb 
die  Vereinigung  beider  arten  des  wissens  sogar  auf  lange  hinaus  ganz 
gewöhnlich.  Aber  doch  muste  jener  gegensatz,  einmal  begründet,  mit 
der  zeit  in  beide  zweige  der  erziehung  eine  ganz  verschiedene  richtung 
bringen.  Bald  forderte  die  weitere  entwicklung  der  kirche  besondere 
schulen,  und  solclie  wurden  denn  auch  auf  Island  wie  in  Norwegen 
zumal  von  den  bischöfen  je  an  ihren  kathedralen  errichtet;  wenn  auch 
ihr  besuch  nicht  erzwungen  und  die  private  ertheilung  des  Unterrichts 
keineswegs  ausgeschlossen  wurde,  bildeten  diese  domschulen  doch  fortan 
den  Schwerpunkt  für  die  gesamte   erziehung  des  klerus,   und  da  für  den 


38  MAURER 

Unterricht  iu  den  weltlichen  Avissenszweigen  durch  keinerlei  ähnliche  ein- 
richtungen  gesorgt  war,,   ergab  sich  bald  ein  sehr  fühlbares  übergemcht 
der   geistlichen  bildung   über   die   weltliche.     Nur  die   klerikale  bildung 
erfreute  sich  fortan  des  ansehens   und  namens  einer  gelehrten,  und  die 
alten  spekingar  büssteu   die   frühere   achtung   ein,   wenn  sie  nicht   etwa 
zugleich   auch   JderJcar  waren,    weshalb  denn  auch  höher  stehende  män- 
ner  im  12.  und  13.  Jahrhundert   vielfältig   um  gelehrte   kenntnisse   sich 
bemühten.     In  den  gelehrten  schulen  aber   wurde  ganz  wie  anderwärts 
nur  auf  latein   und   theologie  werth  gelegt,   und  neben  der  grammatik, 
rhetorik  und   musik    höchstens   noch   dem   kanonischen   recht   und    dem 
kalenderwesen  einige  aufnierksamkeit  geschenkt;  dagegen  fand  weder  die 
nationale   rechtskunde,    noch    die   nationale   geschichtswissenschaft    oder 
dichtkunst  in   dem  herkömmlichen  Schulunterrichte  eine   stelle,   und  die 
letzteren   beiden   disciplinen   zumal,   welchen   nicht   dieselbe  unmittelbar 
practische  bedeutung   inne  Avohnte   wie  jener   ersteren,    musten   in  folge 
dessen  rasch  au  bedeutung  verlieren,  ja  diese  völlig  einbüssen,  sowie  die 
lebendige  teilnähme    des   volks   und  seiner   regenten   an   ihnen  schwand. 
Diess  sei  nun  im   laufe  des  14.  Jahrhunderts  der  fall  gewesen,   und  von 
da  ab  sei  denn  auch   der   sieg  der  gelehrten   Schulbildung  in  Norwegen 
entschieden.     Aber  wenn   der   Übergang  zu    dieser  letzteren   zwar  aller- 
dings  die  entwicklung   des  nationalen  geisteslebens   in  Norwegen  unter- 
drückt haben  soll ,  so  will  doch  unser  Verfasser  dieser  Schulbildung  hier- 
für die  schuld  nicht  beimessen.     Der  Übergang  zu  einer  zeit,  in  welcher 
die  mündliche  Überlieferung  durch  die  schritt  überwuchert  und  verdrängt 
wm-de,  und  da  im  zusammenhange  damit  eine  gebildete  klasse  aus  dem 
übrigen  volke  sich  aussonderte,   um  fortan   die  literatur   als  ihren  aus- 
schliesslichen besitz  an  sich  zu  reissen,  gilt  ihm  als  ein  durchaus  unver- 
meidlicher ;  derselbe  würde  aber  nach  seiner  meinung  unter  gewöhnlichen 
umständen  auch  nur  zu  einer  vorübergehenden  erschlaftung  geführt  haben, 
während   bald   ein  erneuter  fortschritt   mit  einiger  änderung  seines  Cha- 
rakters  und  vielleicht   auch  seiner  richtung  dem  scheinbaren  rückschritt 
gefolgt  wäre.     Auch  habe  sich  die  Schulbildung  der  nationalen  litteratur 
keineswegs    feindselig   gegenübergestellt,     vielmehr    umgekehrt    dieselbe 
gefördert,    durch  erweiterung  und  klärung  der  begrifte  sowohl  als  durch 
Veredelung  und  abschleifung  der  landessprache,   und  was  dieselbe  gehin- 
dert habe ,    selber  mit   der  zeit  ein  nationales  gepräge   anzunehmen ,  sei 
demnach  lediglich   in   umständen   begründet,    die  unabhängig    von   dem 
wollen  ujid  wirken  der  gelehrten  kreise  eingetreten  seien.     Auf  der  einen 
Seite   habe   es    an   höheren   bildungsanstalten  im   lande  gänzlich  gefehlt, 
so  dass     wer  mehr  zu  lernen  wünschte  als  was  die  einheimischen  dom- 
und  klosterschulen  zu  lehren  vermochten ,  ins  ausländ ,  nach  Paris  etwa, 


DIE    NORWEG.    AUFFÄSS.    D.    NOED.    LIT.  -  GESCH.  39 

oder  Orleans,  oder  Bologna  ziehen  muste.  Dieser  mangel  habe  im  ver- 
eine mit  der  abgelegenheit  Norwegens  von  allen  centralsitzen  der  mittel- 
alterlichen gelehrsamkeit  ein  durchaus  ungenügendes  Wachstum  dieser 
letzteren  zur  folge  gehabt,  und  dieselbe  vollends  verhindert,  die  durch 
die  erschlaffung  der  nationalen  literatur  entstandene  lücke  auszufüllen, 
was  ihr  ohnehin  schon  schwer  genug  gemacht  war ,  da  sie  mit  ihrer  gan- 
zen theologisch  -  philosophischen  und  kirchlich -juristischen  richtung  von 
haus  aus  weder  national  noch  gründlich  war.  Auf  der  andern  seite  aber 
sei  die  mit  dem  übergange  von  der  alten  volkstümlichen  zu  der  neuen 
gelehrten  stufe  der  literatm*  nothwendig  verbundene  krisis  für  Norwe- 
gen unglücklicher  weise  in  eine  so  ungünstige  periode  gefallen,  dass  die 
erkrankte  literatur,  statt  neu  belebt  aus  derselben  hervorzugehen,  in 
derselben  nur  ihren  frühzeitigen  tod  habe  finden  können.  Schon  seit  der 
mitte  des  13.  Jahrhunderts  habe  nämlich  der  norwegische  volksgeist 
angefangen  zu  erstarren.  Durch  die  einseitige  machtentfaltung  des  könig- 
tums  sei  die  selbstregierung  im  lande  verkümmert  worden;  der  gemein- 
sinn sei  abhanden  gekommen  und  mit  ihm  jene  schöpferische  kraft  der 
Volkstümlichkeit,  wie  sie  zu  einer  fortentwicklung  der  literatur  in 
nationaler  richtung  nöthig  gewesen  wäre.  Eine  kurze  zeit  noch  habe 
die  protection  der  könige  die  einheimische  litteratur  zu  halten  vermocht; 
mit  dem  tode  des  königs  Häkon  Magnussen  aber  (gest.  1319)  sei  auch 
diese  stütze  weggefallen,  und  die  wenn  auch  zunächst  nur  lose  Verbin- 
dung, in  welche  Norwegen  nunmehr  zu  Schweden,  und  späterhin  auch 
zu  Dänemark  getreten  sei,  habe  dessen  nationalität  vollends  erdrückt. 
Durch  diese  union  nämlich  habe  erst  die  schwedische,  dann  aber  die 
dänische  spräche  in  Norwegen  eingang  gefunden,  und  auf  die  dortige 
Schriftsprache  einfluss  gewonnen.  Begünstigt  durch  die  bemühungen  der 
machthaber,  die  drei  verbundenen  Völker  zu  voller  nationaler  einheit  zu 
verschmelzen ,  und  nicht  gehemmt  durch  irgend  welchen  nationalen  Avider- 
stand  des  immer  tiefer  sinkenden  Volkes,  habe  der  verfall  der  einheimi- 
schen spräche  in  Norwegen  bereits  um  die  mitte  des  14.  Jahrhunderts 
l)egonnen  und  an  dessen  schluss  überhand  genommen,  um  im  laufe  des 
15.  Jahrhunderts  mit  deren  völligem  verkommen  als  Schriftsprache  zu 
endigen.  Bis  gegen  den  anfang  dieses  letzteren  Jahrhunderts  hin  habe  sich 
zunächst  neben  der  dänischen  mid  schwedischen  Schriftsprache,  welche 
sich  damals  bereits  aus  den  ursprünglichen  dialektsprachen  zu  einheit- 
licher gestaltung  emporgearbeitet  gehabt  hätten,  dann  neben  der  auf 
Island  und  annähernd  rein  auch  Avohl  im  gebrauch  einzelner  Norweger 
fortbestehenden  altnorwegischen  spräche,  auch  noch  eine  neunorwegische 
herangebildet,  welche  erst  in  schwedischer,  später  aber  in  dänischer 
richtung  von  jener  abweichend ,  die  eigentliche  officielle  spräche  im  nor- 


40  M AUßER 

wegischen  reiche  geworden  sei,  und  wenn  zwar  Schweden  aus  der  union 
noch  rechtzeitig  ausgeschieden  sei,  um  seine  spräche  vor  den  Wirkungen 
jenes  verschmelzungsprocesses  retten  zu  können,  habe  doch  Norwegen ,  in 
der  Verbindung  mit  Dänemark  verbleibend ,  demselben  nicht  zu  widerstehen 
vermoclit ;  die  dänische  spräche  habe  sich  auch  in  Norwegen  zur  Schrift- 
sprache emporgeschwungen,  und  wenn  zwar  Norwegen  den  wortvorrat 
dieser  ihm  fortan  mit  Dänemark  gemeinsamen  Schriftsprache  auch  sei- 
nerseits vielfach  bereichert ,  und  zumal  eine  noch  durchgreifendere  Ver- 
deutschung erfolgreich  von  derselben  abgewehrt  habe,  so  sei  eben  doch 
deren  vocalsystem  und  deren  ganze  grammatische  form  im  altdänischen, 
nicht  im  altnorwegischen  begründet.  Im  zusammenhange  mit  dem  ver- 
falle der  einheimischen  Schriftsprache  sei  dann  auch  jene  sonderung  der 
dialekte  bezüglich  der  redesprache  eingetreten ,  welche  sich  in  Norwegen 
mit  der  mitte  des  14,  Jahrhunderts  bemerklich  mache,  und  welche  i'.och 
jetzt  daselbst  bestehe;  mit  jenem  durch  die  allgemeine  erschlaffuug  des 
norwegischen  volksgeistes  ermöglichten  verfalle  der  einheimischen  Schrift- 
sprache sei  andererseits  natürlich  auch  der  völlige  und  endgiltige  unter- 
gang  der  einheimischen  literatur  entschieden  gewesen,  und  müsse  dem- 
nach mit  ihm  die  alte,  nationale  periode  der  norwegischen  literatur- 
geschichte  als  abgeschlossen,  dagegen  eine  neue,  durch  dänische  einflüsse 
bestimmte  als  eröffnet  betrachtet  werden.  Das  zusammentreffen  also  jener 
anderweitigen  so  ungünstigen  umstände  mit  der  oben  besprochenen  inne- 
ren krisis  der  literargeschichtlichen  entwicklung  des  landes  sei  es  gewe- 
sen, welches  den  traurigen  verlauf  dieser  letzteren  zur  folge  gehabt  habe.  — 
Etwas  anders ,  meint  der  Verfasser ,  sei  die  sache  freilich  auf  Island 
gegangen.  Allerdings  sei  auch  hier  die  literarische  thätigkeit  mit  dem 
Schlüsse  des  14.  Jahrhunderts  ins  ötocken  gerathen,  und  seit  dem  anfange 
des  15.  Jahrhunderts  vollends  habe  man  sich  hier  fast  nur  noch  mit  dem 
abschreiben  älterer  werke  befasst;  wogegen  die  originalproducte  aus  die- 
ser zeit  nur  wenig  zahlreich  und  ohne  aUe  bedeutung  seien.  Aber  die 
abgesonderte  läge  sowohl  als  die  politische  bedeutimgslosigkeit  der  insel 
habe  diese  vor  fremden  einflüssen  geschützt,  und  hier  habe  sich  somit 
die  alte  spräche  erhalten  können;  jene  Stockung  im  nationalen  und  gei- 
stigen leben  sei  darum  für  Island  nur  eine  vorübergehende  gewesen,  und 
als  im  16.  Jahrhundert  die  mit  der  reformation  zusammenhängende  bewe- 
gung  auch  dieses  land  zu  neuem  leben  erweckte ,  sei  sofort  auch  die  hier 
erhaltene  norwegische  spräche  Avieder  in  den  dienst  der  wiedererwachen- 
den literarischen  thätigkeit  getreten.  Aber  diese  neuere  literatur  in  der 
alten  spräche  sei  eine  ausschliesslich  isländische ,  und  gehe  Norwegen 
nichts  mehr  an;  eben  darum  falle  sie  auch  über  des  Verfassers  aufgäbe 
ganz  und  gar  hinaus. 


DIE   NORWEG.   AÜFFASS,    D,   NORD.   LIT. -GESCH.  41 

So  der  Verfasser.  Wende  icli  mich  nunmehr  zu  einer  erörterung 
der  haltbarkeit  seiner  neuen  aufstellungen ,  so  glaube  ich  am  besten  zu 
thun,  wenn  ich  den  von  ihm  befolgten  gedankengang  völlig  verlasse, 
und  als  ausgangspunkt  für  meine  besprechung  seine  äusserungen  über 
das  Verhältnis  Norwegens  zu  den  übrigen  ländern  des  ger- 
manischen uordens  in  bezug  auf  spräche  und  literatur 
wähle.  Da  kann  ich  mich  nun  zunächst  mit  seiner  auseinandersetzmig 
über  das  Verhältnis  der  Nordgermanen  zu  den  Südgermanen,  dann  des 
norwegischen  zweiges  der  ersteren  zu  dem  schwedischen  und  dänischen 
vollkommen  einverstanden  erklären ,  und  zumal  das  ausschliessliche  anrecht 
des  ersteren  auf  die  gesamte  sogenannte  altnordische  literatur  erkenne 
auch  ich  als  durchaus  begründet  an ;  nur  möchte  ich  gegen  eine  gewisse 
überhebung  des  norwegischen  Selbstgefühles  einspräche  erheben,  welche 
sich  den  dänischen  und  schwedischen  nachbarn  gegenüber  in  nebenpunk- 
ten gelegentlich  bei  ihm  geltend  macht.  Warum  soll  z.  b.  gerade  die 
norwegische  spiache  der  gemeinsamen  Ursprache  treuer  geblieben  sein 
als  die  schwedische  und  dänische,  während  doch  diese  letzteren  unver- 
kennbar in  ihren  lautverhältnissen  mehrfach  dem  südgermanischen  sprach- 
zweige, und  somit  doch  wohl  auch  der  mit  diesem  gemeinsamen  grund- 
sprache ,  näher  stehen  ?  Warum  sollen  ferner  gerade  die  Norweger  im 
besitze  der  reichsten  und  unverfälschtesten  Überlieferungen  aus  der  Vor- 
zeit gewesen  sein ,  und  zwar  nicht  nur  im  vergleiche  zu  dem  mischvolke 
der  Dänen,  sondern  auch  gegenüber  dem  kernvolke  der  Schweden?  Auf 
die  grössere  reinheit  ihres  blutes  sich  zu  berufen ,  wie  der  Verfasser  diess 
öfters  thut ,  scheint  denn  doch  mislich ,  da  selbst  nach  allem  dem ,  was 
derselbe  in  einer  früheren  arbeit  über  diesen  punkt  ausgeführt  hat^),  die 
frage  nach  der  existenz  und  beschaflenheit  der  Urbevölkerung  in  den  ver- 
schiedenen teilen  der  skandinavischen  halbinsel  immerhin  noch  eine  sehr 
problematische  bleibt;  überdiess  will  mir  scheinen,  als  ob  eine  vergiei- 
chung  der  rechtsordnung  wenigstens  der  drei  nordischen  stamme  eher 
für  den  schwedischen  als  für  den  norwegischen  die  Vermutung  zäheren 
festhaltens  an  der  alten  Überlieferung  begründen  würde.  —  Principiel- 
leren  bedenken  dürfte  aber  die  art  unterliegen,  wie  der  Verfasser  sich 
über  das  Verhältnis  der  Isländer  zu  den  Norwegern  ausspricht, 
und  will  mir  wenigstens  seine  desfallsige  auseinandersetzung  in  allen 
ihren  einzelnen  teilen  ganz  und  gar  nicht  einleuchten.  Was  zunächst 
die  spräche  betrifft,  so  will  ich  dahingestellt  lassen,  ob  die  dialektbil- 
dung  wirklich  in  der  älteren  zeit  in  Schweden  und  Dänemark  weiter  vor- 
geschritten gewesen  sei  als  in  Norwegen ,  und  nur  im  vorbeigehen  möchte 

1)  vgl.  Saralinger,  VI,  s.  450  —  62. 


42  MAURER 

ich  daniuf  hingewiesen  haben,  dass  Munch*)  umgekehrt  eine  einheitliche 
Sprache  in  den  sämtlichen  altschwedischen  Sprachdenkmälern  mit  einzi- 
ger ausnähme  des  Gutalag  als  „unleugbar"  vorhanden  betrachtet,  und 
nicht  minder  auf  dänischem  gebiete  nur  den  dialekt  des  Jytske  Lov  vou 
dem  der  seeländischen  und  schouischen  rechtsbücher  abgetrennt  Avissen 
will.  Ebenso  lasse  ich  uuerörtert,  ob  die  vorhandenen  älteren  aufzeich- 
nungen  norwegischen  Ursprungs  wirklich  keinerlei  dialektische  Verschie- 
denheiten zeigen ,  eine  frage ,  die  ganz  und  gar  nicht  leicht  zu  erledigen 
ist,  da  ausser  ein  paar  wenig  umfangreichen  bruchstücken  von  rechts- 
büchern  und  einigen  wenigen  Urkunden  keine  Schriftwerke  erhalten  zu 
sein  scheinen,  deren  herkunft  aus  der  östlichen  reichshälfte ,  aus  den 
hochlanden  also  oder  aus  Vigen,  sich  auch  nur  annähernd  sicherstellen 
Hesse,  Endlich  will  ich  auch  nur  angedeutet  haben ,  dass  die  abweichun- 
gen,  welche  die  ältere  isländische  spräche  von  der  norwegischen  zeigt, 
doch  wol  etwas  bedeutender  und  principieller  sein  dürften  als  dies  der 
Verfasser  wort  haben  will.  Zugegeben  nämlich ,  dass  blosse  Verschieden- 
heiten in  der  betonung  und  in  der  ausspräche  einzelner  laute,  dann  im 
gebrauche  dieser  oder  jener  Wörter  zur  begründung  einer  dialektverschie- 
deuheit  noch  nicht  genügen ,  dass  es  vielmehr ,  um  eine  solche  annehmen 
zu  können ,  feststehender  unterschiede  in  den  lautübergängen ,  den  fiexions- 
formen,  der  woi-tbildung  oder  anderen  wesentlichen  theilen  der  formen- 
lehi'e  bedürfe ,  so  fragt  sich  eben  doch ,  ob  nicht  unterschiede  dieser  letz- 
teren art  zwischen  der  isländischen  und  norwegischen  spräche  sich  nach- 
weisen lassen,  und  zwar  unterschiede,  welche  ganz  in  derselben  weise 
auf  eine  dem  schwedischen  und  dänischen  näher  stehende  gestalt  der 
norwegischen  Ursprache  zu  schliessen  erlauben,  wie  widerum  die  ver- 
gleichung  der  norwegisch  -  isländischen  spräche  mit  der  schwedisch  -  däni- 
schen auf  eine  noch  ältere,  den  sämtlichen  Nordgermanen  gemeinsame 
sprachstufe  zurückschliessen  lässt,  welche  diese  mit  der  gemeinsamen 
ui'sprache  der  Südgermanen  in  nähere  Verbindung  setzt.  2)  Ein  genaueres 
eingehen  auf  diesen   punkt  unterlasse    ich  schon  darum,   weil   bei   der 

1)  Forn-  Swenskans  och  Forn-  Norskans  Sx>rukhy(jgnacl ,  s.  XLI-XLII. 

2)  Hiefür  nur  ein  paar  beispiele.  Während  die  schwedisch  -  dänische  spräche 
das  vr  im  anlaute  festhält,  welches  die  norwegisch -isländische  schon  sehr  frühzeitig 
fallen  gelassen  hat,  hält  umgekehrt  die  isländische  spräche  das  anlautende  hl,  hr, 
hn  fest,  welches  das  schwedisch -dänische  nicht  bewahrt  hat;  in  Noi-wegen  aber 
schrieb  man  unbedenklich  ganz  me  in  Schweden  oder  Dänemark  auch  im  anlaute  ein 
blosses  1  oder  r.  Den  tiexionsuinlaut ,  vermöge  dessen  ein  nachfolgendes  u  das  vor- 
hergehende a  in  ö  verwandelt,  kennt  das  schwedische  und  dänische  nicht;  im  islän- 
dischen dagegen  ist  er,  freilich  me  es  scheint  erst  seit  dem  11.  Jahrhunderte,  völlig 
durchgedrungen,  und  im  norwegischen  zeigt  sich  ein  schwanken,  doch  so,  dass  der 
umlaut  häufiger  zu  fehlen  scheint.    Die  Verwandlung  des  a  zu  u ,  welche  das  Isländi- 


DIE    NORWEG.    AUFFASS.    D.    NORD,    LIT. -GESCH.  43 

geringen  zahl  von  liandschril'ten ,  welche  in  buchstäblichem  abdrucke  ver- 
öffentlicht sind,  und  bei  der  Unmöglichkeit,  eine  grössere  menge  von 
solchen  persönlich  einzusehen ,  von  mir  um  so  weniger  sichere  ergebnisse 
gewonnen  werden  könnten,  je  grösser  einerseits  das  schwanken  der  nor- 
wegischen handschriften  in  solchen  fällen  zu  sein  pflegt,  und  je  häufiger 
andererseits  die  isländischen  handschriften  des  14.  und  15.  Jahrhunderts 
dem  norwegischen  brauche  sich  fügen.  Um  so  entschiedener  muss  icli 
dagegen  den  anderen  umstand  betonen ,  dass ,  die  richtigkeit  der  behaup- 
tung  zugegeben,  dass  in  den  aus  Island  und  in  den  aus  den  verschie- 
denen Provinzen  Norwegens  stammenden  aufzeichnungen  die  spräche  eine 
wesentlich  gleiche  sei,  damit  doch  immerhin  nur  die  gleichheit  der 
Schriftsprache,  nicht  aber  auch  die  gleichheit  der  redesprache  als  bewie- 
sen gelten  könnte.  Trotz  aller  ausführungen  des  Verfassers  erscheint  es 
mir  schon  von  vornherein  als  undenkbar,  dass  bis  ins  14.  Jahrhundert 
herab  alle  dialektbildung  in  Norwegen  gefehlt  habe.  Mag  man  nun  mit 
Keyser^)  annehmen,  dass  der  norwegische  stamm  bereits  vor  Christi 
geburt  das  ganze  Norwegen  in  besitz  genommen  habe ,  oder  mit  Munch^) 
dafür  halten,  dass  nur  die  feste  begründung  dieses  besitzstandes  um  das 
jähr  500  n.  Chr.  gewiss ,  und  jeder  auf  eine  frühere  zeit  gezogene  schluss 
als  unsicher  anzusehen  sei,  immer  würde  sich  bis  in  das  genannte  Jahr- 
hundert herab  wenigstens  noch  eine  periode  von  8  —  900  jähren  ergeben, 
während  deren  das  volk  in  seinen  jetzigen  Wohnsitzen  gesessen  sein 
niüste,  ohne  dass  sich  in  dieser  langen  frist  irgend  welche  dialektbil- 
dung ergeben  hätte,  und  zwar  ein  volk,  welches  sogar  heutiges  tages 
noch  auf  einem  areale  von  5800  Dmeilen  nur  etwa  anderthalb  millionen 
Seelen  zählt!  Allerdings  meint  unser  Verfasser,  das  beispiel  von  Island, 
welches  bei  einem  flächenraume  von  ungefähr  1870  Dm.  auch  nur  etwa 
70,000  einwohner  zählt,  und  dennoch  in  den  nahezu  1000  jähren,  wäh- 
rend deren  es  bewohnt  ist,  ebenfalls  nur  sehr  dürftige  spuren  von  dia- 
lektverschiedenheiten  hervorgebracht  hat,  zeige,  dass  selbst  bei  einer 
über  weite  strecken  zerstreuten  und  spärlichen  bevölkerung  die  entste- 
hung  von  solchen  wol  auf  lauge  dauer  unterbleiben  könne;  aber  dieses 
beispil  will  in  keiner  weise  zutreffen.  In  Norwegen  ist  von  alters  her 
der  ackerbau  eine  hauptnahrungsquelle  des  volkes  gewesen,  und  auf  die 
Verschiedenheit  der  besitzrechte  an  grund  und  boden  war  darum  hier 
schon  in  der  ältesten  nachweisbaren  zeit  die  abstufung  der  verschiedenen 
volksklassen  gebaut;     ein  zähes   festhalten    der  einzelnen    familien   am 

sehe  iu  ableitungssilben   durch  ein   nachfolgendes  u  bewirken   lässt,    kennt  vollends 
auch  das  norwegische  ganz  und    gar  nicht.     U.  dgl.  lu. 

1)  Samlinger,  VI,  s.  440—41,  und  460  —  61. 

2)  Det  norske  Falks  Historie,  I,  l,  s.  lOB. 


44  MAURER 

ererbten  grundbesitze  Avar  liiervon  die  natürliche  folge,  und  dieses  spricht 
sich  denn  auch  sehr  klar  in  dem  Institute  des  ööal  aus,  dessen  begriff 
ursprünglich  ein  grundstück  voraussetzt,  welches  schon  mindestens 
fünf  geuerationen  hindurch  in  absteigender  linie  vererbt  worden  ist ,  wäh- 
rend andererseits  auf  dem  besitze  eines  solchen  der  anteil  an  dem 
hoch  geachteten  stände  der  hol  dar  beruht.  Auf  Island  dagegen  war  der 
feldbau  nie  von  irgend  welcher  bedeutuug,  vielmehr  von  jeher  neben 
dem  fischfange  die  Viehzucht  die  wichtigste  nahrungsquelle  des  volkes; 
daher  denn  auch  keinerlei  einfluss  der  grundbesitzverhältnisse  auf  die 
gliederimg  der  stände ,  keine  spur  von  öbal  im  rechte  des  freistaats ,  und 
bis  auf  den  heutigen  tag  herab  kein  gedanke  an  jene  anhänglichkeit  des 
bauern  an  die  ererbte  schölle,  oder  an  jenes  stolze  Selbstgefühl  des 
grundeigentümers  gegenüber  dem  blossen  pachtbesitzer ,  welche  uns  beide 
so  sehr  natürlich  scheinen.  Noch  gegenwärtig  wechselt  der  isländische 
bauer  seinen  besitz  und  seine  niederlassung  ohne  das  geringste  beden- 
ken, ganz  wie  es  ihm  der  augenblickliche  vorteil  mit  sich  zu  bringen 
scheint,  und  die  ., fahrtage"  sind  von  nicht  geringerer  bedeutung  für  die 
hauswirthe  selbst  als  für  ihre  dienstleute.  Die  bevölkerung  ist  demge- 
mäss  in  steter  boAvegung,  und  kein  bezii'k  der  insel  hat  auf  die  dauer 
seine  geschlossene  einwohnerschaft ;  vielmehr  ist  der  Übergang  von  ein- 
zelnen wie  von  ganzen  familien  aus  einem  landesviertel  in  das  andere 
noch  heute  ganz  ebenso  geAvöhnlich ,  wie  er  diess  nach  dem  Zeugnisse 
unserer  geschichts quellen  bereits  von  der  zeit  der  ersten  einwanderung 
an  gewesen  war.  Ferner ,  kaum  60  jähre  nach  dem  beginne  der  nieder- 
lassungen  auf  Island  einigten  sich  hier  die  häuptUnge ,  welche  an  der 
spitze  der  einzelnen  ausiedelungeu  standen,  über  die  annähme  eines 
gemeinsamen  landrechtes ,  sowie  über  die  bestellung  gemeinsamer  gerichte 
und  einer  gemeinsamen  legislative;  ein  einheitlicher  staat  Avar  damit 
gegründet,  welcher  das  land  politisch  und  rechtlich  als  eine  einheit 
erscheinen  liess,  mochte  auch  das  mass  seiner  consistenz  und  centralisation 
ein  noch  so  geringes  sein.  In  Norwegen  dagegen  standen  sich  Jahrhunderte 
lang  25  —  30  unverbundene  laudschaften  als  ebenso  viele  selbständige 
Staaten  gegenüber,  und  nur  sehr  allmälig  entstanden  die  grösseren  ver- 
bände der  landschaft  prdndheimur ,  des  Gidaping ,  Eibslfjap'mg  und  des 
Borgarping ,  an  Avelche  sich  dann  nach  und  nach  auch  die  länger  für  sich 
stehenden  volklande  anschlössen.  Auch  die  durch  Harald  härfagri  begrün- 
dete alleinherrschaft  gewann  nicht  sofort  bleibenden  bestand;  vielmehr 
muste  dieselbe  noch  bis  auf  die.  zeit  des  heiligen  Olafs  herab  oft  genug 
der  Vielherrschaft  Aveichen,  und  die  hochlande  zumal  standen  Aviderholt 
sogar  unter  schwedischer  Oberhoheit,  was  nicht  ohne  einfluss  auf  deren 
rechtsverfassung  geblieben  zu  sein  scheint.     Endlich  betrachtete  sich  jedes 


DIE    NORWEÜ.    AUFPASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  45 

einzelne  volkland,  oder  doch  jeder  einzelne  dingbezirk  selbst  noch  nach 
völliger  sicherstelliing  der  reichseinheit  als  ein  geschlossenes  ganzes ,  und 
hatte  sein  besonderes  recht  für  sich,  bis  endlich  in  der  zweiten  hälfte 
des  13.  Jahrhunderts  ein  für  das  ganze  reich  gemeinsames  landrecht  ent- 
stand, und  dieser  Verschiedenheit  der  provinzialrechte  ein  ende  machte. 
Es  begreift  sich,  dass  bei  jener  beweglichkeit  der  bevölkeruiig  und  jener 
frühen  ausbildung  eines  einlieitlichen  Staates  mit  einheitlicher  rechtsord- 
nung  dialekte  sich  auf  Island  nicht  ausbilden,  oder  selbst,  wenn  bei  der 
einwanderung  vorhanden,  nicht  auf  die  dauer  erhalten  konnten,  zumal 
da  die  frühzeitige  und  kräftige  entwicklung  einer  gemeinsamen  Schrift- 
sprache auch  ihrerseits  jeder  Zersplitterung  der  redesprache  entgegentre- 
ten muste;  allein  was  beweist  diess  für  Norwegen,  wo  die  sesshaftigkeit 
der  bauerschaft,  die  politische  Zerrissenheit  des  landes  und  die  trotz  der 
endlichen  bildung  eines  gesamtstaates  noch  lange  fortdauernde  Isolierung 
der  einzelnen  provinzen  jeder  Verschmelzung  der  bevölkerung  die  ernste- 
sten hemmnisse  bereitete?  Sollte  hier  wirklich  eine  nahezu  vier  Jahr- 
hunderte dauernde  völlige,  und  eine  ziemlich  ebenso  lange  währende 
halbe  Isolierung  der  einzelnen  landesteile  nicht  im  stände  gewesen  sein, 
jene  dialektbildung  zu  erzeugen,  welche  dann  hinterher  innerhalb  einer 
frist  von  kaum  150  jähren  der  blosse  einfluss  einer  lockern  politischen 
verbmdung  mit  Schweden  und  Dänemark,  und  die  auf  deren  erhaltung 
gerichtete  speculation  einiger  Unionskönige  zu  stände  gebracht  hätte, 
und  diess,  obwohl  während  des  weitaus  grösseren  teiles  jener  erstereu 
periode  der  Spracheinheit  die  mächtige  stütze  einer  Schriftsprache  völlig 
gefehlt  hatte,  welche  ihr  doch  während  dieser  zweiten  periode  schützend 
zur  Seite  stand?  Da  ist  denn  doch  die  umgekehrte  annähme  ungleich 
wahrscheinlicher,  dass  die  sonderung  der  dialekte  in  Norwegen  eine  weit 
ältere  gewesen,  und  dass  die  Schriftsprache  daselbst  zu  dem  »grade  von 
einheitlichkeit ,  welchen  sie  überhaupt  zeigt,  nur  durch  ihren  anschluss 
an  eine  einzebie  unter  diesen  mundarten  gelangt  sei,  woneben  natürlich 
ein  untergeordneter  einfluss  anderer  mundarten  auf  die  einzelnen  Schrift- 
werke je  nach  ihrem  entstehungsorte  recht  wol  bestehen  kann;  ganz 
ebenso  ist  ja  für  das  angelsächsiche  der  westsächsische,  für  das  mittelhoch- 
deutsche der  alemannisch  -  schwäbische ,  und  für  das  neuhochdeutsche  der 
obersächsische  dialekt  vorzugsweise  bestimmend  geworden,  während  au 
so  mancherlei  mitunterlaufenden  Provinzialismen  doch  immerhin  zumeist 
noch  zu  erkennen  steht,  ob  eine  einzelne  aufzeichnung  in  diesem  oder 
jenem  teile  des  gesamtlandes  entstanden  sei.  Auffällig  bleibt  freilich 
auch  so  noch  die  andere  tliatsache,  dass  die  norwegische  Schriftsprache 
bis  ins  14.  Jahrhundert  herab  bis  auf  jene  oben  besprochenen,  doch 
immerhin  nur  vereinzelten  ditt'erenzen  auch  mit  der  isländischen   zusam- 


46  MAUREK 

menfiel;  ihre  erklärung  glaube  icli  iiulessen  einfach  in  dem  umstände 
suchen  vai  sollen ,  dass  die  schriftspraclie  sich  auf  Island  zuerst  feststellte, 
und   von   hier  aus   erst   nach  Norwegen   übertragen  wurde. 

Der  beweis  der  letzteren  thesis  nötigt  mich ,  auf  die  anfange  der 
isländischen  wie  der  norwegischen  Literatur  in  etwas  anderem 
sinne  einzugehen ,  als  in  welchem  diess  von  unserem  Verfasser  geschehen  ist. 
Wir  wissen  aber  mit  voller  bestimtheit,  dass  auf  Island  in  den  Jahren 
1117  — 18  das  unter  dem  namen  der  HafliÖasJcrd  bekannte  rechtsbuch, 
und  dass  nur  wenige  jähre  später  daselbst  das  ältere  christenrecht  auf- 
gezeichnet wurde;  überdiess  steht  zu  vermuten,  dass  auch  schon  das  im 
jähre  1096  entstandene  zehntgesetz  sofort  nidergeschrieben  worden  sein 
Averde.  Dass  Ari  hinn  frööi  (geb.  1068,  gest.  1148)  sein  Isländerbuch  in 
den  Jahren  1122  —  33  verfasste,  erfahren  wir  ferner  aus  seinem  eigenen 
munde,  und  wenn  nicht  innerhalb  derselben  frist,  so  doch  nur  um  wenige 
jähre  später  muss  dasselbe  von  ihm  zu  dem  uns  allein  erhaltenen  Islän- 
derbüchlein umgearbeitet  worden  sein ;  ausdrücklich  wird  uns  aber  gesagt, 
dass  Ari  der  erste  Isländer  gewesen  sei ,  welcher  in  einheimischer  spräche 
über  geschichte  geschrieben  habe.  Widerum  erzählt  uns  die  vorrede, 
welche  den  grammatischen  traktaten  in  der  jüngeren  Edda  vorausgesetzt 
ist ,  dass  eben  dieser  Ari ,  sowie  pöroddur  rünameistari ,  für  die  einhei- 
mische spräche  zuerst  ein  aiphabet  construiert  hätten,  welches  einerseits 
an  die  16  zeichen  der  alten  runenschrift,  und  andererseits  an  das  latei- 
nische aiphabet,  wie  man  es  beim  Priscianus  fand,  sich  angelehnt,  jedoch 
ungleich  zahlreichere  lautzeichen  als  dieses  letztere  enthalten  habe.  Wir 
dürfen  wol  unbedenklich  jenen  pörodd  für  identisch  mit  einem  J)öroddur 
Gamlason  halten,  welcher  im  ersten  viertel  des  12.  Jahrhunderts  für  den 
bischof  Jon  Ögmundarson  die  domkirche  zu  Hölar  baute ,  und  welcher 
während  dieser  bauführung  durch  gelegentliches  zuhören  bei  dem  den  dom- 
schülern  erteilten  unterrichte  sich  tüchtige  kenntnisse  m  der  grammatik 
erworben  haben  soll;  er  wird  sich  demnach  mit  dem  isländischen  alphabete 
wol  erst  etwas  später  als  Ari  befasst  haben,  und  da  in  dem  ersten  der 
auf  jenes  vorwort  folgenden  traktate  wirklich  der  versuch  gemacht  wird, 
das  lateinische  aiphabet  der  isländischen  spräche  anzupassen,  und  deren 
grösserem  lautreichtume  teils  durch  aufnähme  neuer  zeichen,  wie  etwa 
des  runischen  \) ,  teils  aber  durch  den  alten  beigefügte  punkte  und  striche 
gerecht  zu  werden,  dürfen  wir  wol  gerade  in  dieser  abhandluug  eine 
von  pörodd  herrührende  Überarbeitung  jener  älteren  versuche  Aris  erken- 
nen. Möge  übrigens  pöroddur  oder  irgend  ein  anderer  gleichzeitiger 
Isländer  diese  schrift  verfasst  haben,  jedenfalls  ist  deren  angäbe  wol  zu 
beachten,  dass  man  eben  erst  angefangen  habe  hi  der  isländischen  mut- 
tersprache  zu  schi-eiben ,  und  zu  beachten  auch ,  dass  der  Verfasser  neben 


DIE   NORWEG.    AUFFASS.    ü.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  47 

den  Schriften  Aris  nur  gesetze,  genealogische  aufzeichnungen  und  Über- 
setzungen kirchlicher  stücke  als  bereits  vorhanden  nennt.  Da  derselbe 
andererseits  seinen  versuch  einer  anpassung  des  lateinischen  alphabetes  an 
die  isländische  spräche  nur  durch  die  berufung  auf  das  beispil  der  stamm- 
verwanten  Engländer  zu  rechtfertigen  sucht,  ohne  der  Norweger  auch 
nur  mit  einem  worte  zu  gedenken,  so  ist  denn  doch  klar,  dass  zwar  auf 
Island  am  anfange  des  12.  Jahrhunderts  eine  Schriftsprache  sich  festzu- 
stellen und  eine  literatur  sich  zu  bilden  begann,  dass  aber  in  NorAvegen 
dazumal  von  beideni  nocli  ganz  und  gar  nicht  die  rede  war.  Man  wird 
sich  freilich  dieser  Schlussfolgerung  gegenüber  auf  die  gesetze  berufen 
wollen,  welche  der  heilige  Olaf  (gest.  1030)  in  der  landessprache  habe 
schreiben  lassen^),  oder  auf  das  dem  guten  Magnus  (gest.  1047)  zuge- 
schriebene gesetzbuch,  welches  man  noch  im  13.  Jahrhundert  in  Dront- 
heim  unter  dem  namen  der  Grdgds  aufbewahrt  haben  solP) ;  aber  beide 
legislationen  sind  einigermassen  apokryph ,  und  somit  nicht  geeignet  jenen 
einwand  zu  stützen.  Allerdings  rühmt  eine  reihe  von  quellen  die  legis- 
lative thätigkeit  könig  Olafs ,  der  ein  dienstmannenrecht  erlassen ,  die  von 
könig  Hakon  Aöalsteinsföstri  gegebenen  Frostaphigslöy  revidiert  und  auch 
mit  dem  rechte  der  hochlande  sich  beschäftigt,  endlich  mit  bischof 
Grimkels  beirat  das  christenrecht  geordnet  haben  solP),  und  auf  ein- 
zelne von  ihm  und  bischof  Grimkell  erlassene  bestimmungen  berufen  sich 
sogar  gelegentlich  die  norwegischen  legalquellen. '^)  Aber  mit  einziger 
ausnähme  des  mönches  Theodorich  nennt  keine  einzige  dieser  quellen  die 
spräche,  in  welcher  der  könig  seine  gesetze  erlassen  habe,  und  sogar 
von  deren  schriftlicher  aufzeichnung  wissen  ausser  ihm  nur  noch  ein 
paar  von  Langebek  mitgetheilte  kirchliche  stücke  und  vielleicht  der  däni- 
sche Saxo.  Bedenkt  man  nun,  dass  nicht  nur  von  diesem  letzteren,  son- 
dern aucli  von  Theodorich,  von  der  Fagurskinna  und  von  dem  altnor- 
wegisclien  liomilienbuche    ausdrücklich    die  fortdauernde    geltung   dieser 

1)  So  nach  dem  mönche  Theodorich,  cap.  16,  bei  Langebek,  scrijjt.  rer.  Dan., 
V,  s.  324. 

2)  Nach  der  Heimskrmgla ,  Magnüss  s.  göSa,  cap.  17,  s.  23  der  folii)ausgabe, 
und  nach  der  Sverris^s.,  cap.  117,  in  den  FMS.,  VIII,  s.  277. 

3)  Heiniftlcr.,  Olafs  s.  em  helga ,  cap.  55  und  56,- dann  120,  s.  60—61  und 
179;  gefichichtliche  sage,  cap.  43  und  101,  s.  43  —  44  und  s.  110,  dann  FMS.,  IV, 
cap.  58  und  109,  s.  108  —  9  und  250,  sowie  FhUeyjarbök ,  11,  s.  48  und  192.  Fer- 
ner die  legendarische  sage,  ca]).  31,  s.  23,  und  die  Fagurskinna,  §.  98,  s.  79. 
Endlich  die  Gammelnorsk  Howiliebog,  s.  147 — 48,  das  Fornswenskt  legendarium, 
I ,  s.  862 ,  das  stück  de  S.  Olavo ,  das  lübische  Passionale  und  das  Breviarium  Nidro- 
.s/ewse  (diese  drei  bei  Langebek ,  II,  s.  530  — 31,  .'jSö  und  542) ,  sowie  den  Saxo  Gram - 
maticus,  X,  s.  514  — 15. 

4)  Gulap.  L.,  §.  10,  15  und  17,  Frostap.  L.,  III.  §.  1. 


48  MAURER 

gesetze  betont  wird,  und  dass  nicht  nur  jene  vorerwähnten  kirchlichen 
stücke  mit  diesem  homilienbuche  augenscheinlich  aus  derselben  quelle 
geflossen  sind ,  sondern  auch  Theodorich  ,  und  wohl  auch  die  Fagurskinna 
und  Saxo  ähnliche  kirchliche  aufzeichuungen  vor  sich  gehabt  haben 
mögen,  so  liegt  die  annähme  nahe  genug,  dass  jene  fortdauernde  gel- 
tung  der  gesetze  Olafs,  von  der  solche  ältere  kirchliche  quellen  gespro- 
chen liatten,  ursprünglich  nur  auf  deren  materiellen  Inhalt  hatte  bezo- 
gen werden  wollen ,  welcher  sich  ja  wirklich ,  wie  jene  citate  in  den  spä- 
teren rechtsbüchern  zeigen,  bis  in  das  12.  und  13.  Jahrhundert  guten- 
teils  vererbte,  und  dass  erst  hinterher  einzelne  bearbeiter  jener  älteren 
notizen  aus  misverstand  die  zu  ihrer  zeit  wirklich  vorhandenen,  aber 
ungleich  jüngeren  rechtsaufzeichnungen  als  von  dem  heiligen  Olaf  selbst 
herrührend  bezeichneten,  von  welchem  deren  Inhalt  ihnen  herzustammen 
schien.  Die  worte  der  Fagurskinna  sowohl  als  des  altnorwegischen  homi- 
lienbuches  lassen  sich  in  der  that  noch  recht  wohl  in  jenem  unverfäng- 
lichen sinne  verstehen;  Theodorichs  ganz  isolierte  angäbe  dagegen  würde 
selbst  dann ,  wenn  man  diesen  erklärungsversuch  für  allzu  gewagt  hal- 
ten sollte,  um  nichts  glaubhafter,  da  ja  Olafs  gesetze,  welche  ohnehin, 
soviel  sich  erkennen  lässt,  vorwiegend  mit  der  regelung  der  kirchlichen 
Verhältnisse  sich  beschäftigt  zu  haben  scheinen,  falls  sie  überhaupt  auf- 
gezeichnet wurden,  recht  wol  auch  in  lateinischer  spräche  aufgezeich- 
net worden  sein  konnten.  Aber  auch  die  schriftliche  aufzeichnung  der 
Frostaplngslög  durch  könig  Magnus ,  von  welcher  ohnehin  nirgends  gesagt 
ist ,  dass  sie  in  der  landessprache  erfolgt  sei ,  unterliegt  ähnlichen  beden- 
ken. Von  vornherein  tritt  die  annähme  einer  solchen  mit  der  nachricht, 
dass  schon  könig  Olaf  diese  gesetze  revidiert  habe,  in  einen  auffälligen 
Widerspruch,  sofern  die  Übereinstimmung  der  gesetze  des  sohnes  mit 
denen  des  vaters  uns  ausdrücklich  hervorgehoben  wird ,  und  nichts  berech- 
tigt uns ,  dem  vater  die  abfassung ,  dem  söhne  dagegen  nur  die  aufzeich- 
nung dersell)en  zu  vindicieren ;  darüber  liinaus  fällt  aber  auch  noch  auf, 
dass  nicht  nur  der  Norweger  Theodorich  von  keiner  gesetzgeberischen 
thätigkeit  des  köiiigs  Magnus  weiss ,  sondern  auch  eine  reihe  isländischer 
quellen  nur  erwähnt,  dass  derselbe,  an  sein  versprechen,  den  gesetzen 
seines  vaters  gemäss  zu  regieren,  ernsthaft  erinnert,  die  ermahnung 
beherzigt  und  solche  fortan  beobachtet  habe.^)  Da  regt  sich  denn  der 
verdacht,   dass  jene  notiz  über   die  sogenannte  Grdgds   erst   durch  den 


1)  So  die  Fagursk.  §.  131,  s.  98  — 99,  die  Magmiss  s.  göSa  cap.  22,  in  den 
FMS.,  VI,  s.  44  — 45,  und  jene  andere  recension  dieser  sage ,  welche  in  die  Flateyjar- 
hok  hineingerathen  ist,  Bd.  III,  s.  269  —  70.  Die  ausdrücke  des  Ägrip,  cap.  30, 
in  den  FMS. ,  X ,  s.  402 ,  sind  mehrdeutig. 


DIE   NORWEO.   AUFFASP.   D.    NORD.   LTT.  -  GESCH.  49 

compilator  der  Heimskringla  in  deren  text  aiifgenomraen  worden  sein 
möge,  und  zwar  nur  auf  grund  jener  anderen  iu  der  Sverris  s.  vorgefun- 
denen bemerkung;  in  der  Sverris  s.  aber,  welche  ja  im  auftrage  eben  jenes 
königs  Sverrir  geschrieben  worden  war,  der  gelegentlich  seiner  Streitig- 
keiten mit  erzbischof  Eirikur  auf  die  Grägds  sich  berufen  hatte  (1190), 
erklärt  sich  deren  zurückführung  auf  jenen  könig  recht  wohl  daraus ,  dass 
es  jenem  schlauen  regenten  gerathen  erscheinen  mochte,  durch  die  bezug- 
nahme  auf  einen  so  glänzenden,  vielleicht  von  losen  volkssagen  an  die 
band  gegebenen  Ursprung  des  thröndischen  reclitsbuches  gegen  das  von 
seinem  gegner  angerufene  kanonische  recht  ein  gegengewicht  zu  gewin- 
nen. Pflegte  man  doch  in  Norwegen  das  ganze  mittelalter  hindurch  die 
gesetze  des  heiligen  Olafs  als  das  palladium  aller  landesfreiheiten  zu 
betrachten ;  ^)  warum  sollte  nicht  auch  auf  die  gesetze  seines  sohnes  ein 
theil  dieses  glanzes  fallen?  —  Aber  auch  in  etwas  späterer  zeit,  als  die 
litterarische  thätigkeit  auf  Island  längst  in  gang  gekommen  war ,  wollte  die- 
selbe in  Norwegen  noch  immer  keine  rechte  wurzel  schlagen.  Ein  Isländer 
war  der  benedictinerabt  Karl  Jönssou,  von  welchem  könig  Sverrir  seine 
eigene  lebensgeschichte  schreiben  Hess ;  ein  Isländer  auch  Eirikur  Oddsson, 
welcher,  wohl  im  auftrage  desselben  königs,  die  geschichte  des  königs  Haraldur 
gilli  (1130  —  36)  und  seiner  söhne  SigurÖur,  Eysteinn  und  Ingi  (gest. 
1155,  57  und  61),  vielleicht  auch  noch  einiger  weiterer  norwegischer 
könige,  bearbeitete.  Zwei  isländische  benedictinermönche,  Oddur  Snorra- 
son  und  Gunnlaugur  Leifsson,  waren  es  ferner,  welche  am  Schlüsse  des 
12.  Jahrhunderts,  freilich  zunächst  in  lateinischer  spräche,  die  lebensbe- 
schreibung  des  königs  Olafur  Tryggvason  verfassten,  und  auch  der  augu- 
stinerprior  Styrmir  Karason  (gest.  1245)  wai*  ehi  Isländer,  welcher  neben 
so  manchen  anderen  werken  auch  eine  lebensgeschichte  des  heiligen 
Olafs  auf  grund  älterer,,  aber  unzweifelhaft  auch  von  isländischer  band 
herrührender  aufzeichnungen  schrieb,  von  deren  existenz  andererseits 
auch  unsere  legendarische  sage  dieses  königs  zeuguis  ablegt.  Der  nor- 
wegische mönch  Theodorich  aber,  welcher  in  den  jähren  1176  —  88  sein 
lateinisches  werk  über  die  norwegische  königsgeschichte  schrieb,  sagt 
uns  mit  dürren  Worten,  dass  vor  ihm  niemand  in  Norwegen  über  den 
von  ihm  behandelten  gegenständ  geschrieben  habe ,  während  er  zugleich 
ganz  ebenso  wie  der  wenig  später  schreibende  Däne  Saxo  unumwunden 
ausspricht,  dass  die  Isländer  dazumal  im  norden  als  die  vorzugsweisen 
besitzer  alles  geschichtlichen  wissens  gegolten  hätten,  und  er  benützt 
denn  auch  oft  genug ,  wenn  auch  ohne  sie  namentlich  zu  eitleren ,  ältere 

1)  Vgl.  ineinen  Artikel  „Grägäs"  in  der  Erscli  und  Gruberschen  Encyklopädie, 
Bd.  LXXVII,  S.  102. 

ZF.ITSCUU.    F.    nKUTSCHF     Pini.OLOOIIC.  4 


50  MAURER 

isländische  Schriftwerke ,  während  alles ,  was  er  von  auf  Zeichnungen 
anführt,  denen  sich  allenfalls  ein  norwegischer  Ursprung  zuschreiben 
liesse,  sich  auf  einen  „catalogus  regum  norwagiensium ,"  einige  von  der 
translation  und  den  wundern  des  heiligen  Olafs  handelnde  stücke,  end- 
lich auf  die  bereits  besprochenen  apokryphen  gesetze  dieses  letzteren 
beschränkt,  und  selbst  von  jenen  erstereu  dürftigen  aufzeichnungen  sagt 
er  uns  nicht  einmal ,  ob  sie  in  lateinischer  oder  nordischer  spräche ,  und 
ob  sie  von  norwegischer  oder  isländischer  band  verfasst  seien.  Nun  bezie- 
hen sich  zwar  allerdings  die  sämtlichen  soeben  zusammengestellten 
Zeugnisse  lediglich  auf  die  geschichtschreibuug.  Aber  es  leuchtet  denn 
doch  ein,  dass  man  in  Norwegen,  wenn  sich  eine  einheimische  schrift- 
stellerei  auch  nur  eiuigermassen  kräftig  entwickelt  gehabt  hätte ,  die  sorge 
für  die  norwegische  historiographie  sicherlich  nicht  den  Isländern  über- 
lassen, und  dass  zumal  ein  norw^egischer  könig  sich  ganz  gewiss  nicht 
an  ausländer  gewant  haben  würde,  wenn  er  zur  beschreibung  seiner 
eigenen  lebensgeschichte  und  der  seiner  Vorgänger  befähigte  autoren  im 
inlande  zu  finden  gewusst  hätte;  überdies  fällt  auch  noch  der  andere 
umstand  verstärkend  ins  gewicht,  dass  wir  auch  ausserhalb  der  geschicht- 
schreibung  von  irgend  welcher  in  das  12. ,- oder  auch  nur  in  den  anfang 
des  13.  Jahrhunderts  hinauf  reichenden  norwegischen  litteratur  kaum  die 
dürftigsten  spuren  nachzuweisen  vermögen.  Von  den  nicht  geschicht- 
lichen sagen,  den  mythisch  -  heroischen  sowohl  als  den  frei  erdichteten, 
scheint  überhaupt  keine  vor  der  mitte  des  13.  Jahrhunderts  aufgezeich- 
net worden  zu  sein,  und  wenn  wir  zwar  erfahren,  dass  einzelne  unter 
ihnen ,  Avie  etwa  die  sage  von  Hrömundur  Greipsson ,  schon  am  anfange 
des  12.  mündlich  im  umlaufe  waren,  so  lauten  doch  auch  die  desfall- 
sigen  Zeugnisse  nur  auf  Island,  nicht  auf  Norwegen.  Die  dichtkunst 
ferner,  welche  im  10.  Jahrhunderte  in  Norwegen  noch  in  voUer  blute 
gestanden  war,  finden  wir  im  11.  daselbst  bereits  völlig  in  verfall  gera- 
then.  Isländische  skalden,  nicht  norwegische  sind  es,  welche  den  hei- 
ligen Olaf,  den  guten  Magnus,  den  harten  Harald  feiern,  und  gerade 
die  zahlreichen  ehrenlieder,  durch  welche  ihn  jene  verherrlichten,  mach- 
ten den  letzteren  zu  einem  besonderen  freunde  und  gönner  des  entlege- 
nen freistaates.  Es  ist  eine  seltene  ausnähme,  wenn  sich  zwischen 
hinein  etwa  auch  noch  einmal  ein  einheimischer  verskünstler  in  Norwe- 
gen vernehmen  lässt,  und  bezeichnend  genug  sind  es  zuletzt  fast  nur 
noch  einzelne  fürsten,  wie  etwa  könig  Harald  selbst,  oder  um  ein  Jahrhun- 
dert später  der  Jarl  Rögnvaldur  kali  (gest.  1164),  welche  die  dichtkunst, 
allenfalls  unterstützt  von  isländischen  hofpoeten,  betreiben;  eine  art 
höfischer  modesache  oder  nobler  passion  war  deren  betrieb  in  Norwegen 
eben  so  gut  geworden,   wie  dies  unser  Verfasser  selbst  (s.  87)  bezüglich 


DIE   NORWEG.    AUPFASS.    D.   NORD.    LIT. -GESCH.  51 

der  dänischen,  schwedischen  und  englischen  fürstenhöfe  annimmt.  In 
der  zeit  also ,  da  in  Island  und  Norwegen  eine  einheimische  litteratur  zu 
erstehen  begann ,  war  eine  volkstümliche  pflege  der  poesie  in  diesem  letz- 
teren lande  jedenfalls  schon  längst  erloschen,  und  diejenigen  gedichte 
älterer  norwegischer  dichter,  welche  nunmehr  zur  aufzeichuung  gelang- 
ten, verdanken  diese  regelmässig  isländischen  Schriftstellern,  wie  etwa 
des  forbjörn  hornklofi  lieder  auf  könig  Harald  härfagri,  <[ie  IldlMnarmdl 
und  das  Hdlei/gjatal  des  Eyvindur  skaldaspillir ,  die  EinJiSmdl  u.  dgl.  m. 
in  der  Fagurshinna,  HemisJiringla  u.  s.  w. ,  oder  nicht  wenige  andere 
verse  norwegischer  skälden  in  der  jüngeren  Edda  uns  aufbewahrt  sind. 
Unter  den  uns  erhaltenen  norwegischen  rechtsbüchern  ferner  gehören  die 
Gulajnngslög ,  so  wie  sie  uns  vorliegen,  frühestens  dem  äussersten  ende 
des  12.,  wahrscheinlicher  aber  erst  dem  anfange  des  13.  Jahrhunderts  an,^) 
und  angenommen  selbst,  dass  der  uns  vorliegenden  eine  ältere  textesge- 
staltuug  vorhergegangen  sei ,  so  liegt  uns  doch  immerhin  keinerlei  grund 
vor,  dieser  letzteren  ein  höheres  alter  als  *etwa  das  letzte  viertel  des 
12.  Jahrhunderts  zuzuschreiben.  Die  bruchstücke  der  EiÖsifjapingslög 
und  der  Borgarpingslög ,  welche  uns  übrig  sind ,  in  der  zeit  weiter  hin- 
aufzusetzen sind  wir,  so  viel  ich  sehen  kann,  durch  nichts  berechtigt; 
die  Frostajnngslög  aber  vollends  gehören,  so  wie  wir  sie  haben,  erst  der 
regierungszeit  des  königs  Häkon  gamli,  also  den  jähren  1217  —  63  an, 
und  wie  es  mit  jener  älteren,  um  das  jähr  1190  bereits  vorhandenen 
Grdgds  beschaffen  war,  lässt  sich  nicht  mehr  feststellen.  Trotz  aller 
frische  der  auffassung  zeigen  dabei  diese  älteren  norwegischen  rechtsbü- 
cher  doch  noch  eine  ungleich  geringere  litterarisclie  gewautheit ,  als  welche 
sich  so  manchen  ungleich  älteren  abschnitten  der  isländischen  compila- 
tionen,  wie  z.  b.  dem  zehntgesetze  oder  dem  christenrechte,  nachrühmen 
lässt;  und  ganz  ebenso  lässt  der  von  einer  norwegischen  hand  in  der 
ersten  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  geschriebene  haupttext  der  legendari- 
schen Olafs  saget  liins  helga  sich  nur  als  eine  ganz  heillos  ungeschickte 
compilation  bezeichnen ,  während  die  von  isländischer  hand  geschriebenen, 
etwa  50  jähre  älteren  membranfragmente  einer  zu  deren  herstellung 
gebrauchten  vorläge  ungleich  bessere  arbeit  zeigen.  Wenn  also  Norwe- 
gen an  zweien  hauptzweigen  der  nordischen  litteratur ,  an  der  sagenschrei- 

1)  Ihr  text  beginnt  nämlich  mit  der  Übereinkunft,  welclie  könig  Magnus,  oder 
vielmehr  dessen  vater  Erlingur  jarl ,  im  jähre  11G4  mit  crzbischof  Ej'steinn  sohloss, 
und  enthält  an  seinem  ende  eine  wergeldstafel,  welche  derselbe  Bjarui  MarJ^arson 
verfasst  hatte,  den  die  Sverris  s.  am  Schlüsse  des  12.  Jahrhunderts  widerholt  nennt, 
und  den  wir  im  jähre  1223  auf  dem  herrentage  zu  Bergen  unter  die  lögmenn  gezählt 
finden  {HäJconar  s.  gamla,  cap.  8ß,  s.  325).  Ob  diese  beiden  stücke  aber  nicht  etwa 
bloss  spätere  einschiebsei  in  einen  älteren  text  seien,  lässt  sich  aus  den  dürftigen  frag- 
menten  einer  älteren  handschrift,  die  uns  erhalten  sind,  nicht  bestimmen. 

4* 


52  MAURER 

billig  und  au  der  dichtkunst,  im  laufe  des  12.  jarhunderts  sich  so  gut 
wie  gar  niclit,  und  an  dem  dritten,  der  abfassung  von  rechtsbücliern, 
ebenfalls  nur  spät  mid  in  ziemlich  unvollkommener  weise  betheiligte, 
was  bleibt  dann  für  jene  frühere  zeit  an  einheimischen  literarisclien  lei- 
stungen  noch  übrig?  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nur  ein  bischen  theo- 
logie,  d.  h.  einige  legenden,  homilien  u,  dgl.  m. ,  obwol  ich  auch  von 
solchen  kein  einziges  stück  nachzuweisen  wüste ,  welches  sich  mit  einiger 
Sicherheit  zugleich  auf  das  12.  Jahrhundert  und  auf  einen  norwegischen 
Verfasser  zurückführen  liesse,  —  ausserdem  aber  etwa  noch  der  Königs- 
spiegel und  die  Streitschrift  über  die  Stellung  der  kirche  zum  Staate, 
zwei  allerdings  ganz  vortreffliche  werke  also ,  welche  aber  gerade  der  zeit 
eben  jenes  königs  Sverrir  angehören,  welcher,  selber  ein  Färing,  sich 
nachweisbar  zu  der  ihm  am  herzen  liegenden  officiellen  schriftstellerei 
isländischer  federn  zu  bedienen  pflegte!  —  Man  sieht,  eine  einfache 
Zusammenstellung  der  einschlägigen  quellenzeugnisse  führt  zu  einem  ganz 
anderen  ergebnisse  als  dem  unseres  Verfassers.  Sie  zeigt  uns,  wie  auf 
Island  zuerst  die  feststellung  einer  einheimischen  Schriftsprache  erfolgte, 
indem  man  mit  vielem  geschicke,  dem  vorgange  der  Angelsachsen  fol- 
gend, das  lateinische  aiphabet  den  eigenen  lautverhältnissen  anzupassen 
wüste,  und  wie  dann  diese  Schriftsprache,  anfangs  nur  im  dienste  der 
kirche  und  der  rechtsordnimg  stehend,  und  höchstens  noch  zu  ein  paar 
dürftigen  genealogischen  aufzeichnungen  gebraucht,  bereits  in  der  ersten 
hälfte  des  12.  Jahrhunderts  vereinzelt  zu  umfassenderen  historischen  und 
philologischen  werken  benützt  wurde,  an  welche  sich  dann  bald  eine 
sowohl  mannichfaltigere  als  reichhaltigere  litteratur  anschloss.  Sie  lässt 
aber  auch  erkennen,  dass  man  in  Norwegen  das  ganze  12.  Jahrhundert 
hindui'ch ,  von  einigen  juristischen  und  theologischen  versuchen  etwa  abge- 
sehen ,  noch  gar  nichts  niedergeschrieben  hatte ,  und  dass  man  sich  hier, 
wenn  man  irgend  welche  litterarische  aufgäbe  gelöst  wissen  wollte ,  dazu- 
mal ganz  in  derselben  weise  an  isländische  schriftsteiler  zu  wenden 
pflegte,  wie  man  es  isländischen  dichtem  und  erzählern  überliess,  die 
norwegischen  könige  zu  preisen  und  für  die  Unterhaltung  ihrer  höfe  zu 
sorgen.  Es  begreift  sich  leicht,  dass  unter  solchen  umständen  die  auf 
Island  fixierte  Schriftsprache  auch  für  Norwegen  maassgebend  werden 
muste,  wenn  auch  der  einzelne  norwegische  Verfasser  oder  abschreiber 
sich  nicht  jedesmal  von  allen  norwegischen  Provinzialismen  frei  machen 
konnte;  das  schwanken  der  in  Norwegen  entstandenen  Schriftstücke  in 
den  meisten  punkten ,  in  welchen  die  isländische  sprachform  von  der  nor- 
wegischen abgegangen  zu  sein  scheint,  dürfte  gerade  dem  umstände  zu- 
zuschreiben sein,  dass  in  bezug  auf  sie  die  Schriftsprache  und  die  rede- 
sprache  in  Norwegen  von  einander  abwichen. 


DIE   NOR^^EG.   ATJFFASS.   X>.    NORD.   LIT. -GESCH.  53 

Aber  wenn  das  bisherige  gezeigt  hat,  dass  die  altnordische  Üttera- 
tur  auf  Island,  nicht  in  Norwegen  ihren  anfang  genommen,  und  dass 
dieselbe  erst  von  dort  aus  und  nur  in  der  dort  für  sie  festgestellten 
Schriftsprache  auf  das  letztere  reich  übertragen  worden  ist,  so  bleibt 
noch  immer  die  andere  frage  zu  erörtern  übrig,  wieweit  denn  die 
innere  Selbständigkeit  jener  isländischen  litteratur  gereicht, 
oder  wie  weit  dieselbe  etwa  umgekehrt  formell  wie  materiell  von  der 
angeblich  so  festen  ausprägung  der  norwegischen  tradition  abhängig  gewe- 
sen sei?  Die  erwägung  dieser  frage  setzt  zunächst  eine  nähere  prüfung 
der  Sätze  voraus,  welche  der  Verfasser  über  den  Charakter  und  die  bedeu- 
tung  dieser  tradition  im  allgemeinen  aufstellt,  und  zu  dieser  wende 
ich .  mich  demnach  zuerst.  Da  halte  ich  nun  den  schluss ,  welchen  Key- 
ser  aus  der  priucipiellen  Übereinstimmung  von  recht,  religion  und  sitte 
bei  den  beiden  hauptzweigen  des  germanischen  gesamtvolkes  auf  das 
hohe  alter  einer  ziemlich  bedeutenden  culturstufe  derselben  zieht,  auch 
meinerseits  für  vollkommen  begründet;  vollkommen  einverstanden  bin 
ich  auch  mit  dem,  was  der  Verfasser  einerseits  über  das  hohe  alter 
und  andererseits  über  die  geringere  anwendbarkeit  der  runenschrift 
sagt,  vermöge  deren  dieselbe  auf  den  gang  der  nordischen  litteraturent- 
wicklung  nahezu  ohne  allen  einfluss  geblieben  ist.  Auch  ich  nehme  dem- 
gemäss  an,  dass  massenhafte  Überlieferungen  von  mund  zu  mund  gegan- 
gen sein  müssen,  lange  ehe  man  daran  dachte  oder  denken  konnte,  zu 
deren  aufzeichnung  zu  schreiten;  aber  diese  massenhaftigkeit  der  Über- 
lieferung und  deren  rein  mündlichen  Charakter  zugegeben,  ist  darum 
doch  noch  keineswegs  gesagt,  dass  dieselbe,  an  eine  bestimmte  form 
gebunden,  in  aller  mund  und  zu  allen  zeiten  im  wesentlichen  gleich- 
massig  weitergetragen  worden  sei,  und  diese  vom  Verfasser  so  sehr 
betonte  annähme  will  mir  in  der  that  nicht  nur  unerwiesen,  sondern  auch 
unerweislich  und  ganz  und  gar  unstatthaft  erscheinen.  Warum  sollten 
jene  traditionen  nicht  ganz  ebenso ,  wie  dies  noch  heutiges  tages  zu  gesche- 
hen pflegt,  in  individueller  mittheilung,  und  dadurch  bedingt  in  stets 
wechselnder  form  von  mund  zu  mund  gegangen  sein,  und  auch  ihrem 
Inhalte  nach  zu  verschiedenen  zeiten  und  im  munde  verschiedener  per- 
sonen  die  mannigfachsten  Wechsel  erlitten  haben?  Allerdings  muss  in 
einer  zeit,  da  die  schreibkunst  noch  nicht  oder  wenig  geübt  wurde,  das 
gedächtnis  noch  ungleich  treuer  gewesen  sein  als  in  unseren  schreibseli- 
gen tagen ;  allerdings  muste  ferner ,  was  besonders  begabte  raänner  etwa 
über  die  grenze  des  gemeinverständlichen  hinaus  producierten ,  meist  bald 
aus  dem  gedächtnis  verschwinden,  da  dergleiclien  von  der  menge  nicht 
weitergetragen  wurde ,  und  doch  auch ,  weil  durch  keine  schrift  fixiert, 
nicht  wohl  auf  anderem  wesfe   den  wenigen   begabteren   auf  die   dauer 


54  MAUllKß 

erhalten  werden  konnte ;  allerdings  muste  endlich  der  zwischen  den  gebil- 
detsten nnd  den  ungebildetsten  angehörigen  der  nation  bestehende  unter- 
schied eben  darum  ein  vergleichsweise  geringer  bleiben ,  weil  ein  solcher 
nur  durch  die  stetige  ansamlung  der  erzeugnisse  hervorragender  geister 
und  deren  fortwährende  benützung  durch  andere  ähnlich  geartete  naturen 
sich  erweitern  kann.  Aber  bei  allem  dem  handelt  es  sich  eben  doch 
nur  um  unterschiede  des  grades,  nicht  der  art.  Auch  das  verlässigste 
gedächtnis  besitzt  immerhin  nur  eine  beschränkte  aufuahmsfähigkeit ,  und 
es  ist  demnach  ebenso  natürlich,  dass  je  nach  der  begabung,  neigung, 
lebensstellung  des  einzelnen  die  in  ihm  lebende  ü1)erlieferung  nach  ihrem 
Inhalte  wie  umfange  sich  verschieden  begrenzte,  als  dass,  da  stets  neu 
sich  bildende  traditionen  an  die  seite  der  älteren  traten,  diese  letzteren 
auf  die  dauer  nicht  neben  jenen  ersteren  fortleben  konnten.  Ein  ewiges 
kommen  und  gehen  von  altem  und  neuem  müste  sich  also  geltend 
machen,  vermöge  dessen  die  Überlieferung  stets  im  flusse  blieb,  und  die 
erinnerung  immer  nur  auf  eine  bestimmte  reihe  von  generationen  zurück- 
reichen konnte,  hinter  der  ihr  aller  feste  umriss  und  jeder  sichere  halt 
schwand;  andererseits  aber  kam  sicherlich  auch  schon  dazumal  dem  Indi- 
viduum wie  an  der  Überlieferung  so  auch  au  der  geistigen  production  sein 
persönlicher  antheil  zu,  ganz  wie  umgekehrt  auch  heutiges  tages  noch 
bis  zu  einem  gewissen  grade  jeder  einzelne  ein  kind  seiner  zeit  und  sei- 
nes Volkes  heissen  mag.  Spricht  diese  flüssigkeit  der  tradition  bereits 
ganz  entschieden  gegen  die  annähme,  dass  dieselbe  sich  nothwendig  in 
bestimt  festgestellter  form  von  geschlecht  zu  geschlecht  fortvererbt  haben 
müsse,  so  kann  ich  auch  nicht  finden,  dass  die  dichterische  Überliefe- 
rung, welcher  jene  bestirnte  formelle  ausprägung  allerdings  wesentlich 
ist,  so  schlechthin  älter  seiQ  müsse  als  die  prosaische.  Kichtig  will  mir 
vielmehr  nur  scheinen,  dass  der  harmonische  tonfall  der  gedichte  deren 
erlernen  erleichtert  und  die  festigkeit  der  gebundenen  form  die  treue  der 
Überlieferung  stützt ,  während  andererseits  das  gefallen  an  der  künstleri- 
schen einkleidung  zur  folge  hat ,  dass  lieder  auch  wol  blos  um  ihretwillen 
noch  gern  aufbewahrt  v/erden ,  wenn  auch  das  Interesse  an  ihrem  Inhalte 
schon  längst  abgeschwächt  oder  ganz  verschwunden  ist.  Dass  dichteri- 
sche erzeugnisse  länger  als  prosaische  in  der  eriimerung  zu  haften  pfle- 
gen, und  dass  somit  für  uns  die  dichterische  Überlieferung  weiter  in  die 
Vergangenheit  hinaufreichen  mag  als  die  prosaische,  erklärt  sich  hieraus 
zur  genüge;  aber  dass  jene  in  früherer  zeit  als  diese  begonnen  habe,  ist 
daraus  denn  doch  eben  so  wenig  zu  folgern  als  aus  der  anderen  that- 
sache,  dass  die  \nDlksniässige  redeweise  der  älteren  wie  der  neueren  zeit 
auch  in  der  prosa  alliterationen ,  assonanzen ,  reime  und  ähnliche  von  der 
dichtkunst  gebrauchte  behelfe  auch  ihrerseits  zu  benutzen  liebt.    Mit  der 


DIE   NORWEG.   AUFFASS.    D.   NORD.   LIT. -GESCH.  55 

annähme  einer  nach  form  und  Inhalt  vollkommen  fesstehenden  mündlichen 
Überlieferung  fällt  aber  natürlich  auch  die  ganze  weitere  ausführuug  Key- 
sers  über  das  sclavische  abhängigkeitsverhältnis ,  in  welchem  die  nor- 
dische litteratur  zu  dieser  Überlieferung  gestanden  haben  soll.  In  der  that 
hat  der  Verfasser  denn  auch  für  die  einschlägigen  behauptungen ,  auf 
denen  doch  der -ganze  Schwerpunkt  seiner  construction  der  altnordischen 
litteraturgeschichte  ruht,  keinerlei  beweis  aus  den  für  diese  letztere  ver- 
fügbaren quellen  zu  erbringen  versucht ;  dieselben  treten  bei  ihm  vielmehr 
nur  als  allgemeine  regeln  auf,  welche  für  den  gang  der  litterarischen  ent- 
wicklung  bei  allen  und  jeden  Völkern  maassgebend  sein  sollen.  Aber 
woher  stammen  diese  regeln?  Kennen  wir  denn  die  anfange  der  geisti- 
gen entwicklung  aller,  oder  auch  nur  einer  grösseren  anzahl  von  Völ- 
kern so  genau,  dass  wir  aus  dieser  kentnis  jene  allgemeinen  gesetze 
abstrahieren  können ,  ja  ist  auch  nur  für  ein  einziges  volk  jener  vom  Ver- 
fasser statuierte  gang  der  dinge  bewiesen  oder  beweisbar?  —  Trete  ich 
aber  von  jenem  schwanken  boden  auf  das  etwas  festere  terrain  der 
nordischen  vorzeit  herüber,  so  kann  ich  die  frage  nach  dem  Verhältnisse 
der  einheimischen  litteratur  zur  tradition  nicht  mehr  von  der  anderen 
frage  nach  dem  anfeile  der  Isländer  an  eben  dieser  litteratur  getrennt 
behandeln ,  wenn  ich  nicht  in  ganz  ungebührliche  widerholungen  und  Weit- 
schweifigkeiten verfallen  will.  Ich  schicke  aber  meiner  besprechung  die- 
ser doppelten  frage  erst  noch  ein  paar  bemerkungen  über  einige  einlei- 
tende punkte  voraus ,  auf  welche  der  Verfasser  gewicht  legt ,  und  deren 
vorläufige  bereinigung  mir  wünschenswert  scheint.  Da  kann  ich  nun 
zuvördei'st  von  dem  günstigen  einflusse  nirgends  eine  spur  entdecken, 
welchen  die  begrün  düng  der  alleinherr  schaff  in  Norwegen 
auf  die  entwicklung  der  tradition  in  diesem  lande  geäussert  haben  soll; 
vielmehr  will  mir  sogar  scheinen,  als  ob  die  Wirkung  jenes  momentes 
auf  die  Volksüberlieferung  eine  gerade  umgekehrte  gewesen  sei.  Der 
gewaltsame  bruch  Mt  allen  verfassungszuständen  der  vorzeit,  die  Ver- 
treibung einer  menge  der  angesehensten  männer  aus  dem  lande  und  der 
Untergang  einer  nicht  geringeren  zahl  anderer,  die  unruhe  endlich,  welche 
eine  reihe  von  generationen  hindurch  in  Norwegen  herrschte,  bis  sich 
die  neuen  zustände  ihrerseits  zu  consolidieren  vermochten, «lassen  von 
vornherein  nichts  anderes  erwarten,  und  bestätigt  wird  diese  erwartung 
durch  den  anderen  umstand,  dass  nachAveisbar  keine  sichere  geschichte 
über  die  zeit  des  schönliaarigen  Haralds  sich  hinaufführen  lässt;  der 
ihm  gelungene  Staatsstreich  hat  augenscheinlicli  alle  erinnerung  an  die 
hinter  ihm  zurückliegenden  zeiten  überdeckt  und  verwirrt,  so  dass  jen- 
seits seiner  regierungsperiode  alles  in  nebelhaftem  dämmerlichte  ver- 
schwimmt.    Ganz  unrichtig  scheint  mir  ferner  aufgefasst,   was  der  ver- 


56  MAUUEß 

fasscr  über  die  r  e  i  s  c  1  ii  s  t  der  I  s  1  il  n  d  e  r  sagt.  Allerdings  nämlich  galt 
ilincn  das  reisen  als  eine  schule  der  Weisheit ;  aber  das  reisen  überhaupt, 
nicht  etwa  bloss,  oder  auch  nur  vorzugsweise,  das  reisen  nach  Norwe- 
gen wurde  als  solche  betrachtet.  Man  legte  eben  Averth  darauf,  fremde 
länder  und  die  sitten  fremder  Völker  kennen  zu  lernen,  und  als  Avenicf 
weise  galt ,  wer  nicht  über  Island  hinaus  gekommen  war ;  man  meinte, 
dass  der  verkehr  mit  der  aussenwelt  und  der  Umgang  mit  fremden ,  denen 
gegenüber  er  lediglich  auf  sich  selber  gestützt  sei,  den  jungen  mann 
bilde,  während  das  daheimsitzen  niemanden  erziehe,  und  wenn  ein  neue- 
res isländisches  Sprichwort  sagt:  „heimsM  er  heima-aliS  harn,"  so  fehlt 
es  auch  schon  in  den  Hdvamdl  und  anderen  älteren  quellen  nicht  an  ganz 
ähnlichen  aussprüchen.  Daneben  spielte  auch  die  allen  Germanen  eigne 
lust  am  abenteuern  ihre  rolle ,  und  nebenbei  speculierte  man  etwa  auf  den 
rühm  oder  den  gewinn ,  welchen  man  durch  handelschaft ,  heerfahrt  oder 
herrendienst  zu  erwerben  hoffte;  endlich  betrachtete  man  auch  wol  die 
höfe  angesehener  fürsten  als  die  beste  schule  glatter  Umgangsformen  und 
feiner  sitten.  Aber  nirgends  zeigt  sich  die  mindeste  spur  davon,  dass 
man  in  allen  diesen  beziehungen  sein  augenmerk  mehr  auf  Norwegen 
als  auf  andere  länder  gerichtet  hätte,  und  wenn  zwar  jenes  reich  aller- 
dings ohne  vergleich  am  häufigsten  besucht  wurde,  so  war  dies  doch 
nur  eine  folge  seiner  geographischen  läge,  der  zwischen  diesem  lande 
und  Island  bestehenden  stamgemeiuschaft ,  endlich  der  vielfachen  ver- 
wantschaftlichen  anknüpfungspuukte ,  welche  hier  mehr  als  anderwärts 
dem  Isländer  sein  fortkommen  erleichterten,  ganz  und  gar  nicht  aber  eine 
folge  irgend  welcher  besonderen  gelegenheit  zur  erweiterung  seines  Wis- 
sens, die  ihm  hier  im  gegensatze  zu  anderen  ländern  geboten  gewesen 
wäre.  Ebensowenig  ist  die  andere  behauptung  richtig,  dass  lediglich 
Norwegen  es  gewesen  sei ,  welches  die  Verbindung  Islands  mit 
der  gesamten  cultur  des  christlichen  äbendlandes  vermit- 
telt habe.  Zu  Herford  in  Westfalen  hatte  bereits  bischof  Isleifur  gelernt, 
und  in  Sachsen  auch  dessen  söhn ,  bischof  Gizurr,  seine  geistliche  erzie- 
hung  genossen.  In  Frankreich  studierte  Ssemundur  frööi,  und  doch  wol 
auch  bischof  Jon  Ögmundarsou,  der  jenen  wider  nach  Island  heim  brachte. 
In  Paris  ui^d  in  Lincoln  lernte  bischof  |)orläkur  Jörhallsson ,  in  England 
auch  bischof  Fall  Jönsson,  und  wenn  die  HüngurvalM  von  Hallur  Teits- 
son,  der  im  jähre  1150  zu  Utrecht  starb,  erzählt,  dass  er  allerwärts  auf 
seinen  reisen  die  landessprache  gesprochen  habe  wie  ein  eingeborener, 
oder  wenn  die  Skirlimga  von  Gizurr  Hallsson  berichtet,  dass  derselbe  in 
Koni  besser  augesehen  gewesen  sei  als  irgend  welcher  andere  Isländer, 
so  zeigt  auch  diess ,  dass  es  keineswegs  an  directen  Verbindungen  Islands 
mit  dem  ferneren   auslande   fehlte.     Wurde  doch   die  isländische  kirche 


DIE   NORWEG.    ADFFASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  57 

erst  am  eingange  des  12.  Jahrhunderts  aus  dem  alten  metropolitan ver- 
bände mit  Bremen ,  und  erst  um  die  mitte  desselben  Jahrhunderts  aus 
dem  neueren  mit  Lund  gelöst,  um  schliesslich  dem  neugegründeten  nor- 
wegischen erzbistume  untergeben  zu  werden;  nach  der  beseitigung  aber 
jener  unmittelbaren  kirchlichen  Verbindung  der  insel  mit  dem  süden  hör- 
ten wenigstens  die  wallfahrten  isländischer  männer  nach  Italien,  Spanien, 
Jerusalem  nicht  auf,  und  das  Reichenauer  nekrologium  mit  seinen  zahl- 
reichen namen  von  angehörigen  der  „Hlslant  terra'-''  zeigt,  wie  frühe 
schon  ein  massenhafter  derartiger  verkehr  mit  der  fernen  insel  sich  gebil- 
det hatte.  Ausserdem  wurden  auch  die  handelsfahrten  nach  Dänemark 
und  zumal  nach  England  nicht  aufgegeben ,  und  so  wenig  es  je  an  den 
höfen  von  Schweden  oder  Dänemark,  der  Orkneys  oder  der  Ostmannen- 
fürsten  in  Irland  an  isländischen  hofdichtern  und  reisläufern  fehlte,  so 
wenig  kann  es  auch  im  entfernteren  auslande  je  an  isländischen  kleri- 
kern  und  Studenten  gefehlt  ha1)en.  Die  behauptung,  dass  die  Isländer 
all  ihr  wissen  und  ihre  ganze  geistige  bildung  lediglich  aus  Norwegen 
zu  beziehen  genötigt  gewesen  seien,  erweist  sich  demnach  als  ebenso- 
wenig begründet ,  wie  jene  annähme  einer  besonders  vorteilhaften  einwir- 
kung  des  norwegischen  alleinkönigtumes  auf  die  einheimische  tradition. 

Soll  aber  nunmehr  des  Verfassers  cardinalsatz  ins  äuge  gefasst  wer- 
den, dass  die  isländische  litteratur  nicht  nur  nicht  früher  begonnen  und 
keinen  rascheren  aufschwung  genommen  habe  als  die  norwegische,  son- 
dern dass  sie  auch  keine  andere  richtung  verfolgt  habe  als  diese  und 
fortwährend  von  der  norwegischen  tradition  abhängig  geblieben  sei,  so 
glaube  ich,  während  in  der  ersteren  beziehung  einfach  auf  das  oben 
schon  bemerkte  vermesen  werden  darf,  in  der  zweiten  beziehung  am 
zweckmässigsten  zu  verfahren,  wenn  ich  die  verschiedenen  hauptzweige 
der  nationalen  litteratur  gesondert  betrachte.  Daist  nun  freilich  bezüg- 
lich der  älteren  gedieht e  vollkommen  richtig,  dass  die  mündliche  Über- 
lieferung für  deren  spätere  aufzeichnung  massgebend  war,  und  auch  bei 
solchen  liedern ,  welche  erst  zu  einer  zeit  entstanden ,  da  man  mit  der 
fedcr  umzugehen  bereits  gelernt  hatte,  mag  wol  nur  sehr  ausnahmsweise 
der  dichter  selbst  zugleich  auch  der  Schreiber  gewesen  sein.  Aber  nur 
zum  geringeren  theile  sind  solche  lieder  je  als  ein  für  sich  bestehendes 
ganzes,  oder  auch  als  bestandteile  von  liedersamlungen  auf  uns  gekom- 
men ;  ungleich  häufiger  dagegen  sind  sie  nur ,  sei  es  nun  im  ganzen  oder 
auch  in  blossen  bruchstücken ,  in  umfassendere  prosawerke  eingestellt 
erhalten,  in  welchen  sie  dann  als  belege  für  einzelne  behauptungen  des 
Verfassers,  oder  auch  wol  nur  als  ein  gern  gesehener  schmuck  seiner 
darstellung  in  l)etraclit  kommen.  Zum  beweise  dieser  thatsache  genügt 
eine   einfache   Verweisung   auf  die   mehrzahl   der  Islcndinga  sögur  und 


58  '  MAURER 

Noregs  Jcom'mga  sögur ,  dann  auf  die  Jarla  sögur  und  die  jüngere  Edda ; 
niemand  wird  aber  allen  diesen  werken  darum  ilire  Originalität  abstrei- 
ten Avollcn,  weil  in  dieselben  derartige  belegstücke  aus  der  miludlicben 
tradition  wörtlich  binübergenommen  worden  sind.  Die  meisten  der  uns 
crlialtenen  gedichte  sind  überdies  nachweisbar  von  isländischen  skälden 
gedichtet,  und  selbst  unter  denen,  welche  älteren  persönlichkeiten  in  den 
mund  gelegt  werden,  gar  viele  erst  hinterher  von  isländischen  sagen- 
schreibern  ganz  in  derselben  weise  verfertigt  worden,  wie  etwa  Thucy- 
dides  oder  Tacitus  ihre  beiden  selbstverfasste  reden  halten  zu  lassen 
pflegen;  beiderlei  verse  dürfen  dann  natürlich  nicht  benützt  werden,  um 
der  isländischen  poesie  ihre  Selbständigkeit  zu  bestreiten,  welches  auch 
bei  deren  ersterer  kategorie  das  Verhältnis  des  aufzeichnenden  zur  münd- 
lichen Überlieferung  gewesen  sein  möge.  Mit  gedichten  aber ,  deren  ent- 
stehung  man  nach  ort  und  zeit  nicht  sicher  zu  stellen  vermag ,  darf  von 
vornherein  nicht  argumentiert  werden,  und  gilt  dies  insbesondere  auch 
von  den  liedern  der  sogenannten  älteren  Edda  samt  allen  den  anderen 
stücken ,  welche  die  neuere  zeit  denselben  zuzugesellen  beliebt  hat.  Schon 
ihrer  zahl  und  ihi-em  umfange  nach  sind  diese  zu  wenig  bedeutend ,  um 
für  unser  urteil  über  den  gang  der  litterarischen  entwicklung  im  norden 
massgebend  werden  zu  können ,  und  überdiess  bedarf  deren  alter  und  her- 
kunft  trotz  aller  Vertrauensseligkeit,  mit  welcher  man  auch  bei  uns  noch 
an  deren  uralt  heidnischem  Ursprünge  festzuhalten  pflegt ,  in  sprachlicher 
wie  in  sachlicher  beziehung  noch  viel  zu  sehr  einer  sorgfältigen  prüfung, 
als  dass  sich  auf  sie  zur  zeit  irgend  ein  sicherer  schluss  bauen  Hesse. 
Unser  Verfasser  freilich  hält  die  entstehung  der  sämtlichen  eddalieder  in 
einer  hinter  Harald  härfagri  zurücldiegenden  zeit,  also  vor  der  mitte  des 
9.  Jahrhunderts ,  für  bewiesen,  und  meint,  dass  die  mehrzahl  der  auf  den 
heldenkreis  der  Völsungen  und  Gjukungen  bezüglichen  lieder  jedenfalls 
nicht  nach  dem  beginne  dieses  Jahrhunderts,  das  HgndluljöÖ  nicht  nach 
der-  ersten  hälfte  des  8. ,  und  die  VÖluspd  nicht  nach  dem  5.  Jahrhun- 
dert gedichtet  sein  werde  (s.  269);  aber  einer  der  gründlichsten  kenner 
der  alten  nordischen  poesie,  GuÖbrandur  Vigfüsson,  erklärt  umgekehrt 
den  grösten  theil  der  lieder  von  den  Völsungen  für  nicht  vor  dem  11.  oder 
12.  Jahrhundert,  Shirnismdl,  IiarharÖsljö&  und  Lokasenna  wenigstens 
nicht  vor  dem  ende  des  10.  Jahrhunderts  gedichtet,  —  die  SölarljöS, 
welche  Keyser  an  der  grenzscheide  des  heidentums  und  Christentums 
entstanden  glaul)t  (s.  259) ,  sezt  GuÖbraudur  etwa  in  den  anfang  des 
14.  Jahrhunderts  lierab/)  —  wie  weit  endlich  die  Unsicherheit  in  dei-ar- 
tigen  Zeitbestimmungen  heutiges  tages  noch  geht,  zeigt  sich  sehr  schla-. 

1)  Vgl.  die  vorrede  zu  seiner  ausgäbe  der  Eyrhyygja ,  s.  XXXVII,  Anm.  1. 


DIB   NORWEG.    AUFFASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  59 

gend  darin,  dass  der  Gimnarsslagur  noch  immer  von  vielen  ohne  anstand 
als  ein  echtes  und  gerechtes  eddalied  hingenommen  wird ,  obwol  derselbe 
erst  in  der  zweiten  hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  von  dem  gelehrten 
propste  sera  Gunnarr  Pälsson  (gest.  1791)  gedichtet  ist,  und  dass  unser 
Verfasser  selbst,  meines  erachtens  mit  vollem  rechte ,  sich  geneigt  erklärt, 
den  von  den  meisten  unbedenklich  den  eddaliedern  zugezählten  Hrafna- 
galdur  Odins  für  das  werk  irgend  eines  isländischen  poeten  aus  dem 
18.  Jahrhunderte  zu  halten,  welcher  mit  der  nachahmung  der  alten  dicht- 
weise sein  spiel  getrieben  habe  (s.  262).  In  der  that  wird  es  kaum  gelin- 
gen, über  das  alter  und  die  herkunft  derartiger  dichtungen  zu  sicheren 
ergebnissen  zu  gelangen,  ehe  die  sämtlichen  erzeugnisse  der  älteren  nor- 
wegischen und  isländischen  poesie  in  kritisch  gesichteten  texten  zu  einem 
gesamtwerke  vereinigt  vorliegen ,  und  überdies  die  je  nach  ort  und  zeit 
in  sprachlicher  und  metrischer  beziehmig  sich  ergebenden  abweichungeu 
einigermassen  festgestellt  sind ;  glücklicher  weise  brauche  ich  aber  auf 
diesen  meinen  Studien  olmehin  fernliegenden  punkt  hier  nicht  weiter  ein- 
zugehen, da  es  für  meinen  zweck  sehr  gieichgiltig  ist,  ob  die  nichtsehr 
grosse  zahl  der  nachweisbar  von  norwegischen  skälden  gedichteten  gesänge 
noch  durch  hinzurechnung  von  ein  paar  eddaliedern  erhöht  werden  dürfe 
oder  nicht.  Dagegen  glaube  ich  noch  ausdrücklich  darauf  hinweisen  zu 
sollen,  dass  es  denn  doch  zu  weit  gegangen  ist,  wenn  unser  Verfasser 
auch  die  unzweifelhaft  von  isländischen  skälden  gedichteten  lieder  ledig- 
liglich  darum  nicht  als  selbständige  geistesproducte  gelten  lassen  will, 
weil  deren  spräche  und  dichtform  bereits  bei  der  ersten  besiedelung 
Islands  aus  dem  mutterlande  mitgebracht  worden  sei.  Es  fehlt  nicht  an 
beispilen  selbständiger  neuerungen,  welche  von  isländischen  dichtem  in 
metrischer  beziehung  vorgenommen  wurden, i)  und  jene  gelehrte  behand- 
lung  der  dichtkunst,  wie  sie  die  jüngere  Edda  uns  kennen  lehrt,  ist 
lediglich  auf  Island,  nicht  auch  in  Norwegen  nachweisbar;  ganz  abge- 
sehen hiervon  wird  aber  niemand  dem  einzelnen  dichter  darum  mangel 
an  Originalität  vorwerfen  wollen ,  weil  er  in  der  spräche  und  im  metrum 
seines  volks  und  seiner  zeit  dichtet,  und  wird  andererseits  die  gieichheit 
von  spräche  und  metrum  bei  den  isländischen  und  norwegischen  dichtem 
überhaupt  zwar  den  ausschlag  geben  können ,  wenn  es  gilt ,  beide  als 
eine  masse  den  dänischen  und  schwedischen,  oder  vollends  den  südger- 
manischen dichtem  gegenüberzustellen,  aber  ganz  und  gar  nicht  die 
möglichkeit  ausschliessen ,  dass  in  engerem  rahmen  jene  wieder  von  die- 
sen geschieden   werden  mögen,  wenn  diess  die  Verschiedenheit  der  zeit, 

1)  Vgl.  z.  b.  was  die  .>üngcrc  Edda,    Hattutal ,    iir.  35    (ed.  Ariiam.  T,   s.  G46) 
von  porvaldur  vcili,  eiuciu  i«läiidischeii  dichter  des  10.  jahrliuiiderts,  erzählt. 


60  MAUEER 

in  welclior  liier  und  dort  die  diclitkunst  blühte,  oder  irgend  welche 
andere  umstände  rätlilich  machen.  —  Gehe  ich  sodann  7A\  der  vom  Ver- 
fasser so  gut  wie  gänzlich  ignorierten  Jurisprudenz  über,  so  ist  die 
Selbständigkeit  der  entwicklung  Islands  Norwegen  gegenüber,  und  zu- 
gleich das  walten  eines  frei  schöpferischen  geistes  neben  aller  festigkeit 
der  tradition  gar  nicht  schwer  zu  beweisen.  Wohl  wird  uns  berichtet, 
dass  das  erste  isländische  landrecht  nach  dem  muster  der  Gulapingslög 
eingerichtet  gewesen  sei;  aber  es  wird  auch  nicht  verschwiegen,  dass 
gleich  von  anfang  an  gar  vielfältig  dieses  muster  verlassen  wurde ,  indem 
man  allerlei  zusätze,  auslassungen  und  Veränderungen  an  demselben 
beliebte ,  und  überdiess  wissen  wir  ja ,  dass  in  der  heidnischen  wie  in 
der  christlichen  zeit  dieses  ältere  landrecht  schritt  für  schritt  durch 
neuere  gesetze  umgebildet  oder  auch  weiter  entwickelt  wurde.  Wir 
haben  ferner  zwar  allerdings  allen  gruud  anzunehmen,  dass  das  soge- 
nannte zweite  isländische  landrecht,  die  HafUdashrd,  eigentlich  nur  in 
einer  dem  römischen  edictum  perpetuum  vergleichbaren  aufzeichnung  dei" 
wichtigsten  theile  der  uppsaga,  d.  h.  des  dem  gesetzsprecher  obliegen- 
den feierlichen  rechtsvortrages  bestund ,  und  manches  spricht  dafür, 
dass  auch  von  den  norwegischen  provinzialrechteu  einige ,  vielleicht  durch 
schwedischen  einfluss  bestimmt,  in  ähnlicher  weise  entstanden  sind;i) 
aber  wenn  wir  hierin  in  der  that  einen  sehr  eigentümlichen  einfluss  der 
mündlichen  Überlieferung  auf  die  schriftliche  fixierung  des  rechtsstoffes 
zu  erkennen  haben,  so  ist  doch  weder  zu  leugnen,  dass  neben  der  upp- 
saga  auch  den  ngmceli,  d.  h.  neu  gewillkürten  gesetzen,  eine  sehr  erheb- 
liche bedeutung  zukam,  noch  auch  zu  übersehen,  dass  selbst  auf  die 
feststellung  jener  ersteren  der  jederzeit  regierende  gesetzsprecher  einen 
sehr  erheblichen  einfluss  äusserte,  sodass  also  auch  sie  neben  dem  con- 
stanten  einen  sehr  flottierenden  bestandteil  hatte,  üeberdiess  zeigte  sich 
der  juristische  geist  des  Volkes  neben  der  gesetzgebung  und  den  officiel- 
len  rechtsvorträgen  auch  noch  in  privatarbeiten  juristischen  inhaltes  thätig, 
und  wenn  diese  zwar  zumeist  nur  das  sammeln ,  ordnen  und  glossieren 
des  vorhandenen  rechtsstoffes ,  sowie  etwa  die  construction  für  den  rechts- 
verkehr  passender  formein  oder  die  entwerfung  von  buss-  und  wergelds- 
tafeln  ins  äuge  gefasst  haben  mögen,  so  scheint  es  doch  auch  nicht  an 
einzelnen  erzeugnissen  einer  sich  freier  bewegenden  Jurisprudenz  gefehlt 
zu  haben ,  und  liegt  sogar  schon  in  jenen  unvoUkommueren  arbeiten  eine 
weit  über  das  niass  einer  blossen  aufzeichnung  der  tradition  hinausge- 
hende thätigkeit  begründet.  Jedenfalls  erscheint  das  recht  des  isländi- 
schen freistaates,   so   wie  es  uns   in  den   sagen   sowol   als  in   der  soge- 

1)  Vgl.  )ueiiieii  artikel  über  die  Grägäs ,  s.  53  —  55. 


T>m  NORWEG.   AUFFASS.   T>.   NORD.    LIT.  -  GESCH.  61 

uaunten  Graugans  entgegentritt,  als  ein  dem  norwegischen  gegen- 
über durchaus  selbständiges,  wenn  auch  eine  zwischen  beiden  beste- 
hende enge  verwantschaft  nicht  zu  verkennen  ist.  Die  staatliche  sowol 
als  die  gemeindliche  Verfassung  ist  auf  Island  eine  völlig  andere  als  in 
Norwegen,  und  selbst  das  kirchenrecht  hat  sich  hier  und  dort  gar  sehr 
verschieden  gestaltet.  Das  isländische  strafrecht  weicht  sehr  erheblich 
von  dem  norwegischen  ab ,  wie  denn  zumal  das  compositionensystem  und 
theilweise  auch  das  Strafsystem  in  dem  letzteren  ziemlich  entwickelt  ist, 
während  in  dem  erstereu  das  System  der  friedlosigkeit  eine  weitaus  über- 
wiegende herrschaft  behauptet.  Im  gerichtlichen  verfahren  ist  auf  Island 
der  gebrauch  der  Popularklagen  ebenso  ausgedehnt,  wie  in  Norwegen 
beschränkt,  und  hinsichtlich  des  beweissystems  ist  dort  der  geschwornen- 
beweis  massgebend  wie  hier  der  beweis  durch  eidhelfer ;  überdiess  ist  die 
anwendung  der  ausserstaatlichen  gerichte  im  isländischen  rechte  durcli- 
aus  anders  geregelt  als  im  norwegischen,  und  die  sehr  verständige  ein- 
richtung  eines  obersten  gerichtshofes ,  der  in  fällen  einer  urteilsschel- 
tung  nach  einfacher  mehrheit  der  stimmen  entscheidet,  nur  dem  erste- 
ren  bekannt.  Im  privatrechte  zeigt  das  isländische  recht  nicht  nur, 
wie  frülier  schon  bemerkt,  von  dem  für  Norwegen  so  überaus  wichtigen 
Stammgüterrechte  keine  spur,  sondern  es  ist  auch  das  eheliche  güter- 
recht ,  dann  wider  das  Institut  der  Vormundschaft  hier  und  dort  sehr  ver- 
schieden entwickelt,  und  das  gebiet  der  verwantschaftlichen  sowol  als 
der  öffentlichen  armenpflege  hat  nur  auf  Island  eine  sorgsamere  ausbil- 
dung  gefunden,  u.  dgl.  m.  Ja  sogar  die  juristische  terminologie  ist 
vielfach  eine  andere  in  Island  als  in  Norwegen,  und  ausdrücke,  wie 
z.  B.  frjalsyjafi,  liornüngr,  hrisiingr,  lanändm,  hjriir,  ntlegS,  vdpnatali 
u.  dgl.  m.  haben  in  den  norwegischen  legalquellen  eine  ganz  andere  bedeu- 
tung  als  in  den  isländischen.  Die  Selbständigkeit  der  juristischen  ent- 
wicklung  Islands  gegenüber  Norwegen  ist  durch  derartige  differenzen 
schlagend  erwiesen;  da  aber  ein  gemeinsamer  ausgangspuukt  für  beide 
rechte  unzweifelhaft  angenommen  werden  muss,  kann  deren  verschiedene 
gestaltung  im  12.  und  13.  Jahrhundert  nur  das  product  eines  späteren 
abgeheus  des  einen  oder  des  anderen ,  oder  beider  von  jenem  ursprüng- 
lichen ausgangspunkte  gewesen  sein,  womit  dann  widerum  von  selbst  die 
wenigstens  theilweise  unal)hängigkeit  wenigstens  des  isländischen,  und 
vielleicht  auch  des  norwegischen  rechtes  von  der  tradition  bewiesen  ist,  — 
Hinsichtlich  der  sagen  Schreibung  endlich,  bezüglich  deren  der  Ver- 
fasser seinen  Standpunkt  ganz  besonders  eifrig  zu  verfechten  gesucht  liat, 
vermag  ich  seine  beweisführung  ebenfalls  in  keiner  weise  überzeugend  zu 
finden.  So  fehlt  zunächst  seiner  ganzen  darstellung  der  thätigkeit  und 
des  Wirkens  der  „sagamänner,"   trotz  alles  details,   mit  welchem  er  sie 


62  MAURER 

sclnldevt  und  trotz  aller  lebliaftigkeit  der  färben,  mit  welchen  er  sie 
ausmalt  (s.  399  —  471),  alle  und  jede  quellenmässige  begründung.  Es 
sind  recht  anmutige  phantasiestücke,  welche  er  uns  über  die  „histori- 
sche schule"  am  hofe  des  schönhaarigen  Haralds  und  seiner  nachfolger, 
dann  wider  ül)er  die  allmälige  entstehung  geschlossener  sagen  über  ganze 
königsreilien  aus  älteren  biographien  einzelner  könige,  und  dieser  letzte- 
ren aus  noch  älteren  erzählungen  über  einzelne  geschichtliche  Vorgänge 
vorträgt,  u.  dgl.  m. ;  aber  von  irgend  welcher  überzeugenden  beweisfüh- 
rung  bezüglich  ihrer  geschichtlichen  Wahrheit  ist  nichts  zu  entdecken. 
Das  zwar  kann  natürlich  keinem  zweifei  unterliegen,  dass  wie  jede 
geschichtschreibung ,  so  auch  die  isländisch -norwegische  in  soweit  von 
der  älteren  tradition  abhängig  sein  muste ,  als  sie  ihren  stoff ,  soweit  sie 
ihn  nicht  etwa  in  ganz  unhistorischer  weise  durch  eigene  erfindungen  zu 
ergänzen  suchte ,  nur  aus  jeuer  zu  entnehmen  vermochte ,  und  nicht  min- 
der ist  auch  das  selbstverständlich,  dass  diese  tradition,  soweit  nicht 
etwa  ausländische  Schriftwerke  wie  des  Ähho  Floriacensis  ]}<^ssio  S.  Ead- 
mundi ,  des  Guilelmus  Gemeticensis  historia  Normamiorum ^  des  Ada- 
mus Bremensis  gesta  Hammenburgensis  ecclesice  pontificum  oder  des 
Honorius  Augusiodnnensis  imago  mundi  benützt  werden  konten,  bis  in 
das  12.  Jahrhundert  herein  eine  lediglich  mündliche,  von  da  an  dagegen 
theils  eine  mündliche,  theils  eine  schriftliche  war.  Aber  ganz  und  gar 
nicht  folgt  hieraus,  dass  jene  mündliche  tradition  irgendwie  an  eine 
bestimte  form  gebunden  war ,  und  dass  nicht  vielmehr  jedem  einzelnen 
Sagenschreiber  überlassen  blieb,  durch  einzelne  fragen  bei  einzelnen 
unterrichteten  personen  seinen  stoff  zusammen  zu  bringen ,  und  diesem  dann 
eine  form  zu  geben ,  wie  sie  ihm  selber  beliebte ;  diesen  punkt  aber ,  auf 
welchen  doch  geradezu  alles  ankomt ,  hat  Keyser  ganz  und  gar  unbewie- 
sen gelassen.  Man  betrachte  sich  einmal  die  art,  wie  der  erste  islän- 
dische geschichtschreiber ,  Ari  hinu  frööi ,  seine  gewährsleute  citiert.  Hin- 
sichtlich der  amtsperioden  der  einzelnen  gesetzsprecher  beruft  er  sich, 
soweit  dieselben  hinter  seiner  eigenen  erinnerung  zurücklagen,  auf  die 
angaben  des  gesetzsprechers  Markus  Skeggjason,  welcher  in  den  jähren 
1084  — 1107  im  amte  war,  und  er  fügt  bei,  dass  dieser  die  über  sein 
eigenes  gedächtnis  hinausfallenden  thatsachen  von  seinem  bruder  pörarinn, 
von  ihrer  beider  vater  Skeggi,  oder  auch  von  anderen  kmidigen  männern 
erfahren  habe,  welchen  sie  sein  grossvater  Bjarni  hinn  spaki  erzählt  habe, 
dessen  erinnerung  bis  zu  dem  gesetzsprecher  förarinn  (950 — 69)  zurück- 
reichte.^)    Auf  den  gesetzsprecher  ÜlfheÖinn  Gunnarsson,  (1108  — 16) 

1)  Islenäingahök ,  cap.  10,  s.  15  —  16.    Da  wir  aus  der  Lanändma,  V,  cap.  5, 
s.  291  und  cap.  11,   s.  309  wissen,  dass  Bjarni  mit  den  gesetzsprechern  porkell  niäni 


DIE   NORWEG.  AUFFASS.   D.   NORD.    LIT.  -  GESCH.  63 

beruft  er  sich  ferner  bezüglich  der  ersten  einrichtung  des  Alldinges,  so- 
wie bezüglich  der  Ordnung  der  bezirksverfassung  der  insel.^)  Auf  seinen 
pflegebruder  Teit ,  einen  söhn  bischof  Isieifs ,  bezieht  er  sich  hinsichtlich 
des  herganges  bei  der  gesetzlichen  einftthrung  des  Christentums  auf 
Island,  bei  welcher  dessen  gi'ossvater ,  Gizurr  hinu  hviti,  eine  hauptroUe 
gespielt  hatte,  und  er  verfehlt  nicht  gelegentlich  eines  incidenzpunktes 
ausdrücklich  hervorzuheben,  dass  Teit  seine  künde  von  einem  augenzeu- 
gen  habe;^)  ferner  bezüglich  •  der  ausländischen  bischöfe,  welche  Island 
besucht  hätten,  und  bezüglich  der  geschichte  bischof  Isieifs  selbst;^) 
endlich  noch  bezüglich  einiger  angaben  über  die  Uliljötslög,  so  wie  in 
bezug  auf  die  berechnung  der  zeit,  in  welcher  die  einwanderung  nach 
Island  begonnen  habe.^)  lieber  die  weihung  des  Gizurr  Isleifsson  bezieht 
er  sich  auf  dessen  eigenen  bericht;  ^)  hinsichtlich  der  missionsthätigkeit 
Dankbrands  auf  Island  beruft  er  sich  aber  auf  die  angaben  seines  pfle- 
gevaters  Hallur  |)(5rarinsson ,  welcher  sich  noch  daran  zu  erinnern  wüste, 
wie  er  selber  im  jähre  999  als  dreijähriges  kind  von  dem  deutschen  prie- 
ster  getauft  worden  war ,  und  von  demselben  Hallur  hatte  er  ^  auch  man- 
cherlei berichte  über  die  regieruugsgeschichte  des  heiligen  Olafs  erhal- 
ten, mit  welchem  jener  wol  bekannt,  und  eine  zeit  lang  sogar  in 
geschäftlicher  Verbindung  gewesen  war.*')  HinsichtKch  der  zeit,  in  wel- 
cher die  besiedelung  Islands  begann,  wird  ausser  dem  schon  genanten 
Teit  auch  noch  die  |)uriÖur  in  bezug  genommen,  welche  ihren  vater, 
den  berühmten  Snorri  goöi,  noch  gekannt  hatte,  der  im  jähre  1031  als 
66jähriger  greis  verstorben  war,  und  von  welcher  Ari  auch  noch  über 
andere  punkte  aufschluss  erhalten  haben  soll ;  '^)  ferner  Aris  vaterbruder, 
porkell  Gellisson ,  w^elcher  letztere  auch  hinsichtlich  des  aufkommens  der 
landaurar ^  sowie  hinsichtlich  der  zeit  als  gewährsmann  citiert  wird,  in 
welcher  Grönland  colonisiert  wurde,  und  zwar  letzteres  mit  der  bemer- 
kung,  dass  derselbe  seine  kenntuiss  in  Grönland  selbst  von  einem  manne 


(970  —  984),  porgeirr  LjosvetningagoiSi  (98.5  —  1001)  und  Skapti  poroddsson  (1004  — 
1030)  verwant  war ,  und  mit  dem  letzteren  genealogisch  auf  gleicher  linie ,  hinter 
dem  zweiten  aber  nur  um  ein  glied  und  hinter  dem  ersteren  nur  um  zwei  glieder 
zurückstand,  ist  seine  genaue  kenntnis  sehr  begreiflich. 

1)  Islenäingahöli ,  cap.  3,  s.  6,  und  cap.  5,  s.  9. 

2)  ebenda,  cap.  7 ,  s.  10  und  12. 

3)  ebenda,  cap.  8,  s.  13,  cap.  9,  s.  15. 

4)  ebenda,  cap.  2,  s.  5,  und  cap.  1,  s.  4;  vgl.  auch  über  Teit  als  gewährsmann 
Aris  den  prolog,  welcher  der  Heimskringla  nnä  einigen  bcarbcitungcn  der  isolierten 
Icbensbeschreibung  des  heiligen  Olafs  vorgesetzt  ist. 

5)  ebenda,  cap.  10,  s.  15. 

G)  ebenda,  cap.  9,  s.  15;  vgl.  ferner  den  erwähnten  prolog. 
7)  ebenda,  cap.  1,  s.  4;  prolog. 


64  MAURER 

erhalteil  habe,  welcher  selber  unter  den  ersten  ansiedlern  daselbst  gewe- 
sen sei.^)  Hinsichtlich  der  bestinmmng  des  Jahres,  in  welchem  könig 
Olafur  Tryggvason  gefallen  und  das  Christentum  auf  Island  gesetzlich 
eingefülirt  worden  sei,  beruft  sich  Ari  auf  Sffimundur  frööi,  und  bezüg- 
lich eines  dem  ostviertel  Islands  angehörigen  Vorfalles  auf  einen  gewis- 
sen Hallur  ürffikjason;^)  ist  endlich  meine  Vermutung  richtig,  dass  eine 
im  anhange  zur  jüngeren  Melahök  und  im  eingangscapitel  zur  älteren 
recension  der  pörSar  s.  hreöii  gleichmässig  enthaltene  stelle  aus  der  uns 
verlorenen  älteren  recension  der  Islendhigdboh  geflossen  sei,  so  hat  Ari 
in  dieser  auch  noch  den  J)orm(5(5ur  allsherjargööi,  bei  dessen  lebzeiten 
die  gesetzliche  einführung  des  Christentums  erfolgt  war ,  als  gewährs- 
mann  für  die  formel  angeführt ,  mittelst  deren  in  der  heidnischen  zeit  die 
hegung  des  alldiuges  vorgenommen  worden  war.  Ausserdem  wissen  wir, 
dass  Ari  hinsichtlich  der  norwegischen  königsgeschichte  sich  gutenteils 
auf  die  erzählungen  des  Oddur  Kolsson ,  eines  enkels  des  SiÖu  -  Hallur, 
stützte,  welcher  selber  wider  auf  die  aussagen  eines  gewissen  J)orgeirr 
afraöskollur  sich  berief,  der  schon  am  Schlüsse  des  10.  Jahrhunderts  zu 
NiÖarös  im  Drontheimischen  gelebt  hatte, ^)  und  wider  anderer  gewährs- 
leute  scheint  derselbe  sich  in  der  ersten  ausgäbe  seiner  IsIcndmgalöJc 
in  bezug  auf  den  einfall  der  Jömsvikingar  in  Norwegen  bedient  zu  haben.'') 
Man  sieht,  bei  den  verschiedensten  leuten,  die  er  für  wol  unterrichtet, 
verständig  und  wahrhaftig  hielt,  suchte  Ari  sich  sein  wissen  zusammen, 
soweit  seine  eigene  persönliche  ermuerung  nicht  mehr  reichen  wollte, 
und  selbst  auf  die  gewährsmänuer  seiner  gewährsmänner  erstreckte  sich 
dabei  noch  sein  behutsam  prüfender  blick.  Dabei  suchte  er  über  rechts- 
geschichtliche fragen  zunächst  aufschluss  bei  den  gesetzsprechern ;  über 
kirchengeschichtliche  thatsachen  erkundigte  er  sich  bei  seinem  pflegevater 
Hallur,  der  noch  selber  den  Dankbraud  gesehen  hatte,  oder  bei  ange- 
hörigen des  für  die  isländische  Mrchengeschichte  so  bedeutsamen  hauses 
der  MosfeUingar ;  bezüglich  der  grönländischen  geschichte  wante  er  sich 
an  leute,  die  in  Grönland,  und  bezüglich  der  norwegischen  an  solche, 
die  in  Norwegen  gewesen  waren,  und  welche  dessen  könige  persönlich 
gekannt,  oder  doch  mit  alten,  wohlerfahrenen männern  im  lande  genauen 
verkehr  gehabt  hatten.  Immer  sind  es  also  nur  einzelne  thatsachen, 
welche  Ari  einzeln  erfragte,  je  nachdem  gerade  ein  einzelner  gewährs- 
mann  über  diesen  oder  jenen  punkt  wohl  unterrichtet  war;  in  alle  weite 
ist  aber  daran  nicht  zu  denken,  dass  er  „nach  form  und  Inhalt"  bestimmt 

1)  ebenda,  cap  1,  s.  4,  und  s.  5;  cap.  6,  s.  9. 

2)  ebemla,  cap.  7,  s.  13,  und  cap.  3,  s.  6.     ■ 

3)  vgl.  den  mehrerwähnten  prolog. 

4)  vgl.  die  Flateyjarhök ,  l,  s.  194. 


DIE  KOßWEG.   AUFFASS.   D.   KOKl).   LIT. -GESCH.  G5 

abgeschlossen  in  der  mündlichen  Überlieferung  umlaufende  erzählungen 
vor  sich  gehabt,  und  nur  als  Schreiber  aufs  pergament  gebracht  hätte. 
Allerdings  rechnet  unser  Verfasser  auch  seinerseits  den  Ari  weniger  zu 
den  eigentlichen  sagenschreibern ,  als  zu  den  gelehrten  geschichtsfor- 
schern  (s.  436 — 40),  und  er  bemerkt  auch,  dass  derselbe  seine  islän- 
dischen gewährsmänner  immer  nur  für  einzelne  geschichtliche  anga- 
ben anführe,  und  nicht  als  zusammensetzer  ganzer  sagen  bezeichne; 
indessen  will  er  doch  in  bezug  auf  |)orgeirr  afräÖskoUur  eine  ausnamc 
machen,  und  dieser  wenigstens  soll  ein  ächter  und  gerechter  sagamanu 
gewesen  sein ,  wenn  auch  vielleicht  zugleich  noch  ein  kritischer  geschichts- 
forscher.  Was  den  Verfasser  bestimmt,  bezüglich  seiner  diese  ausnamc 
zu  machen,  soll  nun  aber  lediglich  der  umstand  sein,  dass  bezüglich 
seiner  gesagt  wird  „m  Oddr  nam  at  porgeiri  afräbslcoll ; "  in  diesem 
„nam"  soll  nämlich  ausgesprochen  liegen,  dass  es  nicht  einzelne,  unzu- 
sammenhängende berichte  gewesen  seien,  welche  Odd  bei  ][)orgeir  einge- 
zogen habe,  sondern  dass  er  aus  dessen  mund  eine  bereits  vollständig 
geformte  sage  gelernt  habe  (s.  424).  Das  ist  denn  doch  etwas  viel  gefolgert. 
Kichtigist  allerdings,  dass  „nema"  lernen  bedeutet,  und  je  nach  den  umstän- 
den auch  speciell  auswendig  lernen  bedeuten  kann;  aber  diese  letztere,  engere 
bedeutung  ist  keineswegs  die  allgemein  oder  auch  nur  vorzugsweise  gütige. 
Die  bekannten  werte  der  schrift,  (Matth.  11,  29,)  übersetzt  die  Sverris  s.. 
cap.  20  s.  54  (und  ähnlich  die  porldJcsbishups  s.,  cap.  6 ,  s.  268):  „ncmi  per 
afmer,  pviat  eh  em  litilldtr  oJc  mjüldyndr  i  lijarta,"  und  man  braucht  den 
ausdruck  ganz  unbedenklich  sogar  in  bezug  auf  fertigkeiten ,  die  ihrer  natur 
nach  jede  möglichkeit  eines  auswendiglernens  ausschliessen ,  (vgl.  z.  B.  ab 
nema  siöu,  ipröttir,  himndttu,  fjolhjngi);  warum  soll  demnach  derselbe  an 
unserer  stelle  nicht  einfach  bedeuten  können,  dass  Odd  sein  geschicht- 
liches wissen  bei  J)orgeir  in  ungebundenster  weise  erworben  habe,  ganz 
wie  derselbe  prolog  dem  Ari  selber  nachrühmt,  dass  er  Avissl)egierig 
{ndmgjarn)  gewesen  sei,  imd  seine  kenntnisse  von  alten,  erfahrenen  män- 
nern  erworben  (numit)  habe,  oder  wie  eine  andere  stelle  der  Heims- 
kringla^)  die  von  Ari  angeführten  gewährsleute  als  leute  bezeichnet,  von 
denen  er  künde  erlangt  (frceöi  af  numit)  habe?  In  ganz  ähnlicherweise 
wie  Ari  verfahren  aber  auch  noch  Oddur  und  Gunnlaugur,  sofern  beide 
neben  den  ihnen  bereits  vorliegenden  Averken  Ari's  und  Stemunds,  dann 
etwa  noch  eines  sonst  nicht  nachweisbaren  priesters  Rufus  (RauÖur?) 
sich  auf  eine  reihe  namentlich  genannter  gewährsmänner  berufen.  Aus 
der  zahl  der  angeführten  lässt  sich  entnehmen ,  dass  auch  von  ihnen  jeder 
einzelne  nur  für  einzelne  theile  der  erzählung  citiert  werden  wollte,  wenn 

1)  Olafs  s.  ens  hehin ,  cap.  180 ,  s.  oll). 
zi;iTsruii.  p.  ])i:uTSCin:  imiilol.  5 


6Ü  MAURER 

auch  die  sorgiUlt,  mit  welcher  Ari  seinen  betreffenden  gewährsraann  bei 
jedem  einzelnen  punkte  nannte,  hier  nicht  beobachtet  und  in  folge  des- 
sen ein  nachgehen  im  einzelnen  nicht  möglich  ist;  jedenfalls  schliesst, 
ganz  abgesehen  sogar  von  der  zahl  der  in  bezug  genommenen  gewährs- 
leute ,  schon  die  öftere  bezugname  auf  verschiedene ,  sich  widersprechende 
berichte,  sowie  die  ganze,  vielfach  mehr  legenden-  als  sagenmässige 
haltung  der  darstellung  jede  möglichkeit  der  von  P.  E.  Müller  aufge- 
stellten annähme  aus,^)  dass  die  beiden  mönche  nur  mit  wenigen  betrach- 
tungen  vermehrt  und  ins  lateinische  übersetzt  hätten,  was  ihnen  bereits 
in  zusammenhängender  erzählung  vorgetragen  worden  sei.  Ebenso  war 
das  verfahren  derjenigen  Verfasser  kein  anderes,  welche  in  der  zweiten 
hälfte  des  12.  Jahrhunderts  die  geschichte  ihrer  eigenen  oder  der  der 
ihrigen  unmittelbar  vorhergehenden  zeit  schrieben.  Eirikur  Oddsson, 
dessen  werk  uns  freilich  nicht  in  unveränderter  gestalt  erhalten  ist,  beruft 
sich  neben  seinen  eigenen  beobachtungen  auf  den  norwegischen  landheri-n 
Häkon  niagi  und  dessen  söhne,  —  auf  den  Hallur  porgeirsson ,  einen 
dienstmann  des  königs  Ingi,  —  auf  den  Einarr  Pälsson  und  die  Guörföur 
Birgisdöttir ,  beide  ebenfalls  aus  Norwegen,  —  endlich  auf  den  propst 
Ketill  an  der  marieukü-che  zu  Aalborg.  Also  auch  hier  wieder  dieselbe 
berufung  auf  einzelne  gewährsmänner  für  einzelne  thatsachen,  und  nicht 
die  entfernteste  spur  davon,  dass  Eirikur  eine  „nach  form  und  Inhalt" 
bereits  fertige  erzählung  nur  einfach  nidergeschrieben  habe ;  wenn  es  von 
Häkon,  und  wider  von  Hall  heisst,  sie  seien  dabei  gewesen,  als  der- 
selbe diese  oder  jene  Vorgänge  aufgezeichnet  habe ,  so  kann  daraus  selbst 
bei  der  strengsten  auslegung  dieser  werte  doch  höchstens  nur  gefolgert 
werden,  das  Eirikur  hin  und  wieder  im  beisein  seiner  gewährsmänner 
sich  vorläufige  notizen  niderschrieb,^)  aber  ganz  und  gar  nicht,  dass 
derselbe  sein  gesamtes  werk  sich  habe  in  die  feder  dictieren  lassen,  wo- 
gegen ja  schon  die  thatsache  entscheidend  spricht,  dass  für  verschiedene 
theile  der  erzählung  verschiedene  gewährsleute  angeführt  werden,  und 
darunter  manche,  wie  z.  b.  der  propst  Ketill,  nur  für  ganz  vereinzelte 
umstände.  In  ähnlicher  weise  schrieb  der  abt  Karl  Jönsson  nach  den 
prologen  zuv  Sverris  s.  den  ersten  theil  dieser  sage  unter  den  äugen  des 
königs  Sverrir  und  nach  dessen  angaben ,  deren  zweiten  theil  dagegen  auf 
grund  der  erzählungen,  und  theilweise  auch  schriftlichen  aufzeichnungen 
von  augenzeugen,  imd  ausserdem  zeigen  sich  auch  wol  noch  Urkunden 
und  sonstige  denkmäler  gelegentlich  benützt;  wir  dürfen  hiernach  aller- 
dings annehmen,   dass   der   könig   auf  den  Inhalt  und  die   färbung   der 

1)  Nordisk  Ticlsskrift  for  Oldkyadujhed ,  l,  s.  42, 

2)  vgl.  die  Worte:  „er  ritat  var  fyrsta  sinne,''  in  den  F.  M.  S.,  VII,  s.  339. 


DIE    NOEWEG.    AUFPASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  G7 

sage  massgebenden  einflus  geübt,  und  zumal  dafür  gesorgt  haben  werde, 
dass  keine  ihm  allzu  ungünstigen  züge  in  dieselbe  hinein  kommen  möch- 
ten, aber  darum  sind  wir  doch  noch  keineswegs  befugt,  mit  dem  Ver- 
fasser (s.  449)  anzimehmen,  dass  ihm  der  isländische  abt  im  gründe  nur 
als  Schreiber  gedient  habe.  Die  ersten  geschichtlichen  werke ,  welche  die 
nordische  litteratur  aufzuweisen  hat ,  sind  demnach  augenscheinlich  erzeug- 
)iisse  einer  ganz  individuellen  verfasserthätigkeit,  und  es  gilt  dies  eben 
sowohl  bezüglich  derjenigen  werke,  welche  die  geschichte  der  norwegi- 
schen könige  vor  dem  jähre  1130  behandeln,  die  nach  dem  verf.  (s.  434 
flg.)  bereits  „ihre  vollständige  form  im  mündlichen  vortrage  erhalten 
und  in  dieser  vorher  gegebenen  form  aufgezeichnet"  worden  sein  soll, 
als  auch  bezüglich  jener  andern,  eine  spätere  zeit  behandelnden,  Avelche 
von  augenzeugen  dem  einzelnen  angeblichen  Verfasser  nur  in  die  feder 
dictiert  sein  sollen.  Dieser  ausgesprochene  character  gerade  der  ältesten 
geschichtswerke  will  aber  ganz  und  gar  nicht  zu  Keysers  behauptung 
stimmen,  dass  jene  literatur  ihren  ausgangspunkt  von  der  aufzeichnung 
der  in  der  mündlichen  Überlieferung  umlaufenden  sagen  genommen,  und 
erst  hinterher  zu  einer  freier  und  selbständiger  gearteten  verfasserthätig- 
keit gediehen  sei,  P.  E.  Müller,  welcher  die  abhäiigigkeit  der  islän- 
dischen geschichtschreibung  von  der  tradition  ^zuerst  zu  einem  giauljens- 
artikel  gemacht  hat,  hatte  das  misliche  dieses  umstandes  bereits  richtig 
erkannt;  aber  er  hatte  den  aus  demselben  herzunehmenden  einwendungen 
durch  die  behauptung  zu  begegnen  gesucht ,  dass  Ari  gar  nicht  der  erste 
geschichtsclireiber ,  sondern  nur  der  erste  geschichtsforscher  Islands  gewe- 
sen sei,  und  dass  jedenfalls  viele,  ja  vielleicht  die  meisten  Islendinga 
sü(jur  und  Norcgs  konünga  sögur  bereits  „spätestens  im  laufe  des  12.jahr- 
Ivunderts"  aufgezeichnet  worden  seien.  ^)  Die  von  ihm  versuchte  beweis- 
führung  darf  nun  freilich  als  vollkommen  mislungen  bezeichnet  werden, 
da  einerseits  die  von  ihm  angeführte  stelle  der  Sturhmga,  II,  cap.  38 
s.  lOG  —  7  von  ihm  falsch  gelesen  und  gründlich  misverstanden  worden 
ist-'j  und  die  gleichfalls  von  ihm  angeführte  vorrede  der  Hi'mgurvala  uns 
nur  sagt,  was  wir  ohnehin  schon  wissen,  dass  nämlich  einzelne  sagen 
am  ende  des  12.  Jahrhunderts  bereits  geschrieben  waren,  andererseits 
aber  die  schon  mehrfach  angeführte  grammatische  abhandlung  in  der 
jüngeren  Edda  ausdrücklich  feststellt,  dass  gegen  die  mitte  desselben 
Jahrhunderts  weitere  geschichtliche  aufzeiclinungen  als  Aris  scliriffcen 
noch  nicht  vorhanden  waren ,  und  auch  der  prolog  der  Ucimskr'mgla  und 
geschichtlichen  Olafs   s.   ens    helga    zwischen    geschichtschreibung    und 

1)  a.  a.  0.,  s.  31  — 3G,  und  40—41. 

2)  vgl.    Guöbraiids   anmcrkung-   m  den    Anncücr   for    nordülc  Oldlcyndiphcd, 
1861,  s.  236  — 37. 


68  MAURER 

gescMchtsforschung  bei  der  erwähuung  dieser  letzteren  nicht  scheidet. 
So  wagt  denn  auch  Keyser,  obwohl  er  an  der  falschen  lesung  und  aus- 
leguug  jener  stelle  der  Sturlünga  auch  seinerseits  festhält,  doch  nicht 
dem  Ari  den  rühm,  der  erste  isländische  geschieh tschreiber  gewesen  zu 
sein,  abzustreiten,  und  er  beschränkt  sich  auf  die  behauptung,  dass  von 
ihm  der  anstoss  zu  einer  massenhaften  aufzeichnung  der  mündlich  umlau- 
fenden sagen ,  und  vielleicht  auch  der  erste  versuch  einer  solchen  ausge- 
gangen sei,  während  die  sagenschreibung  im  engeren  sinne  des  Wortes 
nach  seiner  meinung  vorzugsweise  der  mitte  und  der  zweiten  hälfte  des 
12.  Jahrhunderts  zufiel  (s.  439 — 40  und  441);  eben  darum  kommt  er 
aber  auch  über  den  widersprach  in  keiner  weise  hinaus,  welcher  darin 
liegt,  dass  er  eine  freiere  verfasserthätigkeit  erst  als  eine  spätere  ent- 
wicklungsstufe  der  geschichtlichen  litteratur  gegenüber  einer  Ursprünge 
lieh  sclavischen  abhängigkeit  derselben  von  der  mündlichen  tradition 
auffassen  will,  und  doch  sich  genötigt  sieht,  an  die  spitze  eben  dieser 
litteratur  einen  mann  zu  stellen ,  welcher ,  wenngleich  mit  den  beschränk- 
testen mittein  operierend,  doch  die  selbständige  historische  forschung 
im  eminentesten  masse  vertritt !  —  Gehe  ich  aber  von  jenen  ältesten 
werken  zu  der  grossen  masse  jener  anderen  herab ,  welche  erst  dem  ende 
des  12.,  dann  dem  13.  und  14.  Jahrhundert  ihre  entstehung  verdanken, 
so  finde  ich  auch  bezüglich  ilirer  die  auffassung  Keysers  in  keiner  weise 
bestätigt.  Soweit  solclie  werke  die  Zeitgeschichte  behandeln,  wie  dies 
z.  b.  bei  nicht  wenigen  der  bischofssagen ,  bei  der  Hrafns  s.  Sveinhjarn- 
arsonar  und  der  Ärons  s.  Hjörleifssonar ,  bei  einem  guten  theile  der 
Sturlünga,  dann  bei  der  Hakonar  s.  gamla  und  Magmiss  s.  lagahcetis 
der  fall  ist,  berufen  sie  sich  auf  die  unmittelbare  kenntnis  ihrer  Verfas- 
ser oder  auf  diesem  vorliegende  Urkunden  eben  so  gut  wie  auf  das  Zeug- 
nis namentlich  genannter  oder  ungenannter  gewährsmänner ,  und  nichts 
berechtigt  uns  zu  der  annähme,  dass  es  mehr  als  einzelne  angaben  über 
einzelne  Vorgänge  gewesen  seien ,  welche  der  sagenschreiber  diesen  letz- 
teren verdankte,  und  welche  er  dann  erst  seinerseits  mit  dem,  was  er 
aus  anderweitigen  quellen  entlehnte,  zu  einem  ganzen  verband  und  in 
eine  ihm  selber  gefällige  form  brachte.  In  denjenigen  sagen  dagegen, 
welche  von  längst  vergangenen  Zeiten  handeln,  wie  dies  bei  der  weitaus 
grösseren  zahl  derselben  der  fäll  ist,  kehrt  zwar  neben  der  berufung  auf 
ältere  Schriftwerke  ebenfalls  noch  die  bezugnahme  auf  mündliche  erzäh- 
lungen  wider,  nur  dass  jetzt  seltener  als  früher  die  gewährsmämier 
genannt  werden;  aber  auch  bezüglich  ihrer  fehlt  aller  anhaltspunkt  für 
die  annähme,  dass  solche  erzählungen  grösseren  umfanges,  und  dass  sie 
an  eine  bestimmte,  geschlossene  form  gebunden  gewesen  seien.  Die 
klage,   welche    der   prolog   zur  HeitnsJcringla   und   zur   geschichtlichen 


DIE    NORWEG.    AüFFASS.   D.   NORD.   LIT.  -  GESCH.  69 

/ 

Olafs  s.  ens  helga  über  die  gefahr  der  Verderbnis  ausspricht,  welcher 
die  mündliche  Überlieferung  im  gegensatze  zu  den  skäldenliedern  ausge- 
setzt sei,  spricht  sogar  sehr  bestimmt  gegen  die  annähme,  dass  die 
sagenerzählung  auch  ihrerseits  in  fest  abgegrenzter  form  aufgetreten  sei, 
und  andererseits  ist  auch  Keysers  versuch,  die  sagen  mit  den  liedern 
durch  die  behauptung  in  engere  beziehungen  zu  setzen,  dass  die  hofdich- 
ter zugleich  die  vorzugsweisen  träger  der  sagenkunde  gewesen  seien,  und 
dass  die  prosaische  geschichtserzählung  ursprünglich  nur  accessorisch  an 
den  von  den  skäldenliedern  ihr  gebotenen  Stützpunkt  sich  angeschlossen 
habe ,  (z.  b.  s.  402  —  3.) ,  in  keiner  Aveise  begründet.  ^)  Eine  unbefangene 
vergleichung  der  verschiedenen  quellen  unter  sorgsamer  beachtung  der 
zwischen  ihnen  bestehenden  altersunterschiede  würde  meines  erachtens 
vielmehr  gerade  umgekehrt  zeigen,  dass  in  den  ältesten  geschichtswer- 
ken  des  nordens  verse  überhaupt  nicht  angeführt  werden,  es  sei  denn 
dass  sie  zur  geschichtserzählung  selber  gehören,  wie  diess  z.  b.  bei  den 
bekannten  spottversen  der  fall  ist ,  welche  Hjalti  Skeggjason  am  alldinge 
gegen  die  heidnischen  götter  aussprach,  oder  bei  der  schmähenden  Stro- 
phe, welche  Stefnir  J)orgilsson  auf  den  Sigvaldi  jarl  dichtete;  dass  dann 
später  die  benützung  von  versen  zur  ausschmückimg  der  darstellung  auf- 
kam, ab^-  freilich  giitentheils  von  versen,  die  der  Verfasser  der  sage 
selber  erst  zu  diesem  behufe  gedichtet  hatte ;  dass  endlich  die  benützung 
älterer  lieder  zum  beweise  der  geschichtlichen  Wahrheit  des  erzählten 
anfänglich  nur  sehr  vereinzelt  und  schüchtern  auftritt,  bis  endlich  in  der 
ersten  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  die  gebrauchsweise  derselben  geradezu 
ins  System  gebracht  wird ,  und  zwar  wie  es  scheint  durch  Snorri  Sturlu- 
son,  Avelcher  selbst  poet  und  gelehrtester  kenner  der  dichtkunst,  zu  einer 
derartigen  Verwendung  der  alten  liederschätze  ganz  vorzugsweise  befähigt 
und  berufen  war.  Die  art,  wie  der  mehrerwähnte  prolog  zur  Heims- 
kringla  über  eine  derartige  benützung  der  skäldenlieder  zu  zwecken  der 
geschichtlichen  forschung  sich  ausspricht,  zeigt  deutlich,  dass  diese 
anwendungsweise  derselben  zu  der  zeit ,  da  die  betreffenden  worte  geschrie- 
ben wurden,  noch  völlig  neu  war,  und  wir  dürfen  uns  an  dieser  Über- 
zeugung auch  dadurch  nicht  ii-re  machen  lassen,  dass  diese  neuere  weise 
der  liederbenützung  hin  und  wider  auch  schon  in  ältere  quellen,  (wie 
z.  b.  die  Olafs  s.  Tryggvasonar  Odcls)  durch  Interpolationen  hineinge- 
tragen sich  findet;  in  der  that  konnte  das  bedürfiiis,  nach  den  liedern 
als  geschichtlichen  documenten  zu  greifen,  sich  nicht  wol  vor  einer  zeit 
ergeben,  welche  von  den  zu  erzählenden  begebenheiten  bereits  weit  genug 
abstand,  um   dieselben  durch   ein  zurückgehen  an  der  band  bestimmter 

1)  vgl.  was  Möbius  in  seiner  abhaudlung  über  die  ältere  isländische  saga,  s.  6, 
über  diesen  punkt  sagt. 


7t)  jiAumcu 

eiiizeliR'V  gewälirsmäniicr  iiiclit  nielir  erreichen  zu  köimen.  Ganz  ver- 
kelirt  ist  es  aber  vollends,  wenn  der  Verfasser  nun  sofort  alle  die  liof- 
dicliter,  deren  verse  irgendwie  zu  historischen  zwecken  sich  benützt  fin- 
den, zu  sagamännern  machen  will,  und  auch  das  ist  nicht  richtig ,  wenn 
er  aus  dem  beinamen  hinn  frööi,  welcher  dem  ^jö(5ölfur  hvinverski  beige- 
legt wird ,  auf  dessen  besondere  geschichtskenntnis  schliessen  will  (s.  420). 
Die  Worte  frööur,  fra}öi  deuten  auf  das  wissen  überhaupt,  nicht  aber  auf 
eine  bestirnte  art  des  wissens,  und  wenn  der  geschichtskundige  speciell 
daemafrööur  heissen  mag ,  wird  der  rechtskundige ,  genealog ,  Zauberkünst- 
ler, verskundige  als  lögfrööur,  settfroöur,  margfröSur,  kvseöafrööur  be- 
zeichnet; so  mag  denn  auch  das  einfache  frseöi  ,das  eine  mal,  wie  im 
prologe  der  Heimskringla ,  das  geschichtliche  wissen  bezeichnen,  —  ein 
andermal,  mit  heilög  frseöi  gleichbedeutend,  das  christlich  -  religiöse ^ ^) 
wie  denn  noch  heutzutage  auf  Island  Luthers  kleiner  katechismus  diesen 
namen  trägt ,  —  wider  ein  andermal  ein  zauberlied ,  ^)  oder  auch  ein  lied 
schlechthin,^)  und  wenn  einmal  von  einer  Unterhaltung  mit  neuen  ,,frseSi" 
die  rede  ist,'^)  sind  die  gedichte  wenigstens  mit  inbegriffen.  Stüfur  skäld, 
welcher  dem  könige  Harald  harSräÖi  an  einem  abende  erst  30  flokkar 
vorgetragen,  dann  aber  erklärt  hatte,  noch  eben  so  viele  dräpur  und 
darüber  zu  können,  wird  von  diesem  als  „mikill  frseöimaö*  a  kva3Öi" 
und  als  „kvaiöafröör  maör"  gerühmt;^)  warum  sollte  l>jöÖölfur  nicht  aus 
demselben  gründe  hinn  fröÖi  heissen  können?  Widerum  scheint  mir  nur 
wenig  zu  des  Verfassers  ansieht  zu  stimmen,  dass  widerholt  von  der  bil- 
dung  von  sagen  über  lebende  männer  gesprochen  wird.  So  wird  einmal 
erzählt,  dass  sich  über  des  Bolli  Bollason  tapferes  auftreten  auf  seiner 
reise  im  nordlande  sofort  neue  sagen  bildeten,  und  dass  dadurch  die 
achtung,  deren  er  genossen,  sehr  gestiegen  sei;'^)  ein  andermal  sprechen 
zwei  knaben  zu  einem  sie  begleitenden  manne,  sie  seien  begierig  darauf 
am  dinge  die  mächtigeren  häuptlinge  zu  sehen,  über  die  es  grosse  sagen 
gebe;')  der  Grönländer  porgrimur  trölli  erzählt  in  seiner  heimat  einmal 
eine  sage,  welche  die  tödtung  des  Jjorgeirr  Hiivarsson  durch  ihn  selber 
betraf;^)  eine  sage,  Avelche  die  heerfahrten  des  königs  Haraldur  haröraöi 

1)  z.  b.  iin  puroalds  p.  viöförla,  cap.  6,  s.  45;  FlhTc.,  II.  s.  348. 

2)  s(J    im  porflnns  p.   Tcarlsefnis ,    cap.  3,    s.  109,    und  in   der  Verjtamshviba, 

^.tr.  8. 

3)  so  z.  b.   in   der  Grettis  s. ,   cap.  52,    s.  119:    „frreöi  pat  er  Grettis  fcersla 

het,"  und  öfter. 

4)  Vigaijlüuis  s.,  cap.  24,  s.  385. 

5)  FMS.,  VI,  cap.  110,  s.  391  — 92. 

6)  Laxdtela,  cap.  88,  s.  362. 

7)  so  die  kürzere  Gisla  s.  Smssonar ,  s.  'A  —  55. 

8)  Fösthrceöra  s.,  cap.  9,  s.  87  — 88  (Huiiksbök). 


DIE   NORWEG.    AÜEFASS.    D.    NORD.    LIT. -GESCH.  71 

behandelte  (lUfarar  saga  Haralds  Jcommgs)  wurde  von  dem  Isländer 
HalldöiT  Snorrason,  des  königs  begieiter,  im  hause  des  Eiuarr  pamba- 
skelfir,^)  und  von  einem  andern  Isländer  namens  |)orsteinn  fröSi  sogar 
vor  dem  genannten  könige  selbst  erzählt.^)  Da  lässt  sich  denn  doch 
nicht  annehmen,  dass  unter  derartigen  sagen  „nach  form  und  Inhalt" 
bestimmt  festgestellte  erzählungen  zu  verstehen  seien  ;  vielmehr  kann  man 
wol  nur  an  der  form  nach  völlig  ungebundene  erzählungen  denken ,  welche 
jeder  einzelne  beliebig  in  der  ihm  zusagenden  form  vortrug,  wogegen 
natürlich  dem  Inhalte  nach  alle  erzählungen,  welche  denselben  gegen- 
ständ betrafen,  eben  darum  auch  eine  gewisse  ähulichkeit  mit  einander 
zeigen  musten.  Gerade  jeuer  Halldörr,  welcher  könig  Haralds  reise- 
sage in  Einars  haus  erzählt  haben  soll,  brachte  nach  der  Ileimshrlngla 
zuerst  die  nachricht  über  dessen  fahrten  nach  Island,^)  und  auch  J)or- 
steinn  antwortet  auf  des  königs  frage,  woher  er  über  diese  so  genauen 
bescheid  wisse,  dass  er  eben  diesen  Halldörr  jähr  für  jähr  am  aUding 
davon  habe  erzählen  hören;  wer  wollte  aber  glauben,  dass  Halldörr ,  der 
uns  überall  als  ein  rauher  kriegsmann  derbsten  Schlages  geschildert  Avird,^) 
sich  damit  befasst  habe,  eine  kunstgerecht  stylisierte  sage  zusammenzu- 
setzen, und  diese  dann  jähr  für  jähr  am  alldinge  herzusagen,  bis  sie 
endlicli  porsteiun  stück  für  stück  auswendig  gelernt  hatte  ?  Der  umstand 
aber ,  auf  welchen  Keyser  so  ungemein  viel  gewicht  legt ,  dass  wir  näm- 
lich von  den  wenigsten  älteren  Schriftwerken  die  Verfasser  kennen,  und 
dass  somit  die  altnordische  litteratur ,  und  zumal  sagenlitteratur  grösten- 
teils  eine  namenlose  sei,  dürfte  denn  doch  eine  ganz  andere  als  die  von 
ihm  nach  dem  vorgange  von  Möbius^)  versuchte  erklärung  fordern  und 
zulassen.  Wir  wissen,  dass  die  um  das  jähr  965  entstandenen  HdJcon- 
arnial  von  Eyvindur  skäldaspillir  gedichtet  wurden,  während  der  dich- 
ter der  um  höchstens  zwei  Jahrzehnte  älteren  und  ungleich  kraftvolleren 
Eiriksmdl  uns  unbekannt  ist;  und  doch  wurde  auch  dieses  letztere  lied 
auf  bestellung  gemacht,  und  war  somit  auch  seinerseits  ganz  gewiss 
kein  unmittelbares  erzeugnis  des  „volksgeistes."  Wir  kennen  den  Ari 
I)orgilsson  als  den  Verfasser  der  Islendingabök ;  aber  der  Verfasser  des 
um  70  —  80  jähre  jüngeren  Königsspiegels,  oder  des  diesem  ungefähr 
gleiclizeitigen  AneMoton  Sverreri  wird  uns  nirgends  genannt,  während 
doch  beide  werke  viel  zu  sehr  den  Stempel   einer   scharf  ausgeprägten 

1)  Flhk.,  III,  s.  428  — 29. 

2)  FMS.,  VI,  cap.  99 ,   s.  355  —  56;    den   uaiueii  des   erzählers  iieimt  nur  die 
Morhinskinna. 

3)  Haralds  s.  harördda,  cap.  9,  s.  63. 

4)  vgl.  seine  personalbeschroibimg  in  den  FMS.,  VI,  cap.  46,  s.  250. 

5)  a.  a.  0.,  s.  13— 14. 


72  MAüRER 

verfasserindividualität  imd  den  character  von  gelegenheitsschriften  an  sich 
tragen,  als  dass  wir  in  ilmen  nur  aufzeichnungen  alter  volkstraditionen 
erkennen  könnten.  Oddur  Snorrason  wird  uns  als  der  Verfasser  der 
legendarisclien  biographie  des  königs  Olaf  Tryggvason  genannt;  den  Ver- 
fasser der  legendarisclien  Olafs  s.  Jims  lielga  kennen  wir  dagegen  nicht? 
und  docli  sind  beide  werke  offenbar  ganz  gleichen  Schlages  und  ihrem 
grundstocke  nach  ziemlich  gleichzeitig  entstanden.  Widerum  erfahren 
wir,  dass  Bjarni  Maröarson  der  Verfasser  jener  wergeldstabelle  war, 
welche  den  Gulaphigslöy  angehängt  ist;  verschwiegen  bleibt  uns  dage- 
gen, von  wem  dieses  rechtsbuch  selber  herrühre,  wälirend  doch  die 
gleichzeitige  berücksichtiguug  älterer  und  neuerer  bestimmungen  in  dem- 
selben und  die  hervorhebung  ihrer  widerspräche  auch  bezüglich  seiner 
auf  einen  in  sehr  individueller  weise  arbeitenden  Verfasser  schliessen 
lässt.  U.  dgl.  m.  Man  sieht,  Zufälligkeiten  sind  hier  unverkennbar  mit 
im  spiele;  im  übrigen  aber  ist  denn  doch  klar,  dass  in  einer  zeit,  in 
welcher  die  litterarische  Wirksamkeit,  zumal  beim  gebrauche  einer  nur 
wenig  verbreiteten  spräche ,  nothwendig  auf  ziemlich  enge  kreise  beschränkt 
bleiben  muste,  für  den  Verfasser  selbst  nur  wenig  grund  vorlag,  sich 
ausdrücklich  als  solchen  7AI  nennen,  oder  auch  nur,  wie  diess  ja  ebenfalls 
vorkam,  in  versteckterer  weise  als  solchen  zu  bezeichnen,  selbst  wenn 
ihn  nicht  die  eigene  bescheidenheit ,  oder  andere  mehr  zufällige  gründe 
zur  wähl  der  anonymität  bestimten,^)  —  klar  überdiess  auch,  dass  bei 
dem  vorzugsweisen  gewichte,  welches  man  der  samlung  eines  möglichst 
vollständigen  Stoffes,  und  bei  dem  geringen  werthe,  welchen  man  dem 
gegenüber  (bei  prosawerken)  der  form  seiner  Verarbeitung  beizulegen 
pflegte,  die  einzelnen  werke  durch  fortwährende  einschiebsei,  zusätze, 
anhänge ,  oder  auch  Veränderung  ihrer  anordnung  und  einteilung  zumeist 
rasch  ihre  ursprüngliche  gestalt  einbüssen  musten,  wobei  dann  der  name 
des  ursprünglichen  Verfassers  leicht  selbst  da  in  Vergessenheit  gerathen 
mochte,  wo  derselbe  sich  genannt,  oder  wo  man  ihn  doch  anderweitig 
gekannt  hatte.  Nicht  darum  also  sind  uns  die  Verfasser  so  mancher 
werke  unbekannt  geblieben,  weil  sie  sich  selbst  nicht  als  deren  urheber, 
sondern  nur  als  die  aufzeichner  einer  schon  längst  vor  ihnen  existieren- 
den arbeit  betrachteten,  sondern  aus  dem  ganz  anderen  gründe,  weil 
dieselben  aus  bescheidenheit  oder  aus  anderen  gründen  es  nicht  für  der 
mühe  werth  hielten ,  sich  selber  zu  nennen ,  oder  auch  weil  ihr  name 
bei  widerholter  Überarbeitung  ihrer  werke,  wo  er  genannt  gewesen  war, 
oft  ausfiel ,  und  wo  diess  nicht  der  fall  gewesen  war ,  oft  ungenannt  blieb, 

1)  Avie  das  letztere  z.  b.  nach  s.  3  des  Königsspiegels  bei  dessen  Verfasser  der 
fall  war. 


DIE    KORWEG.   AUFFASS.   D.   NOED.   LIT.- GESCH.  73 

wenn  nicht  etwa  gar  das  überarbeitete  werk  als  ein  selbständiges  und 
neues  weiter  lief,  ohne  auch  nur  der  von  dem  Überarbeiter  benützten 
vorlagen  zu  gedenken.  Endlich  geht  es  auch  nicht  an,  den  unvoUkomm- 
neren  und  mehr  fragmentarischen  Charakter,  welchen  die  eine  ältere  zeit 
behandelnden  sagen  im  vergleiche  mit  den  eine  spätere  behandelnden 
zeigen,  "vvie  unser  Verfasser  will  (s.  417),  auf  die  allmälige  entwicklung 
der  sagenkunst  von  einer  niedrigeren  zu  einer  hölieren  stufe  zurückzufüh- 
ren. Ich  wenigstens  kann  mir  die  mündliche  Überlieferung  der  vorzeit 
unmöglich  so  vollkommen  schulgerecht  discipliniert  vorstellen,  dass  jede 
tradition  nicht  nur  in  festgeschlossener  form  zur  weit  gekommen,  son- 
dern aucli  in  dieser  Jahrhunderte  lang  ohne  alle  änderung  weitergetragen 
worden  wäre,  unberührt  durch  jeden  einfluss  der  steigenden  bildung  und 
des  wechselnden  geschmackes ;  glücklicherweise  bietet  sich  mir  aber  auch 
sofort  eine  ganz  andere  und  ungleich  einfachere  erklärung  für  jene  Ver- 
schiedenheit im  Charakter  der  verschiedenen  sagen  dar.  Es  ist  oben 
bereits  darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  dass  selbst  das  geübteste 
gedächtnis  doch  nur  eine  gewisse  masse  von  stoflf  bewältigen  könne ,  und 
dass  somit,  wenn  im  laufe  der  zeiten  demselben  sich  mehr  und  mehr 
neue  Überlieferungen  aufdrängei^,  dafür  ältere  in  entsprechendem  masse 
fallen  gelassen  werden  müssen ,  so  lange  nicht  die  schrift  der  mündlichen 
tradition  zu  hilfe  kommt.  Eine  unausbleibliche  folge  dieser  thatsache 
ist  nun  aber  die,  dass  die  erinnerung  an  die  der  zeit  nach  näheren 
begebenheiten  stets  eine  frischere ,  genauere  und  zumal  auch  detailliertere 
sein  wird  als  die  an  weiter  zurückliegende  Vorgänge,  und  wenn  zwar 
die  hervorragendere  bedeutsamkeit  oder  die  eindringlichere  erscheinungs- 
form  einzelner  thatsachen  von  dieser  regel  einzelne  ausnahmen  begrün- 
den mögen,  so  sind  doch  auch  diese  ausnahmen  wider  an  gewisse,  nur 
etwas  weiter  gezogene  schranken  gebunden.  Nicht  eine  allmälige  Stei- 
gerung der  sagenkunst  liegt  also  der  grösseren  Vollständigkeit  der  auf  die 
späteren  zeiten  bezüglichen  sagen  zu  gründe,  sondern  umgekehrt  eine 
allmälige  abschwächung  der  erinnerung  an  die  entlegeneren  zeiten,  ver- 
möge deren  der  spätere  geschichtschreiber  sich  auf  ein  um  so  dürftige- 
res raaterial  beschränkt  sah,  je  weiter  er  mit  seiner  forschung  in  die 
vorzeit  zurückzugreifen  suchte.  —  Die  form  freilich  der  sagenschreibung 
ist  unzweifelhaft  durch  den  gebrauch  des  mündlichen  Vortrags  bestimmt; 
hieraus  aber  folgt  doch  nur,  dass  der  gewohnheit,  sagen  zu  schreiben, 
die  gewohnheit,  sagen  zu  erzählen,  vorhergegangen  ist,  und  dass  die 
durch  die  letztere  grossgezogene  darstellungsform  auf  die  erstere  sich 
hinübervererbte ,  aber  in  alle  weite  nicht ,  dass  jede  emzelne  sage  bereits 
ganz  ebenso  mündlich  erzählt  Avorden  war ,  wie  sie  später  nidergeschrie- 
ben  wurde,  und  dass,  wie  Keyser  annimmt  (s.  415),  der  zusammensetzer 


74  M AUEER 

der  einzelnen  sage  der  regel  nacli  eine  ganz  andere  person  Avar  als  deren 
Schreiber.  Setzt  doch  aucli  die  eiukleidnng  eines  romans  in  die  form 
von  l)riefen  den  gebrauch  des  briefschreibens ,  und  das  schreiben  einer 
hauspostillc  den  gebrauch  des  predigens  voraus,  ohne  dass  doch  irgend 
jemand  hieraus  Avird  folgern  wollen,  dass  jene  romanbriefe  sofort  auch 
nur  getreue  abschriften  wirklicli  geschilobener  briefe ,  und  diese  postillen- 
predigten  genaue  copien  Avirklich  gehaltener  predigten  sein  müsten! 
Allerdings  will  unser  Verfasser  (s.  418)  auch  noch  aus  dem  anderen 
umstände  auf  die  abhängigkeit  der  sagenschreibuug  von  der  mündlichen 
tradition  schliesen,  dass  sich,  wo  immer  uns  mehrfache  bearbeitungen 
eines  und  desselben  Stoffes  erhalten  sind,  unter  diesen  regelmässig  sehr 
auffällige  Übereinstimmungen  neben  nicht  minder  auffälligen  abweichun- 
gen  vorzufinden  pflegen.  Aber  dergleichen  deutet  meines  erachtens  eben 
doch  nur  darauf  hin,  dass  von  diesen  mehrfachen  bearbeitungen  entweder 
eine  die  andere  benützt,  oder  dass  beide  mittelbar  oder  unmittelbar 
gleichmässig  aus  einer  dritten  quelle  geschöpft  haben;  ob  aber  letzteren- 
falls  diese  ältere  quelle  eine  mündliche  oder  schriftliche  gewesen  sei;,  ist 
damit  noch  keineswegs  gesagt.  Für  nicht  wenige  fälle  lässt  sich  nach- 
weisen, dass  es  eine  schriftliche  und  nicht  eine  mündliche  quelle  war, 
welche  benützt  wurde.  Wenn  z.  b.  eine  reihe  von  stellen  unserer  Islend- 
ingahöh  in  der  Landndma  ganz  gleichmässig  widerkehrt,  so  erklärt  sich 
dies  einfach  daraus,  dass  die  ältere,  uns  verlorene  redaction  jener  erste- 
ren,  Avie  uns  die  Haulisböh  andeutet,  zugleich  die  erste  grundlage  die- 
ser letzteren  gebildet  hat.  Wenn  die  FagursJcimia ,  §.  188,  s.  126 — 27, 
und  die  Heimskringla ,  Haralds  s.  harcirdda,  cap,  36,  s.  95  —  96,  mit 
fast  gleichlautenden  Avorten  über  könig  Haralds  persönlichkeit  und  seine 
beziehungen  zu  Island  sich  aussprechen,  so  ist  diess  ebenso  gut  aus  der 
gemeinsamen  benützung  eines  älteren  geschichtswerkes  zu  erklären ,  als 
die  widerkehr  derselben  werte  in  den  FMS.,  VI,  cap.  54,  s.  265  —  66, 
und  der  FlhL,  III,  s.  343  —  44,  auf  eine  benützung  der  Heimskringla, 
oder  ihrer  vorläge  zurückweist.  Wenn  im  Agrip ,  cap.  17,  s.  394  —  95, 
dann  bei  Tlieodoricli ,  cap.  14,  s.  322,  eine  fromme  floskel  über  könig 
Olaf  Tryggvason's  tod  fast  Avörtlich  ebenso  widerkehrt,  Avie  bei  Oddur, 
cap.  60,  s.  60  (ed.  Munch),  so  lässt  sich  auch  dies  nur  aus  der  benützung 
dieses  letzteren  Schriftwerkes  für  die  beiden  ersteren  erklären.  Die 
massenhaften  Übereinstimmungen,  Avelche  sich  zwischen  den  späteren 
abschnitten  der  Heimsliringla,  der  FagursJclnna,  des  Agrip  und  einiger 
in  deni^JfÄ,  VII,  gedruckten  sagen  ergeben,  deuten  auf  dB,s  Hrgggjar- 
styhlci  Eirihs  als  die  gemeinsam  benützte  quelle,  u.  dgl.  m.  Lässt  sich 
docli  auch  die  Aviderholte  aufut^dime  verschiedener  Versionen  einer  und 
derselben  erzählung  in  ein  und  dasselbe  schiiftwerk,  ohne  dass  die  iden- 


DIE    NORWEG.    AUFFASS.    D.    NORD.   LIT.  -  GESCH.  75 

tität  des   zu   gründe  liegenden   Vorganges   von   dessen  Verfasser  erkannt 
worden  wäre,   nur   aus   einem  gedankenlosen  absclireiben  älterer  bttcher, 
nicht  aus  einem  combinieren  verschiedener  mündlicher  erzählungen  erklä- 
ren;   die  letzteren,    die   der  Schreiber   doch  unmöglich   alle    zu   gleicher 
zeit  vor   sich   haben  konnte,    hätten   sich   unwillkürlich  in  dessen  köpfe 
ausgleichen  müssen.^)    Umgekehrt  können  wir  in  einigen  wenigen  fällen 
nachweisen,  dass  trotz  der  benützung  derselben  mündlichen  Überlieferun- 
gen seitens  verschiedener   Schriftwerke  in   diesen  dennoch  sehr  verschie- 
dene   darstellungen   der  betreffenden   Vorgänge   sich  vorgetragen  finden. 
So  ruft  z.  b.  die  Fagtirsl-inna,   §.61,  s.  49,   das  zeugnis  einiger  in  der 
Jömsvikingaschlacht  mitkämpfender  Isländer  an,  welche   die  künde  von 
derselben  mit  heimgebracht  hätten ,  und  sie  nennt  den  Vigfüs  Vigaglüms- 
son,    die  brüder   Skümr  und  I)6rÖr  örvhönd,    des  porkell    auögi  söhne, 
und  in  der   einen  ihrer  handschriften  auch  noch  den  Tindr  Hallkelsson ; 
die  JömsviMnga  s.,   cap.  42,    s.  127  — 30,    und  cap.  49,    s.  158,   beruft 
sich  ihrerseits   ebenfalls   anf  die    ersteren   drei  männer,    denen  sie   nur 
noch  den  Einarr  skälagiam,  wie  es  scheint  irrtümlich,  beifügt,  während 
den  Tind  ebenfalls   wider  nur  eine  ihrer  recensionen  nennt.     Aber  trotz 
dessen  geht  die   darstellung  der   schlacht  in  beiden  quellen  weit  ausein- 
ander, natürlich  nicht,    wie  unser  Verfasser  wunderlich  genug  annehmen 
will  (s.  421  —  22),   weil  die  FagursMnna  die  norwegische,    die  Jömsvi- 
Mnga s.  dagegen  die  isländische  tradition  über  dieselbe  enthielt ,  sondern 
Aveil  trotz  der  gleichheit  der  in  letzter  Instanz  benützten  gewährsmänner 

1)  Auch   liiefür  ein   paar   beispiele.     Oddur  erzcählt,    cap.  28,    s.  31,    dieselbe 
gescliiclitc    von  einem  gewissen  Hroaldur  zu  Goöey,    welche   er,    cap.  42,   s.  42,  von 
einem  gleichnamigen  manne   im  Moldafjöröur  berichtet.    Die  legendarische  Olafs  s. 
enshelga  erzählt  einen  Vorfall,  der  sich  zwischen  könig  Olaf  und  dem  isländischen  dich- 
ter Gizurr  svarti  begeben  haben  sollte,  in  cap.  90,  s.  67  zum  zweiten  male,  nachdem 
sie  ihn  in  cap.  85 ,  s.  64 ,  bereits  mit  nur  wenig  veränderten  umständen  erzählt  gehabt 
hatte.    In  die  kurze  erzählung ,   welche   die  älteren  fragmente  dieser  sage ,    cap.  75, 
s.  95,   und  mit  ihnen  übereinstimmend  die  Fagurskinna ,  §.  107,  s.  88,   über  könig 
Olafs  flucht  aus  dem  Slj^gsfjöröur  in  die  hochlande  geben,  schiebt  deren  haupthand- 
sclirift,  cap.  71,  s.  55  —  cap,  75,   s.  58,   ein  langes  stück  ein,  welches  augenschein- 
lich mit  einer  bereits  in  cap.  33  —  39,    s.  23  — 28  eingestellten  erzählung  zusammen- 
hängt,   und  das   eben  erst  erzählte  verlassen  der  schiffe  zum  zweiten  male  berichtet. 
Die  jüngeren  handschriften   der  He'msliringla  erzählen  in  der  3Iugnms  s.  bcrfcetta, 
cap.  15  —  16,  s.  216  —  19,  von  einer  doppelten  schlecht  bei  Foxerni,  und  ihnen  folgt 
die  Krukliinskinna  und    das    jüngere   Hryygjarstyklci,    VMS.,    VII,   cap.  27  —  28, 
s.  55— 59;  dem  gegenüber  weiss  aber  die  Fagurskinna ,  §.237,  s.  156  — 57,  der  von 
der  MorkinskiiiHd  benützte   text   und   die  älteste  handsclu-ift  der  Ifeiinskrüigla ,    die 
sogenannte  Kringla ,  nur  von  einer  einzigen  schlacht  bei  dem  genannten  orte,   wäh- 
rend das  Ägrip,   cap.  42,   s.  413,  und  Theodorich,  cap.  31,  s.  338  — 39  noch  weiter 
abliegen.     U.  dgl.  m. 


76  MAUEER 

die  von  iliiieu  gleiclimässig  herstanunende  Überlieferung  im  munde  ver- 
schiedener erzähler  ein  sehr  verschiedenes  aussehen  gewonnen ,  oder  auch 
weil  die  Verfasser  der  beiden  schriftlichen  aufzeichnungen  beim  wider- 
geben der  gehörten  erzählungen  sich  ziemliche  willkürlichkeiten  erlaubt 
hatten.  Uebereiiistimmungen  in  der  wortfassung  deuten  demnach,  (von 
Versen  natürlich  immer  abgesehen)  wo  sie  nicht  rein  zufällig  sind,  auf 
die  benützung  schriftlicher  quellen;  die  benützung  gemeinsamer  münd- 
licher traditionen  dagegen  führt  nicht  nur  nicht  zu  solchen,  sondern  sie 
gestattet  sogar  immer  noch  ein  weites  auseinandergehen  sogar  in  bezug 
auf  den  Inhalt  der  erzähluug.  Endlich  aber  möchte  ich  auch  darauf  noch 
aufmerksam  machen,  dass  schon  der  umfang  der  meisten  unserer  sagen 
jede  möglichkeit  ausschliesst ,  dass  dieselben  jemals  so  wie  sie  uns  vor- 
liegen mündlich  vorgetragen  worden  sein  könnten.  Au  könig  Haralds 
reisesage  erzählte  J)orsteinn  die  vollen  13  abende  des  julfestes,  und  doch 
beträgt  der  ihr  gewidmete  theil  der  Haralds  s.  harSrdÖa  in  der  Fagur- 
skinna  nur  wenig  über  ^4,  in  der  Heimshringla  aber  und  den  FMS.  gar 
nur  knapp  ^e  <l6i'  ganzen  sage;  wer  wollte  nun  kraft  und  geduld  zum 
erzählen  und  hören  des  ganzen  haben?  Es  wii'd  wohl  ein  hoffnungs- 
loses unternehmen  genannt  werden  müssen,  wie  Möbius  diess  an  der 
Vigaglüms  s.  versucht  hat,  auszuscheiden,  in  wie  vielen  und  in  welchen 
stücken  jede  einzelne  sage  zum  gegenstände  von  erzählungen  gemacht 
worden  sein  möge,  und  wird  wol  je  nach  der  lust  und  gelegenheit  des 
orts  und  der  personen  bald  mehr,  bald  weniger,  bald  so,  bald  anders 
erzählt  worden  sein;  aber  so  viel  steht  denn  doch  fest,  dass  sagen  wie 
die  Njdia  oder  LaxdcEla,  die  Olafs,  s.  helga  oder  Olafs  s.  Tryggvasonar 
unmöglich  zu  irgend  einer  zeit  so  erzählt  worden  sein  können,  wie  sie 
schriftlich  auf  uns  gekommen  sind.  —  Zum  Schlüsse  habe  ich  noch 
einen  blick  auf  die  Stellung  zu  werfen,  welche  die  Isländer  im  gegen- 
satze  zu  den  Norwegern  in  bezug  auf  die  sagenschreibung  einnahmen, 
welcher  punkt  im  bisherigen  ziemlich  ausser  äugen  gelassen  werden 
muste.  Da  ist  nun  zunächst  so  viel  vollkommen  klar,  dass  die  ganze 
masse  der  Islendmga  sögur ,  die  kirchlichen  mit  eingeschlossen,  lediglich 
ein  erzeugnis  isländischen  fleisses  gewesen  sein  kann.  Was  hätte  norwe- 
gische Verfasser  bestimmen  können,  sich  mit  der  geschichte  der  für  sie 
sehr  wenig  bedeutsamen  insel  zu  befassen,  und  wie  hätten  sie  überdiess 
zu  jener  detaillirten  lokal-  und  personalkenntnis  in  isländischen  dingen 
kommen  können,  welche  in  allen  jenen  sagenwerken  sich  ausspricht? 
Will  man  nicht  etwa  das  ehrenlied  hierher  ziehen,  welches  Eyvindm* 
skäldaspillir  auf  die  Isländer  dichtete,  oder  mit  unserem  Verfasser  (s.  466) 
den    ritter  Hauk  Erlendsson    aus    einem  Isländer   zu    einem  Norweger 


DIE   NOEWEG.    AÜPPASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  77 

machen,  1)  so  findet  sich  in  der  that  nirgends  eine  spur  davon,  dass 
man  sich  in  Norwegen  mit  der  geschichte  der  insel  beschäftigt  hätte. 
Aber  au(ih  bezüglich  der  Noregshonünga  sögur  steht  die  sache  meines 
erachtens  nicht  anders,  was  auch  miser  Verfasser  dagegen  auszufüliren 
sucht.  Durch  fast  alle  diese  sagen  zieht  sich  eine  ganz  vorzugsweise 
berttcksichtigung  der  geschicke  isländischer  männer  hindurch,  welche 
irgendwie  mit  dem  norwegischen  hofe  in  berührung  kamen,  und  zwar 
handelt  es  sich  dabei  ganz  und  gar  nicht  blos,  wie  Keyser  die  sache 
darstellt  (s.  413),  um  episoden,  bezüglich  deren  eine  spätere  einschaltung 
in  eine  ältere  sage  angenommen  werden  könnte,  sondern  oft  genug  um 
notizen,  die  in  den  ganzen  gang  der  erzählung  so  fest  verwebt  sind, 
dass  sie  augenscheinlich  mit  zu  deren  ursprünglichem  bestände  gehört 
haben  müssen.  Ebenso  ist  es  zu  viel  gesagt,  wenn  Keyser  behauptet 
(s.  413),  die  anschauungen  und  urteile  über  begebenheiten  und  perso- 
nen  in  den  betreffenden  sagen  seien  stets  die  des  norwegischen  Volkes, 
nicht  die  der  Isländer.  Allerdings  wird  in  der  regel  der  fremde  nicht 
nur  dann,  wenn  er  im  auslande  dienst  nimmt  oder  sonst  sich  einbür- 
gert, die  auffassung  der  eingeborenen  über  die  dortigen  Verhältnisse  sich 
aneignen,  sondern  auch  bei  kürzerem  aufenthalte  seine  beurteiluug  der- 
selben wesentlich  durch  das  urteil  und  die  Stimmung  der  eingeborenen 
bestimmen  lassen ,  und  insoweit  werden  denn  auch  die  isländischen  sagen- 
schreiber  ilire  königssagen  gutentheils  mit  Zuhilfenahme  norwegischer 
brillen  geschrieben  haben.  Aber  ganz  anders  stellt  sich  die  sache,  so 
wie  ausnahmsweise  Specialinteressen  Islands  in  frage  kommen,  oder  auch 
nur  in  solchen  Interessen  begründete  speciell  isländische  Sympathien  und 
antipathien;  in  solchen  fällen  macht  sich  regelmässig  sofort  der  speci- 
fisch  isländische  Standpunkt  geltend,  der  möglicher  weise  von  dem  nor- 
wegischen weit  genug  abliegen  kann.  So  vergisst  Aveder  die  Fagur- 
skinna  noch  irgend  eine  der  anderen  bearbeitungeu  dev  Haralds  s.  harS- 
rdSa  gelegentlich  der  Charakteristik  dieses  königs  zu  erwähnen,  dass 
und  warum  er  der  Isländer  besonderer  freund  gewesen  sei,  und  welche 
wohlthaten  er  ihrem  lande  erwiesen  habe.  Die  verschiedenen  bearbeitun- 
geu der  Hdkonar  s.  herÖihreWs  versäumen  weder  das  lob  einzuregistrie- 
ren ,  welches  Gregorius  Dagsson  der  isländischen  tapferkeit  erteilte ,  noch 
auch  ausdrücklich  hervorzuheben,  dass  seit  dem  tode  des  königs  Eysteinn 
Magnüsson  kern  norwegischer  häuptling  den  Isländern  so  freundlich  gesinnt 
gewesen  sei  wie  er.  2)  Wenn  der  Isländer  pörälfur  sterki  als  der  einzige  mann 

1)  vgl.  hierüber  Jon  porkclsson,  Nolckur  hlöö  ür  Ilaukshök,  s.  III— VI. 

2)  Heimslcr.,  cap.  3  und  14,  s.  380  und  39«;    FMS.,    VII,    cap.  3    und   15, 
s.  254  und  273.     Die  Fagwskimia  ist  liier  defect. 


78  MAURER 

gerüliint  wird,  welcher  sich  an  kraft  mit  könig Häkon  Aöalsteiusföstri  habe 
messen  können/)  so  war  diess  sicherlich  ein  isländisches  mid  kein  norwegi- 
sches urteil,  u.  dgl.  m.  Widerholt  wird  ferner  in  diesen  sagen  darauf  hin- 
gewiesen, dass  diese  oder  jene  personen  die  erste  künde  von  den  erzählten 
Vorgängen  nach  Island  gebracht  hätten ,  und  der  prolog  zur  geschichtlichen 
Olafs  s.  ens  heJga  entschuldigt  an  seinem  Schlüsse  das  öftere  besprechen 
isländischer  mänuer  in  der  sage  sogar  ausdrücklich  damit ,  dass  es  Islän- 
der gewesen  seien,  welche  als  äugen-  und  ohrenzeugen  der  betreffenden 
Vorgänge  die  nachricht  von  denselben  heimgebracht  hätten,  Avelche  sich 
dann  von  ihnen  aus  weiter  verbreitet  habe;  wofür  das,  wenn  der  sageu- 
schreiber  selber  ein  Norweger  und  aus  norwegischer  Überlieferung  zu 
schöpfen  im  stände  gewesen  wäre?  Die  nicht  unbedeutende  lokalkennt- 
nis  aber,  welche  die  meisten  der  hierhergehörigeu  sagen,  (nicht  alle  und 
nicht  in  allen  punkten !)  m  bezug  auf  Norwegen  zeigen ,  kann  nicht  auffallen, 
wenn  wir  bedenken,  welche  grosse  zahl  von  Isländern  sich  fortwährend 
in  Norwegen  aufhielt,  und  welche  gute  gelegeuheit  diese,  mochten  sie 
nun  als  kaufleute  oder  als  hofdichter  und  dieustleute  des  königs  im  lande 
sein,  haben  niusten  ,  um  mit  diesem  genaue  bekanntschaft  zu  machen.^) 
Von  geradezu  ausschlag  gebendem  gewichte  sind  endlich  die  oben  bereits 
besprochenen  äusserungen  des  mönches  Theodorich.  Nicht  nur  das  geht 
nämlich  aus  seinen  werten  unzweifelhaft  hervor,  dass  zu  seiner  zeit  noch 
kein  eigentliches  werk  über  die  einheimische  geschichte  in  Norwegen 
geschrieben  war,  sondern  auch  dafür  macht  seine  stete  berufimg  auf  die 
Isländer  als  die  oberste  autorität  in  fragen  der  norwegischen  geschichte, 
sowie  seine  fleissige  benützung  der  bereits  vorhandenen  isländischen 
geschichtsbücher  vollen  ))eweis,  dass  zu  seiner  zeit  sogar  die  mündliche 
Überlieferung  hinsichtlich  der  älteren  einheimischen  geschichte  in  Norwe- 
gen bereits  so  gut  wie  gänzlich  erloschen  war.  Vergeblich  müht  sich 
unser  Verfasser  (s.  407  —  8  und  443  —  45)  ab ,  den  werth  dieser  äusse- 
rungen Theodorichs  herunterzusetzen;  vergeblich  kommt  er  immer  und 
immer  wieder  auf  seine  lieblingstheorie  zurück ,  vermöge  deren  z.  b.  Snor- 
ris  Ynylinga  s.  „in  der  hauptsache"  ein  werk  des  pjööölfur  hviuverski 
sein  soll,  da  die  kurzen  angaben  seines  liedes  „ unzw^eifelhaft "  von  einer 
ausführlicheren  prosaischen  erzählung  begleitet  gewesen  seien,  welche 
„offenbar"  die  grün dlage  jener  sage  gebildet  habe  (s.  420  — 21),  —  ver- 
möge deren  ferner  die  lebensbeschreibungen  der   beiden  Olafe  „mit  vol- 

1)  Heimskr.,  Häkonar  s.  gööa ,  cap.  30,  s.  157;  Fac/urskinna  §.25,  s.  14; 
jüngere  Olafs  s.  Tryggvusonar ,  cap.  28  {FMS.,  \,  s.  43  imd  Flhk.,  I,  s.  60). 

2)  Unter  könig  Magnus  berfietti  z.  b.  sollen  einmal  hi  Niöarös  allein  gleich- 
zeitig 3G0  Isländer  gewesen  seiii ;  FMS. ,  VII ,  cap.  16 ,  s.  32 ,  und  Gimnlaiujs  Jons  s. 
heJga,  cap.  9,  s.  221. 


DIE    NOKWEG.    AUFFASS.    D.    NORD.    LIT. -GESCH.  79 

lern  rechte"  wesentlich  als  ein  werk  jenes  |)orgeirr  afräöskollur  sollen 
gelten  können  (s.  425),  ii.  dgi,  m.  Sicherlich  hätte  Theodorich,  der  sich 
ja  au  mehrfachen  stellen  seines  werkes  als  ein  geborener  Norweger  zu 
erkennen  gibt,  das  einziehen  mündlicher  nachrichten  bei  einheimischen 
sagamännern  nicht  versclimäht,  Avenn  es  zu  seiner  zeit  solche  in  Nor- 
wegen gegeben  hätte,  und  sicherlich  lieber  bei  seinen  laudsleuten  sich 
raths  erholt  als  bei  fremden,  wenn  nur  bei  jenen  dieselben  aufschlüsse 
wie  bei  diesen  zu  finden  gewesen  wären.  Es  kann  auch  gar  nicht  schwer 
halten,  den  grund  dieses  frühen  erlöschens  der  tradition  in  Norwegen 
aufzufinden.  Er  liegt  üi  der  unruhigen  zeit,  welche  bereits  durch  die 
kriege  des  heiKgen  Olafs ,  des  guten  Magnus  und  des  harten  Haralds, 
dann  wider  durch  die  fortwälnenden  heerfahrten  des  baarfüssigen 
Magnus,  zuletzt  aber,  und  am  durchgreifendsten,  durch  die  langwierigen 
bürgerkriege  über  das  land  gekommen  war,  welche  mit  könig  SigurÖs 
des  Jerusalemfahrers  tod  los])rachen;  ganz  wie  vordem  die  von  könig 
Harald  hilrfagri  bewdrkte  staatliche  revolution  haben  auch  diese  ewigen 
kämpfe  den  Zusammenhang  der  gegenwart  mit  der  Vergangenheit  gelockert, 
den  blick  von  der  letzteren  abgezogen  und  eben  damit  auch  die  erin- 
nerung  an  dieselbe  ausgehen  lassen.  Aber  mit  der  gescliiclitlichen  Über- 
lieferung der  vergangenlieit  scheint  auch  die  neigung  und  befähigung  zur 
beschäftigung  mit  der  Zeitgeschichte  ertödtet  worden  zu  sein ,  und  wenn  ich 
kein  einziges  werk  über  die  ältere  einheimische  geschichte  nachzuweisen 
vermag,  welches  in  Norwegen  in  der  landessprache  geschrieben  worden 
wäre ,  ^)  so  steht  die  sache  für  die  spätere  zeit  um  nichts  besser ;  noch  in 
der  zweiten  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  wante  sich  könig  Magnus  laga- 
bcetir  an  den  Isländer  Sturla  J)örÖarson,  um  seine  eigene  und  seines 
Vaters  lebensgeschichte  schreiben  zu  lassen,^)  und  die  königssagen,  wel- 
che könig  Häkon  gamli  airf  seinem  todbette  sich  vorlesen  Hess,  waren 
die  Sverris  s.  und  die  ebenfalls  von  isländischer  liand  geschriebene 
FagursJdnna.  ^) 

Ich  übergehe  die  nicht  geschicli fliehen  sagen,  da  bezüglich 
ihrer  entstehungszeit  und  herkunft  der  einzelneu  aufzeichnungen  ungleich 

1)  Eine  scheinbare  ausnalime  Lüdet  die  legeudarisclie  Ohtfs  s.  cns  helfja ,  wie 
sie  in  unserer  hauptliandschrift  vorliegt;  aber  sie  ist  eine  höchst  rohe  conipihition 
aus  älteren  niaterialien ,  die,  wie  die  noch  erhaltenen  menibranfragmente  zeigen, 
isländischen  Ursprungs  waren,  und  kann  somit  kaum  als  ein  selbständiges  werk  in 
betracht  kommen ,  gesetzt  auch ,  dass  ihr  zusammensetzer  ebenso  ein  Norweger  war 
wie  ihr  Schreiber. 

2)  Stmiämja,  X,  cap.  17  und  18,  s.  306. 

3)  Flhk. ,  III ,  s.  220  und  230.  Bezüglich  der  FafiursJcinna  lässt  die  angäbe 
über  den  titel  und  die  begreuzunir  des  vorgelesenen  werkes  kainii  einen  zweit'el. 


80  MAURER 

schwerer  festzustellen  ist,  und  bemerke  nur  im  vorbeigehen,  dass  wenn 
einmal  der  isländische  priester  Ingimundur  Einarsson  als  ein  tüchtiger 
sao-enmann  gerühmt  und  von  ihm  erzählt  wird,  wie  er  im  jähre  1119  bei 
einem  gastmalile  die  sage  von  Ormur  Bäreyjarskäld  erzählt  habe,  sofort 
auch  beigefügt  wird,  dass  er  am  ende  der  sage  ein  von  ihm  selber 
gedichtetes  lied  habe  folgen  lassen,  —  dass  ferner,  wenn  bei  derselben 
gelegenheit  ein  anderer  tüchtiger  erzähler,  der  bauer  Hrölfur  von  Skälm- 
arnes,  die  sage  von  Hröniundur  Greypsson  zum  besten  gab,  dabei  aus- 
drücklich bemerkt  wird,  dass  er  dieselbe  selber  zusammengesetzt  habe;^) 
wenn  dabei  erzählt  wird,  dass  dieselbe  sage  auch  dem  köuig  Sverrir 
vorgetragen  worden  sei ,  und  wenn  uns  noch  eine  Saga  af  Hrönmndi 
Greypssyni  erhalten  ist ,  so  ist  damit  doch  noch  keineswegs  gesagt ,  dass 
beide  mit  der  von  Hrölf  erzählten  mehr  als  den  Inhalt  geraein  gehabt 
haben,  und  von  der  uns  vorliegenden  ist  diess  sogar  höchst  unwahr- 
scheinlich,^) so  dass  auch  von  hier  aus  auf  ein  dauerndes  fortleben  münd- 
lich überlieferter  sagen  in  bestimmt  ausgeprägter  form  nichts  zu  schlie- 
ssen  ist.  Ebenso  unterlasse  ich  es,  auf  die  sonstigen  zweige  der 
litte  rat  ur  einzugehen,  deren  erzeugnisse  ohnehin  an  zahl  wie  bedeutmig 
ungleich  geringer  sind,  während  dieselbe  Schwierigkeit  einer  sicheren 
bestimmung  von  ort  und  zeit  ihrer  entstehung  auch  bei  ihnen  widerzu- 
kehren pflegt.  Ich  beschränke  mich  lediglich  auf  die  bemerkung,  dass 
wir  auch  bezüglich  ihrer  zu  der  annähme  berechtigt  sind,  dass  die  islän- 
dische litteratur  ein  ähnliches  übergewicht  über  die  norwegische  und  eine 
ähnliche  Unabhängigkeit  von  dieser  behauptet  haben  werde  wie  bezüglich 
der  bisher  erörterten  litteraturgattungen.    Keyser  freilich  nimmt  auch  hier 

1)  Sturlünga,  I,  cap.  6,  s.  9  und  cap.  13,  s.  23. 

2)  Da  P.  E.  Müller,  Sagab.,  11,  s.  555  —  56,  das  gegenteil  annimmt,  und  auch 
sonst  vielfach  auf  die  Hrömundar  s.  ein  besonderer  wertli  gelegt  Avird,  bemerke  ich 
folgendes.  Keine  liandscbrift  der  sage  reicht  meines  wissens  über  das  ende  des 
17.  Jahrhunderts  hinauf  (vgl.  Ariviclsson,  FörtecTcning ,  s.  92,  und  F.A.S.,  II, 
s.  Xn  —  XIII) ,  und  deren  text  zeigt  worte ,  die  kaum  in  ächten  quellen  vorkommen, 
(z.  b.  soddan,  d.  h.  dänisch:  saadan ,  cap.  3,  s.  868,  und  cap.  4,  s.  370;  sMlTcr  als 
Scheltwort ,  cap.  4 ,  s.  370 ,  was  in  norwegischen  gesetzen  und  Urkunden  erst  seit  dem 
14.  Jahrhundert,  offenbar  nach  deutschem  muster,  vorkommt);  derselbe  ist  übel  in 
sich  zusammenhängend  und  bezeichnet  weder  den  Hrauugviö  als  berserk,  noch  den 
Olaf  als  liösmanna  konüug ,  wie  diess  die  Starlünga  thut,  wogegen  sich  letztere 
bezeichnung  in  der  Grims  s.  lodinlcmna ,  cap.  2 ,  s.  154  widerfindet.  Die  angäbe  der 
art,  wie  präinn  in  cap.  4,  s.  371  seiner  begegnung  mit  Sieming  erwähnt,  stimmt  nicht 
zu  dem,  was  die  Hervarar  s. ,  cap;  3,  s.  416,  über  diese  sagt,  und  Sajmingur  wird 
hier  anders  bezeichnet  als  dort;  die  namen  des  vaters  und  der  Schwestern  köuig  Olafs 
werden  in  der  Göngu- Hrölfs  s. ,  cap.  38,  s.  362—63,  anders  angegeben  als  in 
unserer  sage,  obwol  jene  sich  aiif  die  Hrömundar  s.  Gi'eypssonar  ausdi'ücklich  bezieht, 
u.  dgl.  m. 


DIE    NORWEG.    AUFFASS.    D.   NORD.    LIT. -GESCH.  81 

wider  das  gegentheil  an;  aber  er  inaclit  es  sich  leicht  mit  seiner  beweis- 
führung.  Soweit  nur  irgend  möglich  vindiciert  er  den  einzelnen  von  ihm 
besprochenen  werken  unmittelbaren  norwegischen  Ursprung,  und  zwar 
nicht  blos  solchen,  bei  welchen  wirklich  gewichtige  gründe  für  denselben 
sprechen,  wie  dies  z.  b.  heim.  Königsspiegel  und  ÄneMoton  Sverreri  der 
fall  ist ;  geht  aber  diess  nicht  an ,  so  muss  wider  die  schon  so  oft  bespro- 
chene theorie  herhalten,  wonach  die  isländische  litteratur  eigentlich  nur 
aus  aufzeichnungen  altnorwegischer  Volksüberlieferungen  bestehen  soll. 
Sogar  Giilfaginning ,  das  erste  stück  in  der  jüngeren  Edda  soll  „ein  in 
mündlicher  Überlieferung  aufbewahrtes  giaubenssystem  aus  dem  heiden- 
tum  selbst,  eine  systematische  Zusammenstellung  der  lehrsätze  des  asa- 
glauben"  enthalten,^  ,,  wie  diese  in  ungebundener  rede  zur  erklärung  und 
Vervollständigung  der  uralten  glaubeusgedichte  vorgetragen  wurden" 
(s.  70;  vgl.  s.  107 — 8)^),  und  wenn  die  IsIencUngahök,  cap.  4,  von  einer 
Verbesserung  des  kalenders  erzählt,  die  auf  Island  im  laufe  des  10,  Jahr- 
hunderts durch  |)orsteinn  surtur  durchgeführt  worden  sei,  so  soll  auch 
diese ,  freilich  mit  der  litteratur  in  keiner  directen  beziehung  stehende 
entdeckung  eigentlich  nur  eine  widerbelebung  in  Vergessenheit  gerathe- 
nen  altnorwegischen  wissens  gewesen  sein!  (s.  562  —  63).  Zu  so  verzwei- 
felten auskunftsmitteln  zu  greifen,  ist  nicht  jedermanns  sacho;  wer  sich 
aber  dazu  nicht  entschliessen  will  oder  kann,  dem  bleibt  meines  orach- 
tens  in  der  that  nichts  anderes  übrig,  als  das  Zugeständnis,  dass  das 
isländische  volk,  wenn  es  auch  seine  spräche  und  melrik,  die  form  sei- 
ner sagenerzählung  und  zum  theil  auch  die  sagenstoflfe  wie  den  rechts- 
stoff"  ihren  grundzügen  nach  aus  der  alten  heimat  in  Norwegen  mit 
herübergenommen  hatte ,  doch  alle  diese  keime  erst  seinerseits  und  durch- 
aus selbständig  entfaltet  und  litterarisch  verwerthet  habe,  während  man 
in  Norwegen  in  der  zeit,  da  eine  einheimische  litteratm-  auf  Island  sich 
zu  bilden  begann,  an  deren  entwicklung  sich  noch  gar  nicht,  und  auch 
in  der  späteren  zeit  nur  in  sehr  geringem  umfange  betheiligte.  Höchst 
charakteristisch  ist  in  der  letzteren  beziehung,  dass  man  in  dem  letz- 
teren lande  selbst  zu  der  litterarisch  thätigsten  zeit  von  dem  eigentlichen 
nationalen  geistesleben  sich  durchaus  abwendete,  um  nach  fremdländi- 
schen Stoffen  und  mustern  zu  greifen.  Die  altherkömmliche  dichtkunst 
überliess  man  isländischen  skälden,  und  selbst  die  abfassung  norwegischer 
königsgeschichten  übertrug  man  sagenkundigen  Isländern,  um  höchstens 
ein  paar   unumgängliche   rechtsbücher ,    ein    paar   kirchliche   erbauungs- 

1)  Wegen  der  liier  nochmals  aut'f^'ewärmten  bezugnahnie  auf  Arngrimur  hcröi 
und  dessen  berufung  auf  ,,nostra  nionunienta,"  in  welchen  Sdnimnäur  fröüi  als  der 
erste  Verfasser  der  Snorra-Edda ,  vgl.  meinen  artikel  über  die  Gräfjäs,  s.  98, 
Anni.  86. 

ZEITSCHH.    F.     DKUTSCHi:    PUILOL.  Q 


82  MAURER 

Schriften,  diu  nicht  minder  zum  täglichen  bedarfe  gehörten,  dann  etwa 
ein  paar  kirchenstaatsrechtliche  streit-  und  gelegenheitsschriften  selber 
zu  verfassen,  soweit  man  sich  nicht  etwa  auch  dabei  wider  der  hilfe 
isländischer  männer  bediente;  aufs  eifrigste  dagegen  war  man  bestrebt, 
allerlei  ritterromane  und  legenden  aus  fremden  sprachen  in  die  einhei- 
mische zu  übersetzen,  oder  auch  fremde  sagenstoffe  in  einheimischer 
spräche  zusammenzustellen  und  zu  bearbeiten.  Allerdings  benützte  man 
auch  zu  solchen  Übersetzungen  hin  und  wider  isländische  hilfsarbeiter, 
wie  denn  z.  b.  Brandur  Jönsson,  der  spätere  bischof  von  Hölar ,  im  auf- 
trage des  königs  Magnus  lagabsetir  sowol  die  Alexandreis  des  Philippe 
Gautier,  als  auch  eine  reihe  von  stücken  der  Vulgata  aus  dem  lateini-. 
sehen  übersetzte  ;  der  regel  nach  scheint  man  sich  aber  norwegischer  federn 
bedient  zu  haben,  und  jedenfalls  war  der  geschmack  au  derartiger  litte- 
ratur  lediglich  dem  norwegischen  hofe  eigen,  während  man  auf  Island 
noch  lange  an  den  nationalen  Stoffen  festhielt ,  und  erst  spät  der  gleichen 
ausländischen  mode  sich  anbequemte.  So  liess  könig  Häkon  der  alte  die 
Ivents  s.  und  die  Luis  der  Marie  de  France  aus  dem  französischen  über- 
setzen, und  die  Duggdlsleida  aus  dem  lateinischen;  für  ihn  übersetzte 
der  mönch  und  spätere  abt  Robert  die  sag a  af  Tristram  oklsodd,  sowie 
die  EUs  s. ,  und  unter  seiner  regierung  scheinen  auch  die  sagen  über 
Dietrich  von  Bern  und  seine  genossen  auf  grund  von  erzählungen  han- 
sischer kaufleute  zusammengestellt  worden  zu  sein,  deren  rohe  bearbei- 
tung  mich  eher  aut  einen  norwegischen  als  isländischen  arbeiter  schliessen 
lässt.  Die  Barlaams  s.  oh  Josaphats  soll  könig  Häkon  der  junge  selber 
übersetzt  haben,  und  ist  darunter  doch  wohl  eher  könig  Häkons  des 
alten  gleichnamiger  söhn  (gest.  1257),  als  könig  Häkon  Sverrissou  zu 
verstehen  (1202  —  4).  König  Magnus  lagabsetir  (1263  —  80)  liess,  wie 
bemerkt,  die  Alexanders  s.  und  die  GyHnga  sögur  übersetzen.  Unter 
könig  Eirikur  Magnüsson  (1280  —  99)  soll  Herr  Bjarni  Erlingsson  einen 
abschnitt  der  Karlamagnus  s.  aus  dem  englischen  haben  übersetzen  las- 
sen, und  auch  die  Übersetzung  der  Blömsturvalla  s.  aus  dem  deutscheu 
wird ,  wiewol  fälschlich ,  auf  denselben  herrn  zurückgeführt.  König  Häkon 
Magnüsson  endlich  (1299 —  1319)  liess  einerseits  eine  biblische  geschichte 
und  eine  samlung  von  heiligenlegenden  auf  grund  lateinischer  vorlagen 
bearbeiten,  andererseits  aber  auch  eine  reihe  von  ritterromaueu  aus  dem 
französischen  und  griechischen  übersetzen.  U.  dgl.  m.  Diese  unnationale 
richtung  des  litterarischen  geschmackes  in  Norwegen  lässt  sich  übrigens 
leicht  erklären.  Sie  beruht  einesteils  auf  dem  bereits  erwähnten  umstände, 
dass  eine  nationale  litteratur,  wie  sie  auf  Island  im  laufe  des  12.  Jahr- 
hunderts herangewachsen  war ,  sich  hier  in  folge  der  fortwährenden  bür- 
gerkriege,   welche  gerade  um  jene  zeit   das  volk  verwildern  Hessen  und 


DIE   NORWEG.   AUFFASS.    D.    NORD.    LIT.  -  GESCH.  83 

dessen  gauze  kraft  verzehrten,  nicht  hatte  bilden  können;  anderntheils 
aber  auf  der  weiteren  thatsache,  dass  auch  Norwegen,  durch  einen  ausge- 
dehnten handel  zumal  mit  Deutschland  und  England  in  lebhaften  vermehr 
gebracht,  als  mächtiges  reich  in  die  geschicke  der  übrigen  länder  ver- 
flochten, endlich  durch  wechselheiraten  seines  königshauses  mit  den 
regierenden  familien  des  Südens  und  westens  verbunden ,  ungleich  früher, 
unmittelbarer  und  massenhafter  den  einflüssen  der  für  das  ganze  abend- 
land  massgebenden  culturströmungen  ausgesetzt  sein  muste,  als  das, 
vermöge  seiner  nach  mittelalterlichem  masstabe  gemessen  ganz  abnor- 
men verftLSSung  der  ritterlich  -  religiösen  romantik  ohneliin  sehr  unzugäng- 
liche, arme  und  entlegene  Island.  Es  ist  also  in  letzter  Instanz  das 
bewegtere  und  reicher  entfaltete  staatsieben,  welches  in  Norwegen  der 
selbständigen  literarischen  entwicklung  sich  ungünstig  erwies;  es  ist  die 
politische  bedeutungslosigkeit  Islands,  welche  das  nordische  geistesleben 
gerade  hier  eine  ruhige  und  gesicherte  Zufluchtsstätte  finden  liess! 

Wende  ich  mich  aber  schliesslich  zum  verfall  der  litte ratur 
im  norden,  so  will  mir  auch  in  bezug  auf  diesen  Keysers  auffassung 
ganz  und  gar  nicht  befriedigend  vorkommen.  Betrachte  ich  nämlich 
zunächst  den  gang  der  dinge  auf  Island,  so  finde  zwar  auch  ich,  dass 
im  laufe  des  14.  Jahrhunderts  daselbst  eine  gewisse  erlahmung  der  litte- 
rarischen thätigkeit  sich  geltend  machte ,  auf  welche  die  Unterwerfung 
der  insel  unter  die  norwegischen  könige  mir  nicht  ohne  einfluss  gewesen 
zu  sein  scheint;  aber  diese  erlahmung  äusserte  sich  meines  erachtens 
nicht  so  sehr,  wie  der  Verfasser  annimmt,  in  einer  Verminderung  der 
litterarischen  production ,  als  vielmehr  in  einer  Veränderung  ihrer  richtung 
und  wenn  man  will  Verschlechterung  derselben.  Nur  die  einheimische 
Jurisprudenz  verfiel  gänzlich ,  seitdem  das  landrecht  ein  norwegisches 
geworden  war.  Die  dichtkunst  dagegen  wante  sich  nunmehr  theils  geist- 
lichen Stoffen  zu,  theils  romantischen.  Die  sagenschreibung  beschäftigte 
sich  theils  mit  der  Umarbeitung  der  älteren  geschichtswerke ,  die  man 
zumal  durch  allerlei  ein  Schaltungen  zu  vervollständigen  suchte ,  theils  mit 
der  heiligenlegende  oder  auch  mit  völlig  ungeschichtlichen  stoifen,  moch- 
ten diese  nun  der  älteren  einheimischen  sage  oder  dem  auslande  entlehnt 
sein;  hinsichtlich  der  Zeitgeschichte  dagegen  tritt  seit  dem  14.  Jahrhun- 
dert an  deren  stelle  die  annalistik.  U.  dgl.  m.  Erst  seit  dem  anfange 
des  15,  Jahrhunderts  scheint  sich  neben  der  Veränderung  auch  eine  erheb- 
liche Verminderung  der  litterarischen  production  ergeben  zu  haben,  wie 
denn  namentlich  die  annalenschreibung  um  diese  zeit  mit  einem  male 
wider  abbricht;  aber  man  kennt  ja  die  durchaus  localen  gründe  dieses 
Stillstandes,  und  weiss,  dass  sie  lediglich  in  der  furchtbaren  Verödung 
des  landes  durch  eine   reihe  der  schrecklichsten  seuchen  zu  suchen  sind, 

6* 


84  MAIIRKR 

welche  damals  in  vascliev  foli>-e  dessen  ))evölkerung  lichteten.  In  den  jäh- 
ren 1401-- 4  gieng  der  schwarze  tod  ii])er  das  land,  m  welchem  nicht 
weniger  als  zwei  drittel  der  hevölkermig  der  ganzen  insel  nmgekommen 
sein  sollen;  kaum  50  priester  sollen  im  ganzen  bisthum  Skälholt  die 
seuche  überlebt  haben,  mid  an  der  einzigen  kirche  zu  Kirkjubaer  will 
man  im  jähre  1403  bis  zu  675  leichen,  die  zur  bestattuug  kamen, 
o-ezählt,  die  übrigen  dann  aber  ungezählt  gelassen  haben.  Im  jähre  1430 
folgte  eine  blatternepidemie ,  an  welcher  widerum  gegen  8000  menschen 
o-estorben  sein  sollen,  und  in  den  jähren  1493  —  95  kam  eine  zweite 
o-rosse  seuche,  welche  im  bistum  Hölar  nur  20  priester  übrig  gelassen 
haben  soll ,  so  dass  deren  jeder  an  5  —  7  kirchen  den  dienst  zu  versehen 
o-enötigt  war;  geringere  epidemien,  die  dazwischen  zum  öfteren  eintra- 
ten, lasse  ich  unbesprochen.^)  Solche  heimsuchungen  musten  natürlich 
auf  die  litterarische  thätigkeit  hemmend  wirken;  aber  völlig  unterbrochen 
wui'de  dieselbe  keineswegs.  Von  der  Lilja  des  mönches  Eysteinn  Asgrims- 
son  (gest.  1361)  zieht  sich  durch  die  marienlieder  des  Löptur  riki  (gest. 
1432),  und  des  sera  Jon  Pälsson  mit  dem  beinamen  Mariuskäld  (gest. 
1472)  eine  ununterbrochene  kette  geistlicher  lieder  herab  bis  zu  den 
NiÖiirstigningarvisur  mid  der  Pislarminning  des  letzten  katholischen 
bischofs  der  insel,  Jon  Arason  (gest.  1550).  Die  zahlreichen  rimnr 
brechen  nicht  ab,  mögen  dieselben  nun  mythisch  -  heroische  stoffe  behan- 
deln wie  die  JJrymlur  oder  Yölsüngsrinmr,  oder  geschichtliche  und  legen- 
denhafte, wie  etwa  die  Shdld- Helga  riniur  oder  die  Olafsrima  des 
Einarr  Glisson,  oder  auch  völlig  erdichtete,  wie  z.  b.  die  höchst  origi- 
nelle SMiia  rima.  Björn  Einarsson  aus  dem  VatnsfjörÖur  (gest.  1415) 
beschrieb  seine  ausgedehnten  reisen ,  welche  ihn  einerseits  nach  Grönland, 
andererseits  aber  bis  nach  Rom,  St.  Jago  de  Compostella  und  Jerusalem 
geführt  hatten.  U.  dgi.  m.  Ueberdies  lebte  die  schriftstellerei  sofort 
wider  in  weiterem  umfange  auf ,  sowie  das  land ,  und  zumal  dessen  geist- 
lichkeit,  von  jenen  schweren  schicksalsschlägen  sich  wider  einigermassen 
erholt  hatte,  und  wenn  zwar  die  kirchliche  bewegung,  welche  um  die 
mitte  des  16.  Jahrhunderts  die  insel  erfasste,  widerum  eine  neue  richtung 
in  deren  litteratur  brachte,  indem  diese  sich  nunmehr  sehr  vorwiegend 
auf  bibelübersetzungen ,  geistliche  lehrbücher  und  tractate,  sowie  dich- 
tung  oder  Übersetzung  evangelischer  kirchenlieder  warf,  so  trat  doch  mit 
dem  ende  des  16.  Jahrhunderts,  nachdem  wider  einige  ruhe  in  die  gemü- 
ter  zurückgekehrt  und  das  dringendste  kirchliche  bedürfnis  befriedigt 
war,  auch  das  weltliche  element  wider  in  seine  rechte  ein,  und  jetzt 
begann  jenes  widererwachen  der  alten  nationalen  litteratur  sich  zu  voll- 

1)  Vgl.  Jon  Esvolin,  I.^lamh  ärhahir ,  T.  s.  125;  IL  s.  24;  II,  s.  127. 


DIE   NORWEG.    AUFFASS.    D.    NORD.    LIT. -GESCH.  85 

ziehen ,  welches ,  wenn  auch  anfangs  nicht  ganz  frei  von  fremden  einwir- 
kungen  gebliehen  und  zumeist  nur  durch  die  lateinischen  Schriften  des 
gelehrten  propstes  Arngrimur  Jönsson  vertreten,  doch  rasch  genug  sich 
populär  zu  machen  wüste,  und  schon  in  der  ersten  hälfte  des  17.  Jahr- 
hunderts sehr  gefeierte  und  auf  lange  hinaus  nachwirkende  werke  in  der 
landessprache  zu  tage  förderte ,  unter  denen  es  genügt  an  die  zahlreichen 
Schriften  des  vielkundigen  bauern  Björn  Jönsson  von  Skarösä  (gest.  16G5) 
zu  erinnern.  Es  ist  wunderlich,  dass  Keyser,  welcher  doch  selber  jähre 
lang  auf  Island  sich  aufgehalten  hatte  ^  und  somit  auch  das  spätere  gei- 
stige leben  auf  der  insel  sicherlich  genau  genug  kannte,  dieses  fortleben 
der  alten  spräche  auf  derselben  und  deren  fortwährende  anwendung  zu 
litterarischen  zwecken  im  gegensatze  zu  dem  raschen  und  völligen  ver- 
falle von  spräche  und  litteratur  in  Norwegen  nicht  schärfer  hervorgeho- 
ben und  nicht  tiefer  gewürdigt  hat,  als  dies  in  seinem  werke  geschehen 
ist.  Hier  wie  dort  gab  es  gleichmässig  domschulen  mit  ihrer  mittelal- 
terlich beschränkten  erziehung,  und  der  Übergang  von  einer  lediglich 
volkstümlichen  zu  einer  individueller  gearteten  gelehrtenlitteratur,  welcher 
nach  seiner  meinung  für  die  norwegische  litteratur  so  verhängnisvoll 
geworden  sein  soll,  muste  denn  doch  auf  Island  ebenso  gut  gemacht 
Averden  wie  in  Norwegen.  Die  erschlaffung  des  volksgeistes  ferner  war, 
soweit  das  staatsieben  reicht,  auf  Island  unter  der  norwegischen  und 
dänischen  herrschaft  leider  gottes  keine  geringere  als  in  Norwegen,  und 
bis  auf  den  heutigen  tag  herab  hat  die  insel  an  deren  nachwehen  noch 
mehr  als  genug  zu  tragen.  Endlich  musten  auch  die  politischen  bestre- 
bungen  der  Unionskönige  auf  Island  ziemlich  in  gleicher  weise  wie  auf 
Norwegen  drücken,  und  wenn  wir  ihnen  überhaupt  jene  sprachschulmei- 
sterliche bedeutung  beimessen  wollen,  wie  solche  etwa  in  unseren  tagen 
die  bemühungen  des  nationaldänentums  in  Schleswig  an  sich  trugen,  so 
muste  die  isländische  wie  die  norwegische  spräche  unter  ihnen  gleich- 
mässig leiden.  Woher  nun  die  Verschiedenheit  der  Wirkung  bei  dieser 
gleichheit  der  Ursachen?  Offenbar  hat  der  Verfasser  ein  sehr  wirksames 
weiteres  moment  ausser  ansatz  .gelassen,  und  in  der  that  vermöge  seiner 
ganzen  auffassung  der  nordischen  litteraturgeschichte  ausser  ansatz  lassen 
müssen,  den  umstand  nämlich,  dass  die  litterarische  thätigkeit  in  Nor- 
wegen selbst  in  ihrer  besten  zeit  eine  nur  sehr  wenig  intensive,  und 
zumal  eine  nur  sehr  wenig  nationale  gewesen  war.  Diese  thatsache  muss 
bereits  wol  im  äuge  behalten  werden,  wenn  es  gilt,  den  verfall  der  ein- 
heimischen spräche  in  Norwegen  richtig  zu  würdigen.  Offenbar  fühlt  sich 
unser  Verfasser  selber  in  bezug  auf  diesen  punkt  nicht  ganz  sicher,  da 
er  bemerkt,  der  hergang  bei  jenem  verfalle  sei  mit  einem  dichten  und 
vielleicht   undurchdringliclien   schleier    bedeckt  (s.  39);    mir  meinerseits 


86  MAURER 

aber  will  geradezu  uubegieiflich  scheinen,  dass  eine  völlige  Verdrängung 
der  einheimischen  Schriftsprache  und  eine  tiefgreifende  dialectische  Zer- 
splitterung sogar  der  redesprache  sich  binnen  kaum  150  jähren  ledig- 
lieh durch  den  einfluss  einer  politischen  union  mit  den  beiden  nach- 
barreichen hätte  ergeben  können,  wenn  diese  Zersplitterung  nicht  vor- 
her schon  angebahnt,  und  wenn  jene  Schriftsprache  in  Norwegen  über- 
haupt volkstümlich  und  so  zu  sagen  bodenständig  gewesen  wäre. 
Vollkommen  begreiflich  wird  mir  dagegen,  dass  die  Schriftsprache 
jenen  fremden  einflüssen  erlag,  wenn  ich  daran  festhalte,  dass  dieselbe 
von  anfang  an  aus  Island  nach  Norwegen  herübergekommen,  und  zu 
eigener  litterarischer  production  hier  zu  allen  zeiten  nur  in  sehr 
beschränktem  masse  verwendet  worden  war;  begreiflich  auch,  dass  die 
norwegischen  dialecte,  der  stütze  dieser  Schriftsprache  beraubt,  sofort  in 
schroffster  weise  auseinanderhelen ,  wenn  ich  mich  daran  nicht  beirren 
lasse,  dass  die  dialectische  Zersplitterung  in  Norwegen  uralt ,  und  selbst 
im  13.  Jahrhundert  nur  mühsam  durch  die  recipierte  Schriftsprache  im 
zäume  gehalten  worden  war.  Zeigt  sich  doch  auch  bei  uns  in  Deutschland 
die  sonderung  der  dialecte  in  erhöhtem  grade  in  der  zeit  wirksam ,  da  die 
alemannische  mundart  ihre  geltung  als  hofsprache  eingebüsst,  und  die 
obersächsische  ihre  geltung  als  kanzleisprache  noch  nicht  völlig  errungen 
hatte.  Von  einem  verfalle  der  einheimischen  litteratur  in  Norwegen 
kann  aber,  meine  auffassung  des  litterargeschichtlichen  Verhältnisses  die- 
ses landes  zu  Island  als  begründet  angenommen,  ohnehin  nur  in  sehr 
beschränktem  sinne  gesprochen  werden,  sofern  ja  eine  eigentliche  nor- 
wegische litteratur  von  einiger  bedeutung  schon  früher  nicht  existiert 
hatte.  Der  abfall  von  dem  geschmacke  an  der  isländischen,  allerdings 
dem  norwegischen  volksgeiste  durchaus  stamverwanten ,  dichtung  und 
sage  zu  der  süd-  und  westeuropäischen  ritterromantik  und  der  kirchlich 
gelehrten  Schulung  war  ja  ohnehin  bereits  seit  dem  anfange  des  13.  Jahr- 
hunderts im  gange  gewesen;  warum  sollte  ihn  da  nicht  die  spätere  hin- 
neigung  der  höheren  Massen  zu  der  schwedischen  oder  dänischen  hof- 
sprache vollenden ,  indem  sie  auch  die  Sprachgemeinschaft  mit  Island  für 
diese  aufhob?  War  es  doch  nicht  so  fast  eine  einheimische  litteratur, 
welche  man  aufgab ,  als  vielmehr  ein  Wechsel  in  dem  gefallen  an  zweien 
fremden,  welcher  sich  vollzog,  so  dass  es  dem  nicht  tiefer  dringenden 
blicke  gleichgiltig  erscheinen  mochte,  ob  man  sich  an  isländischen 
drdpur  und  sögur,  an  übersetzten  englisch -französischen  ritterromanen, 
oder  an  den  schwedischen  Eufemia-visor  ergötzte. 

Die  grundanschauungen ,  von  welchen  der  Verfasser  sich  bei  seiner 
behandlung  der  altnordischen  litteraturgeschichte  leiten  lässt,  sind  hier- 
mit erörtert.     Ich  habe  geglaubt,  denselben  von  anfang  bis  zu  ende  ent- 


DIE   NORWEG.    AÜFFASS.    D.    NOED.    LIT.  -  GESCH.  87 

gegentreteu ,  und  um  so  entschiedener  entgegentreten  zu  müssen,  je 
mehr  bei  der  hohen  autorität  Keysers  selbst  und  bei  der  weiten  Verbrei- 
tung, welche  dessen  ansichten  in  den  neuereu  norwegischen  geschichts- 
werken  gefunden  haben ,  ein  nachtheiliger  einfluss  auf  die  auslebten  auch 
bei  uns  in  Deutschland  zu  befürchten  ist.  Aber  ich  möchte  nicht,  dass 
die  schärfe  dieses  meines  Widerspruches  in  den  äugen  meiner  leser  die 
tiefe  achtung  verdunkele ,  welche  ich ,  wie  vor  Keysers  gesamter  persön- 
lichkeit, so  auch  insbesondere  vor  dessen  hier  in  frage  stehendem  werke 
hege.  Nicht  nur  dem  anfänger  kann  dieses  letztere  wegen  seiner  eben 
so  warmen  als  lichtvollen  und  übersichtlichen  darstellung  zu  ernstem, 
einlässlichem  Studium  nicht  genug  empfohlen  werden,  sondern  auch  der 
kundigste  und  belesenste  wird  aus  demselben  im  einzelnen  manche  will- 
kommene belehrung  schöpfen,  auch  wo  er  mit  des  Verfassers  grundge- 
danken  sich  nicht  einverstanden  erklären  kann,  und  häufiger  noch  sich 
freuen ,  hier  in  klarer ,  wolgeordneter  Zusammenstellung  das  material  ver- 
einigt zu  finden,  welches  sonst  nur  mühsam  aus  den  verschiedensten 
quellen-  und  litteraturwerken  zusammenzusuchen  wäre;  über  die  beiden 
Edden  zumal  wüste  ich  nirgends  das  wissenswerthe  so  übersichtlich  und 
angenehm  lesbar  zusammengetragen  nachzuweisen,  als  dies  in  unserem 
werke  der  fall  ist.  Darüber  hinaus  aber  ist  es  zumal  ein  sittliches 
moment ,  welches  dieses  letztere  auf  mich  einen  ganz  besonders  wolthuen- 
den  etndruck  machen  lässt ,  und  um  dessentwillen  ich  demselben  vor  allem 
die  eingehendste  beachtung  und  allgemeinste  Verbreitung  wünschen  möchte. 
Ich  habe  widerholt  auf  die  kühnen,  aller  quellenmässigen  begründung 
mangelnden  constructionen  des  Verfassers,  und  hin  und  wider  auch  auf 
ganz  Avunderbarliche  auskunftsmittel  hinzuweisen  gehabt,  zu  welchen 
derselbe  greift ,  wenn  es  gilt ,  seine  theorien  irgend  welchen  spröden  quel- 
lenangaben  gegenüber  zu  halten.  Wie  ich  wird  wohl  auch  jeder  andere 
leser  seines  buches,  welcher,  an  den  rivalitäten  der  verschiedenen  nord- 
germanischen stamme  unbetheiligt ,  an  dessen  Studium  ohne  Voreingenom- 
menheit herantritt,  aus  dessen  lectüre  den  eindruck  davontragen,  dass 
für  Keysers  ganzes  System  ein  allzu  überreiztes  nationalgefühl  massge- 
bend geworden  sei.  Aber  rein  unmöglich  ist  bei  allem  dem ,  dass  ii-gend 
jemand  auch  nur  für  einen  augenblick  den  verdacht  schöpfe,  es  möge 
dabei  eine  auf  die  Verherrlichung  des  eigenen  volkes  bewusst  berechnete 
tendeuz  im  spiele  sein ,  oder  überhaupt  irgend  etwas  gemachtes  mitunter- 
laufen. Nirgends  wird  darauf  hingearbeitet,  den  leser,  ich  sage  nicht 
zu  täuschen,  sondern  auch  nur  zu  blenden  oder  zu  überraschen,  — 
nirgends  eine  der  eigenen  meinung  im  wege  stehende  quellenstelle  ver- 
schwiegen, oder  einem  zu  erwartenden  einwände  aus  dem  wege  gegan- 
gen;  selbst  bei  den  gewagtesten   auslegungen  und  hypothesen  des  ver- 


88     -  MAURER,    DIE   NORWEG.   AÜFFASS.   D.    NORD.   LIT.  -  GESCH. 

fassers  leuchtet  überall   dessen   grundehrlicher  glaube   an  seine  eigenen 
lehrsätze  und  dessen  wenn  auch  nicht  immer  glückliches ,  so  doch  jeder- 
zeit gleich  unbestechliches  streben  nach  voller  und  reiner  geschichtlicher 
Wahrheit  aus   seinen   werten   hervor.     Es   steckte   augenscheinlich  neben 
aller  schärfe  seines  Verstandes  eine  tiefpoetische  anläge  in  Rudolf  Key- 
ser,   und  diese  war  es,   welche  in  Verbindung  mit  seinem  ungewöhnlich 
Avarmen  Vaterland sgefühle  ihn  in  naivster  weise  über  alle  Schwierigkeiten 
sich  hinwegsetzen  liess,  wenn  es  galt  seine  Überzeugungen  von  der  ver- 
gangenen grosse  seiner  heimath,    so  wie  er  sie  verstand,   durchzuführen. 
Gerade  diesem  poetischen  schwunge  seiner  gedanken  und  dieser  patrioti- 
schen wärme  in  deren  vortrage   ist  der  mächtige  einfluss  zuzuschreiben, 
welche  dessen  lehren  in  seinem  vaterlande  zu  einer   zeit  gewannen ,    da 
die   endliche   befreiung  von   dem  drucke  einer  Jahrhunderte  lang  fortge- 
setzten fremdherrschaft   das   nationalgefühl  in  Norwegen   aufs   äusSerste 
gesteigert  hatte,  —  ein  einfluss,  welcher  hinwiderum  bei  der  redlichkeit 
und    dem    pflichttreuen    ernste    der   forschung,    welche  für   des  mannes 
eigene   arbeiten   so    charakteristisch   sind,   auch   auf  die   ganze  von   ihm 
gegründete   schule  in  der  günstigsten  weise   wirken  muste.     Jene   aus- 
wüchse  eines  seinem  innersten  kerne  nach  durchaus  wolberechtigten  nor- 
dischen nationalstolzes  werden  sich  bei  kälterem  blute  von  selbst  abstrei- 
fen,  und  auch  in  Norwegen  wird  man  mit  der  zeit  einsehen,   dass  hier 
ganz  ebenso  wie  in  Schweden   oder  Dänemark  das   bewegtere   staatliche 
leben  und   die   höhere   politische   bedeutung    des   reiches    die   entfaltung 
einer  selbständigen   litteratur  mit   einziger   ausnähme   des  rechtsgebietes 
verhinderte,   während  Island  umgekehrt   seine  litterarische    blute    durch 
die   vollste   politische   bedeutungslosigkeit    erkaufen    muste.      Aber  auch 
dann  wird   die   förderung   unvergessen  bleiben,    welche    Keysers  ebenso 
fleissige  als  schwungvolle  arbeiten  dem  Studium  der  altnordischen  sprä- 
che, litteratur  und  geschichte,  und  damit  der  pflege  der  eigenen  Volks- 
tümlichkeit  gewährt   haben,   und   die  anerkennung   wird  dem  trefflichen 
manne  unversagt  bleiben,   dass  selbst  da,   wo  er  irrte,    aus   seinen  Irr- 
tümern mehr  zu  lernen  gewesen  sei,  als   aus  so  manchen  ungleich  vor- 
sichtigeren ,  aber  auch  bei  weitem  weniger  selbständig  durchdachten  und 
warm  gefühlten  besprechungen  des  gleichen  gebietes. 

MÜNCHEN,  12.  JULI  1867.  KONRAD  MAURER. 


89 


DER   SCHÜSS   DES   WILDEN   JÄGERS   AUF  DEN 
SONNENHIRSCH. 

EIN  BEITRAG    ZUR  VERGLEICHENDEN   MYTHOLOGIE   DER   INDOGERMANEN. 

Die  sagen  erzählen  uns  bekanntlich  in  grosser  Übereinstimmung, 
wie  der  wilde  Jäger  sich  die  ewige  jagd  statt  des  himmels  gewünscht 
habe,  m  betreff  der  jagd  aber,  bei  der  er  den  wnnsch  gethan,  weichen 
sie  mehrfach  von  einander  ab.  Hackelbergs  eberjagd  nimmt  unter  den 
sagen  dieser  art  eine  hohe  Stellung  ein  und  Jacob  Grimm  so  wie  andere 
haben  ihre  bedeutung  nachgewiesen.  Ihr  stellen  sich  eine  reihe  anderer 
sagen  zur^seite,  die  nicht  minder  bedeutend  sind ,  imd,  wie  im  folgenden 
dargelegt  werden  soll,  auf  eben  so  uralte  anschauungsweisen  zurückdeu- 
ten. Es  sind  die  sagen  von  der  jagd  auf  hase  und  hii'sch ,  durch  die 
der  wilde  Jäger  seinem  Verhängnis  entgegen  geführt  wird.  "Wir  begin- 
nen mit  der  darlegung  des  Stoffes,  und  stellen,  da  dieser  zug  jedenfalls 
ebenso  alt  als  bedeutsam  ist,  diejenigen  sagen  voran,  in  welchen  die 
Verwünschung  ohne  erwähnung  des  gejagten  thieres  wegen  der  jagd  am 
Sonntag  oder  festtag  eintritt. 

In  der  gegend  von  Kohlstedt  an  der  Egge  erzäblt  man,  Hackel- 
berg müsse  darum  ewig  jagen,  weil  er  an  einem  hohen  festtage  gejagt 
habe  (westf.  sag.  2 ,  6  n.  1 1).  Zu  Velmede  und  Eisborn  erzählt  man, 
der  ewige  Jäger  habe  am  sonntag  gejagt  und  müsse  darum  ewig  jagen; 
ebenso  in  der  gegend  von  Marsberg  (westf.  sag.  2,  10  n.  18;  11  n.  26) 
und  Frankenau  in  Hessen  (ebd.  2,  11  n.  22).  Der  Böddenjäger  hat 
sonntags  unter  der  kirche  gejagt  und  ist  darum^  verwünscht  ewig  zu 
jagen  (ebd.  2,  12  n.  27).  Das  weltschjägerle  hat  immer  sonntags  gejagt 
und  muss  darum  geisten  (Meier,  schwäb.  sag.  n.  125).  Der  buchjäger 
hat  an  keinen  gott  geglaubt  und  sonntags  während  der  kirche  sich  immer 
mit  der  jagd  belustigt,  dafür  muss  er  nun  ewig  jagen  (ebd.  n.  130.  2). 
Ein  edelmann  hat  am  ostertag  ein  wildbrät  ha])en  wollen  und  hat  seine 
diener  ausgeschickt,  ihm  eins  zu  erjagen.  Sie  sind  aber  unverrichteter 
Sache  heimgekehrt,  deshalb  hat  er  sie  furclitbar  bedroht  und  zum  zwei- 
tenmal weggeschickt;  da  sind  sie  aber  nicht  widergekehrt  und  jagen 
seitdem  unablässig  (westf.  sag.  1 ,  25  n.  28).  Der  Hodenjäger  hat  am 
heil,  ostertag  gejagt,  darum  ist  er  verwünscht  ewig  zu  jagen  (ebd.  1, 
95  n.  95). 

In  dem  verfallenen  schlösse  't  öle  horch  bei  Engelrading  hat  der 
Jäger  de  Joe  gewohnt,  der  die  jagd  so  leidenschaftlich  liebte,  dass  er 
sogar  am  heiligen  ostertag  auf  die  jagd  gieng  und  sich  vennass ,  er  wolle 
einen  hasen  erlegen ,  der  ihm  zu  gesiebt  gekommen ,  solle  er  auch  ewig 


90  KUHN 

jagen  müssen.  Da  ist's  alsbald  mit  ihm  in  die  luft  gegangen  und  seit- 
dem jagt  er  ewig  (westf,  sag.  1,  IK»  n.  116).  —  Der  Jäger  in  Bernkes 
jachte  hat  an  einem  ostertag  einen  hasen  gejagt  und  ist  deshalb  ver- 
dammt ewig  zu  jagen  (ebd.  2,  13  n.  ol).  —  Die  engelske  jagd  muss 
in  Münsterland  darum  in  der  fastenzeit  umziehen,  weil  der  wilde  Jäger 
am  feiertag  hat  einen  hasen  erlegen  wollen  (westf.  sag.  2,  13  n.  33). 
So  müssen  auch  der  Türst,  welcher  auch  der  nachtjäger  heisst  (Lütolf 
sag.  d.  fünf  orte  s.  462),  und  die  Sträggele  ewig  jagen,  weil  die  letztere 
an  ihrem  namensfest,  das  auf  einen  freitag  in  der  fastenzeit  fiel,  eber- 
tieisch  essen  wollte,  und  deshalb  ihren  buhlen  zur  jagd  bewog  (Lütolf 
s.  28.  b). 

Zwei  dänische  sagen  schliessen  sich  an  die  vorstehenden  an ,  indem 
edelleute  sich  von  ihrer  jagdlust  so  verblenden  lassen ,  dass  sie  am  char- 
freitag  oder  ostertag  jagen;  da  erscheint  ihnen  der  teufel  in  g estalt 
eines  hasen  und  sie  finden  im  eifer  der  jagd  ihren  tod  (Thiele  Danm. 
folkes.2  2,  78.    1,  238). 

An  die  stelle  des  hasen  als  gejagten  thieres  tritt  nun  mehrfach  ein 
hirsch;  so  jagt  der  wilde  Jäger,  der  sich  ewig  zu  jagen  gewünscht,  schon 
in  einem  alten  meistergesang  einem  hirsch  nach  (Grimm,  DS.  n.  308), 
ebenso  bei  Lyncker  (hess.  sag.  n.  18).  Ebenso  jagt  in  einer,  Avenn  auch 
erst  dem  17.  oder  18.  Jahrhundert  augehörigen,  doch  unzweifelhaft  echte 
sagenzüge  enthaltenden  saga  könig  Odhiu  einen  mit  goldringen  geschmück- 
ten hirsch,  durch  den  er  in  das  reich  der  Hulda  gelockt  wii"d.^)  Beson- 
ders ist  der  gejagte  hirsch  ein  solcher,  der  ein  hrusifix  zwischen  dem 
geweih  trägt.  So  erzählt  eine  sage  aus  Westfalen  (westf.  sag.  1,  122 
n.  136):  der  Jäger  Go'i  ist  ein  so  leidenschaftlicher  jäger  gewesen,  dass 
er  selbst  der  hohen  festtage  nicht  geschont ,  und ,  als  er  einmal  am  stil- 
len freitag  auf  der  jagd  gewesen  und  nichts  hat  erjagen  können,  gesagt 
hat ,  er  müsse  heut  noch  ein  wildbrät  haben  und  sollte  es  ein  hirsch  mit 
einem  kruzifix  sein.  Da  ist  ihm  sein  vermessener  wünsch  sogleich  erfüllt, 
und  ein  schöner  hirsch  mit  mächtigem  geweih  und  zwischen  demselben 
ein  kruzifix  hat  vor  ihm  gestanden,  er  hat  losgedrückt  und  das  thier  ist 
zusammengesunken.  Als  aber  das  blut  aus  der  wunde  geströmt  ist,  da 
ist  reue  über  ihn  gekommen  und  er  hat  es  mit  der  band  zurückhalten 
wollen ,  aber  nun  ist  es  zu  spät  gewesen  und  er  muss  darum  ewig  jagen. 
Zum  andenken    an   die  ruchlose   that  hat  man  ihn,   wie  er  das  blut  mit 

1)  P.  E.  Müller,  sagabibliothek  1 ,  364  hat:  .,var  han  bleveii  lokket  af  en  med 
Guldringe  prydet  Hioit  til  en  afsides  Egn."  Laclimanns  Übersetzung  lautet:  ,,war 
er  von  einem  ins  gedränge  gezerrten  liirsche  in  eine  entlegene  gegend  verlockt 
worden."  Offenbar  ist  „ins  gedränge  gezerrt"  nur  ein  arger  druckfehler  für  „mit 
goldringen  geziert." 


DER  SCHUSS  AUF  DEN  SONNENHIBSCH  91 

der  hand  zurückzuhalten  bemüht  ist,  abgebildet  und  dies  bild  vor  der 
Stadt  Kecklinghausen  aufgestellt.  —  In  einer  andern  westfälischen  sage 
(westf.  sag.  1,  180  n.  193)  verfolgt  ein  böser  graf  einen  liirsch  und  als 
er  ihn  endlich  erreicht,  erblickt  er  zwischen  dem  geweih  ein  schönes 
goldenes  kreuz.  Der  hirsch  war  Christus,  welcher  jetzt  zum  grafen 
sagte:  „Nun  sollst  du  jagen  bis  an  den  jüngsten  tag."  Der  graf 
ist  der  wilde  Jäger.  —  Andre  sagen  (westf.  sag.  1 ,  315  n.  357, 
nordd.  sag.  250  n.  281)  berichten  gleichfalls  von  dem  schuss  auf  den 
hirsch  mit  dem  leiden  Christi,  die  eine  nennt  aber  ausdrücklich  als  den 
Jäger  den  heil.  Hubertus,  welcher  bekanntlich  nach  der  legende  durch 
die  erscheinung  des  hirsches  zur  reuigen  umkehr  bewegt  wurde;  diese 
legende  von  der  begeguung  des  hirsches  ist  aber,  wie  Wolf  (beitr.  2, 
112)  nachgewiesen  hat,  in  der  älteren  fassung  des  lebens  dieses  heiligen 
nicht  vorhanden  und  erst  aus  der  volkssage  und  dem  mythus,  wie  dies 
so  häufig  geschehen ,  in  die  heiligensage  übergegangen.  Und  in  der  that 
zeigt  die  weite  Verbreitung  der  sage  vom  gejagten  hirsch  ohne  erwäh- 
nung  des  heil.  Hubertus,  wie  vertraut  der  stoff"  dem  volke  gewesen  sei 
und  wie  leicht  daher  ein  solcher  Übergang  war;  so  wird  auch  die  Stiftung 
des  klosters  Preetz  in  Holstein  und  der  wallfahrtskapelle  in  der  Jagd- 
matt bei  Erstfelden,  Kt.  Uri,  auf  sie  zurückgeführt  (Mülleuhoff,  schlesw. 
holst,  sag.  n.  134.  Lütolf,  sag.  d.  fünf  orte  n.  483),  und  ähnliches  berich- 
tet auch  die  legende  von  der  gründung  des  klosters  Lehnin  (mark,  sag. 
n.  73),  nur  dass  diese  sich  in  ihrer  fassung  mehr  den  dänischen  sagen 
von  der  hasenjagd  anschliesst.  Einen  letzten  niderschlag  der  sage  zeigt 
die  erzählung  westf.  sag.  1,  186  n.  204  von  schmallenberger  Jägern,  die 
während  der  hochmesse  jagen,  und  durch  das  erscheinen  des  hirsches 
mit  dem  kruzifix  von  ihrem  frevel  abzulassen  bewogen  werden. 

Auf  das  innigste  verwant  mit  der  sagengruppe  vom  schuss  auf  den 
hirsch  mit  dem  kruzifix  ist  die  vom  freischützen ;  beide  schützen  richten 
ihr  geschoss  auf  den  crucifixus,  wodurch  jener  zum  wilden  Jäger,  dieser 
zum  nie  fehlenden  schützen  wird ;  beider  eigenschaften  vereinigt  Wuotan, 
der  einmal  an  der  spitze  der  wilden  jagd  steht,  dann  den  nie  fehlenden, 
immer  in  seme  hand  zurückkehrenden  speer  Gungnir  besitzt.  Die  frel- 
kugel  wird  nun  aber  auf  doppelte  weise  erlangt,  entweder  dadurch ,  dass 
der  schütze  die  an  die  wand  oder  an  einen  bäum  geheftete  oblate  trifft, 
und  sich  selbst  nicht  durch  die  an  die  stelle  der  oblate  tretende  leibliche 
erscheinung  des  gekreuzigten  warnen  lässt  (vgl.  beläge  in  westf.  sag.  1, 
340  n.  376  und  vgl.  noch  Birlinger,  schwäb.  sag.  1 ,  424  n.  64!)  und 
Wucke,  Werrasag.  2,  ö'J),  oder  dadurch,  dass  er  die  oblate  in  die  büchse 
ladet  und  von  da  ab  nicht  mehr  fehlt.  Ausser  dem  schuss  auf  die  oblate 
wird  dann   auch  drittens  noch   der   auf  die  sonne  genannt,    wie   ich  zu 


92  KUHN 

westf.  sag.  1 ,  34U  11.  ;J70  iirtcligewiesen  liube  und  vor  mir  schon  Wolf, 
beitr.  2,  19  f.  getlian  hatte;  man  vgl.  noch  zu  dem  dortigen  material 
Mülhause  (die  urreligion  des  d.  Volkes  s.  38):  „Um  ein  freischütz  zu  wer- 
den und  in  besitz  der  sogenannten  freikugeln  zu  gelangen,  muss  man 
auf  die  sonne,  den  moud  und  auf  eine  geweihte  hostie  schiessen.  Tre- 
ten hierbei  die  erforderlichen  bedingungen  ein  (diese  bestehen  darin,  dass 
aus  der  sonne  drei  blutstropfen  herabfallen  und  die  hostie  sich  in  den 
persönlichen  Christus  verwandelt,  auf  den  geschossen  werden  muss),  so 
ist  man  ein  freischütz."  Von  diesem  schuss  auf  die  sonne  oder  den  mond 
sehen  wir  hier  noch  einstweilen  ab,  in  jenem  auf  den  gekreuzigten  kom- 
men also  der  wilde  Jäger  und  der  freischütz  überein,  daher  fallen  sie 
denn  auch  in  einigen  sagen  geradezu  zusammen.  So  wird  in  der  sage 
bei  Müllenhoff  s.  366  n.  492,  die  übrigens  wol  nicht  ohne  ausschmückun- 
gen  des  erzählers  ist  (vgl.  MüUenhoffs  anmerkung  s.  368),  wenngleich 
sie  viel  altertümliches  enthält,  der  Jäger,  der  den  freischuss  erlangen 
Avill  durch  ausfülirung  des  ihm  vom  teufel  angegebenen  Verfahrens  (schuss 
mit  der  oblate  gegen  die  sonne),  zum  tvilden  jäger  und  eine  jütische 
sage  bei  Thiele  (D.  f.^  1,  319  f.)  erzählt,  wie  Schatzgräbern  ein  schlan- 
ker, grüngekleideter  Jäger  erschien,  gefolgt  von  einem  schützen  und 
einer  ungeheuren  menge  wind-  und  dachshunde,  deren  bellen  sie  so  in 
schrecken  setzte ,  dass  sie  sich  eiligst  entfernten.  Dieser  jäger  wird  graf 
Otto  genannt,  und  er  jagt  in  den  Bollerguts-  undKosenvolds-wäldern  mit 
juchzen,  rufen  und  hundegebell,  wie  einige  sagen,  weil  er  sich  bei  sei- 
nen lebzeiten  Jcein  andres  hininielreicli  geivünscJit ,  nach  andern  weil  er 
einmal  das  hrot  vom  altar  genommen  und  es  aus  seiner  hücJise  geschos- 
sen haben  soll.  Ebenso  spricht  eine  andre  mitteilung  bei  Thiele  (D.  f.^ 
2,  112)  die  enge  Verbindung  zwischen  freischützeu  und  wildem  jäger 
aus:  „Um  den  freischuss  zu  erlangen,  d.  h.  stets  zu  treifen  worauf  man 
zielt,  legt  man  gewisse  gebete  oder  geheime  werte  unter  die  krautkam- 
mer  in  der  büchse.^)  Andre  bewirken  dasselbe,  indem  sie  den  ivind  an 
einem  donnerstag  morgen  in  den  lauf  wehen  lassen.  Solche  freischützeu 
stehen  im  paM  mit  dem  bösen  oder  dem  tvilden  jäger  und  sei  es,  dass 
sie  gegen  osten  oder  westen  schiessen,  so  bringt  ihnen  ihr  schuss  stets 
die  eine  oder  andre  beute.  —  Auf  dem  edelhofe  Thiele  in  Jütland  war 
einmal  ein  alter  schütze ,  welcher  oft  auf  der  jagd ,  besonders  wenn  er 
etwas  angetrunken  war,  die  büchse  hinterwärts  herauszustecken  und  sie 
abzuschiessen  pflegte  und  das  nie  that,  ohne  dass  auf  seinen  schuss  ein 
stück  wild  gefallen  wäre."  Diese  letzte  mitteilung  hat  schon  in  einem 

wesentlichen  punkt  ganz   heidnische   färbung,  indem   sie  den  freischuss 

1)  Vgl.  die  runen  auf  Gungnirs  spitze,   Sigrdrifumäl  16. 


DER  SCHUSS  AUF  DEN  SONNENHIRSCH  93 

nicht  mehr  durch  die  geweihte  oblate ,  sondern  dadurch,  dass  der  wind 
des  heidnischen  feiertags  in  die  büchse  weht,  erlangen  lassen.  An  diese 
heidnische  weihe  des  büchsenlaufs  schliesst  sich  die  christliche  in  Pod- 
lachien,  welche  Woicicki  (übersetzt  von  Lewestara  s.  155)  mitteilt,  wo- 
nach der  Jäger  am  dreikönigstag ,  wenn  ein  fluss  oder  teich  durch  den 
priester  zum  Jordan  geweiht  ist,  ihre  geladenen  gewehre  halb  ins  wasser 
stecken.  Diese  gewehre  werden  Jordansflinten  genannt  und  man  kann 
niemals  mit  ihnen  das  ziel  verfehlen.  So  verbindet  auch  endlich  die 
schwedische  sage  christliches  und  heidnisches,  wobei  doch  das  letztere 
bei  weitem  überwiegt.  H3^1ten-Cavallius  (Wärend  och  Wirdarne  1,  215  f.) 
erzählt  nach  dem  heutigen  Volksglauben  in  Schonen:  Oden  als  nächt- 
licher Jäger  fährt  entweder  zu  fuss  oder  zu  ross  daher,  ein  Jagdhorn  an 
der  Seite  und  einen  speer,  oder  in  den  jüngeren  sagen  eine  büchse,  in 
der  band.  Er  ist  ein  könig  der  vorzeit,  welcher  auf  diese  art  so  lange 
die  weit  steht  dahin  fahren  oder  jagen  muss,  zur  strafe  für  seine  vielen 
und  grossen  Sünden,  während  er  hier  auf  erden  lebte.  Aber  unter  die- 
sen Sünden  war  die  grösste ,  dass  er  die  jagd  über  alles  liebte ,  so  dass 
er ,  um  nur  jagen  zu  können ,  sich  nicht  einmal  die  seit  Hess  die  heilige 
messe  zu  hören.  Ausführlicher  als  Hylten  -  Cavallius  berichtet  Dybecks 
Runa  1844  s.  33  über  Odhin,  sein  untergegangenes  schloss  und  seine 
Umwandlung  zum  wilden  Jäger.  Bei  Röstanga  in  Schonen  liegt  ein  see, 
der  der  Odensee  (Odensj0)  heisst.  „Hier  geht,  sagt  ein  älterer  bericht- 
erstatter,  unter  dem  gemeinen  mann  eine  alte  sage,  dass  zur  heidenzeit 
hier  im  kirchspiel  ein  herrenhof  gewesen  ist,  der  Odifis  hof  geheissen 
hat  und  da  belegen  war,  wo  jetzt  der  Odensee  ist."  Ein  berichterstat- 
ter  aus  diesem  Jahrhundert  erzählt:  „Ein  mann,  der  Oen  heisst,  hatte 
in  frühereu  zelten  sein  schloss  an  der  stelle,  wo  jetzt  der  Odensee  ist. 
Er  begab  sich  eines  sonntagsmorgens ,  gefolgt  von  seinen  hunden,  auf 
die  jagd.  Damit  er  um  so  sicherer  treffen  könne,  hatte  er  sich  ivein 
aus  der  hirche  verschafft,  den  er  in  den  flintenlauf  goss.  Aber  so  wie 
er  den  ersten  schuss  that,  versank  das  schloss,  wasser  stieg  aus  der 
tiefe  und  bildete  den  Odensee.  Man  sah  wie  Oen  mit  seinen  hunden  in 
die  wölken  empor  fuhr  und  denselben  aublick  hat  man  seitdem  oft  in 
der  gegend  gehabt,  so  z.  b.  im  j.  1824."  Aus  dem  berichte  des  Verfas- 
sers des  aufsatzes  in  der  Runa  ist  noch  zu  bemerken,  dass  man  bei  hel- 
lem wetter  das  dach  des  versunkenen  Schlosses  noch  in  der  tiefe  zu 
sehen  meint.  Das  erinnert  au  das  glänzende  schilddach  von  ValhöU.  — 
Während  hier  der  schuss  aus  der  frevelhaft  gefeiten  büchse  den  alten 
gott  mit  seinem  schloss  versinken  und  ihn  dann  zimi  wilden  Jäger  wer- 
den lässt,  berichtet  die  hannoversche  sage  vom  ritter  Tils  (westf.  sag.  1, 
317  n.  359),    der  seinen  Jäger  an   einem  christtage    zum   schuss  auf  den 


94  KUHN 

liirsch  mit  dem  krucitix  treibt,  dass  sein  schloss  darüber  untergegangen 
sei  und  er  nun  in  dem  versunkenen  schlösse  an  einem  steinernen  tische 
sitze,  durch  den  sein  weisser  hart  hindurchgewachsen  ist  (Harrys  niders. 
sag.  1,  6  n.  2 ,  vgl.  Grimm,  myth.  880).^) 

Wenn  in  den  beiden  behandelten  sagengruppen  der  schuss  auf  den 
hirsch  mit  dem  krucifix  und  auf  die  hostie  ein  ganz  christliches  dement 
7Ai  sein  scheint,  während  der  schütze  sich  durchweg  als  die  gestalt  eines 
heidnischen  gottes  verräth  und  so  auch  ganz  unzweifelhaft  in  mehreren 
sagen,  namentlich  der  zuletzt  besprochenen  schwedischen,  bezeichnet  wird, 
so  finden  wir  denn  endlich  auch  noch  eine  dritte  sagengruppe,  in  wel- 
cher das  ziel  des  Schusses  nicht  mehr  ein  christliches  ist,  sondern  ein 
allem  anschein  nach  heidnisches,  das  der  ältesten  anschauung  des  natur- 
dienstes  entstammt,  das  ist  die  sonne  (daneben  auch  der  mond,  sowie, 
ob  christlich,  ob  heidnisch?  gott).  Wir  haben  schon  oben  (s.  91  ff.)  einige 
beispiele  davon  kennen  gelernt  und  fügen  hier  noch  einige  bei.  Ein 
Jäger  bei  Eauenberg  thut  die  drei  freischüsse  so,  dass  er  auf  ein  tuch 
kniet  und  das  erste  mal  gegen  die  sonne,  das  zweite  mal  gegen  den 
mond  und  das  dritte  mal  gegen  gott  schiesst;  da  fallen  drei  blutstropfen 
vom  himmel  auf  das  tuch  und  seitdem  geht  er  mit  gewehr,  büchsen- 
ranzen  und  Jagdhund  um.  Bader,  bad,  sag.  s.  348  n.  393.  Ein  anderer 
Jäger  schoss  bei  der  Sommersonnenwende  um  mittag  in  die  sonne,  da 
fielen  drei  tropfen  blutes  herab ,  die  musste  er  aufbewahren  und  jeder 
schuss  gelang  ihm.  Man  hat  den  Jäger  später  noch  oft,  zwei  hunde  zur 
Seite  und  einen  auf  dem  schoos,  am  wege  sitzen  sehen.  Das  herabfal- 
lende blut  war  der  fahrsamen  (farnsamen.).  (Bechstein,  thür.  sagenb.  2 ,  18 
n.  161  ,^)  vgl.  auch  herabk.  d.  feuers  221).  Ein  andrer  erhält  vom  teu- 
fel  eine  wurzel  und  thut  nun  drei  Schüsse  gegen   die  sonne,    grade   auf 

1)  Die  beiden  sagen  darf  man  unLedcnklicli  mit  einander  verbinden  und  die 
schwedische  so  ergänzen,  dass  der  schuss  auch  in  ihr  ursprünglich  auf  den  hirsch 
erfolgt  sei.  Uebrigens  ergibt  die  beschreibung  und  abbildung  des  Odensees  auch  in 
der  beschaffenheit  des  sees  und  seiner  Umgebung  eine  grosse  ähnlichkeit  mit  dem 
Tilsgraben ;  beide  sind  von  geringem  umfang,  sind  sehr  tief,  haben  ganz  grün  aus- 
sehendes Wasser  und  sind  von  steilen  felswänden  umschlossen.  Dabei  wird  auch  vom 
Odensee  wie  vom  Tilsgraben  die  sage  von  dem  grossen  fisch  erzählt  (er  hat  äugen 
wie  grosse  schalen) ,  der  nicht  gefangen  und  fortgebracht  werden  darf  (Kuna  a.  a.  o. 
s.  34**).  Auch  von  der  messung  der  tiefe  beider  wird  erzählt  (Harrys  a.  a.  o),  doch 
mit  verschiedenem  resultat;  zu  der  schwedischen  version,  nach  welcher  beim  herauf- 
ziehen des  seiles  ein  widderhorn  statt  des  hinabgelassenen  pflugeisens  an  demselben 
erscheint,  stimmt  eine  dänische  sage  bei  Thiele,  D.  f.-  2,  15,  statt  des  widderhor- 
nes  erscheint  ein  pferdeschädel  ebd.  2,  6  und  bei  Niederhöffer  mekl.  volkss.  2,  105. 

2)  Ich  bemerke ,  dass  bei  Bechstein  die  kleinen  zusätze  am  schluss  nicht  in  den 
thür.  sag.  3,  188  stehen. 


DER    SCHTJSS   AUF    DEN    SONNENfflRSCH  95 

iu  die  höhe  gegen  den  lieben  gott  und  auf  einen  steinernen  bildstock 
und  erhält  so  täglich  drei  sichere  schüsse.  Wolf,  hess.  sag.  n,  124.  Der 
ewige  Jäger  im  Buhwald  bei  Neuenbürg  ,  der  auch  als  schimmelreiter, 
seinen  eigenen  köpf  unterm  arm  tragend,  gesehen  wird,  hat  einst  im 
frechen  Übermut  gegen  die  sonne  geschossen  und  muss  deshalb  umge- 
hen. Meier,  schwäb.  sag.  s.  115  n.  126.  1.  In  der  umgegend  von  Freu- 
denstadt erzählt  man,  der  ewige  jäger  habe  in  der  Weihnacht  oder  char- 
freitagsnacht  (!)  gegen  die  sonne  geschossen,  worauf  blut  herabgeflossen  sei. 
Dies  blut  habe  er  in  einem  tuche  aufgefangen  und  bleikugeln  damit 
benetzt;  mit  solchen  kugeln  habe  er  alles  treffen  können,  was  er  nur 
habe  erreichen  wollen.  Seien  die  kugeln  verschossen  gewesen,  so  habe 
er  einen  frischen  schuss  gegen  die  sonne  gethan.  Dafür  muss  er  nun 
jagen  und  zieht  mit  hmidegebell  und  jagdgetöse  in  der  ganzen  weit 
umher.  Meier,  schwäb.  sag.  s.  116  n.  126.  3.  Ein  jäger  in  Luzeru  schoss 
einen  hirsch  mit  einer  freikugel ,  die  er  grade  im  lauf  stecken  hatte ,  weil 
er  aber  dem  schusse  auf  ein  blosses  thier  nicht  zuvor  den  zauber  gelöst 
hatte ,  muss  er  nun  selbst  in  thiergestalt  in  den  Wäldern  umgehen.  Auch 
erzählt  man,  da  er  alle  thiere  zu  bannen  verstand,  so  habe  er  nicht 
mehr  nach  ihnen,  sondern  mit  freikugelu  gegen  die  sonne  geschossen; 
darauf  seien  ihm  die  blutstropfen  auf  die  band  gefallen  und  er  erlahmte. 
(Rochholz,  aarg.  sag.  2,  51  n.  280.  Die  sage  hat  manche  Unklarheiten), 
Was  endlich  vom  einzelnen  schützen  erzählt  wird,  überträgt  eine  elsäs- 
sische  sage  auf  ein  ganzes  heer.  Bei  Ruffach  im  Oberelsass  ist  ein  gro- 
sses thal,  das  man  das  ochsenfeld  nennt.  In  diesem  thale  soll  vor  vie- 
len hundert  jähren  unter  kaiser  Karl  ein  kriegsheer  gestanden  haben, 
das  in  allen  schlachten  gesiegt  hatte,  aber  dadurch  mit  samt  sehiem 
anführer  so  stolz  und  übermütig  geworden  war,  dass  es  eines  tages 
aus  allen  kanonen  und  gewehren  zumal  gegen  den  himmel  feuerte.  Und 
das  geschah  auf  befehl  des  anführers.  Kaum  hatten  sie  aber  losgeschos- 
sen, so  versank  das  ganze  heer  in  die  erde.  Alle  sieben  jähre  sieht  man 
es  an  demselben  platze,  wo  es  versunken  ist,  wider  zu  pferde  exercieren. 
Meier,  schwäb.  sag.  s.  122  n.  137.  1. 

Ehe  wir  zu  einer  prüfung  des  so  gewonnenen  materials  der  sagen 
weiter  gehen,  wenden  wir  uns  zu  einigen  in  den  indischen  brähmanas 
enthaltenen  mittheilungen ,  die  mit  unseren  sagen  im  engsten  Zusammen- 
hang stehen.  Schon  bei  einer  früheren  gelegenheit  (zeitschr.  f.  vgl. 
sprachf.  4,  22)  habe  ich  auf  den  mythos  vom  Prajäpati  und  semer  toch- 
ter  und  dem  ihn  verwundenden  Rudra  aufmerksam  gemacht  und  die  ähn- 
lichkeit  desselben  mit  dem  durch  den  Kronos  entmannten  Urauos  berührt. 
Jetzt  liegt  uns  ausser  der  dort  obenhin  besprochenen  form  der  sage 
noch    eine   ausführlichere  vor,    die  im   ganzen   vollständig  zu  der  vor- 


96  KUHN 

stehend  besprochenen  sage  vom  wilden  Jäger  stimmt,  aber  zugleich 
zeigt,  dass  jene  früher  angedeutete  ähnlichkeit  sich  nur  zum  theil 
aus  gleicher  mythischer  anschauung  erklärt ,  also  vorläufig  auf  sich 
beruhen  mag. 

Die  erzählung  des  (yatapatha-brähmana  1.  7.  4.  1  (ed.  Weber  p.  73) 
lautet  folgendermassen  :  „  Prajäpati  hatte  ein  äuge  auf  seine  tochter  gewor- 
fen (den  himmel  oder  die  üshas);  „ich  will  mich  mit  ihr  paaren"  so 
dachte  er  und  wohnte  ihr  bei.  Das  war  den  göttern  einärgernis,  „dass 
er  so  seine  tochter,  unsere  Schwester  beschreitet,"  so  (redeten  sie).  Die 
götter  sprachen  zu  dem  gotte,  der  da  über  die  thiere  gebietet:  „gegen 
die  festgesetzte  Ordnung  handelt  er,  da  er  seine  tochter,  unsere  Schwe- 
ster beschreitet,  schiesse  auf  ihn."  Da  spannte  Eudra  seinen  bogen  auf 
ihn  und  schoss  auf  ihn  und  die  hälfte  seines  samens  fiel  zu  boden.  So 
war  das  nun.  Darum  hat  der  seher  in  bezug  darauf  gesagt:  „Als  der 
vater  seiner  tochter  beiwohnte,  sprengte  er  bei  der  begattung  seinen 
samen  auf  die  erde"  (Rv.  10,  61,  7).  Das  ist  nun  die  auf  den  Agni 
und  die  Maruts  sich  beziehende  liturgie ,  darin  wird  das  erzählt ,  wie  die 
götter  den  samen  weiter  förderten"  u.  s.  w. 

Noch  an  einer  anderen  stelle  erwähnt  das  ^atapatha  -  brähmana  den 
schuss  auf  den  Prajäpati  (2,  1,  2,  y)  und  sagt,  dass  das  mrigagirsha 
der  köpf  desselben  sei  (etad  vai  prajäpateh  ^iro  yan  mriga9irsham) ,  der 
mit  dem  aus  drei  theilen  bestehenden  pfeile  verwundet  wurde  (yatra  vä 
enam  tad  avidhyaris  tad  ishunä  trikändene  'ty  ähuh).  Säyana  gibt  dann 
zu  dieser  stelle  in  seinem  commentar  dieselbe  legende;  die  einzige  von 
Weber  benutzte  handschrift  desselben  hat  aber  zahlreiche  fehler,  daher 
ist  der  Wortlaut  nicht  überall  ganz  sicher  herzustellen,  doch  ergibt  sich 
im  ganzen  so  viel,  dass  Prajäpati  sich  in  eine  schwarze  antilope 
verwandelt  (krishnamrigarüpam  ästhäya)  und  so  seiner  ebenfalls  zu  einer 
antilope  gewandelten  tochter  (mrigibhütäm)  nahte ,  worauf  die  götter  einen 
zornigen  mann  schufen  und  der  ihm  mit  dem  pfeil  den  köpf  spaltete; 
köpf  und  pfeil  flogen  aber  in  die  luft  empor  und  werden  dort  als  Stern- 
bilder stehend  gesehen  (ishuh  9ira9ce  'ty  etad  ubhayam  antariksham  ut- 
plutya  nakshaträtmanä  'vasthitam  samdri9yate). 

Ausführlicher  berichtet  das  Aitareya  -  brähmana  3,  33  denselben 
mythos:  „Prajäpati  hatte  ein  äuge  auf  seine  tochter  geworfen ;  den  him- 
mel, so  sagen  einige,  die  üshas,  so  andre.  Ein  ri9ya  ward  er  und 
suchte  die  zu  einer  rohit  gewordene  auf.  Ihn  sahen  die  götter.  „Uner- 
hörtes wahrlich  thut  Prajäpati,"  so  sprachen  sie.  Sie  suchten  einen  solchen, 
der  ihn  schädigen  sollte.  Einen  solchen  fanden  sie  nicht  unter  sich.  Die 
furchtbarsten  gestalten,    welche  sie  hatten,    die  vereinigten  sie  zu  einer. 


DER   SCHUBS  AUF   DEN  SONNENHIRSCH  97 

Diese  vereinigten  wurden  jener  gott.  ^)  Deshalb  enthält  sein  name  das  wort 
bhüta;  es  gedeiht,  wer  also  diesen  seinen  namen  weiss.  Die  götter  spra- 
chen zu  ihm:  „Prajapati  hier  hat  unerhörtes  gethan,  triff  ihn."  Er 
sagte  es  zu,  sagte  aber  zugleich:  „ich  verlange  aber  einen  wünsch  von 
euch!"  —  „Verlange  ihn,"  sagten  sie.  Da  sprach  er  den  wünsch  nach 
der  Oberherrschaft  über  die  thiere  aus.  Das  ist  sein  mit  (dem  worte) 
thier  verbundener  name ;  reich  an  thieren  (vieh)  wird ,  wer  diesen  seinen 
namen  kennt.  Da  spannte  er  den  bogen  und  traf  ihn.  Als  er  getroffen 
war,  sprang  er  aufwärts  (an  den  himmel);  diesen  nun  nennt  man  mriga 
(das  wüd),  der  aber,  welcher  der  mrigavj^ädha  (wildjäger)  war,  das 
wurde  eben  der  (nämlich  das  gleichnamige  sternbild),  und  die,  welche 
die  rohit  war,  das  wurde  die  rohini  (name  eines  Sternbildes),  was  aber 
der  aus  drei  theilen  bestehende  pfeil  war,  das  wurde  der  aus  drei  thei- 
len  bestehende  pfeil  (name  eines  stembildes).  Der  same  aber,  der  dem 
Prajapati  entflossen,  lief  (hinab)  und  ward  ein  see.  Die  götter  sprachen: 
„Dass  dieser  same  des  Prajapati  nicht  verloren  gehe  (idam  me  mä 
dushat)."  Weil  sie  sprachen ,  „  dass  dieser  same  des  Prajapati  nicht  ver- 
loren gehe,"  ward  er  ein  mädusham,  das  ist  des  mädusha  mädusha-thum. 
Dies  (wort),  welches  eigentlich  mädusham  ist,  spricht  man  mänusham 
(das  menschliche)  in  mystischer  weise,  denn  die  götter  lieben  das  my- 
stische. 

Den  samen  umgaben  die  götter  mit  feuer ,  die  Maruts  erschütterten 
ihn,  aber  Agni  (etwa:  das  elementare  feuer),  Hess  ihn  nicht  zur  bewe- 
gung  kommen.  Sie  umgaben  ihn  mit  Agni  Vai9vänara  (hier  etwa:  lebens- 
feuer),  die  Maruts  erschütterten  ihn,  Agni  Vai9vänara  Hess  ihn  zur 
beweguug  kommen.  Was  nun  von  diesem  samen  zuerst  aufleuchtete, 
das  ward  jeuer  Aditya.  Was  das  zweite  war,  das  ward  Bhrigu,  den  zog 
Varuna  zu  sich,  darum  heisst  Bhrigu  Väruni  (d.  i.  söhn  des  Varuna), 
Was  zum  dritten  etwas  erglänzte,  das  wurden  die  Adityas.  Was  koh- 
len waren,  das  wurden  die  Angirasas;  die  verlöschten  kohlen,  welche 
wieder  aufleuchteten,  wurden  Brihaspati.  Was  (ganz  verglommen)  koh- 
lenstaub  war ,  das  wurden  schwarze  thiere ,  was  rother  lehm ,  das  wurden 
rothe.  Was  asche  geworden,  das  vertheilte  sich  mannichfach  als  hirsch, 
büffel ,  rehbock ,  kameel ,  esel  und  als  alle  die  thiere ,  die  rothbraun  sind. 
Zu  diesen  sprach  jener  gott:  „Mein  ist  dies,  mein  ist  was  an  der  stelle 
zurückgeblieben^"  Sie  baten  ihn  mit  jenem  verse  um  verzieht ,  welcher 
dem  Rudra  geweiht  ist:  „möge  es  dir  gefallen,  o  vater  der  Maruts, 
trenne  uns   nicht  vom   anblick  der  sonne;   du,    o  held,   mögest  unserni 

1)  Aus  scheu  vor  dem  verderbliclien   Eudra  spricht   mau  seinen  uameu  nicht 
aus;  vgl.  d.  schluss.  ^ 

ZEITSCHR.    F.    DEXJTSCUE     PHILOLOGIE.  7 


98  KUHN 

rosse  gnädig  sein."  So  soll  mau  sprechen,  nicht  abhi  nah,  dann  wird 
jener  gott  kein  nachsteller  gegen  die  gescliöpfe.  „Nachkommenschaft 
mögen  wir  erleben,  durch  nachkommen,  o  Eudriya,"  so  soll  man  sagen, 
nicht  Rudra,  aus  scheu  vor  diesem  namen.  Oder  man  möge  auch  blos 
sagen:  „möge  er  uns  gnädig  sein." 

Ehe  wir  zu  einer  vergleichuug  dieser  brähmanas  mit  den  deutschen 
sagen  übergehen ,  müssen  noch  einige  punkte  erörtert  werden.  Zunächst 
steht,  schon  durch  den  fast  wörtlich  übereinstimmenden  eingang  beider 
erzählungen,  soviel  fest,  dass  in  beiden  derselbe  mythos  behandelt  wird, 
nur  dass  je  nach  den  Überlieferungen  der  betreffenden  schule  und  den 
zwecken  der  brähmanas  (deren  hauptaufgabe  darin  besteht ,  die  religiösen 
gebrauche  durch  das  in  liedern  und  sagen  überlieferte  leben  der  götter 
zu  begründen),  abweichungen  eingetreten  sind.  Die  erste  dieser  abwei- 
chungen  ist  die,  dass  das  Aitareya  die  gestaltverwandlung  des  Prajäpati 
imd  seiner  tochter  zu  n9ya  und  rohit  angibt ,  während  das  (^atapatha 
an  der  hauptstelle  nichts  davon  meldet,  doch  sahen  wir,  dass  es  dieser 
Verwandlung  an  einer  anderen  stelle  erwähnt,  durch  welche  wenigstens 
die  Wandlung  des  Prajäpati  in  einen  mriga  auch  für  das  (^atapatha  br. 
unzweifelhaft  wird.  Während  ferner  das  Aitareya- brähmana  die  götter 
über  die  Vermischung  des  Prajäpati  mit  seiner  tochter  nur  in  die  worte 
„unerhörtes  wahrlich  thut  Prajäpati"  ausbrechen  lässt,  legt  ihnen  das 
^atapatha -  brähmana  den  ausdruck  „dass  er  seine  tochter,  unsre  Schwe- 
ster beschreitet"  in  den  mund,  bezeichnet  also  den  sittlichen  grund 
genauer,  der  die  götter  zum  zorne  bewegt.  Wenn  ferner  das  ^atapatha- 
brähmana  die  götter  an  den  gott,  der  über  die  thiere  gebietet  (yah 
pa9Ünäm  ishte),  die  aufiforderung  richten  lässt,  auf  den  Prajäpati  zu 
schiessen,  also  damit,  wenn  auch  mit  scheuer  Umschreibung,  unzweifel- 
haft den  Rudra  bezeichnet,  dessen  häufig  vorkommender  namen  pa9U- 
pati,  herrscher  der  thiere,  ist  und  nachher  den  namen  Rudra  als  den 
des  schützen  ausdrücklich  nennt,  so  ergibt  sich  aus  der  darstellung  des 
Aitareya -brähmana  zwar  unzweifelhaft  dasselbe,  aber  für  die  eigentliche 
erzählung  und  die  erklärung  des  rituals  wird  der  name  des  Rudra  ver- 
mieden, da  schon  das  blosse  aussprechen  seines  namens  verderben  brin- 
gen kann;  er  ist  jedoch  auch  im  text  durch  die  bezeichnungen  „sein  das 
wort  bhüta  und  das  wort  pa9U  enthaltender  name "  schon  deutlich  genug 
bezeichnet,  denn  damit  sind  die  beinamen  Rudra's  Bhüiapati,  herr  der 
wesen,  namenthch  böser  wesen  und  gespenster,  und  Pa9upati,  herr  der 
thiere ,  gemeint.  Während  ferner  das  ^atapatha  den  Rudra  bereits  als  von 
den  göttern  anerkannten  herrn  der  thiere  bezeichnet,  lässt  ihn  das  Aita- 
reya erst  den  wünsch  danach  aussprechen  und  legt  den  göttern  die  gewäh- 
rung •  bei ,   nachdem   er  auf  ihr  verlangen ,  den  Prajäpati  zu  verwunden, 


DER  SCHUSS  AUF  DEN  SONNENinESCH  99 

eingegangen  ist,  wie  er  denn  überhaupt  in  diesem  brähmana  erst  als  das 
gescliöpf  der  götter  erscheint,  in  dem  sie  alle  ihnen  eigenen  züge  und 
eigenschaften  der  furchtbarkeit  vereinigen.  Man  darf  aus  der  ganzen 
darstellung  verniuthen  ,  dass  die  erzählung  des  Qatapatha  die  ältere  sei, 
da  sie  die  einfachere  und  natürlichere  ist,  während  die  des  Aitareya, 
da  sie  auf  bereits  entwickelterer  mythenbildung  beruht,  als  einer  jünge- 
ren zeit  augehörig  anzusehen  sein  wird,  ohne  dass  jedoch  darum  der 
wesentliche  Inhalt  der  Aitareya -erzählung  ebenfalls  jüngerer  zeit  anzu- 
gehören brauchte. 

In  betreff  der  Verwundung  und  des  Samenausflusses  stimmen  dann 
beide  erzählungen  überein ,  wenden  sich  dann  aber  nach  verschiedenen 
selten  auseinander,  da  sie  verschiedene  zwecke  verfolgen;  die  weitere 
erzählung  des  (^'atapatha  konnte  hier  unberücksichtigt  bleiben,  dagegen 
musten  wir  die  des  Aitareya  aufnehmen,  wie  sich  weiter  unten  zeigen 
wird.  Wenden  wir  uns  nun  zu  einer  vergleichung  der  erzählungen  der 
brähmanas  und  unserer  sagen. 

Ich  habe  schon  bei  früheren  gelegenheiten  nachgewiesen,  dass  Eudra, 
an  dessen  stelle  später  Indra  getreten  ist,  in  seinen  grmidzügeu  mit 
Wuotan  als  wildem  Jäger  übereinstimme;  beide  sind  die  götter  des  Stur- 
mes und  ursprünglich  auch  der  nacht ,  weshalb  Wuotan  häufig  in  Deutsch- 
land, aber  auch  in  Schweden  (vgl.  AVäreud  och  Wirdarne  v.  Hylten 
Cavallius  s.  215)  den  namen  nachtjäger  führt.  Über  einige  ihrer  gemein- 
samen züge,  namentlich  auch  über  das  besondere  wesen  des  Eudra  ver- 
gleiche man  Grohmanns  aufsätze  in  der  zeitschr.  f.  vgl.  Sprachforschung 
10,  271  f.  12,  69  f.  Sie  werden  beide  bei  fortschreitender  entwicklung 
der  religiösen  an  schauungen  an  der  spitze  einer  schaar  ilmen  gleicher 
wesen  gedacht,  welche  bei  den  Indern  Eudras  oder  Maruts  heissen,  wes- 
halb Eudra  auch  pitä  marutäm,  vater  der  Maruts,  genannt  wird,  welche 
aber  bei  uns  als  wüthendes  beer,  wilde  jagd,  nachtvolk  und  unter  anderen 
namen  auftreten.  In  dem  vorliegenden  mythos  erscheinen  beide  einzeln, 
ohne  die  sonst  gewöhnliche  begieitung.  Dagegen  geht  uns  hier  beson- 
ders an ,  dass  die  ausrüstung ,  in  welcher  Eudra  gewöhnlich  erscheint, 
die  mit  pfeil  und  bogen  ist  (Ev.  2 ,  33 ,  10  arhan  bibharshi  säyakaui 
dhanva),  der  letztere  wird  golden  genannt  (Ath.  11,  2,  12,  dhanur 
bibharshi  haritaiu  hiranyayam),  weshalb  er  auch  die  beiwörter  der  mit 
schönem  pfeil  und  bogen  versehene  erhält  (svishu  und  sudhanvan  Ev.  5, 
42,  11).^)  Freilich  erscheint  Odhin  gewöhnlich  nur  mit  dem  Speer  aus- 
gerüstet, aber  der  eigentliche  bogengott  (boga  äs)  üllr  ist  längst  von 
Wolf  (beitr.  1,   145)   und   ganz   besonders  von  Simrock   (myth.^  318  ff.) 

1)  Mau  vgl.  die  liiblms,  die  sühne  des  glcicliiiainiyeii  Sudluuivau. 


100  KUHN 

als  ursprünglich  mit  Odhin  identisch  nachgewiesen  und  wir  dürfen  daher 
auch  ihm  diese  ausrüstung  zuschreiben,  und  um  so  mehr  als  auch  der 
in  englischen  volksgebräucheu  auftretende  Hooden  (der  dann  zum  Robin 
Hood  geworden),  ebenfalls  mit  pfeU  und  bogen  ausgerüstet  erscheint 
(über  Wodan  als  gott  mit  pfeil  und  bogen  vgl.  besonders  Pfanneuschmid 
in  Pfeiffers  Germ.  10,  14  fl\)  Dabei  sei  denn  gleich  hier  bemerkt,  dass 
Wolf  (a.  a.  0.)  den  UUr  im  heiligen  Hubertus  nachzuweisen  bemüht  war 
imd  auch  Simi'ock  diese  ersetzung  des  nordischen  gottes  durch  den  hei- 
ligen nicht  unwahrscheinlich  findet  (s.  321).  Ferner  vergleicht  sich  Rudra 
als  manu  im  schwärzlichen  oder  schwarzen  kleide  (purushah  krishua^aväsi, 
die  passende  färbe  des  nächtlichen  himmelsgottes  oder  des  im  stürme 
daherschreitenden),  wie  er  in  einer  andern  weiter  unten  zu  erwähnenden 
erzählung  erscheint ,  mit  Ot5in  als  heklumaSr ,  der  diesen  namen  von  sei- 
nem dunkelblauen  oder  schwarzen  mautel  (hekla  blä)  führt;  man  vgl. 
auch  den  Apollo  vv/izl  ioixwg  der  Ilias.  Endlich  erscheinen  Rudra  und 
der  wilde  jäger  in  gleicher  weise  von  wilden  hunden  begleitet;  der  wilde 
Jäger  hat  bekanntlich  deren  zwei,  auch  drei,  zuweilen  mehrere,  die  sich 
durch  klaffen  und  gier  auszeichnen;  von  Rudras  hunden  heisst  es,  dass 
sie  lärmen,  gierig  schlingen  und  grossen  rächen  haben  (rudrasyai'  laba-. 
kärebhyo  'sanisüktagilebhyali  idam  mahäsyebhyah  fvabhyo  akaram  namah 
Ath.  11,  2,  30.)  Wenden  wir  uns  nun  zur  betrachtung  des  Schusses, 
so  unternimmt  ihn  Rudra  nach  beiden  erzählungen  zur  sühnung  der 
durch  Prajäpati  verletzten  sittlichen  Ordnung  der  götter,  welche  den 
Umgang  mit  der  eigenen  tochter  verbietet;  dies  motiv  scheint  aber  erst 
ein  speciel  brahmanisches ,  obwol  ich  nicht  leugnen  will,  dass  es  schon 
in  der  indogermanischen  urzeit  erdacht  sein  könnte ,  da  zwar  die  geschwi- 
sterehe ,  doch ,  wenn  ich  mich  recht  erinnere ,  nicht  die  Vermischung  der 
eignen  altern  mit  den  kiudern  in  unseren  mythologieen  auftri'^t.  Die 
deutsche  sage  jedoch  weiss  von  diesem  motive  nichts,  sondern  sie  legt 
im  gegenteil  dem  schütten,  nicht  dem  geschosseneu  die  frevelthat  bei, 
indem  sie  ihn  am  sonntag  oder  festtag  jagen  und  selbst  vor  der  erschei- 
nung  des  hirsches  mit  dem  kruzifix  nicht  zmiickschrecken  oder  indem  sie 
ihn  die  hostie ,  oder  nach  der  schwedischen  sage  den  abendmahlswein  zu 
seinem  schusse  verwenden  lässt.  Dagegen  treffen  die  indische  und  deut- 
sche erzählung  in  einem  andern  punkte  in  dem  grundgedanken  sichtlich 
überein.  Nach  der  deutschen  sage  wird  nämlich  der  schütze  in  folge 
des  Schusses  entweder  zur  strafe  zum  wilden  jäger,  er  muss  ewig  jagen, 
oder  er  wünscht  sich  nach  den  sagen,  die  von  einer  solchen  einzeljagd 
nichts  wissen,  für  sein  theil  himmelreich  ewig  jagen  zu  dürfen,  oder  er 
verwünscht  sich  selbst  im  eifer  das  gejagte  thier  zu  erlangen  zu  ewiger 
jagd.    Das  stimmt  doch  merkwürdig  mit  dem  wünsche  des  Rudra  über- 


DER  SCHUSS  AUF  DEN  SONNPNHIRSCH  101 

ein,  dass  er  für  seinen  scliiiss  die  herrschaft  über  die  thiere  erlan- 
gen möge. 

Mau  könnte  nun  zweierlei  hiergegen  einwenden,  nämlich,  dass  das 
wort  payii  thier  in  der  regel  nur  die  hausthiere ,  namentlich  kleinvieh, 
bezeichne ,  und  dass  Eudra  pa9upati  daher  zwar  herr  der  zahmen ,  aber 
nicht  der  wilden  thiere  sei,  dass  der  wilde  Jäger  dagegen  in  der  regel 
nur  wilde  thiere  jage ;  allein  die  ursprüngliche  auffassung  beider  gotthei- 
ten  hat  diesen  unterschied  offenbar  noch  nicht  gekannt,  wie  mehrere 
umstände  klar  ergeben. 

Was  nämlich  den  ersten  einwurf  rücksichtlich  des  Eudra  papupati 
betrifft,  so  wird  pa^u  auch  ganz  im  allgemeinen  von  allen  thieren 
gebraucht,  was  ausser  einigen  für  diese  bedeutung  angeführten  stellen 
im  Petersburger  Wörterbuch  schon  am  deutlichsten  die  mehrfach  wider- 
kehrende bezeichnung  grämyäh  und  äranyäh  pa9avah  haus-  und  wald- 
oder  wilde  thiere  ergibt.  Dann  aber  geht  auch  aus  dem  zweiten  theil 
der  obigen  erzählung  des  Aitareya  deutlich  hervor,  dass  seine  herrschaft 
sich  auch  über  die  wilden  thiere  erstreckt,  da  er  seinen  ansprach  auf 
alle  aus  der  asche  von  Prajäpati's  samen  hervorgegangenen  sowol  wil- 
den als  zahmen  thiere  erhebt  und  erst  durch  ausdrücklichen  verzieht 
auch  götter  und  menschen  daran  theilhaftig  werden  lässt.  Er  verzichtet 
aber  auf  diese  herrschaft  nur  dem  gegenüber,  der  seine  macht  anerkennt 
und  heerdenreichthum  als  ein  geschenk  von  ihm  ansieht,  wie  dies  auch 
aus  der  erzählung  von  Näbhänedishtha  (Ait.  B.  5.  14)  hervorgeht.^)  End- 
lich aber  heisst  es  auch  in  einer  stelle  des  Ath.  11,  2 ,  24  ausdrücklich, 
dass  ihm  die  thiere  des  waldes  und  alle  vögel  angehören.^) 

Auch  der  zweite  der  oben  angedeuteten  einwürfe  hat  allerdings  die 
regel,  dass  der  wilde  Jäger  nur  wilde  thiere  jage  für  sich,  doch  sind 
noch  die  deutlichen  spuren  vorhanden,  dass  diese  beschränkung  nicht 
ursprünglich  sei.  Zunächst  findet  sich  auch  beim  wilden  Jäger ,  wie  beim 
Rudra  dem  Näbhänedishtha  gegenüber,  deutlich  ausgesprochen ,  dass  ihm 
auch  der  ansprach  auf  rinder  und  rinderheerden ,  somit  also  herrschaft 
darüber  zustehe.  So  wird  dem  Helljäger  (nordd.  sag.  n.  310,  3)  alljähr- 
lich eine  kuh  aus  dem  stalle  gelassen,  die  von  ihm  selbst  schon  vorher 
kenntlich  gemacht  ist;  sobald  sein  zug  naht,  verschwindet  sie  und  kehrt 

1)  Vgl.  Haugs  Übersetzung  p.  324,  wo  mitgeteilt  wird,  dass  Säyana  sage, 
zufolge  einer  andern  9äkhä  sei  der  im  text  erwähnte  mann  im  schwarzen  kleide  (puru- 
shah  krishnafaväsi)  Rudra. 

2)  tubhyam  äranyäh  i)a9avo  mrigä  vane  hitä  liansäh  suparnäh  9alnmä  vayänsi. 
Der  erste  päda  des  verses  ist  durch  ausschcidung  von  nirigäh,  welches  das  meti'um 
stört,  zu  emendiren;  es  ist  augenscheinlich  als  glosse  für  äranyäh  pa9aYah  in  den 
text  gekommen. 


102  KUHN 

nie  zurück.  —  Daran  schliesst  sich  eine  dänische  sage  eng  an,  nach 
welcher  Volhncr  (könig  Waldemar)  mit  seinen  hunden  eines  abends  auf 
dem  hofc  eines  bauern  erscheint  und  ihn  zwingt  das  vieh  aus  den  stäl- 
\en  zu  lassen.  Als  dies  geschehen  ist,  fallen  Vollmers  hunde  darüber 
lier  und  verschlingen  es,  Vollmer  aber  entschädigt  die  bäurin  durch  in 
die  schürze  geworfenes  feuer,  welches  am  andern  tage  zu  gold  wird. 
Thiele,  Daum,  folkes.^  2,  116.  IV.  Näher  an  die  erste  sage  schliessen 
sich  noch  die  sagen  vom  nachtvolk,  das  in  der  sennhütte  einkehrt,  dort 
eine  kuh  schlachtet  und  verspeist  und  sie  nachher  aus  haut  und  knochen 
wieder  lebendig  macht.  Das  umfangreiche  material  hier  ganz  beizubrin- 
gen, würde  zu  weit  führen,  ich  verweise  auf  Mannhardt,  germ.  myth. 
77  f.  710.  und  namentlich  Rochholz ,  aarg.  sag.  2,  383  —  85.  Grade  für 
uns  aber  ist  es  höchst  bedeutsam ,  dass  neben  den  so  geschlachteten  und 
wiederbelebten  kühen  auch  gemsen  auftreten,  Zingerle,  tir.  sag.  n.  45 
s.  35.  Die  gemsen  sind  die  kühe  der  Fangen  und  seligen  ib.  n.  102  s.  66, 
Alpenburg,  mythen  s.  8,  sag.  s.  205.  —  Ebenso  entschieden  tritt  der 
ansprach  des  gottes  auf  die  rinderheerden  in  einer  schwäbischen  sage  auf. 
Zu  Lustnau  in  Schwaben  wollte  der  wilde  Jäger,  der  dort  Ranzenpuffer 
heisst,  nicht  leiden,  dass  man  bei  einer  Viehseuche,  wo  alles  vieh  in  den 
wald  getrieben  wurde,  um  es  tot  zu  schlagen  und  zu  vergraben,  ein 
sehr  schönes  kalb  schlachtete,  um  es  zu  verzehren.  Als  man  es  den- 
noch that,  kam  zuerst  ein  die  leute  umspringender  schwarzer  hund  und 
als  er  verschwunden  war ,  brach  ein  gewaltiger  stürm  los ,  nach  dem  der 
Ranzenpuffer  erschien,  das  geschlachtete  fleisch  forderte,  das  ihm  gehöre, 
und  einen  der  widerspänstigen  todtkrank  schlug.  Meier,  schwäb.  sag. 
s.  lli  n.  124.  4.  Hier,  tritt  der  wilde  Jäger  ausserdem  vollkommen  dem 
Rudra  und  Apollo  gleich  auf,  indem  er  die  seuche  über  die  heerde  her- 
einbrechen lässt  und  nicht  duldet,  dass  ein  anderer  des  nur  ihm  gehö- 
rigen fleisches  der  rinder  sich  bemächtige;  vgl.  die  obigen  erzählungen 
aus  dem  Aitareya.  Wie  er  so  seuchen  über  die  heerde  y-erhängt,  so 
bringt  er  dann  auch  andrerseits  wieder  gedeihen  über  dieselben;  so 
gewährt  die  einkehr  des  schweren  wagens,  d.  i.  der  wilden  jagd,  einer 
frau  in  Pressburg  besonderes  gedeihen  in  ilireni  viehstand  (Schröer,  z.  f. 
d.  myth.  2,  191»).  Ebenso  segnet  der  wilde  Jäger  Herodis  ein  haus  durch 
reichliche  milch  und  butter,  weil  man  seinen  dort  zurückgelassenen  hund 
gut  gepflegt  hat  (westf.  sag.  1,  2  n.  3). 

Dann  aber  finden  sich  auch  sagen,  in  denen  der  gott  nicht  wilde, 
sondern  heerdeu  zahmer  thiere  vor  sich  her  treibt.  Wie  schon  in  den 
obigen  sagen  vom  Heihaus  sich  vermuten  lässt,  dass  die  verschwin- 
dende kuh  ins  wilde  beer  mit  aufgenommen  wird  und  fort  zieht,  so 
heisst  es  auch  vom  Türst,  dass  er  den  alpenhii-ten  die  kühe  fortnehme 


DER  SCHÜSS    AUF  DEN   SOKNENHIRSCH  103 

und  hoch  in  die  wölken  führe  und  dass  sie  entweder  nie  oder  am  dritten 
tage  halbtot  und  ausgeniolken  zurückkommen,  Bechstein,  deutsches 
sagenb.  15.  Wolf,  beitr.  2,  149.  Die  stelle  darüber  bei  Cysat  lautet: 
„Das  ist  der  höllische  oder  teuflische  Jäger,  den  man  den  Türst  nennt. 
Der  macht  sich  auf  mit  seinem,  gejägde  bei  einbrechender  nacht,  treibt 
und  verwirret  das  arme  vieh,  welches  zerstreut  durcheinander  laufet  und 
ergaltet.  Er  bläst  sein  jägerhorn  und  die  armen  thiere  müssen  erschei- 
nen. Bald  sind  da  seine  höllischen  Jagdhunde  und  stolpern  daher  auf 
drei  beinen,  bellen  holil  und  unnatürlich  und  zerstreuen  das  vieh,  wel- 
ches geängstigt  den  menschen  zuläuft"  (Lütolf,  sag.  d.  fünf  orte  28  n.  3.  a.). 
So  erklärt  es  sich  denn  auch,  wenn  der  zug  des  wilden  heeres  noch 
gradezu  als  durch  die  lüfte  brausende  Viehherde  erscheint.  So  hören 
leute  zwischen  Eoding  und  Fronau  im  walde  etwas ,  wie  wenn  eine  lieerde 
vieh,  grosses  und  Meines,  nebst  hundeu  beisammen  wären  und  einen  ent- 
setzlichen lärm  machten.  (Schönwerth,  aus  der  Oberpfalz  2,  153  n.  2), 
Auf  Falster  hören  leute  eines  abends  ein  gewaltiges  brüllen  und  blöken, 
so  dass  sie  glauben,  fremdes  vieh  sei  auf  ihre  weide  gekommen.  Als 
sie  hinauskommen  ist  nichts  da,  aber  sie  hören  immer  noch  das  brüllen 
und  blöken  und  dazwischen  den  ruf:  „ho,  hoi,  herum,  herauf,"  oder 
„lioi,  hallo,  hoi,  hoi,  hoi!"  und  es  war  ihnen  auch  als  vernähmen  sie 
klang  von  viehglocken.  Sie  lassen  sich  noch  weiter  verlocken,  bis  sie 
merken,  dass  der  rossjäger  (hossejaveren=horsejageren)  sie  genarrt  habe. 
Denn  der  rossjäger  hat  in  alten  zelten  in  den  Wäldern  sein  Unwesen 
getrieben,  wo  man  deutlich  Jäihe,  Mlber  und  schafe  und  dazwischen  den 
ruf  hören  konnte:  „Jioi,  hallo!  tvillst  du  mit?  hoi,  hoi,  hoi!'''  Und 
dann  fuhr  es  davon  wie  ein  wind  und  nahm  alles  mit  sich,  sowol  men- 
schen als  thiere.  Wenn  jemand  merkte,  dass  die  jagd  ihm  entgegen- 
kam, muste  er  sich  nieder  auf  die  erde  werfen  u.  s.  w.  Grundtvig, 
gamle  danske  minder  2,  54.  s.  91  f.  Hier  erscheint  also  der  wilde  Jäger 
unzweifelhaft  heerden  von  rindern  und  schafen  vor  sich  her  treibend. 
Beiläufig  ist  es  von  hohem  Interesse  zu  sehen,  wie  die  von  ihm  gespro- 
chenen Worte  „willst  du  mit"  in  einer  westfälischen  sage  widerkehren, 
wo  Herodes  sie  seinem  zurückgebliebenen  huude  zuruft  (westf.  sag.  1,  1. 
vgl.  auch  noch  ebd.  n.  33.  a.  b.  s.  35  jQf.).  —  Auch  Schwaben  kennt 
einen  mit  seiner  heerde  durch  die  luft  ziehenden  schäfer,  den  man  um 
Bartholomäi  (wo  auch  sonst  der  wilde  Jäger  seinen  imizug  wieder  beginnt) 
oft  schon  acht  tage  hinter  einander  in  den  lüften  gesehen  hat.  (Birlin- 
ger,  volksth.  1,  16  n.  17.  Meier,  schwäb.  sag.  n.  106  s.  Ü5).  Zum  (rin- 
derhütenden) riesen  ist  der  wilde  Jäger,  wie  Odhin  mehrfach  sonst  in 
schwedischen  sagen,  geworden.  Im  kirchspiel  Auimskog  liegt  eine  rie- 
senstube,  in  welcher  vor  zelten   ein  riese  wohnte,    der  viel  vieh  hatte, 


104  KUllN 

clas  er  nacJits  auf  die  weide  trieh.  Man  hörte  dann  sowohl  helle  als 
dumpfe  glockeii  (bade  fmarc  och  gröfre)  und  das  bellen  der  hirtenhunde. 
Das  Volk  klagte  zwar  über  den  knappen  heuertrag  im  herbst,  aber  der 
riese  schaffte,  dass  sie  zur  julzeit  für  jedes  eingefahrene  fuder  drei  fuder 
hatten.  (Djbeck,  Kuna  1843.  4,  34  n.  39.)  Der  riese  zeigt  sich  hier 
für  die  in  anspruch  genommene  weide  in  ähnlicher  weise  dankbar  wie 
Herodes  in  der  obigen  hannoverschen  sage  und  schon  dadurch  würde  sich 
die  ansieht,  dass  er  Odhin  sei  stützen  lassen;  noch  viel  schlagender  thut 
dies  aber  der  zug  von  den  hellen  und  dumpfen,  feineren  und  gröberen 
glocken,  der  die  Viehherden  desselben  unzweifelhaft  als  der  wilden  jagd 
gleichstehend  erscheinen  lässt.  Denn  die  deutschen  sagen  berichten  mehr- 
fach von  den  hunden  des  wilden  Jägers,  dass  der  eine  fhi,  der  andre 
grof  belle,  westf.  sag.  2,  6  n.  9.  2,  12  n.  35,  vgl.  Schambach -Müller, 
feiii  und  grob  s.  347.  Schönwerth  2,  149  gro  und  glöna  =  grob  und 
fein,  153  groh  und  Mar,  ebenso  Bechstein,  thür.  sagenb.  2,  91  n.  220; 
hell  und  rauJi,  Bü-linger  1,  15  n.  13;  beim  vorÜberzug  des  Türst  hört 
man  das  bellen  grosser  und  Meiner  hunde,  Lütolf  s.  29.  c,  andre  sagen 
der  eine  hmid  belle  gif,  der  andre //a/",  nordd.  sag.  u.  150,  westf.  sag.  2, 
12  n.  25.  So  berichten  nun  auch  die  Svenska  folkets  seder  (Stockholm 
1824)  s.  56,  dass  man  nachts  zuweilen  zwei  vögel  höre,  von  denen  der 
eine  gröber  (gröfre),  der  andre  feiner  (finare)  schreit.  Diese  werden 
Oens  (Odens)  jagd  genannt ,  denn  es  klingt  wie  von  Jagdhunden,  Diese 
zum  theil  wörtlichen  Übereinstimmungen  machen  es  wol  gewiss ,  dass  die 
rinderheerden  des  riesen  der  wilden  jagd  vollständig  gleich  zu  setzen 
sind,  ebenso  wie  die  vorangehenden  nachweise  wol  nun  keinen  zweifei 
mehr  lassen,  dass  der  wilde  Jäger  nicht  allein  wilde  thiere,  sondern 
zahme  vor  sich  her  treibe  und  an  ihnen  seinen  anteil  habe. 

Nachdem  wir  nun  die  gleichheit  der  schützen  und  der  ihnen  zuste- 
hejiden  gebiete  ihrer  thätigkeit  nachgewiesen  haben,  wenden  wir  uns  zu 
dem  thiere,  auf  welches  der  schuss  gerichtet  wii-d.  Das  Aitareya  erzählt, 
wie  oben  berichtet  wurde,  Prajäpati  habe  sich  in  einen  ri9ya  verwan- 
delt, seine  tochter  in  eine  rohit;  beide  namen  bezeichnen  das  männchen 
und  Weibchen  einer  antilopengattung,  welche  Wilson  dict.  s.  v.  the  white- 
footed  or  painted  antüope  nennt.  Säyana  erklärt  das  wort  in  dem  com- 
mentar  zum  Aitareya  durch  riyyo  mrigavi^eshas  |  tathä  cä  'bhidhänakära 
aha  I  gokarnaprishatainar9yarohitä9  camaro  mrigäh,  woraus  wir  nichts 
weiter  als  die  gattung  des  thieres,  nämlich  mriga,  erfahren;  dagegen 
sagt  er  in  dem  commentar  zu  (^atap.  br.  2 ,  1 ,  2 ,  9 ,  dass  Prajäpati 
die  gestalt  eines  krislinamriga  angenommen ,  womit  vielleicht  der  krishna- 
säro  mi-igah  oder  die  bunte  antilope  gemeint  ist.  Die  weissfüssige  gehört 
nun   zum   geschlechte   der  hirschartigen  thiere  und  die  ihr  nächst  ver- 


DER   SCHUSS   AUF   DEN   SONNENHIRSCH  105 

wante  schwarzfüssige  autilope ,  von  der  icli  allein  eine  abbildung  ausfin- 
dig machen  konnte,  zeigt,  das  gehörn  ausgenommen,  im  körperbau  eine 
so  grosse  ähnliclikeit  mit  imserem  liirsch,  dass  beide  sehr  wohl  als 
ersatzthiere  für  einander  eintreten  konnten.  Ich  muss  jedoch  bemerken, 
dass  ich  durch  vermittelung  meines  verehrten  freundes  Mr.  Stokes  in 
Calcutta  eine  auseinandersetzung  über  verschiedene  mriga's  von  Bäbu 
Eäjendralala  Mitra  erhalten  habe,  welcher  sich  dahin  erklärt,  dass  hier 
nicht  an  die  whitefooted  antilope  gedacht  werden  könne,  sondern  vermu- 
tet, dass  damit  the  blue  bodied  Nügou  gemeint  sei,  welche  Vermu- 
tung noch  dadurch  besondere  stütze  erhält,  dass  bei  diesem  das  männ- 
liche und  weiblicbe  thier  von  verschiedener  Farbe  sind  (The  female  of 
the  Nilgou  is  of  a  red  hroivn  colour  without  auy  shading  of  blue  over 
it,  which  is  the  peciüiar  characteristic  of  the  male)  und  daher  sich  die 
benennung  der  thiere  mit  verschiedenen  namen  und  des  weiblichen  mit 
dem  der  „rothen"  in  der  Aitareyastelle  erkläre.  Ob  nun  aber  der  hirsch 
oder  die  antilope  oder  der  nilgou  grösseres  anrecht  auf  ursprünglichkeit 
in  dem  mythos  habe ,  kann  hier  nicht  weiter  untersucht  werden ;  die 
entscheidung  wird  wesentlich  von  der  bestimmung  des  landes  abhangen, 
wo  sich  der  mythos  zuerst  bei  den  Indogermanen  bildete.  Wichtig  ist 
aber  noch  der  name  des  thieres;  ri9ya  m.  wäre  mit  dem  gewöhnlichen 
Übergang  von  r  in  al  gothisches  alheis  m.  (bei  Caes.  alces ,  Paus.  ah/.ai\ 
da  aber  im  Ath.  4,  4,  5  auch  ein  adj.  är^a,  mit  der  bedeutung, 
„dem  antüopenbock  gehörig,"  vorkommt,  welches  auf  ein  dem  i'i9ya 
gleichbedeutendes  ri9a  zurückführt,  so  stimt  dies  genau  zu  dem  mit 
epenthetischem  a  gebildeten  und  in  die  schwache  deklination  übergetre- 
tenen ahd.  elaho,  mhd.  eich  stm. ,  elhe  swm.,  altn.  elgr  m.  mit  media 
statt  Spirans  (Björn  hat  auch  ein  fem.  ilgja)  und  ags.  eolli.  Das  wort 
mit  ahd.  rech  (altn.  rä,  ags.  räh)  zusammenzustellen,  wie  Weber,  zeit- 
schr.  f.  vgl.  spr.  6,  320  gethan,  hindert  der  lauge  vokal.  Uebrigens 
braucht  schliesslich  wol  kaum  bemerkt  zu  werden,  dass  durch  die  glei- 
chung  von  ri9a,  ri9ya  und  eich  Sicherheit  in  betreff  des  gemeinten  thie- 
res nicht  erlangt  wird,  da  solche  namen  von  jedem  der  indogermanischen" 
Völker  vielfach  auf  die  ihnen  später  bekannt  gewordenen  ähnlichen  thiere 
übertragen  wurden. 

Der  vom  Rudra  getroffenen  ri9ya  ist  nun  aber  der  gott  Prajäpati; 
wir  müssen  daher  diesen  zunächst  etwas  näher  ins  äuge  fassen.  Prajä- 
pati bedeutet  herr  der  geschöpfe  und  tritt  erst  in  den  Überlieferungen 
der  brähmanas  bedeutende!-  hervor,  während  er  in  den  liedern  des  Rigveda 
kaum  schon  als  selbständiges  wesen,  sondern  als  ein  bciwort  des  zeu- 
genden ,  schöpferischen  Sonnengottes  Savitar  (d.  i.  der  zeugende ,  treibende) 
erscheint,   der  wie  Freyr  als  ein  friedlicher  und  segensreicher  gott  auf- 


106  KUHN 

tritt.  Diese  eiitwicklung  des  Prajäpati  aiis  dem  älteren  Savitar  tritt 
nocli  melirfach  klar  hervor;  so  heisst  es  in  einer  stelle  des  C^'atapatha- 
brahmana  (bei  Weber  omina  und  port.  s.  392)  12,  8,  5,  1:  „dem  Savi- 
tar opferten  die  früheren  dieses  thier,  jetzt  opfert  mau  es  dem  Prajä- 
pati, denn  Prajäpati  ist  ja  Savitar."  Im  Taittiriya-brähmana  1.  6.  4.  1 
lieisst  es :  „  Prajäpati  wurde  Savitar  und  schuf  geschöpfe. "  Da  ist  also 
das  Verhältnis  zwar  umgekehrt,  aber  die  natur  des  schöpferischen  Savi- 
tar gewahrt;  übrigens  wird  er  im  selben  brähmana  dann  auch  noch  zum 
Varuna,  wie  ja  die  eutwicklung  der  götter  in  diesen  Schriften  dahin 
geht,  die  alten  götter  in  den  einen  Prajäpati,  den  späteren  Brahma  auf- 
gehen zu  lassen.  Die  stellen  in  den  liedern  des  Rigveda ,  in  denen  Pra- 
jäpati unzweifelhaft  gleich  Savitar  ist,  sind  wenig  zahlreicli,  ausdrück- 
lich wird  aber  Savitar  so  genannt  Rv.  4,  53,  2  „des  himmels  stützer, 
Schöpfer  der  weit "  (divo  dhartä  bhuvanasya  prajäpatih) ,  an  ein  paar  stel- 
len wird  Tvashtar,  d.  i.  der  bildner,  was  eigentlich  dasselbe  ist,  auch 
Savitar  genannt;  Rv.  3,  55.  19.  „Der  göttliche  bildner,  der  zeugende, 
allgestaltige  nährte  die  geschöpfe  und  zeugte  sie  mannichfach;  diese 
wesen  alle  sind  sein"  (devas  tvashtä  savitä  vi9varüpah  puposha  prajäh 
purudliä  jajäua  |  imä  ca  vi9vä  bhuvanäny  asya).  Rv.  10,  10,  5  kehren 
dieselben  vier  worte  vereinigt  wider.  Eine  aus  den  veden  geschöpfte 
Charakteristik  des  gottes  mit  reichem  Stellennachweis  findet  sich  in  den 
Contributions  to  a  knowledge  of  the  vedic  theogony  and  mythology  by 
J.  Muir  p.  66  ö".  (abdruck  aus  den  abhandlungen  der  Royal  Asiatic 
Society  of  Great  Britain  and  Ireland  1865). 

Wenn  nun  aber  der  schuss  nach  der  indischen  erzählung  einen  gott 
trifft,  und  die  deutsche  ihr  gleich  stehen  soll,  so  muss  dasselbe  auch  in 
dieser  der  fall  sein  und  das  macht  schon  der  umstand,  dass  der  hirsch 
mit  dem  kruzifix,  die  hostie,  der  bildstock,  der  liebe  gott  abwechselnd 
als  gegenständ  des  Schusses  genannt  werden,  fast  gewiss,  und  die  aus- 
drückliche nennung  der  sonne  daneben  lässt  kein  bedenken  darüber ,  dass 
der  schuss  dem  zum  hirsch  gewandelten  Freyr,  unserem  Pro,  gegolten 
habe.  Simrock  hat  bekanntlich  zuerst  (Bertha,  die  Spinnerin,  s.  77  tf.), 
dann  in  seiner  mythologie,  s.  353  fif.,  sowie  Wolf  (beitr.  1,  105  f.) 
die  Vorstellung  der  sonne  als  eines  hirsclies  mit  Sicherheit  nachgewiesen, 
sowie  dass  derselbe  dem  Freyr  heilig  gewesen  sei,  weiteres  material 
haben  dann  Pröhle  in  seinen  unterharz.  sag.  s.  187  f.,  Zingerle,  Oswald- 
leg. 93  ff.  und  Rochholz,  aarg.  sag.  2,  189  ff.  beigebracht;  noch  die 
spätere  volkssage  in  Dänemark  kennt  den  hirsch  des  königs  Frode,  der 
an  Freys  stelle  getreten;  er  trug  eine  kostbare  goldkette  um  den  hals, 
auf  welcher  die  worte  standen:  „schütze  mich,  köuig  Frode  schützte 
mich"  und  wurde  angeblich  erst  unter  der  regierung  Christian  des  vier- 


DEK  SCHÜSS  AUF  DEN  SONNENHIRSCH  107 

teil  (!)  gefangen  (Thiele,  D.  f.^  i,  16);  vgl.  eine  ganz  entsprechende 
deutsche  sage  von  einem  hirsch  mit  goldnem  halsband,  den  kaiser  Karl 
gefangen.  Grimm,  D.  S.  440.  Thiele  fügt  auch  noch  in  der  anmerkung 
hinzu,  dass  Holck  in  der  Beskrivelse  af  kunstkammeret  27  hinzAifüge, 
Karl  VI.  von  Frankreich  solle  einmal  einen  hirsch  gefangen  haben  mit 
einer  kette  um  den  hals ,  worauf  gestanden  habe :  hac  Caesar  me  dona- 
vit.  Zacher  (goth.  alph.  88)  hat  nun  ferner  gezeigt,  dass  der  name  der 
in  den  Niederlanden  Sint  Jans  euel  genannten  epilepsie  auf  Fro  und  den 
ihm  geheiligten  eich  zurückzuführen  sei.  Über  den  namen  des  Fro  sagt 
nun  Grimm  (myth.  102)  mit  recht:  „noch  im  mittelalter  scheint  in  den 
Zusammensetzungen  mit  vron  etwas  schauerliches,  altheiliges  zu  liegen; 
ich  erkläre  mir  daraus  die  Seltenheit  und  das  baldige  verschwinden  des 
ahd.  fro,  selbst  die  grammatische  Starrheit  des  frono;  es  ist  als  habe 
man  darin  noch  heidnischen  nachhall  gewittert."  Wenn  nun  aber  die 
kirche  mehrfach ,  wo  sie  heidnisches  nicht  ganz  zu  bannen  im  stände  war, 
so  verfuhr,  dass  sie  es  auf  den  christlichen  gott  oder  auf  die  heiligen 
fibertrug,  auf  wen  konnte  der  name  des  allerfreuenden  Fro  besser  über- 
tragen Averden  als  auf  die  sonne  des  neuen  glaubens  Christus,  von  dem 
z.  b.  in  der  spräche  des  nordens  ausdrücke  gebraucht  werden ,  wie  dög- 
lingr  solar  fröns,  der  könig  des  sonnenlandes ,  oder  miskunnar,  rettlsetis 
söl ,  die  sonne  des  mitleids ,  der  gerechtigkeit  (Egilsson  s.  v.  söl) ,  oder 
von  dem  es  im  Heliand  heisst  3125:  „wuröun  imo  is  wangun  liohte, 
blikaudi  so  thiu  berhta  sunna,"  ,, seine  wangen  wurden  leuchtend,  glän- 
zend wie  die  strahlende  sonne,"  während  die  sonne  andrerseits  wider 
dem  höchsten  gotte  verglichen  wird:  „die  sonne  sah  ich,  sie  war  so 
schön,  als  sah  ich  gott  den  schöpfer  selbst"  (Solaii.  41,  Simr.:  der  text 
hat  göfgan  guö,  deum  Optimum,  maximura),  Christus  wird  daher  auch 
im  althochdeutschen  vorzugsweise  mit  dem  worte  fro  bezeichnet  und  in 
bezug  auf  ihn  ist  uns  das  wort  allein  in  frohnleichnamsfest  selbst  heut- 
zutage noch  erhalten.  In  unserer  sage  muste  sich  daher  der  hirsch  des 
Fro  auf  christlichem  gebiete  wie  von  selbst  zu  einem  fronhiru^  mit  dem 
bilde  des  gekreuzigten  gestalten  und  dadurch  der  sage  einen  auf  den 
ersten  blick  von  dem  ursprünglichen  mythos  so  weit  verschiedenen  Cha- 
rakter aufprägen,  die  von  dem  schaffenden  gotte  ganz  absali  und  nur 
den  verfolgten  leidenden  ins  äuge  fasste.  Diese  anscheinende  Verschie- 
denheit trifft  aber  die  gleichstehenden  gottheiten  Prajäpati  und  Freyr 
nicht,  denn  an  beiden  tritt  auch  die  schöpferische  kraft  ganz  besonders 
hervor,  und  wenn  zahlreiche  stellen  der  brähmanas  die  ganze  scliöpfung 
auf  die  verschiedenen  Zeugungen  des  Prajäpati  zurückführen,  so  passt 
das  recht  eigentlicli  zu  der  Überlieferung  Adams  von  Bremen  (Grimm, 
myth.  193),    der  da  sagt:   tertius  est  Fricco  pacem  voluptatemque  lar- 


108  KÜHN 

gieiis  mortalibus ,  cujus  etiam  simulacrum  fingunt  ingenti  priapo;  si  nup- 
tiae  celcbrandae  sunt,  sacriJicia  offenmt  Fiiccoiii.  Diese  eigenscliaft  des 
gottes  liat  aber  in  der  Wirksamkeit  des  tagesgestirns  ihren  grund  und  wie 
zalilreiche  stellen  der  Veden  berichten,  dass  die  sonne  die  feuchtigkeit 
der  erde  mit  ihren  strahlen  anziehe,  um  sie  dann  als  regen  Avieder  auf 
die  erde  herabströmen  zu  lassen  (sie  heisst  davon  noch  den  späteren  dich- 
tem ganz  gewöhnlich  an9upa,  ra^mipa,  die  durch  strahlen  trinkende), 
so  sagt  Suorri  24  von  Freyr:  „er  ist  der  trefflichste  unter  den  Äsen. 
Er  herrscht  über  regen  und  Sonnenschein  und  über  das  Wachstum  der 
erde ,  und  ihn  soll  man  anrufen  um  fruchtbarkeit  und  frieden ;  er  regiert 
auch  über  den  Wohlstand  der  menschen."  Wir  sehen  aus  allen  diesen 
Zügen ,  dass  die  beiden  götter  unserer  sage  in  ihren  grundzügen  überein- 
stimmen. 

Fragt  man  aber,  wie  grade  der  hii-sch  dazu  komme,  der  sonne 
verglichen  zu  werden,  so  ist  es  wol  zunächst  das  zackige  geweih,  wel- 
ches dazu  geführt  hat,  denn  hörner  und  strahlen  fallen  dem  vedi- 
schen  sanskrit  noch  vielfältig  ganz  zusammen;  dass  sie  aber  wesentliches 
attribut  der  sonnenthiere  gewesen  seien  (beim  eher  treten  zahne  und 
borsten  dafür  ein) ,  geht  daraus  hervor ,  dass  dem  sonnenross  ebenfalls 
ganz  gegen  seine  natürliche  gestalt  goldene  hörner  beigelegt  werden, 
Rv.  1,  163,  9:  goldhörnig  ist  es,  erz  sind  seine  füsse,  Indra  schnell  wie 
der  gedanke  stand  ihm  nach  (hiranj^ayringo  ayo  asya  pädä  manojavä 
avara  indra  äsit).  Genau  so  werden  der  sogenannten  kerynitischen  binde, 
wir  werden  besser  sagen  dem  kerynitischen  hirsch,  eherne  laufe  und 
gol (Ines  (/eiveih  gegeben  (vgl.  Preller,  gr.  myth.  2,  197).  Ebenso  wird  von 
deiiÄditijas  im  Ait.  Brähm.  4,  17  erzählt,  dass  sie  als  rinder  ein  gros- 
ses Opfer  vollziehen,  um  hörner  und  klauen  zu  erhalten.  —  Ein  zwei- 
tes moment  ist  dann  die  Schnelligkeit  des  hii'sches,  welche  deshalb  aus- 
drücklich auch  dem  sonnenross  beigelegt  wird  (ßv.  1,  163,  1),  indem 
gesagt  wii'd,  dass  es  die  flügel  des  falken  und  die  Schenkel  des  hirsches 
habe  (^yenasya  pakshä  harinasya  bähü). 

Es  bleibt  aber  noch  ein  wesentlicher  unterschied  der  beiden  mythen 
zu  erwägen;  während  nämlich  in  der  indischen  sage  der  gott  in  Verbin- 
dung mit  einem  weiblichen,  wir  wollen  kurzweg  sagen,  zur  hindin  ver- 
wandelten wesen  in  Verbindung  auftritt,  weiss  die  deutsche  anscheinend 
nichts  von  einem  solchen,  doch  sind  noch  spuren  nachweisbar,  dass  auch 
sie  dem  deutscheu  glauben  nicht  unbekannt  war.  Phillips  hat  in  seiner 
Schrift  über  den  Ursprung  der  katzenmusikcn  (Freiburg  i.  Br.  1848.  8) 
dem  altheidnischen  gebrauche  des  cervulum  seu  vitulam  facere  s.  38  ff. 
(vgl.  die  von  Simrock,  Bertha  die  Spinnerin  s.  81.  aus  Wasserschieben, 
die  bussordnungeu  der  abendländischen  kirche   angeführten   stellen)  eine 


DER   SCHUSS  AUF  DEN  SONWENHIßSCH  109 

eigne  Untersuchung  gewidmet,  welche  ergibt,  dass  es  bei  Franken  und 
Angelsachsen  sitte  war,  sich  als  hirsch  oder  färse,  oder  altes  weib 
(vitula,  andre  la.  vetula,  vecula,  vegula,  vehiculo)  zu  vermummen;  die 
stelle  aus  den  pönitentialbüchern  des  Theodor  von  Canterbury  c.  27  §.19 
(Ancient  laws  and  Institutes  of  England  p.  293)  lautet:  Si  quis  in  calen- 
das  Januarii  in  cervulo  aut  vetula  vadit,  id  est,  in  ferarum  habitus  se 
communicant  (leg.  commutant)  et  vestiuntur  pellibus  pecudum  et  assu- 
munt  capita  bestiarum;  qui  vero  taliter  in  ferinas  species  se  transfor- 
mant,  III  annos  poeniteant,  quia  hoc  daeraoniacum  est.  Dazu  vergleiche 
man  den  ausspruch  des  heil.  Eligius  (Phillips  s.  28.  n.  1) :  NuUus  in 
calendis  Januariis  nefanda  aut  ridiculosa,  vitulos  aut  cervulos  aut  jotti- 
cos  (al.  ultericticos)  faciat.  Am  ausführlichsten  wird  von  diesen  vermura- 
mungen  in  drei  dem  heil.  Augustinus  zugeschriebenen  predigten  gehan- 
delt, die,  obwol  untergeschoben,  doch  der  ersten  zeit  des  Christentums 
unter  den  Franken,  dem  sechsten  oder  siebenten  Jahrhundert  angehören 
und  durch  ihren  eifer  zeigen,  wie  tief  die  sitte  unter  dem  volke  wurzeln 
muste.  Da  heisst  es,  S.  Augustini  opp.  ed.  Bened.  T.  V.  App.  p.  164: 
„Hinc  itaque  est  quod  istis  diebus  Pagani  homines  perverse  omnium  rerum 
ordine  obscoenis  deformitatibus  teguutur,  ut  tales  utique  se  faciant  qui 
colunt,  qualis  iste  qui  colitur.  In  istis  enim  diebus  miseri  homines,  et 
quod  peius  est,  aliqui  baptizati,  sumunt  formas  adulteras,  species  mon- 
struosas ,  in  quibus  quidem  sunt  quae  primum  pudenda ,  aut  potius  doleuda 
sunt.  Quis  enim  sapiens  poterit  credere,  inveniri  aliquos  sanae  mentis, 
qui  cervulimi  facientes,  in  ferarum  se  velint  habitum  commutare.  Alii 
vestiuntur  pellibus  pecudum,  alii  assumunt  capita  bestiarum,  gaudentes 
et  exultantes,  si  taliter  se  in  ferinas  species  transformaverint,  ut  homi- 
nes non  esse  videantur. "  An  einer  andern  stelle  sagt  er,  „ib.  p.  165: 
„  Sic  enim  fit  ut  stultae  laetitiae  causa ,  dum  observantur  kalendarum  dies 
aut  aliarum  superstitionum  vanitas,  per  licentiam  ebrietatis  et  ludorum 
turpem  cantum,  velut  ad  sacrificia  sua  daemones  invitentur."  und  fer- 
ner, ib.  p.  165:  „Quid  tam  demens  quam  incompositis  motibus  aut 
impudicis  carminibus^)  vitiorum  laudes  inverecunda  delectatione  cantare? 
indui  ferino  habitu  et  caprae  aut  cervo  similem  fieri  cet.  ?"  Sodann 
a.  a.  0.  p.  166:  „Quicunque  ergo  in  kalendis  Januariis  quibuscunque 
miseris  hominibus  sacrilego  ritu  insanientibus  potius  quam  ludentibus 
aliquam  humanitatem  dederint ,  non  hominibus  sed  daemonibus  se  dedisse 
cognoscant.    Et  ideo  si  in  peccatis  eorum  participes  esse  nou  vultis,  cer- 


1)  Vielleicht  sind    die    worte   hires    rüneta  hmtün    in   daz  öra   ,  toiläu  noh, 

hintä? '  das  bruclistück  eines  solchen  gcsanges.  Müllcnhoff  (MüllonhofF  u.  Schcrer 

denkm.  VI.)  hält  sie  für  ein  fragment  eines  heispiels ,  Wackernagel  für  ein  Sprichwort. 


110  KÜHN 

vulum  sive  juvencara  (var.  lectt.  sive  anulas  —  sive  aniculara  —  sive  agni- 
culain),  aiit  alia  quaelibet  portenta,  ante  domos  vestras  venire  non  per- 
mittatis."  Endlich  werden  in  der  dritten  predigt  die  Christen  aufgefor- 
dert, diejenigen  der  ihrigen  zu  züchtigen,  von  welchen  sie  wahrnehmen, 
dass  sie  „illam  sordidissimam  turpitudinem  de  hinnicula  (var.  lect.  ani- 
cula)  vel  cervula  exercere"  (ib.  p.  30ü). 

Aus  diesen  nachrichten  geht  mit  Sicherheit  hervor ,  dass  um  die 
zeit  der  zwölften  (ad  oder  in  calendas  Januarias)  vermummungen  in 
einen  hirsch ,  oder  in  hirsch  und  hindin ,  oder  eine  färse ,  oder  eine  alte 
statt  fanden,  bei  welchen  man  gaben  sammelnd  von  haus  zu  haus  zog 
und  die  durch  die  dabei  vorkommenden  unzüchtigen  darstelluugen ,  welche 
von  gleich  unzüchtigen  liedern  begleitet  waren ,  den  höchsten  zorn  der 
geistlichkeit  zu  erregen  im  stände  waren.  Es  scheint  vor  allem  aus  der 
obigen  mitteilung  am  schluss  hervorzugehen,  dass  hier  eine  begattung 
von  hirsch  und  hindin  dargestellt  und  durch  gesungene  lieder  weiter  in 
ihrem  lieidnischen  Charakter  erläutert  wurde.  Eines  Schusses  und  eines 
schützen  wird  freilich  nirgends  erwähnung  gethan ,  nm-  die  darstellung 
der  jottici  (wenn  die  lesart  richtig  ist) ,  nach  dem  oben  angeführten  aus- 
spruche  des  heil.  Eligius,  Hesse  etwa  auf  den  als  riesen  dargestellten 
Wuotan  (vgl.  oben  s.  103)  schliessen.  Vergleicht  man  aber  dazu  die  von 
mir  in  Haupts  zeitschr.  V,  474  über  einige  englische  gebrauche  in  den 
zwölften  (vgl.  jetzt  auch  Brand -Ellis  populär  antiquities  of  Great  Bri- 
tain  and  Ireland  p.  474.  492)  beigebrachten  nachrichten,  wo  Wodan  als 
reiter  mit  pfeil  und  bogen  in  den  bänden  dargestellt  wird  und  sechs 
andre  personen,  mit  rennthierhäuptern  auf  den  schultern ,  einen  tanz  auf- 
führen, so  gewinnt  die  Vermutung  dadurch  noch  weiteren  halt.  Dabei 
Avill  ich  aber  nicht  unterlassen  zu  bemerken,  dass  jene  hirschlarven  nur 
für  das  Frankenreich  und  England  bezeugt  sind  und  über  dieselben  im 
eigentlichen  Deutschland  die  nachrichten  fehlen,  weshalb  es  Weinhold 
(weihnachtsspiele  s.  28.  n.  3)  sehr  kühn  nennt,  wenn  Wolf  aus  diesen 
hirschlarven  Schlüsse  auf  denFrodienst  mache  (beitr.  1,  105);  doch  dass 
sie  auch  hier  vorhanden  waren,  ist  einigermassen  durch  die  in  den  zwölf- 
ten in  hirschgestalt  gebackenen  kuchen  iu  Steiermark  (Weinhold  a.  a.  o. 
s.  26),  in  der  Schweiz  am  Bertholdstage  (Kunge,  Bertholdstag  s.  15) 
wahrscheinlich;  wenn  ferner  fastnachts-  und  zwölftengebräuche  sich  oft 
nahe  berühren,  so  wird  für  jene  wenigstens  durch  Geilers  worte:  „habent 
larvae  procul  dubio  originem  ex  gentiHtate:  „sicut  et  der  hirts  et  das 
wild  wyb  von  Geispitzen  (GeisboltshQim) ,"  sowie  durch  die  anführuug 
Runge's  aus  den  missionsreden  des  heil.  Pirminius  (gest.  754):  „laufet 
nicht  herum  als  hirsche  oder  alte  weiber,  weder  in  den  fasten  noch  in 
andern  zeiten"  die  hirschmaske  im  alemannischen  gebiete  gesichert  und 


DER   SCHÜSS   AUF   DEN   SONNENHIRSCH  111 

aus  den  obigen  anzeiclien  auch  für   diese  walirscheinlich  (vgl.  Rocliliolz, 
aarg.  sag.  2,  196).^) 

Ehe  ich  eine  erklämng  des  so  bei  Indern  und  Germanen  bis  auf 
den  zuletzt  besprochenen  zug  fast  übereinstimmenden  mythos  gebe,  bedarf 
noch  die  indische  fortsetzung  desselben,  wonach  die  beim  schusse  betei- 
ligten in  Sternbilder  verwandelt  werden,  einer  näheren  besprechung.  Ich 
habe  in  der  obigen  stelle  des  Aitareya  die  wörtliche  Übersetzung  mitge- 
teilt, aber  zum  bessern  Verständnis  schon  die  notwendigsten  erklärun- 
gen  dem  text  in  klammern  beigesetzt.  Hang  hatte  in  seiner  im  jähre 
1863  in  Bombay  erschienenen  Übersetzung  das  gleiche  verfahren  befolgt 
und,  wie  es  schien,  auf  den  commentar  gestützt  einige  astronomische 
andeutungeu  zugefügt.  Da  die  erklärungen  des  Säyana  hier  olfenbar  von 
Wichtigkeit  waren,  wante  ich  mich  an  meinen  verehrten  freund  Stokes  in 
Calcutta,  durch  dessen  gefällige  Vermittlung  ich  von  dem  bereits  oben 
s.  105  genannten  gelehrten  herausgeber  mehrerer  vedischen  Schriften  Bäbu 
Räjendralala  Mitra  eine  abschrift  des  commentars  des  betreffenden  capi- 
tels  des  Aitareya  erhielt,  wofür  ich  beiden  männern  hier  meinen  wärm- 
sten dank  zu  sagen  mich  verpflichtet  fühle.  Den  commentar  des  ganzen 
abschnitts  mitzuteilen  ist  hier  nicht  der  ort,  ich  gebe  daher  nur  die 
betreffenden  stellen  des  textes,  denen  ich  die  Übersetzung  beifüge:  „ri^ya- 
mrigarüpah  sa  prajäpatir  viddhali  sann  ürdhvamukha  utpräpatat  (cod.  udapr») 
prakarshena  utpatanam  akarot  |  tam  etam  utpatitam  ri^yamrigarüpam  pra- 
jäpatim  äkä9e  drishtvä  sarve  eva  te  janäh  mriga  ity  äcakshate  |  rohin- 
yärdrayor  nakshatrayor  madhye  'vasthitam  mriga^irshanakshatram  katha- 
yanti  nakshatrarüpena  nishpanna  ity  arthah  |  ya  u  eva  yas  tu  rudra 
mrigavyädho  mrigaghäti  sa  rudra  äkä9e  dri^yamänah ,  sa  u  eva  lokapra- 
siddho  mi'igavyädha  äsit ;  yä  duhitä  rohitä  rohidraktavarnä  mrigi  se  'yam 
äkä9e  rohininakshatram  abhüt;  yä  eva  yä  tu  rudrena  preritä  ishus  tri- 
kändä  anika^alyatejanam  ity  avayavatrayopetä  sä  eva  sai'  va  lokaprasid- 
dhä  kändatrayopeta  ishur  väno'  bhavat."  „Prajäpati,  als  er  in  der  gestalt 
eines  ri^yathieres  verwundet  war,  sprang  auf,  machte  einen  hohen  sprung; 
den  so  in  die  höhe  gesprungenen  Prajäpati  in  der  gestalt  eines  ri9ya- 
thieres  am  himmel  sehend  nennen  alle  leute  „das  wild"  (miiga).  Das 
in  der  mitte  zwischen  den  gestirnen  Rohini  und  Ardrä  stehende  gestirn 
Mriga^irsha  (antilopenkopf)  sehen  sie  dafür  an,  d.  h.  es  (das  wild)  ist 
ein  gestirn  geworden.     Der  Rudra  nun  aber,   welcher  der  wildjäger,  der 

1)  Ich  darf  nicht  unterlassen  zu  bemerken,  dass  Zacher  die  liier  besprochenen 
gebrauche  auf  einen  der  legende  von  der  heil.  Genovefa  zu  gründe  liegenden  mythos 
bezogen ;  die  ausdrücklich  hervorgehobene  turpitudo  sordidissinia ,  die  mit  der  cervula 
getrieben  wird,  sowie  die  unzüchtigen  lieder  Hessen  mich  die  beziehung  auf  unsern 
mythos  vorziehen.     Immerhin  können  aber  beide  in  naher  berührung  stehen. 


112  KUHN 

wildvernichter,  der,  Kudra  am  himmel  gesehen,  war  der  bei  den  leuten 
bekannte  wildjäger;  welclies  die  tochter,  die  rotlie,  die  rothfarbige  anti- 
lope  war,  diese  wurde  am  himmel  das  gestirn  Rohini,  was  aber  der  vom 
Rudra  abgeschossene  dreiteilige  pfeil  war,  der  aus  den  drei  theilen 
auika,  ^alya  und  tejana  bestand,^)  das  wurde  der  den  leuten  bekannte 
aus  drei  theilen  bestehende  pfeil." 

Der  Süryasiddhänta  nun,  dessen  Übersetzung  von  Burgess  im  Jour- 
nal of  the  American  oriental  society  VI.  141  ff.  Whitney  mit  treiflichen 
und  ausführlichen  erklärungen  versehen  hat,  gibt  uns  weitere  nachrich- 
ten  über  diese  Sternbilder.  Whitney  bestirnt  dieselben  a.  a.  o.  p.  329 
dahin,  dass  Rohini  gleich  dem  gestirn  der  Hyaden,  mriga  oder  mriga- 
9irsha  oder  mriga^iras  die  von  den  sternen  X,  ^^  (/'^  gebildete  gruppe 
im  köpfe  des  Orion  und  mrigavyädha,  welcher  auch  schlechthin  lubdhaka, 
der  Jäger,  heisst,  der  Sirius  sei.  Der  dreitheilige  pfeil  findet  sich  im 
Süryasiddhänta  nicht;  ein  blick  auf  die  Stellung  des  Sirius  =  mrigavyä- 
dha 7Ami  mriga^irsha  und  der  rohini  macht  es  sehr  Avahrscheinlich ,  dass 
die  drei  sterne  im  gürtel  des  Orion,  möglicherweise  aber  auch  die  drei 
dunkelen ,  die  das  schwert  bilden ,  damit  gemeint  waren ;  ersteres  nehmen, 
auch  die  herausgeber  des  petersburger  Wörterbuchs  s.  v.  ishu  an.  Auch 
germanische  bezeichnungen  des  Oriongürtels  haben  die  dem  pfeilschaft 
verwante  Vorstellung  eines  stabes,  vgl.  Grimm,  myth.  689.  Die  gestirue 
Rohini  und  Mriga^irsha  gehören  ausserdem  zu  den  nakshatras  oder  Sta- 
tionen der  mondbahn,  die  Weber  in  zwei  umfassenden  abhandlungen 
behandelt  hat,  aus  denen  ich  noch  die  namen  „herz  des  Prajäpati"  (pra- 
jäpater  hridayam)  für  die  Rohmi  und  „die  drängenden,  treibenden" 
(invakäs)  sowie  „die  blinde"  (andhakä)  für  mriga9irsha  entnehme.  (Weber, 
nakshatras  2,  370).  Dass  die  namen  dieser  Sternbilder  nebst  der  sich 
daran  knüpfenden  sage  auch  noch  der  epischen  zeit  geläufig  gewesen 
seien,  geht  aus  einer  stelle  des  Mahäbhärata  (3,  16020),  die  Weber 
anfükrt,  hervor.  Rävana  will  die  Sita  entführen  und  lässt  darum  den 
Marica  sich  in  eine  antilope  verwandeln  (ratnayringo  mrigo  bhütvä  rat- 
nacitratanüruha :  wenn  du  eine  antilope  mit  edelsteingeweih  und  edel- 
steinbuntem feil  geworden),  und  so  das  verlangen  der  Sita  nach  ihrem 
besitz  erwecken,  die  darauf  den  Räma  zur  jagd  auf  das  thier  antreibt; 
er  nimmt  bogen  und  köcher  und  verfolgt  es  „wie  Rudra  die  sternanti- 
lope"   (anvadhävan  mrigam  rämo  rudras  tärämrigam  yathä).    Noch  eine 

1)  spitze,  Schaft  und  schärfe,  Haug  übersetzt  shaft,  steel  aud  point,  vgl.  Ait. 
br.  1 ,  15 ,  wo  ausser  denselben  bestandteilen  noch  die  parnäni ,  das  gefieder ,  genannt 
werden,  die  drei  theile  sind  daher  hier  wol  spitze,  schaft,  gefieder,  wie  auch  Säyana 
zu  der  oben  s.  96  aus  dem  ^atap.  brähm.  angeführten  stelle  erklärt  (patradäru9al- 
parüpävayatrayopetene'  shunä). 


DER    SCHÜSS   AUF   DEN    SONNENHIIISCH  113 

andere  erinnerung  an  den  mythos  hat  sich  in  der  epischen  sage  erhal- 
ten, wo  erzählt  wird,  dass  Pändu  einst  einen  rishi,  der  sich  in  der 
gestalt  eines  mriga  mit  einer  mrigi  begattete ,  erschoss ,  worauf  der  rishi 
über  ihn  den  fluch  aussprach ,  dass  ihn  der  tod  in  gleicher  weise  ereilen 
solle.  P^ndu  enthält  sich  deshalb  des  Umgangs  mit  seiner  gemahlin, 
da  er  aber  um  zum  himmel  zu  gelangen  männlicher  nachkommen  bedarf, 
so  heisst  er  sie  mit  den  göttern  Dharma ,  Väyu  und  Indra  Umgang  pfle- 
gen, und  sie  bringt  ihm  so  die  söhne  Judislithira ,  Bhimasena  und  Arjuna 
(Vgl.  die  nachweise  im  Petersburger  wb.  s.  v.  Kunti,  namentlich 
Mahäbh.  1 ,  4562  ff.) 

Wenn  wir  nun  diese  Sternbilder  au  einer  stelle  des  himmels  linden, 
wo  auch  die  Griechen  eine  jagd  sahen,  so  wird  man  das  doch  nicht  dem 
blossen  zufall  zuschreiben  können.  An  der  stelle  des  antilopenkopfes  der 
indischen  Überlieferung  finden  wir  nämlich  den  köpf  des  Orion,  des 
bekannten  Jägers ,  der  selbst  in  der  unterweit  noch  dem  waidwerk  nach- 
hängt; seine  jagd  galt,  nach  den  verschiedenen  Überlieferungen,  bald 
dem  grossen  baren ,  bald  den  plejaden ,  bald  dem  löwen  oder  dem  hasen ; 
der  allgemeine  ausdruck  für  die  ganze  stelle  des  himmels  war  „  die  jagd." 
(Eratosthenes  Cataster.  .34.  AayLoög,  •  oirvöi^  laxiv  b  Iv  xri  'Aalov/tievt] 
xvvrjyla  eiged-elg.  vgl.  Voss  Arati  phaen.  .326  —  31)  und  dem  Jäger  waren 
noch  zwei  hunde  (man  denke  an  die  zwei  hunde  als  gewöhnliche  beglei- 
ter  des  wilden  Jägers  und  an  die  hunde  des  Rudra,  oben  s.  100),  der 
y.vcov  und  der  yrgoxkov  beigegeben.  In  der  indischen  Überlieferung  ist 
das  bild  etwas  anders  gewendet,  denn  an  der  stelle  des  hundes  (Sirius, 
canis  major)  steht  der  jäger,  während  der  antilopenbock  den  oberen  tlieil 
des  Orion ,  die  rohini  dagegen  die  rechts  daran  angränzende  gruppe  der 
Hyaden  bildet,  während  die  gruppe  zur  linken  des  Orion  den  an  die 
Hyaden  erinnernden  namen  ärdrä ,  die  feuchte ,  führt.  Dies  sternbild  ärdrä 
führt  auch  den  namen  bähu  arm,  oder  bähü ,  die  beiden  arme,  was 
Whitney  a.  a.  o.  auf  die  beiden  vorderfüsse  des  antilopenbocks  beziehen 
will,  was  nach  dem  Sprachgebrauch  allerdings  ebenfalls  möglich  ist; 
doch  wäre  dann  der  köpf  kaum  im  annähernd  richtigen  verliältnis  gedacht. 
Indess  mag  das  dahingestellt  bleiben;  bemerkenswerth  ist  aber  noch, 
dass  die  nebengestirne  der  ärdrä  oder  bähü  den  namen  „die  jäger"  (mri- 
gayavas)  und  „  der  treftschuss "  (vikshäras,  nach  Säyana  vi^ishto  lakshya- 
vedhas,  eine  ausgezeichnete  durchbohrung  des  ziels)  führen  (Weber ,  uaksh. 
2,  387).  Bei  dem  namen  „die  blinde"  (andhakä  -=  mriga9irsha)  wird 
man  lebhaft  an  die  Wendung  des  Orion  erinnert,  da  diese  sterne  den 
köpf  desselben  bilden ,  sowie  daran ,  dass  Odhin  in  dänischen  und  schwe- 
dischen sagen  als  ein  blinder  riese  auf  einer  einsamen  insel  oder  in  einer 
felsenhöle    verzaubert   sitzt.      Ferner   fülirt    dus  mriga9irsha    auch    den 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  8 


114  KÜHN 

nameii  iiivakäs  (s.  o.  s.  112)  „die  drängenden,"  (doch  kommt  daneben  auch 
ilvakä  und  ilvalä  vor).  Wenn  nun  der  bei  den  Griechen  zu  füssen  des 
Orion  stehende  hase  lebbaft  an  die  hasenjagd  auch  unseres  wilden  Jägers 
erinnert,  so  könnte  man  bei  „den  drängenden"  auch  wohl  au  die  glos- 
sen  eburörmig,  eburöring  u.  s.  w.  denken  (Grimm,  myth.  G8y),  durch 
Avelche  Orion  übersetzt  wird,  und,  sofern  das  wort  richtig  als  „eberhau- 
feu"  gefasst  wird,  an  die  eberjagd  des  wilden  Jägers  erinnern.  Denn 
dass  derselbe  nicht  immer  blos  einen  eher,  sondern  auch  eine  ganze 
heerde  jagend  gedacht  wurde,  geht  aus  den  sagen  hervor,  die  von  mir 
in  den  westfälischen  sagen  1,  324  ff.  besprochen  sind. 

Aber  noch  ein  umstand  ist  zu  erwähnen,  der  auch  den  heiligen 
Hubertus  in  directe  verbindmig  mit  dem  hundsgestirn  zu  setzen  scheint. 
Wenn  dies  gestii-n  zuerst  in  der  morgendämmerung  erscheint,  so  bringt 
es  bekanntlich  die  heisseste  zeit  des  Jahres,  die  nach  ihm  genannten 
hundstage,  mit  sich,  und  man  sah  daher  die  hundswut  als  seine  wii'- 
kung  an.  Plin.  18,  68.  Sentiunt  id  maria  et  terrae,  multae  vero  et 
ferae ,  ut  suis  locis  diximus.  Neque  est  minor  ei  veneratio  quam  descrip- 
tis  in  deos  stellis.  accenditque  solem  et  magnam  aestus  obtinet  causam, 
id.  2 ,  40.  Canes  quidem  toto  eo  spatio  maxume  in  rabiem  agi  non  est 
dubium  (vgl.  Preller ,  gr.  myth.  1 ,  355  f.).  Was  von  dem  hunde  galt, 
wird  daher  auch  ursprünglich  von  dem  gotte ,  dem  er  zugehörte ,  gegolten 
haben,  und  wir  wissen  ja,  dass  Kudra,  eben  jener  mrigavyädha,  thieren 
und  menschen  allerhand  seuchen  sendet,  dass  er  aber  auch  die  heilmit- 
tel  dagegen  besitzt.  Der  heilige  Hubertus  wurde  nuu  und  wird  noch  als 
Schützer  gegen  die  hundswut  verehrt;  nach  der  legende  hatte  ihm  näm- 
lich ein  engel  eine  stola  und  einen  goldenen  Schlüssel  vom  himmel 
gebracht  und  ihn  dadurch  zum  nachfolger  des  heiligen  Lambert  auf  dem 
bischöflichen  stuhl  zu  Lüttich  bestimmt.  Die  eisen  nun ,  mit  denen  man 
die  wunde,  die  der  biss  eines  tollen  hundes  hervorgebracht,  ausbrannte, 
wurden  gesegnet,  und  mau  nannte  sie  hubertusschlüssel.  Sie  wurden  und 
werden  unter  diesem  namen  noch  in  mehreren  kirchen  aufbewahrt.  Einem 
frommen  jägerglauben  zufolge  sind  ferner  die  hunde ,  die  mit  eüiem  sol- 
chen Schlüssel  auf  der  stirn  gebrannt  werden,  vor  der  schrecklichen 
krankheit  sicher. 

In  Köln  und  anderswo  trägt  man  am  tage  des  heiligen  kleine  riem- 
chen  weissgegerbten  und  mit  rother  färbe  bespritzten  leders  am  knopfloch ; 
manche  tragen  sie  auch  stets  bei  sich  als  ein  mittel  gegen  wütende  hunde 
und  überhaupt  gegen  wütende  thiere.  Endlich  wird  auch  die  zu  Andain 
aufbewahrte  stola  des  heiligen  zu  gleichem  zweck  benutzt,  indem  sich  die 
Wallfahrer  die  stirnhaut  einritzen  und  in  die  wunde  eine  pai-tikel  derselben 
legen,   was   als  das  kräftigste   heilmittel  gegen  alle   wilden   thiere    gilt. 


DER    SCHtTSS    AUF    DEN    SONNENHIRSCH  115 

(Wolf,  beitr.  1,  146.  Reinsberg  -  Düringsfeld ,  Calendr.  Beige  2,  242  f.). 
Hiernach  scheint  also  auch  der  heilige  Hubertus  oder  vielmehr  sein  Vor- 
gänger Wodan  als  Sirius  seine  stelle  am  himmel  gehabt  zu  haben. 

Versuchen  wir  nun  zum  schluss  eine  deutung  des  mythos.  Wir 
haben  bereits  oben  gesehen,  dass  sowol  im  Prajäpati  als  im  Fro  der  Son- 
nengott erkannt  werden  müsse  und  dass  somit  der  mythos,  wie  es  in 
einzelnen  sagen  noch  deutlich  durchblickt,  von  einem  schusse  des  wilden 
Jägers  auf  die  sonne  handelt.  Die  Verwundung  des  thieres  kann  also 
nichts  als  eine  lähmung  oder  Schwächung  der  kraft  des  tagesgestirnes 
sein,  die  sich  als  eine  dreifache  denken  lässt,  entweder  wird  die  sonne 
durch  wölken  verborgen,  oder  durch  die  nacht,  oder  ihre  kraft  nimmt 
ab,  indem  sie  sich  auf  ihrer  bahn  von  der  Sommersonnenwende  zu  der 
des  winters  bewegt.  Die  erste  erklärung  anzunehmen,  hindert  uns  die 
in  den  indischen  nachrichten  unzweifelhafte  beziehung  auf  die  Sternbilder, 
für  die  zweite  dagegen  lässt  sich  erstens  geltend  machen,  dass  bei  der 
begattung  des  antilopenbocks  mit  der  rohini  die  letztere  von  der  indi- 
schen, bereits  alten  Überlieferung  als  himmel  oder  Ushas  erklärt  wird; 
die  sonne  vermählt  sich  also  mit  dem  himmel  oder  der  Ushas ,  die ,  wie 
es  zuweilen  geschieht,  auch  die  abendröthe  bedeuten  kann:  dann  zwei- 
tens, dass  aus  dem  zurückgebliebenen,  mit  feuer  durchgiühtem  samen 
des  Prajäpati,  in  dem  man  doch  kaum  etwas  anderes  als  den  mit  feuer- 
glut  übergossenen  morgen-  oder  abendhimmel  erkennen  kann,  eine  neue 
sonne  (äditya)  und  überhaupt  alle  Sonnengötter  (ädityäs) ,  sowie  alle  son- 
stigen leuchtenden  wesen,  namentlich  auch  die  als  sterne  glänzenden 
Augirasen  sowie  Bhrigu  und  Brihaspati  hervorgehen.  Diese  neugeburt 
weist  uns  denn  aber  auch ,  wie  mir  scheinen  will ,  unbedenklich  auf  die 
in  gluten  vergehende  abendsonne,  die  zwar  von  dem  tödtenden  pfeile 
getroffen  ist ,  aber  ihren  glänz  nicht  nur  in  dem  gestirnten  himmel  fort- 
leben lässt,  sondern  auch  mit  dem  neuen  tage  neu  ersteht.  Die  entste- 
hung  der  menschen  und  der  thiere  aus  diesem  glutsamen  schliesst  sich 
daran  an,  in  sofern  der  lebensfunken  nach  uraltem  glauben  nicht  nur 
vom  himmel  stammt,  weshalb  auch  Prometheus  ihn  von  dort  herabholt, 
sondern  auch  ebendahin  zurückkehrt.  Auf  die  gleiche  auffassung  von 
der  vernichteten  und  neu  erstehenden  sonne  bei  den  Germanen  weisen 
denn  auch  andere  züge,  wie  ich  meine,  deutlich  hin.  Die  Hackelberg- 
sage  lässt  den  wilden  Jäger  einen  eher  erlegen,  durch  dessen  verwun- 
denden zahn  er  nachher  selbst  seinen  tod  findet.  Der  eher  ist  aber  wie 
der  hirsch  das  thicr  des  Freyr,  thier  und  gott  fallen  der  ältesten  zeit 
zusammen,    Wodan  als  nachtjäger   vernichtet  also   die  sonne. ^)    Daran 

1)  In  diesem  zusammenhange   scheint   es  doch   nicht  so   unerlaubt,    den   eher 
der  von  Notker  angeführten  strophen  als  den  des  Freyr  anzuerkennen  und  so  erklärt 

8* 


116  KUHN 

schliesst  sich  nach  meiner  ansieht  der  mythos  vom  nordischen  Saehrim- 
nir ,  in  welchem  ich  das  erlegte  thier  sehe ;  Odhin  und  seine  helden  ver- 
speisen es,  ursprünglich  nur  zur  nachtzeit,  und  immer  wächst  er  wider; 
der  sonneneber  kommt  täglich  wieder  neu  herauf.  Eine  andere  Ver- 
sion, welche  doch  auf  eins  hinausläuft,  lässt  die  zwerge,  das  im  abend - 
und  morgenroth  schmiedende  volk  der  väter,  den  eher  wieder  herstel- 
len; sie  weiss  nichts  von  seiner  erlegung,  erzählt  aber  wie  Sindri  eine 
Schweinshaut  ins  feuer  wirft  und  den  goldborstigen  eher  hervorzieht,  den 
nachher  Freyr  erhält.  Skaldsk.  35.  Diese  auffassung  stütze  ich  nament- 
lich durch  die  gleichstehende  sage  von  der  durch  das  nachtvolk  verspeis- 
ten kuh.  Die  kühe,  schon  bei  den  Indern  bald  als  wölken,  bald  als 
strahlen  erklärt,  sind  ursprünglich,  wie  ich  durch  mehrfache  gründe 
nachweisen  kann,  hauptsächlich  die  lichten  wölken  des  tageshimmels,  die 
mehrfach  gradezu  in  sonnengestalten  übergehen,  wie  namentlich  die  350 
rinder  des  Helios  zeigen,  die  in  abgerundeter  zahl  die  tage  oder  sonnen 
des  mondjahres  darstellen.  Dass  sie  dann  auch  zu  regenspendenden  wöl- 
ken werden ,  ist  natürlich  und  zeigt  sich  vielfach  in  mythen  und  gebrau- 
chen. Das  nachtvolk  schlachtet  die  kuh  und  am  morgen  ist  sie ,  da  haut 
und  knochen  unverletzt  geblieben  (der  dunkle  nachthimmel  mit  den 
weissgiänzenden  sternen) ,  wieder  neu  belebt  da.  Das  nachtvolk  ist  aber 
nur  eine  andere  gestalt  des  wilden  heeres  und  der  bezug  des  rindes  auf 
die  sonne  ergibt  sich  auch  daraus,  dass  es  dem  Freyr  heilig  war  und 
dass  es  selbst  seinen  namen  Freyr  trägt.  So  fasse  ich  jetzt  auch  die  in 
der  Zeitschrift  f.  vgl.  sprachf.  4,  113  von  mir  besprochene  sage  von  den 
indischen  Ribhus ,  die  wie  sie  ihre  alt  gewordenen  altern  himmel  und 
erde  über  nacht  wieder  jung  machen ,  auch  aus  der  haut  eine  kuh  bil- 
den. Den  gleichen  gedanken  sprechen  endlich  auch  die  sagen  aus,  nach 
welchen  der  wilde  Jäger  pferdekeulen  als  braten  herabwirft,  denn  in  den 
vedischen  liedern  schon  und  zahlreich  in  den  brähmanas  tritt  die  sonne 
als  ross  auf,  und  aus  dem  opfer  dieses  sonnenrosses  ist  das  grosseste 
indische  opfer,  das  rossopfer  (a9vamedha)  hervorgegangen.  Wie  die 
erlegung  von  sonneneber  und  sonnenrind  am  abend,  wird  die  deutsche 
Vorstellung  daher  auch  die  des  sonnenrosses  gekannt  und  es  den  wilden 
nachtjäger  einst  haben  jagen  lassen,  und  nachdem  er  es  erlegt,  wird  er 
sich  mit  seinen  genossen  daran  erlabt  haben,  wird  auch  denen,  die  ihm 
jagen  halfen ,  zum  lohn  ihren  braten  herabgeworfen  haben.  Eine  dunkle 
erinnerung  dieser  Vorstellung  zeigt  noch  der  oben  beigebrachte  dänische 
name  des  wilden  Jägers,  hossejaveren  =  horsejageren ,  dem  ich  jetzt  auch  den 

sich  denn  auch  der  gebrauch  des  praesens  zur  genüge.     Vgl.  MüUenboff  und  Scherer, 
denkmäler  s.  320. 


"DER    SCHUSS   AUF   DEN    SONNENHIRSCH  117 

früher  von  mir  anders  erklärten  namen  des  hassjägers ,  wie  der  wilde  Jäger 
im  hildesheimischen  heisst,  anreihen  möchte  (nordd.  sag.  n.  281  vgl.  s.  500). 
Wenn  wir  nun  aber  auch  nach  den  vorstehenden  auseinandersetzun- 
gen  annehmen  dürfen,  dass  die  erlegung  des  thieres  ein  ausdi-uck  für  das 
verschwinden  der  sonne  am  abend  sei,  so  ist  doch  der  mythos  damit 
noch  nicht  in  allen  seinen  punkten  erklärt,  es  bleibt  in  der  deutschen 
sage  der  umstand  zu  erklären,  warum  das  thier  an  einem  sonn-  oder 
festtags)  gejagt  wii'd,  in  der  indischen  der,  weshalb  die  ganze  scene  unter 
die  Sternbilder  am  himmel  versetzt  wurde.  Verbinden  wir  beide  umstände, 
so  kommen  wir  zu  der  erklärung,  dass  der  schuss  an  einem  der  für  die 
Sonnenbahn  entscheidenden  tage,  der  als  festtag  galt,  statt  fand  und 
das  wird  denn  der  der  sommer-  oder  Wintersonnenwende  gewesen  sein. 
Hatten  wir  nun  aber  recht,  den  schuss  als  eine  lähmung  der  kraft  des 
Sonnenwesens  aufzufassen,  so  könnte  zunächst  nur  die  Sommersonnen- 
wende gemeint  sein ,  denn  mit  dem  eintritt  der  Wintersonnenwende  beginnt 
ja  wider  die  zunähme  des  lichtes  und  der  wärme.  Und  das  scheint  mir 
auch  der  ursprüngliche  gedanke  gewesen  zu  sein ,  der  aus  derselben  Vor- 
stellung entsprang ,  nach  welcher  Herakles ,  als  ihn  auf  seinem  zuge  nach 
Erytheia  Helios  zu  heiss  brannte,  den  bogen  auf  ihn  spannte,  wofür 
ihm  der  gott,  der  seine  kühnheit  bewunderte,  den  sonnenbecher  schenkte.^) 
Darauf  deutet  doch  auch  wol  unzweifelhaft  der  glaube,  dass  der  heilige 
Hubertus  die  hundswut  zu  heilen  vermöge,  und  die  mit  rother  färbe 
besprengten  Stückchen  weissen  leders  wurden  doch  wol  einst  als  der 
haut  des  erlegten  thieres  angehörig,  oder  sie  vertretend,  angesehen. 
Aber  die  entwicklung  des  gedankens  scheint  dann  weiter  dahin  gegan- 
gen zu  sein,  dass  das  endliche  resultat  des  Schusses,  die  scheinbare  Ver- 
nichtung der  sonnenkraft  am  jahresschluss ,  die  erlegung  des  thieres  erst 
auf  die  Wintersonnenwende  verlegt  wurde ,  in  die  zwölften ,  wo  die  sonne 
vollständig  zu  ruhen  scheint,  weshalb  sich  nach  allgemein  germanischem 
glauben  dann  kein  rad  drehen  darf.  Mit  dem  aufhören  dieser  zeit  tritt 
die  Schöpfung  in  neues  leben,  da  wird  dann  aus  dem  samen  des  Prajä- 
pati  der  neue  Aditya,  da  werden  seine  übrigen  elf  genossen  geschaffen. 
Dieser  gedanke  muss   den  Indern  und  Germanen  schon  gemeinschaftlich 

1)  Wenn  in  den  oben  mitgeteilten  sagen  neben  sonn-  und  festtag  im  allge- 
meinen noch  besonders  der  charfreitag  oder  ostertag  genannt  wird,  so  scheint  mir 
doch  darauf  bei  der  erklärung  des  mythos  kein  gewicht  zu  legen ,  da  die  aixsstattung 
des  hirsches  mit  dem  kruzifix  in  der  christlichen  sage  leicht  grade  auf  diese  zeit 
führen  mochte. 

2^  ApoUod.  '2,  5,  10.  I^tnuaivöiutrug  Jf  vno  'J/ki'ov  xaia  zt]V  no^tCnv ,  xo 
To^ov  inl  röv  d-sov  ivhfivtv  '  6  <^h  jriv  dvti^iiav  ctvzov  ßavjUKffag  /Qvaeov  eSujxe 
(f^nag,  iv  cp  tov  'ilxfavor  ^tiniquas.     Vgl,  Pherekydes  b.  Athen.  XI  p.  470.  C. 


118  KUHN 

gewesen  sein,  denn  das  sternbild  Mriga9irsha  ist  dasjenige,  in  welchem 
der  volle  niond  im  danach  genannten  monat  märga^irsha  erscheint  und 
dieser  entspricht  unserem  november-december,  die  vermummungen  in 
hirsch  und  binde  und  die  mit  ihnen  geübte  turpitudo  (s.  o.  s.  109)  fallen  in 
oder  ad  calendas  Januarii ,  mithin  um  die  zeit  der  zwölften ,  die  mit  dem 
ausgang  des  märga9irsha  zusammenfällt,  wobei  noch  zu  berücksichtigen 
ist,  dass  auch  der  uame  des  folgenden  monats  in  Indien  mit  unserem 
m^thos  in  augenscheinlichem  Zusammenhang  steht,  indem  er  Taishya 
heisst,  nach  einem  schützen  Tishya,  der  zugleich  als  stern  am  himmel 
stand  und  dem  altbaktrischen  Tistrya,  welches  der  Sirius  ist,  gleichsteht 
(vgl.  Weber  naksh.  2,  290  u.  Spiegel  Avesta  3,  XXI  f.);  Tishya  erscheint 
aber  auch  ausdrücklich  als  beiname  des  Kudra,  so  dass  also  beide  auf- 
einander folgende  monate,  von  denen  der  erste  den  herbst  schliesst,  der 
zweite  den  winter  anfängt,  den  namen  jener  vom  sternbild  des  hir- 
sches  oder  antilopenbocks ,  dieser  vom  Jäger  tragen  und  mithin  die 
erlegung  des  thieres  offenbar  in  diese  zeit,  d.  h.  in  die  unsrer  zwölften, 
verlegen. 

Fassen  wir  nun  die  resultate  unserer  Untersuchung  noch  einmal 
kurz  zusammen ,  so  ergibt  sich ,  dass  Indern  und  Germauen  ein  mythos 
gemeinsam  war,  nach  welchem  der  als  hirsch  oder  hirschähnliches  thier 
auftretende  Sonnengott  von  dem  ihn  als  jäger  verfolgenden  sturmes-  und 
nachtgott,  der  noch  übereinstimmend  der  wildjäger  oder  wilde  Jäger 
genannt  wird,  verwundet  oder  erlegt  wird.  Wahrscheinlich  erscheint, 
dass  dies  geschieht ,  wenn  er  sich  mit  einer  göttin ,  die  dem  leuchtenden 
götterkreise  angehört,  vermählt  und  vermuthlich  ist  diese  der  abend- 
himmel  oder  die  abendröthe.  Wahrscheinlich  ist  ferner,  dass  die  Ver- 
folgung schon  mit  der  Sommersonnenwende  beginnt  und  endlich  mit  der 
Wintersonnenwende,  wo  sonne  und  heller  himmel  in  gemässigten  und 
nördlicheren  gegenden  meist  verschwunden  sind,  ihr  ziel,  die  erlegung 
des  thieres,  erreicht.  Sicher  ist  die  Versetzung  der  im  mythos  thätigen 
gottheiten  unter  die  Sternbilder  bei  den  Indern,  sehr  wahrscheinlich  bei 
den  Griechen,  nur  dass  sich  nicht  volle  Sicherheit  über  das  gejagte  thier 
ergibt;  kaum  abweisbar  ist  auch  bei  den  Deutschen  die  gleichstellung 
des  heiligen  Hubertus  mit  dem  indischen  sternbilde  mrigavyädha  als  Sirius, 
so  dass  wir  bei  allen  drei  Völkern  die  kenntnis  des  sonnenjahrs  vor  ihrer 
trennung  voraussetzen  dürfen  und  dass  sie  das  leben  der  im  jähre  wal- 
tenden götter  mit  dem  eintritt  der  sonne  und  des  mondes  in  bestimte 
sternbUder  in  Verbindung  brachten.  Dieser  entwickelteren  Vorstellung 
vorangegangen  ist  offenbar  die  ältere,  wonach  das  sönnenthier,  eher, 
rind,  pferd,  allabendlich  von  den  nachtgeistern  erlegt  oder  geschlachtet 
und  aus  haut  und  knochen  wieder  neu  geschaffen  wurde.     Diese  vorstel- 


DER   SCHUSP    AUF  DEN   SONTJENHIESCH  119 

lung  konnte  hier  nur  kurz  angedeutet  werden  und  soll  seiner  zeit  in  ihrer 
ganzen  ausdehnung  dargelegt  werdeh. 

Schliesslich  muss  ich  noch  zwei  punkte  obenhin  berühren.  Der 
eine  ist  der,  dass  Wuotan  =  Odhin  uns  in  diesem  Sagenkreise  zum  theil 
in  ganz  anderer  gestalt  erscheint,  als  er  uns  in  den  altnordischen  gedich- 
ten  entgegentritt,  dass  aber  die  heutige  volkssage  des  nordens  uns  im 
ganzen  dieselbe  gestalt  bietet.  Die  Übereinstimmung  beider,  selbst  in 
kleinen  zögen,  gibt  uns  die  gewähr  ihrer  echtheit  und  ursprünglichkeit 
und  die  Übereinstimmung  mit  dem  indischen  mythos  zeigt,  dass  sie  die 
ältere  entwicklung  bewahrt  hat,  aus  der  erst  die  der  eddischen  lieder, 
die  zum  theil  sein  wesen  ganz  umgestaltet  hat,  hervorgegangen  ist. 

Der  zweite  pnnkt  ist  die  bedeutung,  welche  durch  unsere  verglei- 
chungen  die  mythen  der  brähmanas  gewinnen.  Man  hat  diese  bisher  oft 
als  reine  erfindungen  oder  als  blosse  zusammenfügungen  einzelner  andeu- 
tungen  vedischer  lieder  bezeichnet.  Theilweise  sind  sie  gewiss  sowol  das 
eine  wie  das  andere.  Hier  tritt  uns  aber  ein  mythos  entgegen ,  von  dem 
im  Kigveda ,  wenigstens  soviel  ich  weiss ,  nichts  weiter  erscheint ,  als  die 
oben  s.  96  mitgeteilte  strophe  (Rigv.  10,  61,  7),  „als  der  vater  seine 
tochter  beschritt,  sprengte  er  bei  der  begattung  seinen  samen  auf  die 
erde."  In  den  brähmanas  tritt  uns  nun  aber  ein  vollständiger  mythos 
entgegen,  der  durch  seine  Übereinstimmung  in  dem  hauptinhalt  mit  der 
deutschen  sage  zeigt,  dass  sein  Inhalt  ein  urindogermanischer  ist,  und 
dass  die  andeutung  im  liederveda  die  kenntnis  dieses  mythos  als  bekannt 
voraussetzt,  dass  aber  die  erzählung  der  brähmanas  nicht  etwa  erst  aus 
dieser  andeutung  zusammen  gestoppelt  ist.  Wir  dürfen  daher  die  mittei- 
lungen  der  brähmanas  durchaus  nicht  als  reine  erfindungen  und  combi- 
nationen  aus  den  andeutungen  der  lieder  ansehen,  sondern  müssen  ihnen 
durchaus  eine  erhebliche  bedeutung  neben  den  liedern  zugestehen.  Sie 
enthalten  die  unzweifelhaft  neben  den  liedern  einhergehende,  allerdüigs 
oft  genug  zu  priesterlichen  zwecken  umgestaltete  volkssage  und  sind  des- 
halb mehrfach  von  ebenso  grosser  bedeutung  als  jene  lieder. 

BERLm,   IM   JANUAR    1868.  A.   KUHN. 


ZUK   ALEXANDEKSAGE. 
I. 

ZUM  JULroS   VALERIUS. 
Zacher  hat  die  zuletzt  in  Halle  versammelten  germanisten  mit  einer 
editio   princeps    der    Epitome    des    Julius  Valerius    begrüsst ,    und    dies 
geschenk  war  bei  der  bedeutung,   die  das  genannte  werk  für  die  mittel- 
alterliche Alexanderdichtung,  auch  für  die  deutsche  hat,  wol  angebracht 


120  W.   WACKERNAGEL 

und  wogen  der  ait,  wie  die  anziehende  arbeit  liier  erledigt  worden, 
doppelten  dankes  wertli.  Ich  möchte,  was  mich  betriflft,  die  dankbarkeit 
durch  einen  nach  zwei  selten  hin  gerichteten  bei-  und  nachtrag  zu 
bethätigen  suchen.  ^ 

I. 

Wie  Zacher  auf  s.  111  flg.  der  Epitome  und  schon  vorher  in  seinem 
Pseudocallisthenes  s.  33  flg.  bemerkt  hat,  ist  der  ursprüngliche,  noch 
unverkürzte  text  des  Julius  Valerius  nur  in  zwei  oder  drei  handschriften 
bis  auf  uns  gelangt,  einer  Pariser  des  vierzehnten,  einer  Mailänder  des 
neunten  und  einer  Turiner  schon  des  sechsten  oder  siebenten  Jahrhunderts, 
nur  ist  gerade  diese  älteste  durch  die  kaum  absichtslose  Verschuldung 
Angelo  Mais  völlig  unlesbar  geworden  und  eigentlich  vernichtet.  Wie 
sich  aber  von  selbst  versteht ,  hat  es  einst  der  handschriften  mehr  gege- 
ben, und  wirklich  auch  besitzt  die  mittelalterliche  samlung  zu  Basel  in 
ihrer  palseographischen  abteilung  (1 ,  28)  wenigstens  noch  ein  l)ruchstück 
einer  vierten.  Es  besteht  dasselbe  aus  zwei  zusammenhängenden  perga- 
mentblättern ,  zwischen  denen  jedoch  zwei  andere  fehlen ;  das  format  ist 
ein  kleines  folio,  die  band  eine  feste,  saubere  des  elften  Jahrhunderts, 
abkürzungen  nicht  selten ,  aber  lauter  übliche. 

Im  sechszehnten  Jahrhundert  muss  dieser  Julius  Valerius  noch  voll- 
ständig beisammen  gewesen  sein:  ich  schliesse  das  aus  den  randbemer- 
kungen,  die  damals  zwei  bände  den  Worten  leui  uherif  (III,  12)  bei- 
gegeben haben,  zuerst  die  eine  f.  leuis  vberibus,  darunter  sodann  die 
andere  rede  Iceui  uheris.  Im  siebzehnten  aber  war  die  handschrift 
bereits  zerstört,  und  es  diente  dies  doppelblatt,  von  dem  nun  auch  oben 
ein  stück  weggeschnitten  wurde,  als  Umschlag  amtlicher  schriftsachen : 
auf  einer  leeren  stelle  der  ersten  seite  steht  wider  von  damaliger  band 
JDlenhcimifclie  Almufen  Rechnung.  Dienheim  liegt  in  der  Eheinpfalz, 
unweit  Oppenheim. 

Das  vordere  blatt  beginnt  mit  den  Schlusszeilen  des  zweiten  buches : 
gern  (so)  et  marito  clignum  foret,  id  enim  uxore  faciente  nichil  fore  quod 
magif  eJJ'ct  alexandro  placUurum.  Atque  hif  ita  inftitutif  et  facti/ 
ordinatoque  omni  regno  perfarum  in  posum  ducit  exercitum.  Hierauf 
ein  freier  räum  von  dem  maasse  zweier  zeilen,  welchen  nun  jene  dien- 
heimische aufschrift  füllt ,  und  mit  einem  roth  gemalten  grösseren  Ä  der 
anfang  des  dritten  buches:  Aquarum  que  indigentissimas  u.  s.  w. :  also 
die  gleiche  lückenhaftigkeit  hier  wie  in  dem  texte  von  Mailand  und  in 
dem  zweiten  worte  noch  eine  entstellung,  in  dem  dritten  aber  eine  berich- 
tigung  desselben.  Die  weiteren  abweichungen  sind  folgende:  als  grund- 
lage  der  vergleichung  nehme  ich  Mais  zweite  ausgäbe,  Classic,  auctorum 
tom.  YII,  pg.  169  sqq. 


ZUM    J.   VALERIÜS  121 

B.  in,  c.  1,  z.  3.  examnihu/  —  falangia  5.  coUoqtiia  6.  ad 
perfarum  (wie  Mais  handschrift:  er  selbst  mit  unnöthiger  änderung  ad 
Fersas)  8.  grelle  10.  infeftibuf  11.   bellica  —   urgeretur 

13.  cupidinif  14.  fi  tarnen  18.  eontionatur.  Vnuf  mihi  deni- 
que  est  22.  23.   habeto  23.  24.    eorumque  {bella  fehlt)  decreftif 

25.  adteßimini  nichil 

2 ,  3.  uictoria  ediixerim  Hiemit  scUiesst  die  Vorderseite  des  ersten 
blattes ;  die  rückseite  beginnt  mit 

2,  14.  15.    tantem    aur,ej'  idem    —    iiobif  ita  16.  foUtario 

17.  ita  sane  libenfque  19.  inulla  perictda  prolabamini  22.  Hif 
auditif  haud  dubie  cunctof  pariter  et  penitentiam  fatigebat.         24.  fe  fe 

3,  2.  Uteri/  4.  Incurfanti  tibi  infeftantique  5.  mee  —  dico- 
que  ufique  (aus  tibi  geändert)  6.  nicJiil  7.  arguere  —  adcausa 
8.  hortari  que  10.  iuuari  aut  afpirauerit  12.  g-w^s  fehlt;  e^ 
mdli        13.  Quippe  qui  non         14.  uerum  deof  etiam         15.  audatiam 

18.  inrumpentem  20.  i^e  a&/re  22.  gentibuf  urbibufque  ad  illa 
muri  23.  si  grecia  ueftra  nobif  24.  gwo  wa^o/  subacta  indif  (mit 
a  und  b  aus  indif  fubacta  gebessert)  25,  wo?*i/  eft  die  letzten  worte 
dieser  seite  und  des  ersten  blattes.     Das  zweite  beginnt  jetzt  mit 

11,  9  — 12.  mortuof  fed  et  eof  numerari  non  oportere  quoniam 
iam  effe  definant  quippe  pluref  pronunciari  oportere  eof  quof  uideaf 
quam  illof  fcilicet  quof  neque  oculi  ulli  uel  neque  ratio  confpicentur. 
Poft  querit  ex  alia  13  — 16.  morf.  Vitam  effe  refponfum  eft.  quod 
folif  quoque  ferventior  orientif  uigor.  marcentior  uero  uiferetur  occiduuf 
ortum  que  Jiominif  effe  quo  uiuitur  contraque  17.  spatiosius  fehlt. 
18.  mare  fehlt;  continetur.  —  quonam  (aus  quenam  geändert)  19.  beftiä 
20.  pronunciant  21.  inlexiffet  22.  eaque  aliif  24.  25.  27.  quid 
perinperium  fibi  —  iniufta  audatia  (wie  auch  die  Mailänder  hand- 
schrift:  Mai  ändert  abermals  ohne  noth)  28,  29.  nichilque  cunctanti 
—  ordi  dine         31.  forciantur.  —  nata  fehlt. 

12,  1.  fcifcitare  2.  3.  eft  de  eo  quod  omniuidenf  5.  etiam 
fehlt.  7.  permixtio  —  Icuarem  mage  parcium  (so  mit  a  und  b  aus 
parcium  mage  gebessert)  8.  lactorum  geändert  in  lactarum  10,  11. 
religioni  —  preferre  leuaf.  Mit  quid  sihi  schliesst  die  Vorderseite  die- 
ses zweiten  blattes;  die  rückseite  beginnt  mit 

13,  5,  6,  Jioc  ortif  flabrif  inpellentibuf  cederent.  gigni  quif 
7,  quanta  funt  8.  Nichil  9,  repperiaf  qui  cunctif  actif  —  caufa 
11.  fed  quod  13.  quicquid  de  labore  profecero.  15,  16.  fortuna- 
rum  que  difpar  ratio  glorie  que  17.  modof  18.  defiderari  — 
promtior          18.  19.    hominis  fehlt.  20.   Punkt  vor  Desideratorum 


122  W.   WÄCKERNAGEL 

21.  ceddere       28.  condicionem       24.  metiuntür.  —  uelleßhi       25.  penef 
26,  trän/mittat  ad  ceterof. 

14,  1.  2.  Hif  talibufqiie  fe  fe  timc  alexander  öblectauiffent  exi- 
miter  3.  inuiif  loci/  indicaf  afperitate  4.  De  quo  Idbore  hoc  (das 
D  grösser  und  vorgerückt  5.  uti  uel  maximo  6.  7.  eique  literdf  — 
Opere  precium  8.  9.  g'^t^  ci*m  una  tcllerauerint  9.  Punkt  vor  Fer 
literaf  10.  incefßm.  Nam  cetera  11.  hracmanaf  12.  par- 
/mce  gebessert  aus  perfiace  13.  14.  Sclüuss  des  bruchstückes  mit 
den  Worten  Situf  fitidocl  arduuf  et  ad  proniunctoria. 

Ohne  den  werth  dieser  blätter  aus  irgendwelcher  Vorliebe  höher 
anschlagen  zu  wollen,  als  sie  verdienen  (sie  strotzen  von  den  fehlem 
eines  kenntnis-  und  gedankenlosen  copisten),  glaube  ich  doch,  sie  ver- 
dienen ,  zumal  handschriften  des  Valerius  so  selten  sind ,  berücksichtigung. 
Und  an  mehr  als  einer  stelle  verbessern  sie  falsche  oder  bestätigen  sie 
richtige  lesarten  der  Mailänder  handschrift,  und  auch  wo  sie  mit  unrich- 
tigen zusammenstimmen,  hat  das  für  die  geschichte  und  die  kritik  des 
textes  seine  brauchbarkeit. 

Die  ausgäbe  C.  Müllers  im  Arrian  von  Dübner  habe  ich  bei  vor- 
stehender vergleichung  nicht  mit  herzugezogen,  weil  nii-gend  ersichtlich 
ist,  inwieweit  ihre  abweichungen  von  dem  Maischen  texte,  welchen  sie 
doch  der  hauptsache  nach  zum  gründe  legt,  auf  der  Pariser  handschrift 
oder  aber  auf  freier  emendation  beruhen. 

n. 

Auch  von  der  Epitome  hat  die  Basler  mittelalterliche  Sammlung 
(Pateogr.  1 ,  59)  ein  bruchstück ,  ebenfalls  nur  zwei  pergamentblätter  in 
kleinfolio :  aber  es  steht  auf  denselben  mehr  als  auf  den  unter  I.  bespro- 
chenen, sie  ersti'ecken  sich  von  I,  41  bis  11,  20:  die  schrift  ist  eine 
zierlich  kleine  und  sehr  eng  gehaltene,  darum  auch  in  zwei  spalten 
gebrachte  des  zwölften  oder  vielleicht  erst  des  dreizehnten  Jahrhunderts. 
Es  sind  diese  blätter  früherhin  als  einband,  ich  weiss  nicht  Avelches 
bucheS;  verwendet  gewesen:  dabei  ist  von  beiden  ein  nicht  unbeti'ächt- 
liches  stück  oben  sowie  von  der  äusseren  spalte  des  zweiten  der  gan- 
zen länge  nach  die  hälfte  verloren  gegangen.  Der  jetzige  Inhalt  der  acht 
spalten  ist:  bl.  1,  sp.  a.  exitits  Zacher  34,  7  —  qui  in  36,  1;  sp.  b. 
igitur  36,  13  —  infit  38,  6;  sp.  c.  fos  et  eius  38,  17  —  excidimus 
40,  6;  sp.  d.  fumenda  40,  19  —  exer-  41,  28;  bl.  2,  sp.  a.  improho 
42,  13  —  infeftus  44,  5;  sp.  b.  ohiecit  44,  18  —  expectare  46,  11; 
sp.  c.  cedenta-  47,  7  —  uidenfque  48,  20;  sp.  d.  Lamentattone  49,  12  — 
tandem  51,  1.  Folgendes  die  abweichungen  von  Zachers  ausgäbe;  die 
erheblicheren  schliessen  sich  zumeist  entweder  an  H  oder  an  L  an. 


ZUM    J.   VALERIUS 


123 


34,  12.  animoßis  14.  conpreliendit  16.  ponti  mit  oben  nach- 
getragenem ti         17.  quos  hellum  inditos         21  ac  contracto  fehlt. 

35,  2.  adfcamandrium  3.  ut  4.  locü  5.  acquifitis  6.  .cte. 
ohne  wiZia  8.  i'Waw  fehlt;  rex  milesfiue  grecus  11.  Von  hier  an 
längs  dem  rande  mit  rother  schrift  De  expugnatione  theharum.  14.  ius- 
sere  fehlt.  16.  ad  JiaecJ  hec  et  mit  a  und  h  umgestellt.  17.  0  fehlt. 
18.  helU. 

36,  14.  Jwc  carmine  15,  marcium  17.  euaferant  19.  Mr&em 
redintegrare  ohne  /a^a         20.  hiikifcemodi 

37,  3.  aggreditur  4.  foUempne  5.  alexander  uti  7.  mwwe- 
rare^  aus  numeraret  gebessert.  8.  dithomacus  11.  m6e^7  *w(le^ 
12.  »Hc7*i7  omnium  foret  13.  negare  15.  g^tis  esse^  nomine  fehlt, 
aber  es  heisst  16.  gwew  we  16.  cUtomacum  17.  dediffe.  Addi- 
ditque  19.  imperante]  tempore  20.  intelligens  21.  2^^^  fehlt, 
precone  iubet  redifficari 

38,  2.  inuenerat  cUiitJ  fuit  3.  /^^  5.  «(/i^?fr  fehlt.  6.  hin- 
ter Mi/?^  roth  Epistoha  alexandri.  ad  athenienfes.  18.  o  fehlt.  20. 
Ulis  te  fcrihit 

39,  3.  noftrlf  iuffis  6.  hinter  poteritis  roth  Ora^^o  efchinis. 
Darauf  absatz  und  grösseres  rothes  Q  7.  cetum  9.  wie/«?  11.  i^re- 
ceptif  ohne  gtte         14.  a/A^w^  arißotilis         15.  reuerentiam  condignam 

18.  heniuolentiam  19.  «6  fehlt,  efchines  20.  hinter  exorituR  roth 
Onatio  demadis.  dann  absatz  und"  grösseres  rothes  ^  21.  timiditate 
22.  <2'Mi  femper 

40,  1.  2.  ^wm  ciMM  o?^w  2.  persuaseris  fehlt.  3.  iw  fehlt. 
4.  aciemque  ue  5.  gt^ia  uertimus  lacedemoniaf  —  chorinthios. 
6.  mcinctiofque  21.  FA«s  ewiw  (das  weitere  bis  temperatissima  weg- 
geschnitten). 23.  24.  weg'MC  aurum  contemplationem  prefenti  commodo 
negligendum. 

41,  1.  w^  j)M^e  3.  fumenda  —  inprohanda  4.  demoftenes 
u.  s.  f.  7.  assem^  wf^^^fe  fehlt.  12.  plateas  13.  infinuantque 
mandata  fuaßonem  demoßinis.  15.  hinter  te?m  roth  Litter e  alexandri 
ad  athenienßs.  darauf  absatz  mit  grösserem  rothem  S        16.  coMhendo 

19.  inohedientie  20.  /WttcZ  22.  uno  —  marcioquc  —  menia 
24.  hoßica  oßentatio  27.  Cumque  28.  am  fuss  der  spalte  roth 
Profectio  alexandri  in  lacedemoneß 

42,  14.  iufßt  —  militis.         20.  ßmper  ammirari        21.  exiatruf 

43,  2.  fm  hostis.  3.  we  ducihus  5.  uendicantem  aus  uindi- 
cantem  gebessert.  5.  6.  omnef  incitat.  10.  cignum  non  nullif 
11.  magnitudinem  —  rigorem  pcruium  fhimen  13.  /e/e  cw/n  armif 
14.  /wc  factum       15.  ^mwc  fehlt.       17.  neniorum  —  ut  mox  exfpirabilis 


12'4  \V.   WACKERNAGEL  ,   ZUM   J.    VALERIUS 

45,  1.  adconpre  (das  übrige  abgeschnitten),  3.  cattfam  S.  ß 
niecum  fortima  magis  (der  schluss  des  Satzes  weggeschnitten)  13.  pri- 
mum         18.  uiri 

46,  1.  maiorif      4.  inter  nuntio       7.  quij  Et       9.  sese]  fe  cffe 

47,  7.  cedenta-  (schluss  weggeschnitten)  12.  pocula  noftra 
ahlata  15.  hintev  principihiis  weggeschnitten,  dann  que  fuos  conui- 
uio  —  quodcunque  19.  fedata  eft  [mitigata  —  regis  weggeschnitten) 
Silentium  ohne  que 

48,  3.  fe  fibi         8.  confulit         16.  ihij  fibi 

49,  13.  hinter  modum  roth  Epistola  darii.  ad  alexandrum.  Absatz 
und  grösseres  rothes  D  14.  Conpetentiuf —  miferationem  15.  Uli/ 
18.  benivolentie 

50,  4.  w  die  Hinter  talia  roth  Epistola  darii.  ad  porum  regem 
indorum  Sodann  absatz  und  grösseres  rothes  31  6.  michique  11. 
hucefidam  12.  accideratque  13.  m  fehlt.  14.  Von  hier  an  längs 
dem  rande  roth  De  interfectione  darii.         22.  Itaqiie 

BASEL.  W.   WACKERNAGEL. 


LITTERATUR. 

Wilhelm  Scherer.  Zur  geschichte  der  deutschen  spräche.  Berlin.  Franz 
Duncker  1868.  492  selten. 
Der  Verfasser  des  vorliegenden  buches  hat  sich  die  aufgäbe  gestellt,  die  eigen- 
tümlichkeiten,  durch  welche  sich  unsere  spräche  von  ihren  Schwestern  unterscheidet, 
zu  schildern,  den  Zusammenhang  dieser  eigentiunlichkeiten  unter  einander  aufzudecken, 
und  auf  die  motive  in  charakter  und  geschichte  des  deutschen  volkes  hinzuweisen, 
welche  diese  und  keine  andere  gestaltung  der  spräche  hervorgerufen  haben.  Den 
ablaut  rechnet  er  nicht  mit  zu  diesen  charakteristischen  eigeuheiten,  widmet  ihm  aber 
auf  Seite  7  —  31  eine  vielfach  anregende  besprechung.  Das  hauptstreben  dieses 
abschnittes  ist  gerichtet  einerseits  auf  gewinnung  chronologischer  bestimmungen  in 
der  geschichte  der  deutschen  conjugation ,  andererseits  auf  erklärung  der  sogenannten 
guna  -  erscheinungen.  Dem  entwurf  einer  geschichte  der  deutschen  conjugation ,  wie 
ihn  der  nachtrag  pag.  469  am  kürzesten  mid  klarsten  aufstellt,  vermag  ich  nicht 
beizustimmen.  Licht  kann  in  diese  geschichte  (und,  beiläufig  gesagt,  in  die  geschichte 
des  e  und  ö)  erst  kommen ,  wenn  man  die  frage  beantwortet :  Warum  werden  die  verba 
nach  der  analogie  von  faran  (wui-zel  far)  in  bezug  auf  die  vocale  anders  behandelt, 
als  die  verba  nach  der  analogie  von  niman  (wurzel  nam)?  Was  Scherer  (pag.  15) 
darüber  sagt,  weist  uns  auf  den  rechten  weg,  genügt  aber  noch  nicht.  Man  gewinnt 
eine  wie  es  scheint  genügendere  beantwoi-tung  durch  genaue  befolgnng  der  gotischen 
lautgesetze.  In  den  verbis  niman  bleibt  das  a  der  wurzel  nur  im  sing,  praet.  erhal- 
ten ,  also  nur  dann ,  wenn  vor  der  Wurzelsilbe  eine  reduplicationssilbe  abgefallen  ist. 
Daraus  darf  man  die  folgerung  ziehen,  dass  die  verba  faran  und  genossen  einst  im 
praesens  reduplicierten.  Ein  blick  auf  die  verwanten  sprachen  bestätigt  diese  folge- 
rung.    Dass  Standern  =  altind.  sthä  reduplicierte ,    ist  allgemein   bekannt.    FreUich 


LITTERATÜR  125 

ist  die  formation  von  standan  nicht  ganz  durchsichtig.  Das  got.  faran  entspricht 
dem  altind.  par  (nicht  cur)  mit  dem  praes.  inparti ,  pipruti.  Bei  vahsjan  =  altind. 
vaksh  ist  einstige  reduplication  nicht  unwahrscheinlich,  (vgl.  Benfey.  glossar  zum 
Sämaveda  s.  v.)  Andere  verha  wie  hlahjan,  slahau,  sakan  könnten  recht  wol  als 
intensiva  mit  reduplication  aufgefasst  werden.  Dass  sich  die  reduplication  bei  allen 
Verben  dieser  übrigens  nicht  zahlreichen  classe  (Gr.  1-,  841)  noch  nachweisen  lasse, 
darf  man  nicht  verlangen ,  denn  immerhin  ist  auch  möglich ,  dass  einige  verba  fal- 
scher analogie  gefolgt  sind.  Wie  nun  das  perfectum  dieser  verba  lautete,  als  sie 
noch  im  praesens  reduplicierten ,  wage  ich  nicht  zu  reconstruieren.  Das  aber  scheint 
mir  einleuchtend ,  dass  för  neben  faran  nur  entstehen  konnte  ,  als  es  schon  nam  neben 
niman  gab ,  d.  h.  als  sich  schon  die  anschauung  fixiert  hatte ,  dass  das  perfectum  im 
Singular  schwereren  vocal  habe  als  das  praesens.  Aus  för  nun  entstand  forum,  das 
ohne  dies  vorbild  nicht  zu  begreifen  wäre.  Legt  man,  wie  Scherer  thut,  eine  form 
fafarum  zu  gründe ,  so  muss  man  feram ,  nicht  forum  erwarten.  Wenn  diese  ansieht 
über  die  verba  faran  richtig  ist ,  so  gestaltet  sich  bei  Scherer  manches  wesentlich 
anders.  Besonders  erweist  sich  e  als  alleinige  sogenannte  ersatzdehnung  des  kurzen 
a,  und  tritt  dadurch  in  bedeutsame  analogie  zum  lateinischen  und  altindischen  e. 

Auch  auf  dem  gebiete  dieser  sprachen  fordert  manche  aufstellung  Scherers  eine 
präcisere  fassung.  Um  fregi  zu  erklären ,  wird  pag.  14  angenommen ,  dass  der  spräche 
das  missverstandene  muster  von  cepi  vorschwebte.  Aus  einem  vorauszusetzenden 
ßfregi  soll  nämlich  durch  abfall  der  reduplication  fregi,  und  durch  angleichung  an 
cepi  langes  e  entstehen.  Aber  die  vorausgesetzte  form  fefregi  scheint  unlateinisch. 
sto  und  spondeo ,  welche  in  der  reduplicationssilbe  doppelconsonanz  haben, 
lehren,  dass  nicht  fefregi,  sondern  frafagi  als  urform  anzusetzen  ist,  woraus  fregi 
wurde ,  wie  cepi  aus  cacapi.  Ob  hierbei  Verdünnung  des  zweiten  a  zu  i  angenom- 
men werden  müsse,  ist  zweifelhaft.  Unnötig,  oder  wol  besser  unrichtig,  ist  eine 
solche  annähme  für  ähnliche  altindische  formen,  wie  sie  Scherer  pag.  10  macht,  wo 
er  meint,  das  e  in  formen  yfiQ petimä  sei  aus  a  -\-  i  entstanden.  Böhtlingk,  Sanscrit- 
chrestomathie  pag.  280  anm.  warf  schon  1845  die  oratorische  frage  auf:  wie  oft  geht 
nicht  ä  in  e  über  ?  und  man  braucht  nur  an  formen  wie  bödhete  aus  bodha  -  äte  zu  erin- 
nern, um  sich  zu  überzeugen,  dass  nicht  jedes  aus  concretion  von  vocalen  entstan- 
dene e  auf  a  -{-  i  zurückweist.  Ferner  ist  ja  bekannt  (Scherer  pag.  430  anm.) ,  dass 
e  ersatzdehnung  aus  kurzem  a  ist.  vgl.  edhi,  sei,  aus  asdhl.  So  ist  auch  das  e  in 
perfectformen  -wie  petimä  zu  fassen.  Die  regel  bei  Max  Müller  lautet:  ,,  wurzeln  wie 
pat ,  d.  h.  wurzeln,  in  denen  a  zwischen  zwei  einfachen  consonanten  steht,  und 
welche  den  anfangsconsonanten  in  ihrer  reduplicationssilbe  ohne  Veränderung  wider- 
holen ,  ziehen  solche  formen  wie  papat  vor  den  accentuierten  endungen  in  pet  zusam- 
men." Als  Vermittlungsform  zwischen  papat  und  pH  hi  papt ,  und  nicht  pa-at  oder 
gar  pa-it  anzusetzen.  Denn  wenn  der  consonant  zwischen  zwei  d  ausfallen  konnte, 
warum  nicht  zwischen  zwei  i  oder  u,  warum  also  nicht  analoge  formen  z.  B.  von 
tud?  Dass  aber  der  ausfall  eines  a  leicht  erklärlich  ist,  hat  Scherer  pag.  26  treff- 
lich auseinandergesetzt.  Bopp  und  mit  ihm  Scherer  (pag.  16)  scheinen  also  unrecht 
zu  haben,  wenn  sie  puptimä  und  petimä  als  schwesterformen  ansehen,  petimä  ist 
vielmehr  eine  tochterform  von  paptimä. 

Mit  lebhafter  freude  begrüsse  ich  den  in  nr.  2  dieses  abschnittes  angestellten 
versuch  einer  erklärung  der  guna-erscheinungen,  und  sehe  mit  befriedigung ,  dass 
Scherer  Schleichers  ansichten  über  diesen  punkt  nicht  theilt,  namentlich  die  zweite 
Steigerung  vom  deutschen  fernhält.  Den  satz:  „die  gunavocale  ai  und  au  sind  aus 
dehnungen  von  i  und  u  entsprungen,"  unterschreibe  ich  und  registriere  dankbar  den 


126  LITTERATUK 

gewinn,    den  die    sprachforsclmng-   aus    dieser   behandlung    der   guna-erscheinungen 
unzweifelhaft  ziehen  wird. 

Dagegen  haben  mich  die  auf  seite  32—91  gegebenen  ausführungen  über  das 
wesen  der  lautverschiebung .  in  der  nichts  anderes  gefunden  wird,  als  eine  erleich- 
terung  der  articulation ,  nicht  überzeugt.  Gewiss  bin  ich  mit  Scherer  darüber  ein- 
verstanden, dass  phj^siologische  betrachtungen  eine  wichtige  rolle  bei  der  erklärung 
dieses  Vorganges  spielen  müssen,  aber  man  wird  auch  zugeben,  dass  sich  physiolo- 
gisch vieles  als  möglich  denken  lässt,  was  doch  im  gegebenen  falle  nicht  wirklich 
ist,  und  dass  daher  die  thatsachen  nie  so  zurechtgelegt  werden  dürfen,  wie  sie  phj-- 
sioloo-isch  am  leichtesten  erklärt  werden  können,  sondern  dass  der  thatbestand  erst 
nach  anderer  methode  festgestellt  sein  muss ,  ehe  man  ihn  durch  physiologische 
behandlung  erläutert.  Dass  im  vorliegenden  falle  die  methode  der  wechselseitigen 
erhellung  (pag.  63)  angewendet  werden  muss,  ist  klar.  Nur  möchte  ich  mich  nicht 
an  das  althochdeutsche  zur  aufklärung  wenden.  Es  mag  in  der  verschiedenen  rich- 
tung  unserer  studien  liegen,  wenn  ich  Scherers  ausruf:  „um  wie  viel  klarer  in  allen 
ihren  einzelheiten  steht  die  hochdeutsche  Verschiebung  vor  uns,  als  die  germanische " 
(pag.  63),  nicht  zustimmen  kann.  Wie  schlimm  ist  es  doch,  wenn  man  sich  noch, 
wie  auch  Scherer  thut,  mit  ausdrücken  wie  „strengalthochdeutsch"  behelfen  muss, 
statt  einer  geographischen  bezeichnung!  Wie  vieles  ist  z.  b.  noch  unklar  in  der 
hochdeutschen  behandlung  des  inlautenden  germanischen  h  (Lottner,  K.  Z.  11,  188)! 
In  wie  vielen  punkten  mag  das  ahd.  im  bezug  auf  die  ausspräche  der  consonanten 
schon  lässiger  geworden  sein,  als  das  älteste  germanisch!  Ich  glaube  vielmehr  die 
aufklärung  ist  zu  holen  aus  den  übrigen  indogermanischen  sprachen ,  und  der  anfang 
der  erklärung  ist  zu  suchen  in  der  älteren  germanischen ,  nicht  in  der  jüngeren  hoch- 
deutschen Verschiebung.  Ist  dieser  grundsatz  richtig,  so  muss  man  als  erste  frage 
die  aufwerfen:  was  für  erscheinungen ,  die  der  germanischen  lautverschiebung  analog 
sind ,  findet  man  in  den  verwanten  sprachen  ?  Da  hat  man  denn ,  wie  bekannt ,  für 
die  Verwandlung  der  weichen  aspirata  (oder  wie  man  das  ding  sonst  nennen  mag), 
zahlreiche,  für  die  aspirierung  der  tenuis  mehrere  analogieen.  Diese  beiden  erschei- 
nungen können  also  im  deutschen  jede  für  sich,  unabhängig  von  einander  eingetreten 
sein.  Die  analogieen  fehlen  aber  gänzlich  für  die  Verwandlung  der  media  in  die 
tenuis.  Das  ganz  singulare,  verwunderliche  und  exorbitante  dieser  Verwandlung 
möchte  uns  nun  die  physiologische  betrachtung  gern  wegdisputieren,  aber  ich  glaube 
ohne  erfolg.  Die  media  ist  —  um  Ebels  treffliche  terminologie  anzuwenden  —  ein 
dnicklaut,  die  tenuis  ein  stosslaut.  Zur  hervorbringung  eines  stosslautes  gehört  mehr 
kraft  als  zur  hervorbringung  eines  drucklautes.  Folglich  ist  trotz  alledem  und  alle- 
dem die  Verwandlung  der  media  in  die  tenuis  eine  erhebung  oder  Verstärkung.  Eine 
solche  erhebung  oder  Verstärkung  aber  ist  gegen  alle  analogie.  Folglich  kann  dieser 
Vorgang  nicht  isoliert  aufgefasst  werden,  sondern  muss  mit  den  beiden  anderen  in 
Verbindung  gesetzt  werden.  Ich  bleibe  daher  im  allgemeinen  bei  der  auffassung  ste- 
hen ,  wie  sie  Georg  Curtius  und  nach  ihm  Grassmann  uns  gelehrt  haben. 

Es  folgt  (92  flg.)  eine  besprechung  der  germanischen  auslautgesetze,  zuerst  der 
consonantischen ,  dann  der  vocalischen.  In  bezug  auf  die  consonanten  erfahren  West- 
phals  bekannte  gesetze  manche  modification  (vgl.  IIB.).  Das  sogenannte  hilfs-a  in 
hvata ,  nimaina  u.  s.  w. ,  das  nach  Westphal  unmögliche  endconsonanten  schützen 
soll,  indem  es  sie  inlautend  macht,  wird  ganz  entfernt.  Bei  dem  pronomeu  soll  es 
entstanden  sein  aus  einem  zusatz  am,  wie  im  altindischen  idäm,  beim  verbum  aus 
einem  am,  das  dem  griechischen  äv,  altindischen  «*  gleich  sein  soll,  und  auch  im 
got.   als  u  auftritt.     Das   ist   sehr   geistreich.     Zuzustimmen   oder  zu   widersprechen 


LITTERATUR  127 

wage  ich  nicht.  Ferner  soll  Westphal  geirrt  haben,  als  er  besondere  gesetze  für 
schliessende  doppeleonsonanten  aufstellte.  Es  handelt  sich  nur  um  die  gruppen  ns 
und  nt  (pag.  96).  Von  diesen  bleibt  ns;  nt  —  was  aber  selbst  wider  aus  uridg.  nti 
entstanden  sein  kann  —  wird  n  [nemun,  grundform  nanumunt  pag.  106).  Diese 
Vorgänge  formulierte  Westphal  so:  „von  ursprünglich  auslautenden  doppeleonsonan- 
ten hat  das  gotische  a)  blos  diejenigen  geduldet,  deren  zweiter  consonant  ein  s  ist; 
b)  von  allen  übrigen  muss  der  zweite  abgeworfen  werden.  Scherer  meint:  ob  einem 
endconsonanten  ein  vocal  oder  anderer  consonant  vorhergeht,  ist  gleichgiltig.  Unbe- 
queme laute  schwinden  ohne  rücksicht  auf  ihre  Vorgänger  (pag.  107).  Aber  warum 
schwand  nun  nicht  nach  abfall  des  t  auch  das  ii  in  nemun,  da  n  doch  auch  ein 
unbequemer  laut  ist?  Darauf  antwortet  Scherer:  ,,weil  das  auslautsgesetz  nur  ein- 
mal wirkt."  Also  in  der  beseitigung  des  t  hat  sich  die  kraft  des  gesetzes  verbraucht, 
und  gegen  das  n  kann  es  nun  nichts  mehr  ausrichten?  Das  ist  doch  eine  unleben- 
dige auffassung.  Man  wird  sich  die  sache  wol  so  zu  denken  haben,  dass  das  n  sich  das 
t  assimiliert3 ,  und  also,  wenn  der  anlaut  des  folgenden  Wortes  es  erlaubte,  eine 
Zeitlang  ein  doppel-«,  also  nemunn,  gesprochen  wurde,  das  dann  natürlich  nicht 
abfallen  konnte ,  wie  ein  einfaches  n.  Das  sanskrit  weist  uns  deutlich  auf  diesen 
weg, der  erklärung,  wo  z.  b.  äsan.  sie  waren,  vor  einem  vocal  zu  äsann  wird,  also 
noch  das  gedächtnis  an  seine  entstehung  aus  äsant  bewahrt.  —  Den  kennern  deut- 
scher dialecte  empfehlen  wir  den  abschnitt  über  die  behandlung  des  auslautenden 
s  im  Ost-  und  westgermanischen  zui'  prüfung  (besonders  113  und  164).  —  Das 
vocalische  auslautsgesetz ,  bei  dessen  behandlung  allerhand  schwierige  fragen  mehr 
angerührt,  als  ausgeführt  werden,  erhält  sclüiesslich  folgende  fassung:  ,,das  germa- 
nische befehdet  i  und  a  als  letzte  vocale  des  wortes.  Daher  verlieren  sich  die  ein- 
fachen kürzen  i,  a  gänzlich  aus  der  endsilbe,  und  di^  ai,  ii  {i)  werden  zu  ä,  a,  i. 
Später  verkürzen  sich  auch  da  und  «  zu  d  und  a. "  Woher  nun  —  das  ist  die 
hauptfrage  —  diese  feindschaft  gegen  das  a  und  %  in  der  letzten  silbe ,  während  das 
M  ungestört  bleibt.  Das  kommt  —  sagt  Scherer  —  von  der  Stellung,  die  die  letzte 
silbe  in  der  wortmelodie  einnimmt.  Jeder  vocal  hat  seinen  eigenton,  wie  neuerlich 
Helmholtz  so  schön  nachgewiesen  hat,  das  i  den  höchsten,  das  w  den  tiefsten.  Nun 
attrahiert  die  höhe  oder  tiefe  des  tons,  welche  einer  bestirnten  silbe  in  der  rede 
beiwohnt,  den  vocal  mit  entsprechendem  höheren  oder  tieferen  eigenton.  Die  höhe 
und  tiefe ,  welche  einer  silbe  in  der  rede  beiwohnt ,  hängt  ab  von  ihrem  Verhältnis 
zum  accent.  Denn  im  wesen  des  germanischeu  accentes  liegt  tonerhöhung.  Der  ger- 
manische accent  aber  liegt  auf  der  Stammsilbe ,  diese  wird  also  hochbetont ,  die  end- 
silben  sind  tieftonig.  Ist  es  ein  wunder,  dass  die  spräche  in  tieftonigen  silben 
vocale  mit  hohem  eigenton  {a ,  i)  nicht  duldet,  dagegen  nichts  daran  auszusetzen 
findet,  wenn  in  tieftonigen  silben  vocale  mit  tiefem  eigenton  (iC)  stehen? 

Das  wäre  in  flüchtigen  zügen  etwa  der  gedankengang  der  an  anregenden 
betrachtungen  besonders  reichen  aufsätze  von  113 — 146.  Aber  woher  denn  weiter 
die  fesselung  des  accentes  an  die  Stammsilbe?  Diese  hängt,  wie  sehr  hübsch  aus- 
einandergesetzt wird  (155 — 160).  ziisammen  mit  dem  leidenschaftlichen  sinn  unserer 
nation  überhaupt,  und  im  speciellen  mit  der  sitte  der  alhteration ,  bei  der  die  bedeut- 
samen Stammsilben  naturgemäss  durch  den  ton  über  aUe  anderen  erhöht  werden  musten. 

Und  hier  sind  wir  an  dem  punkte  angelangt ,  wo  alle  bisherigen  einzelbetrach- 
tungen  sich  zum  ganzen  runden.  Die  alliteration  bewirkt  bindung  des  tons  auf  die 
Stammsilbe  und  erhöhung  des  tons  —  daher  das  accentgesetz.  Das  accentgesetz 
bewirkt  eine  gewisse  wortmelodie  —  daher  das  vocalische  auslautgesetz.  Das  accent- 
gesetz und  das  vocalische  auslautsgesetz  rücken  die  vocale  in  den  Vordergrund  der 
spracharbeit.  Diese  unbewachte  zeit  machen  sich  die  consonanten  zu  nutze  und  voll- 
ziehen die  lautverschiebung.  Denn  das  wesen  der  lautverschiebung  ist  erleichterung 
der  articulation.  Also  an  der  alliteration  hängt  alles.  Die  alliteration  aber  ist  nicht 
möglich  ohne  buchstabenkenntnis ,  und  die  buchstaben  sind  un germanisch.  Ich 
präcisiere  kurz  meine  abweichende  auffassung.  Die  lautverschiebung  ist  nicht  erleich- 
terung der  articulation,  folglich  nicht  gegeben  durch  das  vorwiegen  der  vocale  im 
sprachbewusstsein.  Damit  ist  die  geschlossene  kette  durchbrochen.  Wir  führen  nicht 
mehr  die  eigentümlichkeitcn  der  germanischen  lautform  auf  einen  historischen  aus- 
gangspunkt  zurück.  Zwar  den  Zusammenhang  zwischen  accent  und  vocalischem  aus- 
lautgesetz möchte  ich  zugeben ,  aucli  den  zwischen  alliteration  und  accent.  Aber  laut- 
verschiebung,  alliteration,  und,  wie  wir  nun  Iduzufügen  können,  consonantisches  aus- 


128  LITTERATUB 

lautgosetz  und  ablaut  sind  neben  einander  hergehende  eigentünilichkeiten  des  germa- 
nischen, und  von  jeder  nuiss  besonders  untersucht  werden,  ob  ihre  quellen  in  der 
gemein- arischen  oder  der  germanischen  zeit  liegen. 

Aus  dem  nun  folgenden  aufsatz  über  die  verbalendungen  hebe  ich  nur  eins  her- 
vor, nämlich  die  ganz  neue  anschauung  über  die  flexion  der  wurzel  fla  oder  dad. 
Letztere  form  hält  Scherer  für  unzulässig.  Er  geht  von  der  form  da  aus ,  und  ver- 
mutet als  Urformen  für  -da,  -dct^,  -da  einen  alten  aorist  dhäm,  dhüsi,  dhät.  Mit 
übergehung  anderer  vielfältiger  Schwierigkeiten  erwähne  ich  nur,  dass  das  e  in  der 
conjugation  sich  uns  oben  als  stets  aus  ersatzdehnung  entstanden  erwiesen  hat.  Wir 
dürfen  es  auch  bei  des  nicht  anders  fassen.  Zur  erklärung  der  formen  gehe  ich  aus 
von  dem  plural  dedum ,  dedup ,  dedan.  Wie  nemum ,  nemiip,  nenum  aus  nanamum, 
nanamnp ,  nanamun  entstanden  ist ,  so  führt  dedum ,  dedup  ,  dedun  klärlich  auf  dada- 
dum ,  dadadiip ,  dadadiin ,  mithin  auf  eine  wurzelform  dad ,  die  selbst  wieder  durch 
alte  reduplication  aus  da  entstanden  ist.  (vgl,  Bopp,  sanskritgr.  §.  333.)  Auf  diese 
form  dad  geht  auch  der  singular  zurück.  Aus  (na)nam ,  (na)namt,  (na)nam  muss 
man  schliessen  (da)dad,  (da)dast,  (da)dad.  Aus  dad  in  der  Isten  und  3ten  person 
wurde  nun  da  wie  hva  aus  hvat.  Anders  steht  es  mit  der  zweiten.  In  der  Isten 
und  3ten  stand  der  accent  offenbar  auf  der  Wurzelsilbe.  Wie  nun,  wenn  er  in  der 
zweiten  auf  der  reduplicationssilbe  stand.''  Aus  dädast  oder  (nach  analogie  von  vissa) 
dädass  wurde  dann  regelrecht  dess  und  mit  abfall  des  einen  s  nach  dem  langen 
vocal  des.  So  würden  sich  auch  die  ahd.  zweiten  pers.  des  praet.  erklären.  Den  ihnen 
eigentümlichen  vocal  haben  sie  nicht  vom  conjunctiv,  sondern  wie  der  conjunctiv 
erhalten.  Vielleicht  erlüelten  sie  durch  Vermischung  mit  dem  conjunctiv  das  i,  doch 
ist  das  noch  nicht  sicher  ausgemacht.  Aber  ist  denn  ein  solches  wechseln  des  accen- 
tes  in  der  zweiten  person  praet.  möglich?  Nicht  nur  möglich,  sondern  höchst  wahr- 
scheinlich, wenn  wir  wenigstens  dem  sanskrit  folgen  dürfen,  das  in  der  2ten  pers. 
sing,  des  praet.  den  ton  auf  jede  silbe  des  wortes  legen  kann.  (Bopp,  sanskr. 
gr.  pag.  290  anm.)  Schwierigkeiten  macht  —  um  nichts  zu  verschweigen  —  bei  die- 
ser ganzen  entwickelung  nur  die  entstehung  von  ss  aus  st  im  auslaut.  Doch  wäre 
vielleicht  auch  abfall  des  t  nicht  unmöglich. 

Wir  haben  hiermit  den  Verfasser  erst  durch  die  liälfte  seines  buches  beglei- 
tet; der  folgende  teil  geht  noch  weit  mehr  über  die  gränzen  des  germanischen,  und 
nach  meiner  meinuug  nicht  selten  über  die  gränzen  des  wissbaren  hinaus.  Zu 
bekämpfenden  bemerkungen  fände  sich  hundertfach  —  mehr  als  zu  bestätigenden  — 
veranlassung.  Indess  hat  sich  meine  anzeige  schon  allzusehr  ausgedehnt,  und  auf  den 
zweiten  theil  zurückzukommen  findet  sich  wol  noch  später  gelegenheit. 

Sollen  wir  schliesslich  in  aller  kürze  angeben,  was  wir  an  diesem  buche  — 
das  niemand ,  der  sich  für  deutsche  grammatik  interessiert ,  ungelesen  lassen  wird  — 
der  besondern  beachtung  empfelilen  möchten,  so  ist  dies  zunächst  das  unternehmen 
einer  wirklich  historischen  Sprachbetrachtung ,  wie  sie  unseres  wissens  noch  nirgend 
so  ernstlich  angestrebt  ist,  sodann  die  herbeiziehung  der  physiologie  und  akustik, 
wodurch  besonders  der  vocalismus  viele  und  dankenswerte  aufklärung  erlialten  hat, 
die  theilung  des  deutschen  in  ost-  und  westgermanisch,  die  betrachtungen  über  den 
acCent,  die  Schilderung  des  weichlichen  Charakters  der  ahd.  spräche  (137  flgd.),  dabei 
besonders  der  abschnitt  über  die  mouillierten  laute  (143)  und  viele  einzelnheiten,  die 
nicht  alle  aufzuzählen  sind. 

Ich  scheide  für  diesmal  von  dem  Verfasser  mit  grossem  danke  für  vielfältige 
anregung.  und  dem  wünsche,  dass  es  ihm  gefallen  möge,  auf  die  in  dieser  anzeige 
teils  begründeten ,  teils  angedeuteten  zweifei  einzugehen ,  damit  durch  gegenseitige 
Prüfung  und  berichtigung  vielleicht  eine  einigung  zu  stände  komme.  Noch  bemerke 
ich,  dass  ich  zu  meinem  oben  s.  1  —  21  gedruckten  aufsatze  über  lautverschiebung 
Scherers  buch  noch  nicht  benutzen  konnte. 

HALLE.  B.  DELBRÜCK. 


Halle,  itruck  der  Waisenliaue-Buchdrucke 


DIE  DEUTSCHEN  ZWÖLFGÖTTER. 

Zu  den  vielen  fragen ,  welche  die  mythologie  aufwirft ,  gehört  auch 
die  nach  der  systematischen  ausbildung  des  germanischen  götterglauben. 
In  dem  bunten  Wechsel  und  der  reichen  fülle  der  grossen  und  kleinen 
göttlichen  mächte  verkennt  man  den  zug  nach  einigung  und  stätigkeit 
nicht.  Von  dem  urriesen  der  skandinavischen  kosmogonie  bis  zu  der 
jüngsten  zeit,  da  Odin  Allvaters  gestalt  erhält,  brechen  versuche  her- 
vor, die  Vielheit  der  einheit  zu  nähern.  Schon  die  gruppenbildungen 
bekunden  das  streben  nach  samlung  des  zerstreuten  und  nach  einer 
systematischen  Ordnung,  wie  systemlos  auch  uns  sie  erscheinen  mag. 

Die  trilogien  und  dodekalogien  finden  wir  in  den  religionen  der 
meisten  höher  entwickelten  Völker.  Die  trilogien  sind  gewöhnlich  drei- 
stralungen  aus  der  ältesten  naturkraft  und  deshalb  von  hohem  alter. 
Die  zwölfzahlen  dagegen  ergeben  sich  als  jüngere  und  künstliche  bildun- 
gen,  welche  darum  in  ihrer  Zusammensetzung  schwanken.  In  trilogien 
und  dodekalogien  finden  nur  männliche  gottheiten  aufnähme. 

Die  germanische  mythologie  kennt  das  zwölfgöttersystem.  Aller- 
dings ist  es  nur  für  die  Skandinavier  verbürgt,  allein  diess  genügt  für 
die  annähme,  dass  auch  die  Deutschen  es  besassen  oder  doch  besessen 
haben  können.    Eine  Untersuchung  möchte  nicht  unnütz  sein. 

Das  früheste  urkundliche  zeugnis  für  die  zwölfzahl  der  germani- 
schen götter  giebt  die  stelle  der  Hyndluliod: 

Väru  ellifu  -^sir  taldii-, 
Baldr  er  hne  vid  banapüfu. 

Es  beginnt  damit  die  sogenannte  Völuspä  hin  skamma,  welche  Bugge 
als  älteren  theil  von  dem  genealogischen  gedieht  ausscheidet.  Indem 
Bugge  dieses  in  das  9.  Jahrhundert  setzt,  gewinnen  wir  für  den  mytlii- 
schen  theil  ungefähr  das  achte,  wohin  Munch  die  ganzen  Hyndluliod 
stellte.  Im  achten  Jahrhundert  wenigstens  war  also  die  dodekalogie  im 
norden  fest  begründet.  Damals  und  so  lange  das  heidenthum  noch  blühte, 
sprach  man  ohne  weiteres  von  den  zwölf  äsen,  und  Snorri  Sturluson 
erzählte  daher  in  seinem  euhemeristischen  bericht  über  die  mythische 
zeit  in  der  Ynglingasaga,  dass  die  menschen  dem  Odin  und  seinen  zwölf 
häuptlingen  opferten  und  sie  god  nannten  (c.  7),  und  berichtet  von  der 
Asenburg,  worin  Odin  als  Oberhaupt  samt  den  zwölf  hofgoden,  welche 
diar  geheissen  wurden,  gebot  (c.  2). 

Odin  ist  also  das  haupt;  ihm  zur  seite  stehen  hier  zwölf  götter, 
wie  ja  in  allen  dodekalogien  die  zahlen  12  und  13  schwanken,  je  nach- 

ZEITSCHR     F.    DEUTSCHE     PUII.OLOGIK.  9 


130 


KARr-    WRINTIOLD 


dem  das  oberste  glied  mit-  oder  abgereclmet  wird  (Grimm,  rechtsalter- 
thümer  217).  Die  ältere  zahl  ist  jedoch  zwölf,  wie  jener  vers  der  klei- 
nen Völuspa  und  eine  stelle  der  Gautreksaga  (fornaldars.  3,  ;}2)  lehren. 

Die  uamen  der  zwölf  götter  linden  wir  an  drei  stellen  der  Snorra- 
edda:  Gylfaginning  c.  20  flgd. ,  Bragaroedur  c.  55  mid  Skaldskapar- 
mäl  75. 


Gyifag. 

Bragar. 

Skaldsk. 

Odinn 

Yggr        • 

|)6rr 

J)6rr 

J)6rr 

Baidur 

Yngvifreyr 

Mördr 

Niördr 

Vidarr 

Freyr 

Freyr 

Baldr 

Tyr 

Tyr 

Vali 

Bragi 

Heimdallr 

Heimdallr 

Heimdallr 

Bragi 

Tyr 

Hödr 

Mördr 

Vidarr 

Vidarr 

Bragi 

Vali 

Vali 

Hödr 

UUr 

üllr 
Hoeuir 

Forseti 

Forseti 

Forseti 

Loki 

Loki  n 

Loki 

Die  nahe  verwantschaft  der  ersten  und  zweiten  reihe  fällt  in  die 
äugen;  der  zahlenunterschied  (14  :  12)  entsteht  dadurch,  dass  in  der 
zweiten  Odin  weggelassen  ist  und  auch  Baidur  fehlt,  den  Gylfaginning 
als  anhang  zu  Thor  behandelt.  Die  reihe  ist  aber  ursprünglich  dieselbe 
und  auch  die  gruppe  der  Skalda  kommt  aus  der  gleichen  quelle,  wie 
durcheinander  auch  die  namen  geworfen  sind,  anfang  und  schluss  stehen 
fest,  nur  die  mitte  wechselt.  Die  Zahlendifferenz  (13  :  14)  kommt  davon, 
dass  üllr  in  der  Skalda  weggelassen  ist. 

Gemeinsam  allen  dreien  sind,  wenn  wir  von  Odinn  (Ygg)  absehen: 
Thorr,  Niördr,  Freyr,  T}t,  Heimdallr,  Bragi,  Vidarr,  Vali,  Forseti,  Loki. 

Baidur  und  Hödr  stehen  in  1  und  3. 

üllr  in  1  und  2. 

Hoeuir  nur  in  2. 

Da  nun  Baidur  als  zwölfter  as  durch  Hyndluliod  28  gesichert  wird, 
so  erhalten  wir  als  die  zwölf  götter  nach  dieser  quelle 

Odinn,  Thorr,  Niördr,   Freyr,   Tyr,  Heimdallr,  Bragi,  Baidur, 
Vidarr,  Vali,  Forseti,  Loki, 

1)  In  der  Raskschen  ausgäbe  ist  Loki  hier  ausgelassen. 


DIE   DEUTSCHEN   ZWOLPGOTTER 


131 


Hierzu  tritt  als  dreizehnter  Ullr  oder  Hödr ,  scheinbar  mit  gleiclier 
berechtigung ,  während  für  Hoeuir  der  anspruch  in  der  jüngeren  zeit 
ebenso  schwach  ist,  als  er  für  eine  ältere  durch  seine  stelle  in  einer 
sehr  alten  trilogie  wächst. 

Man  erkennt  leicht  die  Zusammensetzung  der  zwölf  aus  verschie- 
denen Gruppen: 

1)  die  drei  skandinavischen  landasen  Odin,  Thor,  Freyr;  dem  letz- 
teren verbinden  wir  seinen  vater  Niördr,  dessen  Verjüngung  er  ist; 

2)  Tyr,  Heimdali,  Bragi;  am  besten  in  2.  geordnet,  in  3.  tiefer 
gestellt  und  durch  Niördr  sehr  ungehörig  unterbrochen.  Den  beiden 
alten  elementargöttern  ist  der  greise  Odinssohn  gesellt; 

3)  die  gestalten  des  Baidurmythus :  Baidur ,  Hödr ,  Vidar ,   Vali ; 

4)  der  gott  der  gerechtigkeit  Forseti,  und  der  böse  dämon  Loki; 

5)  so  weit  sie  in  rechnung  kommen,  die  beiden  alten  elementar- 
götter  Ullr  und  Hoenir. 

Es  sind  sonach  wesen  verschiedener  dynastien  und  perioden  ver- 
einigt: eigentliche  äsen  und  wanen,  riesische  abkömmlinge,  elementare 
und  ethische  bildungen.  Von  den  höheren  gottheiten  ist  nur  der  halb 
vergessene  Hoenir  nicht  recht  zur  geltung  gekommen ;  ganz  ausgeschlos- 
sen blieben  die  allzu  riesischen  Oegir  und  Mimi,  so  wie  die  Tliorssöhne 
Modi  und  Magni,  welche  sehr  junge  persouificationen  sind. 

Auf  den  zwölfkreis  sind  die  mythen  von  Baldurs  tod  und  vom 
Weltuntergänge  von  grosser  Wirkung  gewesen:  die  sonst  wenig  bedeuten- 
den Vidar  und  Vali  stehen  in  allen  drei  reihen ,  Baidur  und  Hödr  in  den 
beiden  hauptsächlichen  1  und  3.  Wir  dürfen  daraus  schliessen,  dass 
diese  dodekalogie  zusammengesetzt  ward,  als  der  glaube  an  das  götter- 
uud  weltende  schon  bestund.  Wir  können  freilich  nicht  sagen,  in  wel- 
chem Jahrhundert  sich  diese  folgenschwere  Überzeugung,  die  aus  sitt- 
lichem gründe  entsprang,  bildete;  indessen  berechtigen  die  spuren  des 
Weltuntergangsmythus  in  deutschen  sagen  zur  annähme,  dass  derselbe 
schon  vor  bekehrung  der  ersten  festländischen  Deutschen  zum  christen- 
thume  entwickelt  war.  Damit  gewinnen  wir  für  entstehung  des  germa- 
nischen ZAVölfgöttersystems  eine  ungleich  ältere  zeit  als  die  der  ersten 
urkundlichen  bezeugung  im  achten  Jahrhundert. 

Dagegen  dass  die  zwölf  götter  mit  den  zwölf  monateu  zusammen- 
hiengen,  wie  neuerlich  wieder  W.  Schwartz.  (Ursprung  der  mythologie  17) 
unter  ausdehnung  des  satzes  auf  das  fest  der  wintersoinienwende  (die 
zwölften)  behauptete,  habe  ich  mich  schon  in  meiner  abhandlung  über 
die  deutsche  jalntheilung  s.  15.  ausgesprochen.  Niclits  weist  darauf, 
dass  die  zwölf  monatgötter  des  eudoxischen  kalenders  von  den  Germanen 

9* 


132  WEENHOLD,   DIE  DEUTSCHEN  ZWÖLFGÖTTER 

iu  umdeutuug  angenommen  wurden,  oder  dass  die  Germanen  selbst  auf 
ein  göttliches  patrociniuui  für  jeden  monat  verfallen  wären. 

Wii"  haben  vorhin  aus  der  allgemeinen  ähnlichkeit  und  der  viel- 
fachen genauen  Übereinstimmung  der  skandinavischen  und  deutschen 
mythen  von  vorn  herein  auf  eine  zwölfzalil  auch  der  deutschen  götter 
geschlossen.  Freilich  können  wir  keinen  genügenden  beweis  dafür  bei- 
bringen, allein  die  Vermutung  durch  die  in  manchen  volkssagen  erschei- 
nenden geisterhaften  zwölf  männer  unterstützen.  Die  gruppe  wird  sich, 
wenn  sie  bestund,  von  der  nordischen  wahrscheinlich  in  manchen  glie- 
dern unterschieden  haben,  da  schon  die  niederdeutsche  trilogie  des  ach- 
ten Jahrhunderts  Thuner,  Woden,  Saxnot,  in  der  die  taciteische  Mercu- 
rius,  Hercules  und  Mars  (Germ.  c.  9.)  wiedertönt,  ein  anderes  glied  als 
die  skandinavische  Odin,  Thor  und  Freyr  enthält.  Bestimmte  Zeugnisse 
haben  wir  ausser  jenen  di-eien  in  Deutschland  nur  für  den  zweigeschlech- 
tigen  Nerthus ,  für  Fro ,  Balder  -  Phol  und  Fosite ;  ausserdem  ist  ein  deut- 
scher, wenigstens  ein  sächsischer  Wuldor  (Ullr)  mit  ziemlicher  Sicher- 
heit aufzustellen.  Aber  für  die  deutschen  Loki,  Heimdali,  Bragi,  Hoe- 
uir,  Widar,  Wali  müssen  erst  frische  und  reine  quellen  springen,  so  sehr 
auch  die  Sunna,  Sinthgunt  und  VoUa  des  Merseburger  Spruches  für  das 
leben  selbst  der  untergeordneten  gottheiten  in  Deutschland  reden. 

Eine  frage  bietet  sich  endlich:  ob  zwischen  der  drei-  und  der 
zwölfzahl  nicht  vermittelnde  gruppierungen  lagen?  Wir  wissen,  dass  sie- 
ben und  neun  beliebte  reihen  schufen,  und  können  namentlich  auch  aus 
deutschen  volkssagen  sieben  und  neun  geisterhafte  wesen  vielfach  nach- 
weise n(Grimm,  mythol.  392.  Simrock,  mythol.  §§.  59.  107.  Panzer 
1,  312.  Rochholz,  sagen  aus  dem  Aargau  1,  312.  Kuhn,  westfäl. 
sagen  1 ,  333).  Nun  nennen  die  Grimnismal  bei  aufzählung  der  götter- 
häuser  neun  götter  ausser  drei  göttinnen,  nämlich 

J)6rr,  Ullr,  Freyr,  Hröptr,   Baldm-,   Heimdali,   Forseti,  Mördr, 
Vidarr. 

Ullrs  nennung  ist  für  sein  anrocht  auf  den  platz  in  der  dodekalo- 
gie  nicht  zu  übersehen.  Andrerseits  beweist  das  fehlen  Tys  und  Lokis, 
dass  diese  neunzahl  für  keine  systematische  gruppe  gelten  kann.  IJeber- 
haupt  haben  die  hepta-  und  ennealogien  kaum  tiefere  bedeutung  für  die 
oberen  gottheiten  gehabt.  Auch  der  dodekalogie  können  wir  nur  den 
geschichtlichen  werth  zusprechen,  die  götter  zu  nennen,  welche  beim 
abschluss  des  germanischen  religionssystems  als  die  wichtigsten  galten. 
Sie  ist  gewissermassen  ein  staatskalender  aus  der  regierung  des  letzten 
götterkönigs  der  Germanen. 

KIEL,   JULI    1867.  KAEL    WEINHOLD. 


133 

DIE  DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBUNG. 

(Fortsetzung  und  schluss.) 
h)    h  im  in-    und  auslaut. 

179)  ahana  spreu,  lat.  acus,  -eris  spreu.    Lottner  K.  Z.  7,  179. 

180)  all  ja  11  glauben  wähnen,  alima  geist  bringt  Leo  Meyer  K.  Z. 
14,  84  zusammen  mit  r)o-f7£(7/>«<  ahnen  aus  hyqaad^ai.  Dazu  altind.  äkshi 
äuge,  zend  akhsh  sehen,  die  auf  eine  wurzel  ak  weisen.  Verwaiit  ist 
damit  C.  nr.  627  und  augo  aus  auho  und  dies  aus  ahvo,  wo  hv  für  den 
reinen  k-laut,  den  noch  ksl.  oko  zeigt,  eingetreten  ist.  lettisch  azs 
äuge  aus  azis  (wurzel  ak). 

181)  ahd.  ahsa  achse,  altind.  äksha  dass. ,  gi-.  a^iov ,  lat.  axis, 
ksl.  osi,  lit.  aszis.  C.  344.  Schleicher  ksl.  39.  Verwant  sind  ahsel  und 
lat.  äla. 

182)  ah  tau  acht,  altind.  ashtän,  zend  astan,  gr.  oxtw,  lat.  octo. 
C.  149.    Das  t  ist  erhalten,  vgl,  pag.  142. 

18.S)  aihan  (aihands)  haben,  altind.  19  verfügen  über,  mächtig  sein. 
K.  Z.  10.  311. 

184)  eich.  ahd.  elaho  elho,  altind.  ri9ya  (aus  arkya)  hirsch.  Kuhn, 
beitr.  2,  374.  vgl.  Max  Müller  lectures  2,  361.  Sachliche  nachweise 
bei  Diefenbach,  Origines  Eur,  222. 

185)  alli's  tempel,  lat.  arx,  gr.  a.'kah/.Eiv  abwehren,  altind.  raksh 
schützen,  also  eigentlich  „sicherer  ort,"  nicht  etwa  „hain." 

186)  auhns  ofen,  altind.  ä9na  stein.     Aufrecht  K.  Z.  5,  135. 

187)  auhsa  ochse,  altind.  ukshän  stier  (befruchter,  von  uksh,  nicht 
von  vah),  zend  ukhshan  stier. 

188)  ahd.  delisala  heil,  hacke  (s.  Grimm  s.  v.  dechsel),  altind. 
taksh  behauen,  verfertigen,  gr.  Tiyv^]  rUtwv,  lat.  texo  textor.  C.  198,'^ 

189)  fall  an  fangen,  ergreifen  s.  n.  291. 

190)  faihu  vieh  s.  n.  293. 

191)  flahtom  dat.  plur.  von  flahta  oder  flahto,  flechte  hat  Ebel 
K.  Z.  6,  217  und  nach  ihm  Schmidt  16,  434  mit  gr.  nlimo,  lat.  plico 
plecto,  altind.  parc  (mengen,  mischen,  in  Verbindung  setzen)  zusammen- 
gebracht; got.  fall^an  falten  ist  wol  (mit  Schmidt  a.  a.  0.)  davon  zu  tren- 
nen und  zunächst  mit  altsl.  pleta,  inf.  plesti  (Lottner  K.  Z.  11,  189) 
zusammenzustellen.     Doch  siehe  auch  C.  151.     Fick  wörterb.  s.  v.  partä. 

192)  fr  a ihn  an  fragen,  altind.  pra9nä,  frage  Streitfrage,  lat.  pre- 
cari  procare  procus  freier ,  lit.  praszaü  verlangen.  Das  altindische  prach 
fordern,  fragen  (aus  prask)  steht  wol  für  praksk,  vgl.  zend  pare9. 

19.3)  jühiza  jünger,  jüggsjung,  jünda Jugend,  „got.juggs,  ebenso 
wie  lat.  jtivencö  jung  enthält  das  suffix  ka,  gg  aber  trat  für  das  zunächst 


134  DELBRÜCK 

erwartete  nli  ein  wegen  des  widerstrebens  der  gotischen  spräche  gegen 
die  letztere  lautvcrbindung ,  die  man  im  comparativ  jühiza  durch  aus- 
stossen  des  nasals  vermied,  im  subst.  junda  fehlt  das  gutturale  suffix, 
allen  drei  formen  liegt  das  altind.  yün  aus  yuvan  zu  gründe."  Leo  Meyer 
K.  Z.  6,  7.  yün  ist  aus  yimn  contrahiert  (Benfey  vollst,  gr.  pag.  311), 
lit.  jaunas  jung,  ksl.  junti.  Noch  uncontrahiert  zend  yavan,  altind.  comp, 
und  sup.  yaviyans  und  yavishtha,  vgl.  auch  C.  519  und  im  bezug  auf 
keltische  parallelen  beitr.  2,  162. 

191)  liuliaj)  licht,  lauhmuni  blitz,  altind.  und  zend  ruc  leuch- 
ten, gr.  levy.og,  lat.  lux.  C.  147. 

195)  nahts  nacht,  altind.  na9  oder  nak  (nur  in  der  euphonisch 
veränderten  form  nag  erhalten),  näkta  näkti  nacht,  gr.  rt'f,  lat.  nox, 
lit.  naktis,  lett.  nakts.  C.  149. 

I95i>)  ahd.  salis  messer,  lat.  secare  schneiden,  altind.  chä  nach 
Ascoli's  feiner  bemerkung  aus  skä  =  sak  K.  Z.  16,  207. 

196)  saihs  sechs,  altind.  shash,  zend  khshvas,  gr.  f^,  lat.  sex. 
C.  345. 

197)  ahd.  spehon  spähen,  altind.  spa9,  l)sehe,  2)  sitbst.  späher, 
zend  9pa9  1)  schauen,  2)  späher,  gr.  (j/J/hoi^im,  lat.  specto.  C.  153. 

198)  svaihra  Schwiegervater,  altind.  9va9ura,  zend  qa9ura,  gr. 
txvQog,  lat.  socer,  ksl.  svekru,  keltisch  hveger.  Ebel  beitr.  2,  164. 
C.  126. 

199)  tahjan  hin  und  her  reissen,  altind.  dan9  beisson,  zend  da9, 
gr.  dccKvio  beissen.  C  124. 

200)  ags.  tä,  ahd.  zehä,  gr.  öäy.rvXog,  lat.  digitus  aus  dicitus. 
C.  124,  wo  taiho  zu  streichen  ist. 

201)  taihsvs  rechts,  altind.  daksha  tüchtig,  geschickt,  däkshina 
tüchtig ,  rechts ,  zend  dashina  dexter ,  kelt.  dess  rechts,  beitr.  2 ,  161. 
gr.  öe^ing,  lat.  dexter.   C.  212. 

202)  taihun  zehn,  altind.  und  zend  dä9an  zehn,  gr.  df/.c(,  lat. 
decem.  C.  125. 

203)  tarhjan  auszeichnen,  eigentlich  sehen  lassen,  altind.  dar9 
sehen,  alts.  torht  glänzend.  C.  125..  zend  dare9  sehen,  gr.  dc-Qy.nficd. 
Fick  85.    in  bezug  auf  das  celtische  s.  Ebel  beitr.  2,  167. 

204)  teihan  zeihen,  altind.  di9,  gr.  öeUvvi.u  dUrj,  lat.  dico  vgl. 
die  trefflichen  ausführungen  von  Sonne  K.  Z.  15,  82.  taikns  gehört  nicht 
hierher  sondern  zu  tij  =  stij  (Grassmann  K.  Z.  12,  137). 

205)  tiuhan  ziehen,  lat.  duco.  Die  vergleichung  mit  altind.  duh, 
wofür  wir  oben  die  urform  dhugh  erschlossen,  passt  weder  nach  laut 
noch  bedeutung. 


DIE  DEUTSCHE  LAÜTVEßSCHIBBÜNG  135 

200)  pah  an  schweigen,  lat.  tacere,  vielleiclit  ist  altind.  tii9  (nebeu- 
fonii  von  tusb) ,  beschwichtigen ,  zu  vergleichen ,  das  dann  aus  ta9  tak  ent- 
standen sein  müsste.  Leo  Meyers  bemerk.  K.  Z.  14,  83  ist  hiermit  unvereinbar. 

207)  {j  reih  an  drängen,  bedrängen,  eigentlich  drehen,  foltern. 
Am  nächsten  steht  lat.  torqueo ,  altind.  tark  nachdenken  heisst  wol  eigent- 
lich volvere  animo  (Schweizer  K.  Z.  12,  302).    C.  411. 

208)  vahsjan  wachsen,  altind.  vaksh  dass. ,  zend  vakhsh  dass., 
gr.  tn^cmo.  C.  344. 

20\))  veihs  (stamm:  veihsa)  flecken,  altind.  ve9a  haus,  gr.  ol/oc;, 
lat.  vicus,  keltisch  fich  municipium,  pagus  Ebel,  beitr.  2,  165.  Das 
deutsche  wort  ist  durch  ein  zweites  suffix  weitergebildet.  C.  149. 

ünverschoben  bleibt  das  k  in  der  lautgruppe  sk.  Das  indogerma- 
nische sk  erscheint  im  altindischen  als  sk,  skh,  ksh,  kh,  ch,  c,  s  (savya), 
im  griechischen  entspricht  (Jx,  ax,  x,  x?  b,  <J  {avldcü,  au)f.ia),  im  lat. 
sc  oder  c,  im  deutscheu  ist  entweder  das  s  abgefallen  und  das  k  ver- 
schoben (s.  hüd ,  gahamon ,  hinkau)  oder  die  ganze  gruppe  erhalten. 

210)  skadus  schatten,  altind.  chad  bedecken  (über  die  erhaltung 
des  d  später).  Regelrecht  verschoben  ist  das  k  in  den  zu  dieser  wurzel 
gehörigen  Wörtern ,  welche  das  initiale  s  abgeworfen  haben ,  altn.  höttr 
hut,  engl.  hat.  Lottner,  K.  Z.  7,  180.  Zu  der  nahe  verwanten  wurzel  sku 
bedecken  gehört  alts.  skio  decke,  bedeckter  himmel,  gr.  o/uu,  ahd. 
skiu-ra  scheuer.  Zu  einer  auch  aus  anderen  formen  zu  erschliessenden 
wurzel  skam  gehört  skaman  sih  sich  schämen,  eigentl.  sich  bedecken. 
Delbrück,  K.  Z.  17,  240. 

211)  skaidan  scheiden,  altind.  chid  abschneiden  zerreissen,  zend 
9cid  dass. ,  wo  9c  nach  zendischeu  gesetzen  für  sk  steht ,  gr.  oyiil.io  spal- 
ten ,  lat.  scindo.  Über  das  d  später.  C.  222.  vgl.  scheit  und  lett.  skaida 
Span,  scheit. 

212)  alts.  skakan  erschüttert  werden,  beben  wird  von  Kuhn  Z. 
3,  129.  mit  khaj  umrüliren ,  das  zwar  selbst  unbelegt  aber  dm'ch  khaja 
rührlöff"el  gesichert  ist,  zusammengestellt.  Nahe  verwant  ist  ohne  Zwei- 
fel khaiij  hinken,  womit  unser  hinken  identisch  ist.     K.  Z.  16,  319. 

213)  altn.  skald  dichter  vergleicht  Lottner  K.  Z.  11,  200  mit  alt- 
ind. chändas  (aus  skandas)  lied,  vers,  mit  erhaltenem  d  wegen  des  sk. 
Ist  diese  vergleichung  haltbar,  so  wird  man  auch  mit  Kuhn  Z.  4,  35. 
ags.  sculdor  zu  altind.  skandhas  schulter  stellen  dürfen  (zu  n  für  1  vll. 
vana:  wald.) 

214)  skal  bin  schuldig,  eig.  ich  fehlte  (und  muss  wieder  gut 
machen),  altind.  sklial  sündigen  (grundbedeutung  schwanken),  lit.  skola 
schuld,  lat.  scelus.     Ist  die  wurzel  sphal  mit  der  Avurzel  skhal  nah  verwant. 


136  DELBRÜCK 

SO  o-ohört  auch  C.  ur.  558  hierher.  Dagegen  ist  zu  trennen  got.  skilja 
fleischer,  das  zu  einer  wurzel  skar  gehört,  welche  C.  136  behandelt,  und 
deren  grundbedeutung  schneiden  ist,  während  sich  für  unsere  Wörter 
aus  altind.  skhal  die  bedeutung  ausgleiten  ergiebt. 

215)  alts.  skap  gefäss,  fass,  got.  skip  sind  von  gi:  oy.d(fog  oycmpt] 
schaff,  schiff  unmöglich  zu  trennen.  Sie  bezeichnen,  wie  axä^ctoj  graben 
beweist,  das  ausgehöhlte.  Weil  sich  nun  hier  griech.  cp  und  deutsch  p 
begegnen ,  setzt  Grassmann  ph  als  ursprünglich.  Aber  man  wird  lat. 
scabo  doch  auch  nicht  trennen  können,  was  auf  media  oder  media  asp. 
schliessen  lässt.  Es  liegt  hier  einer  der  fälle  vor ,  welcher  zeigt ,  dass  die 
geistvolle  Grassmannsche  ansieht,  soweit  sie  die  ursprünglichkeit  der 
teuuis  asp.  betrifft,  doch  noch  zweifeln  unterliegt,  vgl.  C.  153. 

216)  skatts  geldstück,  altmd,  skhad  spalten,  gr.  OKeddvwiia  ayj- 
Sog  tafel,  blatt.  Heyne  Heliand  Gl.  s.  v.  skat,  Müllenhof  bei  C.  222. 

217)  us-skavs  vorsichtig,  nüchtern,  viell.  altind.  kavi  weise, 
dichter,  gr.  xoc'w  ^voaxoog,  lat.  caveo.  C,  140.  vgl.  auch  beitr.  2,  260. 
Zu  derselben  wurzel  bringt  Kuhn 

218)  skauns  schön  (3,  433),  also  eig.  „angesehen"  wie  altind. 
dar9atä  schön  zu  dar9  sehen. 

219)  ahd.  sciluf  schilf,  lat.  scirpus,  gr.  ^lip  flechtwerk.  C.  316. 

220)  af-skiuban  von  sich  schieben,  altind.  kshubh  in  bewegung, 
aufi'egung  gerathen.  Sonne  bringt  dazu  nicht  übel  den  ^larcfog  als 
Schieber.  K.  Z.  10,  187. 

221)  spai-skuldrs  Speichel,  skuldrs  bringt  Leo  Meyer  0.  u,  0. 
I,  520  sehr  treffend  zu  altind.  chard  (aus  skard)  ausspeien,  sich  erbre- 
chen ,  dessen  d  dem  Verschiebungsgesetze  nicht  widerspricht.  Dadurch  erle- 
digt sich  Grimms  abteilung  in  spais  -  kuldrs  oder  spaisk-uldrs.  Gr.  2,  332. 

Von  inlautendem  sk  wäre  etwa  zu  nennen: 

222)  fisks  (stamm:  fiska),  lat.  piscis.  Wegen  celtischer  paralle- 
len -vgl.  K.  Z.  3 ,  67  mit  W.  S.  three  ir.  gloss.  pag.  LH. 

223)  alts.  malsk  stolz,  übermütig,  got.  untila - malsks ,  altind. 
mürkha  stumpfsinnig ,  dumm ,  unverständig ,  nach  altind.  lautgesetzen 
aus  marska  (vgl.  pürna  von  par)  entstanden,  vgl.  auch  Leo  Meyer  0.  u.  0. 
I,  526. 

Das  sk  als  praesenszusatz  bleibt  ebenfalls  unverschoben.   So  in  ahd. 

224)  wunscan  wünschen  neben  altind.  vähch  wünschen,  was  aus 
vansk  entstanden  ist,  und  auf  die  wurzel  van  (Venus  venerari  etc.) 
zurückgeht,  ebenso  in 

225)  ahd.  miskan  mischen.  Das  altind.  denominativum  mi9ray 
mischen  und  miksh  mischen,  das  griechische  aus  k  erweichte  ;'  m  /niy- 
vv/.a,  das  lit.  miszti  mischen  weisen  auf  eine  wurzel  mik,  das  keltische 


DIE  rEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  137 

vielleicht  auf  noch  älteres  mak.  Das  auslautende  k  dieser  wurzel  ist  im 
lat.  misceo  aus  micsceo  (nach  der  zweiten!)  im  ahd.  miskan  aus  miks- 
kan,  wol  auch  im  keltischen  vor  dem  sk  verdrängt.  Das  griech.  fdoyoj 
hätte  eine  analoge  erweichung  im  zusatz-k  erfahren,  wie  iilyvv(.ii  im 
stammhaften  k.     C.  300.     Ebel  beitr.  2,  164. 

Als  unregelmässig  erhaltene  k  im  anlaute  führt  Lottner  in  seinem 
oft  citierten  aufsatze  (K.  Z.  11)  an:  got.  quairrus,  quainon,  quipan,  altn. 
kringla,  kynda.  Aber  got.  quairrus  sanftmütig  braucht  nicht  zum  lat. 
cicur  gestellt  zu  werden,  sondern  kann  —  und  dies  ist  Bopps  ansieht  — 
ebenso  gut  zu  jar  zerreiben,  mürbe  machen  gestellt  werden,  quainon 
ist  et.ymologisch  unklar.  qui})an  darf  mit  kath  wol  nicht  mehr  verglichen 
werden ,  seitdem  Böhtlingk  und  Roth  wieder  darauf  aufmerksam  gemacht 
haben,  dass  eine  würze!  kath  in  sanskrit  nicht  existiert,  sondern  nur  ein 
denominativum  kathay,  was  schon  Schlegel  auf  katham  ,,wie"  zurückge- 
führt habe  mit  der  bedeutung  „  das  wie  eines  ereignisses  darlegen."  Warum 
altn.  kringla  kreis  nicht  als  sichere  ausnarae  anzusehen  sei,  hat  Lottner 
selbst  a.  a.  o.  185  ausgeführt.  Etwas  andere  bewantnis  hat  es  mit 
„  altn.  kynda  anzünden ,  engl,  kindle  (lat.  ac  -  cendo  ,  candeo ,  skr.  cand 
glänzen,  wovon  candra  mond)."  Für  candra  mond  erscheint  nicht  sel- 
ten die  ältere  form  9candra  (s.  BR.  s,  v.)  das  heisst  ursprünglich  skan- 
dra.  Das  verbum  möchte  also  auch  im  deutschen  ursprünglich  mit 
unverschobenem  sk  angelautet  haben ,  und  erst  spät  sein  s  verloren  haben. 
Dass  sich  unter  dieser  Voraussetzung  auch  die  erhaltung  des  d  erklärt, 
werden  wir  später  sehen.  Andere  angeblich  unverschobene  k  sind  im 
laufe  unserer  Untersuchung  erledigt  worden,  so  taikns  (nr,  204)  und 
vraiqvs  (nr.  391).     "Wirklich  un verschoben  scheint  das  k  in 

226)  alts.  vikan  weichen  neben  gr.  hUto  C.  125  und  wol  auch 

227)  aquizi  neben  acus  acutus  a9  scharf  sein  etc.  Auch  einige 
inlautende  altnordische  k,  die  Lottner  a.  a.  o.  186  beibringt,  sind  viel- 
leicht unverschoben.  Als  resultat  ergiebt  sich,  dass  das  k,  wenn  es 
allein  stand,  im  inlaut  selten  unverschoben  geblieben  ist,  nie  im  anlaut. 

Bisweilen  soll  auch  die  alte  tenuis  im  anlaut  zur  media  geworden 
sein.  Dafür  führt  Lottner  a.  a.  o.  187  an:  dragan  und  gretan.  dragan 
ist  s.  V.  laggs  (n.  27)  erklärt. 

228)  gretan  wird  von  Lottner  herbeigezogen  unter  der  Voraus- 
setzung, dass  es  zu  altind.  krand  donnern,  prasseln,  brausen,  brüllen 
gehört.  Indess  diese  vergleichung  ist  nicht  zweifellos.  Bühler  in  Benfey's 
0.  u.  0.  2,  340  vergleicht  die  altind,  wurzel  hrad  oder  hräd,  welche, 
wie  aus  ihren  ableitungen  zu  schliessen  ist,  etwa  denselben  sinn  hat  wie 
ki-and,  und  dem  consonantenverschiebungsgesetz  nicht  wiederspricht.  Auf 
denselben  gedanken   ist  Grassmann  K.  Z.  12,  134   gekommen.     Bedenk- 


138  DELBEÜCK 

lieh  ist  nur  dass  das  e  im  praesens  des  verbums  in  mehreren  sicher  erklär- 
baren verben  nicht  dem  blossen  ä  der  verwanten  sprachen  entspricht,  denn 
flokan  ist  ==  plango ,  tekan  =  tango ,  (und  slepan  nicht  =-  svap).  Indessen 
sollte  auch  gretau  mit  hräd  nicht  ohne  weiteres  zusammenzustellen  sein, 
so  ist  darum  die  vergleichung  mit  krand  nicht  weniger  unrichtig. 

Ursprünglich  t  gleich  niederdeutsch  th. 
a)  im  aulaut. 
Das  idg.  t  ist   im   altindischen    und    zend  zu   t  oder  th  geworden, 
im  griech. ,  lat. ,  slav, ,  litauischen  zu  t ,  im  niederdeutschen  zu  th. 

22!))  J>a-  pronominalstamm  enthalten  in  l^ata  Itan  par  etc.  altind. 
ta  - ,  gr.  /.o -. 

230)  J)agkjan  denken,  altlat.  tongere,  verglichen  von  Aufrecht 
K.  Z.  1 ,  353. 

231)  pah  an  schweigen  s.  nr.  206. 

232)  paho  thon  stellt  Schweizer  K.  Z.  8,  451  zu  nr.  237. 

233)  uf-panjan  ausdehnen,  alts.  penian,  altind.  tan  dehnen,  zend 
tan  ausstrecken,  führen,  gr.  xiiro),  lat.  tendo.  Dazu  altn.  thunnr  dünn. 
C.  100.  vgl.  beitr.  2,  165. 

234)  ])aurban  bedürfen  (stamm  parf).  von  den  meinungen  über 
dies  vei'bum  ,  welche  Pauli  in  seiner  schrift  über  die  praeteritopraesentia 
zusammenstellt,  scheint  mir  die  Lottners  die  richtige,  Avelcher  parf  mit 
russ.  terpet'  leiden  vergleicht. 

235)  J)aurnus  dorn  vergleicht  Bopp  Glossar  s.  v.  trina  mit  die- 
sem altind.  Avort  und  russ.  tern  dorn  (was  vielleicht  aus  dem  scliwedi- 
schen  entlehnt  ist?)  vgl.  beitr.  2,  375.    wol  zu  C.  nr.  239. 

236)  paurp  dorf,  feld,  land  cymr.  treb  vicus,  wol  auch  lat.  turba, 
gr.  TCQi-})^  (Lettner  K.  Z.  7,  178);  lat.  tribus,  was  Ebel  K.  Z.  6,  423  dazu 
gestellt  hatte,  will  Corssen  K.  Z.  13,  179  getrennt  wissen. 

237)  ags.  pävan  tauen,  viell.  aus  thähvan,  gr.  t;/;xw  schmelzen; 
freilich  ksl.  taiati  tauen.  C.  197. 

238)  at-J>Jnsan  herziehen,  ziehen,  alts.  l^insan  ziehen,  altind. 
tahs  hin  und  her  ziehen ,  schütteln ,  lit.  tasyti  ziehen.  Ein  altes  fre- 
quentativum  von  tan. 

239)  alts.  I>im  schwarz,  dunkel  (oder  subst.),  nhd.  dämm  er  und 
finster  (vgl.  K.  Z.  15,  238),  altind.  tämas  finsternis,  zend.  tenianh 
finsternis,  lat.  tenebrae,  lit.  tamsä  dunkelheit,  ksl.  tima  finsternis, 
keltisch  temel   obscuritas.  Ebel,  beitr.  2,  165. 

240)  |)airh.  Klar  ist  die  wurzel  tar  durchschreiten.  Der  Bildung 
nach  am  nächsten  steht  wol  altind.  adv.  tiryiik  in  die  quere;  vgl.  L.Meyer 
K.Z.  5.370. 


DIE   DEUTSCHK   LAUTVEKSCHIEBUNG  139 

241)  ga-pairsan  verdorren,  altind.  tarsh  dursten,  zend  tarshna 
durst,  gr.  r^Qao/iai  trocken  werden,  lat.  torreo  dörren.  C.  202. 

242)  altn.  l>i()r  ochse  s.  n.  184. 

243)  I>iuda  volk,  osk.  tovto,  umbr.  tutu  gemeinde,  lettisch  tauta 
volk,  altir.  tuath.  Die  wurzel  ist  erhalten  in  altind,  tu  valere,  suffix  ta 
mit  speciell  gotischer  Senkung  des  tli  in  d.  Ob  piu})  gut  damit  zusam- 
menhängt, ist  zweifelhaft.  C.  204. 

244)  J)ius  knecht  kann  für  pihus  stehen,  wie  naus  für  nahus  = 
na^us  vty.ig.  Dann  ist  in  alts.  pegn  das  g  aus  h  erweicht.  Als  wurzel 
stellt  Grimm,  s.  v.  degen,  tak  auf,  dessen  a  in  Jmis  zu  i  verdünnt  ist, 
welches  aber  im  griech.  tsavov  deutlich  zu  tage  tritt.  C.  198.  Dann 
bedeutet  pius  der  heranwachsende  „puer." 

245)  prafstjan  trösten,   altind.  tarp  satt  werden,  gemessen,   gr. 

TtQJUt).    C.  202. 

246)  präg  Jan  laufen,  gr,  TQtyjo.  Grassmann  K.  Z.  12,  81.  Ebel 
beitr.  2,  167.  vgl.  Diefenbach  Orig.  Europ.  332. 

347)  p  reih  an  s.  nr.  207. 

348)  ags.  preägan  [»rcan  (Gr.)  drohen,  altind.  tarj  drohen,  lat. 
torvus  (K.  Z.  13,  454).   Das  g  scheint  unregelmässig  erhalten. 

249)  preis  drei,  altind.  tri,  zend  thri,  gr.  tQslg,  lat.  tres,  ksl, 
tri.  C,  203. 

250)  us-priutan  beschweren,  belästigen,  schmähen,  lat.  trudo, 
lit.  trüdnas,  ksl.  trudü,  yiorog;  vgl.  auch  Fick  73, 

251)  altn.  pröask  wachsen,  gedeihen,  lat.  turgeo,  besprochen  von 
Regel  K.  Z.  10,  138. 

252)  pu  du,  altind.  stamm  tva,  gr.  ir,  lat.  tu  du,  lit.  tu  du,  ksl. 
ty  du.  C.  198. 

253)  pulan  dulden,  ertragen,  altind.  tul,  gr.  ili^rai ,  lat.  tuli. 
C.  199. 

254)  purs  riese,  gr.  ti()(jtji'(')g,  eig.  baumeister,  ksl.  tvoriti  schaf- 
fen, altind.  tvar  eilen.     Sonne  K.  Z.  10,  105.     vgl.  C.  nr.  273. 

255)  püsundi  tausend  und  ksl.  tysasta,  (lit.  tukstantis)  gelten  als 
einer  der  stärksten  beweise  für  die  nahe  beziehung  des  slavischen  und 
deutschen.  (Schleicher,  beitr.  1,  14).  Vielleicht  aber  ist  das  deutsche 
wort  aus  dem  slavischen  entlehnt.     Sclierer,  zur  gesch.  d.  d.  spräche  456. 

b)  im  in-  und  auslaut. 

Die  mit  {»  anfangenden  suftixe  I)a  (idg  ta)  \n  (ti)  }tu  (tu)  l»va  (tva) 
l)ara  (tara)  sind  nur  erwähnt,  wunn  sie  an  vergleichbare  Wörter  angefügt 
sind,  so  dass  das  gesammte  wort  aus  idg.  zeit  zu  stammen  scheint,  oder 


140  DELBRÜCK 

wenn  sie  wiederum  andere  suffixe  hinter  sich  haben.     Das  letztere  ist  der 
fall  bei 

256)  alpeis  alt,  stamm  alpja,  zu  alan  aufziehen,  lat.  alere,  gr. 
avalvog.  C.  320.     Das  erste  bei 

256^')  anpar  ein  anderer,  litauisch  äntras  der  andere.  Das  altin- 
dische äntara  bedeutet  1)  innerlich ,  2)  verschieden.  Es  scheint  demnach 
geteilt  werden  zu  müssen  in  zwei  gleichlautende  aber  dem  sinne  nach 
verschiedene  formen.  In  der  einen  entspricht  das  an  dem  an  in  anpar, 
in  der  anderen  dem  gr.  h  {Ivi6qc<),  lat.  in,  deutsch  in.  Aus  dem- 
selben stamme,  aber  mit  anderem  comparativsuffix ,  ist  anya  der  andere 
gebildet,  nach  Kuhn  beitr.  1,  367. 

257)  bropar  bruder  s.  n.  98. 

258)  falpan  s.  n.  191. 

259)  -faps  herr,  stamm  fa{)i,  altind.  päti,  zend  paiti  herr,  gr. 
ftooig,  lat.  potis,  lit,  päts  gatte.  C.  254. 

260)  finpan  finden,  s.  nr.  312. 

261)  frapi  verstand,  einsieht,  lit.  prantd  ich  merke,  prötas  ein- 
sieht, lett.  präts  verstand,  viell.  interpretari.    CurtiusK.  Z.  4,  237. 

262)  lipus  glied,  lat.  artus.  Als  älteste  form  wäre  etwa  erg-tu 
anzusetzen,  woraus  sich  die  scheinbare  metathese  des  vocals  erklärt.  Die 
Avurzel  ist  ar.  C.  305. 

263)  mip  mit.  Für  die  urdeutsche  periode  ist  mati  oder  mapi 
anzusetzen.  (K.  Z.  4,  142).  Sicher  verwant  gr.  /netd,  vll.  altind.  smat. 
C.  189. 

264)  munps  mund.  „Der  deutsche  ausdruck  mund  gehört  mit 
lat.  mentum  kinn  zusammen,  und  letzteres  scheint  die  ursprünglichere 
bedeutung  bewahrt  zu  haben,  denn  die  Wörter  gehören  zu  lat.  eminere 
hervorragen,  so  dass  sie  also  einen  hervorragenden  teil  des  gesichts  be- 
zeichnen, was  für  das  kinn  besser  passt,  als  für  den  mund"  Pauli,  kör- 
pernamen  11. 

265)  nipjis  vetter  geht  höchst  Avahrscheinlich  auf  ein  idg.  naptia 
(gr.  veipio  in  aveipiog)  zurück,  so  dass  man  ausfall  eines  f  vor  |)  anneh- 
men muss.  Ausser  der  von  C.  241.  angeführten  literatur  vgl.  noch  Ben- 
fey,  0.  u.  0. 1,  232  flgd. 

266)  quip  US  bauch,  laus  -  q  u  i  J»  r  s  nüchtern ,  altind.  jathära  bauch, 
dessen  verwantschaft ,  mit  der  zweiten  form  auch  dem  suffix  nach,  ein- 
leuchtend ist.  Das  altind.  th  ist,  wie  gr.  ynoiiiQ  zeigt,  entstanden  aus 
st,  wir  müssten  also  auch  im  got.  quist-  voraussetzen.  Wider  die  son- 
stige gewohnheit  ist  abei-  in  unserem  werte  t  zu  th  verschoben  und  das 
s  vor  th  ausgestossen ,  wol  weil  das  th  schon  zischend  gesprochen  wurde. 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  141 

Für  den  aulaut  ist  dieser  fall  bekanntlich  häufig;  vgl.  altn.  I)iör  neben 
stiur. 

267)  saps  satt,  lat.  satur  und  satis  sind  augenscheinKch  verwant. 
Die  Wurzel  ist  wol  erhalten  im  altind.  san  „zur  genüge  erhalten,  spen- 
den," lit.  sötus  satt,  ksl.  sytu  satt. 

268)  tunpus  zahn,  altind.  danta,  zend  daiitan,  gr.  odocg  {oSovt), 
lat.  dens,  lit.  dantis  zahn,  kelt.  det  beitr.  2,  161,  Das  u  im  suffix  ebenso 
wie  bei  fotus.  C.  219. 

268b)  vairpan  werden,  altind.  vart  sich  wenden,  vartis  haus  (ort 
der  einkehr) ,  lat.  vertere,  lit.  vartyti  hin  und  her  wenden.  Die  littera- 
tur  siehe  bei  Diefenbach,  got.  wört.  s.  v. 

269)  disvinpjan  worfeln,  zerworfeln.  Die  vergleichung  mit  lit. 
vetyti  worfeln ,  die  schon  Diefenbach  hat ,  scheint  einleuchtend.  Dadurch  wird 
aber  das  verhältniss  zu  got.  vinds ,  für  das  auch  älteres  {)  vorauszusetzen 
ist,  unklar,  vgl.  Schleicher,  Donaleitis  Gl.  pag.  323.  Fick  167.  Lottner, 
K.  Z.  7,  165.  Wenn  man  eine  wurzel  vat  als  Weiterbildung  von  vä  (va) 
annehmen  darf,  so  ist  auch  vipon  schütteln  verwant. 

Erhalten  bleibt  das  t  in  der  anlautsgruppe  st.  Wird  aber  wider 
den  gewöhnlichen  gebrauch  das  t  zu  p  verschoben,  so  fällt  das  s  ab. 

270)  Stabs  s.  n.  114.  Vielleicht  gehört  hierhin  auch  staua.  K.  Z. 
2,  458. 

271)  stains  stein,  fels,  gr.  oria  kiesel.  C.  194. 

272)  stand  an  stehen,  altind.  sthä,  gr.iaTtji.u,  lat.  sto,  ksl.  statu. 
C.  191. 

273)  staut  an  stossen,  altind.  tud,  lat.  tundo.  Das  s  nur  im 
deutschen  erhalten.  C.  204. 

274)  stairno  stern,  ved.  stäras  sterne,  sanskr.  tar  und  tärä,  zend 
9tare  stern,  lat.  Stella,  gr.  aiJitjQ.  Die  wurzel  ist  wol  star  ausstreuen 
und  die  sterne  „the  strewers  of  light."     Max  Müller,  lectures  2,  68. 

275)  stairo  die  unfruchtbare,  altind.  stari'  unfruchtbare  kuh,  gr. 
GTÜqci,  lat.  sterilis.  C.  193. 

276)  ags.  stearn  staar,  gr.  (/-»a^,  lat.  sturnus.  C.  319. 

277)  steigan  s.  n.  36. 

278)  stigqan  (stamm:  stagq)  stossen,  us-stiggan  ausstechen. 
Eine  grosse  anzal  deutscher  vergl.  Dief.  2,  322  flgd.,  gr.  oiiy  in  Griyi.ia 
OfiCiü,  lat.  di-stinguo,  russ.  stegät'  stechen.  Im  altind.  tij  ist  das  s 
abgefallen,  In  stigqan  ist  idg.  g  regelrecht  verschoben ,  in  stiggau  erhal- 
ten, wegen  des  st,  worüber  später.  Hierher  auch  mit  später  abgefal- 
lenem s :  taikns.  Auliallend  ist  im  got.  verbum  das  stammhafte  a  gegen- 
über dem  i  in  den  verwanten  sprachen  und  den  nominalbildungen  wie 
stiks  und  taikns.  C.  195. 


142  DELBRÜCK 

27:t)  stilaii  (still)  stdiloii.  Tu  bezug  auf  den  uii-  und  auslaut 
stiumit  imi-  gr.  oitoi'«)  bc'vau))eii.  C.  11)3.  Das  altiiid.  steiia  (e  =  ä?) 
dieb  fühlt  zusammen  mit  tayü,  stäyu  auf  eine  wurzelform  stä,  womit 
Pott  und  Beufey  ttiidoiua  verglichen  haben  und  ksl.  taiti  ■KQvmeiv. 

280)  straujan  ausbreiten,  altind.  star,  zend  ^tar  streuen,  hin- 
legen, gr.  aroQivvufu,  lat.  sterno,  ksl.  streti.  0.  1!)5.  Dem  u  in  der 
deutschen  form  entspricht  das  lat.  in  struo,  instrumentum.  Corssen, 
beitr.  71. 

281)  striks  strich,  lat.  tergere,    strigilis.   Corssen,  beitr.  437. 

282)  ahd.  strit  streit,  altl.  stlis,  streit. 

283)  altn.  stynja  seufzen,  stöhnen,  altind.  stan,  tönen,  donnern, 
ksl.  stenati  stöhnen.  C.  193. 

281)  stiur  stier,  kalb,  altind.  sthüra  stark,  gr.  rcwQog,  lat.  taurus. 
Mit  abfall  des  s  und  regelrechter  Verschiebung  des  t  altn.  l)ior.  Die 
Wurzel  ist  stu,  stark  sein,  eine  nebenform  von  stä.  C.  198.  Dazu 
gehört  wol  auch  stiviti  geduld,  „  standhaftigkeit." 

Inlautendes  st  ist  erhalten  in 

285)  fast  an  festhalten,  ksl.  postii,  vipit/a,  verwant  mit  altind. 
pastya  haus  und  hof  (feste  ansiedelung) ,  lat.  postis.  Benfey ,  0.  u.  0.  I,  35. 

28G)  gasts  s.  n.  5. 

287)  In  svistar  Schwester  ist  das  t  wol  eingeschoben,  wie  im 
ksl.  sestra.  Alle  übrigen  indogerm.  sprachen,  in  denen  das  wort  vor- 
handen ist,  haben  nur  s:  altind.  svasar,  zend  qahliar,  lat.  soror,  lit. 
sesu,  gen.  sesers.  vgl.  auch  beitr.  2,  101.  Ganz  denselben  fall  haben 
wir  bei: 

288)  ahd.  stroum  neben  ksl.  struja  fluss.  Dagegen  altind.  sru, 
lit.  sravju  fliessen,  gr.  oqv  {ßai/tQQooi;).  C.  316.  Es  ist  also  wahrschein- 
lich in  diesen  beiden  v>förtern  der  einschub  in  slavo- deutscher  Zeit  erfolgt. 
Doch  vergleiche  man  wegen  svistar  Spiegel ,  beitrage  5 ,  369. 

Als  beispiel  von  ausnahmsweiser  erhaltung  des  t  ausser- 
halb der  gruppe  st  pflegt  man  anzuführen: 

289)  tekan  berühren,  neben  tango,  gi:  maydip.  Ein  entsprechen- 
des wort  im  sanskrit  ist  nicht  aufgefunden,  vgl.  Grassmann  K.  Z.  12,  134. 

Sicher  ist  die  erhaltung  des  t  in  ah  tau,  raihts,  naht  (octo,  rec- 
tus,  nocti),  wo  die  Verschiebung  offenbar  unterlassen  ist,  weil  1)  hinter  h 
schwer  zu  sprechen  ist.  Anders  half  sich  die  spräche  bei  einem  ähn- 
lichen falle  in  nijtjis  (nr.  265.).  Wahrscheinlich  ist  die  erhaltung  des  t 
in  ahd.  anut  ente  gegenüber  lat.  anat.  C.  284. 

Ueber  Vertretung  eines  t  durch  d  später. 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  143 

ursprünglich  p  ==  niederdeutsch  f. 

Dem  indog.  p  entspricht  im  altindisclien  p,  bisweilen  ph  (das  aber 
wol  durch  einfluss  eines  s  aus  p  geworden  ist) ,  im  altbactrischen  p ,  unter 
gewissen  Verhältnissen  f,  im  griechischen  /r,  bisweilen  q),  im  lat.  p,  im 
altsl.  p,  im  lit.  p,  im  deutschen  f. 

a)  im  aulaut. 

290)  fadar  vater,  altind.  pitär,  zend  patar,  gr.  yruTi'jo ,  lat.  pater. 
C.  243.     kelt.  athir.    beitr.  2,  159.     lieber  das  d  später. 

291)  fahan  fangen  gehört  zu  der  im  zend  vorhandenen,  im  alt- 
ind. aus  pä^a  „schlinge"  erschliessbaren  wurzel  pa9  „festbinden,"  lat. 
paciscor.  Im  gr.  ist  k  zu  g  erweicht,  yctjy -i'v-ui.  Dazu,  vermittelt 
durch  den  begriif  „passen,"  auch  faheps  freude  und  mit  Senkung  des  h 
zu  g:  fagrs  schön.    C.  241. 

291b)  ahd.  fahs  haupthaar,  ytc'xw  kämmen,  /dxog  vliess,  lat. 
pecto.     C.  150. 

292)  faian  und  fijan  hassen  hat  Aufrecht  K.  Z.  3,  200  flgd.  mit 
altind.  piy  schmähen,  geringschätzig  begegnen,  verhöhnen,  lat.  pejor 
pessimus,  schön  vermittelt. 

293)  faihu  vieh,  altind.  payu,  lat.  pecu,  altpreussisch  peku,  was 
man  wol  mit  Benfey  0.  u.  0.  I,  35  als  das  „angebundene"  (oder  wenn 
der  deutsche  begrifl"  dem  urspr.  näher  kommt)  als  das  „eingefangene" 
zu  verstehen  hat. 

294)  filu-faihs  sehr  mannichfach,  bifaihon  übervorteilen  bringt 
Pott  K.  Z.  6,  11  zu  y/o/x/Aot;  bunt,  wechselnd,  verschmitzt.  Dies  gehört 
zu  altind.  pi9  schmücken,  auszieren,  putzen.  Wahrscheinlich  muss  man 
auf  diese  wurzel  pi^  auch  altind.  pi^una  hinterbringer,  Verräter,  ver- 
läumder  zurückführen,  während  BR.  es  zu  spa9  stellen. 

295)  fairzna  ferse,  altind.  pärshni  f.  zend  päshna  m.  gr.  jTTtQva, 
ksl.  plesna  planta  pedis,  vgl.  noch  K.  Z.  3,  325. 

296)  fairguni  berg  vergleicht  Grimm,  Myth.  I,  150  bekanntlich 
mit  altindisch  pärjanya  (Bühler  0.  u.O.  I,  214  flgd.),  lit.  Perkunas,  lett. 
Pehrkons,  slav.  Porun.  Das  g  erklärt  sich  nur,  wenn  man  annimmt, 
dass  es  aus  h  in  gotischer  zeit  entstanden  (wie  aigands  aus  aihands). 
Dann  wäre  die  Verschiebung  gegenüber  dem  litauischen  regelrecht.  Das 
altindische  j  muss  aus  k  erweicht  sein.  (vgl.  beitrage  4,  277.)  Als  wur- 
zel wäre  par9  BR.  IV,  588  anzusehen. 

297)  ahd.  falo  falb,  altind.  palita,  grau,  gr.  noluK,  lat.  pallidus, 
lit,  pälvas.  C.  244. 

298)  falpan  s.  n.  191. 


144  DELBRÜCK 

299)  fiina  stück  zeug,  gr.  tt^/voc,*  gewebe,  lat.  pannus.  Die  Wur- 
zel besass  urspr,  warscheinlich  ein  s,  das  sich  in  alid.  spaiman  erhalten 
hat.  C.  248. 

300)  faran  gehen  (wol  ursprünglich:  hindurch,  hinüber  kommen), 
altind.  par  hinüber  führen,  gr.  yreQixco,  lat.  porta.  C.  245. 

301)  ags.  fearn,  ahd.  faram,  farn.  Kuhn,  herabk.  des  feuers 
pag.  219  weist  nach,  dass  farn  genau  das  verschobene  altind.  parna  feder, 
kraut  ist;  „in  der  that  lässt  sich  kaum  eine  pflanze  finden,  für  welche 
der  begriff  des  skr.  parna  in  seiner  ursprünglichen  bedeutung  als  blatt 
und  feder  in  seinem  ganzen  umfange  passender  wäre,"  vgl.  auch  ksl. 
pero  feder,  worüber  Miklosich  s.  v.  nachzusehen  ist. 

302)  fastan  s.  n.  285. 

303)  faur  =  altind.  puras,  faura  =  altind.  purä;  Kuhn,  Ztschr. 
3,  240. 

304)  favai  wenige,  lat.  paucus,  paulus,  pauper.  Eine  sichere 
aualogie  aus  dem  altindischen  ist  hierfür  so  wenig  wie  für  das  wahr- 
scheinlich verwante  gr.  jTavw  beigebracht.     C.  244. 

305)  ags.  fäm,  engl,  foam,  nhd.  feim  mit  anderem  suffix,  altsl. 
pöna.  Schleicher,  ksl.  58.  altind.  phena  schäum,  feim.  Dies  weist  auf 
sp  im  anlaut,  daher  lat.  spuma  zu  vergleichen,  das  mit  dem  deutschen 
im  suffix  stinmit.    Die  wurzel  ist  wol  nr.  341, 

306)  alts.  fethara  feder,  wofür  man  mit  Grimm  s.  v.  ein  got. 
fipra  voraussetzen  kann,  altind.  pattra  feder,  wurzel  pat  fliegen.  Die 
übrigen  verwanten  s.  bei  Grimm,  vgl.  auch  Kuhn,  herabk.  178  anm. 

307)  mhd.  vert,  fert,  anno  praeterito ,  bringt  Grimm,  wörterb.  3, 
1548  unmittelbar  mit  altind.  paniti,  gr.  TraQvai,  im  vorigen  jähre,  zusam- 
men ,  so  dass  man  etwa  ein  got.  fairup  zu  vermuten  hätte.  Interessant  ist 
diese  vergleichung  besonders  deshalb,  weil  paruti,  7iiQvoi  uralte  com- 
posita  sind.    C.  248. 

308)  ahd.  fesa  spreu,  altind.  pish  zerreiben,  zerstampfen,  zermah- 
len,  zeud  pish  reiben,  schlagen,  pistra  das  malen,  gr.  nxloöio,  lat.  pinso, 
lit.  pestä  die  stampfe,  vgl.  Lottner,  K.  Z.  7,  21. 

309)  filleins  von  feil,  prutsfill  aussatz,  gr.  nilla  haut,  lat. 
pellis.     C.  244. 

310)  filu  viel,  altind.  puru  (aus  paru),  zend  pouru,  gr.  TTolvg, 
lat.  plus.     C.  253. 

311)  fimf  fünf,  altind.  pancan,  zend  pukhdha  quiutus  (u  aus  an) 
russ.  piät,  gr.  tt^vts^  aeol.  it^uTe,  lat.  quinque.     C.  408. 

312)  finpan  (fanp)  finden,  erfahren.  Die  urgermanische  bedeu- 
tung dieses  verbums  war  „  zu  etwas  gehen ,"  wie  Lottner ,  K.  Z.  5 ,  398 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  145 

und  11,  190  nachweist.  Damit  hängt  zusammen  altind.  path,  „pfad, 
weg ,"  dem  mr  nr.  344  noch  einmal  begegnen  werden ,  und  wol  auch 
altind.  pat  fliegen,  dahin  eilen,  sich  richten  auf,  geraten  in.     C.  190. 

313)  ahd,  firzu,  altind. pard,  gr.  7t€Qdof.iai,  lat.  pedo,  lett.  pe'rdu. 
C.  221. 

314)  fisks  s.  nr.  222. 

315)  ahd.  fiuhta  flehte,  gr.  /revy.r]  flehte,  lit.  puszis  flehte.  C.  150. 
vgl.  auch  Kuhn,  beitr.  2,  374. 

3 IG)  mild,  vis e Hin  penis,  altind.  päsas ,  gr.Tteog,  lat.  penis,  lett. 
pist  coire  cum  femina.     C.  245. 

317)  flahtom  s.  nr.  191. 

318)  flekan  beklagen.  Genau  stimmt  lat.  plango.  Für  dieses,  so 
wie  gr.  7Th]OOio  stellt  C.  250  eine  wurzel  nlaY.  auf.  Das  deutsche  ver- 
langt jedenfalls  ein  ursprüngliches  g. 

319)  ahd.  flins  stein,  gr.  Trh'vd-og,  lit.  plytä  ziegel.     C.  251. 

320)  ahd.  floh,  „jenes  thier,  dessen  hofleben  unser  grosser  dich- 
ter verherrlichte,  hat  einigen  anspruch  auf  einen  hohen  Stammbaum, 
denn  es  findet  sich  lat.  pulex,  ahd.  floh,  sl.  blocha,  lit.  blussa."  Kuhn, 
Webers  ind.  stud.  1 ,  344.  Das  slavische  und  litauische  wort  passen 
nicht  im  anlaut,  dagegen  ist  mit  Curtius  366  gr.  i^>vXlce  hinzuzufügen. 

321)  ags.  folm  band,  gr.  Ttalce/LU],  lat.  palma.  C.  242.  Pauli, 
Über  die  benennung  der  körperteile  bei  den  Indogermanen ,  Berlin,  Dümm- 
1er  1867  pag.  20  vergleicht  hübsch  altind.  päni  band,  das  für  parni  ste- 
hen könnte.  Die  wurzel  vermutet  er  in  par  füllen,  denn  päni,  folm  etc. 
hätten  zuerst  die  hohle  band  bezeichnet,  keltische  parall.:  Ebel,  beitr. 
2,  164. 

322)  fotus  fuss,  altind.  päd,  pa da  fuss.  Das  genau  entsprechende 
altind.  pädü  ist  ein  a.  ?..,  dem  BK.  die  bedeutung  „bahn"  geben;  gr. 
Ttovg,  lat.  pes,  lett.  peda  fussohle  etc.     Reichliche  nachweisungen  C.  220. 

323)  fral3i  s.  nr.  261. 

324)  frijon  lieben,  altind.  pri  lieben,  priya  lieb,  zend  (ebenfalls 
mit  f.)  fri  lieben,  ksl.  prijati  TtQovosiv,  lit.  pretelius  freund  (vgl.  ahd. 
friudil).     Interessante  keltische  parallelen  Ebel,  beitr.  2,  172. 

325)  frius  frost,  kälte  ist  schon  lange  mit  altind.  prush,  das 
brennen  bedeuten  soll,  vereinigt,  und  es  ist  dann  auf  die  gleichen 
schmerzlichen  Wirkungen,  die  grosse  kälte  und  grosse  hitze  hervorbrin- 
gen ,  hingewiesen,  prush  ist  zwar  nur  in  der  bedeutung  träufeln ,  spritzen 
belegt,  aber  das  verwante  oder  identische  plush  heisst  brennen.  Dazu 
bringt  dann  Froehde,  K.  Z.  14,  454  noch  pruina,  prurio,  prurigo,  jtvq- 
o6g,  TtvQQog,  jvvQOsko. 

ZEXTSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  10 


14G  DELBRÜCK 

326)  foua  feuer.  Das  o  ist  in  diesem  worte  entstanden  wie  in  der 
ersten  pers.  dualis  (K.  Z.  2 ,  180)  aus  av.  So  kommen  wir  auf  eine 
Wurzel  fav,  welche  ihrerseits  auf  altes  pav  oder  pü  weist.  Eine  wurzel 
pü  ist  im  altind.  vorhanden  und  heisst  „  hell  sein ,  flammen  "  (siehe  Grass- 
mann, K.  Z.  16,  184,  dem  man  gegen  BR.  recht  geben  muss).  Abge- 
leitet davon  ist  pävakä  hell ,  flammend,  glänzend.  Nach  Grassmanns 
meiming  sind  hiermit  auch  verwant  gr.  nvQ,  ahd.  fiur. 

327)  ahd.  furh  und  furhi  (Graff  3,  684),  lat.  porca.  K.Z.  7,  164. 

328)  fulls  voll,  entstanden  aus  fulua,  wie  noch  das  litauische 
pilnas  voll  zeigt.  Gleich  ist  das  altind.  pürnä ,  das  aus  parna  entstanden 
ist.  zendperena,  wurzel  par,  wozu  filu,  unser:  volk,  russ.  polk,  menge, 
lett.  pulks  häufen,  menge  (vgl.  Pott,  de  linguarum  letticarum  cum  vici- 
nis  nexu.     Halis  1841.)     C.  249. 

329)  füls  faul,  altind.  und  zend  pü  faul  sein,  gr.  nvO^io,  lat.  püs, 
lit.  püti  faulen,  lett.  put  stinken.     C.  257. 

330)  ahd.  füst  faust  wird  mit  gr.  nvyf.iiq,  lat.  pugnus,  ksl.  pesti 
faust  zusammengestellt.  Aber  weder  ist  die  wurzel  recht  klar,  noch  die 
bildung  des  deutschen  und  slavischen  wertes.     C.  258. 

b)  in-  und  auslautend. 

Das  aus  p  verschobene  inlautende  germanische  f  ist  im  got.  nicht 
selten  zu  b  gesenkt,  andererseits  erscheint  im  altn.  und  ags.  nicht  selten 
f,  wo  wir  im  gotischen  regelrechtes  aus  bh  entstandenes  b  finden.  Über 
diese  beiden  erscheinungen  wird  später  noch  zu  sprechen  sein.  Jetzt 
seien  nur  die  fälle  erwähnt,  in  denen  in-  oder  auslautendes  f  sicher 
aus  p  verschoben  ist. 

331)  af,  afar,  altind.  und  zend  apa  von -weg,  gr.  anö^  altind. 
äpara  der  andere,  gr.  rjTreQOTreveiv.     C.  238. 

332)  hafr  s.  nr.  118. 

333)  hlifan  s.  nr.  148. 

334)  ahd.  niftilä  nichte,  altind.  napti',  zendnapti,  s.  nr.  265,  wo 
schon  erwähnt  ist,  dass  in  nipjis  der  labial  ausgefallen  ist,  celt.  necht. 
beitr.  2,  168. 

335)  hlaifs  brot,  oder  mit  Senkung  des  f  hlaibs.  Die  slavischen 
Wörter,  wie  ksl.  hlöbn,  sind  mit  Lottner,  K.  Z.  11,  173  als  entlehnt 
anzusehen.  Dagegen  hält  Pott,  Wurzel  Wörterbuch  I,  14  lit.  klepas  (das 
ich  nur  aus  dieser  anführung  kenne),  und  lett.  klaips  für  verwant  und 
bringt  sie  unter  die  wurzel  9rä  backen,  kochen,  caus.  9rapayati. 

336)  altn.  sofa  schlafen,  altind,  svap,  gr.  oTrvog,  lat.  somnus 
sopor,  lit.  sapnas,  lett.  sapnis,  träum.  C.  260.  vgl.  Ebel,  beitr.  2,  164. 
slepan  stimmt  wegen  des  1,  e  und  p  nicht. 


DIE   DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBUNG  147 

Erhalten  ist  das  p  durchgehend  in  der  gruppe  sp, 

337)  ahd.  sparon  sparen.  Damit  verwant  altind.  spar  retten 
(ßv.  1,  161,  5),  ein  lit.  sparus  sparsam  führt  Curtiiis,  K.  Z.  3,  416  an. 
Im  lat.  parcus,  parcere  ist  s  abgefallen.  (Corssen,  krit.  beitr.  457.) 

338)  ahd.  spehom  ich  spähe,  altind.  spa9  s.  nr.  197. 

339)  got.  spinnan,  ahd.  spannan,  grmidbed.  ziehen,  gr.  OTtdu). 
C.  245.  vgl.  nr.  299  s.  v.  fana  und  Corssen,  krit.  nachtr.  114. 

340)  ags.  spie  in  spic-hüs  (Wright,  Gloss.  p.  58),  speck  stellt 
Kuhn ,  Z.  3 ,  324  zu  sphigi'  hüfte  (schwellender  teil). 

341)  spei  van  speien.  Über  dieses  wort  spricht  ausführlich  Grass- 
mann, K.  Z.  11,  11.  Es  vergleicht  sich  mit  lit.  spiäuti,  lat.  spuo,  gr. 
TCTvio  und  altind.  shthiv,  welche  beiden  letzteren  formen  ebenfalls  auf 
den  anlaut  sp  zurückzuführen  sind.  vgl.  nr.  305. 

342)  ags.  sporn,  sporn,  altind.  sphar  und  sphur  stossen,  vibrie- 
ren, altb.  9par  mit  den  füssen  treten ,  gr.  a-onaiQco,  lit.  spirti  ausschla- 
gen, lett.  spe'rt  mit  dem  fusse  stossen.  Die  wurzel  ist  sehr  schön  behan- 
delt von  C.  259,  wo  auch  „spreu"  und  „springen"  ihr  mit  recht  zuge- 
wiesen werden. 

343)  ags.  spovan  gedeihen,  sped  glück  u.  a.  gehören  nach  Leo 
Meyers  recht  wahrscheinlicher  annähme  zu  altind.  sphäy  schwellen,  fett 
sein.  (K.  Z.  8,  270).  vgl.  lett.  spet  vermögen.  Ein  einfaches  anlauten- 
des p  ist  wider  die  regel  erhalten  in 

344)  ags,  päd  pfad  =  altind,  path  pfad,  gr.  närog  (Grassmann, 
K.  Z.  12,  134). 

Für  den  inlaut  scheint  ein  sicheres  beispiel 

345)  got.  vairpan  =  gr.  I^^ijttuv ,  Leo  Meyer,  K.  Z.  15,  5. 
Einige  weniger  sichere  sehe  mau  bei  Lottner,  K.  Z.  11,  185.   Davon 

dass  altes  p  im  anlaute  als  b  erschiene,  findet  sich  kein  beispil.  Die 
beispile  für  diesen  Vorgang  im  inlaut  gehören  unter  die  in  der  spe- 
cialgeschichte  des  deutschen  vollzogenen  herabsenkungen  aus  f  zu  b. 

Der  erwähnung  wert  ist  noch ,  dass  m"d.  ph  bisweilen  idg.  k  ent- 
spricht, so  dass  wir  einen  organwechsel  anzunehmen  nicht  umhin  kön- 
nen.    Für  den  anlaut  haben  wir  diess  anzunehmen  in 

346)  fidvor  vier  neben  altind.  catvaras,  zend  cathware,  gr.  zv-'a- 
oaqsg  {TtiavQsg),  lat.  quatuor,  ksl.  öetyiije,  lit.  keturi,  die  alle  gutt. 
oder  deren  Vertreter  im  anlaut  haben.  Die  entartungen  des  gutturals 
sind  jedenfalls  in  jeder  spräche  für  sich  vorgegangen. 

347)  fimf,  dessen  zweites  f  einem  alten  k-laut  entspricht,  wie 
aus  altind.  pancan,  gr.  /revre  {n^ircs),  lat.  quinque,  lit.  penki  zu  erse- 
hen ist.     C.  408. 

10* 


148  DELBRÜCK 

318)  aflifiiau  übrig  bleiben,  wozu  mit  gotischer  herabsenkung 
des  f  zu  b  auch  laibos  gehört,  altiud.  ric,  gr.  lelmo,  lat.  linquo. 
(C.  106.)  Ecgelreclit  entspricht  dem  altind.  ric  got.  leihvan,  wie  ur.  174 
ausgeführt  ist. 

;U"J)  vulfs  wolf,  altind.  vrika,  zend  vehrka  wolf,  lit.  vilkas,  ksl. 
vlüku  wolf,  lat.  lupus,  gr.  Atxog.     C.  148. 

m.    M  e  d  i  a  e. 

Ursprünglich  g  =  niederdeutsch  k. 

Das  alte  g  ist  im  altindischeu  vertreten  durch  g  und  j  (dscha) ,  im 
altbaktrischeu  durch  g  j  z'  z,  im  griechischen  durch  /  ß,  im  lateini- 
schen durch  g  gu  (v),  im  altirischen  durch  g,  im  altslavischen  durch 
g  z,  im  litauischen  durch  g  z,  im  gotischen  durch  k  qv  (v). 

a)  im  aulaut. 

350)  kalbo  kalb.  Das  ahd.  p  in  chalp  und  das  ags.  und  alts.  f  in 
cealf ,  calf  sprechen  durchaus  nicht  gegen  die  annähme  eines  urdeutschen 
b.  Somit  stimmt  altind.  gärbha  dem  laute  nach  vollkommen,  ebenso 
dem  sinne  nach,  da  es  „mutterschooss,  embryo,  neugeborenes,  junge 
brut"  bezeichnet,  gr.  ßqlcpog,  ksl.  zrebe  puUus.  C.  420.  Demnach  ist 
kein  grund  von  dieser  vergleichung  wieder  abzugehen  und  mit  Hilde- 
brand s.  V.  Wörter  zu  vergleichen,  die  lautlich  nicht  passen. 

351)  kalds  kalt,  lat.  gelidus,  altind.  jala  kalt,  starr  (jala  n.  was- 
ser).  Diese  Wörter  gehören  vielleicht  zu  der  wurzel  jar  aufreiben ,  schwä- 
chen, wozu  u.  a.  yriQaq  das  alter.  Die  kälte  ist  das  tote,  hiems  iners, 
der  „wirkungslose." 

352)  altn.  kalla  rufen,  altind.  gar  anrufen,  preisen,  gir  stimme, 
rede,  gr.  yrjqvg  stimme,  lit.  gärsas  stimme.     Lettner,  K.  Z.  11,  1G5. 

353)  kann  ich  weiss,  altind.  jnä  wissen,  zend  zan  erkennen,  ksl. 
znati  kennen,  wissen,  gr.  yiyvwGY.o),  lat.  gnosco.  Die  vermittelung  zwi- 
schen dieser  wurzel  und  der  des  zeugens  (altiud.  jau  etc.)  liegt  in  dem 
begriffe  des  herankommens.     vgl.  C.  163  und  beitr.  2,  162. 

354)  kaum  körn,  frucht,  weizen,  lat.  granum,  ksl.  zrüno  körn, 
lit.  zirnis  erbsen.  Lettner,  K.  Z.  7,  164.  gr.  yvqiq  feines  mehl.  C.  161. 
Die  wurzel  ist  im  altind.  jar  (zerreiben)  erhalten. 

355)  kaurs  schwer,  gewichtig  (stamm  kaum),  altind.  gurü  aus 
garu,  wie  gäriyans  schwerer  zeigt,  gr.  ßceqcg,  lat.  gravis.  Kam-u  ist  aus 
karu  durch  assimilierung  des  a  (kum,  kauru)  geworden;  dazu  kaurjös 
2.  Cor.  10,  10.     Ebel,  K.  Z,  5,  308. 


DIK   DEUTSCHE   LAUTVERSCHIEBUNG  149 

356)  kebse.  Der  ursprüngliche  sinn  des  wortes  ist  wol  kaum 
sclavin ,  sondern  sicher  heischläferin.  Das  altn.  kefsir ,  das  Hildebrand  s.  v. 
anführt ,  wenn  es  überhaupt  hierhergehört ,  bewiese  doch  nur ,  dass  kebse 
auch  sclavin,  nicht  dass  es  zunächst  sclavin  bezeichne.  Zu  verglei- 
chen ist  altind.  jabh  neben  yabh  coire  cum  femina,  das  den  lauten  nach 
genau  stimmt,  vgl.  K.  Z.  1,  126. 

357)  altndd.  kela  kehle.  Hildebrand  s.  v.  vergleicht  altind.  gala, 
hals,  kehle,  lat.  gula.  Die  wurzel  ist  erhalten  im  altind.  gar  verschlin- 
gen, wozu  gr.  ßoQ  in  ßißQCüamo  ßoqä  frass,  lat.  (g)vorax,  ferner  gur- 
gulio,  gurges  etc.     C.  419. 

358)  kinnus  kinn,  backe.  Die  Übereinstimmung  von  gr.  ytvvg 
kinn,  lat.  geua  und  unserem  wort  beweist,  dass  im  altind.  hanu  das 
h  aus  g  entstanden  ist.  Auffallend  ist  das  doppelte  n.  Pauli  (benen- 
nung  der  körperteile  bei  den  Indogermanen.)  setzt  eine  urform  ganju 
voraus. 

359)  kiusan  wählen,  altind.  jush,  zend  zush  lieben,  gern  haben, 
gr.  yeveoS-ai  kosten,  lat.  gustare.     C.  162. 

360)  alts.  klioban,  ags.  cleofan  unser  klieben,  klob,  wofür  man 
ein  got.  kliuban  erwarten  dürfte,  ist  am  nächsten  zu  vergleichen  mit 
altind.  jrambh  gähnen  (die  kinnbacken  aufreissen),  welches  selbst  wider 
verwant  ist  mit  der  weitausgedehnten  wurzel  gaf,  gamf,  die  Kuhn  Z.  1, 
123  behandelt. 

361)  kniu  knie,  altind.  janu,  in  Zusammensetzungen  -jhu,  zend 
zhnu,  gl-,  yövv,  lat.  geuu.     C.  164. 

362)  altndd.  kranc  kranich,  gr.  yiqavog,  lat.  grus,  lit.  gerve. 
C.  161  und  in  bezug  auf  das  celtische  Ebel,  beitr.  2,  167. 

363)  kuni  geschlecht,  altind.  jan  zeugen,  gr.  ylyvoitiao,  lat.  gigno 
C.  160,  altind.  jäntu  und  zend  jantu  genossenschaft.    vgl.  beitr.  2,  161. 

363b)  ags.  cü  kuh,  altind.  go,  nom.  gaüs  kuh,  gr.  ßovg,  lat.  bös, 
ksl.  govedo  grossvieh.     C.  419. 

ib)  in-  und  auslautend.] 

364)  airknil)a  gute  art,  reinheit,  altind.  arjuna  hell,  rein, 
räj  glänzen,  zend  räz,  gr.  ccQyi'jg  etc.,  lat.  arguo.  Schweizer,  K.  Z.  15, 
315  zu  C.  157. 

365)  akrs  acker,  altind.  ajra  flur,  gr.  ayQog,  lat.  ager.     C.  157. 

366)  ahd.  anko  butter,  lat.  unguen,  unguentum.  Im  altind. 
stammt  von  der  wurzel  anj  salben  ä'jya  die  butter,  das  opferschmalz, 
ahjas  salbe  miscliung,  davon  der  instr.  aiijasä  eig.  „wie  geschmiert," 
d.  h.  schnell,    und  Leo  Meyer  mag  recht  haben,*  wenn   er   damit  got. 


150  DELBRÜCK 

anaks   plötzlich ,    sogleich ,   zusammenbringt.     (K.  Z.  6 ,   10.)    Kuhn ,  Z. 
1  ,  384. 

;j67)  aukan  mehren,  lat.  augeo,  lit.  i'iuga  wachse.     C.  171. 

368)  boc  s.  nr.  92. 

369)  brikan  brechen,  lat.  frango,  mit  Verlust  des  r  altind.  bhanj. 
brechen.    Dasselbe  verhältniss  bei 

370)  brükjan  brauchen,  lat.  frui  (frugi),  das  schon  syntactisch 
nicht  von  altind.  bhuj  geniesse  zu  trennen  ist  (Delbrück,  ablativ  localis 
Instrumentalis  pag.  65).  Auffallend  ist,  dass  im  lat.  neben  der  r-form 
auch  eine  form  ohne  r  (fungi)  vorzukommen  scheint,  und  ebenso  im 
deutschen,  wenn  wenigstens  bauch  (ags.  büc),  wie  Pauli  a.  a.  o.  16 
sehr  wahrscheinlich  macht,  zu  bhuj  gemessen  gehört. 

371)  flekan  s.  nr.  318. 

372)  juk  joch,  paar,  altind.  und  zend  yuj  verbinden,  gr.  tevyvvi.u 
^vyov ,  lat.  jungo,  jugum,  ksl.  igo  joch,  lit.  jüngas  joch.     C.  166. 

373)  mikils  gross.  Das  k  dieses  Wortes  macht  Schwierigkeiten, 
wenn  man  auf  die  nr.  31  pag.  6  angeführten  altind.  formen  sieht,  welche 
auf  urspr.  gh  deuten.  Indessen  gr.  fiiyug  und  lat.  magnus  verglichen  mit 
unserem  worte  weisen  doch  auf  urspr.  media ,  so  dass  man  am  besten  tut 
eine  wurzel  mit  med.  asp.  und  eine  mit  med.  von  wesentlich  gleicher 
bedeutung  neben  einander  anzunehmen,  vgl.  Lottner,  K.  Z.  11,  177. 
C.  294.     Fick  133. 

374)  miluks  milch  (aus  milks?).  k  ist  nicht  suffix,  da  das' wort 
offenbar  mit  altind.  marj  abwischen ,  abreiben ,  zend  marez  wischen ,  kel- 
tisch wurzel  malg,  beitr.  2,  163,  gr.  a/nilyco,  lat.  mulgeo  verwaut  ist. 
C.  168.  Das  altslavische  mleko  muss  man  wol  mit  Lottner,  K.  Z.  11, 
172  für  entlehnt  aus  dem  deutschen  halten. 

375)  ags.  nacod,  got.  naqual)S  nackt,  altind.  nagna  nackt,  ksl. 
nagu,  nackt,  lit.  nugas.  (Schleicher,  ksl.  49).  nndus  hält  Leo  Meyer  (ich 
kann  nicht  mehr  finden  wo)  für  zusammengezogen  aus  nogvidus.  kelt. 
nochtchenn  nudus  capite.  Ebel,  beitr.  2,  172.  Eine  unsichere  etymo- 
logie  giebt  Corssen,  krit.  beitr.  101. 

376)  reiks  herrscher,  altind.  in  Zusammensetzungen  -räj  herrscher, 
lat.  rex.  Eine  erörterung  dieser  Zusammenstellung:  Kuhn  in  Webers  ind. 
stud.  I,  332.     C.  169. 

377)  rakjan  in  ufrakjan  recken,  strecken,  altind.  arj  (3te  plur. 
riüjate)  recken,  strecken,  gr.  oQsyoj,  lat.  rego.     C.  169. 

378)  tekan  s.  nr.  289. 

379)  pagkjan  s.  nr.  230. 

380)  altn.  I)ekja  decken,  altind.  sthag  decken,  gr.  arsyio  decken, 
TcVogdach,  lat.  tego,  lit.  stegiu  ich  decke.  C.  170.  vgl.  Ebel,  beitr.  2,  165. 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  151 

381)  vakan  wachen.  Am  nächsten  steht  lat.  vegeo,  vigil.  Ver- 
want  ist  aukan  und  was  damit  zusammenhängt,     s.  oben  nr.  367. 

382)  vaurkjan  wirken.  Unzweifelhaft  ist  der  Zusammenhang  mit 
zend  varez  wirken,  tun,  was  nicht,  wie  Justi  tut,  mit  altind.  varh  ver- 
glichen werden  darf.  gr.  fegy  in  sQyov  etc.  (Leo  Meyer,  K.  Z.  15,  7 
flgd).  Nicht  ganz  sicher  ist  ein  altindisches  wort  zu  vergleichen.  C.  165 
K.  Z.  6,  317. 

Neben  dem  reinen  k  erscheint  wiederum ,  wie  neben  dem  reinen 
h  ein  v ,  und  zwar  muss  man  wie  bei  hv ,  so  auch  hier  zwei  arten  des 
kv  (qu)  unterscheiden.  Das  v  ist  entweder  aus  idg.  zeit  mitgebracht, 
oder  in  germ.  zeit  entstanden.     Für  das  erste  weiss  ich  nur  ein  beispiel 

383)  alts.  qualm  gewaltsamer  tot,  ags.  cvealm,  alts.  quäla  mar- 
ter,  unser  quäl,  quälen  neben  altind.  jvar  fiebern,  sich  betrüben  und 
jval  glühen,  brennen.     (Bopp,  gl.  s.  v.  jvar). 

Die  andere  gruppe  ist  zahlreicher.  Hinsichtlich  der  erklärung  des 
kv  in  dieser  verweise  ich  auf  das  über  hv  gesagte. 

384)  quairnus  mühlstein  in  asilu - quairnus  gehört  zu  der  oben 
(nr.  354)  besprochenen  familie  der  wurzel  jar,  zerreiben ,  identisch  ist 
russ.  jiörnov  mflhle ,  vgl.  auch  ir.  bröo  a  quem  W.  S.  three  irisch  glos- 
saries  pag.  XXVIIL 

385)  quens  und  qiiino  weib,  altind,  jani  weib,  im  comp,  auch 
-jäni,  zend  ghena,  gr.  yw^,  altpreussisch  gana,  ksl.  zena  frau,  keltisch 
ben,  ban  frau.  beitr.  2,  159  und  W.  S.  three  ir.  gloss.  XXVIII,  natür- 
lich zu  Jan  C.  160. 

386)  quiman  kommen,  altind.  und  zend  gam  gehen,  lat.  venio, 
gr.  ßaivco.     C.  415. 

387)  quius  lebendig,  altind.  jivä  lebendig,  jiv  leben,  zend  jivya 
lebendig,  gr.  ßiog,  ßinio  etc.,  lat.  vivere,  vivus,  ksl.  zivü  lebend,  lit. 
gyvas  lebendig,  kelt.  biu,  beo.     beitr.  2,  160.     C.  418. 

388)  qui|)us  s.  nr.  266. 

Von  inlautenden  qu  wären  etwa  zu  erwähnen 

389)  riqiiis  finsternis,  zunächst  aus  raquis  durch  assimilation, 
wie  das  gleichbedeutende  altn.  rök  beweist,  das  sein  ö  dem  im  altnord. 
hinter  k  weggefallenen  u  (v)  verdankt,  mit  altind.  räjas  finsterniss  schon 
von  Bopp  (gl.)  verglichen.  Wegen  des  oft  herangezogenen  gr.  sqeßog 
vgl.  C.  421. 

390)  stigqiian  s.  nr.  278. 

301)  vraiqus  schräg,  krumm,  altind.  vrijinä  krumm,  trügerisch, 
lat.  valgus.  Im  griechischen  gaißög  (aus  fgaiyog)  erklärt  C.  den  diph- 
thongen  als  aus  foäyiog  entstanden.  Derselbe  Vorgang  ist  im  got.  anzu- 
nehmen (vraiqva  aus  vraqvja ,  vgl.  hails).    Auch  eine  form  mit  suff,  -na, 


162.  DELBRÜCK 

(dessen  n  a])er  in  den  stamm  des  wortcs  übergetreten  ist) ,  wie  im  altind., 
ist  erhalten  im  ags.  vrence ,  trug.     Aufrecht,  K.  Z.  12,  400. 

Ursprünglich  d  =  niederdeutsch  t. 
a)  im  anlaut. 

392)  tagr  trähne,  gr.  öcckqv,  lat.  dacruma.  Das  g  ist  also  spe- 
ciell  gotisch  statt  h.     C.  124.     vgl.  beitr.  2,  160. 

393)  tahjan  s.  nr.  199. 

394)  taihsvs  s.  nr.  201. 

395)  taihun  s.  nr.  202. 

396)  (ga)tairan  zerreissen,  altind.  dar  bersten,  zerreissen,  gr. 
dsQO)  schinden,  lit.  diriü  ich  schinde.     C.  212. 

397)  gatamjan  zähmen,  altind.  dam  zahm  sein,  zähmen,  gr. 
da/iida),  lat.  domare.  ga-timan  geziemen  würde  danach  heissen  „zahm 
sein,"  bequem  sein  für  jemand  (dat).  Doch  scheint  die  mhd.  coustruct. 
(Grimm ,   gr.  IV,  225)  diese  auifassung  allerdings  nicht  zu  bestätigen. 

398)  tarhjan  s.  nr.  203. 

399)  ags.  täcor  schwager  (mit  k,  das  aus  blossem  v  entstanden 
ist?),  altind.  devär  (und  devara),  besonders  jüngerer  bruder  des  mannes, 
lat.  levir  (mit  auffallendem  e),  gr.  datjg,  lit.  deveris  schwager,  ksl. 
deverl  schwager.  Wenn  das  deutsche  k  wirklich  später  entstanden  ist 
und  nicht  auf  eine  urform  mit  gv  weist,  so  ist  div  als  wurzel  anzuneh- 
men, und  der  schwager  heisst  der  „tändler,"  der  jüngere  bruder,  der 
mit  der  frau  spielt,  während  der  mann  auf  arbeit  geht.  Ein  zug  aus 
einem  indogermanischen  idyll,  den  man  sich  sicherer  ausmalen  könnte, 
wenn  das  ags.  k  nicht  wäre. 

400)  timrjan  zimmern,  gr.  öefieiv  bauen.  Davon  ist  nicht  zu 
trennen  gr.  dnf.wg  haus,  folglich  auch  lat.  domus,  ksl.  domü  und  altind. 
damä.  Bß.  s.  v.  damä  leugnen  zwar  diese  verwantschaft ,  indem  sie 
sagen,  dass  das  wort  damä  im  sanskiit  keine  andere  ableitung  habe  als 
von  dam  „zahm  sein."  damä  bezeichne  daher  ursprünglich  den  ort,  wo 
der  mann  unumschränkt  herrscht.  Aber  es  ist  ja  durchaus  nicht  erfor- 
derlich, dass  jedes  sanskritwort  seine  ableitung  im  sanskrit  habe.  So 
gut  wie  Wörter  anderer  sprachen  durch  ein  sanskritwort  aufschluss  über 
ihre  grundbedeutung  erhalten,  müssen  es  auch  sanskritwörter  sich  gefal- 
len lassen,  z.  b.  durch  griechische  erklärt  zu  werden.  Ich  bin  also  der 
ansieht,  dass  man  durch  gr.  öef-iw  und  timrjan  gezwungen  sei,  auch  für 
altind.  damä  den  grundbegriff  „gebäude"  aufzustellen.  Ob  die  wurzel 
„zahm  sein"  (nr.  397)  sich  durch  die  begriffe  still  stehen,  fest  sein  etc. 
schliesslich  auch  noch  mit  di/uco  vermitteln  lasse,  ist  zweifelhaft,  beitr. 
2,  160. 


DIE   DEUTSCHE   LAÜTVEESCHIEBUNG  153 

401)  ags.  Tives  däg,  worin  Tives  =  altind.  diväs,  gr.  JiHq,  Wur- 
zel div  leuchten,  dazu  auch  altn.  tivar.  Grimm,  myth.  1 ,  175  flgd.  Eine 
ausführiiche  erörterung  der-wurzel  div:  K.  Z.  11,  4  flgd.  vgl.  auch  beitr. 
2,  161. 

402)  teihan  s.  nr.  204. 

403)  triggvs  s.  nr.  73. 

404)  triu  bäum,  altind.  und  zend  dru  holz,  gr.  d^vc,  eiche,  ksl. 
drüva  ^Aa,  kelt.  daur  quercus.  beitr.  2,  160.  Nahe  stehen  auch  alt- 
ind. dä'ru  holz,  gr.  öö^v.  Die  wurzel  ist  die  nr.  396  erwähnte.  Kuhn, 
Z.  4,   84  flgd.      Vgl.   auch  beitr.  2,   375   und  lett.  darva  theer. 

405)  tuggo  s.  nr.  37. 

406)  tuuthus  s.  nr.  268. 

407)  tiuhan  ziehen  ist  längst  mit  lat.  ducere  verglichen  worden. 
Das  altind.  duh  passt  dazu  nicht  wegen  des  h  im  auslaut,  und  weil  es 
höchst  wahrscheinlich  früher  zwei  aspiraten  hatte.     K.  Z.  12,  126. 

408)  tvai,  altind.  dva,  gr.  ovo,  lat.  duo,  ksl.  duva,  lit.  dii. 
C.  215. 

b)  in-  und  auslautend. 

409)  bei  tan  s.  nr.  98. 

410)  fotus  s.  nr.  322. 

411)  gaits  s.  nr.  2. 

412)  giutan  s.  nr.  15, 

413)  gretan  s.  nr.  228. 

414)  hairto  s.  nr.  144. 

415)  itan  (at)  essen,  altind.  ad  essen,  gr.  I'dw,  lat.  edo,  lit.  edmi. 
C.  216.     celtisch  ithim  edo  vgl.  Lottner,  beitr.  2,  315  anm. 

416)  ahd.  knoto  knoten,  lat.  nodus  aus  guodus.  Lottner,  K.  Z. 
7,  187. 

417)  ahd.  nest.  Das  altind.  nidä  ist  unzweifelhaft  richtig  aus 
ni-sad  niedersitzen  gedeutet  worden.  Wir  haben  also  auch  in  unserem 
deutschen  wort  ein  altes  compositum  anzuerkennen.  Das  ksl.  gnezdo  hat 
vorn  einen,  wie  es  scheint,  bedeutungslosen  zusatz.  Dieselbe  contrac- 
tion  wie  das  altind.  zeigt  lat.  nidus.  Benfey ,  griech.  wurzell.  1 ,  446. 
Böhtlingk  -  Eoth  s.  v.     Ebel,  beitr.  2,  168. 

418)  ags.  reo  tan  weinen  (wurzel  rut),  altind.  und  zend  rud  wei- 
nen, lat.  rudo,  ksl.  rydati  weinen,  beklagen,  lit.  rauda  weliklage.  vgl. 
Lottner,  K.  Z.  7,  20. 

419)  Sit  an  (sat)  sitzen,  altind.  sad,  zend  had,  gr.  %6og,  sitz,  lat. 
sedeo,  lit.  sedmi.  C.  216.     kelt,  wurzel  sad.    Ebel,   beitr.  2,  165. 


ir>4  DELBRÜCK 

420)  staut  an  s.  nr.  273. 

121)  y litis  mild,  altind.  svädu  süss,  gr.  f]dvg,  lat.  siiävis,  lit.  sal- 
diis,  lott  sa'lds  süss.     C.  206. 

42 Ib)  altn.  sveiti  scliweiss,  altind.  svid  schwitzen,  gr.  iölco,  'lÖQcog, 
lat.  südare.     C.  218. 

422)  vait  ich  weiss,  altind.  und  zend  vid,  veda  ich  weiss,  gr. 
ßiö  oida,  lat.  Video,  lit.  veizdmi  sehe,  ksl.  videti  sehen.  Ueber  das 
hierher  gehörige  got.  veitvods  s.  0.  u.  0.  2,  341  und  730  flgd.  C.  217. 

423)  vato  wasser,  altind.  ud  quellen,  gr.  vöioq,  lat.  imda,  ksl. 
voda  wasser.     C.  224. 

Ursprünglich  b  =  niederdeutsch  p. 

Ob  die  idg.  gnmdsprache  ein  b  hatte,  ist  auch  nach  den  ausfüh- 
rungen  von  Bickell,  K.  Z.  14,  425  flgd.  und  den  aufstellungen  von  Fick 
in  seinem  idg,  Wörterbuch  noch  zweifelhaft.  Von  anlautenden  deutschen 
p  hat  sich  bis  jetzt  noch  keins  der  vergleichung  mit  einem  b  in  andern 
idg.  sprachen  fügen  wollen.  Zwar  ist  got.  paida  rock  mit /?«/V?;  (Hero- 
dot  4,  64)  verglichen  worden,  was  lautlich  (d  aus  Ji)  und  begrifflich  sehr 
wol  angienge.  (vergl.  Wackernagel,  Haupts  Zeitschr.  6,  297.)  Stutzig 
macht  nur  das  finnische  paita  (lappisch  paidde)  derselben  bedeutung. 
Nach  Schiefners  (brieflicher) mitteiluug  sind  die  finnischen  Wörter  wahr- 
scheinlich aus  dem  gotischen  entlehnt.  Die  Goten  könnten  aber  paida 
auch  erst  von  einem  anderen  volke  entlehnt  haben,  wie  die  Griechen 
vielleicht  ßatzr].  Ueber  die  Verbreitung  des  woiies  in  deutschen  dialec- 
ten  vgl,  noch  Lexer ,  kärntisches  Wörterbuch  s,  v.  pfät.  Von  auslautendem 
p  =  b  in  andern  idg.  sprachen  ist  nur  ein  sicheres  beispiel  bekannt, 
nämlich  das  oben  (nr.  236)  besprochene  paurp.  Doch  fehlt  hier  die 
asiatische  parallele. 

Dass  eine  urspr.  media  im  deutschen  als  aspirata  erschiene ,  ist  wol 
nicht  behauptet  worden.  Dagegen  führt  Lottner ,  K,  Z,  11,  197  nicht  wenige 
fälle  von  erhaltung  der  media  an.  Sie  werden  zum  teil  beseitigt  durch  die 
Grassmannsche  livpothese  von  der  ursprünglichkeit  zweier  weicher  aspiraten. 
Dies  ist  der  fall  mit  gredus  (nr.  11),  bairgan  (nr.  19),  wurzel  drug  (nr.  23), 
deigan  (nr.  22) ,  dauhtar  (nr.  43) ,  bindan  (nr.  55),  biudan  (nr.  57),  Vielleicht 
gilt  dasselbe  von  gods  (KZ.  12,  129),  dags  (K.  Z,  12,  125),  drygge 
(K.  Z.  12,  131),  welche  drei  beispiele  ich  oben  nicht  angeführt  habe,  weil 
ihre  etymologie  nicht  ausser  allem  zweifei  steht.  Als  zweite  gruppe  von 
ausnahmen  fassen  wir  zusammen  stiggan  (nr.  278),  altn.  strengja  neben 
lat.  stringere  (Lottner,  a.  a.  o.  201),   skald  (nr,  213),  skaidan  (nr.  211), 


DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG  155 

skadus  (nr.  210)  -skiüdrs  (nr.  221),  imd  vielleicht  scyndan  (Lottner  a.  a. 
0.  201).  Es  ist  einleuchtend,  dass  in  diesen  6  fällen  die  unversehrte  erhal- 
tung  der  anlautsgruppe  st  oder  sk  die  conservierung  auch  der  übrigen 
laute  des  wertes  befördert  hat. 

Nach  diesen  abzflgen  bleiben  von  den  Lottnerschen  ausnahmen  noch 
folgende : 

gagga,  gras,  gilpan,  gala,  diups,  dails,  gavi,  draumr, 
welche  von  Grassmaun,  K.  Z.  12, 131  tigd.  in  dieser  reihenfolge  besprochen 
sind.  altn.  mergr  mark  mit  altiud.  majjan  zu  identificieren  und  dies  aus 
marjan  zu  erklären,  ist  zwar  sehr  verlockend,  aber  wegen  des  altsl. mozgü 
unmöglich.  Darum  ist  die  Vermutung  nicht  abzuweisen,  dass  auch  dem 
g  von  mergr  ein  altes  gh  entspreche.  (Pauli,  körpernamen  pag.  25). 
Vgl.  noch  E.  Kuhn,  K.  Z.  17,  234,  wobei  zu  bemerken  ist,  dass  Justi 
s.  V.  merezu  fälschlich  altind.  marjü  herbeizieht.  In  fairguni  ist  das 
g  oben  (nr.  296)  anders  erklärt.  Das  gr  von  graban  neben  yQt'afw  hat 
offenbar  eine  lange  geschichte  hinter  sich.  Die  Vermutung  ist  sehr  wahr- 
scheinlich, dass  der  ursprüngliche  anlaut  sk  war,  dass  das  k  nach 
abfall  des  s  sich  zu  h  (im  gr.  7)  verschob  und  dass  dieses  h  (-/)  sich 
im  deutscheu  und  griechischen  unabhängig  von  einander  zu  g  (/)  senkte. 
Eine  solche  Senkung  von  h  zu  g  ist  zwar  im  deutschen  sonst  nur  im 
inlaut  nachweisbar,  aber  auch  wol  bei  grids  neben  schreiten  anzu- 
nehmen ,  wenn  man  nicht  vorzieht  grids  mit  gardh  (aus  ghardh)  zu  ver- 
einigen, vgl.  Rigveda  4 ,  38 ,  3.  Die  übrigen  ausnahmen  Lottuers  sind 
etymologisch  nicht  ausser  zweifei.  Ein  sicheres  beispiel  schien  uns 
nr.  248  in  {)reägan  vorzuliegen.  So  viel  lässt  sich  mit  bestimmtheit 
sagen,  dass  eine  regelwidrige  erhaltung  der  media  sehr 
selten  ist. 

Nicht  eigentlich  hierher  gehört  die  rein  deutsche  Senkung  von 
aspiraten  zu  medien. 

In  nicht  wenigen  fällen  nämlich  entspricht  der  inlautenden  tenuis 
der  verwanten  sprachen  im  gotischen  eine  inlautende  media.  Unter  den 
bis  jetzt  besprochenen  Wörtern  sind  mehrere,  bei  denen  das  gotische 
zwischen  media  und  aspirata  schwankt,  so  faginon  neben  fahel>s, 
laibos  neben  aflifnan,  sads  neben  sal)S,  hlaibs  neben  hlaifs, 
fal)S  neben  fadis,  tigus  neben  taihun,  juggs  neben  juhiza.  In 
allen  diesen  fällen  weist  die  etymologie  nach,  dass  die  aspirata  der 
durch  das  gesetz  geforderte  laut,  die  media  erst  eine  abschwächung 
daraus  ist.  Dasselbe  ist  der  fall  in  vielen  fällen,  wo  das  gotische  nur 
mehr  die  media  aufweist,  wie  fadar,  firtvor,  hund,  sibun,  tag-r, 
paurban,    piuda,    nadrs    neben  natrix  u.   a.  mehr.      Man  hat   hier 


156  DELBRÜCK,  DIE  DEUTSCHE  LAUTVERSCHIEBUNG 

oftcnbar  überall  anzunehmen,  dass  die  aspirata  im  inlaut  eine  weichere 
ausspraclic  hatte,  also  zur  weichen  aspirata  wurde  und  dass  diese  sich 
zur  media  schwächte. 

Da  ich  diese  erscheinung  später  ausführlicher  zu  behandeln  hoffe, 
begnüge  ich  mich  für  jetzt  mit  den  angeführten  Wörtern. 

Es  liegt  nicht  in  der  absieht  dieses  aufsatzes,  die  theorie  des  laut- 
verschiebungsgesetzes  ausführlich  zu  erörtern,  doch  mögen  die  nächstlie- 
genden folgerungen  ganz  kurz  bezeichnet  werden. 

Am  meisten  analogie  in  anderen  sprachen  hat  die  in  einer  blossen 
lautschwächung  bestehende  Verwandlung  des  alten  gh  dh  bh  in  g  d  b. 
Man  wird  daher  recht  thun,  mit  Curtius,  Lottner,  Grassmann  in  dieser 
Verwandlung  den  anfang  der  ganzen  bewegung  zu  erblicken. 

Die  Verwandlung  des  k  t  p  in  kh  th  ph  hat  im  griechischen  und 
altindischen  vereinzelte  analogieen.  Sie  mag  ihren  grund  haben  in 
einem  besonders  grossen  kraftaufwand  bei  der  ausspräche  dieser  tenues. 
Berücksichtigi  man  die  Vorliebe  der  Germanen  für  alliteration ,  so  darf 
man  vielleicht  annehmen,  dass  zunächst  die  initialen  tenues  von  dieser 
Verschiebung  ergriffen  sind  und  dass  diese  dann  die  in-  und  auslauten- 
den nach  sich  gezogen  haben. 

Ohne  analogie  ist  die  hebung  der  mediae  zu  tenues.  Diese  erschei- 
nung kann  also  als  eine  isolierte  nicht  begriffen  werden.  Sie  muss  wol 
dienen,  „um  das  gestörte  gleichgewicht  der  laute  wieder  herzustellen." 
(vgl.  ausser  den  angeführten  aufsätzen  von  Curtius,  Lottner,  Grassmann 
auch  Arendt,  K.  Z.  12,  443.).  —  Als  die  mediae  zu  tenues  verschoben 
wurden,  müssen  die  aus  den  mediae  aspiratae  entstandenen  mediae  noch 
etwas  in  der  ausspräche  gehabt  haben,  was  sie  von  den  alten  echten 
mediae  unterschied.  Sonst  wäre  eine  Vermischung  in  der  Verschiebung 
unvermeidlich  gewesen. 

IIALLE,   JANUAR    1868.  B.   DELBRÜCK. 


157 

ÜBERSICHT    DER    MITTELNIEDERLÄNDISCHEN    LITTE- 
RATÜR  IN  IHRER  GESCHICHTLICHEN  ENT WICKELUNG.^) 

Von  den  übrigen  germanischen  nationen  steht  uns  Deutschen  keine 
so  nahe ,  wie  die  niederländische,  ünsre  niederdeutschen  dialecte ,  nament- 
lich das  westfälische,  stimmen  so  sehr  mit  dem  holländischen  überein, 
dass  der  des  einen  kundige  das  andere  versteht.  Nur  die  Schriftsprache 
scheidet,  die  nach  den  Staatsgrenzen  hier  holländisch,  dort  hochdeutsch 
ist.  Mit  recht  lassen  daher  die  ethnographen  die  sprachliche  oder  natio- 
nale grenze  mit  der  politischen  zusammenfallen.  2)  Im  mittelalter  bestand 
weder  eine  solche  reichsgreuze ,  noch  auch  eine  Nieder  -  und  Oberdeutsch- 
land gemeinsame  feste  Schriftsprache :  die  niederdeutschen  dialecte  wurden 
nicht  nur  gesprochen ,  sondern  auch  geschrieben.  Eine  sprachliche  Schei- 
dung des  mittelniederländischen  vom  mittelniederdeutschen  kann  daher 
nur  auf  unbedeutenden,  unsicheren  kennzeichen  beruhen,  kann  nur  einen 
allmähligen  Übergang,  keinen  scharf  abweichenden  zusammenstoss  nach- 
weisen. 

Und  doch  hat  der  erbauer  des  gewaltigen  germanischen  sprachen- 
hauses,  J.  Grimm,  das  mnl.  vom  mnd.  getrennt:  wegen  der  unvergleich- 
lich grösseren  menge ,  bedeutung  und  reinheit  der  sprachquellen  in  den 
alten  Niederlanden  gegenüber  den  übrigen  niederdeutschen  ländern.  Es 
ist  also  die  ütteratur,  nicht  die  spräche,  welche  diese  trennung  recht- 
fertigt. Während  in  Niederdeutschland  bis  ins  fünfzehnte  Jahrhundert 
nur  verhältnismässig  wenige  und  noch  dazu  meist  von  der  hochdeutschen 
litteratur  abhängige  litterarische  erzeugnisse  vorhanden  sind,  finden  wir 
in  den  Niederlanden  vom  13.  Jahrhundert  ab  eine  reiche  fülle  von  Schrift- 
werken, die  fast  durchaus  vom  hochdeutschen  einflusse  frei  sind,  dafür 
aber  einen  unmittelbaren  Zusammenhang  mit  der  französischen  litteratui- 
haben.  Wol  zeigen  sich  viele  Übereinstimmungen  mit  der  mhd.  litte- 
ratur in  dem  Charakter  der  gesamten  perioden  wie  in  den  einzelnen 
erscheinungen ;  allein  diese  Übereinstimmungen  sind  theils  aus  der 
ursprünglichen  Stammesgemeinschaft  zu  erklären ,  theils  aus  dem  schon 
im  mittelalter  mächtig  hervortretenden  zusammenhange  der  europäischen 
bildung.  Vergleichen  wir  also  das  mnl.  mit  dem  mhd.,  so  finden  wir 
nicht  sowol  ein  gegenseitiges  einwirken,  als  eine  ziemlich  gleichmässige 
entwickelung. 

1)  Diesem  aufsatze  liegt,  hie  und  da  erweitert  und  durch  die  helegstellen 
ergänzt,  ein  Vortrag  zu  gründe,  der  auf  der  XXV.  iihilologenversanindung  zu  Halle, 
October  1867,  gehalten  worden  ist. 

2)  Z.  b.  H.  Kiepert  in  seiner  Völker-  uud  Sprachenkarte  von  Deutschland  und 
den  nachbarläudern,  Berlin  18G7. 


158  MARTIN 

Dieser  parallelismus  niuss  uns  nun  freilich  an  sich  schon  ein  genü- 
gendes intercsse  für  das  mnl.  erwecken,  und  in  der  that  ist  es  auch  die 
deutsche  philologie ,  welclie  zAicrst  auf  die  Wiederbelebung  der  mnl.  litte- 
ratur  nachhaltigen  eintluss  geübt  hat.     Denn  was  im  vorigen  Jahrhundert 

B.  Huydecoper  mit  seiner  ausgäbe  des  Melis  Stoke  (1772),  dann  im 
anfange  des  neunzehnten  J.  A.  Clignett  mit  seinen  beitragen  (1819)  gelei- 
stet hatten,  stand  vereinzelt,  ohne  mitarbeiter,  ohne  nachfolger.  J.  Grimm 
nber  mit  seiner  grammatik,  dann  1834  mit  seinem  Reinhart  Fuchs  liess 
in  Deutschland  und  in  den  Niederlanden  die  Wichtigkeit  der  mnl.  litte- 
ratur  klar  erkennen.  Neben  ihm  arbeiteten  H.  Hoflfmann  und  F.  J.  Mone. 
Ihre  anregungen  fanden  zuerst  in  Belgien  fruchtbaren  boden,  wo  die 
flämische  bewegung  in  der  Wertschätzung  ihrer  alten  litteratur  einen 
mächtigen   anhält  fand.    J.  F.  Willems,    mit  dem  sich  Ph.  Blommaert, 

C.  P.  Serrure,  J.  H.  Bormans,  F.  A.  Snellaert  u.  a.  verbanden,  gab 
eine  fülle  der  bedeutendsten  quellen  heraus.  Aber  diese  arbeiten  trugen 
zum  theil  trotz  ihrer  grossen  Verdienste  das  gepräge  des  dilettantismus. 
Anders  ward  dies,  als  auch  in  Holland  das  Studium  des  mnl.  aufkam 
und  sich  im  ausgesprochenen  anschlusse  an  die  deutsche  altertumsfor- 
schung  strenge  methode  und  umfassende  gesichtspunkte  aneignete.  Vor 
allen  andern  sind  hier  W.  J.  A.  Jonckbloet  und  M.  de  Vries  zu  nennen, 
um  welche  sich  bald  ein  kreis  von  jüngeren  mitarbeitern  scharte. 

Jonckbloet  hat  auch  die  erste  umfassende  und  eingehende  mnl. 
litteraturgeschichte  geschrieben  (Amsterdam  1851  —  55 ,  3  Bde.)  und  in 
dieser  die  resiütate  fremder  und  eigener  forschung  gesammelt,  scharf- 
sinnig geprüft  und  mit  warmer  liebe  dargestellt.  Allein  das  erste  werk 
dieser  art  konnte  nicht  abschliessend  sein.  Jonckbloets  ansichten  sind 
zum  theil  zu  kühn  oder  zu  künstlich,  so  dass  er  sie  in  manchen  und  gar 
nicht  unbedeutenden  punkten  seitdem  selbst  zurückgezogen  hat.  Dazu 
kommt,  dass  in  den  inzwischen  verflossenen  zwölf  jähren  eine  anzahl 
wichtiger  quellen  neu  veröffentlicht  worden  sind,  z.  b.  in  dem  Vader- 
landsch  Museum  voor  nederduitscJie  Letterkunde  Oudheid  en  GescJdedenis 
van  C.  P.  Serrure,  D.  I—V.  Gent  1855  —  63;  dass  ferner  neue  Unter- 
suchungen höchst  belangreiche  aufschlüsse  gegeben  haben:  ich  nenne 
nur  die  einleitung  von  de  Vries  zu  der  neuen  ausgäbe  von  Maerlants 
Spieyhel  historiael.  Es  wird  also  wol  der  mühe  wert  sein,  das  gesamt- 
bild  der  mnl.  litteraturgeschichte  im  neugewonnenen  lichte  zu  betrachten. 

Der  grund,  weshalb  die  Niederlande  im  nuttelalter  eine  eigentüm- 
liche und  bedeutende  litteratur  erzeugten ,  ist  in  den  politischen  Verhält- 
nissen zu  suchen.  An  der  grenze  deutscher  zunge  gelegen,  in  beständi- 
ger freundlicher  und  feindlicher  Wechselbeziehung  zu  Frankreich  erlang- 
ten diese  lande  frühe  eine  Selbständigkeit ,  deren  ausdruck  eben  die  erhe- 


ÜBERSICHT   D.    MNL.    LITTERATUE  159 

bung  ihrer  spräche  zur  litteratursprache  ward.  Als  die  länder,  welche 
an  dieser  besonderen  eutwickeliing  tlieil  nahmen,  muss  man  ansehen  und 
hat  man  schon  im  mittelalter  augesehen  die  beiden  grafschaften  Flan- 
dern und  Holland  und  das  herzogtum  Brabant.  Flandern  ist  der  eigent- 
liche kern  und  der  ausgangspunkt  dieser  entwickelung.  Natürlich;  denn 
es  war  räumlich  am  weitesten  vom  eigentlichen  Deutschland  entfernt  und 
noch  dazu  politisch  von  anfang  an  vo]i  diesem  getrennt.  Der  begriinder 
der  grafschaft,  Balduin  I.  war  der  Schwiegersohn  Karls  des  Kahlen  und 
dessen  lehnsmanu.  Allerdings  ward  unter  Otto  dem  Grossen  (941)  ein 
stück  Flanderns,  das  land  von  Waas  zwischen  Gent  und  Antwerpen  zum 
deutschen  reich  geschlagen,  aber  der  grössere  theil  überwog  doch  auch 
später  und  gab  dem  ganzen  eine  vom  deutschen  reiche  fast  ganz  unab- 
hängige Stellung.  Bis  zum  ende  des  XII.  Jahrhunderts  war  mit  dem  flä- 
misch redenden  theile  auch  noch  eine  grosse  strecke  mit  französischer 
bevölkerung  verbunden:  Arras  war  damals  die  hauptstadt  des  ganzen.^) 
Allerdings  kam  dieser  französische  theil,  das  Artois,  1191  an  Philipp 
August;  allem  noch  immer  war  mit  dem  deutschredenden  Flandern  der 
waUonische  Hennegau  verbunden.  So  bildete  Flandern  einen  staat,  der 
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  in  der  mitte  stand  und  während 
des  dreizehnten,  vierzehnten  Jahrhunderts  diese  unabhängige  Stellung 
durch  die  englische  allianz  stützte.  Während  der  kreuzzüge  war  Flan- 
dern in  rittertum  und  handel  fast  allen  nationen  vorausgekommen.  Hier 
zuerst,  und  zwar  unter  den  reichgewordenen  bürgern,  fand  der  nieder- 
ländische dialect  höhere  Wertschätzung  und  litterarische  anwendung. 
Freilich  machte  gegen  das  ende  des  dreizehnten  Jahrhunderts  die  durch 
gewalt  und  list  vordringende  herschaft  Frankreichs,  dem  sich  seit  1305 
die  grafen  ganz  hingaben,  dieser  nationalen  blute  so  ziemlich  ein  ende. 
Wenn  auch  die  städte  einzelne  glänzende  siege  davon  trugen,  besonders 
1302  in  der  sporenschlacht  bei  Courtray,  dann  in  den  vierziger  jähren 
Gent  unter  Jacob  van  Artevelde  sich  frei  erhielt,  so  verkümmerte  doch 
in  diesen  beständigen  Innern  und  äussern  kämpfen  die  flandrische  dich- 
tung  seit  dem  beginne  des  vierzehnten  Jahrhunderts. 

Nicht  viel  fester  als  in  Flandern  erscheint  die  Verbindung  mit 
Deutschland  in  HoUand  und  dem  damit  verbundenen  Seeland.  Zwar 
hatte  noch  graf  Wilhelm  II.  die  deutsche  königskrone  angenommen; 
allein  seit  seinem  tode  gegen  die  Friesen  1256  wandten  sich  seine  nach- 
folger  fast  ausschliesslich  den  kämpfen  mit  den  nächsten  nachbarn,  Frie- 

1)  Ueber  die  französische  litteratur  Flanderns  s.  C  A.  Serrure,  Geschiedenis 
der  nederlandsche  en  fransche  letterkunde  in  het  graefschuf  Fluenderen  van  de 
vroey.ste  tijden  tut  uen  het  einde  der  reyerimj  van  Iiet  huis  van  Buryondie.   Gent  1855. 


160  MAKTIN 

seil  und  Flamingen ,  uiul  <leii  iniicrn  Verhältnissen  zu.  Auch  hier  blüh- 
ten trüli  die  stüdte  auf,  aber  die  bäuerliche,  Viehzucht  und  fischfang 
treibende  bevölkerung  gab  Holland  namentlich  gegenüber  Flandern  das 
eigentliche  gepräge.  Zwischen  den  grossstädten  und  der  landbevölkerung, 
die  sich  an  die  reste  des  adels  anschloss,  entbrannte  seit  der  mitte  des 
vierzehnten  Jahrhunderts  der  langjährige ,  blutige  kämpf  der  Kabeljauws 
und  Hoeks.  Damals  waren  nach  dem  tode  Wilhelms  IV.  bei  Staveren 
1345  dessen  neflfen,  die  söhne  Ludwigs  des  Baiern,  erst  Wilhelm,  spä- 
ter Albrecht  zur  regierung  in  Holland  gekommen  und  dadurch  eine  enge 
Verbindung  dieser  lande  mit  Deutschland  hergestellt,  die  auch  in  der 
spräche  und  litteratur  stark  hervortrat.  Diese  Verbindung  wurde  jedoch 
gänzlich  abgeschnitten,  als  Albrechts  enkelin  Jacobäa  durch  Philipp  von 
Burgund  verdrängt  ward  1428  (f  1436).  Das  burgundische  haus  hatte 
schon  1384  Flandern,  1406  Brabant  geerbt.  Damit  ward  das  französi- 
sche die  spräche  der  herscher  und  übte  auf  die  Schriftsprache  überhaupt 
den  sfrösten  und  schädlichsten  einfluss.  Die  kurze  und  nur  sehr  schwache 
Verbindung  mit  Deutschland  durch  Maximilians  I.  Vermählung  mit  Maria 
von  Burgund  konnte  dies  nicht  ändern. 

Das  dritte  laud,  das  zur  mnl.  litteratur  beitrug,  war  Brabant.  Es 
war  unter  herzog  Gotfried  dem  Bärtigen  im  zwölften  Jahrhundert  aus 
dem  früheren  Niederlothringen  herausgewachsen.  Hier  waren  die  deut- 
scheu einflüsse  stets  am  stärksten ,  wie  sich  auch  in  der  litteratur  zeigen 
wird.  Doch  überwogen  immer  noch  die  beziehungen  zu  Flandern  und 
so  sehen  wir  von  Jan  I.  bis  zum  HL,  1260  — 1355,  hier  eine  reiche, 
durchaus  mnl.  litteratur  erblühen,  die  zwischen  der  frühereu  flämischen 
und  der  späteren  holländischen  vermittelte,  ebenso  wie  in  der  baukunst 
und  später  in  der  maierei  Flandern  begann,  Brabant  fortsetzte,  Holland 
beschloss.  ^) 

Die  angrenzenden  lande  dagegen,  namentlich  Geldern,  kann  man 
für  das  mittelalter  nicht  von  Deutschland  trennen.  Aus  dem  Limburgi- 
schen stammt  bekanntlich  der  vermittler  zwischen  dem  französischen  und 
dem  deutscheu  rittergedicht ,  Heinrich  von  Veldeke.  Kein  im  heimat- 
lichen dialect  scheint  er  nur  seine  erste  arbeit,  die  legende  von  Serva- 
tius,  gedichtet  zu  habeh:  sie  ist  auch  das  einzige  unter  seinen  werken, 
welches  später  noch  in  den  Niederlanden  angezogen  wird,  in  Maerlants 

1)  K.  Sclmaase,  Niederländisclie  briefe.  Stuttgart  und  Tübingen  1834.  Ein- 
leitung. „In  Holland  ist  die  nialerei  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  in  Brabant  die  des 
sechzehnten  bis  auf  Rubens,  in  Flandern  die  Eicksche  schule  des  fünfzehnten  einhei- 
misch ...  In  architectonischer  beziehung  lernt  man  in  Holland  nur  späteres ,  in 
Brabant  die  letzte  und  reichste ,  in  Flandern  eine  frühere  periode  des  gotischen  baues 
kennen." 


ÜBERSICHT    D.    MNL.   LITTERATUR  IGl 

Sp.  hist.  IIL  partie,  5.  buch,  22.  cap.,  v.  77  —  84.  Indem  sich  aber 
Heinrich  von  Vekleke  später  an  die  hochdeutsche  litteratur  anschloss, 
lässt  er  vermuten,  dass  es  in  seiner  zeit,  in  den  siebziger  und  acht- 
ziger Jahren  des  zwölften  Jahrhunderts  noch  keine  mnl,  litteratur  gab ; 
denn  sonst  würde  ihm  diese  allerdings  verwanter  gewesen  sein.  Auch 
lässt  sich  wol  erklären ,  Avarum  erst  der  anfang  des  dreizehnten  Jahrhun- 
derts diese  litteratur  hervorbrachte.  Der  adel ,  der  bis  dahin  vorherschte, 
schloss  sich  in  Flandern  und  Brabant  ganz  der  französischen  bildung, 
auch  in  der  spräche  an.^)  Im  zwölften  Jahrhundert  blühte  am  hofe  der 
flandrischen  grafen  die  nordfranzösische  poesie:  Dietrich  vom  Elsass 
schützte  damals  Chrestien  de  Troies  und  Eaoul  de  Houdenc;  um  die 
mitte  des  dreizehnten  war  Heinrich  III.  von  Brabant  nicht  nur  der  gön- 
ner  des  französischen  dichters  Adenez  le  Boi,  sondern  er  dichtete  selbst 
französisch.  Als  Vertreter  der  französischen  courtoisie  waren  daher  die 
Niederländer  seit  dem  anfang  des  dreizehnten  Jahrhunderts  in  Deutsch- 
land hochverehrt.  Vla3men  galt  für  feine  rede  und  feines  benehmen. 
Vlseminc  heisst  bei  Neidhard  und  Geltar  ein  moderitter;  dieselbe  bedeu- 
tung  hat  im  Helmbrecht  „einSahse  oder  Brabant."  Unter  den  sprachfor- 
men, die  damals  gerade  nach  Oestreich  drangen,  sind  die  deminutiva  auf 
kin  die  zahlreichsten.^) 

Einen  ganz  andern  Charakter  aber  zeigt  die  mnl.  litteratur  und 
zwar  von  anfang  an.  Ein  durchaus  bürgerlicher  grundzug  geht  durch 
alle  ihre  er  Zeugnisse  hin.  Fast  durchaus  gehören  die  dichter  dem  bür- 
gerstande  an ,  fast  durchaus  dichten  sie  für  den  bürgerstand.  Wo  adlige 
in  betracht  kommen,  sind  es  meist  die  fürsten  selbst,  welche  bürger- 
freundlich gesinnt  waren.  In  dieser  betheiligung  der  bürge]-  an  der  lit- 
teratur ist  aber  ein  gewisser  Wechsel  zu  beobachten ,  welcher  die  perioden 
der  mnl.  litteraturgeschichte  von  einander  scheidet.  Anfangs  schliessen 
sich  die  stoffe  und  die  jjehandlungsweisen  an  die  beim  adel  beliebte 
französiche  dichtung  an;  der  städter  strebt  selbst  nach  der  bildung  des 
ritters,  aber  er  will  sie  in  nationaler  form  sich  aneignen.  Die  roman- 
tische erzählung  herscht  vor.  Diese  periode  geht  etwa  von  1200  bis 
1270.  Dann  aber  findet  der  dichter  einen  seinem  stände  geniässeren 
Stoff,  er  bearbeitet  das  lehrgedicht.     Jacob  von  Maerlant,    der  in  seinen 

1)  J.  (iriinm,  Rciiihart  Fuchs  s.  LXXVIII.  Tin  Reiiiardus,  der  im  iiünlliciu'ii 
Flandern  um  1150  entstand,  „ist  die  ansieht,  vielleicht  nach  den  früheren  Vorbildern 
geblieben,  dass  die  feineren,  höfischen  thiere  französisch  reden."  Vgl.  Reinaert  de 
Vos,  herausg.  von  J.  Willems  v.  3673,  wo  die  königin  französisch  spricht.  Merk- 
würdig, dass  Jan  van  Helu  von  sich  selbst  sagt:  Ic  bin  des  fransitys  niet  wel 
ineester. 

2)  W.  Wackernagel ,  altfranzösische  lieder  und  leiche  s.  194  anm. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  XI 


102  MATITIN 

jui;-eii(l;n-l)eitoii  nocli  au  der  frülievon  richtung  tlicil  genommen  hatte, 
oröttnet  diese  periode  mit  seiner  Reimbibel;  sie  wird  beschlossen  durch 
Jan  de  Clerc ,  der  ]  3G5  starb.  Dann  sinkt  die  dichtiing  hcral)  7Air  sproke, 
dem  kurzen  gedieht  meist  allegorischer  darstellung,  womit  iierunizieliende 
Sprecher  die  höfe  zu  untei'halten  suchen.  Daneben  her  gehen  in  dieser 
periode  aber  nocli  die  nachläufer  der  vorhergehenden  zeit,  die  ritter- 
lichen erzählungen  und  die  lehrgedichte ,  und  andererseits  die  Vorläufer 
der  folgenden ,  das  Volkslied  und  das  Schauspiel.  Die  herschaft  des  bur- 
gundischen  hauses  seit  1430  gibt  der  poesie  der  rederijkers  ihre  eigen- 
tümliche ausbildung.  Damit  aber  erstirbt  sowol  die  eigentlich  erzeu- 
gende kraft  der  nationalen  dichtung,  als  auch  die  spräche  selbst  ein 
fremdes  gepräge  annimmt.  Die  seitdem  beginnende  periode  des  ül)er- 
gangs  zur  neuzeit  wird  man  am  besten  bis  15(37  ansetzen,  bis  zum  ein- 
zuge  Albas  und  dem  befreiungskriege  der  Niederlande,  welcher  seit  IGOO 
etwa  die  zweite  blute  der  niederländischen  dichtung  in  Holland  erzeugte. 
Allerdings  haben  die  niederländischen  litterarhistoriker  grossenteils 
den  anfang  ihrer  nationallitteratur  etwas  früher  anzusetzen  gesucht  als  hier 
geschehen  ist;  sie  nehmen  wenigstens  das  ende  des  zwölften  Jahrhunderts 
in  ansprach.  Allein  die  gedichte,  die  sie  dahin  verlegt  haben,  rechtfer- 
tigen diese  annähme  nicht.  Es  gehört  dazu  namentlich  der  Brandaen,^) 
dessen  reime  allerdings  von  den  an  sich  nicht  gerade  strengen  mnl. 
denkmälern  abweichen,  aber  zugleich  ein  niederdeutsches  vorbild  durch- 
schimmern lassen ,  welches  in  der  that ,  wenn  auch  in  späterer  Überlie- 
ferung, erhalten  ist  (Romantische  und  andere  gedichte  in  altplattdeut- 
scher spräche.  Herausg.  von  P.  J.  Bruns.  Berlin  1798).  Mit  noch 
weniger  grund  wird  dem  zwölften  Jahrhundert  zugeschrieben  das  aus 
dem  französischen  übersetzte  Miserere  des  Gielis  van  Molhem,  einem 
doife  in  der  nähe  des  klosters  Afflighem.^)  Das  original  des  Rinclus  de 
Moliens  soll  allerdings  um  1180  gedichtet  sein;  'allein  die  Übersetzung 
mit  ihren  kunstvollen ,  sauber  gereimten  Strophen  sowie  mit  ihrem  didak- 
tischen Inhalt  gehört  einer  späteren  periode  der  mnl.  litteratur  an.  End- 
lich hat  Willems  ,  und  früher  auch  Jonckbloet,  in  seiner  litteraturgeschichte 
und  in  seiner  ausgäbe,  den  Reiuaert  ins  zwölfte  Jahrhundert  verwiesen, 
d.  h.  das  werk,  welches  in  der  comburger  handschrift  erhalten  ist,  und 
nur  die  anklage  des  fuchses  vor  dem  löwen  bis  zum  tode  des  hasen  und 
der  rückkehr  des  Avidders  zum  hofe  erzählt.     Neuerdings,  in  seiner  etude 

1)  Wegen  der  ausgaben  vergleiche  man  Hoffmanns  Übersicht  der  mnl.  dichtung 
2.  ausgäbe.  (Bd.  I  der  Horae  Belgicae.)  Hannover  1857.  Nur  die  wichtigsten  inzAvi- 
schen  erschienenen  werke  sollen  angeführt  werden. 

2)  Gedruckt  in  Serrure's  Vaderlandsch  Museum  3,  225  —  286. 


ÜBERSICHT   D.   MNL.   LITTERATUR  163 

sur  le  romau  de  Eeuart  (Groningen  1863)  hat  Jonckbloet  jedoch  diese 
annähme  selbst  zurückgezogen,  weil  das  original,  die  zwanzigste  branche 
des  roman  de  Eenart,  erst  im  anfang  des  dreizehnten  Jahrhunderts  gedich- 
tet sein  könne.  Viel  später  aber  kann  die  niederländische  bearbeitung 
auch  nicht  sein,  da  sie  in  den  gedichten  aus  der  zweiten  hälfte  des  Jahr- 
hunderts öfters  citiert  wird.  Diese  bearbeitung  ist  nun  freilich  dem  ori- 
ginal weit  überlegen ,  ebenso  sehr  bewunderungswürdig  in  der  auswahl 
und  auordnung  des  stoflfes  wie  in  ihrem  gleichmässigen ,  freien,  treffen- 
den ausdrucke.  Der  Eeinaert  ist  unstreitig  der  gipfel  der  thierdichtung 
wie  das  weitaus  beste  erzeugnis  der  mnl.  litteratur,  eine  wahrhaft  klas- 
sische leistung  und  durchaus  würdig  in  die  weltlitteratur  überzugehen, 
lieber  den  dichter  wissen  "wir  nur  wenig.  Er  nennt  sich  selbst  Willem, 
der  den  Madoc  gedichtet  habe.  Dies  gedieht  führt  auch  Jacob  van  Maer- 
lant  neben  dem  Eeinaert  an ,  indem  er  am  Schlüsse  der  reimbibel  von 
seinem  werke  sagt:  dit  nes  nid  Mcuhcs  drooni  no  Reinaerts  no  Artus 
hoerden.  Allein  der  Madoc  selbst  ist  nicht  erhalten,  und  nur  aus  dem 
names  lässt  sich  erkennen,  dass  er  eine  welsche  sage  behandelte.  Ebenso 
wenig  aber  lässt  sich  aus  dem  namen  Willems  etwas  näheres  über  seine 
person  entnehmen,  i)  Nur  das  ergeben  die  örtlichkeiten  des  gedichts, 
welche  ohne  zweifei  von  ihm  erfunden  sind ,  dass  er  in  der  gegend  nörd- 
lich von  Gent  int  soete  lernt  van  Waes  (v.  2263)  heimisch  war. 

In  die  erste  periode  der  mnl.  litteratur  gehört  also  der  Eeinaert 
allerdings.  Gehen  wir  zu  den  übrigen  werken  jener  zeit  über,  und  zwar 
zunächst  zu  den  erzählenden  gedichten ,  so  werden  wir  vom  Standpunkte 
der  hochdeutschen  litteratur  aus  vor  allem  nach  gedichten  aus  der  deut- 
schen heldensage  fragen.  Eine  blute  des  deutschen  volksepos  in  nieder- 
rheinischer gegend  und  selbst  in  den  Niederlanden  muss  um  das  elfte 
Jahrhundert  allerdings  stattgefunden  haben.  Denn  wenn  auch  die  von 
E.  Eückert  versuchte  localisierung  der  Nibelungensage  im  wallonischen 
Henuegau  und  in  Brabant  ohne  zweifei  verwerflich  ist,  so  weist  doch 
die  Gudrunsage  sicher  nach  niederländischem  gebiete,  an  die  Scheide- 
mündung. Hier  lag  der  Wülpensand,  hier  sassen  in  der  zeit  der  späte- 
ren Karolinger  die  Dänen  des  liedes,  die  erst  in  späterer  zeit  auf  der 
jütischen  halbinsel  gesucht  wurden.  Allein  weder  von  der  Gudrun  noch 
von  anderen  zweigen  der  deutschen  heldensage  haben  sicli  in  der  nieder- 
ländischen poesie   spuren   gezeigt.     Die  wenigen  namen  aus  der  helden- 

1)  In  Serrures  vaderlaiidsch  muscum  2,  251  wird  auf  einen  magister  Wilhel- 
nius  physicus  hingewiesen,  der  1198  als  zeuge  neben  Seger,  dem  kastelan  von  Gent 
erscheint.  Nach  den  vortreftlichen  juristischen  kenntnissen  des  dichters  würde  man 
eher  auf  einen  andern  stand  rathen. 

11* 


104  MARTIN 

sa^e  (lio  in  dieser  vorkomineii ,  krmnen  leicht  der  niederrheinischen  dich- 
tung  entlehnt  sein;  und  es  ist  merkwürdio-,  dass  sie  gerade  bei  den 
dichtorn  dos  grcnzlaudes  Brabant  sicli  finden,  z.  b.  in  Aen  Kinderen  van 
Llnihorch  des  Hein  van  Brüssel.  Im  dreizehnten  Jahrhundert  muss  die 
alte  heldensage  in  den  Niederlanden  so  gut  wie  erloschen  gewesen  sein. 
Daher  kam  es  auch ,  dass  die  Nibelungen  wörtlich  übersetzt  wurden  und 
zwar  nach  der  gemeinen  lesart.  Eine  eigentümliche ,  an  die  spielmanns- 
poesie  erinnernde  beliandlung  zeigt  ein  an  die  heldensage  wenigstens  anstrei- 
fendes gedieht,  wovon,  wie  von  der  Nibelungenübersetzung,  nur  bruch- 
stücke  erhalten  sind:  das  gedieht  vom  baren  Wisselau, ^)  der,  von  Ger- 
nout  in  die  bürg  des  riesenkönigs  Espriaen  geführt,  dort  die  furchtbarste 
Verwüstung  und  Verwirrung  anrichtet.  Dieser  fast  mährchenhaft  gewor- 
dene Überrest  der  heldensage  erhielt  sich  wahrscheinlich  nur  durch  die 
anlehnung  an  die  in  den  Niederlanden  überaus  beliebte  sage  von  Karl 
dem  Grossen. 

Das  abgerundetste  gedieht  aus  der  Karlssage  ist  Carel  ende  Ele- 
(jast,'^)  wie  Karl  auf  befehl  eines  engeis  zum  raube  ausziehend  imValde 
mit  dem  von  ihm  verbannten  Elegast  zusammentrifft  und  auf  der  gemein- 
samen raubfahrt  gegen  Eggeric  van  Eggermonde  erfährt,  dass  dieser, 
sein  günstling,  hochverräterische  plane  hegt,  die  nun  durch  einen 
gerichtlichen  Zweikampf  Elegasts  mit  Eggeric  vereitelt  werden.  Die 
sage  war  auch  von  französischen  dichtem  behandelt  worden,  und  darauf 
bezieht  sich  wol  das  Zeugnis  des  Albericus  Trium  fontium;  doch  weist 
in  dem  mnl.  gedieht  der  uame  Elegast  auf  ursprünglich  deutsche  sage.^) 
Die  übrigen  gedichte  aus  der  Karlsage  sind  dagegen  wol  sämtlicli  als 
Übersetzungen  aus  dem  französischen  anzusehen.  So  das  Kolandslied,  der 
Sachsenkrieg,  und  besonders  zahlreich  die  romane,  welche  den  kämpf  der 
Karolinger  gegen  ihre  vasalleu  schildern:  Reinout  van  Montalbaen  oder 
die  Heemskinderen,  Malagijs,  Garijn  van  Montglavie,  Aubrj  der  Bur- 
gondier,  Roman  der  Lorreinen,  Hugo  von  Bordeaux,  Laidoen.  In  den 
meisten  dieser  gedichte  weist  der  frische,  volkstümliche  ton  und  theil- 
weise  die  rohheit  der  sittlichen  begriffe  auf  den  geschmack  eines  frühen 
Zeitalters,  ohne  dass  sich  jedoch  ein  bestimter  anhaltspunkt  für  die 
Zeitfeststellung  böte.  Dagegen  lassen  sich  mit  Sicherheit  in  die  erste 
periode  verweisen   die   bruchstttcke  des  Willem  van  Oringhen,  aus    dem 

1)  Abgedruckt  in  Serrures  vaderlandsch  museum  2,  253  Üg. 

2)  Beatrijs  en  Carel  ende  Elegast.  Middenneclerlandsche  Gedichten  uitg.  en 
toegelicht  door  W.  J.  A.  Jonckbloet.  Amsterdam  1859.  Das  mnl.  gedieht  benutzte 
der  compilator  des  Karlmeinet;  s.  Bartsch,  über  Karlmeinet  s.  76  flgd. 

3)  (rastun  Paris,  histoire  poetique  de  Charlemagne.  Paris  18G5.  s.  817  flgd. 
und  die  recension  dieses  werks  von  Bartsch,  Pfeiffers  Germania  11,  224  flgd. 


ÜBERSICHT    D.    MNL.    LITTERATUR  165 

Moniage  Guillaume  übersetzt;  das  werk  wird  von  Jacob  van  Maerlaut 
erwähnt  nnd  als  sein  dichter  Claes  van  Haerleni  Verbrechtensone  bezeichnet, 
wahrsclieinlich  der  Nicholaus  van  Haarlem,  der  1199  zuerst  urkundlich 
erscheint.  Nicht  ohne  Wahrscheinlichkeit  vermutet  Jonckbloet  (Geschie- 
denis  1,  324),  dass  die  kreuzzüge  des  grafen  Wilhelm  von  Holland  1191 
und  1217  die  abfassung  des  werkes  veranlassten.  Ob  dagegen  von  der 
brabantischen  sage  vom  schwanenritter  Elyas,  die  Maerlant  ebenfalls 
erwähnt,  eine  poetische  bearbeitung  vorhanden  war,  lässt  sich  weder 
behaupten  noch  verneinen. 

Höfischer  als  in  den  Karlromanen  ist  der  ton  der  gedichte  aus  dem 
Artussagenkreise.  Als  das  beste  dieser  gedichte  wird  der  Walewein  von 
Penninc  und  Pieter  Vostaert  angesehen:  zwei  namen,  so  bürgerlich  wie 
man  sie  nur  finden  kann.  Auch  ist  es  nicht  sowol  das  ritterliche  ideal 
wie  in  den  hochdeutschen  gedichten ,  worauf  sich  das  interesse  und  die 
kunst  der  dichter  richten,  sondern  eine  ganz  phantastische  mährchen- 
welt:  ein  schach,  das  durch  die  luft  fliegt,  ein  todter  ritter,  der  zum 
dank  für  seine  bestattung  den  beiden  befreit.  Auf  eine  andere  weise 
stimt  der  stoff  des  gedichts  zur  bürgerlichen  anschauung  im  Ferguut, 
einer  bearbeitung  des  roman  de  Fregus  von  Guillaume  de  Normandie 
(um  12o0).  Ein  bauernsohn,  allerdings  von  adliger  mutter  geboren, 
wird  von  Artus  zum  ritter  geschlagen  und  verrichtet  die  grösten  hel- 
dentaten.  Weniger  verdienst  hat  der  grosse  roman  von  Lancelot,  in 
Avelchen  fünf  andere  romane  hineingearbeitet  sind:  Moriaen,  die  wrake 
van  Kagisel,  die  ridder  metter  mouwen ,  Torec,  Percheval.^)  Den  Artus- 
gedichten sind  in  ihrer  richtung  die  sagen  verwant,  w^elche  die  ritter- 
liche minne  verherlichen :  die  Melusinensage  in  Parthenopeus  und  Melior, 
wovon  nur  bruchstücke  erhalten  sind,  und  Floris  und  Blancefloer  von 
Diederic  van  Assenede.  Mit  diesem  namen  betreten  wir  einigermassen 
festen  boden.  Diederic  erscheint,  und  zwar  einigemal  als  clerc  der  grä- 
fin  Margarethe  von  Flandern  bezeichnet,  zwischen  1262  und  1290  in 
Urkunden.  Er  mag  also,  wenn  wir  seine  dichtung  als  ein  jugendwerk 
ansehen,  um  30  jähre  etwa  später  als  der  Schwabe  Konrad  von  Flecke 
gedichtet  haben;  doch  kannte  er  dessen  werk  ohne  zweifei  gar  nicht, 
da  er  sich  enger  als  dieser  an  das  französische  vorbild  anschliesst. 

Ebenfalls  in  die  mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  fallen  die  jugend- 
gedichte  Jacobs  von  Maerlant,  gröstenteils  übei'setzungen  französischer 
gedichte  über  sagen  des  klassischen  altertums:  sein  Trojanerkrieg  nach 
Beneoit  de  S.  Maure,  nur  in  bruchstücken ,  sein  Alexander^)  nach  Gau- 

1)  Vielleicht  gehört  zu  dieseiu  cyklus  noch  De  liiddcr  inet  de  knr,  in  frag- 
menten  erhalten  und  abgedruckt  im  Vaderlaudsch  Mus.  4 ,  309  —  323. 

2)  Alexanders  yeesteii    nui  Jacob  van  Dlacrlanl  inet  iideidiia/  Varianten  van 


I(i6  MARTIN 

thier  de.  Chastillon,  vollständig  erhalten.  Jonckbloet  hatte  früher  das 
letztere  werk  in  das  jähr  124(1  gesetzt;  seine  gründe  zu  widerlegen, 
Avürde  üherHüssig  sein,  da  er  selbst  später^)  zugestanden  hat,  dass  es 
etwa  10  jähre  später  gedichtet  sein  möchte.  Jn  der  that  wird  pahst 
linioconz  IV.  als  verstorben  (1251)  erwähnt.  Diese  Zeitbestimmung  ist 
um  so  Avichtigcr,  als  Maerlant  im  Alexander  verschiedene  andere  werke 
erwähnt,  Avelche  demnach  früher  gedichtet  sein  müssen;  seinen  eignen 
Trojanerkrieg,  dem  er  später  den  daraus  abgekürzten  und  mit  einer  ein- 
leitung,  dem  prieel  van  Troyen  versehenen  des  Seghere  Dieregodgaf  an 
die  Seite  stellt;  ferner  die  sagen  von  Artur,  Walewein,  Carel,  Ettels 
Orloghe  van  den  Hünen,  Floris,  Partonopeus.  Ein  drittes  Jugendgedicht 
Maerlants  ist  uns  bis  jetzt  vorenthalten,  das  buch  von  Merlins  prophe- 
zeihungeu  oder  die  Historie  von  dem  Grale,  nach  Kobert  de  Borron. 

Neben  der  weltlichen  erzählung  blühte  auch  die  geistliche  auf. 
Brandaen  ist  schon  genannt.  Eine  aus  dem  lateinischen  übersetzte  evan- 
gelienharmonie  ist  das  gedieht  Van  den  levene  ons  heren.  Durch  flüssige 
erzählung  wie  durch  weiche  moral  zeichnet  sich  die  legende  von  Bea- 
trijs  aus,  einer  nonne,  die  das  kloster  verlässt  um  einem  Verführer  zu 
folgen,  reuig  zurückgekehrt  aber  findet,  dass  ihre  stelle  inzwischen  von 
der  h.  Jungfrau  ausgefüllt  worden  ist  zum  danke  für  den  von  ihr  früher 
geweihten  dienst. 

Vielleicht  gehören  in  die  erste  periode  endlich  auch  einige  didak- 
tische gedichte :  zunächst  die  einftich  und  frisch  erzählten ,  mit  den  thier- 
namen  des  Reinaert  wolbekannten  fabeln,  welche  als  Esopet  bezeichnet 
werden.  Maerlant  bemerkt  in  seinem  Spieghel  historiael  (1283 — ^1290), 
dass  die  äsopischen  fabeln  schon  von  Noydekijn  und  Calfstaf  bearbeitet 
seien ;  ob  wir  in  unsern  fabeln  die  arbeit  eines  dieser  beiden  dicliter  vor 
uns  haben,  steht  dahin.  Auf  jeden  fall  kann  dieser  Noydekijn  nicht  der 
dichter  dieses  namens  sein,  von  welchem  eine  anzahl  allegorischer  spro- 
ken  erhalten  sind.  Ebenfalls  didaktischer  tendenz  und  klassischen 
Ursprungs  ist  der  Dietsce  Catoen ,  aus  welchem  ein  spruch  schon  im 
Floris  citiert  wird. 

Diese  didaktische  richtung,  welche  in  der  ersten  periode  nur  spär- 
lich vertreten  ist,  gewinnt  in  der  zweiten  völlig  die  Oberhand.  Wahr- 
heit wird  nun  die  hauptanforderung  und  das  hauptziel  der  dichtung.  Jan 
Boendale  (Lekenspieghel  o,  15,  '.»)  verlaugt  drei  stücke  vom  dichter: 
1)  dass  er  ein  grammarijn  sei,  d.h.  gelehrt,  besonders  formell  gebildet; 

hss.  ucnteckeningen  en  (ßossarhim  op  het  gezag  van  Jiet  staetshestimr  .  .  voor  de 
eerste  munl  uitg.  door  F.  A.  Sndlaert.     I).  I.  II.     Brnssel  1860.  61. 

1)  Auf  dem  niederländischen  congress  zu  Brügge,  dessen  Verhandlungen  mir 
leider  hier  nicht  zu  geböte  stehen. 


ÜBERSICHT    Tl.    MNL.    LITTERATÜR  167 

2)  dass  er  wahrhaft  sei ;  3)  dass  er  ein  ehrsames  leben  führe.  Die  dich- 
ter, als  Clerks  mit  einer  gewissen  wissenschaftlichen  bildung  versehen, 
treten  gegen  die  menestrele,  die  boerders  auf.  Die  romanhaften  erzäh- 
lungen ,  in  denen  z.  b.  Karl  der  Grosse  nicht  immer  im  günstigsten  lichte 
erschien,  wurden  der  bezeugten  gescliichte  gegenüber  gestellt  und  als 
lügenhaft  verdammt.  Maerlant  klagt  sich  später  selbst  an  sich  mit 
lügen  beschmutzt  zu  haben,  womit  er  gewiss  die  aus  Beneoit  de  S.Maure 
entlehnten  ausschmückungcn  des  Trojanerkriegs  meint.  Mit  diesem  absehen 
vor  dem  erdichteten  verbindet  sich  der  nationale  Widerwille  gegen  das 
französische;  die  scone  valsche  tvalsche  poeten  sind  es,  die  Maerlant  ver- 
drängen will;  und  in  der  that  sehen  wir  nun  lateinisclie  quellen  an  die 
stelle  der  französisclien  treten.  Endlich  werden  auch  die  stoffe  andere 
als  die  bisher  behandelten.  Einmal  wird  die  Sittenlehre  nun  mit  vorzüg- 
lichem eifer  in  verse  gebracht,  und  zweitens  ist  es  die  realität,  die 
geschichte  und  die  naturkunde,  die  den  nicht  immer  gerade  passenden 
gegenständ  für  die  dichtung  abgibt.  Auch  in  Deutschland  ist  gegen 
ende  des  dreizehnten  Jahrhunderts  eine  ähnliche  richtung  vorhersehend, 
ich  erinnere  nur  an  Oesterreich,  wo  die  Satiriker  und  Chronisten  durch 
tüchtige  kräfte  vertreten  sind. 

Als  der  anfänger  und  siegreiche  durchführer  dieser  richtung  ist 
Jacob  von  Maerlant  in  seiner  späteren ,  umfangreichen  poetischen  thätig- 
keit  anzusehen.  Eben  auf  diese  riclitung  bezieht  sich  das  lob  Jan  Boen- 
dales,  welcher  Maerlant  den  ehrennamen  eines  vaters  aller  „dktschen 
dichteren"  gibt.  Ueber  seine  lebensumstände  sind  wir  jedoch  fast  imr 
durch  seine  eignen  Schriften  unterrichtet.  Der  name  Maerlant  bezeich- 
net ohne  zweifei  seine  heimat.  Welcher  von  den  zahlreichen  orten  die- 
ses namens,  der  Avegen  seiner  bedeutung  „Mohrland,  Alluvialland"  gerade 
in  den  Niederlanden  mehrfach  vorkommen  musste,  damit  gemeint  ist, 
war  lange  unentschieden,  km  meisten  für  sich  hat  das  von  Versnaeijen 
und  C.  A.  Serrure  nachgewiesene  Maerlant  zwischen  Brügge  und  Blan- 
kenberghe.  Sehr  zweifelhaft  ist  dagegen,  ob  eine  noch  nicht  genügend 
emendierte  stelle  im  Alexander  (1,  1094),  an  welcher  Bruxambacht,  das 
amt  von  Brügge,  vorkommt,  ebenfalls  auf  die  heimat  des  dichters  zu 
beziehen  ist.  Zu  Maerlant  hatte  Jacob  noch  seinen  Trojanerkrieg  gedich- 
tet. Im  Merlijn  soll  er  sich  als  Jacob  de  Coster  van  Maerlant  bezeiclv- 
nen ,  was  freilich  ebenso  gut  ein  familienname  als  die  bezeichnung  eines 
amts  sein  könnte.  Später  war  er  schöppenschreil)er  in  der  stadt  Damme, 
die  im  dreizehnten  jalirhundert  noch  in  voller  blute  stand.  Dort  ist 
heute  noch  im  rathause  sein  bild  zu  sehen;  früher  war  auch  sein  grab- 
denkmal  in  der  kirche  vorhanden,  mit  einer  Inschrift,  die  an  sich  unver- 
ständlich und  allmälig  unleserlicli  geworden,  im.  siebzehnten  Jahrhundert 


168  MARTIN 

(hiliiii  gedeutet  wurde,  dass  der  diclitor  im  jalire  130(»  gestorben  sei. 
Trotossor  de  Vries  hezAveilblt  die  riclitigkeit  der  lesuiig  und  meint,  Maer- 
l;int  habe  l)abl  nach  dem  abscblusse  seines  unvollendeten  Spieghel  histo- 
riael,  also  etwa  120  4  sein  lebensende  erreicht. 

Maerlaiits  lehrgedichte  sind  nun  die  folgenden:  1)  Der  Naturen 
Blocvw  oder  Bestiaris,^)  eine  naturgescliichte  nach  Thomas  Cantipraten- 
sis,  dessen  vor  1256  vollendetes  buch  der  dichter  von  Albertus  Magnus 
erhalten  hatte.  Schon  früher  hatte,  wie  Maerlant  bezeugt ,  Willem  Uten- 
hove,  priester  zu  Oudenaerde,  denselben  gegenständ  behandelt,  aber  nach 
dem  französischen.  2)  Die  BljmhijheP)  nach  derHistoria  scholastica  des 
Petrus  (,'omestor  (um  1150),  welche  in  Deutschland  bekanntlich  schon 
um  die  mitte  des  Jahrhunderts  von  Rudolf  von  Ems ,  als  auch ,  und  zwar 
enger  anschliessend,  von  dessen  thüringischem  nachahmer  benutzt  wor- 
den war.  Maerlants  werk  besteht  aus  zwei  abth eilungen ,  dem  alten  und 
dem  kürzer  behandelten  neuen  testament,  an  welches  letztere  sich  die 
erzählung  von  der  Zerstörung  Jerusalems  nach  Josephus  anschloss.  Die 
Rijmbijbel  gibt  das  anfangsdatum  der  zweiten  periode  der  mnl.  littera- 
turgeschicMe :  sie  ist  im  frühjalir  1271  beendet.  3)  Der  Spieghel  histo- 
riael^)  nach  dem  1256  vollendeten  speculum  liistoriale  des  Vincentius 
Bellovacensis.  Ausserdem  benutzte  Maerlant  noch  Seneca,  die  asceti- 
schen  Schriften  des  Martinus  von  Braga,  und  von  geschichtschreibern 
Jordanes,  Orosius,  Paulus  Diaconus ,  Martinus  Polonus,  Galfridus  Mone- 
mutensis,  Albertus  Aquensis  und  wahrscheinlich  verschiedene  Chroniken 
für  Flandern ,  Holland  und  Brabant.  Denn  sein  Interesse  ist  von  dem 
des  Vincentius  wesentlich  verschieden.  Dessen  clericale  tendenz  war  ihm 
fremd;  er  wollte  seine  mitbürger  über  die  geschichte  und  zumal  über 
ihre  eigene  aufklären.  Um  so  mehr  sah  er  sich  veranlasst,  die  bei  Vin- 
centius ausführlich  liehandelten  kirchlichen  abschnitte  abzukürzen,  als 
seine  frühere  bearbeitung  der  heil,  geschichte  in  der  Reirabibel  von  den 
geistlichen  als  unerlaubte  mitteilung  ihrer  geheimnisse  bezeichnet  und 
gerügt  worden  war.     Als  er  sah ,  dass  er  das  ganze  speculum  nicht  bear- 

1)  Der  Ndtnren  Bloeme  ran  Jacob  van  3Iaerl(i»t ,  met  inleid i lu/ ,  Varianten 
van  hss.  aenteekeningen  en  glossarium  op  gezacj  van  het  (louvernement  .  .  .  vour  de 
eerste  mael  niUj.  door  J.  H.  Burnums.     D.  I.     Brüssel  18x7. 

2)  Rijmbijhel  vanJacuh  'van  Maerlant ,  niet  voorrede  Varianten  van  hss.aen- 
teckeninf/en  en  fjlossariuni  op  last  v((ii  het  (jonvernement  .  .  .  uitfj.  door  J.  David. 
D.  I—III.     Brüssel  1858.  59. 

3)  Jacob  van  Maerlants  Spiefihcl  historiael  met  de  frafiinenten  der  later  toe- 
f/evoegde  gedeelten  betverkt  door  Philip  Utenbroeke  en  Lodewijc  van  Veithein ,  van 
Wege  de  Maatschappij  der  nederlandschc  letterkunde  te  Leiden  uitg.  door  M.  de 
Vries  en  E.   Vertvijs.     D.  I—III.     Leiden  1863. 


ÜBERSICHT   D.    MNL.    LITTERATUR  169 

beiten  konnte,  übersprang  er  von  den  vier  partieen,  in  die  er  den  stoff 
verteilt  hatte,  die  zweite,  die  eigentlich  ganz  aus  legenden  bestehende 
geschichte  von  Nero  auf  Gratian,  und  wante  sich  sofort  zur  folgenden 
zeit.  Die  dritte  partie  beschloss  er  mit  Karl  dem  Grossen;  die  vierte 
konnte  er  nur  bis  auf  die  zeit  Heinrichs  V.  von  Deutschland  führen,  da 
ihn  an  der  fortsetzung  wahrscheinlich  altersschwache  oder  krankheit  ver- 
hinderten. Die  erste  partie  ist  1283  gedichtet,  die  dritte  1284,  die  vierte 
wahrscheinlich  bis  1290.  Das  werk  blieb  aber  nicht  unvollendet.  Zuerst 
füllte  Philip  Utenbroeke  aen  den  Dam,  d.  h.  zu  Damme,  die  zweite  partie 
aus,  wovon  jedocli  nur  bruchstücke  erhalten  sind,  zu  welchen  wahr- 
scheinlich auch  die  legende  von  Barlaam  gehört.  Dann  setzte  1315  herr 
Lodewijc  van  Velthem,  pastor  zuerst  1301  zu  Sichem,  1313  zu  Veltheni 
(beides  dörfer  in  Bral)ant)  die  vierte  partie  fort  bis  1250  ungefähr  und 
fügte  noch  eine  fünfte  hinzu,  die  sich  bis  1316  erstreckt  und  durch  die 
Weissagungen  Daniels,  Merlins,  der  Hildegard  und  des  abts  Joachim 
würdig  beschlossen  wird.  Lodewijcs  arbeit  kann  sich  an  Sorgfalt  des 
Inhalts  wie  der  form  nicht  mit  dem  Maerlantschen  werke  messen;  frei- 
lich ist  auch  dies  nicht  über  eine  trockne  chrouikschreiberei  hinausge- 
kommen. Wie  sehr  Maerlant  jedoch  den  wünschen  seiner  Zeitgenossen 
entgegen  kam ,  ergibt  sich  daraus ,  dass  er  seinen  Spieghel  im  auftrag 
des  grafen  Floris  V.  von  Holland  verfertigte,  wie  auch  seine  Keimbibel 
dem  erzieher  des  grafen  Floris,  herrn  Niclaes  van  Kats,  aber  noch  als 
einem  jungen  menschen,  gewidmet  war.  Auch  in  Utrecht  hatte  Maer- 
lant freunde.  Für  bruder  Alaerd  in  Utrecht  ül)ersetzte  er  das  leben  des 
heil.  Franz  von  Assisi,  das  Bonaventura  1261  geschrieben.  Es  ist  dabei 
von  Interesse  für  den  unterschied  der  mnl.  dialecte,  dass  Maerlant  sich 
entschuldigt,  wenn  er  als  Fläming  worte  gebrauche,  die  seinen  lesern 
ungewohnt  wären.  Noch  nähere  beziehungen  zu  Utrecht  zeigt  eine  reilie 
anderer  gedichte,  die  durch  ihre  metrische  form  (13zeilige  Strophen  mit 
zwei  reimen,  einem  einsilbigen  und  einem  zweisilbigen:  aabaabaabaabb) 
und  durch  ihre  dialogische  einkleidung  sich  auszeichnen.  Man  bezeich- 
net sie  nach  dem  anfang  des  ersten  als  Wapene  Martijn.^)  Martijn  ist 
nämlich  der  mit  Jacob  sich  unterredende,  ohne  zweifei  eine  wirkliche 
persönlichkeit,  aber  noch  nicht  nachgewiesen.  Die  beiden  ersten  dieser 
gediclite  stammen  wol  noch  aus  der  vorigen  periode  ,  da  Jacol)  sich  sel))st 
als  diener  der  minne  bezeichnet,  sowie  er  seinen  Alexander  einer  Iran 
Gotile  zu  liebe  gedichtet  hatte.  Der  eigentliche  gegenständ  wenigstens 
des  ersten  Wapene  Martijn  ist  allerdings  der  zustand  der  Avelt,  der  ver- 

1)  Jacob  van  Maerlaiits  Wapene  Martijn    inet  de  vervolpen  kritisch  uitg.  en 
toegelicht  door  Eelco  Vericijs.    Akademisch  Proefschrift.    Beventer  1857. 


170  MARTIN 

fall  von  trou  und  IVitHlon,  die  ungereclite  anmassung  des  adels.  Von 
Wichtigkeit  für  das  Verhältnis  zu  Deutschlund  ist  dabei  die  beziehung 
auf  den  Sachsenspiegel  und  auf  dessen  erklärung  der  leibeigenschaft. 
Das  dritte  gedieht  handelt  nicht  mehr  von  weltlichen  dingen ,  sondern 
von  der  dreieinigkeit  und  kommt  zum  Schlüsse,  dass  es  vergeblich  und 
schädlich  sei,  darüber  zu  grübeln.  AVelchen  eindruck  gerade  diese 
gedichte  machten,  ist  nicht  nur  daraus  zu  ersehen,  dass  sie  ins  latei- 
nische von  Jan  de  Bukelare  und  ins  französische  übersetzt  wurden,  son- 
dern auch  aus  der  nachahmung,.  die  sie  anregten.  So  wurde  das  erste 
gedieht  mit  beibehaltung  der  reime  parodiert  und  ironisch  Schmeichelei 
und  betrug  angepriesen  im  sogenannten  Verkeerden  Martijn.  Ein  viertes 
Wapene  Martijn  in  neunzelmzeiligen  Strophen  wurde  im  jähre  1299  von 
Hein  van  Aken  verfasst.^)  Noch  öfter  wurde  die  dialogische  form  nach- 
geahmt. Ohne  diese ,  aber  in  der  dreizehnzeiligen  strophe  desWapene  Martijn 
hat  Maerlant  der  Kerken  Klaghe  und  Van  den  Lande  van  Overzee  gedich- 
tet, letzteres  eine  auftbrderung  zum  kreuzzuge  nach  dem  falle  von  Ackers 
1291.  Beide  gedichte  erinnern  im  ton  und  im  stoft'  an  ähnliche  des 
trouvere  liustebuef,  ohne  jedoch  aus  diesem  übertragen  zu  sein.  End- 
lich gehören  wol  noch  in  die  letzte  zeit  des  dichters  die  Disputacie  van 
onser  frouwen  ende  van  den  h.  Cruce,  die  Clausulen  van  der  Bible  u.  a. 
kleinere  stücke.  Nicht  erhalten  ist  uns  eine  legende  von  S.  Clara,  die 
Maerlant  in  seinem  Franciscus  erwähnt.  Mit  unrecht  liat  man  ihm  dage- 
gegen  zugeschrieben  Tboec  van  den  houte,  von  dem  Holze  des  Kreuzes, 
und  die  Heimelijcheit  der  Heimelijclieden ,  eine  auf  Aristoteles  zurückge- 
führte Sittenlehre. 

Mit  Maerlant  hatte  die  poetische  production  Flanderns  so  ziemlich 
ihr  ende  erreicht;  in  Holland  und  Brabant  aber  regte  sein  beispiel  erst 
an.  Nach  den  im  kloster  Egmond  vorhandenen,  auch  von  Maerlant 
benutzten  quellen  schrieb  Melis  Stoke  eine  lieimchonik  von  Holland  bis 
zum  jähre  1305.  Selten  erhebt  er  sich  über  trockne  annalistik;  doch 
ist  namentlich  die  ermordung  des  bürgerfreundlichen  Floris  V.  durch  den 
adel  und  der  krieg  gegen  Flandern  nach  der  schlacht  von  Courtray  leben- 
dig geschildert.  Das  buch  war  erst  für  Floris  bestimmt,  ward  aber  nach 
dessen  tode  seinem  nachfolger  Jan  gewidmet. 

Reicher  erblühte  die  litteratur  in  Brabant.  Hier  hob  Jan  I.  mäch- 
tig das  Selbstgefühl  seiner  landesgeuossen.  Er  selbst  war  —  eine  in  den 
Niederlanden  alleinstehende  erscheinung  —  minnesänger.  Acht  lieder 
sind  von  ihm  erhalten ,  freilich  in  halbhochdeutschen  formen ,  in  der  Pari- 

1)  Serrures  Vaderlandscli  Museum  4,  55  —  00. 


PBEÜSICHT   PER   MNL.    LITTERATUR  171 

ser  liederhandsclirift.^)  Ebenso  tüchtig  wie  als  sänger  zeigte  Jan  sich 
auf  dem  schhichtfelde.  Durch  den  sieg  bei  Worringen  1288  behauptete 
er  Limburg  gegen  eine  coalition  rheinischer  fürsten.  Diese  glänzende 
waffenthat,  welche  ebenso  wie  die  sporenschlacht  bei  Courtray  auch  der 
östreichische  chronist  Ottacker  erwähnt,  feierte  bruder  Jan  van  Heelu 
oder  van  Leeuwe,  dem  heutigen  Leau  im  ostende  von  Brabant,  wahr- 
scheinlich ein  deutschordensritter :  er  wollte  mit  der  erzählung  von  den 
grossthaten  des  lierzogs  seiner  Schwiegertochter  Margarethe  von  England 
geschmack  fiir  die  niederländische  spräche  einflössen.  Mehr  im  stil  der 
alten  Karlromane  ist  dagegen  der  Grimbergsche  Oorlog ,  ein  bericht  über 
die  kämpfe  Arnolds  von  Grimberghen,  einem  nördlich  von  Brüssel  gele- 
genen Städtchen,  gegen  die  lehnsherlichkeit  Gotfrieds  des  Bärtigen  um 
1140.  Dieselbe  historische  richtung  finden  wir  endlich  bei  dem  würdig- 
sten nachfolger  Maerlants ,  bei  Jan  ßoendale ,  genannt  de  Clerc ,  geboren 
zu  Tervueren  um  1290,  gestorben  zu  Antwerpen  1365.  In  Antwerpen 
war  er  clerc  der  stadt  und,  wie  aus  Urkunden  hervorgeht,  auch  mit  wich- 
tigen diplomatischen  geschäften  betraut.  Er  schrieb  Brabantsclie  gee- 
sten,2)  den  ersten  grösseren  theil  bis  ins  5.  buch  vor  dem  jähre  1315, 
und  zwar  die  di'ei  ersten  bücher  mit  oft  wörtlicher  benutzung  des  Spie- 
ghel  historiael;  später  setzte  er  sein  werk  fort  bis  1350,  wozu  vielleicht 
aucli  ein  bericht  über  die  schlacht  von  Crecy  gehört.  Selbständig  ist 
dagegen  das  buch  Van  den  derden  Eduwaerde,  worin  der  englisch -fran- 
zösische feldzug  1338  — 1340  behandelt  wird. 

Jan  nahm  aber  auch  die  geradezu  didaktisch«  richtung  Maerlants 
wieder  auf  in  zwei  grösseren  werken,  der  Teesteye  und  dem  Lekenspie- 
ghel,  denen  man  em  drittes,  das  1345  eutstandene  Dietsce  Doctrinael 
mit  unrecht  angereiht  hat.  Der  Lekenspieghel  ist  eine  samlung  alles  des- 
sen, was  ein  laie  von  kirchengeschichte  und  Sittenlehre  wissen  solle, 
würdig  und  bedächtig,  in  der  Sittenlehre  aber  auch  den  weltlichen  vor- 
tlieil  hervorhebend.  Ganz  anders  und  viel  interessanter  ist  das  andere 
gedieht,  wenigstens  nach  dem,  was  bis  jetzt  davon  gedruckt  ist.^)  Tee- 
steye ist  Überzeugung,  meinung.  Jan  bekennt  sich  rückhaltlos  zu  den 
demokratischen  ideen,  die  damals  namentlich  in  den  flandrischen  städten 
ihre  Verwirklichung  zu  finden  schienen.  Obgleicli  selbst  geistliclier,  stellt 
Jan   doch  die   ehe    weit  über   das   cölibat  und  schilt  die  anmassung  des 

1)  Vou  Hoffmaiin  in  Pfeiffers  Germania  3,  154  in  ninl.  formen  umgesetzt, 
wobei  ein  neuntes  lied  mit  recht  wegfiel. 

2)  Daraus  schöpfte  der  conipilator  des  Karlmeinct;  s.  K.  Bartscli,  über  Karl- 
meinet  s.  385. 

3)  Bloemlczinc)  idt  middclnederlandsche  Dichters  bijeenverzamcld  door  E.  Ver- 
tvijs.    B.  I—IV.    Zutfen  (1858  —  07).    2,  163  —  181. 


172  MARTIN 

clerus  ebenso  wie  die  des  adcls.  Diese  ansichton  eilialten  durch  die 
dialogische  form  -  Jan  unterhält  sich  mit  Wouter  —  nur  grössere 
schärfe  und  lebendigkeit.  Alles  dies  lässt  annehmen ,  dass  die  Teesteye 
rrülier  gedichtet  ist,  als  der  Lekenspieghel ,  den  Jan  1:515  —  i:^25  ver- 
tasst  hat.  Beide  gedichte  sind  herrn  Regier  van  Liefdale  (zwischen  Brüs- 
sel und  Löwen)  gewidmet,  der  Lekenspieghel  in  einigen  handschriften 
auch  Jan  IIl.  von  Brabant.  Mit  der  bisher  verfolgten  richtung  Jans 
stünde  es  im  harten  widersprach ,  wenn  er  den  ilim  in  einigen  litteratur- 
geschichten  beigelegten  Karlroman  von  Ogier  wirklich  verfasst  haben 
sollte.  Allein  an  einer  gewissen  stelle  dieses  roraans  wird  Jan  de  Clerc 
allerdings  genannt,  aber  nicht  als  Verfasser,  sondern  nur  als  Urheber 
eines  angeführten  Spruches.^) 

Ausser  Jan  Boendale  fand  die  didaktische  richtung  Maerlants  noch 
andere,  aber  nicht  gleich  hochbegabte  nachfolger.  Ein  werk  dieser  art 
ist  der  Mellibeus ,  nach  dem  lateinischen  werke  des  Albertanus  von  Bres- 
cia  zwischen  1345  und  lö55  verfasst  und  dem  herzog  Jan  III.  zugeeig- 
net.^) Gegen  das  ende  der  periode  dichtete  auch  Jan  de  Weert,  clerc 
van  surgie,  in  Yperen  sein  Meuwe  Doctrinael  oder  Spieghel  der  Sonden, 
sowie  eine  nachahmuug  des  Wapene  Martijn,  ein  gespräch  zwischen  Jan 
und  Rogier  in  dreizehn  zeiligen  versen.  Vielleicht  gehören  noch  andere 
didaktische  werke  dieser  zeit  an,  die  Dietsce  Lucidarius  u.  a. 

Neben  der  lehrdichtung,  die  Maerlant  eingeführt,  verschwanden 
jedocli  die  anderen  gattungeu  nicht  völlig.  So  ist  das  gedieht  von  der 
Burggräfin  von  Vergi,  eine  minnegeschichte  ganz  nach  dem  sinne  Got- 
frieds  von  Strassburg,  nach  einer  französischen  quelle  1315  gedichtet. 
Hier  ist  ferner  besonders  der  dichter  Hein  van  Aken  oder  von  Brüssel 
zu  nennen.  Als  Verfasser  des  vierten  Wapene  Martijn  weist  er  sich  dadurch 
aus,  dass  er  darin  den  Hugo  von  Tabarien,  welcher  Saladin  in  der  rit- 
tertugend  unterweist,   als   sein  werk  anführt.     Ferner  übersetzte   er   den 

1)  Heidelberger  Hs.  363,  Bl.  202*:  Nu  eiqjfingen  sie  den  lone  Den  sk  an 
manigem  guttes  fr  und  Dazu  voren  hatten  verdient:  Das  besaite  Ine  nu  ogier  der 
starck.  Noch  bringent  gern  böse  werk  Bösen  Ion  an  vnd  In.  Ein  man  solte  vor- 
hin besehen  sin  beginn  So  ivas  tvurd  do  gelich  Und  dann  solte  er  es  vort  gelich 
AI  dar  halten  zu  dem  fine.  Wenn  es  ist  al  verlorne  injne ,  Gilt  am  anfang  und 
am  end  quaet ,  Das  ist  alles  ein  verlorn  staet:  Daran  nemme  ein  ieglicher  sin 
gemerk.  Dis  lernet  uns  Johann  wol  der  der  ick,  Der  manige  stund  versleyss 
sine  synne  Umb  gar  einen  cleynen  geivynne  Von  gaben  und  von  einigem  gut.  (Bl. 
202*'):  Sust  .schlug  ogier  mit  stoltzem  mut  Die  qiiaden  von  hertzen  feil.  Herr  Pro- 
fessor de  Vries ,  dessen  gute  ich  während  eines  aufenthaltes  in  Leiden  in  hohem  masse 
erfahren  liabe,  zeigte  mir  eine  stelle  von  ähnlichem  inhalte  im  Lekenspieghel  h.  lU, 
cap.  3,  V.  289—302. 

2)  Gegen  400  vv.  gedruckt  in  der  Bloemlezing  von  Verwijs  2,  203  flgd. 


LBER8ICHT    D.    MNL.    LITTERATI'R  173 

um  1300  von  Jelian  de  Meung  vollendeten  roman  de  la  Rose  als  Spie- 
gliel  der  Minne.  ^)  Könnte  man  diese  gedieh te  noch  gewissermassen  als 
didaktisch  ansehen,  so  gehört  dagegen  der  1280  bis  1817  gedichtete 
roman  von  den  Kinderen  van  Limborch  ganz  der  phantastischen  erzäh- 
lungspoesie  an.  Es  ist  ein  eigentümliches  gemisch  von  wälschen,  anti- 
ken und  deutschen  namen  und  geschichten,  vielleicht  original,  obwol 
Hein  sich  auf  ein  wälsches  buch  beruft. 

Auch  der  von  Maerlant  geschmähte,  von  Jan  Boendale  aber  als 
lehrreich  anerkannte  lieinaert  fand  in  der  mitte  des  vierzehnten  Jahrhun- 
derts seine  fortsetzung  in  dem  Zweikampfe  Reinaerts  mit  Isegrijn.  Die 
erwähnung  der  donnerbüchsen  gibt  die  Zeitbestimmung,  während  der  ort 
sich  nicht  mit  gleicher  Sicherheit  feststellen  lässt.  An  poetischem  werte 
steht  die  fortsetzung  bedeutend  unter  dem  älteren  werke  Willems,  ohne 
jedoch  einzelner  treffender  züge  zu  entbehren.  Eine  verkennung  der 
eigentümlichen  bedingungen  dieser  dichtart  zeigt  sich  in  dem  einmischen 
äsopischer  fabeln ,  wobei  der  Esopet  benutzt  worden  ist. 

Mehr  im  sinne  Maerlants  war  die  legendendichtung.  Eine  reihe 
derartiger  gedichte  ist  nur  liruchstückweise  erhalten ,  darunter  ein  mehr 
didaktisches,  Vander  biechten,  welches  Martijn  von  Thorout  als  Verfasser 
nennt.  Die  legenden  sind  zum  theil  in  Eename  bei  Oudenaarden  um 
1290  gedichtet:  so  Maria  in  Egipten  und  Zosimus,  Eustachius,  Agatha, 
Catharina,  Werner  u.  a.  Aus  dem  benachbarten  Affiighem  stamt  das 
Leben  der  h.  Lutgardis  von  Willem.^)  Eine  samlung  von  legenden  über 
apostel,  märtyrer,  bekenner  und  heilige  frauen  ist  die  Historien  bloeme. 
Eigentümlich  durch  geschmacklose  wortwiderholung  ist  die  legende  von 
Theophilus.  Endlich  hat  im  jähre  1367  Gillis  de  Wevel  aus  Brügge, 
ein  junger  geistlicher ,  die  legende  von  S.  Amand  gedichtet. 

Diese  legendendichtung  setzte  sich  auch  noch  in  die  folgende  periode 
fort,  die  von  1305  — 1430  angesetzt  worden  ist.  So  die  h.  Christina 
vom  Minderbroeder  Gheraert  nach  dem  lateinischen  des  Thomas  Can- 
tipratanus;  so  ferner  die  aus  legende  und  roman  wunderbar  gemischte 
geschichte  Seghelijns  von  Jerusalem  von  Loy  Latewaert.  Auch  die  didak- 
tischen dichtungen  blieben  nicht  ganz  ohne  nachfolge:  dahin  gehört  die 
Naturlmnde  des  Heelals  von  Gheraert  van  Lieuhout,  verschiedene  Sitten- 
lehren unter  dem  titel  Heimelijcheit,   Chroniken  von  Brabant  und  Flau- 

1)  Die  Hose  van  Heinric  van  Aken  met  de  frafpiienteii,  der  kveede  vertaUtifj, 
van  tvege  de  Maatscliapinj  der  nederlundadie  Letterkunde  te  Leiden  uiiy.  d.  E.  Ver- 
tvijs.    's  Gravenhage.  1868. 

2)  Herausgegeben  von  Borrnans  in  -der  Dietsce  Warande.  lijdschrift  voor 
nederlandsche  oudheden  en  nieutcere  kanst  en  letteren ,  bestimrd  door  J.  A.  Alber- 
dinxjk   Thijiii.     IJ.  1  —  V.     AmMcrdam.  1855  —  GO  in  hd.:]. 


174  MARTIN 

(ItM-n.  Iiiiter  diesen  werken  nimt  der  Minnen  Loop  von  Dirc  Potter 
einen  vor/iigliclien  nui_o-  ein.  Der  dicliter  liattc  im  auftrage  der  liollän- 
disclien  grafeii  selbst  Italien  bereist  und  benutzte  ausser  Ovid  und  der 
Fabliauxpoesie  auch  Bocaccio.  Sein  werk  behandelt  in  vier  büchern  die 
tbörichte  und  die  verständige,  die  unerlaubte  und  die  erlaubte  minne, 
und  erläutert  die  minnelehreu  durch  beispiele,  die  zum  tlieil  gescliickt 
erzählt  werden.  Das  gedieht  ist  nach  1417  entstandeu;  der  dichter 
starb  1428. 

Die  hauptgattung  aber,  die  in  der  dritten  periode  geübt  wurde, 
war  die  Sproke ,  das  kurze  gedieht  theils  erzählenden ,  theils  urtheilen- 
den  inbalts.  Zugleich  aber  treten  nun  dichter  anderen  Standes  als  die 
bisherigen  auf.  Es  sind  nicht  mehr  die  bürger,  die  sich  früher  an  roma- 
ncn  ergötzt ,  dann  gelehrsamkeit  und  Sittenlehre  behandelt  hatten ;  son- 
dern fahrende  sänger  oder  sprekers,  die  an  den  höfen  herumziehend  ihren 
miterhalt  suchen.  Und  zwar  ist  es  namentlich  der  holländische  hof,  der 
eine  reihe  derartiger  dichter  auf  längere  oder  kürzere  zeit  aufnimmt.  Da 
Holland  in  dieser  zeit  von  den  bairischen  fürsten  regiert  wurde,  drang 
auch  in  die  spräche  dieser  dichter,  wie  4n  die  Dirc  Potters,  eine  anzahl 
hochdeutscher  formen  und  ausdrücke  ein.  Ja,  aus  den  hofrechnungen 
geht  sogar  hervor,  dass  bei  herzog  Albrecht  auch  Sprecher  aus  West- 
falen und  aus  Heidelberg  auftraten.  Aber  schon  früher  muss  ein  der- 
artiger besuch  des  holländischen  hofes  stattgefunden  haben ,  da  graf  Wil- 
helm IV.  (f  1345)  in  halbhochdeutschen  gedichteu  beklagt  wird.^)  Ein- 
heimische sprekers  werden  in  ziemlicher  anzahl  genannt,  so  1338  Wil- 
lem van  Delft,  1358  Jan  Dille;  erhalten  sind  gedichte  dieser  art  beson- 
ders von  Augustijnken  van  Dordt,  der  1350 — 70,  und  noch  zahl- 
reicher von  Willem  van  Hillegaersberch  bei  Kotterdam ,  der  1383 — 1408 
blühte.  Vielleicht  das  interessanteste  dieser  gedichte  ist  Willem's  „hoe 
dierste  partien  in  Hollant  quamen,''  vom  kabeljauscheu  Standpunkt  aus. 
Die  meisten  werke  dieser  dichterlingsgenossenschaft  sind  allegorisch. 
Austijnkens  Schepje  schildert ,  wie  ein  schiff  Sekerheit  mit  seinem  mäste 
Volherdeu ,  mit  seinen  tauen ,  den  kindern  der  frau  Trouwe  u.  s.  w.  aus- 
gerüstet aus  der  bürg  der  frau  Ehre  abfährt.  Ein  andermal  in  den  „  ses 
faerwen  "  werden  diese  auf  die  lebensalter  gedeutet.  Dergleichen  gedichte 
waren  in  der  zweiten  hälfte  des  vierzehnten  Jahrhunderts  ja  auch  in 
Deutschland  an  der  tagesordnung ,  und  der  Lassbergische  liedersaal  sowie 
die  handschrift  der  Hätzlerin  geben  sehr  nahe  parallelen.  Ebenso  wie 
hier  die  deutschen  sind  auch  die  niederländischen  Sproken  in  starken 
samlungen  vereinigt ,  wovon  die  Hultheimische  handschrift ,  jetzt  in  Brüs- 

1)  S.  zeitsclir.  für  deutsches  altertliuiu  13,  3G1;  und  vgl.  ebd.  371;  1,-241. 


t'BERSTCHT   D.    MNL.   LITTERATUR  175 

sei,  die  bedeutendste  ist.  ^)  Hier  lernt  man  auch  brabantische  und 
flämische  dichter  dieser  art  kennen.  Jan  Cnibbe  von  Brüssel  beklagt  1383 
Wenzel,  den  letzten  Jierzog  von  Brabant,  1384  Ludwig  von  Male,  den 
letzten  grafen  von  Flandern.  Ein  Fläming  dagegen  ist  Boudewijn  van 
der  Lore,  der  um  dieselbe  zeit  die  Magb et  van  Gent  dichtete,  eine  alle- 
gorische darstelluug  des  siegreichen  Widerstandes,  den  die  stadt  gegen 
Ludwig  von  Male  geleistet  hatte.  Andere  gedichte  desselben  Verfassers 
sind  scherzhaft- satirischen  Inhalts,  z.  b.  „  Achte  personen  wenschen ,"  eine 
parodie  von  „Vier  heren  wenschen,"  worin  Gontier,  Geernot,  Rudeger 
und  Hagen  auftreten. 

Neben  dieser  spruchpoesie  kommen  aber  schon  in  dieser  periode 
zwei  andere,  mehr  volkstümliche  gattungen  auf,  die  jedoch  zu  rechter 
blute  erst  im  folgenden  Zeitraum  gelangen:  das  Volkslied  und  das  Schau- 
spiel. Von  der  zweiten  gattung  ist  aus  dem  vierzehnten  Jahrhundert  nur 
eine  samlung  in  der  Hultheimschen  handschrift  erhalten.  Es  sind  zehn 
stücke,  theils  „abele  Speien,"  d.  h.  ernste,  romantische  dramen,  theils 
„Sotternien,"  possen  in  dem  derben  geschmack,  der  aus  den  niederlän- 
dischen genrebildern  zur  genüge  bekannt  ist.  Um  daher  bei  der  erste- 
ren  gattung  stehen  zu  bleiben ,  so  stellt  z.  b.  der  Lanseloot  dar ,  wie  der 
held  auf  den  rath  seiner  mutter  die  schöne ,  aber  niedriggeborne  Sandrijn 
überwältigt  und  dann  schimpflich  verstösst,  wie  sie  umherirrend  doch 
noch  einen  edlen  mann  findet  und  dann  den  reuevollen  Lanseloot  zurück- 
weist und  in' Verzweiflung  enden  lässt.  Weniger  die  noch  ziemlich  unbe- 
hilfliche dramatische  form,  als  gewisse  winke  und  andeutungen  zeigen, 
dass  diese  stücke  zur  aufführung  bestimt  waren  und  daher  vermutlich 
keineswegs  allein  standen.  Die  zuhörer  werden  ins  spiel  hineingezogen, 
sie  werden  am  Schlüsse  der  tragödie  ermahnt  nicht  weg  zu  gehen,  da 
man  noch  eine  Sotternie  aufführen  werde.  Wie  auch  für  diese  dramatische 
gattung  sich  eine  fast  gleichzeitige  parallele  im  deutschen  fastnachtspiel 
findet,  bedarf  kaum  der  erwähnung. 

Die  volle  ausbildung  und  überaus  fruchtbare  behandlung  des  nie- 
derländischen dramas  fällt  freilich  erst  in  die  folgende  Übergangsperiode, 
welche  zwar  zur  mnl.  zeit  strenggenommen  nicht  gehört,  aber  docli  in 
ihren  hauptersclieinungen  charakterisiert  werden  mag.  Im  XV.  und  XVL 
Jahrhundert  nahm  das  niederländische  drama  eine  wendung,  die  bei  allen 
inneren  Verschiedenheiten  äusserlich  einen  vergleich  wol  zulässt  mit  der 
Übung  einer  anderen  dichtungsgattung  derselben  zeit  in  Deutschland.   Die 

1)  Eine  genaue  Beschreibung  und  Inhaltsangabe  (214  nuniniern)  findet  sicli  in 
Serruves  vaderl.  raus.  3 ,  139  —  1G4. 


17G  MARTIN 

Rederijkkamers /)  seit  dem  beo-imi  der  burgundischen  herschaft  officiel 
organisiert,  haben  in  der  that  manche  iUmlichkeit  mit  den  deutschen 
meiötersingern.  Wie  diese  waren  sie  als  eine  gilde  vereinigt;  wie  diese 
wetteiferten  sie  mit  ihren  dichtungeu;  wie  die  meistersiuger  hatten  sie 
künstliche  bestimmiingen,  deren  pedantische  ausführung  sie  über  die 
inluiltslere  ihrer  gedichte  hinwegsehen  liess.  Aber  während  die  mei- 
stersinger  die  ritterliche  lyrik  fortsetzten,  schlössen  die  Rederijkers  sich 
an  die  französischen  mysterien  an.  Ihre  ernsten  stücke,  Speien  van  Sinne, 
stellten  durch  personen  aus  der  heiligen  geschichte,  den  märtyreriegen- 
den,  oder  aus  der  antiken  sage,  gewisse  moralische  gemeinplätze  dar.  Dane- 
ben übten  sie,  und  mit  mehr  beifall,  die  Kluchteu;  und  verliehen  auch 
den  Speien  van  Sinne  durch  übermässige  pracht  reize ,  an  denen  die  kunst 
keinen  theil  hatte.  Während  ferner  die  meistersiuger  einer  gegen  den 
andern  um  die  wette  stritten,  waren  es  hier  die  kammern,  die  mit  ein- 
ander wetteiferten  und  zwar  um  sehr  materielle  preise.  Allerdings  haben 
die  Rederijkers  auch  ausserhalb  des  dramas  sich  versucht;  aber  in  for- 
men ,  die  sclavisch  den  Franzosen  nachgeahmt  waren ,  dem  rondeau  oder 
triolett ,  der  bailade  u.  s.  f.  Bezeichnend  ist  der  titel ,  den  sich  der  Ver- 
fasser ihres  lehrbuchs,  Mathijs  de  Casteleyn  beilegt:  er  nennt  sich  excel- 
lent  poete  moderne.  In  der  politisch  -  religiösen  richtung  aber ,  die  die 
Rederijkers  im  XVI.  Jahrhundert  einschlugen,  lassen  sie  sich  wieder  mit 
den  meistersingern  vergleichen :  sie  wurden  die  eifrigsten  Vertreter  der 
reformation  und  ihre  Speien  van  Sinne  dienten  auch  den  weiterfortge- 
schrittenen neuerem,  z.  b.  Heinrich  Niclaes  zur  eiukleiduug  ihrer  ideen. 
Von  den  auf  uns  gekommenen  stücken  in  der  art  der  Rederijkers  sei  nur 
das  älteste  genannt,  die  eerste  bliscap  van  Maria, ^)  welches-  1444  zu 
Brüssel  aufgeführt  wurde  und  einen  abriss  der  ganzen  heiligen  geschichte 
enthält. 

Erfreulicher  als  diese  in  allegorie  und  reimkünsten  aufgehende 
dichtung  ist  uns  das  Volkslied  aus  dem  XV.  und  XVI.  Jahrhundert.  Hier 
ist  der  Zusammenhang  mit  Deutschland  vollständig  hergestellt.  Ret 
ivaren  tivec  hoyüncsklnderen  oder  Waer  sal  Ic  mi  henen  keren,  ic  arm 
hroederlijn,  oder  Ick  tvil  te  lande  rijden,  sprach  meester  Hildebrant  — 
aUe  diese  lieder  sind  ja  als  deutsche  Volkslieder  wolbekannt.  Natürlich, 
dass  nicht  alle  lieder  gemeingut  waren ;  namentlich  die  politischen  lieder 
hatten  gröstentheils  nur  für  einzelne  landschaften  Interesse.  Solche  lie- 
der finden  sich  auch  in  den  Niederlanden  früh,  wenn  schon  die  gedichte 

1)  G.  D.  J.  Schotel ,  Geschiedenis  der  Eederijkers  in  Nederland.  D.  I.  II. 
Amsterdam  1862.  64. 

2)  De  eerste  hliscap  van  Maria,  misteriespel  van  het  jaer  1444,  met  eene 
inleiding  over  suurtiielijke  speien  en  iiiet  ophelderinyen  door  J .  F.  Willems.    Gent  1845. 


ÜBERSICHT   D.    MNL.    LITTERATÜR  177 

der  Sprekers  eigentlich  abgerechnet  werden  müssen.  Aus  dem  anfang 
des  XIV.  Jahrhunderts  stammt  das  lied  „van  den  Kerels,"  der  nationalpar- 
tei  in  Flandern,  sowie  das  Jan  III.  von  Brabant  in  den  mund  gelegte 
Ic  hen  die  hertoghe  van  Brabant^  hi  den  ever  hen  ic  genant.^)  Noch 
zahlreicher  sind  diese  lieder  aus  dem  XV.  und  XVI.  Jahrhundert  über- 
liefert; in  der  späteren  zeit  mit  den  geistlichen  liedern  der  reformation 
in  inniger  Verbindung. 

Neben  der  erzeugenden  thätigkeit  geht  im  XV.  und  XVI.  Jahrhun- 
derte eine  erneuernde  her.  Die  alten  romane  und  sonstigen  dichtungen 
von  dauerndem  Interesse  wurden  vielfach  in  prosa  oder  wenigstens  in 
jüngere  sprachformen  umgesetzt.  Das  wichtigste  beispiel  dieser  Umar- 
beitungen ist  der  Reinaert  des  Heinric  van  Alkmaer,  welcher  nach  der 
im  nd.  Reineke  erhaltenen  vorrede  schuUehrer  des  herzogs  von  Lothrin- 
gen war.  Früher  wüste  man  nicht,  wie  diese  notiz  bei  dem  nd.  werke 
zu  erklären  sei ,  bis  sich  bruchstücke  eines  alten  niederländischen  druckes 
fanden,  der  unzweifelhaft  die  im  Reineke  übersetzte  erneuerung  enthielt. 
Diese  erneuerung  war  freilich  ebenso  wie  das  original  durch  die  aus 
jener  hervorgegangene  prosa  verdrängt  worden.  Aehnlich  wurden  auch 
Carel  ende  Elegast,  das  Rolandslied,  Floris,  Maerlants  Wapene  Martijn 
und  Spieghel  historiael,  die  Schlacht  bei  Woeringen,  die  Kinder  von 
Limburg,  Lanseloot  ende  Sandrijn  in  mehr  oder  weniger  umgearbeiteten 
texten  gedruckt.  Ein  zeugnis  für  das  Interesse,  welches  die  älteren  nie- 
derländischen gedichte  damals  auch  in  Deutschland  fanden ,  sind  die  Umar- 
beitungen des  Johann  von  Soest.  Gebürtig  aus  Unna  in  Westfalen,  lernte 
er  in  Flandern  als  sänger,  und  übersetzte  in  Heidelberg,  wo  er  seit  1471 
lebte,  den  Ogier,  Reinout,  Malagijs  und  die  Kinder  von  Limburg  in  ein 
abscheuliches  gemisch  von  hochdeutsch,  niederdeutsch  und  niederländisch. 

Jene  niederländiscben  erneuerungen  bewiesen  und  sprachen  es  zum 
theil  offen  aus,  dass  die  spräche  der  alten  texte  veraltet  war.  Der  unter- 
schied des  mnl.  vom  nnl.  ist  freilich  fast  nur  in  wortgebrauch  und  satz- 
fügung  bemerklich,  nicht  aber,  wenigstens  nur  unwesentlich ,  in  laut -und 
beugungslehre.  Jene  alten  bedeutungen  aber  stimmen  so  sehr  mit  dem 
mhd.  überein,  dass  man,  von  hier  aus  in  das  mnl.  eindringend,  einen 
grossen  Vorschub  hat.  Es  ist  zu  wünschen,  dass,  wie  wir  Deutsche  im 
mnl.  manches  finden,  was  unser  bild  des  germanischen  geistes  ergänzt,  so 
auch  die  Niederländer  ihrerseits  nicht  versäumen  mögen ,  die  im  mhd. 
vorliegenden  analogien  7A1  ihrer  alten  spräche  und  litteratur  aufzusuchen. 

HEIDELBERG.  ERNST   MARTIN. 

1)  Die  historischen  Volkslieder  der  Deutschen  vom  13.  bis  IG.  Jahrhundert, 
gesammelt  und  erläutert  von  R.  v.  Lilicncron.  I.     Leipzig  18G5.     S.  31.  3G. 


ZBITSCHU.    F.    DKUTaCUE    I'HILOL.  12 


178 


BRUCHSTÜCK   EINES  LATEINISCHEN  MARIENLIEDES 
MIT   ALTFRANZÖSISCHER  ÜBERSETZUNG. 

Im  einbände  eines  französischen  werkes  aus  dem  XVI.  Jahrhundert, 
(Les  Oeuvres  poetiques  d'Amadis  Jam}^ ,  Paris  1577),  welches  sich  frü- 
her in  der  bibliothek  der  frau  von  l>urchardi  zu  Gross  -  Cotta  in  Sachsen 
befand,  ist  uns  eine  lateinische  hyrane  auf  die  Jungfrau  Maria  mit  alt- 
französischer Übersetzung  erhalten,  welche  sowol  in  hymnologischer  als 
in  sprachlicher  hinsieht  von  Interesse  ist  und  welche  sich  auch  in  den 
neueren  Sammlungen  der  hymnen  von  Daniel,  Moue  und  Morel  nicht 
findet.  Das  Pergamentblatt  in  Quartform,  auf  welchem  der  hymnus 
ursprünglich  gestanden,  ist  für  die  zwecke  des  einbandes  in  der  mitte 
zerschnitten  worden  und  es  sind  dadurch  einige  Strophen  verloren  gegan- 
o-en.  Dem  Charakter  der  schrift  nach  wird  die  handschrift  eher  in  das 
XV.  als  in  das  XIV.  Jahrhundert  zu  setzen  sein. 

1.  Sanctitatis  tocius  femiua, 
muiidi  princeps  et  celi  doraüia, 
servis  tuis  relaxa  crimina 

et  eorum  mentes  illumina. 

2.  0  fenmie  qui  es  plaine  de  toute  saiiitete, 
du  monde  la  princesse ,  du  cid  la  poestö, 

a  tes  sergens  relache[s]  leurs  grandes  iniquites 
et  leurs'  cuers  eulumine  de  parfaite  equite. 

3.  Vitis  vera  extende  palmitem 
tuum  ad  nos,  ut  eum  comitem 
habe(a)mus  vi(t)aeque  limitem 


4.  Ex  te  virgo  iiatus  est  filius 

puer  Jesus,  qui  (quo)  nichil  dulcius, 
quem  rogamus  omnes  attencius 
ut  sit  nobis  per  te  propicius. 

5.  De  toy  virgc  tres  pure  est  le  Als  de  dieu  nez, 
qu'il  n'est  rien  si  tres  doulz,  Jesu  est  appelez, 
de  quel  iious  requcrons  tous  ciisamble  avuez 
quo  propice  uous  soit  i)ar  tes  grandes  bontez. 

6.  Vas  excelsi,  opus  inirabile, 
Stella  celi,  Signum  spectabile, 
per  tc  nobis  fiat  possibile, 
quod  rogamus  et  impetrabilc. 


BRUCnSTÜCK    EINES    LATEINISCHEN   MARTENLIEDES  179 

0  clere  aube  journee  de  lumiere  tres  pure, 
qui  des  pechiez  destrais  la  tenebre  obscure, 
en  qui  trestout  le  monde  s'esiouist  sans  mesure, 
soyes  siir  nous  veillant  en  nous  preiiant  en  eure. 

Mons  sublimis,  salutis  speculum, 
via  vite,  morum  spectaculum, 
que  in  celo  regnas  in  seculum, 
Cliristianum  deifende  populum. 

0  montaigne  tres  haute,  mireour  de  sauvemcut, 
voye  de  bones  meurs,  de  vie  atendement, 
qui  en  ciel  et  en  siecle  regnes  sans  flnement 


10.  Du  tres  digne  lignaige  de  Juda  es  yssue, 
envcrs  le  tres  haut  roy  tres  puissant  es  eslue, 
contrain  notre  couraige  qu'il  ne  demeure  en  anue, 
et  en  la  fin  nous  niaine  en  ciel  dessus  la  nue. 

11.  Sola  virgo,  que  cuncta(s)  hereses 
interemis  et  frangis  carceres 
captivorum,  respice  pauperes 

et  fac  eos  ad  vitam  celeres. 

12.  0  virge  siugulaire ,  qui  toutes  heresies 
destruis  et  toutes  chartres  brises  et  deraolies 
des  poures  enchartrcs  regardes  et  deslies, 

et  yceux  a  la  vie  perdurable  ralies. 

Wie  in  anderen  bereits  gedruckten  hymnen,  so  ist  auch  hier  die 
französische  bearbeitung  des  lateinischen  liedes  eine  freiere ,  doch  schliesst 
sich  dieselbe,  soweit  die  lateinischen  originalstropheu  vorliegen,  stets 
noch  an  den  lateinischen  text  an.  Aehnliche,  wenn  ancli  noch  freiere 
altfranzösische  bearbeitungen  lateinischer  hymnen  finden  sich  bei  Mone, 
lateinische  Hymnen  des  M.  A.  bd.  I  s.  108,  bd.  II  s.  214  und  bei  Daniel, 
Tbesaurus  hymnologicus  bd.  II  s.  245. 

Die  bilderreiche  spräche  des  hymnus  ist  nicht  ohne  einzelne  anklänge 
an  andere  marienlieder.  Mundi  princeps  (str.  1)  wird  die  Jungfrau  Maria 
auch  in  dem  hymnus  bei  Mone  11,  s.  328  nr.  533  v.  4  genannt.  Zu  Vas 
excelsi  (str.  5)  ist  zu  vergleichen  vas  virtutis ,  Morel  (Lateinische  Hym- 
nen des  M.  A.,  Einsiedeln  1867),  s.  117  nr.  184  v.  14,  ferner  vas  vir- 
tutum,  Mone  H,  s.  375  v.  113,  vas  mellis,  Mone  II,  s.  424  v.  55,  vas 
decoris  et  honoris,  vas  coelestis  gratiae.  Mono  II,  s.  426  v.  1,  vas  sin- 
ceritatis,  Wackernagel,  Deutsches  Kirchenlied  bd.  I  s.  190  str.  5.  Via 
vitae  (str.  7)   kelirt   wieder  bei  Morel  s.  122   nr.  193  v.  43;    sola  virgo 

12* 


180  ANSCHÜTZ,   BRUCHSTÜCK   EINES    LATEINISCHEN  MARIENLIEDES 

(str.  9)  bei  Moue  II  s.  828  nr.  533  v.  5  und  II  s.  42G  v.  l'J  ,  ferner  bei 
Wackernagel  I  s.  104:  0  siugiüaris  femina,  sola  virgo  puerpera.  lute- 
remere  hereses  (str.  9)  klingt  wieder  in  einem  lied  auf  die  heil.  Anna, 
Daniel  I,  s.  288  nr.  350  v.  11  (ut  haereses  interimat). 

Der  französische  text  gibt  in  sprachlicher  hinsieht  zu  einigen  bemer- 
kungen  veranlassung. 

Poeste  (str.  2),  doraina,  vom  lat.  potestas ,  findet  sich  hier  ganz  in 
derselben  bedeutung  wie  das  italienische  podestä.  Diez ,  etymolog.  Avör- 
terbuch  II,  s.  52  notirt  provenz.  podestat,  poestat,  span.  potestad.  Zu 
den  zahli-eichen  belegstellen  für  das  franz.  poeste  mögen  noch  hinzuge- 
fügt werden: 

Par  bataille  resoit  prove 
Li  quels  ara  la  poeste, 

bei  Wace,  roman  de  Brut  (XII.  Jahrb.),  li erausgegeben  von  Le  Roux  de 
Lincy,  v.  12,134.  Ferner  la  real  poeste  und  poeste  ou  autre  office  im 
Livre  de  jostice  et  de  plet  (XIII.  jahrh.)  herausgegeben  von  Eapetti,  Paris 
1850,  (vgl.  Anschütz  in  der  krit.  zeitschr.  f.  rechtswissenschaft  des  aus- 
lands  bd.  XXIII,  s.  247)  s.  335.  336. 

Virge  (str.  5  und  12)  für  vierge,  prov.  verge,  vergi,  virgi  (Ray- 
nouard,  lexique  roman  V,  s.  507)  findet  sich  häufig,  vgl.  Bartsch,  alt- 
französische Chrestomathie,  glossaire  s.  675. 

Aube  journee  (str.  7),  die  morgenröthe,  lat.  alba  dies,  von  albus 
hell,  heiter;  meist  findet  sich  aube  ohne  den  zusatz  journee,  so  bei  Diez, 
etymolog.  wörterb.  II  s.  12,    Bartsch,   chrestom.  s.  140  z.  2,  s.  405  z.  5. 

S'esiouist  in  str.  7  würde  dem  lateinischen  se  exgaudet  entsprechen. 
Anue  (str.  10),  neufranzösisch  ennui,  vom  lat.  in  odio,  ital.  noja;  vgl. 
Diez  s.  V.  noja. 

Chartres  (str.  12),  gefängniss,  kerker,  von  carcer,  Diez  II,  s.  245. 
Enchartres,  gefangen,  eingekerkert,  könnte  vielleicht  auch  gelesen  wer- 
den enchaities,  denn  chaistivoison  im  Livre  de  jostice  et  de  plet  s.  247 
ist  die  Übersetzung  von  captivitas  im  Corpus  juris  civilis  1.  1  §.  1  D.  de 
usis  et  legitimis  XXXVIII,  16  und  ebenso  ist  captivitas  in  §.  4  Inst, 
de  jure  pers.  1 ,  3  im  Conseil  de  Pierre  de  Fontaines  (XIII.  jahrh.)  ed. 
Marnier,  Append.  s.  499  §.  V  mit  chetivoison  übersetzt.  Indess  ist  die 
lesart  enchartres  in  sprachlicher  hinsieht  und  mit  liicksicht  auf  das  vor- 
hergehende chartres  vorzuziehen. 

HALLE.  AUG.   ANSCHÜTZ. 


181 


DAS  THIERM^RCHEN  VOM  GEGESSNEN  HERZEN 

LITTERATÜRGE SCHICHTLICH    BETEACHTET   VON   E.    h.   BOCHHOLZ. 

I. 

Immer  noch  schwankt  die  frage,  wie  viel  des  in  den  poesien  des 
deutschen  und  romanischen  mittelalters  behandelten  dichtungsstoffes 
abendländisches  eigentum  sei  oder  morgenländischer  abkunft.  Zwar 
schien  sie  durch  J.  Grimms  umfassendes  werk  über  Reinhart  Fuchs  so 
weit  entschieden  zu  sein,  dass  wenigstens  unser  germanisches  thiermär- 
chen  für  selbständig  und  frei  von  entlehnungen  aus  der  antiken  und 
orientalischen  fabel  gelten  konnte;  doch  seitdem  unser  altmeister  abbe- 
rufen ist  von  seinen  einheimischen  quellen  und  seine  in  die  tiefe  gegan- 
genen forschungen  nun  mehr  und  mehr  in  die  breite  laufen ,  ist  es ,  als 
sollten  wir  uns  gerade  denjenigen  theil  der  nationalen  tradition,  den  wir 
für  den  ursprünglichsten  zu  halten  bereits  so  gute  gründe  hatten,  am 
meisten  bestreiten  lassen.  Denn  auch  in  der  litteratur  ist  der  seeweg 
nach  Indien  aufgefunden  und  droht,  wie  es  schon  bei  entdeckung  des 
geographischen  gieng,  den  altgesicherten  einheimischen  besitz  und  Wohl- 
stand in  fremde  bände  zu  spielen.  Es  lässt  sich  dieser  grosse  Vorgang 
selbst  an  einem  ganz  kleinen ,  aber  ausreichenden  beispiele  erkennen.  Es 
liegt  bis  jetzt  ein  märchenkreis  von  thiermärchen  vor,  aufgesammelt  in 
der  Vorzeit  des  abend-  und  des  morgenlandes ,  deren  einzelne  glieder 
beiderseits  und  untereinander  geschwisterähnlichkeit  haben.  Ihr  überein- 
stimmender Charakterzug  besteht  in  der  list  des  thierkönigs,  eines  der 
thiere,  dem  er  bereits  früher  nach  dem  leben  gestellt  und  wunden  bei- 
gebracht hat,  abermals  an  sich  zu  locken,  um  ihm  zu  der  früheren  Ver- 
stümmlung auch  das  herz  aus  dem  leibe  zu  nehmen ;  sodann  in  der 
gegenlist  eines  dritten ,  der  des  erschlagenen  thieres  herz  vorweg  nimmt 
und  selber  aufzehrt.  Der  erste,  ein  unumschränkter  herr,  wird  durch 
den  dritten ,  seinen  schwachen  aber  listigen  diener ,  nicht  blos  um  den 
verhofFten  genuss  gebracht,  sondern  muss  sich  zum  ende  auch  noch  über 
den  grund  der  vollkommnen  ergebnislosigkeit  seiner  grausamkeit  ironisch 
belehren  lassen.  So  weit  gleichen  sich  die  beiden  märchengattungen  in 
ihrem  allgemeinen  Inhalte;  höchst  verschieden  aber  sind  sie  nach  ihrer 
poetischen  Verkörperung  oder  nach  ihrem  künstlerischen  darstellungsver- 
mögen.  Denn  das  orientalische  begnügt  sich  ein  apolog  zu  werden,  und 
kommt  also  damit  der  äsopisclien  fabel  am  nächsten.  Das  abendländi- 
sche' d.  h.  germanische,  macht  jedoch  seine  apologische  form  nur  zum 
dienenden  gleichnisse  und  beiwerke  einer  daran  gebauten  epischen  erzäh- 
lung.     Jenes  ist  didaktisch ,    dieses  wird  heroisch  und  humoristisch.     Im. 


182  aocHHOLz 

naclifolgenilcn  wird  versucht^  eleu  vorhin  beschriebenen  charakterzug  eines 
auf  zwei  Weltteile  verteilten  und  in  beiden  sich  gleichenden  tliiermär- 
chens  nach  den  ältesten  Zeugnissen  zusammen  zu  stellen,  deutschen  und 
orientalischen;  mit  kürzerer  fassung  in  der  altdeutschen  litteratur,  weil 
hiefür  die  germanistischen  arbeiten  reiclüich  vorliegen  und  bekannt  sind; 
eiulässlicher  in  den  orientalischen  stotfen,  die  uns  entfernter  stehen  und 
noch  weniger  gekannt  und  abgeklärt  sind. 

In  Fredegars  chronik  aus  dem  VIT.  Jahrhundert  findet  sich  folgen- 
des thiermärchen  in  Zusammenhang  mit  einem  abenteuer  der  deutschen 
heldensage  gebracht.  Der  zum  thierkönige  erwählte  löwe  hat  den  hii-- 
schen  bereits  einmal  in  mörderischer  absieht  augegriffen  und  dieser  ver- 
mag mit  Verlust  seines  geweihes  ihm  noch  zu  entfliehen.  Doch  der  ver- 
schlagene fuchs  weiss  ihn  zum  zweiten  male  zum  löwen  zu  bringen,  wo 
er  getödtet  und  zum  frasse  zerwirkt  wird.  Als  hiebei  der  fuchs  das  herz 
heimlich  wegschluckt  und  von  den  übrigen  thieren  dem  könige  als  der 
dieb  angegeben  wird,  erwidert  der  beschuldigte,  dass  der  hirsch  gar 
kein  herz  gehabt  habe ,  weil  er  sonst  nach  seiner  ersten  bei  hofe  bestan- 
denen lebeusgefahr  gewiss  nicht  wieder  eben  dahin  zurückgegangen  wäre. 
Hieran  knüpft  Fredegar  die  gothische  sage  von  Dietrich,  Dieters  söhne. 
Dieser  liebling  des  byzantinerkaisers  Leo  ist  auf  der  Gothen  bitte  nach 
Italien  gesant  und  hier,  nachdem  er  Otachern  besiegt  hat,  zum  Statt- 
halter ernannt  worden.  Doch  die  neider  untergraben  ihn  bei  hofe  und 
er  wird  zurückberufen.  Zwar  hat  ihn  dorten  sein  freund  Ptolemäus  so 
zu  rechtfertigen  gewusst,  dass  jener  befehl  zurückgenommen  wird;  doch 
als  die  Verleumdung  der  höflinge  von  neuem  anhebt  und  die  abberufung 
abermals  ergeht ,  so  sendet  Dietrich ,  anstatt  heim  zu  kehren ,  vorerst 
boten  an  den  freund,  ihn  um  weiteres  verhalten  zu  befragen.  In  ihrem 
beisein  erzählt  hierauf  dieser  bei  hofe  jenes  märchen  vom  hirschen,  der 
zweimal  vor  den  löwen  gefordert,  das  erste  mal  das  geweih  verlor,  das 
zweite  mal  aber  zerrissen  und  samt  dem  herzen  aufgezehrt  worden  war. 
Dietrich  errieth  den  sinn,  blieb  in  Italien  und  gelangte  hier  zur  königs- 
krone. 

Der  folgende  erzähler  ist  (mit  übergehung  Aimoins,  der  den  eben 
berichteten  stoff  blos  ausschreibt)  der  Tegernseer  mönch  Froumund  im 
X.  Jahrhundert.  Er  nennt  seine  erzählung  nur  eine  parabola ,  weil  er  sie 
mitten  in  eine  begebenheit  aus  der  Urgeschichte  der  Baiern  einflicht; 
aber  er  beruft  sich  selbst  dabei  auf  „alte  lieder"  (J.  Grimm,  Reinhart 
Fuchs  pag.  L.) ,  deren  epischer  Charakter  auch  noch  im  mönchslatein  fühl- 
bar bleibt.  Sein  bericht  lautet  auszugsweise  also.  Ein  sendbote  des 
römischen  kaisers  hatte  beim  baiernherzog  Dieto  den  zins  einzuverlangen 
und  war  von   diesem   ohne  geld  und  mit  einer  wenig  ehrerbietigen  ant- 


D.    THIEEM^KCHEN   V.   GEGESSN.   HERZEN  183 

wort  fortgeschickt  worden.  Als  sich  hierauf  Dieto  auf  den  rath  der 
freunde  selbst  nach  Korn  begab ,  empfieng  ihn  der  kaiser  scheinbar  freund- 
lich, lud  ihn  hierauf  mit  wenigen  begieitern  zu  sicli,  liess  sie  da  über- 
Avältigen,  und  nachdem  man  ihnen  zusammen  stirnlocke  und  hart  ver- 
stümmelt und  das  gewand  über  dem  knie  abgeschnitten  hatte,  schickte 
er  sie  mit  solchem  höhne  gleichfalls  heim.  Allein  der  herzog,  der  aus 
der  noth  eine  tugend  zu  machen  wüste ,  erhob  in  Baiern  diese  ungewohnte 
tracht  zum  Verbrüderungszeichen  aller  gegen  die  liömer,  sammelte  ein 
beer,  schlug  sie  und  war  damit  gerächt  und  zinsfrei.  Doch  abermals 
nach  Jahren  erschien  bei  ihm  der  kaiserliche  legate,  den  zins  nur  als 
blosse  ehrensache  fordernd.  Da  liess  Dieto  den  gesandten  festnehmen 
und  dem  kaiser  folgendes  märchen  melden:  Als  der  bär  im  lande  regierte 
und  alle  thiere  seiner  gestrengen  herschaft  gehorchten ,  hatte  sich  der  ein- 
zige hirsch  nicht  unterzogen  und  konnte  bei  seiner  behendigkett  nicht 
zur  rechenschaft  gezogen  werden,  lieber  diese  Widerspenstigkeit  hatte 
der  fuchs  tadelnd  sich  geäussert  und  war  vom  hären  beauftragt  worden, 
dass  er  den  hirschen  berede,  zur  huldigung  herbeizukommen.  Sobald 
er  ihn  nun  zur  pfalz  des  baren  gebracht  hat,  springt  dieser  auf  ihn  los, 
zerkratzt  und  zerbeisst  ihn  und  nur  der  schnellsten  flucht  verdankt  der 
hirsch  sein  leben.  Als  darauf  der  fuchs  zum  zweiten  male  und  aus  dem 
gleichen  grmide  zum  hirschen  kam,  sprach  dieser:  Ich  habe  schon  ein- 
mal mein  lehrgeld  bezahlt.  Verbleibe  der  bär  bei  sich  und  den  seini- 
gen, ich  werde  mich  vor  seiner  falschen  band  frei  zu  halten  wissen. 
,Gut  denn,  schloss  Dieto  dieses  sein  märchen,  ich  selbst  bin  dieser 
hirsch,  und  werde  weder  den  kaiser  ferner  besuchen,  noch  ihm  zins 
geben!" 

J.  Grimm  fügt  bei:  Fromunds  Dieto  ist  Fredegars  Dietrich,  beide 
erzählungen  weisen  auf  gotische  sage,  jene  bezieht  sich  ausdrücklich  auf 
lieder.  Da  in  Fromunds  erzählung  der  hirsch  gerettet  entkommt,  so 
muss  hier  auch  der  zug  des  herzessens  mangeln. 

Betrachten  wir  nun  denselben  stoflf  nach  der  darstellung  in  der 
kaiserchronik ,  deren  redaction  von  Lachmann  um  1160  gesetzt  ist.  Als 
kaiser  Severus  erfuhr,  dass  niemand  im  ganzen  reiche  ihm  die  gebühr- 
liche ehre  verweigere ,  ausser  der  herzog  Adelger  zu  Baiern ,  liess  er  die- 
sen nach  Rom  kommen  und  ihm  hier  zur  demütigung  das  gewand  bis 
zum  knie  und  die  stirnlocke  vom  haupte  wegschneiden.  Doch  der  her- 
zog hatte  einen  alten  dienstmann  in  seinem  gefolge  und  auf  dessen  rath 
geschah  es,  dass  sich  die  dreihundert  ritter,  die  mit  ihm  hergekommen 
waren,  alle  gleichfalls  haar  und  gewand  bescheren,  wie  es  denn  in  der 
Baiern  gewohnheit  heisst:  Was  einem  zu  leide  geschieht,  das  müssen 
wii-  allesamt  mit  dulden.     Als   der   kaiser  dies  und  zugleich  denjenigen 


184  ROCllUOLZ 

erfulu-,  der  den  rath  erteilt,  verlangte  er  jenen  alten  dienstman  für  seine 
eigene  hoflialtung  und  erhielt  ihn.  Der  herzog  kehrte  hierauf  in  frie- 
den heim,  sante  aher  boten  voraus  und  befahl  allen  sehien  Untertanen, 
die  leheusrecht  oder  rittersnamen  haben  wollten,  dass  sie  sich  gleichfalls 
das  haar  vornen  aus-  und  das  gewand  abschnitten.  Es  stund  uiclit  lange 
an,  so  war  die  freundschaft  zwischen  dem  kaiser  und  dem  herzog  zer- 
gangen und  Adelger  wurde  wieder  nach  Eom  geladen.  Da  sandte  er 
heimlich  einen  boten  dahin  zu  seinem  alten  dienstmann,  zu  erforschen, 
ob  er  kommen  solle.  Der  alte  verweigerte  die  runde  antwort,  weil  er 
nun  nicht  mehr  des  herzogs,  sondern  des  kaisers  diener  sei,  trat  jedoch 
des  andern  tages  mit  dem  Baiernboten  vor  Severus  und  erbat  sich ,  dass 
er  hier  eine  fabel  erzählen  dürfe ,  die  folgender  massen  hiess :  Ein  hirsch 
frass  einem  manne  das  kraut  aus  dem  garten  und  wurde  von  ihm  darüber 
zweimal  nach  einander  verstümmelt,  erst  an  einem  ohre,  dann  am 
schwänze.  Schmerzt  dichs,  sagte  der  mann,  so  kommst  du  mir  nicht 
wieder!  Als  aber  dem  hirsch  die  wunden  geheilt  waren  und  er  seine 
alten  schliche  wieder  streichen  wollte,  hatte  der  mann  inzwischen  den 
garten  mit  netzen  umstellt,  fieng  das  thier  und  stiess  ihm  den  spiess 
durch  den  leib.  Nachdem  er  ihn  zerwirkt  hatte  und  einen  augenblick 
bei  Seite  gegangen  war,  frass  ein  lauernder  fuchs  des  hirschen  herz  weg. 
Der  mann  entdeckte  den  unbegreiflichen  mangel  und  schlug  darüber  die 
bände  zusammen;  sein  weib  aber  antwortete:  das  hätte  ich  dir  zuvor 
sagen  wollen,  dass  der  hirsch  gar  kein  herz  gehabt,  sonst  würde 
er  nach  verlust  von  ohr  und  schwänz  nicht  noch  zum  drittenmal  in  den 
garten  gekommen  sein.  —  Der  zuhörende  Baiernbote  kehrte  hierauf  mit 
dieser  unverstandnen  geschichte  heim,  doch  als  er  sie  dem  Adelger 
berichtete,  liess  sich  dieser  nicht  zum  zweiten  male  nach  dem  feindse- 
ligen Rom  verleiten,  behielt  das  herz  am  rechten  flecke,  zog  dem  Avel- 
schen  beer  entgegen ,  schlugs ,  erlegte  den  kaiser  und  machte  seitdem 
die  welsche  mark  bairisch. 

Dieselbe  reihe  von  Verstümmelungen,  wie  hier  der  hirsch,  erleidet 
der  eher  in  GestaEomanorum  (ed.  Adalb.  v.  Keller,  cap.  46),  worauf  er 
gleichfalls  ohne  herz  gefunden  wird.     Der  hergang  ist  folgender. 

Der  könig  Trajanus  zu  Rom  war  ein  grosser  gartenfreund.  Sein 
gartenwächter  sah  einen  eher  einbrechen  und  die  bäume  umwühlen, 
stellte  ilini  nach  und  konnte  ilim  das  linke  ohr  abhauen.  Lautschreiend 
entrann  das  thier.  Bald  hernach  war  es  abermals  da,  wurde  wieder 
erreicht  und  verlor  dabei  das  rechte  ohr.  Nichts  desto  weniger  kam  es 
zum  drittenmal  in  den  garten  und  der  Wächter  hieb  ihm  auch  noch  den 
schwänz  ab.  (Die  deutsche  ausgäbe  der  Gesta  nennt  hiefür  das  Hin- 
terteil).     Beim   vierten    und  letztenmal   wurde   er    endlich  mit    dem 


D.    THIERM^RCH.   V.    GEGESSN.   HEEZEN  185 

spiess  zusammengestoclien  und  dem  hofkocli  für  die  tafel  überbracht. 
Nun  ass  der  könig  von  jedem  thiere  das  herz  lieber  als  ein  anderes 
stück;  der  koch  aber  fand  beim  zurichten  des  ebers  dessen  herz  beson- 
ders fett  und  verzehrte  es.  Als  der  eher  auf  die  tafel  kam ,  suchte  der 
könig  das  herz  vergebens,  liess  darüber  den  koch  befragen  und  erliielt 
zur  autwort ,  das  thier  habe  keines  gehabt.  Jetzt  wurde  der  koch  selbst 
herein  gerufen,  um  seine  behauptung  zu  erweisen;  dieser  sprach:  Ein 
jeder  gedanke  kommt  aus  dem  herzen;  daraus  folgt  denn,  dass  wo  das 
nachdenken  fehlt,  auch  kein  herz  sein  kann.  Jener  eher,  wenn  er  ein 
herz  gehabt  hätte,  würde  wol  darüber  nachgedacht  haben,  als  ich  ihn 
zuerst  im  garten  traf  und  das  linke  ohr  ihm  abhieb.  Dies  hat  er  aber 
nicht  gethan,  sondern  ist  das  andere  und  dritte  mal  wieder  gekommen 
und  hat  das  rechte  ohr  und  den  schwänz  verloren.  Hätte  er  also  auch 
nur  den  theil  von  einem  herzen  gehabt,  so  hätte  er  an  ohr  und  schwänz 
gedacht;  und  so  beweise  ich  aus  diesen  drei  gründen,  dass  er  gar  kei- 
nes hatte.  —  Grässe  in  seiner  Übersetzung  der  Gesta  fügt  hierüber  s.  65 
die  naive  Schlussbemerkung  bei:  „Selbsterfunden  und  casuistischen 
inhalts."  Die  deutschen  Gesta  dagegen  machen  folgende  nutzanwendung, 
s.  71:  Unser  herr  Christus  ist  der  gärtuer  und  pflanzt  in  des  menschen 
herzen  schöne  fruchtbäume,  diese  aber  unterwühlt  der  weltmensch  als 
ein  eberschwein.  Nun  warnt  ihn  der  herr  wiederholt ,  indem  er  ihm  erst 
das  linke  ohr  nimt:  seine  freunde;  hierauf  das  rechte:  seine  kinder; 
dann  das  hinterteil:  das  ist  die  ehefrau.  So  sucht  er  zuletzt  am 
jüngsten  tage  das  herz,  allein  da  steht  der  teufel  dabei  und  spricht,  die- 
ser mensch  habe  gar  keins  gehabt ,  sonst  würde  er  die  zehn  geböte  nicht 
gebrochen  haben.     So  wird  alsdann  der  herr  um  eine  seele  beraubt. 

Derselben  quelle  bedient  sich  Burkhard  Waldis  (Esopus,  edd.  H. 
Kurz  1,  169)  in  der  fabel:  Vom  Bawren  vnd  wilden  Schweine.  Der 
bauer  überbringt  einen  erlegten  eher  dem  gutsherrn  zu  dessen  hochzeit 
und  berichtet  auf  die  frage,  wo  denn  des  ebers  herz  geblieben  sei:  dies 
thier  habe  all  seiner  tage  keins  im  leibe  gehabt.  Sonst  würde  es ,  nach- 
dem ihm  erst  das  eine ,  dann  das  andere  ohr  abgehauen  worden ,  sicher- 
lich aus  dem  haberfelde  weggeblieben  sein  und  schliesslich  sich  nicht 
noch  mit  dem  schweinspiesse  haben  niederstechen  lassen.  Durch  diese 
dreifaclie  unbelehrbarkeit  sieht  sich  der  fabulist  veranlasst,  dem  refor- 
mierenden geiste  seiner  zeit  gemäss,  auf  die  sittenlosigkeit  des  clerus 
überzuspringen,    und  sein   bauer  schliesst  daher  mit  folgender  handgreif- 

lichkeit  ab: 

Vnd  sprach:  ich  hab  daheim  ein  magt, 

Die  hat  mir  mehr  denn  einmal  gsagt 
Mit  vieler  vm  fastenden  bericht, 

Das  sie  der  ])turriier  otft  anficht, 


186 


ROCIIHOLZ 


Und  ist  zu.jr  in  stall  gescliloffcn, 

Darin  ich  jn  dreymal  betroffen 
Und  jn  mit  brügeln  wol  zerschlagen ; 

Hats  aber  niemand  dörifen  klagen. 
Denuocht  konipt  er  offtnials  herwider, 

Biss  ich  jn  schlag  zuletzt  darnider 
Und  jni  abhaw  ein  arm  oder  beiu. 

Dies  sind  in  chronologischer  folge  die  ältesten  nnd  hauptsächlich- 
sten redactionen  des  deutschen  thiermärchens  vom  gegessnen  herzen, 
doch  nicht  die  ältesten  im  deutschen  mythus  überhaupt,  da  in  diesem 
das  verspeisen  des  thierherzens  zum  zwecke  der  Sättigung,  der  zaube- 
rischen heilung  und  Weissagung  bis  in  die  germanische  götterge schichte 
hinaufreicht.  Wir  müssen  daher  notwendig  auch  von  dieser  letzteren 
nach  angäbe  der  zweiten  Sigurdharkvidha  fafnisbana  hier  kurz  erwälmung 
thun.  Die  drei  eddaischen  götter  Odhinn ,  Hoeuir  und  Loki  sind  zusam- 
men auf  der  Wanderung,  erblicken  an  einem  flusse  eine  otter  und  Loki 
wirft  sie  todt.  Während  nun  Hoenir  mit  des  thiers  Zubereitung  l)eschäf- 
tigt  ist  und  Odhinn  ausruht,  entwendet  Loki  das  halbgebratene  herz. 
Wir  erfahren  also  schon  hier,  dass  Loki,  der  gott  des  lichtes  und  feuers, 
theils  indirect  in  der  rolle  des  meisterkoches  auftritt  (denn  Hoeuii-  ist 
dafür  falsch  angesetzt),  theils  direct  die  rolle  des  meisterdiebes  spielt. 
Sein  angemessenster  Stellvertreter  ist  daher  im  thierepos,  der  gleich  der 
feuerlohe  rothe,  räuberische,  boshafte  und  berückende  fuchs,  der  gleich- 
falls das  wetter  kocht  und  braut,  das  herz  des  erlegten  thiers  entwen- 
det und  durch  dessen  genuss  die  gäbe  allgegenwärtiger  Weisheit  erhält. 
Er  heisst  Eaginohard  =  Reinhart,  ein  ratgeber,  und  sprichwörtlich  gilt 
von  ihm:  kaum  genant,  komt  er  gerant.  Als  die  drei  götter  hierauf 
in  Hreidmars  hause  einkehr  nehmen  und  den  balg  der  gegessnen  otter 
mitbringen ,  erfahren  sie ,  dass  diese  otter  Hreidmars  söhn  und  der  bru- 
der  von  Fafnir  und  Regln  gewesen  sei  und  sich  in  thiergestalt  in  jenem 
flusse  beim  zwerg  Andwari  aufgehalten  habe.  Letzterer  aber  ist  Odhinns 
eigner  hortreicher  söhn ,  und  um  die  verlangte  mordbusse  für  den  erschla- 
genen vollständig  aufzubringeii ,  ist  Odhinn  genöthigt,  Andwaris  gold- 
schatz  bis  auf  den  allerletzten  ring  herbei  holen  zu  lassen.  Der  über- 
wältigte zwerg  verflucht  jeden  zum  tode ,  der  fortan  diesen  ring  besitzen 
würde ,  und  dieser  fluch  erfüllt  sich  alsbald  an  Hreidmar  und  dessen  söh- 
nen. Diese  ermorden  des  goldschatzes  wegen  erst  den  vater  und  verfol- 
gen dann  sich  gegenseitig.  Bruder  Fafnir  hat  sich  in  einen  schuppigen 
lindwurm  verwandelt  und  hütet  so  seinen  sdiatz ;  gegen  ihn  ruft  der  bru- 
der  Regino  den  Sigurd  zu  hilfe ,  der  den  drachen  dann  mit  einem  gefeie- 
ten  Schwerte  durchstösst.  Regino  schnitt  Fafnirs  herz  aus,  damit  es 
Sigurd  ihm   brate,    und  entschlief  darüber;    inzwischen   ass   Sigurd  das 


D.    THIEEM^RCH.   V.    GEGESSN.    HEEZEN  187 

herz  selbst,  ward  auf  diesen  genuss  plötzlich  allwissend,  erkante,  dass 
der  schlafende  Kegino  räche  gegen  ihn  brüte  und  erschlug  auch  ihn.  So 
hatte  nun  Sigurd  nach  dem  genusse  des  drachenherzens  gold,  Weisheit 
und  königtum  zugleich  erworben.  Dieselbe  reihenfolge  von  glücksfäl- 
len  ist  auch  im  kindermärchen  (Grimm  nr.  60)  an  den  heimlichen  genuss 
eines  seltnen  thierherzens  geknüpft;  wer  herz  und  leber  vom  goldvogel 
isst,  heisst  es,  der  wird  anfangs  jeden  morgen  ein  goldstück  unter  dem 
kopfkissen  finden  und  zuletzt  könig  werden.  Als  daher  der  reiche  gold- 
schmied  diesen  vogel  seiner  hausfrau  zu  braten  gibt  und  sie  die  zwei 
kinder  des  armen  besenbinders  dazu  stellt,  den  spiess  zu  drehen,  naschen 
sie  ein  paar  in  die  pfanne  abfallende  Stückchen,  herz  und  leber,  arglos 
weg.  Darüber  werden  sie  in  die  weite  weit  hinausgestossen,  kommen 
aber  mit  ihrem  heckethaler  zu  immer  grösserem  reichtimi  und  werden 
zuletzt  des  königs  Statthalter,  eidam  und  thronfolger. 

In  den  eingangs  erzählten  vier  märchen  schon  war  zu  erkennen, 
dass  die  sage  vom  gegessnen  herzen  viermal  paraJjolisch  in  eine  histo- 
risch-politische beziehung  eingekleidet  war.  Entweder  der  könig  der 
thiere  oder  ein  volkskönig  hat  seinen  nebenbuhler  bis  zur  körperlichen 
Verstümmelung  bekämpft  und  geschwächt,  nun  will  er  ihm  auch  noch 
das  letzte,  das  herz  aus  dem  leibe  reissen.  Stets  aber  wird  der  über- 
mächtige durch  einen  dazwischen  tretenden  schwächeren  um  den  verhoff- 
ten letzten  erfolg  gebracht;  eben  dieses  so  hartnäckig  ertrachtete  herz 
wird  nicht  ihm,  sondern  einem  ganz  andern  zu  theil,  der  unvermutet 
sich  einmischt,  und  jener  hat  mit  allem  nur  sich  und  sein  eignes  haus 
zu  gTunde  gerichtet.  So  wird  es  auf  den  kämpf  der  heidnischen  götter- 
dynastieen,  so  auch  auf  den  zwischen  gott  und  dem  teufel  gleichmässig 
angewendet.  Odhinn  muss  seinen  eignen  söhn  bis  auf  den  letzten  gold- 
ring ausplündern  lassen,  um  nur  das  wergeld  für  den  voreilig  erschla- 
genen Otur  erlegen  zu  können,  dessen  gebratnes  herz  nicht  einmal  ihm, 
dem  göttervater,  zugekommen,  sondern  von  Loki  voraus  weggeschnappt 
Avordeu  war.  Fafnirs  herz  wird  ausgeschnitten  und  gebraten ,  um  Regi- 
nos  bruderhass  damit  zu  ersättigen ,  doch  nicht  er  kanns  geniessen ,  son- 
dern der  fremde  Sigurd,  der,  sobald  er  davon  gekostet  hat,  im  schla- 
fenden Regino  den  todfeind  erkennt,  ihn  erschlägt  mul  dessen  gesam- 
ten hört  an  sich  zieht.  Selbst  wenn  gott  und  teufel  sich  am  jüngsten 
gerichte  um  eine  seele  streiten  und  der  herr  noch  des  armen  Sünders 
herz  zu  gewinnen  sucht ,  behauptet  der  satau ,  dieser  mensch  habe  nie- 
mals ein  herz  gehabt,  und  maclit  so  den  himmel  um  eine  seele  ärmer. 
Auf  diesem  gebiete  der  politischen  intriguc  bewegt  sich  ursprünglich 
das  deutsche  thierepos,  denselben  inlialt  geben  die  vorerwähnten  thier- 
märchen  zu  erkennen. 


1H8  Rot'iiiioLZ 

n. 

Untersuclicn  Avir  nun ,  ob  nicht  ein  älmliclies  grundverhiiltnis ,  wie 
(las  im  deutsehcn  thierinävclieii  ist,  aiicli  im  orientalisclien  thiermärclien 
und  Avo  möglich  an  demselben  märcheustoffe  erkennbar  ist. 

Die  sanskritische  märchensamlung  ^!ukasaptati  (die  siebenzig  erzäh- 
lungen  des  papageien)  bezeichnet  Benfey  in  seiner  Übersetzung  des  Pan- 
tscliatantra  1,  423  als  eines  jener  Sammelwerke,  durch  deren  Verbreitung 
vorwaltend  die  indischen  märchenstoffe  weiter  nach  dem  westen  gelangt 
sind,  und  theilt  aus  der  zu  Petersburg  liegenden  handschrift  die  64.  erzäh- 
lung  mit,  die  fabel  vom  äffen  und  dem  meerungeheuer.  Sie  lautet  im 
auszuge  so. 

Der  affeukönig  hat  sich  vor  einem  reichsnebenbuhler  auf  einen  bäum 
geflüchtet  und  bei  dieser  bewegung  fällt  eine  der  fruchte  ins  wasser  hinab. 
Durch  das  entstandene  geplätscher  angelockt ,  kommt  das  meerungeheuer 
herbei  und  verzehrt  sie;  hierauf  lädt  es  zum  scheinbaren  danke  dafür 
den  äffen  ein ,  des  meerthiers  rücken  zu  besteigen  und  zu  ihm  in  sein 
haus  auf  besuch  zu  kommen.  Der  äffe  springt  hinab,  sieht  aber  seine 
übereiltheit  sogleich  ein  und  weiss  seine  angst  nicht  zu  verbergen,  dass 
der  falsche  gastfreund  ihn  verschlingen  werde.  Dies  bemerkt  das  unge- 
lieuer  und  spricht:  Ah,  freund,  warum  erschrickst  du?  Und  der  äffe 
erwidert  doppelsinnig:  Mein  herz  habe  ich  droben  am  bäume  auf  einem 
zweige  liegen  lassen.  Das  thörichte  seeungeheuer  denkt  bei  sich :  Warum 
nimmt  er  das  herz  nicht  mit?  He,  äffe,  spricht  es,  hole  dein  herz  und 
gell  dann  mit  mir.  Der  äffe  sprang  nun  auf  den  zweig  zurück,  über- 
häufte das  ungeheuer  mit  vorwürfen  und  dieses  muste  allein  nach  hause 
zurückkehren.  Dies  märchen,  vom  affeukönig  überspringend  auf  die 
regentenweisheit,  schliesst  mit  folgender  lehre: 

Welcher  könig,  wenn  not  dränget,  besitzet  gegenwart  des  geists, 
Der  kann  sich  aus  gei'ahr  retten,  gleichwie  der  atfe  aus  der  flut. 

Dem  leser  zu  lieb  unterbrechen  wir  momentan  den  laufenden  gedan- 
ken,  um  auf  das  aus  der  kaiserchronik  erzählte  märchen  und  dessen 
ül)ereinstimn]ung  mit  diesem  orientalischen  zurückzudeuten.  Die  voran- 
stehende lehre  der  indischen  Sloka  bezieht  sich  mittels  des  affenherzens 
auf  die  politische  läge  des  affenkönigs,  der  durch  einen  thronprätenden- 
ten  verdrängt  ist  und  durch  ein  seeungeheuer  aus  seiner  freistätte  hin- 
weg gelockt  werden  soll.  Das  altdeutsclie  bispel,  das  der  alte  ratgebe 
über  das  hirschenherz  erzählt,  warnt  den  vom  römischen  kaiser  verrä- 
terisch eingeladenen  herzog  Adelger,  nicht  zum  zweiten  male  zu  fol- 
gen, und  die  erzählte  fabel  thut  bei  Adelger  die  gleiche  Wirkung: 


D.   THIERM^RCHEN   V.    GEGESSN.   HEEZEN  189 

duo  der  herzöge  daz  spei  vernam, 

er  sprach ,  ist  daz  ich  selbe  herze  han, 

Romaere  vindent  hi  ainen  hosen  chouf! 

Diejenigen  forscher,  welche  den  äsopischen  fabelstoffen ,  soweit  sol- 
che in  orientalischen  märchen  vorkommen ,  strengweg  die  priorität  zueig- 
nen, wollen  in  jener  scene,  da  der  afle  sich  verführen  lässt,  auf  dem 
rücken  des  Ungeheuers  sich  ins  meer  zu  begeben,  eine  blose  kopie  der 
griechischen,  fabel  vom  äffen  auf  dem  rücken  des  delphins  erkemien. 
(Aesop,  Für.  242).  Doch  in  diesem  falle,  wie  Benfey  ausdrücklich  ent- 
gegnet, würde  dann  die  griechische  originalfabel  gerade  das  beste  der  indi- 
schen kopie  entbehren,  nämlich  jenen  vernunftgehalt  und  ausweg,  durch 
welchen  der  äffe  sein  leben  listig  rettet,  indem  er  vorgibt,  er  habe  sein 
herz  auf  dem  bäume  gelassen.  Der  weg  aber,  den  diese  indische  fabel 
nach  Westen  eingeschlagen  hat,  ist  litterargeschichtlich  bereits  nachge- 
wiesen. Sie  spann  sich  nämlich  weiter  zu  einer  fabelkette  aus ,  die  in 
den  sanskritischen  texten  des  Pantschatantra  und  im  südlichen  Pantscha- 
tantra  des  Dubois  gleichmässig  enthalten  ist.  Sie  gieng  über  in  die  ara- 
bische Übersetzung  der  fabeln  Bidpais,  aus  dieser  ums  jähr  1262  durch 
Johann  von  Capua  in  die  lateinische,  wurde  als  Beispiele  der  Weisen  1483 
zu  Ulm  deutsch  übersetzt  und  gedruckt,  und  steht  seither  auch  in  den 
romanischen  samraelschriften.     Sie  nimmt  folgende  wendung. 

Nachdem  der  äffe  sich  auf  seinen  bäum  zurückgerettet  hat ,  erscheint 
das  seeunthier  wieder  und  sucht  ihn  von  neuem  zu  bewegen,  sich  ihm 
anzuvertrauen.  Da  ruft  der  äffe  (in  Bidpais  fassung):  Oho,  glaubst  du 
denn,  dass  ich  sei  wie  der  esel,  von  dem  der  schakal  gesagt,  dass  er 
kein  herz  und  keine  obren  habe?  Und  hierauf  erzählt  er  ihm  diese 
neue  fabel : 

Der  löwe  Karalakesara  (d.  h.  die  schreckensmähne ,  kaiserlocke) 
liegt  wundenkrank  und  gelähmt  darnieder.  Durch  den  schakal  (er  ist 
der  indische  Stellvertreter  des  fuchses)  lässt  er  den  esel  Lambakarna 
(grossohr)  zu  sich  einladen  in  der  absieht  ihn  zu  fressen.  Dieser  erscheint, 
augelockt  durch  das  vorgeben,  hier  drei  junge  eselinnen  zu  treffen,  die 
ihn  zum  gemahl  begehren.  Beim  anblicke  des  löwen  entspringt  er  jedoch 
und  dieser  mit  lahmem  fusse  kann  ihm  nur  noch  einen  tritt  versetzen. 
Hierauf  macht  mau  dem  entkommenen  weiss,  eine  jener  drei  liebebrün- 
stigen eselinnen  sei's  gewesen,  die  in  leidenschaftlicher  begier  den  flie- 
henden zu  umarmen,  nach  ihm  ausgeschlagen  habe  und  nun  aus  gram 
sich  todt  zu  hungern  drohe.  Dies  wirkte;  der  esel  liess  sich  überreden, 
gieng  abermals  zum  löwen  und  wurde  umgebracht.  Wälirend  nun  der 
kranke  löwe,  bevor  er  seine  mahlzeit  hält,  sicli  hinab  an  den  fluss  zum 
bade  begibt,   hat   der   gierige   schakal   herz  und   obren  des  esels  aufge- 


100  EOCHHOLZ 

zehrt.  Der  herscher  entdeckt  den  raub,  er,  der  keine  speise  berührt, 
die  schon  von  einem  andern  thiere  angefressen  worden,  spricht:  Böse- 
wicht, welch  unziemliche  that,  dass  du  oliren  und  herz  gegessen  und 
nun  alles  zu  einem  blossen  Überbleibsel  gemacht  hast!  Der  schakal  ant- 
wortet :  0  herr ,  sag  das  nicht !  denn  dieser  esel  hatte  weder  obren  noch 
herz.  Aus  diesem  gründe  ist  er,  nachdem  er  hieher  gekommen  und  bei 
deinem  anblicke  vor  schrecken  davongelaufen  war,  dennoch  wieder  zu- 
rückgekehrt. Dem  löwen  schien  diese  rede  glaubwürdig,  „Wer  gekom- 
men und  entkommen,  und  nachdem  er  des  leuen  kraft  gesehn,  dennoch 
zurückkehrt,  ist  ein  thor,  der  weder  herz  noch  obren  hat."  (Benfej^'s 
Pantschat.  2,295). 

Hiemit  hat  das  orientalische  thiermärchen  eine  wendung  genom- 
men, bei  welcher  es  gänzlich  in  eins  mit  dem  occidentalischen  zusam- 
menfliesst.  Das  neue  motiv  ist  hier  der  augeblich  oder  wirklich  erkrankte 
löwe  und  das  zu  seiner  genesuug  erforderliche,  entweder  angeblich  oder 
wirklich  heilsame  opferthier.  Wir  kommen  hier  aus  der  alten  volkspoe- 
sie  in  das  bereich  der  gleichalten  volksmedicin.  Bei  Babrius  95  und  bei 
Aesop.  Für.  356  liegt  der  löwe  krank,  der  fuchs  muss  nahrung  für  um 
suchen ,  weiss  ein  thier  zum  zweiten  mal  herbei  zu  locken ,  frisst  aber, 
als  es  getödtet  ist,  vorschnell  das  herz  weg  und  antwortet  dann  dem 
löwen  mit  dem  bekannten  witze.  Bei  den  Griechen  ist  das  verlockte  thier 
ein  hirsch,  weU  er  ihnen  das  Sinnbild  der  feigheit  war;  ein  hirschenherz 
haben,  macht  Achilleus  dem  Agamemnon  zum  Vorwurf ,  II.  1,  225.  Doch 
mit  dem  thierherzen  allein  war  die  griechische  heilkunst  so  wenig  als 
die  indische  befriedigt.  In  allen  übrigen  sanskrittexten  der  vorhin  erwähn- 
ten fabel  ist  das  zur  heilung  des  löwen  benöthigte  thier  abgeschlachtet, 
dennoch  nüssling-t  der  plan,  denn  herz  und  obren  desselben  werden 
unerwartet  vermisst.  Nach  derselben  auffassuug  formt  sich  auch  die 
griechische.  Hier  wird  der  hirsch  das  zweite  mal  zu  kommen  bewogen 
mittels  der  Vorstellung ,  dass  der  löwe  schon  beim  ersten  male  ihm  etwas 
wichtiges  habe  anvertrauen  wollen ,  und  um  seine  aufmersamkeit  zu  erre- 
gen, habe  er  ihn  freundlich  beim  obre  gefasst.  In  Dübois'  Pantscha- 
tantra - recension  verlangt  der  kranke  löwe  „zur  heilung"  herz  und  obren 
eines  esels  und  frisst  dann  beides  wirklich  auf,  so  dass  die  bezweckte 
fabelpointe  ganz  verloren  geht  und  nichts  als  des  esels  dummheit  resul- 
tiert. In  Bidpais  fabeln  (aus  dem  arabischen  von  Ph.  Wolff  1 ,  242) 
schickt  der  kranke  löwe  den  schakal  auf  die  eselsjagd  mit  den  worten: 
diese  räude  ists,  die  mir  beschwerden  macht,  und  es  gibt  kein  anderes 
heil  mittel  als  das  herz  und  die  obren  eines  esels.  Benfey  erkläii 
diesen  umstand  damit,  dass  sich  eben  an  die  auffälligen  obren  des  esels 
die  lehre  anknüpfen  Hess,  wer  nicht  rath  annimmt  und  nicht  rechtzeitig 


D.    THIERM^RCHEN   V.    GEGESSN.    HERZEN  191 

hört,  müsse  fühlen.  Dies  scheint  mir  in  mehrfacher  beziehung  unzurei- 
chend zu  sein.  Denn  erstlich  ist  es  seit  ältester  zeit  bei  den  hirtenvöl- 
kern  des  morgen-  und  abendlandes  brauch,  die  hausthiere  am  obre  zu 
zeichnen  und  ihnen  nach  dieser  verschiedenartigen  marke  namen  zu 
geben.  In  Max  Müllers  Übersetzung  der  Hitopadesa  ist  der  name  der 
katze  Dirghakarna  und  Dadhikarna,  langohr  und  milchohr  (pag.  25.  78). 
Das  kameel ,  welches  Tschitrakarna  heisst ,  buntohr ,  lässt  sich  durch  mit- 
leid  bewegen ,  den  kranken  löwen  zu  besuchen ;  als  es  da  die  listio-en 
Worte  der  höflinge  unbesonnen  nachredet,  die  sich  wechselweise  um  die 
ehre  streiten,  wer  das  leben  für  den  erkrankten  lassen  solle,  wird  es 
beim  wort  genommen,  zerrissen  und  verzehrt  (pag.  168).  Ausserdem 
aber  passt  irgend  ein  anders  geehrtes  thier  unter  jener  voraussetzuno- 
nicht  mehr  in  diesen  gedaukenzusammeuhang ,  gleichwol  muss  es  in  der 
fabel  an  des  esels  stelle  treten  und  derselben  körperteile  verlustig  wer- 
den. In  Fredegars  fabel  verliert  der  hirsch  erst  das  geweih,  alsdann 
das  herz ;  in  derjenigen  der  kaiserchronik  verliert  er  ein  ohr ,  hierauf  den 
halben  schwänz,  schliesslich  das  herz;  der  eher  (Gesta  Komanor.)  ver- 
liert beide  obren  nach  einander,  dann  den  schwänz  und  das  leben.  Diese 
Ohrenverstümmelung,  welche  esel,  hirsch  und  eher  erleiden,  hat  in  der 
morgenländischen  sage  den  bestimten  zweck  eines  daraus  zu  gewinnen- 
den heilmittels,  auf  welche  schon  Grimm,  Rh.  F.  CCLXXVI  ausdrück- 
lich verweist.  Untersuchen  wir  daher  noch  diese  mittel,  deren  in  den 
erzählten  märchen  das  erkrankte  thier  zu  seiner  genesung  bedarf.  Sie 
führen  in  die  Vorstellungen  einer  unermesslich  fernen  vorzeit  zurück. 

Wenn  nemlich  in  der  indischen  fabel  der  reichsnebenbuhler  das 
seeungeheuer  aussendet ,  damit  es  ihm  den  affenkönig  herbei  bringe ,  des- 
sen herz  er  verzehren  will,  so  begegnen  sich  in  dieser  fabelgrundlage 
zwei  Systeme;  das  religiöse,  an  die  thiermetamorphose  und  seelenwande- 
rung  sich  knüpfende,  und  das  medicinische.  Was  das  erstere  betrift't, 
so  ist  bekanntlich  gott  Buddlia  in  einer  seiner  früheren  existenzen  selbst 
einmal  affenkönig  gewesen ,  weswegen  die  geschwänzte  affenrace  für  hei- 
lig gilt ,  so  dass  die  regierende  familie  der  stadt  Purbundr  sich  jetzt  noch 
durch  den  titel  „die  geschwänzte  liana"  auszeichnet,  weil  sie  vom  affen- 
fürsten  Hanumän  abzustammen  behauptet.  Friedreich,  Symbolik  380. 
Die  medicinische  benutzung  des  affenfleisches  im  Orient  sodann ,  wo  jetzt 
noch  affenfett  gegen  brandwunden  angewendet  wird ,  stützt  sich  auf  die 
autorität  des  grossen  indischen  thierarztes  Sulivähana  (Benfey  1.  c.  1, 
502 ,  503)  und  wird  ausserdem  ver])ürgt  durch  Plinius ,  Aelian  und  Hora- 
pollo,  aus  deren  Schriften  bereits  Grimm,  Eh.  F.  CCLX  die  einschlägi- 
gen stellen  zusammengestellt  hat.  Doch  den  theoretischen  grund  dieses 
heilverfahrens  hat  uns  selbst  wenigstens  erst  Selig  Gasse  1  entwickelt 


\92  ROCHIIOLZ 

hl  seinem  bemerkenswerten  aufsatze  Zum  Armen  Heinrich  (Wei- 
marer Jahrb.  1,  412),  und  wir  bedienen  uns  hier  seiner  worte.  „Von 
dem  fieber  Avar  in  alter  und  neuer  zeit  bekannt,  dass  man  es  mit  ähn- 
liclien  mittohi,  als  seine  natur  und  Ursache  ist,  heile,  ünmässiger  zoru 
zieht,  wie  Horapollo  bemerkt  (II,  cap.  38,  pag.  99)  das  fieber  nach  sich 
und  psychische  aufregungen  befördern  es.  Die  fabel  vom  fieber  des  löwen 
liat  in  dieser  ansieht  ihren  Ursprung.  Ihm  erregt  der  mensch  den  fie- 
berzoru.  Wenn  aber  der  sage  nach  das  thier  durch  affenfrass  vom  fieber 
sich  lieilt,  so  geschieht  ihm  wie  dem  menschen,  denn  der  aife  ist  dann 
das  ähnliche  medicament  für  ein  übel,  das  der  Mensch  verursacht. 
Statt  daher  die  homöopathische  natur  der  fiebercur  zu  bezeichnen,  zeich- 
nete man  erstens  den  zorn  unter  dem  bilde  eines  löwen ,  der  die  eigenen 
jungen  mit  dem  schweife  schlägt,  sodann  die  heiluug  unter  dem  symbo- 
lischen bilde  des  löwen ,  der  den  äffen  frisst.  Und  unter  demselben  bilde 
haben  die  Aegypter  einen  sich  vom  fieber  heilenden  menschen  dargestelt: 
hie  enim  febre  correptus,  si  simiam  voraverit,  protinus  convalescit.  Aus 
arabischen  uachrichten  theilt  Vincenz  von  Beauvais  folgendes  mit:  der 
löwe  bekommt  das  fieber  durch  den  anblick  des  menschen;  er  leidet 
immer  am  viertägigen  fieber  und  dann  sucht  er  besonders  affenfleisch, 
um  geheut  zu  werden.  (Speculum  naturale,  lib.  20,  74).  Der  nachah- 
muugstrieb  des  afien  und  seine  menschenähnlichkeit  ist  der  grund,  dass 
affenfleisch  ein  übel  heilt,  welches  der  mensch  hervorrief."  So  weit 
Selig  Cassel. 

Es  unterscheidet  aber  die  mediciu  den  animalischen  körper  nach 
der  besondern  heilsamkeit,  die  sie  seinen  einzelnen  gliedern  und  Organen 
beilegt,  und  stellt  dann  haupt  und  herz,  als  den  sitz  des  lebens,  oben 
an.  Daher  der  zug  vom  herzessen  in  thiermärchen  und  sage.  In  den 
böhmischen  Volksmärchen  von  B.  Nemcova  (Prag  1855.  XL  38  —  56) 
heisst  es:  Wer  das  herz  isst,  findet  goldstücke,  wer  den  köpf,  wird 
könig.  Gleiche  züge  aus  serbischen  und  russischen  märchen  führt  Benfey 
an  (I.  c.  1,  215.  2,  531).  Hieher  gehört  die  mhd.  erzählung  das  herz, 
nr.  XI  in  v.  d.  Hagens  gesamtabenteuer ,  nebst  den  ergänzungen,  welche 
nachträglich  Liebrecht  in  Pfeiffers  Germania  1,  260.  4,  372  zu  dieser 
novelle  geliefert  hat.  „Ich  bringe  dir  das  herz  eines  widehopfes,  spricht 
die  amme  zum  kaiser ;  das  legst  du  deiner  gattin  auf  die  brüst ,  wenn 
sie  schläft,  fragst  sie  dann  was  du  wissen  willst,  und  sie  wird  dir  die 
Wahrheit  sagen."  Tausend  und  eine  Nacht,  übersetzt  von  Weil ,  12,  705. 
In  der  mittellat.  fabel  de  cervo,  qui  cor  non  habuit  (Mone,  Anzeiger  4, 
360)  bleibt  des  löwen  krankheit  unheilbar,  wenn  man  ihm  kein  hirschen- 
herz  herbeischafft.  Das  sagenhafte  hohe  alter,  das  man  dem  thier  bei- 
schrieb, verleiht  seinem  herzen  magische  Wirkung. 


D.    THIERM^RCH.    V.    GEGESSN.    HERZEN  193 

Limge  und  leber,  sprachlich  unzertrennlich,  bleiben  auch  im  mär- 
chen  gepaart  und  bilden  da  die  Stellvertreter  des  zauberkräftigeu  her- 
zen s.  Gemäss  einer  zur  altklassischen  zeit  verbreitet  gewesenen  ansieht 
dient  ziegenlunge  gegen  epilepsie,  Aesop.  Für.  262.  Bei  Plinius  8,  50: 
capras  nee  unquam  febri  carere  Archelaus  auctor  est.  Eine  ziege  räth 
dem  esel  sich  epileptisch  zu  stellen,  wird  aber  sodann  darüber  selbst 
geschlachtet.  Benfey  1.  c.  1,  502.  Ebenso  räth  der  wolf  dem  fieber- 
kranken das  fleisch  des  bocks  an.  Rh.  F.  CCLX.  Mythologie  1125.  Ben- 
fey zeigt,  wie  in  der  sanskritfabel  dasselbe  meerungeheuer,  das  nach 
des  affenkönigs  herzen  begehrt,  das  andere  mal  (in  Dübois  Pantscha- 
tantra-Recension)  die  leber  desselben  verlangt.  Die  psychische  bedeu- 
tung,  die  das  alterthum  der  leber  als  dem  Ursprungsorte  melancholischer 
kranklieitsformen  beischrieb,  hat  Friedreich  entwickelt  in  der  Geschichte 
der  Pathologie  und  therapie  der  psychischen  krankheiten,  1830.  Die 
phrase,  es  ist  ihm  eine  laus  über  die  leber  gekrochen,  verleg-t  grillen 
und  Ungeziefer  in  die  Innern  Organe  des  grillenfängers.  Im  Reinaert 
erinnert  der  fuchs  an  die  Verdienste  seines  heilkünstlerischen  vaters,  der 
den  alten  könig  einst  durch  eine  wolfsleber  geheilt  habe;  und  dieser 
behauptnng  wörtlich  sich  anschliessend,  heisst  es  im  Reineke  de  Vos  mit 
dem  Koker,  Wulffenbüttel  1711  (2  b.  11  kap.  s.  236): 

—  —  —  wyl  gj  ghenesen, 
so  mot  dat  yiimmer  eutlyk  wesen 
eynes  wulves  lever  van  seven  jaren : 
Here,  hiran  moghe  gy  nicht  sparen, 
de  schole  gy  eten ,  efte  gy  synt  doet. 

Der  diesem  rathschlage  mit  zuhörende  wolf  beruft  sich  vergebens 
auf  den  umstand ,  dass  er  noch  nicht  einmal  fünf  jähre  alt ;  er  muss  mit 
in  die  küche  und  sich  die  leber  ausnehmen  lassen: 

de  konnynch  ath  se  un  glienas 

van  aller  krankheyt,  de  in  eme  was. 

Das  Sprichwort,  der  Schwab  muss  allzeit  das  leberle  gessen  han 
(Eiselein,  Sprich w.  s.  416),  bezieht  sich  auf  die  gutmütigkeit  des  einen 
volksstamraes,  auf  den  die  andern  ihre  thorenstreiche  schieben;  das 
damit  gemeinte  märchen  kommt  aber  schon  unter  bischof  Heriger  von 
Mainz,  er  regierte  vom  jähre  912  an,  zur  anwendung,  dem  ein  aben- 
teurer  seine  reise  durch  himmel  und  hölle  erzählt  und  wie  er  da  neben 
dem  mundschenk  Johannes  und  dem  meisterkoch  Petrus  gestanden.  Auf 
des  scherzenden  bischofs  zwischenfrage  an  den  fahrenden,  was  er  denn 
selber  an   der  himmelstafel   zu   essen  bekommen ,    antwortet  jener :    Tcli 

ZKITSCHK.    P.    DEUTSCHE    PHILOLOOIE.  13 


1<)4  ROCIIHOLZ 

lauerte  in  einem  wiukcl,  bis  ich  die  hinge  wegmausen  konnte,  dann 
scliol)  ich  mich : 

Angulo  uiio       I      Partem  piümonis      |      Fiirabar  cocis. 

Grimm,  Lat.  Ged.  des  X.  u.  XL  jh.  344.  Die  Übertragungen  dieser  die- 
berei  auf  verschiedene  stände ,  confessionen  und  volksstämnie  haben  heute 
noch  kein  ende  erreicht.  Petrus,  auf  der  Wanderschaft  mit  dem  herrn 
das  mahl  zurüstend,  beisst  lüsternd  dem  brathülmlein  ein  bein  ab;  der 
landsknecht,  mit  Petrus  in  der  schenke  übernachtend,  schnappt  vom 
gebratnen  huhn  die  leber  weg;  der  schwabe  mit  dem  lieben  gotte,  oder 
bruder  Lustig  mit  Petrus  wandernd ,  isst  vom  gebratnen  lamm  das  herz 
vorweg.  Grimm,  KM.  nr.  81  und  bd.  3.  Der  kroate  Dane,  mit  Petrus 
und  dem  herrn  durch  die  wälder  ziehend,  thut  dasselbe:  Kletke,  mär- 
chensaal2,  37.  Die  neueste  anwendung  •  vom  jähre  1867  findet  sich  bei 
A.  Peter,  Volksthümliches  aus  Schlesien  1,  136  und  lautet  also.  Als 
Christus  das  osterlamm  mit  den  seinigen  zu  essen  bestimte,  hatte  er 
den  Ischariot  zum  koch  bestellt  und  ihm  aufgetragen ,  des  lammes  inge- 
räusch  besonders  zuzurichten.  Judas  kaufte  ein  schwarzes  lamm,  berei- 
tete es  auftragsgeraäss  zu ,  behielt  aber  das  herz  für  sich.  Als  der  hei-r 
bei  tische  nach  diesem  fragte,  erwiderte  der  jünger,  schwarze  lämmer 
hätten  kein  herz.  Christus  nahm  hierauf  geldmünzen  hervor,  theilte  sie 
in  13  häuf  eben  und  übergab  jedem  jünger  eins.  Da  nun  ein  häuflein 
ül)rig  blieb,  fragten  sie,  wem  dieses  bestimmt  sei,  und  der  herr  ant- 
wortete:  demjenigen,  der  das  herz  gegessen  hat.  Sogleich  griff  der  geld- 
sriericfe  nach  den  münzen  und  hatte  sich  verraten. 

Der  heil-  und  glücksstein,  aus  dem  nachmals  der  stein  der  wei- 
sen wird,  zeitigt  sich  im  Innern,  namentlich  im  herzen  und  gehirn  sol- 
cher thiere ,  denen  man  ein  hohes  Icbensalter  beischreibt  und  die  deshalb 
dann  selbst  wieder  zu  schatzhütendeu  thieren  gemacht  werden.  Vom 
Juwel,  das  die  schlangen  im  haupte  tragen,  bei  Plinius  der  heilkräftige 
Draconites,  redet  die  Hitopadesa,  übersetzt  von  M.  Müller,  s.  34;  den 
edelsteiu  im  haupte  der  alternden  kröte,  erwähnt  Shakespeare  As  you 
like  11 ,  1 ;  er  hiess  Bufouites,  In  der  Stirnhöhle  des  langlebigen  elephan- 
ten  findet  sich  die  kostbare  perle:  Somadeva,  übersetzt  von  Brockhaus 
2,  188.  Im  köpfe  des  hahnes  entsteht  der  liebesstein  Alectorius.  Der 
wanderstorch  trägt  bei  seiner  jährlichen  widerkehr  einen  köstlichen  stein 
mit  sich,  den  er  armen  frauen  in  den  schoss  fallen  lässt  (Wolf,  niederl. 
sag.  nr.  41);  dieses  thieres  althd.  name  ist  daher  otivaro,  schätzebrin- 
ger.  Unter  diese  reihe  gehören  auch  die  äsopischen  fabeln  vom  bahn, 
der  seine  gefundene  perle  für  ein  haferkorn,  und  den  edelstein  ebenso 
für  ein  gerstenkorn  hingibt.    Phädrus  3,  51.   Boners  fabel  nach  Avian  33. 


D.    THTERM^.RCH.    V.    GEGESSN.    HERZEN  195 

Haupt,  ztsclir.  7 ,  381.  lu  der  fabel  des  vöglein  s  lehren,  sagt  die 
ledig  gewordene  lerche  dem  vogelsteiler,  sie  trage  einen  wunderstein  im 
magen,  grösser  als  ein  straussenei  (Haupt,  ztschr.  7,  348),  oder  einen 
faustgrossen  wunderstein  im  herzen  (Lassbergs  liedersaal,  ur.  167). 

Fast  alle  hier  bereits  aufgezählten  gründe,  die  das  einzelne  thier 
für  den  cultus ,  für  die  dichtkunst  und  heilkuust  vorwiegend  empfehlen, 
treffen  beim  hirschen  zusammen,  allein  zu  ihrer  ausführliche ji  darstellung 
ist  hier  kein  räum  mehr.  Wie  sich  in  der  griechischen  mythe  die  göttin 
in  gestalt  der  hirschkuh  opfert,  um  die  fürstentochter  vom  tode  zu  ret- 
ten, so  bietet  sich  gott  Buddha  erbarmungsvoll  dem  könig  von  Benares 
an  der  stelle  einer  trächtigen  hirschkuh  zur  speise  dar.  Benfey  1,  183. 
Odhinn  legt  sich  in  Gylfagiuning  den  namen  des  hirschen  Thror  bei,  und 
sein  nachbild,  der  heilige  Oswald ,  befreit  und  entführt  in  gestalt  des  gold- 
hirschen  die  braut.  Zeugnisse  genug,  dass  eben  dieses  thier  in  ältester 
heiligung  stand  und  deshalb  sogar  noch  in  chiistlicher  Symbolik  eine 
bevorzugte  figur  war.  Wegen  seiner  auf  altchristlichen  grabmälern  vor- 
kommenden abbildung  bemerkt  Ambrosius ,  im  sechsten  sermon  zu  psalm 
118,  der  hirsch  sei  die  figur  Christi  selbst,  wobei  er  wahrscheinlich 
sagen  will,  des  ewiglebendeu.  Denn  von  dieses  thieres  langlebigkeit 
heisst  es  in  Wolfs  DMS.  nr.  295,  drei  hirschenalter  gehen  auf  das  eines 
drachen,  welches  ausmacht  2130  jähre.  Die  medicinisch  verwendeten 
körperteile  des  thieres:  haut,  uuschlitt,  zahn  und  gehöru,  gelten  dem 
Volke  auch  jetzt  noch  als  besonders  heilkräftig  und  lassen  einen  schluss 
zurückmacheu  auf  den  grund  ihres  Vorkommens  sowol  in  den  frühesten 
Volksbräuchen  als  auch  in  den  ältesten  fabelstoften.  Das  cervulum  facere, 
ein  neujahrsspiel,  welches  bei  Galliern  und  Deutschen  gleichmässig  im 
schwänge  war  und  wobei  man  in  umgehängten  hirschfelleu  vermummt 
umher  lief,  kann  keinen  andern  sinn  gehabt  haben,  als  dass  man  die 
frische  thierhaut,  die  in  der  fabel  der  kranke  löwe  umschlägt  zur  hei- 
luüg ,  sich  umhieng  ,  wenn  man  sich  gegenseitig  langes  leben  neu  an- 
wünschte. So  werden  auch  in  Strickers  rolandslied  die  leichen  der  bei 
Ronceval  gefallenen  in  hirschhäute  genäht  und  nach  Kerlingen  gebracht. 
Kindermörderischeu  königen  wird  (KM.  nr.  31.  76)  das  schlaclitopfer 
heimlich  entzogen  und  statt  der  verlangten  Wahrzeichen  des  vollbrachten 
mordes  lunge  und  leber,  oder  äugen  und  zunge  einer  hirschkuh  vorgewie- 
sen. Dies  sind  aber  eben  jene  theile,  folgert  Grimm,  myth.  50,  welche 
als  die  edleren  beim  opferbrauche  den  götteru  dargebracht  wurden,  wäh- 
rend man  das  feil  zugleicli  an  den  bäumen  aufhieng.  Es  sind  dieselben 
theile,  fügen  wir  hinzu,  welche  in  constantor  formel  dem  zum  opfer 
bestirnten  thiere  der  fabel  abgefordert  werden,  mid  hier  eben  kommen 
wii-,  zum  Schlüsse  dieses  aufsatzes,  auf  die  oft  sinnwidrig  lautenden  ver- 

13* 


19G  RoriiiioLz 

stüniinolungcii  ziiviick ,  dio  das  faheltliier  erleidet.  Wenn  nämlich  die 
knrzscliwänzige  aifcngattung  beim  fuchs  bitten  lässt ,  ihr  einen  theil  sei- 
nes Schwanzes  abzugeben  (altd.  fabel  fohe  und  aflen,  in  Haupts  ztsclir.  7, 
352),  oder  wenn  reineke  den  schwänz  verloren  hat  und  heimkehrend  den 
scinigen  dies  als  neue  mode  anempfiehlt,  so  ist  sinn  und  witz  hier  ein- 
leuchtend. Wird  aber  die  gleiche  strafe  der  Schwanzverstümmelung  auch  . 
an  hirschen  und  ehern  vollzogen,  so  ist  dies  für  die  fabel  ein  zeichen 
stattgehabter  entlehnung  und  entstellung ,  denn  statt  des  Schwanzes  kann 
d5ch  nur  die  hirschenkeule  gemeint  sein.  So  heisst  es  in  der  kaiser- 
chronik  von  dem  gartenbesitzer ,  welcher  dem  hirschen  nachstellt: 

er  erreichet  im  den  zagcl, 
er  sluocli  in  im  halben  abe. 

Nicht  so  incorrect,  sondern  zu  humoristischem  zwecke  dienend  ist, 
wenn  dem  mutz  und  kurzschwanz,  dem  hären,  ein  ähnliches  widerfährt, 
und  die  lachlust  reizt  es ,  wenn  dem  Isengrim  beim  fischfang  der  schwänz 
ins  eis  einfriert  und  ritter  Birtin  diesen  halb  abhaut: 

ouch  clagite  sere  Isingrin 
den  vil  liebin  zagil  sin. 

Mit  grund  wird  daher  in  der  fabel  vom  gefressnen  herzen,  welche 
Liebrecht  aus  den  gedichten  des  spanischen  priesters  de  Hita  nachweist 
(lebt  um  1350),  ein  geschwänzter  esel  statt  des  ungeschwänzten  hir- 
schen um  seine  hinterzier  kürzer  gemacht.  Pfeiffers  germania  4,  371. 
Ganz  andere  gründe  aber  scheinen  vorzuwalten,  wenn  ein  kurzohriges 
thier,  wie  der  hirsch,  ebenso  am  obre  gezeichnet  wird  wie  der  esel. 
Hier  liegt  alttypisches  vor  und  behält  auch  sehr  spät  noch  seine  poeti- 
sche dauerhaftigkeit.  Die  morgenländischen  novellen  über  den  schah 
Behram  und  seine  geliebte  Diliram  waren  im  16.  Jahrhundert  aus  dem 
persischen  übersetzt  in  italienischer  bearbeitung  zu  Venedig  erschienen: 
Peregrinaggio  de  tre  figliuoli  del  Ke  di  Serendippo.  della  Persiana  nell' 
Italiana  lingua  trasportato.  Dieses  werk  fand  zu  Venedig  der  basler 
Johann  Wesel  und  übersetzte  es,  Basel  1583.  Das  grundmotiv  ist  der 
auf  einen,  schuss  durch  den  hinterlauf  und  das  ohr  geschossene  hirsch. 
Dieser  so  durch  lauf  und  ohr  doppelt  getroffene  hirsch  erscheint  auch 
schon  in  Egenolfs  Sprichwörtern  (1582.  Bl.  322),  Gödeke,  grundriss  1, 
370,  Wie  muss  man  nun  aber  die  naturtreue  und  die  ausdauer  dieser 
alten  Sinnbilder  der  fabeldichtung  bewundern,  wenn  man  ihnen  ebenso 
im  volksepos  wieder  begegnet.  Da  ist  jenen  zwei  baiernherzogen  Dieto 
und  Adelger  bereits  durch  kaiserliche  Übergewalt  locke  und  hart  ver- 
stümmelt und  das  gewand  bis  zum  knie  abgeschnitten;    doch  als  sie  die 


D.    THIERM^BCH.   V.    GEGESSN.   HERZEN  197 

fabel  hören,  wie  der  hirsch,  nachdem  er  schon  ohr  und  schwänz  einge- 
büsst  hat,  zum  dritten  auch  noch  ums  herz  gekommen  ist,  da  fassen 
sie  ein  herz  und  befreien  sich  und  ihr  volk  von  der  fremden  tyranuei. 
Ein  Verständnis  dieser  sinnbikler  muss  bei  unserm  volke  lange  ange- 
dauert haben,  da  selbst  noch  der  asketische  sinn  der  mönchsweit  an 
ihnen  herum  getändelt  hat.  Deshalb  folgert  jene  schon  erwähnte  stelle 
in  den  deutschen  Gesta  Eomanor.  also:  Wenn  gott  der  herr  einen  welt- 
menschen warnen  wolle ,  so  schneide  er  ihm  zuerst  die  obren  ab ,  näm- 
lich seine  freunde  und  kinder;  sodann  aber  das  hinterteil,  und  dies  sei 
die  ehefrau.  Auch  hier  fällt  das  gleichnis,  so  widerwärtig  es  ist,  nicht 
aus  der  Wahrheit,  denn  zur  beschimpfenden  strafe  pflegte  man  Übeln 
frauen  den  zopf  zu  kürzen  und  die  lange  rockschleppe  abzuschneiden. 
Neben  englischen  und  französischen  statutarrechten  hat  Grimm  (RA.  711) 
dies  Strafverfahren  aus  dem  seligenstadter  sendrecht  nachgewiesen,  wel- 
ches über  die  frau,  die  ausserehelich  geboren  hat,  verfügt:  man  sal  ir 
har  binden  an  dem  haubet  und  ir  rock  binden  abesniden.  Es  war  dies 
nicht  etwa  ein  vereinzelt  gebliebenes  Sonderrecht,  nach  kriegsbrauch  des 
altertums  wurden  auch  kundschafter  mit  derselben  strafe  belegt.  Als 
David  seine  knechte  zu  den  Ammonitern  sendete ,  um  sie  nach  dem  tode 
ihres  königs  zu  trösten ,  sprachen  letztere  zu  Hanon ,  ihrem  herrn :  darum 
hat  er  seine  knechte  gesant,  dass  er  die  stadt  erforsche  und 
erkunde.  Darauf  beschor  Hanon  den  knechten  Davids  den  hart  halb 
und  schnitt  ihnen  die  kleider  halb  ab  bis  zum  gürtel ,  und  Hess  sie  gehen. 

2.  Sam.  10,  3.  4.  Braucht  es  nun  noch  eines  ferneren  beweises,  dass 
diese  an  kundschaftern  vollzogene  schimpfliche  strafe  des  kleider  -  und 
haarabschneidens  mit  der  von  der  fabel  behandelten  haupt  -  und  schwanz- 
verstümmelung  und  mit  dem  märchen  vom  gegessnen  herzen  schon  im 
altertum  zusammentraf  und  dass  sie  in  eben  dieser  Vereinbarung  zu  wei- 
teren fabeln  zusammengefügt  worden  ist,  so  hat  man  hiefür  folgende 
fabel  vom  wildesei  und   dem  fuchse,   in  tausend  und  einer  nacht.   Weil 

3,  917: 

Ich  traf  gestern  einen  todten  wildesei ,  erzählt  ein  fuchs  dem  anctern, 
und  habe  mich  an  dessen  herz  so  satt  gegessen ,  dass  ich  seit  drei  tagen 
nicht  hungre.  lieber  dies  wort  dachte  der  andre  fuchs  bei  sich:  Icli 
muss  doch  auch  einmal  ein  eselsherz  essen,  um  satt  zu  werden.  Allein 
er  erkrankte  inzwischen  und  konnte  vor  schwäche  sich  nicht  mehr  schlep- 
pen. Da  sah  er  hart  vor  seiner  höhle  einen  todten  esel  liegen,  den  die 
Jäger  durchs  herz  geschossen  hatten.  Sie  hatten  ihm  den  pfeil  aus  dem 
herzen  ziehen  wollen,  aber  der  scliaft  bracli  ab  und  die  eiserne  spitze 
blieb  drin  stecken.  Heisshungrig  frass  der  fuchs  das  herz  mit  der  pfeil- 
spitze,    diese   blieb   ilini    im  rächen   und  brachte  ihn  dem  tode  nahe.  — 


198  UOCimOiy, ,    II.    'llllURM.l'mCH.    V.    fiEOKSSN.    UK.RZF.N 

Moral  Sil tz:  Ein  weiser  köiiig-  wird  über  seine  feinde  siegen,  doch  ein 
o-owalltliiitiger  sieh  und  seine  unterthanen  ins  verderben  stürzen,  es  wird 
ilnn  ergelien  wie  jenem  könige,  der  allen  reisenden  vier  fünfteil  ihres 
besitzes  nahm,  jenem  wanderer  aber,  der  gar  nichts  besass,  auch  noch 
sein  kleid  vom  leibe  zog.  Als  dieser  sich  darüber  l)eklagte,  sprach  der 
köniof :  Wer  h  e  i  s  s  t  dich  als  f  r  e  m  d  e  r  meine  s  t  a  d  t  betreten! 
Du  beklagst  dich,  dass  wir  dein  kleid  genommen,  morgen 
will  ich  dir  auch  das  leben  nehmen. 

Das  hier  gewonnene  resultat  stellt  sich  von  selbst  heraus.  Der 
älteste  zustand ,  in  den  das  thiermärchen  zurückweist ,  ist  der  barbarisch 
geführte  parteigängerkrieg,  der  im  thierreiche  über  die  frage  der  thron- 
folge  ausgebrochen  ist.  Brun,  der  nordische  thierkönig,  ist  abgesetzt, 
sein  nachfolger  Nobel  liegt  gefährlich  erkrankt,  die  beiden  parteihäup- 
ter  fuchs  und  wolf  speculieren  bereits  auf  die  znkunft.  So  lange  Nobel 
noch  am  leben  ist,  müssen  sie  sich  gegenseitig  bei  diesem  zu  ruinieren 
suchen.  Keinhart  versucht  es  als  der  ratgewaltige,  als  des  königs  intri- 
ganter leibarzt.  Isegrim  trotzt  dem  ränkeschmied ,  indem  er  seinen 
unsichtbar  machenden  eisenhelm,  seine  lebenbeschützende  tarnhaut  trägt. 
Eben  diese  haut  lässt  daher  Reinhart  dem  könige  zu  heilsamen  umschla- 
gen verordnen ,  so  unterliegt  der  wolf  und  wird  lebend  aus  der  haut 
geschunden.  Eachgier  und  al)erglauben  führt  zu  weiteren  greuelu.  Der 
erlegte  feind  wird  gliedweise  getödtet,  das  herz  ihm  ausgerissen  und 
versclilungen.  Doch  da  die  list  zuletzt  überall  meister  bleibt  über  die 
blind  dreinschlagende  rohheit,  so  muss  auch  die  intrigue  schlauer  ange- 
legt und  der  sieg  vernünftiger  ausgebeutet  werden.  Nun  nimt  man 
dem  unterlegnen  statt  der  schwarte  nur  die  locke,  statt  haut  und  haar 
nur  das  hemd,  statt  des  leiblichen  herzens  nur  die  herzhaftigkeit ,  und 
man  muss  sich  dabei  wol  vorsehen ,  dass  der  so  gedemütigte  nicht  unter 
der  band  sich  wieder  in  den  sieger  verkehrt.  Bis  zu  diesem  ziele  füh- 
ren die  hier  erzählten  märchen.  Sie  haben  sich  aus  rohen  mordkämpfeu 
veredelt  zu  geistigen  wettkämpfen,  und  dies  schon  seit  so  undenklich 
langer  zeit,  dass  diese  thiermärchen,  wo  wir  sie  betreffen  mögen,  im 
Orient  wie  im  Occident,  bereits  als  kleine  fertige  kunstwerke  feststehen 
auf  dem  fussgestelle  der  novelle  oder  des  apologs. 

AAKAU.  E.   L.    KOCHHOLZ. 


199 


ZUR  CIIARACTERISTIK    DER   DEUTSCHEN   MUNDARTEN 

IN  SCHLESIEN. 

I. 

Karl  Weinholds  gross  angelegtes  unternehmen  einer  historischen 
grammatik  aller  deutsclien  hauptdialecte  ist  neuerdiiigs  durch  das  erschei- 
nen des  zweiten  theiles,  der  bairischen  grammatik,  um  einen  bedeuten- 
den schritt  weiter  gefördert  Avorden.  Es  ist  kein  zweifei,  dass  für  die 
gesamte  deutsche  dialectkunde  mit  diesem  werke  eine  neue  epoche  begon- 
nen hat.  Alles  frühere,  so  weit  es  wissenschaftlich  überhaupt  noch 
])rauchbar  ist,  geht  nicht  über  die  tendenzen  monographischer  behand- 
lung  hinaus.  Hier  aber  ist  zum  ersten  male  versucht  das  ganze  mate- 
rial  in  zusammenhängenden  fluss  zu  bringen.  Vielleicht  hätte  sich  die 
fruehtbarkeit  der  ergebnisse,  die  mau  diesem  Standpunkt  verdankt,  noch 
anschaulicher  und  bequemer  herausstellen  lassen,  wenn  der  Verfasser, 
anstatt  sein  material  in  eine  reihe  von  Stammesgrammatiken  mit  localer 
begränzung  zu  vertheilen,  es  lieber  unter  gemeinschaftliche  grosse  sach- 
liche rubriken  gebracht  hätte.  Unbedenklich  durfte  dabei  die  disposition 
der  grammatik  Jacob  Grimms  zu  gründe  gelegt  werden,  denn  wenn 
diese  auch  in  dieser  oder  jener  art  dem  einen  oder  dem  andern  mangel- 
haft erscheinen  mag,  so  hat  sie  doch  den  vorzug,  übersichtlich,  und  noch 
mehr  den,  allgemein  gekannt  und  practisch  verwertet  zu  sein.  Aller- 
dings würden  wu-  bei  Weinhold  auf  jene  äusserlich  so  gut  markierte  abge- 
schlossenheit  der  einzelnen  theile  verzichten  müssen,  auch  mag  es  für 
manche  zwecke  angemessener  sein ,  wenn  man  das  ganze  sprachbild  eines 
dialectes  zusammen  findet  und  sich  das  herumsuchen  unter  den  verschie- 
denen rubriken,  vocalismus,  consonantismus  etc.  durcli  ein  weitläufiges 
werk  hindurch  sparen  kann. 

Jedenfalls  wird  die  dialectforschung  sich  von  jetzt  ab  immer  weni- 
ger mit  einer  „blossen  beschreibung  der  heutigen  Verhältnisse"  begnü- 
gen dürfen.  Auch  sie  wird  „den  kern  ihrer  arbeiten"  in  der  veran- 
schaulichung des  „geschichtlich  grammatischen  stoftes"  melir  und  mehr 
zu  finden  haben.  Und  es  ist  dafür  gesorgt,  dass  ihr  das  material  nicht 
so  bald  ausgehe,  wenn  sie  nur  erst  besser  versteht  es  herbeizuschaifen. 
Denn  gewiss  ist  es  leichter  und  anmutiger,  dem  volke  von  heute  seine 
lebendige  spräche  von  den  lippeu  abzulauschen ,  als  aus  den  dürren  blät- 
tern der  handschriften  und  Urkunden  einzelne  fetzen  zusammenzutragen, 
die  so,  wie  man  sie  auCratt't,  in  den  meisten  fällen  kaum  brauclibar  sind 
und  erst  durch  ein  compliciertes  und  oft  selir  intricates  restitutiousver- 
fahren  wider  zugerichtet  werden  müssen. 


200  II.    RÜCKERT 

Tniincrliin  wird  eine  gewissenhafto  und  umsichtige  beschreibung  des 
boutigcii  spraclistaudcs  willkommen  sein,  ohne  auf  eigentlich  wissenschaft- 
liche bedeutung  anspruch  machen  zu  dürfen.  Nur  muss  eine  solche  in 
jedem  falle  anders  angelegt  und  durchgeführt  sein,  als  z.  b.  noch  neue- 
stens  die  betreffenden  capitel  der  so  weitschichtig  angelegten  „Bava- 
ria."  Gerade  hier  hätte  man  von  der  nachwirkuug  des  sinnigsten  und 
gründlichsten  forschergeistes ,  der  sich  je  mit  diesen  dingen  beschäftigt 
hat,  etwas  ganz  anderes  erwarten  sollen.  Konnte  den  manen  Schmellers 
wirklich  auf  seinem  eigenen  heimatboden  kein  würdigeres  denkmal  errich- 
tet werden?  —  Diese  unabweisbare  frage  gibt  zu  allerlei  gedanken 
anlass.  Wenn  man  diesen  fall  nicht  blos  in  seiner  Vereinzelung,  son- 
dern im  Zusammenhang  mit  andern  im  wesen  gleichartigen  erscheinun- 
gen  auf  andern  gebieten  der  Wissenschaft  erwägt ,  so  muss  man  sich  mit 
einer  gewissen  resignation  sagen,  dass  die  macht  des  wissenschaftlichen 
fortschrittes ,  ja  selbst  der  lebendige  einfluss  einer  ihn  verkörpert  dar- 
stellenden persönlichkeit  doch  viel  schwächer  sind,  als  mau  gewöhnlich 
annimt,  und  dass  auf  dem  felde  der  deutschen  sprachkunde  es  schwerer 
als  auf  jedem  andern  zu  sein  scheint,  den  selbstgefälligen  dilettantismus 
in  seine  schranken  zurückzuweisen.  Darum  wird  es  geraten  sein,  sich 
von  der  täuschung  fernzuhalten,  als  würde  die  nächste  zeit  sich  durch 
eine  besonders  rege  arbeit  in  wirklicli  wissenschaftlichem  sinne  auf  dem 
gebiete  der  deutschen  dialectkunde  auszeichnen.  Der  anstoss  dazu,  den 
Weinholds  grosses  werk  gibt,  wird  nur  langsam  Avirken  und  von  den 
meisten,  die  überhaupt  ein  gewisses  Interesse  für  den  gegenständ  haben, 
noch  auf  lange  hin  kaum  empfunden  werden ,  wenn  sie  auch  sein  buch, 
wie  üblich,  eitleren.  Haben  ja  doch  auch  die  herren  Sebastian  Mutzl, 
Magnus  Jochem  und  Dr.  Haupt,  deren  federn  sich  an  der  Charakteristik 
der  mundarten  der  drei  hauptstämme  des  bairischen  reiches  zu  versuchen 
für  gut  fanden ,  Schmeller  oft  genug  citiert.  Einstweilen  wird  man  schon 
das  als  ein  unschätzbares  practisches  resultat  begrüssen  dürfen,  dass  die 
historisch  -  genetische  methode  der  Sprachforschung  zum  ersten  male  auf 
das  ganze  gebiet  übertragen  worden  ist,  wo  sie  bisher  nur  auf  unschein- 
baren ausschnitten  zur  anwendung  gekommen  war.  Dann  aber,  was 
eben  so  viel  wert  ist,  dass  sich  nunmehr  eine  deutliche  Übersicht  über 
das ,  was  bisher  wirklich  brauchbares  geleistet  war ,  gewinnen  lässt.  Denn 
es  versteht  sich  von  selbst,  dass  der  einzelne,  der  die  gesamtheit  aller 
deutschen  dialecte  darzustellen  unternimt,  den  beruf  des  selbständigen 
forschers  mit  dem  des  blossen  samlers  verbinden  muss.  Niemand  wird 
ihm  zumuten,  dass  er  noch  andere  als  die  vorhandenen  und  bekannten 
quellen  benützt,  so  weit  seine  arbeit  ausschliesslich  auf  der  schriftlichen 
Überlieferung  beruht;  und  so  weit  er  die  lebendige  spräche  berücksichtigt. 


DEUTSCHE    MÜNDAKTEN   IN    SCHLESIEN  201 

wird  er  auch  nur  in  einem  eng  begränzten  kreise  im  stände  sein,  sich 
selbst  sein  material  herbeizuschaffen,  nämlich  da,  wo  er  lieimatberechtigt 
ist.  Dazu  gehört  aber  mehr,  als  dass  sich  jemand  zufällig  einige  jähre 
in  Baiern ,  Franken  oder  Thüringen  aufgehalten'  und  der  spräche  des  Vol- 
kes wolwollend  seine  aufmerksamkeit  zugewant  hat:  man  muss,  so 
will  es  uns  wenigstens  scheinen,  in  dem  betreffenden  dialecte  geboren 
und  erzogen  sem,  um  ihn  vollständig  auch  nur  als  samler  und  sichter 
bewältigen  zu  können. 

Es  werden  nunmehr  auch  sicherer  als  bisher  sich  innerlialb  der 
grösseren  dialectcomplexe  jene  kleineren  bezirke  abscheiden  lassen,  die 
ebenso  wie  jene  eine  in  unabsehbare  ferne  zurückweichende  geschichtliche 
begründung  haben  und  sie  auch  durch  die  Wissenschaft  nachgewiesen 
erhalten  müssen.  Denn  mit  sechs  grösseren  stammesdialectgruppeu  ist 
es  allein  noch  nicht  gethan,  wenn  diese  selbst  nicht  wider  in  organische 
einzelgiiederungen  aufgelöst  werden  können.  Welche  entschiedene  Indi- 
vidualitäten z.  b.  innerhalb  des  gemeinsamen  alemannischen  typus  und 
zwar  von  unvordenklichen  Zeiten  her !  Wollte  man  alles  ,  was  der  hoch- 
alemannischen,  der  oberschwäbischen,  der  elsasser  und  der  niederschwä- 
bischen mundart  an  charakteristischen  eigenheiten  zukomt,  auf  einen 
häufen  zusammenbringen  und  daraus  das  bild  des  alemannischen  dialec- 
tes  gestalten,  so  würde  ein  formloses  ungeheuer  heraus  kommen,  dem 
jede  sprachliche  lebensfähigkeit  abgesprochen  werden  müste;  um  den  all- 
gemeinen typus  des  ganzen  zu  construieren,  wodurch  wider  alle  diese 
gliederungen  vor  dem  auseinanderfallen  in  empirische  einzelheiten  geschützt 
werden,  muss  das  einzelne  in  seiner  localen  und  zeitlichen  begränzung 
sorgfältig  beachtet  werden,  aber  immer  so,  dass  es  seine  begründung 
durch  das  ganze  erhält.  Und  so  stuft  sich  das  leben  des  dialects  in 
immer  kleineren  kreisen  bis  zu  beinahe  mikroskopischen  gebilden  ab,  die 
von  der  Sprachforschung  freilich  nicht  alle  auf  einmal  und  mit  gleicher 
Intensität  l)eachtet  werden  können.  Aber  es  soll  auf  sie  in  dem  allge- 
meinen Schema,  das  sie  aufstellt  und  nach  welchem  sie  operiert,  rück- 
sicht  genommen  werden.  Das  fachwerk  muss  so  gefügig  und  reichhaltig 
eingerichtet  sein,  dass  auch  die  kleinste  individualität  am  passenden  orte 
Unterkunft  und  Verwertung  finden  kann. 

Stebt  aber  einmal  für  das  ganze  die  methode  der  historisch  -  gene- 
tischen forschung  fest,  so  lässt  sie  sich  ohne  weiteres  auch  auf  alles  ein- 
zelne, sei  es  noch  so  klein,  übertragen.  Nur  möge  liier  auf  einen  Avich- 
tigen,  aber  wie  uns  sclieint  noch  wenig  beachteten  punkt  liingewiesen 
werden.  Je  mehr  die  deutsche  dialectforschung  sich  zur  erkenntnis  der 
geschichtlichen  entwickelung  unserer  dialecte  erweitert  und  vertieft ,  wozu 
sie  jetzt  so  erfreulich  hinstrebt,  desto  mehr  wird  sich  herausstellen,  dass 


202 


II.    mCKEKT 


der  bercicli  der  inonioiitc,  welclie  auf  die  fort-  und  uiubikUmg  aller  liiei- 
licr  gehörig-eu  ersclicinungou  gewirkt  haben  über  das  blos  sprachliehe 
leid  im  engeren  sinne  hinaus  greift.  Auch  eine  wahre  Sprachgeschichte 
oder  geschichte  einer  spräche ,  oder  einer  sprachlichen  erscheinung  kann 
sich  nicht  blos  mit  der  betrachtung  der  einflüsse  zufrieden  geben ,  welche 
aus  dem  naturleben  der  spräche  aljzuleiten  sind.  Sie  wird,  versteht  sich 
vorsichtig  und  nacli  genau  geprüfter  und  festgestellter  methode ,  auch  in 
die  culturgeschichte  zu  greifen  haben  und  aus  ihr  einen  grossen  tlieil 
ihrer  erklärungen  holen.  Sie  wird  dies  um  so  mehr  thun  müssen,  je 
mehr  sie  in  jene  engsten  kreise  des  sprachlebens  hinabsteigt.  f]s  wird 
sich  zeigen,  dass  die  grossen  typen  unserer  dialecte  sich  in  der  haupt- 
sache  nach  den  ihnen  immanenten  eigentlich  sprachlichen  gesetzen  ent- 
wickelt haben,  aber  selbst  diese  doch  nur  in  der  hauptsache.  Auch  sie 
sind  nämlich  wenigstens  von  einem,  in  diesem  sinne  ausserhalb  ihrem 
eigentlichen  bereiche  liegenden  momente,  von  der  Schriftsprache  wesent- 
lich beeinflusst.  Aber  je  genauer  man  das  individuelle  innerhalb  des 
typus  untersucht,  desto  prägnanter  werden  die  spuren  der  anderweitigen 
bestimmenden  kräfte.  So  wunderlich  es  z.  b.  auf  den  ersten  blick  erschei- 
nen mag,  den  eiufluss  der  confession  in  sprachlichen  dingen  als  einen 
hauptfactor  in  rechnung  zu  ziehen,  so  wohlbegründet  erweist  es  sich 
doch,  wie  jeder  aus  eigener  beobachtung  sich  überzeugen  kann,  sobald 
wir  es  mit  den  kleineren  und  kleinsten  producten  eines  dialects  zu  thun 
haben. 

Hat  ja  doch  sogar  das  zufälligste  und  fernst  abgelegene,  was  nur 
überhaupt  gedacht  werden  kann,  die  politische  oder  staatliche  grenz- 
linie,  ähnliche  einflüsse  auf  die  localdialecte  nicht  blos,  sondern  auch 
auf  jene  mittleren  giuppen  geübt  und  übt  sie  noch  fortwährend.  Auf 
tausend  canälen  strömten  von  einer  hauptstadt,  neben  und  mit  anderen 
anregenden,  umgestaltenden  oder  zersetzenden  oinflüssen,  auch  neue  sprach- 
liche demente  und  keime  nach  allen  selten.  Sie  behalten  ihre  lebeus- 
kraft  auch  da,  wo  sie  auf  einem  grundverschiedenen  boden  abgesetzt 
werden;  und  wenn  sie  es  auch  niemals,  soweit  wenigstens  die  bisherige 
erfahrung  reicht,  dahin  bringen,  wohin  es  die  exotischen  pflanzenkeime 
unter  der  begünstigung  unbekannter  aber  unwiderstehlicher  Verhältnisse 
so  oft  bringen,  dass  sie  die  einheimische  Vegetation  überwuchern  oder 
verdrängen,  so  gelingt  es  ihnen  doch  oft,  nicht  bloss  ein  parasitisches 
dasein  neben  den  organischen  gebilden  des  bodens  zu  führen,  sondern 
diese  dauernd  und  gründlich  umzugestalten.  Ihre  nachwirkungen  kön- 
nen noch  lange  und  in  gewissem  sinne  für  immer,  wenn  sie  einmal  in 
fleisch  und  blut  des  dialectes  verwandelt  sind ,  fortdauern ,  nachdem 
jenes  anlass  gebende  Verhältnis  aufgehört   hat.     Unter  einer  menge  von 


DEUTSCHE    MUNDARTEN   IN    SCHLESIEN  203 

beispielen,  die  hicfüi-  zu  geböte  stehen,  möge  nur  auf  die  einflüsse  der 
städtischen  nürnberger  mundart  hingewiesen  werden.  Seit  länger  als 
sechszig  jähren  ist  die  alte  reichsstadt  und  das  von  ihr  beherschte  land- 
gebiet von  der  politischen  karte  verschwunden,  ebenso  lange  hat  das 
letztere  zeit  gehabt  sich  von  den  sprachlichen  einflüssen  seiner  natür- 
lichen Umgebung  wider  ungehindert  durch  irgend  eine  grenzscheide 
durchdringen  zu  lassen.  Und  dennoch  ist  es  noch  heute  verhältnis- 
mässig leicht  in  jedem  auch  noch  so  abgelegenen  winkel  des  alten  reichs- 
städtischen gebietes  den  typus  des  nürnberger  stadtdialects  wider  zu 
erkennen,  trotzdem  dass  auch  dieser  inzwischen  sehr  bedeutende  modifi- 
cationen  erfahren  hat.  Denn  es  reicht  schon  hin,  dass  sich  eine  bevöl- 
kerung,  wie  es  hier  geschehen  ist,  innerhalb  eines  halben  Jahrhunderts 
mehr  als  verdoppelt  und  zwar  meist  durch  auswärtigen  nachschub,  um 
zu  begreifen,  dass  auch  der  ortsdialect  ein  wesentlich  neuer  geworden 
sein  muss.  Selbstverständlich  modificiert  sich  der  einfluss  dieses  ehemals 
liauptstädtischen  dementes  hier  wie  anderwärts  nach  der  basis,  auf  die 
er  wirkt  und  es  ergeben  sich  auf  diese  art  innerhalb  einer  gewissen 
gemeinsamkeit  doch  wider  die  mannigfachsten  Variationen:  die  mundart 
ist,  bei  aller  ihrer  nürnberger  färbung,  doch  eine  ganz  andere,  je  nach- 
dem sie  den  eigentlich  fränkischen  theilen  des  ehemaligen  Stadtgebietes  ange- 
hört, oder  je  nachdem  sie  zu  jener  merkwürdigen  Übergangsstufe  aus  dem 
fränkischen  in  den  bairischen  dialect  gerechnet  werden  muss ,  die  man  am 
besten  als  die  mundart  des  Nordgaues  bezeichnet.  Ohne  zweifei  ist  es  nicht 
leicht,  gerade  diese  seite  der  sprachgeschichtlichen  aufgäbe  genügend  zu 
behandeln ,  doch  dürfte  sie  durch  die  fruchtbarkeit  ihrer  resultate  und  schon 
durch  den  lebensvollen  reiz,  den  jedes  culturgeschichtliche  problem  vor 
allen  andern  voraus  hat,  reichlich  lohnen.  Einstweilen  würde  es  sich 
empfehlen,  wenn  man  als  Vorbereitung  für  die  entlegeneren  und  dunkle- 
ren gebiete  der  Vergangenheit ,  das  äuge  für  das ,  was  sich  in  der  gegen- 
wart  in  dieser  weise  so  zu  sagen  handgreiflich  vollzieht ,  schärfen  wollte. 
Ein  beobachter,  dessen  exacte  und  nüchterne  haltung  selbstverständlich 
vorausgesetzt  wird,  kann  innerhalb  eines  menschenalters  hier  zu  den 
interessantesten  resultaten  gelangen,  aus  denen  sich  wenigstens  die 
methode  und  die  gesetze  für  die  ältere  periode  ableiten  lassen ,  denn  diese 
bleiben  auch  hier  immer  dieselben  und  nur  das  material  ist  einem  ewi- 
gen Wechsel  und  einer  scheinbaren  tausendgestaltigkeit  unterworfen. 

Man  sieht,  es  wird  der  deutschen  dialectkunde  hiemit  viel  zuge- 
mutet, und  darunter  manches,  wofür  die  allgemeini;  deutsche  Sprach- 
wissenschaft selbst  nocli  sehr  wenig  oder  bcinalie  nichts  auf  ihrem  eige- 
nen gebiete  geleistet  hat.  Denn  zu  einer  wirklichen  Sprachgeschichte, 
deren  methode  und  ziel  so  leiclit   zu  bestimmen   sind,    ist  docli    so  gut 


204  H.   RÜCKEET 

wie  nichts  vorgearbeitet.  Aber  es  ist  in  jedem  falle  gerathen  grosses 
/u  fordern,  wenn  man  auch  nur  bescheidenes  erhalten  will  und  ausser- 
dem möchte  es  gelegentlich  von  directem  practischem  erfolge  sein ,  wenn 
strebsame  kräfte,  die  sich  durch  einen  gewissen  allgemeinen  Instinkt  zu 
diesem  gebiete  hingezogen  fühlen,  sofort  die  ganze  grosse  und  tiefe,  den 
vollen  geistigen  gehalt  des  feldes  zu  übersehen  gelegenheit  finden.  Es 
kann  dies,  wie  uns  dünkt,  nur  erhebend  imd  anspornend  wirken,  denn 
soviel  weiss  jedermann  heut  zu  tage,  avo  das  gesetz  der  arbeitsteilung 
von  allen  dächern  gepredigt  und  in  allen  gestaltungen  des  materiellen 
und  geistigen  Schaffens  verwirklicht  ist ,  dass  einer  allein  nicht  alles  thun 
und  für  alles  aufkommen  soll.  Es  ist  zugleich  das  kräftigste  hemmnis, 
respective  abschreckungsmittel,  für  dilettantisches  gebahren,  dem  der  natur 
der  Sache  nach  nicht  leicht  ein  anderes  gebiet  der  Wissenschaft  so  stark 
ausgesetzt  ist,  wie  dieses.  Seitdem  die  deutsche  philologie  „schwer" 
geworden,  sind  die  dilettanten  und  pfuscher  verschwunden  oder  treiben 
in  unschädlicher  abgeschiedenheit  ihr  metier.  Gerade  so  wird  es  auch 
hier  werden,  wenn  sich  nur  erst  die  Überzeugung  verbreitet  hat,  dass 
sich  auch  hier  ohne  schweiss  nicht  ernten  lässt. 

Es  schien  uns  nötig,  mit  diesen  Vorbetrachtungen  dem  gegen- 
stände, welchem  diese  blätter  gewidmet  sind,  seine  rechte  stelle  und 
seine  beziehuug  zu  dem  grossen  ganzen,  aus  dem  er  nur  einen  sehr  Idei- 
nen ausschnitt  darzustellen  hat,  anzuweisen.  Denn  das  unfertige  und 
sporadische  des  ganzen  wird  niemand  besser  würdigen,  als  wer  selbst  an 
einem  theile  sich  abmüht,  der  erst  dann,  wenn  das  ganze  wenigstens  in 
einigermasseu  fertiger  gestalt  vorhanden  ist,  auch  etwas  in  sich  fertiges 
werden  kann.  Und  wenn  auch  keine  eutschuldigung  für  die  mängel  der 
forschung  und  Verarbeitung  daraus  hergeholt  werden  soll,  so  begreift 
es  sich  doch,  dass  auch  diese  auf  einem  fast  ungebahnten  wege  ganz 
andere  Schwierigkeiten  zu  überwinden  haben,  als  da,  avo  eine  fortge- 
setzte und  zusammenhängende  thätigkeit  direct  nach  einem  ziele  hin  jeden 
einzelnen  gleichsam  von  selbst  in  den  rechten  schick  bringt.  Bei  alle- 
dem schien  es  doch  erlaubt  und  ratsam,  den  geringfügigen  beitrag,  der 
hier  zum  weitern  ausbau  der  deutschen  dialectkunde  gegeben  werden 
kann,  nicht  zurückzuhalten.  Sein  gegenständ  ist  an  sich  jedenfalls  geeig- 
net, ein  gcAvisses  allgemeines  Interesse  zu  beanspruchen  und  die  art  sei- 
ner behandlung  könnte,  Avenn  sie  nur  einigermasseu  die  ihr  zu  gründe 
liegenden  gesichtspunkte  durchzuführen  und  zu  beleben  versteht,  nach 
manchen  selten  anregend  Avirkeu.  Es  Avärc  schon  ein  zufriedenstellendes 
ergebnis,  Avenn  entweder  innerhalb  desselben  kreises,  oder  ausserhalb 
desselben  der  hier  unternommene  versuch  mit  besseren  kräften  durchge- 
führt Aviirde.     An  material  dazu  fehlt  es  nirgends,  ja  es  ist  Avahrschein- 


DEUTSCHE    MUNDARTEN    IN    SCHLESIEN  205 

lieh  anderwärts  reicliliclier  und   ergiebiger  7A\  finden,    als  in  dem  bezirk, 
auf  den  diese  arbeit  durch  zufall  und  al)sicht  verwiesen  war. 

Denn  es  handelt  sich  hier  um  die  Charakteristik  einer  jener  mittle- 
ren gruppen,  deren  oben  erwähnung  geschehen  ist,  und  zwar  ist  es  eine 
solche ,  die  durch  ihre  territoriale  ausdehnung  ebenso  sehr  wie  durch  ihr 
specifisches  wesen  unmittelbar  auf  die  eigentlichen  grossen  hauptabtei- 
lungen  der  deutschen  dialecte  zu  folgen  berechtigt  ist.  Niemand  wird  in 
dem  wissenschaftlichen  sinne,  in  dem  das  wort  „stamm"  von  der  lin- 
guistik  angewant  zu  werden  pflegt,  von  einem  schlesischen  stammes- 
dialect  zu  sprechen  sich  veranlasst  finden.  Selbst  jene  kindische  Spiele- 
rei mit  diesem  terminus ,  die  vor  etwa  zwanzig  jähren  noch  alberner  und 
ungenierter  als  gegenwärtig  getrieben  wurde ,  hat  wohl  einen  stamm  und 
stammeseigentüralichkeiten  bei  den  Reuss  -  Greizern  und  Hessen  -  Hombur- 
gern ,  aber  nichts  derartiges  bei  unseren  deutschen  Schlesiern  zu  entdecken 
vermocht.  Das  volk  wie  seine  spräche  haben  sich,  und  zu  ihrem  heile, 
von  jeher  damit  begnügt,  als  ein  glied  in  ein  grösseres  ganze  eingeord- 
net oder  untergeordnet  zu  sein. 

Demgemäss  fehlt  denn  auch  der  name  des  schlesischen  dialectes  in 
dem  Schematismus,  den  Weinhold  für  seine  darstellung  der  deutschen 
hauptdialecte  aufgestellt  hat.  So  weit  er  überhaupt  dort  berücksichtigt 
werden  kann ,  wird  es  ohne  zweifei  in  Verbindung  mit  dem  thüringischen 
dialecte  geschehen ,  zu  dem  er ,  wie  allgemein  angenommen  wird ,  in  dem 
nächsten  verwantschaftsverhältnis  steht,  oder  schwächer  ausgedrückt, 
in  näherem  als  zu  irgend  einem  der  anderen  hauptdialecte.  Es  Hesse 
sich  freilich  noch  über  die  berechtigung  des  thüringischen  dialects  zu 
einem  solchen  primat  innerhalb  einer  weitausgedehnten  Sphäre  streiten. 
Denn  selbstverständlich  müssen  die  gruppen  der  osterländischen,  der 
meissnischen  und  lausitzer  mundarten  in  dasselbe  Verhältnis  der  Unter- 
ordnung zu  ihm  gebracht  werden,  wie  die  deutsche  Volkssprache  in  Schle- 
sien. Dieselben  berühren  sich  in  den  entscheidenden  punkten  noch  näher 
mit  jenem  und  sind  insofern  noch  mit  besserem  rechte  als  blosse  zweig- 
mundarten  jener  stammundart  aufzufassen.  Zugegeben ,  dass  wenig  darauf 
ankörnt,  wie  ein  solcher  Schematismus  angelegt  ist,  wenn  er  sich  nur 
als  geeignet  erweist,  die  resultate  der  wissenschaftlichen  arl)eit  Idar  und 
übersichtlich  in  sich  aufzunehmen ,  so  ist  es  doch  gerade  auf  unserm 
felde  wünschenswerth ,  dass  er  nicht  dazu  führt,  verjährte  Irrtümer  und 
Unklarheiten  zu  stützen  und  einer  richtigeren  und  sachgemässeren  auffas- 
sung  der  grundvorhältnisse  den  weg  zu  verlegen.  Darum  möchte  es  nicht 
überflüssig  sein  zu  bemerken,  dass  für  eine  solclie  Überordnung  des  thü- 
ringischen dialectes  eigentlich  nur  ein  einziger  und  zwar  blos  ein  doctri- 
neller  grund  vorgebracht  werden  kann.     Nämlich  der,    dass  es  der  ein- 


206  H.    RÜCKKRT 

zige  in  dieser  ganzen  gruppe  ist,  dev  sich  auf  ursprüu glich  deutschem 
boden  gebildet  und  entwickelt  hat.  Die  andern  sind  ohne  ausnähme 
durch  colonisation  entstanden,  jedenfalls  ohne  nennenswerte  ausnähme  — 
denn  die  alte  Streitfrage,  ob  sich  reste  der  deutschen  bevölkerung  inmit- 
ten der  slavischen  Überflutung  erhalten,  ist  noch  keineswegs  so  voll- 
ständig zum  nach  teil  dieser  lieblingsh3^pothese  der  schlesischen  patrioten 
des  vorigen  und  vorvorigen  Jahrhunderts  entschieden,  wie  man  nach 
den  apodictischen  äusserungen  Stenzels  jetzt  allgemein  anzunehmen 
geneigt  ist. 

Vorausgesetzt,  dass  es  mit  der  stammestümlichen ,  autochthoni- 
schen  ursprünglichkeit  des  thüringischen  dialectes  seine  richtigkeit  hätte, 
so  wäre  doch  noch  immer  erst  zu  beweisen ,  dass  die  andern  mitteldeut- 
schen mundarten  direct  aus  ihm  hervorgegangen  seien.  Aber  die  erste 
Voraussetzung  trifft  schon  nicht  einmal  völlig  zu,  denn  im  wesentlichen 
liegen  die  ethnographischen  Verhältnisse  auf  dem  boden  Thüringens  nicht 
viel  anders,  wie  in  dem  notorischen  colonisationsgebiete  östlich  von  der 
Saale.  Eechnet  man  das  politisch  und  kirchlich  früher  bestimt  abge- 
trennte Osterland  nach  jetziger  gewohnheit  zu  Thüringen,  so  erhält  dies 
für  nahezu  die  hälfte  seines  urafanges,  also  auch  des  gebietes,  aus  wel- 
chem die  Zeugnisse  für  den  dialect  entnommen  werden  müssen,  ehie 
ursprünglich  undeutsche  grundlage.  Denn  das  Osterland  ist  wenig- 
stens in  einzelnen  strichen  viel  entschiedener  und  dauernder  mit  slavi- 
schen  dementen  durchsetzt ,  als  der  gröste  theil  der  später ,  aber  rascher 
imd  gründlicher  germanisierten  landschaften  östlich  von  der  Pleisse  und 
Zwickauer  Mulde  bis  an  und  über  die  heutige  polnische  landesgrenze. 
Kecbnet  man  aber  nach  streng  geschichtlicher  tradition  das  Osterland 
ab,  so  bleibt  dem  dialect  eines  deutschen  hauptstammes  ein  sehr  schma- 
les gebiet  übrig,  das  seltsam  mit  den  weit  gedehnten  flächen  der  andern 
contrastiert.  Man  vergleiche  die  schölle  landes  zwischen  Werra  und  Saale, 
dem  Thüringer  wald  und  höchstens  dem  abfall  des  Harzes  mit  den  gren- 
zenlosen räumen ,  welche  dem  sächsischen  dialecte  zufallen  oder  die  dem 
bairischen  und  dem  alemannischen  angehören.  Das  gebiet  des  fränki- 
schen berühren  wir  al)sichtlich  nicht,  weil  es  uns  nicht  ganz  klar  ist, 
was  der  Verfasser  der  grammatik  der  deutschen  mundarten  darunter  ver- 
steht. Sollte  er,  wie  es  uns  allein  richtig  scheint,  den  begriff  fränkisch 
in  der  geschichtlich  und  ethnographisch  l)egründeten  weitesten  ausdeli- 
nung  fassen,  so  würde  sich  das  räumliche  Verhältnis  des  thüringischen 
zu  dem  fränkischen  etwa  so,  wie  das  einer  abgetrennten  kleinen  insel 
zu  einem  ganzen  coutinente  gestalten.  Ueberdies  würde  aber  auch  nicht 
einmal  iimerhalb  jener  engsten  gränzen  die  thüringische  mundart  auf 
unvermischt  deutscher  OTundlag-e  rulicn.      Die  Saale   ist  zwar  immer  als 


DEUTSCHE   Ml'NDARTEX   IN    SCHLESIEN  207 

politische  grenze  gegen  das  slavische  element  behauptet  worden,  aber 
nicht  als  ethnographische.  Bis  an  die  äusserste  westgrenze  des  thürin- 
gischen Stammes  und  durch  sein  ganzes  mittleres  kernland  hindurcli 
reicht,  wie  sich  neuerdings  immer  deutlicher  herausstellt,  eine  zwar 
nicht  festgeschlossene,  doch  in  ihren  gliedern  sich  nahe  berührende  kette 
von  slavischen  ansiedelungen.  So  lange  man  sie  für  ergebnisse  einer 
späteren  zeit  hielt,  so  lange  man  in  ihnen  methodische  colonisationen 
einzelner  grossen  grundbesitzer  der  karoliugischen  zeit  sehen  wollte ,  wie 
solche  aller  orten  in  Deutschland  bis  hinauf  nach  dem  alpenlande  Ale- 
manniens  versucht  wurden,  mochte  man  daneben  die  deutsche  art 
der  eigentlichen  landesbevölkerung  ungefährdet  denken.  Es  zeigt  sicli 
aber  bei  genauerer  prüfung,  dass  es  viel  ältere  und  selbständige  colo- 
nien  sind,  die  im  unmittelbaren  zusammenhange  mit  der  gesamten  sla- 
vischen masse  hinter  ihnen  entstanden  und  wie  ihre  äussersten  Vorposten 
gelten  müssen.  Solche  blutmischung  innerhalb  einer  deutschen  Volks- 
gruppe würde  aber  auch  in  der  that  noch  nicht  die  möglichkeit  ausschlie- 
sen.  dass  sich  in  ihr  ein  wahrer,  ächter  sprachtypus  gestalten  konnte, 
dem  Avir  in  linguistischer  hinsieht  genau  dieselbe  innere  berechtio-uno- 
wie  denen  zugestehen ,  die  sich  innerhalb  ungemischter  Volksgruppen  ent- 
wickelt haben,  üeberdies  gilt  ja  das,  was  von  dem  thüringischen  bevöl- 
kerungselement  ausgesprochen  wurde,  im  wesentlichen  auch  für  die  mei- 
sten andern  sogenannten  kerndeutschen  stamme,  nur  dass  in  Thüringen 
die  mischuugs Verhältnisse  nach  zeit,  ort  und  zahlengrösse  sich  genauer 
bestimmen  lassen  als  anderwärts,  Wüsten  wir  von  der  innern  geschichte 
der  Alemannen,  von  ihrer  ausiedelung  in  dem  zehentlande,  in  Helvetien 
und  in  der  Germania  prima  etwas  mehr  als  ein  paar  kriegsgeschichtliche 
notizen,  so  würden  wir,  ganz  ähnlich  wie  in  Thüringen,  die  langdauern- 
den einflüsse  einer  trotz  aller  stürme  zahlreichen  fremdartigen  bevölke- 
rung  und  ihrer  spräche  auf  das  deutsche  element  nicht  blos  in  einigen 
allgemeinen  endergebnissen  feststellen  können.  Dasselbe  gilt  vielleicht 
nur  noch  in  ausgedehnterem  masse  für  den  l)airischen  stamm.  Aber 
weder  hier  noch  dort  wird  man  aus  diesen  ethnographischen  und  kul- 
turgeschichtlichen Prämissen  sich  zu  dem  Schlüsse  berechtigt  halten,  dass 
ihr  sprachlicher  Organismus  dadurch  in  seiner  natürlichen  reiuheit  und 
gesundheit  beeinträchtigt  worden  sei.  Was  man  aber  hier  gelten  lässt, 
das  wird  man  unter  gleichen  Voraussetzungen  auch  anderwärts  nicht  in 
abrede  stellen  dürfen.  Es  wird  sich  gelegenheit  finden  von  diesem  für 
unsere  zwecke  wichtigen  satze  noch  weitern  gebrauch  zu  machen,  einst- 
weilen wollen  wir  ihn  nur  in  erinnerung  gebracht  haben. 

Denn   wollte    man    sich    auf   die    blutreinheit   eines    stammes    aus- 
schliesslich steifen  und  davon  aucli  die  reine  Organisation  seiner  sprach- 


208  H.    RÜCKERT 

bildciuleii  tliätigkeit  abhängig  machen,  so  käme  man  zuletzt  zu  den 
abenteuerliclien  faseleien  des  danisierten  Engländers  Stephens.  Er  ver- 
fährt von  seinem  Standpunkte  aus  nur  consequent,  wenn  er  in  der 
gesamten  hochdeutschen  Sprachbildung  eine  hässliche  und ,  wie  er  es  fasst, 
bösartige  abirrung  von  dem  eigentlich  germanischen  typus  erblickt ,  weil 
sich  die  hochdeutschen  Völker  ihr  deutsches  blut  nicht  rein  zu  bewahren 
verstanden  haben.  Ihre  blutmischung  mit  Kelten  und  Romauen  hat  ihre 
physische  und  geistige  anläge  vergiftet  und  in  folge  dessen  auch  ihre 
spräche.  Auch  hier  ist  es  unmöglich  gewesen ,  dass  etwas  neues  unter 
der  sonne  geschehe  oder  ausgetüftelt  werde,  denn  es  ist  ja  noch  nicht 
so  lange  her ,  dass  man ,  freilich  ohne  alle  polemischen  und  tendenziösen 
nebenabsichten ,  die  gesamte  hochdeutsche  lautverschiebung  ganz  einfach 
durch  eine  Übertragung  der  keltischen  gesetze  über  den  consonantenwech- 
sel  im  anlaut  vollständig  erklärt  zu  haben  behauptete.  Wir  verweisen 
auf  die  in  Deutschland  wenig  bekannte  abhandlung  des  deutschen  dr. 
Ch.  Meyer  in  den  Three  linguistic  dissertations  read  at  the  meeting  of 
the  British  association  in  Oxford  (1847)  by  Chev.  Bunsen,  dr.  Ch.  Meyer 
and  dr.  Max  Müller,  London  1848,  wo  man  p.  313  die  nähere  ausfüh- 
rung  dieser  seltsamen  hypothese  finden  kann,  die,  wie  zu  ihrer  wenig- 
stens theilweisen  rechtfertigung  bemerkt  werden  mag,  einigermassen  als 
erklärende  parallele  für  das  bekannte  Notkersche  gesetz  des  wechseis 
zwischen  organischer  media  und  ihrer  Verhärtung  in  die  entsprechende 
teuuis  durch  den  einfluss  harter  auslaute  dienen  darf,  aber  zu  nichts 
weiterem. 

Trotzdem  also,  dass  wir  das  „ kerndeutschtum "  des  Thüringer 
dialectes  in  diesem  sinne  unbedenklich  in  den  kauf  geben ,  würde  ihm  wie 
seinen  brüdern  eine  viel  höhere  berechtigung ,  die  für  die  Sprachwissen- 
schaft allein  entscheidet,  noch  immer  bleiben.  Er  könnte  auch  ohne 
frage  selbst  wieder  durch  unmittelbare  filiation  eine  reihe  subordinierter 
muudarten  gezeugt  haben,  unter  denen  er  für  die  Sprachforschung  eine 
centrale  Stellung  einnähme.  Aber  diese  Voraussetzung  trifft  wenigstens 
auf  dem  specialgebiet  der  schlesischen  deutschen  spräche  keineswegs  zu. 
Sie  widerspricht  den  thatsachen,  aus  denen  die  äussere  geschichte  der 
germanisierung  des  landes  und  die  gründung  der  deutschen  spräche 
daselbst  construiert  werden  muss,  sie  widerspricht  aber  noch  mehr  dem 
innerlicheren  und  lebendigeren  Zeugnisse,  das  der  schlesische  dialect 
selbst  von  seinem  ersten  auftreten  bis  zum  heutigen  tage  von  sich 
ablegt. 

Es  ist  hier  nicht  der  ort  die  germanisierungsgeschichte  Schlesiens 
des  breiteren  darzustellen.  Wenige  andeutungen  mögen  genügen  um 
die   hauptzüge    des    Sachverhalts    festzustellen.      Obgleich    damit   nichts 


DEUTSCHE   MUNDARTEN   IN   SCHLESIEN  209 

eigentlich  neues  gesagt  werden  soll,  so  dürfen  sie  doch  wol  hier  platz 
finden,  weil  die  erfahrung  lehrt,  dass  gerade  hierin  veraltete  irrtümer 
und  unklares  halbwissen  auch  bei  vielen,  die  sich  für  sachverständig  hal- 
ten, weit  verbreitet  sind.  Die  deutsche  bevölkerung  Schlesiens,  worun- 
ter selbstverständlich  hier  nicht  die  gesamte  deutsch  sprechende,  son- 
dern die  dem  blute  und  der  abstammung  nach  deutsche  gemeint  ist, 
stellt  ursprünglich  das  bunteste  gemisch  aus  sehr  vielen  deutscheu  stam- 
men dar,  das  nur  gedacht  werden  kann.  Niederdeutsche  und  hochdeut- 
sche demente  gehen  in  ihr  durcheinander,  wie  überall  auf  dem  grossen 
colonisationsgebiet  östlich  von  der  Elbe  seit  dem  12,  Jahrhundert.  Das 
numerische  verhältniss  der  beiden  lässt  sich  nicht  einmal  annähernd  fest- 
stellen, und  wenn  einige  thatsachen  darauf  hinzuweisen  scheinen,  dass 
die  niederdeutschen  colonisten  wenigstens  während  der  periode  der  eigent- 
lichen besiedelung  und  Verdeutschung  des  landes  das  übergewicht  hatten, 
so  sprechen  wider  andere  für  das  gegenteil.  So  ist  es  gewiss  beach- 
tenswert, dass  das  sächsische  recht  überwiegend  von  anfang  an  geltun o- 
gefunden  hat,  und  noch  mehr,  dass  es  das  fränkische  an  mehr  als 
einem  orte  später  verdrängte.  Wenn  man  aber  erwägt,  dass  sich  dieses 
selbige  sächsische  recht  auch  anderwärts  in  landschaften  verbreitete  und 
ausschliesslich  herschend  wurde,  deren  hochdeutscher  Stammescharakter 
unzweifelhaft  ist ,  wie  es  in  ganz  Thüringen  geschah ,  ja  sogar  noch  über 
die  natürliche  Scheidewand  des  Südens  und  nordens,  über  den  Thürino-er 
wald  hinaus,  beinahe  bis  zur  damals  noch  nicht  erfundenen  Mainlinie ,  so 
verliert  dies  moment  alle  beweiskraft  für  die  herkunft  und  abstammung 
einer  bevölkerung.  Oder  sollten  etwa  auch  in  Neisse  und  anderwärts, 
wo  früher  fränkisches  recht  galt,  die  leute  aus  Franken  zu  Sachsen 
geworden,  oder  von  den  Sachsen  aus  ihren  fränkischen  häusern  hinaus- 
geworfen worden  sein?  Wer  die  culturgeschichtliche  bedeutung  der 
damaligen  hauptstadt  des  ganzen  norddeutschen  binnenlandes ,  der  stadt 
Magdeburg,  nach  ihrer  ganzen  tragweite  kennt ,  weiss  sich  den  seltsamen 
Vorgang  anders  zu  erklären.  Magdeburg  war  nicht  blos  das  centrale 
handeis-  und  industrieemporium  für  Schlesien,  sondern  auch  die  mutter- 
stätte  der  rechtsbiklung  und  rechtsbelehrung.  So  wenig  wie  die  Intimi- 
tät des  materiellen  Verkehrs  eine  Identität  des  blutes  voraussetzt,  ebenso 
wenig  wird  die  Identität  des  rechts  dafür  etwas  beweisen  dürfen.  Die 
Magdeburger  Schöffen  wüsten  auch  recht  gut,  dass  ihr  heimisches  nieder- 
deutsch in  Schlesien  nicht  verstanden  wurde  oder  wenigstens  nicht  geläu- 
fig war.  Alle  ilire,  oft  so  umfänglichen  rechtsbelelirungen  der  verschie- 
densten form,  die  nach  Schlesien  giengen,  sind  in  dem  gewöhnlichen  mit- 
teldeutsch abgefasst,  d.  h.  in  einem  hochdeutsch,  wie  man  es  damals 
ausserhalb  der  grenzen  des  eigentlichen  Oberdeutschlands  in  dem  weiten 

ZEJTSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  "  14 


210  "•  RÜCKERT 

gebiet  von  der  Mosel  al)  durcli  Hessen,  Thüringen  und  die  Marken  des 
reiclis  als  aequivalent  der  melir  oberdeutscli  gefärbten  eigentlichen  Schrift- 
sprache, die  wir  mittelhochdeutsch  zu  nennen  pflegen,  in  gebrauch  hatte. 
Zu  hause,  und  für  solche  gegenden  und  orte,  in  denen,  wie  mau  in  Mag- 
deburg damals  freilich  besser  wissen  konnte,  als  wir  heutzutage,  säch- 
sische oder  überhaupt  niederdeutsche  ansiedier  wohnten,  kam  naturge- 
mäss  das  heimische  niederdeutsch  in  einer  gelind  verallgemeinernden 
erhebung  über  den  magdeburger  localdialect  zm*  Verwendung. 

Mit  recht  hat  mau  die  thätigkeit  der  kirchlichen  Stiftungen  des 
landes  fiir  seine  germanisierung  immer  hoch  angeschlagen,  aber  auch 
daraus  lässt  sich  nichts  entscheidendes  für  diesen  unseru  nächsten  zweck 
entnehmen.  Allenfalls  könnte  man  in  dieser  Sphäre  eher  eine  gewisse 
präponderanz  von  dementen  zu  finden  vermeinen,  die  wenigstens  nicht 
niederdeutsch  gefärbt  waren.  Die  thüringischen  Cisterzienser  in  Leubus 
und  die  wallonischen  Augustiner  auf  dem  Sande  in  Breslau  und  bald 
noch  in  vielen  andern  klöstern  sprechen  nicht  dafür,  dass  der  übrige 
klerus,  soweit  er  aus  dem  westeu  mit  einwanderte,  aus  Sachsen  gekom- 
men ist.  Aber  man  darf  auch  nicht  zu  viel  gewicht  auf  diese  geistlichen 
einflüsse  da  legen,  wo  es  sich  nur  um  die  bestimmung  der  nationahtät 
unter  den  einwanderern  handelt.  Im  vergleich  mit  dem  wahrhaft  über- 
schwängliclien  ströme  der  weltlichen  colonisten  war  die  zahl  dieser  geist- 
lichen leute  samt  allen  ihren  angehörigen  eine  sehr  geringe,  und  es  liegt 
kein  urkundlicher  beweis  für  die  hypothese  vor,  dass  sie  die  von  ihnen 
neu  angesetzten  dörfer  und  höfe  mit  leuten  aus  ihrer  heimat  zu  bevöl- 
kern bemüht  gewesen  wären.  Man  sieht  aus  allen  Zeugnissen,  dass  sie 
nahmen,  wen  sie  fanden  und  wer  zu  passen  schien. 

Erwähnt  muss  noch  werden,  dass  der  niederdeutsche  theil  der  schle- 
sischen  ansiedier  selbst  wider  sowol  sächsischen,  wie  rhein-  und  west- 
fränkischeu  geblütes  war,  ja  selbst  die  Friesen  sind  nicht  ganz  ausge- 
schlossen von  dem  ehrentitel  der  gründer  und  Stifter  des  deutschen  Vol- 
kes in  Schlesien.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  überwog  unter  diesen 
auch  sprachlich  so  scharf  individualisierten  niederdeutschen  bestandteilen 
die  fränkische  masse ,  wie  nicht  blos  einzelne  urkundliche  notizen ,  sondern 
auch  das  verhältnismässig  häufige  vorkommen  von  Ortsnamen  mit  entschie- 
den flaemischem,  niederrheinischem  oder  holländischem  gepi'äge  darthun. 
Es  würde  nicht  möglich  sein,  in  dieser  Sphäre  etwas  entsprechendes  zu  gun- 
sten  der  sächsischen  einwanderung  anzuführen.  Und  wenn,  wie  fast  als 
gewiss  zu  betrachten  ist,  die  zahlreichen  urkundlichen  erwähnungen  der 
teutonici,  der  mansi  teutonici  und  des  jus  teutonicum  auf  jene  Westfran- 
keu  bezogen  werden  müssen ,  so  sinkt  die  wagschale  noch  viel  tiefer  zu 
gunsten  der  niclit  aus  Sachsen  stammenden  Niederdeutschen. 


DEUTSCHE   MUNDARTEN   IN   SCHLESIEN  211 

Wie  dem  auch  sein  mag,  so  bleibt  doch  immer  für  das  niederdeut- 
sche bevölkerungselement  unter  den  ureinwanderern  räum  genug.  Säch- 
sisch oder  niederrheinisch,  es  ist  immer  nicht  thüringisch,  wenn  man 
nicht  etwa  die  vielberufenen  Toringi  oder  Thuringi  von  den  münduugen 
der  Scheide  auch  hier  ihre  escamotage  treiben  lassen  will. 

Das  oberdeutsche  residuum  al)er  mag  der  zahl  nach  so  gross  oder 
so  gering  gewesen  sein,  als  man  anzunehmen  beliebt,  denn  die  wenigen 
notizen  der  ältesten  schlesischen  geschichte  lassen  hiefür  allen  möglichen 
hypothesen  räum  —  auf  keinen  fall  stammte  es  ganz  oder  nur  vorwie- 
gend aus  Thüringen.  Ausser  jenen  schon  berührten  zusammenhängen 
zwischen  gewissen  geistlichen  Stiftungen  Thüringens  und  Schlesiens  ist 
hier  wenig  zu  finden,  was  thüringische  reminiscenzen  erweckt.  Einige 
Ortsnamen,  wie  der  öfters  vorhandene  Naumburg,  möchten  auf  den  ersten 
blick  an  das  jetzt  bekannteste  Naumburg  in  Thüringen  oder  vielmehr 
im  Osterlande  gemahnen.  Aber  eine  stadt  zer  Nuwenburg  zu  nennen, 
lag  überall  so  nahe ,  wie  zer  Nuwenstat ,  und  es  bleibt  für  die  beziehung 
auf  Thürigen  in  diesem  falle  nichts  übrig,  als  der  immerhin  beachteus- 
werthe  lautvorgang,  der  hier  wie  dort  aus  dem  iu  des  mhd.  oder  ü  des 
mitteldeutschen  ein  nhd.  au  gestaltet  hat.  Das  ist  aber,  wie  die  gram- 
matik  des  dialectes  ergibt,  nicht  etwa  ein  singulärer  fall.  Dgr  schle- 
sische  dialect  liebt ,  und  zwar  schon  in  seinen  spät  mittelalterlichen  denk- 
lern, jene  diphthongische  erweiterung  des  ü  für  iu  mehr  als  irgend  ein 
anderer  mitteldeutscher,  der  thüringische  nicht  ausgenommen. 

Gewiss  ist  es,  dass  viele  andere  hochdeutsche  landschaften  noch 
weniger  ein  urkundlich  beglaubigtes  recht  beanspruchen  können ,  ihr  con- 
tingent  zu  der  grossen  colonisation  an  der  Oder  gestellt  zu  haben.  Denn 
dass  gelegentlich  in  orts-  und  personennamen  die  schwäbische  stammes- 
angehörigkeit,  in  letztern  auch  die  bairische  angedeutet  wird  —  in  Orts- 
namen geschieht  es,  soviel  uns  bekannt,  niemals  —  will  nicht  viel  besa- 
gen. War  ja  doch  damals  zum  mindesten  der  theil  des  deutschen  Vol- 
kes, Avelcher  ein  städtisches  leben  führte  und  städtische  gewerbe  trieb, 
ebenso  wanderlustig,  ebenso  wenig  in  seine  ringmauern  gebannt,  wie 
dies  etwa  in  unsern  tagen  der  fall  ist.  So  wenig  wie  heute  ein  gel)ore- 
ner  Schwabe  oder  Baier,  der  an  der  Oder  sesshaft  geworden  ist,  ein 
seltenes  phänomen  genannt  werden  darf,  so  wenig  auch  im  13..  und  14. 
Jahrhundert.  Aber  solche  einzelne  Zugvögel  bilden  noch  keinen  schwärm: 
sie  haben  sich  damals  wie  jetzt  erst  unter  eine  nur  entfernt  verwante 
masse  verloren,  ohne  in  ihr  andere  spuren  als  die  des  namens  zu  liiu- 
terlassen. 

Dagegen  weisen  mancherlei  anzeichen  darauf  liiii,  dass  aus  den 
nord-   oder  ostfränkischen  gegenden  eine  massenhafte  und   langdauernde 

14* 


212  H.    RÜCKERT 

einwanderung  stattgefunden  hat.  Die  vorsieht,  die  auf  solchem  unsichern 
gebiet  doppelt  geboten  ist,  erheischt  es  nur  diese  ausdrücke  zu  gebrau- 
chen. Im  Zusammenhang  mit  andern  momenten  könnte  man  leicht  geneigt 
sein ,  sie  nocli  zu  erweitern  und  geradezu  zu  behaupten ,  dass  der  gröste 
tlieil  der  deutschen  bevölkerung  Schlesiens  im  mittelalter  aus  den  bezeich- 
neten gegenden  stammt.  Dafür  spricht  nicht  blos  die  volkstümliche  tra- 
ditiou,  wenn  sie  auch  allein  fiir  sich  in  den  äugen  der  strengen  for- 
schung  nicht  viel  bedeuten  will,  sondern  vielerlei  kultur-  und  sittenge- 
schichtliche parallelen,  die  am  ungezwungensten  durch  eine  leibliche 
Übertragung  erklärt  werden. 

Besonders  auf  dem  platten  lande  tritt  der  Zusammenhang  zwischen 
dem  fränkischen  und  dem  schlesischen  Volksleben  jedem,  der  für  solche 
dinge  sein  äuge  geschärft  hat,  unzweideutig  entgegen.  Die  anläge  der 
dörfer  ist,  soweit  sie  sich  noch  als  altertümlich  erkennen  lässt,  hier 
wie  dort  dieselbe,  desgleichen  die  des  gehöftes  und  seiner  einzelnen 
theile  samt  ihrer  inneren  eiurichtung,  die  flureintheilung  und  das  System 
der  bewirtschaftung.  Auch  soweit  die  heutigen  sitten  und  gebrauche, 
aberglaube  und  sage  noch  einen  altertümlichen  Untergrund  haben,  der 
freilich  hier  noch  mehr  wie  in  andern  landschaften  des  Innern  und  nörd- 
lichen Deutschlands  von  einer  gewaltigen  masse  moderneu  Schuttes  über- 
lagert und  versteckt  ist,  wird  man  unwillkürlich  immer  zuerst  an  ent- 
sprechende bildungen  auf  jenem  gebiete  erinnert.  Dass  sich  auf  ihm 
manches  frischer  und  deutlicher  erhalten  hat  als  hier  im  osten,  beweist 
noch  nichts  gegen  die  alte  Zusammengehörigkeit.  Und  wenn  in  den 
Städten  dieses  fränkische  element  sich  weniger  hervorthut ,  so  erklärt  sich 
das  von  selbst  aus  den  grossen  practischen  bedürfnissen ,  die  ihre  anläge 
und  innere  gestaltung  nach  allen  Seiten  hin  bestimten.  Sie  sind  hier 
wie  anderwärts  in  dem  östlichen  colonisationsgebiete  unseres  mittelalters 
nach  einer  und  derselben  Schablone  entworfen.  Das  vorbild  dazu  konnte 
so  wenig  aus  Franken,  wie  aus  Thüringen  oder  einer  andern  westlichen 
landschaft  geholt  werden.  Es  entstamt  einzig  dem  practischen  geiste 
unseres  damaligen  bürgerstandes  und  hat  sich,  wie  bekannt,  aufs  treff- 
lichste bewährt:  es  ist  eine  freie  und  originelle  Schöpfung,  die  natürlich 
nicht  die  angeborenen  grundzüge  des  deutschen  wesens  dieser  zeit,  und 
man  kann  hinzusetzen  aller  zeiten ,  verläuguet,  aber  sie  enthält  nichts 
von  specifischen  und  abgeschlossenen  landsmannschaftlichen  reminiscen- 
zen,  am  wenigsten  von  thüringischen. 

Man  dürfte  diesen  thatsachen  unbedingte  beweiskraft  einräumen, 
wenn  sie  durch  entsprechende  urkundliche  notizen  unterstützt  würden. 
Aber  an  solchen  fehlt  es  bisher,  und  es  hat  nicht  den  anschein,  als  wenn 
die   gegenwärtig  auch  in  Schlesien    so    rüstig  begonnene   systematische 


DEUTSCHE   MÜNDARTEN    IN   SCHLESIEN  213 

durchforschung  des  gesamten  archivalischen  materials  diese  empfindliche 
lücke  ausfüllen  könnte.  Die  documente,  aus  denen  man  die  gründung 
und  besiedelung  der  verschiedenen  orte  erfährt,  beschäftigen  sich  aus- 
nahmslos mit  ganz  anderen  gegenständen  als  mit  einer  registriernng  der 
landsmannschaftlichen  herkunft  der  colonisten.  Denn  wer  kam,  war  will- 
kommen ,  gleichviel  wo  er  herstamte ,  wenn  er  nur  die  genügenden 
garantien  rüstiger  arbeitskraft  und  bürgerlicher  Avohlanständigseit  zu  bie- 
ten vermochte. 

Für  unsere  zwecke  können  wir  den  mangel  eines  stricten  urkun- 
denbeweises  zugeben,  ohne  dadurch  in  unserem  kreise  gestört  zu  wer- 
den, unsere  Urkunden  entnehmen  wir  anderswoher,  und  finden  sie  da 
zum  glück  reichlich,  deutlich  und  von  unanfechtbarer  glaubwürdigkeit. 
Die  schlesischen  Sprachdenkmäler  des  mittelalters  ebensowol  wie  die 
lebendige  Volkssprache  der  gegenwart  geben  uns  auf  alle  hier  einschla- 
gende fragen  und  zweifei  genügende  auskunft. 

So  ersehen  wir  daraus,  um  die  resultate  vorweg  zusammenzufas- 
sen ,  zwei  hauptthatsachen ,  für  welche  wir  aus  den  übrigen  Urkunden  für 
die  besiedelungsgeschichte  des  landes  keinen  oder  doch  nur  einen  halb 
und  halb  genügenden  aufschluss  gewinnen.  Die  erste  ist,  dass  die  deut- 
sche Volkssprache  in  Schlesien  von  dem  momente  an,  wo  wir  sie  urkund- 
lich fixiert  vor  uns  haben ,  eine  ebenso  einheitliche ,  organisch  gefügte 
gliederung  dai'stellt,  wie  nur  irgend  eine  andere  der  deutschen  landes- 
mundarten  damaliger  zeit  innerhalb  der  älteren  Wohnsitze  unseres  Vol- 
kes. Was  für  das  mittelalter  gilt,  gilt  selbstverständlich  auch  für  die 
spätere  und  heutige  zeit.  Die  zweite  noch  wichtigere  thatsache  ist, 
dass  diese  schlesische  mundart  schon  in  ihren  ältesten  Zeugnissen  die 
engste  verwantschaft  mit  andern  mitteldeutschen  und  vorzugsweise  mit 
der  ostfränkischen  beurkundet,  ohne  doch  einer  eigenartigen  bildimg  zu 
entbehren,  die  ihr  das  recht  giebt  ebenso  selbständig  und  ursprünglich 
zu  heissen,  wie  die  andern  zeitlich  älteren. 

BRESLAU,   JAN.    1868.  H.  EÜCKERT. 


214 

I.ITTEBARISOIIE    EXEGETISCHE    (UIAMMATISCIIE    UND 

ETYMOLOGISCHE   BEITRÄGE   AUS   DEM   BEREICHE  DES 

NIEDERDEUTSCHEN. 

Claws  Bilr. 

Weder  bei  Höfer  (Claws  Rür),  nocli  bei  Goedeke  (Griindrisz)  ist 
erwähnt:  „M.  Bado,  Mindensis,  quondam  discipulus  Erasmi  Roterod., 
vir  magno  ingenio  praeditus,  descripsit  pontificioruni  sacrificiüorum  nequi- 
tiam  in  libro  dicto  Clawes  Buer,  qui  primo  editus  est  1523."  Herrn. 
Hamelmann  opera  genealogico  - historica.     Lemgo  1711  p.  231. 

Kalkofeu-  Comoedie. 

Die  dem  scliillerschen  „Gang  nach  dem  eisenhammer"  zu  grmide 
liegende  crzählung  ist  wahrscheinlich  als  nd.  fastnachtspiel  in  einer  aus- 
führung  vorhanden  gewesen,  die  der  fassimg  in  „Der  seien  troist" 
und  der  bei  Gryse  entsprach.  So  lässt  sich  vermuten  nach  einer  mit- 
theilung  in  Fahne's  dortm.  chronik  s.  144:  „(1501)  fastelabend  wurde  in 
Dortmund  ein  spiel  dargestellt,  genannt  Kalkoffens-Comoedie,  ^ 
Avorin  der  treue  knecht  gerettet  und  der  falsche  ritter  verbrannt  wurde." 

1)  Der  hg.  merkt  an:  „Kalkoffen  war  der  Verfasser." 

Mwestf.  de  reimen  teiu. 

In  einem  jener  lieder,  welche  die  Soester  fehde  hervorrief,  heisst 
es  bei  Liliencron  bist,  volksl.  I,  86  v.  4:  de  hiissen  mosten  de  reimen 
fein  un  schoten  an  de  niuren.  Der  hg.  hat  das  „riemen  ziehen"  der 
büchsen  nicht  erklärt.  Manchem  leser  jener  samlung  dürfte  daher  fol- 
gendes nicht  unwillkommen  sein. 

„i)e  reimen  tein^'  ist  bildlicher  ausdruck  für  öffnen,  hier  für  öff- 
nen wollen,  zu  öffnen  versuchen.  Zum  Verständnisse:  An  west- 
fälischen bauerhäusern  wird  die  in  die  nieder-  oder  dehlentür  eingelas- 
sene kleine  tür  durch  eine  starke  klinke  von  innen  verschlossen.  An 
dieser  klinke  ist  ein  riemen  befestigt,  der  durch  ein  höher  liegendes 
l)ohrloch  nach  aussen  geht.  Zieht  man  draussen  an  diesem  riemen,  so 
hebt  sich  die  klinke  —  falls  dieselbe  nicht  durch  eine  andere  Vorrich- 
tung festgemacht  ist  —  und  die  tür  ist  geöffnet.  Will  man  (wie  zur 
nachtzeit)  sichern  verschlus  haben,  so  zieht  man  den  riemen  ins  haus. 
Zu  der  zweckmässigen  einrichtung  des  altwestfäl.  bauerhauses  gehörte 
auch  diese  eben  so  einfache  und  leicht  herstellbare,  als  bequeme  und 
sichere  weise  des  verschlusses. 

ISERLOHN.  F.    W0E8TE. 

(Wird  fortgesetzt.) 


215 


ÜBEE  CYNEVULF. 

I. 

Indem  Leo  (in  der  abliandlung  Quae  de  se  ipso  Cynevulfiis  tradi- 
derit.  Hai.  1857.)  uns  das  erste  rätsei  des  codex  exoniensis  als  eine 
charade  auf  den  namen  Cynevulf  betrachten  lehrte,  liess  er  doch  noch 
viel  zu  deren  befriedigender  erklärung  vermissen.  Aber  auch  nach  dem, 
was  Grein  in  seiner  bibliothek  der  ags.  dichtung,  Dietrich  in  Eberts  jahrb. 
f.  roman.  und  engl.  lit.  1,  241  ff.  und  in  Haupts  ztschr.  11,  459  berich- 
tigt haben,  scheint  mir  eine  erneute  sorgfältige  betrachtung  des  merk- 
würdigen gedichtes  nicht  überflüssig. 

Grosse  Schwierigkeit  macht  sofort  der  anfang.  Um  Leos  von  Diet- 
rich mit  recht  verworfener  auffassung  zu  geschweigen,  so  übersetzt  der 
letztere:  „meinen  leuten  ist  als  gäbe  ein  mann  ihnen  eine  gäbe,  sie 
pflegen  sie  aufzunehrnen,  wenn  er  zur  schaar  komt."  Das  zu  ratende 
wort  wäre  hienach  cyti  =  cynn  genus,  worunter  man  die  gefolgsleute  zu 
verstehn  hätte,  die  von  ihrem  Jddford  gaben  zu  ihrem  unterhalt  erwar- 
ten. Es  wäre  also  in  diesem  theil  des  rätseis  das  erste  zu  ratende  wort 
für  sich  allein  berücksichtigt,  während  in  den  drei  andern  theilen  jedes- 
mal eine  bedeutung  dieses  wertes  in  ihrer  Wechselbeziehung  zu  vidf 
erscheint:  ein  Verstoss  gegen  die  concinnität,  den  mau  von  einem  guten 
dichter  nicht  erwarten  darf.  Oder  „  sollte  das  ganze  wort  das  sprechende 
sein,  so  würde  auch  der  wolf  als  einer  bezeichnet  sein,  der  freilich 
unfreiwillige  unterhaltsgabe  aufnimt,  wenn  er  zur  herde  komt;"  doch 
dies  lässt  Dietrich  mit  recht  „dahin  gestellt,"  eine  solche  subsumption 
des  raubenden  wolfes  und  der  beschenkten  gefolgsmannen  unter  dem 
begriffe  des  nehmens  wäre  wunderlich  gezwungen  und  wenig  zutreffend; 
der  begriffliche  rahmen  wäre  zu  weit  sowol  als  zu  dünn.  Indes  scheint 
mir  das  wort  cyntt  in  diesem  zusammenhange  nicht  recht  passend.  So 
sehr  die  begriffe  der  mannen  und  der  mage  in  einander  fliessen,  so  sind 
doch  die  letztern  nicht  als  solche,  sondern  nur  insofern  sie  zum  dienst- 
gefolge  ihres  verwanten  gehören,  berechtigt  gaben  zu  erwarten,  und  es 
läge  daher  näher  auf  dryJd  als  auf  ajnn  zu  raten.  Überdies  müste 
man,  um  das  e  des  namens  Cynevulf  heraus  zu  bringen,  die  form  cynne 
raten,  erliielte  aber  dann  ein  n  zu  viel. 

Vielleicht  finden  andre  eine  dem  dichter  und  der  dichtart  ange- 
messene Zweideutigkeit  darin,  dass  dieselben  werte  v'dlaä  Ivy  liine  äpec- 
aan  gif  he  on  frreät  cymed  in  völlig  verschiedenem  sinne  den  zweiten 
und  den  siebenten  vers  bilden.  Ich  fühle  mich  auch  dadurch  ermutigt, 
die  Schwierigkeiten,  die  uns  der  anfang  des  rätseis  bietet,  mittelst  einer 


216  RIEGER 

atlietese  zu  beseitigen.  Ich  glaube  dass  die  mit  7  und  8  gleichlauten- 
den verse  2. und  3  nur  einem  schreiberirrtum  ihr  dasein  verdanken.  Das 
rätsei  hat  in  der  that  nur  drei  theile,  v.  1  ist  nur  die  einleitung  zu 
V.  1  —  7.  Sein  sinn  ist  „meine  leute  sind  zum  kämpfe  bereit,"  nach 
der  z.  b.  aus  Nib.  (Lachm.)  1958.  2067  erhellenden  heldensitte,  durch 
geschenk  vor  dem  kämpfe  die  mannen  anzufeuern,  und  die  zu  ratende 
bedeutung  ist  hier  bereits  cwne,  audaces,  Avelclie  der  redend  eingeführte 
erste  theil  des  compositums  Cynevulf,  northumbrisch  ausgesprochen, 
füglich  als  „seine  leute"  bezeichnen  darf.  Ich  übersetze  also:  „meinen 
leuten  ist  als  ob  mau  ihnen  gaben  spende.  Ein  wolf  ist  auf  einer  au 
(d.  i.  in  einem  theile  des  wertes),  ich  auf  der  andern.  Fest  ist  das 
eiland,  mit  sumpf  umgeben,  es  sind  kampfrauhe  männer  da  auf  der  au: 
sie  wollen  ihn  empfangen,  wenn  er  gegen  die  schaar  ankomt." 

Die  zweite  bedeutung  des  mit  vulf  zusammengesetzten  wortes  ist 
richtig  als  „weib,  ehefrau"  erkannt,  aber  nicht  ganz  zutreffend  mit 
nhumbr.  coen  =  cven  ausgedrückt  worden.  Der  schluss  des  rätseis  lehrt, 
dass  der  dichter  das  auslautende  e  im  ersten  theil  semes  namens  keines- 
wegs überhört:  man  hat  also  auf  coene  =  cvene  zu  raten,  das  durch 
got.  quinö,  ahd.  quenä,  mhd.  Jcone  gefordert  wird  und  im  rätsei  73,  v.  1 
wirklich  überliefert,  von  Grein  freilich  durch  einen  circumflex  uukent- 
lich  gemacht  ist.  Die  misverständnisse  Leos  in  bezug  auf  dögode  und 
hogum  finden  sich  bei  Grein  berichtigt,  dagegen  fehlt  auch  er  in  der 
Verbindung  der  sätze,  wie  er  sie  durch  die  Interpunktion  andeutet.  Ein 
komma  hinter  sät,  ■  ein  kolon  hinter  hilegde  ziehen  alles  gesagte  in  eine 
Situation  zusammen,  der  es  dadurch  an  klarheit  fehlt.  Es  ist  vielmehr 
die  des  einsam  sich  härmenden  weibes  zu  unterscheiden  von  der  des 
schmerzlich  süssen  abschiedes,  dessen  sich  die  Sprecherin  erinnert,  indem 
sie  ihren  härm  um  den  abwesenden  schildert.  Auch  das  kann  ich  nicht 
billigen,  dass  Grein  in  seinem  glossar  vkUi'istum  als  adjectiv  zu  vemim 
versteht,  sich  also  Leos  „weitgehende  sehnsuchten"  aneignet;  einfacher 
und  natürlicher  versteht  man  es  als  Substantiv  und  trennt  es  von  venum 
durch  ein  komma.  Ich  übersetze  demgemäss:  „durch  die  weiten  reisen 
meines  Vulf,  dm-ch  die  vergeblichen  hoffnungen  auf  ihn  (auf  seine  rück- 
kehr)  habe  ich  lange  weile  (denn  das  intransitiv  dögian  ==  alts.  dogon 
muss  am  ende  zu  düg  und  dogor,  dies,  gehören,  was  schwerlich  eine 
andere  bedeutimg  an  die  band  gibt,  während  diese  den  transitiven  ädo- 
gian  und  gedegan,  sustinere,  wol  zu  grimde  liegen  kann),  wann  es  reg- 
nerisches wetter  war^)  und  ich  weinend  sass.  So  oft  mich  der  kampf- 
eifrige   (zum    abschied)    mit    bogen    (d.   i.    mit    den    gebogenen    armen) 

1  Bei  Grein  steht  durch  intimi  väter  statt  veder. 


ÜBER   CYNEVCLF  217 

umschlang,  erfüllte  es  niich  niit  wonne,  war  es  mir  doch  auch  leid. 
Vulf,  mein  Vulf,  das  harren  auf  dich  hat  mich  krank  gemacht,  dein 
seltnes  kommen,  nicht  mangel  an  nahrung." 

Ich  kann  diesen  theil  des  rätseis  nicht  verlassen  ohne  dem  gedan- 
ken  räum  zu  geben,  dass  wir  hier  einen  herzenslaut  aus  des  dichters 
eignem  familienleben  vor  uns  haben.  Während  er  als  sänger  seinem 
gewerbe  und  den  freuden  des  hoflebens  nachgieng,  mochte  die  treue 
hausfrau  manche  zeit  zubringen ,  die  Ursache  gab ,  ihr  solche  worte  in  den 
mund  zu  legen  und  ihr  auf  diese  weise  im  prolog  des  rätselbuches  ein 
heimliches  denkmai  zu  setzen. 

Vor  dem  dritten  theile  des  rätseis  fehlt  das  v.  3  fälschlich  ge- 
setzte ungelice  is  tis ,  obgleich  hier  sehr  nötig ,  da  man  sonst  bei  uncer 
V.  16.  19  noch  an  die  cmne  und  ihren  Vulf  zu  denken  in  gefahr  ist. 
Man  darf  es  unbedenklich  ergänzen.  Die  dritte  mögliche  bedeutung  des 
ersten  wortes  ist  coen  =  cm,  piuus,  taeda;  hier  aber  bleibt  das  aus- 
lautende e  übrig,  das  daher  als  drittes  element  des  zu  ratenden  wortes 
besonders  angeführt  werden  muss.  Dies  geschieht  unter  dem  bild  eines 
hundes,  der  mit  richtigem  hundenamen  (GDS.  468)  Eädvacer  oder 
northumbrisch  Edvacer  (s.  z.  b.  die  urlmnde  Oifas  von  774,  bei  Kemble 
cod.  dipl.  anglos.  n.  122,  sowie  Bouterwek  Vier  evang.  s.  cxxi)  genant 
wird;  und  zwar  bezeichnet  ilm  das  zum  raten  aufgegebene  erste  compo- 
sitionswort,  dem  das  ganze  rätsei  in  den  mund  gelegt  ist,  als  sein  und 
des  andern  wortes  junges ,  wobei  natürlich  beider  bedeutung  für  den 
augenblick  vergessen  und  nur  ihre  äussere  laut-  und  schriftgestalt  ins 
äuge  gefasst  ist.  Leo  verstand  die  worte  Eddvacer  uncerne  earne  livelp 
als  object  zu  hireä,  vulf  daher  als  subject  und  gehyrest  pu  als  object- 
lose  frage.  Greins  interpunction  hat  dies  berichtigt,  die  frage  „hörst 
du"  fordert  zum  object  das  e,  das  man  hier  rathen  soll.  Indes  Hesse 
sich  dieser  forderung  gerecht  werden,  indem  man  das  fragezeichen  hin- 
ter Eddvacer  setzt,  worauf  immer  noch  uncerne  earne  hvelp  als 
object  zu  Urea  übrig  bliebe  und  die  frage  gehyrest  pu  auf  das  geschrei 
des  vom  wolf  entführten  jungen  hundes  könnte  bezogen  werden.  Durch- 
schlagend scheint  mir  jedoch  die  erwägung,  dass  nur  die  umgekehrte 
construction  die  erforderliche  congruenz  zwischen  bild  und  sache  her- 
stellt: denn  das  e  wird  nicht  durch  vidf  mit  dem  holze,  d.  i.  mit  coen 
verbunden  (oder  zu  ihm  hingetragen),  es  verbindet  vielmehr  vidf  mit 
coen.  Einverstanden  bin  ich  auch ,  wenn  Grein  nach  vuda  den  satz  nicht 
wie  Leo  schliesst,  sondern  ein  komma  setzt,  denn  uncer  giedd  geador 
kann  kemem  verb  ausser  bircd  untergeordnet  werden.  Gleichwol  über- 
setze ich  V.  18  mit  Leo  so,  dass  der  erste  der  beiden  mit  pät  begin- 
nenden Sätze  einen  hauptsatz  bildet,  und  muss  daher,  um  v.  19  appo- 


218  BIEGER 

sitiousweise  zu  17  construierön  zu  können,  v.  18  als  parenthese  betrach- 
ten. Sie  will  ohngefälir  sagen:  „es  ist  nicht  leicht  eine  charade  zu 
machen,"  drückt  dies  aber  launig  durch  die  affirmation  aus,  es  sei  leicht 
zerlegen  was  nie  vereinigt  war;  die  thätigkeit  des  charadendichters  wird 
mit  recht  ein  zerlegen  genannt.  Bei  Grein  dagegen  erscheinen  beide 
Sätze  mit  pät  relativ  zu  tmcer  gledd,  wodurch  wenigstens  der  zweite 
widersinnig  wird,  denn  die  werte  coen  und  vulf  sind  und  waren  ja  in 
dem  zu  ratenden  namen  vereinigt.  Ich  übersetze:  „hörst  du  Eadvacer, 
unsern  zornigen  Avelf?  er  trägt  den  wolf  zum  holze,  (das  zerlegt  man 
leicht  was  nie  vereinigt  war)  unser  rätselwort  zusammen." 

Noch  aber  befriedigt  dieser  letzte  theil  des  rätseis  nicht,  so  lange 
man  bei  dem,  was  er  von  Eadvacer,  wolf  mid  holz  sagt,  nur  an  die 
Vereinigung  zweier  werte  zu  einem  compositum  denken  darf;  es  fehlt 
das  reale  poetische  leben,  wie  es  jedem  der  beiden  frühern  theile  ein- 
gehaucht ist.  Ein  hund,  der  einen  überwältigten  wolf  zu  einem  bäume 
oder  allenfalls  nach  dem  walde  schleppt,  ist  eine  ganz  willkürliche  Vor- 
stellung: er  sollte  ihn  vor  die  füsse  seines  herrn  schleppen  oder  auf  der 
stelle  tot  beissen.  Das  gesagte  hat  nur  sinn,  wenn  man  dabei  an  die 
werte ,  nicht  wenn  man  an  ihre  bedeutung  denkt.  Diesem  mangel  würde 
abgeholfen,  wenn  man  eine  sitte  voraussetzen  dürfte,  gefangene  wölfe 
wie  Verbrecher  aufzuhängen.  Vuäu,  die  Umschreibung  von  cm,  bedeu- 
tete dann  ein  galgtreöv.  Warg  ist  wolf  und  im  abgeleiteten  sinne  Ver- 
brecher, warum  sollte  nicht  waragtrco  (Helj.  166,  21),  nord.  vargtre 
(Hamdism.  16)  zunächst  und  eigentlich  als  Avolfsholz  zu  fassen  sein? 
Bekannt  ist  die  sitte  des  altertums,  menschen  mit  wölfen  aufzuhängen  und 
dadurch  die  hinzurichtenden  als  toarge  oder  der  wölfe  gleichen  zu  bezeich- 
nen (RA.  685  f.);  diese  sitte  erscheint  um  so  begründeter,  wenn  es  bei 
hirten  üblich  war,  den  vierfüssigen  räuber  um  seiner  selbst  willen  am 
galgen  büssen  zu  lassen.  Auch  der  wolf,  der  vor  Odhins  westlicher  saal- 
thür  hängt  (Grimnism.  10)  und  den  Simrock  Myth.^  103  „schwer  zu  deu- 
ten" findet,  erklärt  sich,  wenn  der  aufgehangene  wolf  als  ein  jenem  gotte 
dargebrachtes  opfer  galt.  Dass  wenigstens  das  aufhängen  die  form  war, 
unter  der  man  gerade  ihm  opfer  brachte,  lehrt  uns  die  merkwürdige 
stelle  Hävam.  139,  und  so  oft  wir  (wie  Oros.  5,  16.  Tac.  ann.  1,  61. 
Saxo  gramm.  ed.  Müller  1 ,  p.  26)  von  aufgehängten  kriegsgefangnen 
lesen,  werden  wir  dem  siegesgotte  gebrachte  opfer  in  ihnen  zu  sehen 
haben.  Der  wolf  aber ,  sein  kriegerischer  liebliiig  unter  den  tieren ,  muss 
wol  als  ein  so  schickliches  opfer  für  ihn  erscheinen,  wie  der  gefangene 
kriegsfeind. 

Ich  lasse  zum  schluss  den  text  des  rätseis,  wie   ich  ihn  herstelle, 
folgen. 


ÜBER  CYNEVTJLF  219 

Leöduvi  is  minum  svylce  htm  mon  läc  gife. 

vulf  is  on  iege,  ie  on  öäerre. 

fast  is  pät  eglonä,  feniie  hioorjien. 

sindon  välreöve  veras  par  on  ige: 

villaä  hy  hine  äpecgan  gif  he  on  preät  cymed. 

ungelice  is  üs. 
Vulfes  ic  mines  vidlästum,  venum  dögode, 

ponne  hit  väs  renig  veder  and  ic  reötugu  sät. 

ponne  mec  se  headucäfa  bogum  bilegde, 

väs  ine  vyn  tö  pon,  väs  me  hvädre  eäc  lää. 

Vulf,  min   Vulf,  vcna  ine  pine 

seöce  gedydon,  June  seldcymas, 

murnende  möd,  nules  meteliste. 

ungelice  is  üs. 
gehörest  pü  Eädvacer ,  uncerne  earne  hvelp? 

bired  vulf  tö  vada, 
(Jini  mon  ende  tösUted ,  platte  ncefre  gesomnod  väs) 

uncer  giedd  geador. 

II. 

Dass  Cynevulf  in  der  mimdavt  dichtete,  die  man  northumbrisch 
nennt,  aber  eigentlich  angliscli  oder  nordenglisch  nennen  sollte,  hat  Diet- 
rich, nachdem  er  es  früher  gegen  Leo  bestritten,  in  den  abliandlungen 
Kynevulfi  poetae  aefas  (1860)  und  De  cruce  Ruthwellensi  (1865)  zu  völ- 
liger genüge  erwiesen.  In  der  Inschrift  des  kreuzes  von  liuthwell  und 
in  der  nortliumbrischen  aufzeiclmiing  des  rätseis  von  der  brünne  haben 
wir  zwei  reste  des  echten  textes  seiner  gedichte,  alles  übrige  ist  ins 
westsächsische  umgeschrieben  und  zwar,  wie  die  Inschrift  von  Ruthwell 
zeigt,  nicht  ohne  starke  Veränderung.  Hieraus  sehen  wir,  dass  er  in 
der  seine  rätsei  eröffnenden  charade  nicht  nur  aus  rätselnot,  sondern 
weil  es  seine  mundart  mit  sich  brachte ,  seinen  namen  Ccenevulf  spracli. 
Dann  ist  aber  auch  anzunehmen,  dass  er  ihn  ebenso  sprach,  wo  er  ihn 
in  runen  seinen  gedichten  einflocht.  Die  rune  yr ,  die  wir  hier  lesen, 
ist  sonach  nur  durch  die  Umschreibung  ins  westsächsische  bedingt,  und 
wir  haben,  um  den  vom  dichter  gewollten  sinn  zu  gewinnen,  an  ihrer 
statt  die  rune  eäel,  nhumbr.  ceäü,  herzustellen.  Dies  vorausgesetzt  ver- 
suche ich  die  erklärung  der  betreffenden  stellen  in  Elene  und  CHst  zu 
revidieren.  Die  stelle  der  Juliana  (Grein,  bibl.  2,  70)  bleibt  ausser 
betracht;  Leos  versuch,  aucli  hier  den  runen  begriffsworte  unterzulegen, 
ist  von  Dietrich  mit  recht  zurückgewiesen  worden. 

Zum  Verständnis  der  runen  im  epilog  der  FAene  (Grein  2,  185)  liat 
Leo  den  Schlüssel  gegeben,  indem  er  v.  12.^)7  säe  nicht  als  pwjna,  son- 
dern als  eine  ungewöhnliche  Schreibung  für  secy,  vir,  auffasste.  Grein 
hätte  diesen  Schlüssel  nicht  verschmähen  sollen.    In  den  vorhergehenden 


220  RIEGER 

verseil  sagt  der  dichter:  icli  gedachte  oftmals  des  kreuzes,  ehe  ich  die 
Avuiulorgeschiclite  von  ihm  enthüllt  (d.  i.  mitgetheilt)  hatte,  wie  ich  sie 
in  büchern  gekündet  fand.  Fährt  er  nun  fort  ä  väs  säe  da  pät,  so 
könnte  dies  nach  Grimm  (Andreas  und  Elene  s.  160)  heissen  „immer  war 
streit,  zweifei,"  über  die  geschichte  nämlich,  ehe  ich  sie  enthüllt  hatte: 
gewis  wenig  wahrscheinlich  bei  einem  publicum,  das  auf  eine  darstel- 
lung  der  saclie  in  der  Volkssprache  angewiesen  war.  Oder  „immer  war 
kämpf  bis  dahin ,"  nämlich  in  meinem  gemüte ,  es  fehlte  mir  an  innerem 
frieden;  aber  dies  wäre  ein  dunkler  ungenügender  ausdruck  für  den 
zustand,  den  bereits  die  verse  1243 — 45  erschöpfend  geschildert  haben. 
In  beiden  fällen  steht  das  he  in  1259  völlig  in  der  luft.  Man  könnte  es 
nur  auf  das  durch  die  erste  rune  angedeutete  wort  cen  beziehen,  und 
mag  man  dies  nun  als  fackel  oder,  wie  in  der  charade,  als  kienbaum 
verstehn,  so  bleibt  es  gleich  sinnlos,  dass  em  in  der  methalle  kleinode 
empfangen  habe.  Unerlaubt  aber  wäre  es,  mit  Grimm  durch  diese  erste 
rune,  oder,  da  auch  die  zweite  keinen  wortsinn  ergibt,  durch  die  beiden 
ersten  den  ganzen  namen  Cynevulf  angedeutet  zu  sehen,  da  hiezu  das 
epithet  drusende  nicht  passen  würde  und  da  alle  folgenden  runen  hier 
den  sinn  ihrer  namen  haben.  Nebenbei  wäre  die  construction  des  satzes, 
der  dem  subjecte  cm  die  bestimmung  cnyssed  cearvelmum  und  dem  prä- 
dicat  gnornode  den  nebensatz  mit  pedh  vorausschickt ,  stilwidrig.  Einen 
richtigen  sinn  und  einen  der  ags.  poesie  gemässeu  satz  erhalten  wir  nur 
wenn  wir  übersetzen:  „immer  war  der  mann  bis  dahin  von  sorgendrang 
erschüttert,  eine  sinkende  flehte,  obgleich  er  in  der  methalle  kleinode 
empfieng,  apfelförmiges  gold." 

Es  darf  nicht  wunder  nehmen,  dass  der  dichter,  der  bisher  in 
erster  person  sprach,  sich  auf  einmal  als  „den  mann"  einführt,  denn  er 
gibt  jetzt  das  rätsei  seines  namens  auf:  „der  mann"  ist  der,  den  man 
aus  .den  nun  folgenden  runen  buchstabieren  soll.  Der  formelle  anstoss 
der  Schreibung  säe  ist  nicht  gross  genug  um  ein  hindernis  zu  bilden: 
sec  für  secg  wenigstens  setzt  derselbe  codex  im  Andreas  v.  1227.  Cen 
wird  von  Leo  sowol  wie  von  Grein  für  taeda  genommen,  ich  glaube  mit 
unrecht.  Die  sinkende  fackel  ist  kein  bezeichnendes  bild,  sondern  die 
ausgebrannte.  Darum  wollte  sich  Leo  mit  einem  zerfallenden  kienspan 
helfen,  der  aber  durch  drusende  schwerlich  angedeutet  sein  kann.  Ein 
durch  den  stürm  halb  aus  der  wurzel  gehobener,  dem  umfallen  naher 
bäum  scheint  das  richtige  bild  für  den  von  cearvelmum  erschütter- 
ten mann. 

Ich  komme  zur  zweiten  rune.  Was  Leo  aus  ihr  zu  machen  suchte 
kann  ich  mit  hinweisung  auf  Greins  jeden  zweifei  ausschliessende  erklä- 
rung  des  runennamens  edr  (Bibl.  2 ,  353) ,   welchem  Leo  tjr  hier  gleich- 


ÜBER  CYNEVULF  221 

stellen  wollte,  übergelm.  Grein  erklärt  in  der  anmerkung  zu  unserer 
stelle  wie  im  glossar  fjr  frischweg  durch  bogen,  ohne  den  sinn  anzuge- 
ben, den  die  stelle  so  erhält.  Sollten  wirklich  die  Augeisachsen  den 
nordischen  namen  der  rune  für  y^  der  sie  noch  dazu  eine  von  der  nor- 
dischen ganz  abweichende  gestalt  geben,  mitsamt  dem  r  des  nominativs 
als  fremdwort  sich  angeeignet  haben?  Kaum  glaublich,  zumal  da  sie 
die  ags.  form  für  ijr ,  eöh  =  eöv ,  w  =  ahd.  twa  eibe ,  schon  zur  bezeich- 
nung  der  rune  für  eo  verwenden.  Aber  das  runenlied  muss  ja  auskunffc 
geben.    Sie  lautet: 

Rl  hyä  ääelinga  and  eorla  gehväs 

vyn  and  vyrämynd,  hyä  on  vicge  fäger, 

fästllc  on  färelde,  fyrdgeateva  sum. 

Aus  dieser  beschreibuug  auf  den  begriff  bogen  zu  raten  scheint 
mir  eine  völlig  unzulässige  Zumutung.  Zwar  ist  der  bogen  ein  kriegs- 
geräte,  aber  inwiefern  ist  er  fest  oder  dauerhaft  auf  der  reise?  Dies 
würde,  eben  wie  der  Inhalt  der  drei  ersten  halbverse,  auf  jede  andre 
waflfe  passen;  auf  den  bogen  passt  es  am  wenigsten,  da  er  durch  die 
feuchtigkeit  an  Schnellkraft  verliert.  Gar  nicht  passt  „am"  oder  „auf 
dem  rosse  schön,"  denn  der  bogen  ist  kein  zierrat  sondern  eine  waffe, 
und  das  nicht  des  reiters ,  sondern  des  fussgängers.  Versuchen  wii-  dage- 
gen den  begriff  goldmünze  der  beschreibuug  anzupassen,  da  Lye,  ich 
weiss  nicht  aus  welcher  quelle,  yre  als  gleichbedeutend  mit  ora,  uncia 
aufführt.  Wissen  wir,  dass  an  schnüren  hängende  goldbracteaten  zum 
schmucke  der  menschen  dienten,  so  können  wir  aus  unsrer  stelle  ent- 
nehmen, dass  derselbe  schmuck  auch  bei  rossen  angewant  wurde.  Auch 
bei  den  Verkehrsverhältnissen  jener  zeit  konnte  das  gemünzte  geld  als 
Wanderer  von  einer  band  zur  andern  gedacht  und  seine  dauerhaftigkeit 
auf  dieser  steten  reise  hervorgehoben  werden;  ebenso  treffend  war  schon 
damals  die  bezeichnung  als  rüstzeug  zum  kriege.  Für  die  drei  ersten 
halbverse  bedarf  es  keines  Wortes,  um  diese  lösung  zu  rechtfertigen. 
Einwenden  lässt  sich  nur,  dass  die  rune  in  den  angelsächsischen  alpha- 
beten  eben  nicht  yre  sondern  i/r  heisst.  Yre  entspricht  genau  dem  nor- 
dischen eyrir  und  bildet  mit  diesem  die  älteste  aneignung  des  lat. 
aureus;  als  eine  jüngere  ist  das  bekannte  ora  zu  betrachten.  Wie  nun 
neben  diesem  im  northumbr.  priestergesetz  ör  gebräuchlich  erscheint,  so 
könnte  auch  neben  yre  eine  abgegriffene  form  yr  gegolten  haben,  die 
man  wegen  des  gleichklanges  mit  dem  nordischen  namen  der  rune  vor- 
zog. Die  vollständige  form  hat  wenigstens  das  runenalphabet  des  Hra- 
banus  Maurus  bewahrt.  Dieser,  der  alle  lateinischen  buchstaben  runisch 
ausdrücken  und  benennen  wollte,    konnte  für  y  natürlich  nicht  aus  dem 


222  MEGER 

deutschen  rat  schaffen  und  entnalim  dem  angelsächsischen  ein  alter- 
tümlich oder  noithumbrisch  auslautendes  f/ri,  das  in  mehreren  auf- 
zeichimngen  hmjri,  in  der  von  W.  Grimm,  Wien.  Jahrh.  XLIII,  s.  2:5 
mitgeteilten  Pariser  aufzeichnung  besser  hyre  geschrieben  wird;  das  h. 
ist  dabei  so  bedeutungslos  wie  bei  Ms  und  hur  für  is  und  ur. 

Man  verzeihe  diese  abschweifung.  Wir  erhalten  also  für  El.  126U 
den  sinn  „er  trauerte  um  geld,"  dessen  dem  dichter  nämlich  doch  nicht 
so  viel  zufloss  als  er  brauchte,  obgleich  er  in  der  methalle  seinen  ver- 
dienst hatte,  Dass  gnornian  so  gut  wie  cvänian  und  die  Gr.  IV,  612  ff. 
aufgeführten  verba  mit  dem  accusativ  verbunden  werden  könne,  dürfte 
wol  nicht  bezweifelt  werden.  Lassen  wir  aber  den  dichter,  wie  Avir  nach 
der  gewonnenen  einsieht  müssen,  northumbrisch  reden,  so  erhalten  wir 
den  edleren  und  schicklicheren  sinn  „  er  trauerte  um  die  heimat ,"  von 
der  er  durch  sein  gewerbe  getrennt  war,  und  das  gegenbild  zu  der  ein- 
samen, sich  nach  ihrem  Viüf  sehnenden  hausfrau  des  rätseis. 

Grimms  Übersetzung  der  folgenden  werte  „not  war  sein  gefährte" 
ist  unmöglich;  Leo  und  Grein  lesen  mit  recht  ein  compositum  nydge- 
fera.  Was  dies  bedeute  wird  von  Grein  niclit  erklärt ;  Leo  versteht  „  der 
uuglücksgefährte"  als  apposition  zu  ?/r,  welche  construction  natürlich 
mit  seiner  auslegung  von  yr  hinfallt.  Aber  auch  die  Übersetzung  „uu- 
glücksgefährte" wird  durch  die  analogie  der  composita  mit  nyä  nicht 
bestätigt,  die  vielmehr  auf  „gefährte  aus  not,  gezwungener  gefährte" 
oder  auf  „gefährte  in  der  not"  führt.  Nehmen  wir  die  erste  dieser 
bedeutungen,  so  erhalten  wir  folgende  Übersetzung:  „notgedrungener 
gefährte  ertrug  er  Ijeklemmende  sorge,  geheime  angst  (wofür  rhetorisch 
„enges  geheimnis"  gesagt  ist),  wo  vor  ihm  das  ross  (durch  die  rune  eli 
bezeichnet)  die  meilenpfade  mass,  mutig  sprang,  mit  Zieraten  aus  draht 
geschmückt."  Damit  würde  sich  der  dichter  als  unberittenen  begleiter 
eines  zu  rosse  einherziehenden  reichen  heil'en  darstellen.  Vielleicht  ist 
es  aber  auch  gestattet,  gefera  nach  analogie  von  gebyrgea  gemäla  gepafa 
gevyrhta  hier  ohne  copulative  kraft  des  präfixes  statt  als  consors  itine- 
ris  nur  als  viator  aufzufassen.  Dann  wäre  der  sinn  des  compositums 
wi(^  der  von  nydfara  Exod.  208  „der  notgedrungene  wanderer;"  wir 
würden  es  eng  zu  dem  vorhergehenden  verb  construieren ,  hinter  ihm  ein 
komma  setzen  und  die  willkommene  Übersetzung  erhalten;  „um  die  hei- 
mat trauerte  der  notgedrungene  wandrer,  es  ward  ihm  eng  ums  herz 
wo  vor  ihm  ein  ross  die  meilenpfade  mass"  u.  s.  w.  Der  anblick  des 
rosses,  das  ihn  schnell  an  den  ort  seiner  Sehnsucht  tragen  könnte,  erfüllte 
den  heimwehkranken  wandrer  mit  wehmut.  Wer  mit  Leo  före  lesen  und 
„auf  der  reise"  verstehen  wollte,  müste  das  ausbleiben  der  präposition 
durch   ähnliche  beispiele  wahrscheinlich   machen,    wozu  wenigstens   der 


ÜBER   CYNEVULF  223 

einzige  mir  erinnerliche ,  von  Grein  und  mir  selbst  emendierte  fall  in 
Vidsiths  lied  v.  3  nicht  hinreichen  dürfte.  Dieselbe  beweispflicht  hat 
wer  mit  Grimm  und  Grein  (im  glossar)  dem  fore  die  bedeutung  vormals 
gibt ;  denn  in  den  übrigen  stellen ,  die  Grein  unter  diese  bedeutung  bringt, 
drückt  es  nichts  anderes  als  corani  aus. 

Man  könnte  einen  Widerspruch  darin  finden,  dass  Cynevulf  zuerst 
von  seinem  reichlichen  Verdienste  spricht  und  ihm  dann  doch  die  bequem- 
lichkeit  eines  reitpferdes  fehlt.  Aber  es  ist  gar  nicht  nötig,  hiebei  an 
einerlei  Zeitpunkt  in  seinem  leben  zu  denken,  und  nur  natürlich,  wenn 
es  ihm  bei  seinem  ge werbe  das  eine  mal  gut,  das  andre  mal  schlecht 
ergieng. 

Der  nun  folgenden  rune  ven  will  Grein  die  bedeutung  venu  =  vynn 
unterlegen;  ohne  not:  es  ist  die  der  Jugend  eigne  glückliche  Zuversicht 
des  lebens  gemeint.  „Der  wahn  ist  geschwunden,  die  freude  mit  den 
jähren;  die  Jugend  ist  verwandelt,  der  alte  wolstand  (mit  ihr)." 

Viele  Schwierigkeit  hat  wider  die  rune  iir  gemacht.  Nach  Grimm 
verträte  sie  bedeutungslos  den  buchstaben ,  was  sich  aus  oben  angege- 
benen gründen  nicht  billigen  lässt.  Leo  versteht  6r  geld ,  ohne  zu  bewei- 
sen, dass  0  und  ü  in  der  nmndarfc  unseres  dichters  einander  vertreten. 
Grein  macht  aus  iir  ein  nicht  belegtes,  mir  unbekanntes  adverb  für 
quondam,  das  überdies  neben  geära  ein  pleonasmus  wäre.  Dietrich 
schlug  vor  ein  andres  mit  u  beginnendes  wort  zu  lesen ,  d;wa  uppe ,  las- 
civia;  aber  so  gut  dies  dem  sinn  nach  wäre,  ich  kann  nicht  glauben 
dass  der  dichter  sich  solche  Substitutionen  erlaubte.  Sie  würden  das 
ganze  kunststück  zu  nichte  machen,  dessen  Schwierigkeit  und  bravour 
eben  darin  besteht,  die  namen  der  sämtlichen  runen,  die  zusammengele- 
sen werden  sollen,  im  Stabreim  und  in  passendem  zusammenhange  vor- 
kommen zu  lassen;  wer  ihnen  andre  werte  mit  demselben!  anlaut  unter- 
schöbe, würde  die  sache  sich  selbst  unrühmlich  leicht,  dem  leser  oder 
hörer  unbillig  schwer  machen.  Etwas  ganz  anderes  ist  es  doch,  wenn 
El.  789.  1090  die  rune  vm  für  valdend  steht:  dies  ist  lediglich  ein  im 
betreffenden  zusammenhange  gar  nicht  miszuverstehendes  compendium  des 
Schreibers. 

Der  auer  ist  das  vornehmste  jagbare  wild  und  stellt  daher  figür- 
lich für  die  jagd,  die  Cynevulf  als  eine  hauptfreude  seiner  hingeschwun- 
denen jugend  hervorhebt,  Leo  behauptet  zwar,  ich  weiss  nicht  mit  wel- 
chem gründe,  in  England  habe  es  nie  auer  gegeben.  Sollten  nicht 
angelsächsische  fürsten,  wenn  dieses  thier  ihrem  lande  wirklich  fehlte,  es 
der  jagd  wegen  vom  continent  aus  eingeführt  iiabon?  Dass  es  wol 
bekannt  war  zeigt  wenigstens  die  beschreibung  im  runenliede.  „Der 
auer  war  eliemals  des  Jugendstandes  belustigung;    nun  mükI  die  jahrtage 


224  RIEGER 

von  einer  frist  zur  andern  fort  geschritten ,  die  lebenswoune  dahin  gegan- 
gen, wie  wasser  (die  rune  lagu)  zergleitet,  beschleunigte  fluten.  Ver- 
mögen (die  rune  feoh)  ist  jedem  (nur)  geliehen  unter  dem  himmel;  des 
landes  schätze  zergehn  unter  den  wölken  dem  winde  vergleichbar" 
u.  s.  w. 

Ich  gehe  zu  der  stelle  im  Crist  (l)ei  Grein  1,  169)  über.  Hier 
wird  die  erste  rune  von  Leo  als  ein  apokopiertes  cene,  auclax,  aufgefasst, 
„dann  erzittert  der  kühne,"  wenn  er  den  könig  reden  hört  u.  s.  w. 
Grein  schliesst  sich  dem  an,  aber  dass  jene  apokope  der  spräche  Cyne- 
vulfs  gemäss  sei,  wäre  noch  zu  erweisen.  Auch  ist  es  ganz  unnötig, 
für  cm  hier  einen  andern  sinn  zu  suchen  als  den  es  im  runenalphabet 
hat.  Musten  wir  in  der  Elene  bestreiten ,  dass  von  der  flehte ,  auch  wenn 
sie  allegorisch  verstanden  wird,  gesagt  werden  könne  was  in  den  näch- 
sten versen  folgt,  so  bin  ich  hier  der  meinung,  dass  der  dichter  voll- 
kommen berechtigt  ist  fortzufahren:  „sie  hört  den  könig  reden."  Es  ist 
ein  allgemeines  dichterrecht,  für  Vorgänge,  die  das  menschliche  gemüt 
erregen ,  der  stummen  natur  ein  mitgefühl  zu  leihen.  Wenn  ein  bekann- 
tes Volkslied  alles  laub  und  gras  trauern  lässt,  „als  Jesus  in  den  gar- 
ten gieng  und  sich  sein  bittres  leid  anfleng;"  wenn  Cynevulf  selbst  Cr. 
1128  ff",  (zwar  auf  grund  einer  homilie  Gregors)  in  langer  ausführung 
die  theilnahme  der  stummen  creatur  an  Christi  leiden  schildert  und  dabei 
1170  auch  der  bäume  nicht  vergisst,  so  kann  gewis  auch  die  flehte  als 
stattlicher  Vertreter  des  Pflanzenreiches  mit  den  menschen  vor  der  stimme 
des  weltrichters  erbeben. 

„  Er  spricht  grimme  werte  zu  denen ,  die  ihm  vormals  in  der  weit 
übel  gehorchten,  während  yr  und  nyd  aufs  leichteste  trost  flnden  konn- 
ten": so  übersetze  ich  mit  Leo,  während  Grein  die  beiden  runennamen 
als  von  fröfre  abhängige  genetive  fasst.  Wir  können  aber  schwerlich 
genetive  brauchen,  die  sich  in  der  form  vom  nominativ  unterscheiden, 
und  das  würde  wenigstens  der  von  nyd ,  wenn  auch  nicht  der  von  yrmäo, 
miseria,  was  Thorpe  dem  yr  unterzuschieben  vorgeschlagen ,  Grein  ange- 
nommen hat.  Ich  beziehe  mich  hier  auf  das ,  was  ich  über  solche  Unter- 
schiebungen oben  gesagt  habe.  Mit  yr  selbst  ist  nun  offenbar  gar  nichts 
anzufangen  und  auf  den  ersten  blick  auch  nichts  mit  dem  von  des  dich- 
ters  mundart  geforderten  oeäil.  Aber  wenn  es  nicht  erlaubt  sein  konnte, 
dem  namen  der  rune  andre  Wörter  gleiches  anlautes  unterzuschieben, 
so  konnte  der  dichter  sicherlich  seine  kunst  beweisen  und  zugleich  den 
Scharfsinn  des  lesers-  erproben,  indem  er  mit  dem  namen  der  rune 
den  siim  eines  gleichlautenden  wortes  verband.  Es  ist  dasselbe  spiel, 
das  Cynevulf  in  der  charade  auf  seinen  namen  treibt.  Welches  hier 
passende  wort  könnte  nun  in  jener  mundart  mit  mW  gleichgelautet  haben? 


ÜBER   CYNE^TLF  225 

Das  Eordenglische  oe,  auch  oi  gesclirieben ,  erscheint  in  einigen 
fällen  auch  an  der  stelle  von  kurzem  iL  Beda  schreibt  Olsc  und  Ois- 
clmjas  für  Äse  und  Äscinr/as,  OidUwaJd  für  Äectehvald;  der  glossator 
des  Durhamer  evangelieubuches  huoecter,  Jmoectre,  doeg  (Bouterwek,  Vier 
evang.  CXXVI  ff.);  in  Kembles  cod.  dipl.  nr.  35  finde  ich  Hodilredus 
und  Oedilrcedas  sogar  als  namen  eines  Ostsachsen ;  in  den  Epinaler  glos- 
sen  (Mones  anz.  VII,  153)  voeffsas  vespas;  im  registr.  Matth,  15  (bei 
Bouterw.  s.  279)  sloegende  perciitienti.  Es  findet  sich  ferner  die  nort- 
hunibrische  Unterdrückung  des  anlautenden  v  nicht  nur  vor  n,  sondern 
auch  vor  oc ,  wenn  ich  auch  nur  das  eine  beispiel  ocg  für  veg  in  der 
glosse  zu  registr.  Matth.  61J  beizubringen  weiss.  Cynevulf  selbst  erkennt 
wenigstens  die  Unterdrückung  des  inlautenden  v  vor  oe  (s.  Bouterw.  cxxxv) 
an,  indem  er  den  ersten  theil  seines  namens  als  uxor  zu  raten  aufgibt. 
Hieuach  lässt  sich  wol  für  vädl ,  mendicitas ,  eine  ausspräche  und  schrei- 
lumg  oedl  oder  vielmehr  ocdil  denken,  denn  das  northumbrische  liebt 
die  gedehntere  form  und  noch  der  glossator  des  codex  von  Rushworth 
schreibt  aiäulo  für  ädlo  morbos  (Bouterw.  glossar  s.  v.);  aber  auch  der 
cod.  exon.  gewährt  im  Phönix  v.  612  veäel.  Ein  consonantischer  unter- 
schied besteht  nicht,  da  das  northumbrische  nach  langem  wie  nach  kur- 
zem vocal  gern  d  für  d  setzt  (Bouterw.  cxlii),  oeäü  also  auch  oedü 
lauten  konnte.  Man  könnte  also  übersetzen:  „während  armut  und  not 
aufs  leichteste  trost  finden  konnten."  Dies  wäre  keine  tautologie;  tif/d 
ist  eigentlich  fessel  und  kann  im  sinne  von  gefangeuschaft  verstanden 
werden:  in  carcere  (eram)  et  non  visitastis  me  Matth.  25,  43. 

Man  könnte  oedü  auch  als  ädl  morhus  verstehn,  dem  sinne  nach 
ebenso  gut.  Das  eben  citierte  aktido,  Avofür  auch  (edulo  geschrieben 
sein  dürfte,  beweist,  dass  das  wort  im  northumbrischen  zur  trübuug  des 
vocals  neigte;  für  langes  ce  wird  aber  m  öfter  als  für  kurzes  geschrie- 
ben, auch  die  Epinaler  glossen  geben  ein  beispiel  mgliimelci  dhinga  = 
omnimodo.  Aber  der  ableitungsvocal  in  aiäulo  widersteht  der  gieich- 
setzung  mit  (edil,  wie  auch  in  dem  zweimal  (Cr.  1320.  Psalm.  106,  4) 
von  Grein  verkannten  zu  ädl  gehörigen  verb  üdolian ,  deficere. 

Es  fehlt  hierauf  die  rune  eh.  Während  in  den  nordenglischen 
Urkunden  die  Schreibung  Coemmlfus  herscht,  buchstabiert  unser  dichter 
in  den  drei  übrigen  fällen  seinen  namen  mit  einem  die  zweite  sil1)e  bil- 
denden e.  üeberdies  fehlt  zu  dem  satze  in'v.  803  das  subject.  Man 
hat  also  grund  genug,  nach  803  einen  ausgefallenen  vers,  der  die  rune 
für  e  enthielt,  anzunehmen.  Greins  herstellung  jedoch,  on  l>am  M  /'<^- 
lan  däge  engla  drgJdcn,  ist  nicht  gerade  einleuchtend.  Es  wäre  erst 
zu  beweisen,  dass  die  mundart  sich  des  ableitungsvocales  in  cgcful  so 
beliebig  entschlagen  konnte;   auch  fand  Grein  in  seinem  glossar  aus  der 

ZRITSCUH.    F.    DEUTSCm;     PUILOLOGllO.  1«^ 


226  KTEfiEK,     i'r.F.R   Ci-NEVT^LP 

o-anzen  a£>-g.  poesie  Icein  rf)cfnl  oder  codk,  neben  dem  gewöhnlichen  egcsful 
und  egeslic  einzutragen.  Ich  wüste  nicht  welches  andre  wort  hier  in  frage 
kommen  könnte  als  nglfpca,  wofür  auch  äglmca  und  andrerseits  aUceca 
(Beov.  (UC).  989)  geschrieben  wird,  also  ählcpca  und  nach  northumbrischer 
weise  clilceca  ohne  zweifei  denkbar  ist.  Eine  Übertragung  dieser  häu- 
figen bezeichnung  der  teufel  auf  die  verdammten  aus  der  menschheit, 
die  der  teufel  gesellen  sind,  scheint  mir  nichts  anstössiges  zu  haben, 
und  ich  ergänze  daher  hinter  v.  803  päm  M  l(ecum  cngla  dryJiten,  oder 
(ilmilit'ig  god  oder  calra  sq/ppend,  wie  nun  der  zweite  halbvers  gelau- 
tet liaben  mag. 

Die  folgende  rune  erscheint  wider  mit  ihrem  gewöhnlichen  namens- 
sinne: „die  hoffnung  ist  dahin  auf  der  erde  zierden,"  d.  h.  die  hoffnung 
ihrer  ferner  zu  geniessen.  Auffallend  ist  nur  der  gebrauch  von  vhi  als 
masculinum  und  wol  seo  für  ^e  zu  bessern.  Mit  diesen  werten  l)ahnt 
sich  der  dichter  den  Übergang  zur  beschreibung  des  weltbrandes:  jene 
hoffnung  ist  dahin,  weil  die  erde  selbst  zerstört  wird. 

Die  rune  für  u  wird  von  Leo  wider  als  6r,  pecunia,  aufgefasst  und 
seine  erklärung  lautet:  pecunia,  quae  ab  hac  insula  undis  secluditur  (in 
transmarinis  partibus),  divitiae  terrae  diu  et  avide  a  me  adpetebantur. 
Er  sieht  darin  eine  audeutung,  dass  Cynevulf  seinen  erwerb  auch  als 
Seefahrer,  vielleicht  als  Seeräuber  gesucht  habe.  Grein  hilft  sich  aucb 
hier  durch  die  annähme  des  adverbs  ür  =  oUm;  Dietrich  auch  hier 
durch  Unterschiebung  eines  wertes  von  gleichem  anlaut,  nämlich  nfan 
desuper.  Ich  beziehe  mich  hierüber  auf  das  oben  gesagte.  Meines 
bedünkens  erscheint  der  auer  abermals  als  Vertreter  der  thierwelt ,  die  der 
dichter,  wo  er  von  der  sündflut  spricht,  wol  statt  aller  andern  coräan 
frätva  ins  äuge  fassen  darf,  und  die  apposition  fcoh  on  foldan  =  pemts 
in  campo  erklärt  und  verallgemeinert  zugleich  diesen  sinn.  Nur  muss 
man  longe  nicht  mit  diu  übersetzen,  sondern  als  gegensatz  zu  dem  in 
die  Zukunft  deutenden  Jwnne  für  longe  cer  nehmen,  wie  Exod.  557  vile 
nü  gelcestan  pät  he  longe  geltet. 

Der  sinn  der  rune  für  l  ruft  keinen  zweifei  hervor ;  was  feoh  bedeute 
ergibt  sich  aus  der  auffassung  von  ür. 

DARMSTADT,  JAN.    18G8.  M.   RIEGER. 


227 


MISCELLEN  UND  LITTERATUE. 

Ein  brief  Jacob  Grimms. 

Das  naclisteliende  sclireiben  Jacob  Grimms,  dessen  mitteiluiig  wir  der 
gute  des  lierrn  bnchhändlers  dr.  S.  Hirzel  in  Leipzig  verdanken,  ist  ein  actcnstück 
zur  geschiclite  des  ,, Deutschen  Wörterbuches,"  und  verdient  schon  deshalb  in 
einer  germanistischen  zeitsclirift  aufbehalten  zu  werden.  Wir  ersehen  aus  ihm,  dass 
Jacob  Grimm  ernstlich  beabsichtigte,  im  wörterbuche  eine  durchgreifende  Verbes- 
serung der  hergebrachten  neuhochdeutschen  sogenannten  rechtschreibung  einzuführen. 
Nur  die  erwägung,  dass  irtümer  und  verurteile  um  so  zäher  und  eigensinniger  haf- 
ten, je  älter  und  unverständiger  sie  sind,  und  dass  also  ein  so  entschiedenes  vorge- 
hen gegen  eine  seit  Jahrhunderten  eingewurzelte  fehlerhafte  gewohnheit  der  Verbrei- 
tung und  Wirkung  des  Wörterbuches  unverhältnismässigen  abbrach  thun  würde ,  konnte 
ihn  bewegen,  von  solchem  vorhaben  abzustehen  und  sich  darauf  zu  beschränken,  in 
der  vorrede  des  Wörterbuches  (1,  liv — Lxn)  die  notweudigkeit  einer  bis  auf  den 
grund  gehenden  Verbesserung  klar  und  eindringlich  darzulegen.  Die  erfüUuug  der 
am  Schlüsse  des  briefes  ausgesprochenen  Weissagung,  dass,  „wenn  neues  politisches 
heil  über  uns  aufgeht,"  das  publicum  „schneller  iiachgeben,"  und  eine  „neue  Ortho- 
graphie" sich  herstellen  lassen  werde,  ,,  die  im  zerrissenen  ermatteten  Deutschland 
nichts  bewerkstelligen  konnte ,"  erscheint  uns  nun  schon  um  ein  gut  theil  näher 
gerückt,  als  man  vor  20  jähren  erwarten  konnte.  Ist  es  aber  nun  gelungen,  nach- 
dem Deutsehland  kaum  zur  grössern  hälfte  politisch  geeinigt  war,  eine  auf  rein  ver- 
nünftiger grundlage  beruhende  einheit  des  maasses  und  gewichtes  herzustellen ,  dann 
dürfen  wir  uns  auch  einer  auf  eben  so  vernünftigen  grundsätzen  erbauten  durchgrei- 
fenden und  allgemein  anerkannten  Verbesserung  der  deutschen  rechtschreibung  um  so 
sicherer  getrösten,  weil  diese  reform  viel  geringere  materielle  Schwierigkeiten  zu 
überwinden  haben  würde  als  jene.  eed. 

An  die   berühmte  Weidmann' sehe  Buchhandlung.     Leipzig. 

Bevor  zur  ausarbeitung  des  Wörterbuchs  nun  geschritten  werde,  ist  ein  ent- 
sclilufs  über  die  zu  befolgende  Schreibweise  zu  fassen,  welche  auf  den  gehalt  und  die 
anordnung  des  werks  grofsen  einflufs  haben  mufs.  Ich  kann,  nachdem  ich  in  der 
grammatik  dargestellt  habe,  wie  unrichtig,  barbarisch  und  schimpflich  die  heutige 
Schreibung  ist,  es  nicht  über  mich  bringen,  sie  in  einer  das  ganze  der  spräche  umfas- 
senden arbeit  dennoch  beizubehalten  und  fortzupflanzen. 

Es  wäre  fast  allen  übelständen  abgeholfen ,  wenn  sich ,  in  der  hauptsaehe ,  zu 
dem  mhd.  brauch  zurückkehren  liefse ,  wodurch  auch  die  Scheidewand  zwischen  gegen- 
wart  und  vorzeit  weggerissen  und  das  lebendige  studium  unsers  altcrtlmms  unsäglich 
gefördert  würde. 

Wie  selir  die  jetzige  Orthographie  im  argen  liegt,  hat  man  bereits  im  vorigen 
jli.  eiiizusehn  angefangen  und  ist  verscliicdcntlich  auf  den  besseren  weg  cinzngehn 
bemüht  gewesen. 

Schlözer  ist  ein  rühmliches  beispicl,  es  gebrach  ihm  nur  an  grammatischer 
einsieht,  aber  viele  seiner  mutig  gewagten  änderungen  sind  untadcUiaft  und  richtig 
abgesehn. 

Auch  Voss  gicng  in  einzelnem  )nit  gutem  grund  voran  und  man  hätte  meinen 
sollen,  dafs  sein  ansehn  und  der  cindruck  seiner  viel  verbreiteten  scliriften  von  nach- 

15* 


228  EIN    BRIEF    ,1.    GRIMMS 

Alles  oder  das  meiste  scheiterte  an  dem  pedantischen  sinn  der  Deutschen,  die 
jeder  edlen  neucrung  einen  häufen  kleinlicher  gründe  entgegen  zu  setzen  gewohnt  sind. 

Unter  den  Spaniern  hat  die  academie  in  auffallenden ,  wesentlichen  stücken  die 
rechtschreibung  geändert  und  jedermann  sich  den  getroffnen  anordnungen  willig 
gefügt,  so  dafs  jetzt  die  spanische  spräche  eine  musterhaft  einfache  und  leichte  Schrei- 
bung besitzt. 

Nur  in  wenigem  ist  bei  uns  die  Verbesserung  vorgedrungen  und  namentlich 
das  unnöthige  Y  verbannt  worden..  Adelung  scheidet  noch  sein  und  f^eyn  und  noch 
heute  schreiben  leute  aus  den  früheren  jähren  ihr  bey ,  frey ,  ohne  doch  die  allge- 
mein werdende  herschaft  des  hei,  frei  aufhalten  zu  können. 

Auch  die  Verbannung  der  einfältigen  grofsen  buchstaben  aus  den  Substantiven 
gibt  wenig  anstofs  mehr  und  wird  darum  um  sich  greifen. 

Mein  grundsatz  war  bisher  allmälich  und  sparsam  vorzurücken,  in  büchern 
wo  man  etwas  ganz  anders  vor  hat  als  die  rechtschreibung,  fällt  jede  ab  weichung 
vom  brauch  störend  auf,  und  mitten  in  der  grammatik  kam  es  mir  noch  nicht  darauf 
an.  ich  hofte,  dass  man  den  gelinden  vorschritt  begünstigen  und  nachahmen  würde; 
jeder  meiner  änderungen  giengen  bereits  ältere  gewähren  voraus  ,  z.  b.  schif,  hof- 
nmig  schrieben  ausser  Voss  schon  manche  vor  ihm.  doch  ist  mir  darin  zaghaft  oder 
gar  nicht  gefolgt  worden  und  man  kehrte  immer  lieber  auf  den  alten  fleck  zurück, 
als  mit  vorzuschreiten. 

Jetzt  beim  Wörterbuch  mufs  kühn  vorangegangen  oder  ganz  die  band  abgelas- 
sen werden. 

Das  Wörterbuch  soll  die  deutsche  spräche  auf  eine  höhere  stufe  ihrer  entwick- 
lung  empor  heben;  es  soll  nicht  im  staub  stehen  bleiben,  sondern  ihn  abschütteln 
und  in  reine  luft  dringen  wollen. 

Folgende  Umwälzungen  in  der  bisher  geltenden  Schreibung  scheinen  mir  noth- 
wendig  und  unabweisbar. 

1)  Das  dehnende  H  wird  verworfen,  es  stört  die  natürliche  Ordnung  aller 
Wörter.  Avie ,  ahne  soll  vor  amme ,  söhn  vor  sommer ,  führen  vor  für  aufgezählt  wer- 
den, da  doch  M  dem  N  vorausgehen  mufs  und  der  Schwede  son  hinter  sommar ,  der 
Däne  sön  hinter  sommer  folgen  lässt.  das  Verhältnis  der  wurzeln  wird  dui'ch  zwi- 
schentritt des  ganz  unwesentlichen  H  getrübt.  Nicht  anders  wird  TH  verschwinden 
und  dem  natürlichen  T  weichen,  bei  Adelung  geht  talg  dem  thal,  thun  dem  tugend, 
thor  dem  tochter  weit  voraus,  da  doch  die  natürliche  folge  wäre  tal  talg,  tugend 
tun,  tochter  tor.  Ln  16  jh.  findet  sich  auch  geschrieben  khün  für  kühn,  rhat  für 
rath,  mhüe  für  mühe,  was  sich  nachher  wider  verlor;  gleich  falsch  und  noch  falscher 
ist  der  anlaut  TH.  Nur  da  bleibt  H  wo  es  einem  organischen  H  oder  W  entspricht, 
wie  in  sehn  fliehn  iveh  ivehen  ehe  mühe. 

2)  Das  dehnende  IE  schwindet,  schon  jetzt  schreiben  viele  das  richtige 
gibt  für  giebt  und  niemand  wird  sich  dem  siht  stilt  f.  sieht  stiehlt  weigern,  zumal 
diese  formen  nun  mit  ifst ,  nimmt  in  die  reihe  treten,  vil,  zil  etc.  haben  gleich 
wenig  bedenken  und  stehn  wie  mir  dir,  wofür  mier  dier  dem  viel  ziel  entsprechen 
würde,  zu  erwägen  bleiben  die  praeterita  schien  mied  blieb,  doch  würde  auch  hier 
die  Schreibung  schin  mid  blib  dem  ritt  griff  gerecht  werden,  gerathen  aber  die  deh- 
nenden IE  in  bann,  so  heben  sich  die  organischen  IE  desto  vortheühafter  und  man 
wird  sich  gewöhnen  in  ziehen  fliehen  lied  (verschieden  von  äugen  -  lid)  den  diphthong 
deutlicher  auszusprechen ,  weshalb  auch  Hecht  lux  zu  schreiben,  nicht  aber  wird  blei- 
ben ,  da  schon  frühe  ieht  nicht  zu  iht  niht  geworden  ist.  ich  gebe  auch  nach  licht 
zu  lassen. 


EIN  BRIEF   J.   GRIMMS  229 

3)  Auch  die  dehnenden  geminationen  unterdrüclde  ich  gern,  und  schriebe 
bar,  her,  mer  f.  baar,  lieer,  meer ,  doch  sind  ihrer  wenige,  wogegen  andere  gemi- 
nationen des  vocals  die  organische  länge  ausdrücken:  haar  leer,  weit  häufiger  dafür 
dehnendes  H  eingedi'ungen  ist :  jähr  toahr  ehre  lehre  ohr.  das  letzte  kann  nicht  länger 
geduldet  werden ;  soll  nun  jaar  loaar  eere  oor  an  dessen  stelle  treten  oder  jar  war 
ere  or?  was  mir  besser  zusagt,  da  wir  auch  schon  waren  erant ,  schwer  mhd.  swcere 
setzen.  Freilich  kann  eingewandt  werden ,  dass  her  exercitus  und  her  huc ,  mer  mare 
und  mer  magis  dm-ch  die  Schreibung  von  einander  abstehen  sollten ;  ich  komme  hierauf 
zurück. 

4)  Geminie rte  consouanz  verdient  erhaltung,  zum  dank  dafür,  dafs  sie 
uns  den  kurzen  vocal  rettete,  nur  auslautend  und  inlautend  vor  T  könnte  sie  sich 
nach  mhd.  weise  vereinfachen,  noch  im  17  jh.  schrieb  man  nicht  selten  al  sol  kan 
man  solle  Jconte  und  ich  wäre  dieser  regel  nicht  gram ,  lasse  mich  aber  überstimmen. 
FF  in  solchen  fällen  ist  mir  ein  greuel,  weil  scMf  =  schiph^yh  sich  etwa  ausnimmt 
wie  dachch  oder  netztz  für  dach  netz,    im  inlaut  lässt  sich  schiffe  aussprechen. 

5)  Kitzlich  ist  das  SZ  =  ß  und  schon  ahd.  wurde  das  weiche  z  oder  §  durch 
zs,  mhd.  hin  und  wieder  zz  z,z,  durch  SZ  oder  ZS  ausgedrückt,  da  wir  das  harte  Z 
in  -  und  auslautend  mit  TZ ,  also  zwei  buchstaben  bezeichnen ,  wäre  auch  SZ ,  wie 
jedermann  den  buchstaben  nennt,  erträglich,  und  er  darf  weder  ein  polnischer  buch- 
stabe  noch  laut  gescholten  werden,  wir  trennen  CH,  warum  nicht  SZ?  die  bezeich- 
nung  durch  /"s,  so  sehr  sie  um  sich  gegriffen  hat,  ist  schlecht  weil  nichts  sagend, 
und  schon  darum  zu  verdammen,  weil  sie  sich  nicht  in  der  majuskel  ausdrücken 
läfst.  ich  mufs  also  auf  SZ  sz ,  das  uns  auch  den  Ursprung  aus  Z  und  die  nähe  des 
S  anschaulich  macht,  bestehen.  SS  im  auslaut  ist  unstatthaft,  viele  mhd.  auslaute 
z,  und  inlaute  z,s,  sind  aber  nhd.  in  S  und  SS  übergetreten:  Benecke  bemühte  sich 
hreifs  aus  kreis  herzustellen,  schrieb  aber  nicht  ameifse  noch  weniger  aufs  oier  ivafs 
=  mhd.  it^  wa§.  Schon  ahd.  galt  Hessi ,  mhd.  Hesse  Hessen  =  Chatti,  warum 
sträuben  wir  uns  nhd.  wasser  essen  zu  schreiben?  die  regel  hat  Adelung,  dünkt 
mich ,  recht  gehandhabt ,  dafs  im  inlaut  nach  langem  vocal  SZ,  nach  kurzem  SS  zu 
schreiben,  d.  h.  nach  langem  vocal  ein  etwas  dickerer  consonant  als  nach  kurzem 
auszusprechen  sei.  wir  sind  unbefugt  nach  mhd.  regel  loafser  efsen  (eigentlich  gäbe 
wa§§er  ez,z,en  tvafsfser  efsfsen)  herzustellen,  so  wenig  wir  efs  wafs  für  e§  wa^ 
schreiben;  der  unentbehrliche  unterschied  zwischen  das  und  dafs  lehrt  eben,  wie 
für  die  conjunction  der  dickere  laut  haftete,  für  den  artikel  sich  gleichfalls  in  S 
auflöste. 

Das  sind  die  hauptsachen ,  woran  mir  gelegen  ist:  es  gibt  noch  manche  andere, 
von  geringerer  bedeutung,  die  sich  leichter  entscheiden.  Unsere  guten  herrn  Verle- 
ger, wenn  sie  dies  gelesen  haben,  werden  erschrecken  und  bedenklich  sein;  ja  die 
weit  wird  schreien  über  die  neuerungen  in  der  Schreibung  und  anfangs  geneigt  sein 
den  stab  darüber  zu  brechen. 

Ich  habe  mich  nicht  geweigert  in  andern  büchern  mit  dem  ström  zu  schwim- 
men, sogar  diese  zeilen  sind  in  der  alten  Orthographie  niedergeschrieben:  aber  der 
Verfasser  eines  deutschen  Wörterbuchs  vernichtet  unmittelbar  seine  mühsame  arbeit 
und  würdigt  sie  herab,  wenn  er  sich  den  fehlem  ergibt,  die  allein  die  Unwissenheit 
und  lange  verkennung  unserer  Sprachgesetze  hegen  konnte.  Es  mufs  in  der  vorrede 
umständlich  und  umständlicher  als  hier  geschah  über  die  noth wendigkeit  der  refor- 
mation  geredet  werden;  machen  vernünftige  gründe  eindruck,  so  steht  zu  erwarten, 
dass  das  publicum  allmälich,  oder  wenn  neues  politisches  heil  über  uns  aufgeht, 
schneller  nachgeben  und  das  werk  auch  eine  neue  Orthographie  heranführen  wird,  die 


230  LAAS,  DER  DKUTSCHE  AUFSATZ 

im  zerrirsencii  ermatteten  Doiit.scliland  nichts  bewerkstelligen  konnte.  Dann  mag 
selbst  rlic  erfahrne  Verzögerung  dem  Wörterbuch  zu  statten  konnnen,  damit  es  gerade 
mit  dem  beginn  unseres  umgestalteten  öffentlichen  lebens  zusammen  treffe.  Alle  vor- 
geschlagnen abänderungen  der  Schreibung  laufen  darauf  hinaus,  die  spräche  durch 
das  ausscheiden  schleppender  buchstaben  rascher,  behender  zu  machen  und  mit  der 
Orthographie  der  meisten  uns  verwandten  Völker  in  einklang  zu  bringen,  das  Wör- 
terbuch, ^Yenn  es  gelingt,  wird  dadurch  an  ansehen  und  Verbreitung  gewinnen. 

Noch  ein  wort  über  den  pedantischen  grundsatz  keine  gleichlautigen  fonnen 
für  verschiedne  bedcutungen  zu  leiden,  alle  sprachen ,  die  griechische  und  lateinische 
mit  einbegriffen ,  besitzen  genug  dergleichen  Wörter  und  gerathen  nie  in  Verlegenheit ; 
das  leben  der  rede,  der  Zusammenhang  hebt  alle  zweifei.  Schrieb  man  im  13  jh. 
unbedenklich  sin  sui  und  sin  esse ,  so  sollen  wir  auch  kein  sein  und  seyn  unterschei- 
den wollen,  so  wenig  -wir  legen  pouere  und  gelegen  positus  in  der  schritt  sondern. 
darum  taugt  die  iriiterscheidung  nichts  zwischen  «üjV^er  contra  lüie^Ze?- rursus ,  zwischen 
loar  fui  und  loalir  verus  u.  s.  w. 

(BERLIN,   IM   APRUi    1849.)  JACOB   GRIMM. 


Dr.  Ernst  Laas,  Der  deutsche  Aufsatz  in  der  ersten  Gymnas  ialklasse 
(Prima.)  Berlin,  Weidmaunsche  Buchhandlung.  1868.  (Preis  1  thlr.) 
Neben  der  festen  umgränzung  des  lehrstoffes  nnd  der  sichern  durchbildung  der 
lehrniethode ,  welche  innerhalb  des  gymnasial  -  Unterrichts  der  classischen  philologie 
und  der  mathematik  zu  gute  kommen,  fällt  das  vielerlei  des  gegenständes  und  eine 
tastende,  subjectivem  ermessen  und  gelüsten  masslos  nachgebende  behandlung  an  dem 
lehrfach  des  deutschen  auf,  obwol  demselben  nach  seiner  bedeutung  für  den  Organis- 
mus des  gymnasiuras  die  anerkennung  der  gleichberechtigung  mit  jenen  discipliuen 
längst  zu  theil  geworden  ist.  Elemente  der  historischen  grammatik,  altdeutsche  lec- 
türe,  lectüre  neuerer  litteraturwerke ,  poetik,  litteraturgeschichte ,  logik  und  Psycho- 
logie ,  freie  vortrage ,  versification ,  aiifsatz  —  alles  das  sind  materien ,  die  erlaubter 
oder  vorgeschriebener  raassen  in  den  deutschen  stunden  der  obersten  gymnasialklassen 
behandelt  werden.  Und  so  verschiedener  auffassung  unterliegt  zur  vergrösseruug  des 
Übels  widerum  jedes  einzelne  von  jenen  gebieten,  dass  nach  beiden  selten  hin  das 
gesunde  mittelniass,  worauf  die  Vielheit  der  objecto  selbst  hinweist,  aufs  bedenklichste 
überschritten  und  z,  b.  in  der  einen  anstalt  gotische  grammatik  und  lectüre  getrie- 
ben wird,  während  auf  der  andern  vielleicht  die  elementarsten  begriffe  der  histo- 
rischen grammatik  unbekannt  bleiben,  dass  man  hier  die  deutschen  stunden  eines 
ganzen  Semesters  oder  mehrerer  ausser  dem  aufsatze  nur  der  logik  widmet,  während 
anderswo  widerum  die  Schülerschaft  kaum  bis  zur  Unterscheidung  von  umfang  und 
Inhalt  eines  begriffes  gedeilit;  dass  in  der  einen  schule  fast  nur  noch  Lessing  gele- 
sen, in  einer  andern  sorgfältig  geleiteten  widerum  sogar  ein  nichtclassiker  wie  ('lau- 
dius  für  eine  geeignete  semesterlectüre  gehalten  wird;  dass  es  schulen  gibt,  wo 
in  sämtlichen  deutschen  stunden  kaum  einmal  ein  schüler  zu  zusammenhangender 
äusserung  gelangt,  während  in  andern  in  alter  tradition  das  curiosum  fortlebt,  dass 
die  schüler  mit  ihren  sogenannten  freien  vortragen  ein  drittel  sämtlicher  lehrstunden 
ausfüllen. 

Die  Ursachen  dieses  misstandes  liegen  nur  zum  kleineren  theile  so  offen  da, 
dass  nicht  von  ihrer  Untersuchung  und  erkenntuis  die  wesentlichste  beihilfe  für  seine 
bcseitigung  erwartet  werden  dürfte.  Von  einer  derartigen  Untersuchung  aber  Averden 
die  Interessen   der    deutschen  philologie   aufs   wesentlichste  initberührt  werden.    Ihi-e 


LAAS,  DER  DEUTSCHE  AUFSATZ  231 

beziehuugen  zur  schule  überliaupt ,  zum  deutschen  uuterricJite  vor  allem  sind  unbe- 
stritten. Wie  aber  stellt  es  wol  mit  einem  aus  Wissenschaft  und  praxis  gleich  sehr 
liervorgediehenen  versuche  dieselben  fest  zu  stellen?  Sollten  nicht  sofort  einige  der 
wichtigsten  selten  des  deutschen  unterriclYts  der  herschenden  Unklarheit  entrissen  wer- 
den, wenn  es  gelänge  zu  ermitteln,  wie  weit  nunmehr  die  deutsche  philologie,  wie 
sie  dermalen  ist,  dem  gymnasium  nutzbar  zu  machen ,  nach  Avelchen  selten  der  Uni- 
versitätsunterricht in  dieser  Wissenschaft  vielleicht  auszudehnen  sei ,  ob  es  sich  nicht 
empfehle,  anstalten  der  Vermittlung  zwischen  Avisseuschaft  und  schule,  wie  sie  in 
seminarien  für  französisch  und  englisch,  für  mathematik,  für  allgemeine  pädagogik 
bereits  mit  glück  versucht ,  auch  zum  frommen  zukünftiger  deutschlclirer  anzustreben, 
wie  es  denn  endlich  mit  dem  praktischen  erfolge  der  unzweifelhaft  woldenkenden 
fürsorge  der  gesetzgebung  auf  dem  gebiete  der  prüfungsreglements ,  der  lehrpläne 
u.  s.  w.  bestellt  sei  V  Es  sind  dies  fragen ,  für  deren  erörteruug  sich  die  spalten  die 
ser  Zeitschrift  berufenen  männeru  der  Wissenschaft  und  der  schule  immer  gern  öffnen 
werden  und  deren  lösung  unausgesetzt  im  äuge  zu  behalten  wünsch  der  heraus- 
geber  ist. 

Aus  diesem  wünsche  erscheint  auch  eine  kurze  erwälmung  der  monographie 
gerechtfertigt,  welche  Dr.  Ernst  Laas  soeben  über  den  deutschen  aufsatz  iii  der 
ersten  gymnasialklassc  veröffentlicht  hat.  ,,Der  dienst  am  deutschen  aufsatz"  ist 
nach  Laas  die  höchste  und  wichtigste  der  aufgaben  des  deutschlelu-crs  in  prima.  In 
ihm  findet  demgemäss  die  unter  das  fach  des  deutschen  fallende  Vielheit  der  gegen- 
stände einheit  und  mitteljurnkt.  Wie  dieser  grundgedanke  des  buches  der  pädagogi- 
scheu klarheit,  so  macht  seine  durchführung  der  philosophischen  bildung  des  Verfas- 
sers ehre.  Dabei  ist  ganz  besonders  zu  loben ,  dass  die  k;aft  logischer  entwickelung 
Laas  nirgends  verleitet,  aus  den  schranken  des  durchführbaren  herauszutreten.  Es 
sind  eben  erfahrungen  und  ertrage  des  Unterrichtes,  aus  denen  dieses  handbuch 
erwachsen  ist;  nie  verliert  der  Verfasser  die  reife  und  das  wissen  der  schüler,  eher 
einmal  die  knappheit  der  Stundenzahl  aus  dem  äuge,  was  um  so  weniger  ein  schade, 
da  eine  immer  gi-ündlichere  erwägung  der  aufgaben  des  deutschen  Unterrichts  nach 
seiner  gewiss  von  vielen  getheilten  meinung  auch  die  frage  einer  Vermehrung  der 
Stundenzahl  immer  ernstlicher  hervordrängen  wird.  Es  ist  nicht  möglich  hier  den 
interessanten  gedankengang  zu  widerholen ,  auf  welchem  der  Verfasser  bei  der  erkennt- 
nis  von  wesen  und  zweck  des  deutschen  aufsatzes  anlangt.  In  der  hauptsache  wird 
demselben  die  reproduction  der  auf  der  schule  zuzuführenden  nationalen  bildungsele- 
mente  als  aufgäbe  überwiesen.  Unter  denselben  steht ,  wie  billig ,  dem  Verfasser  die 
nationale  litteratur  voran,  und  wenn  uns  ihre  Verwertung  für  den  aufsatz  wie  die 
der  litteratur  überhaupt,  in  dieser  monographie  unverhältnismässig  stark  betont 
erscheint,  so  kann  Laas  doch  keineswegs  der  Vorwurf  gemacht  werden ,  dass  er  den 
religiös  -  sittlichen  und  politisch -patriotischen  fond,  den  die  Jugend  auf  unsern  gym- 
nasien  vor  allem  andern  gewinnen  soll ,  verkannt  oder  übersehen  luibe.  Blit  der  Ver- 
arbeitung der  neueren  deutsclien  litteratur,  wie  Laas  sie  in  lebendiger  veranschau- 
lichung  vorschlägt  und  recht  eigentlich  dem  lernbegierigen  lehrer  wie  schüler  vor- 
macht, wird  man  im  ganzen  nur  einverstanden  sem  können;  die  ältere  zeit  kommt 
hier  nur  in  wenigen  paragraphen  zur  besprechung,  —  ist  doch  nach  des  Verfassers 
absieht  das  mittelalter  der  kern ,  um  den  sich  alles ,  was  in  ober  -  secunda  in  den 
deutschen  stunden  getrieben  wird,  herum  legt,  und  unser  buch  Avill  prhna  dienen. 

Der  grössere  theil  des  starken  bandcs  enthält  eingehende  besprechung  von 
,, aufgaben,  die  aus  dem  unterrichte  oder  der  privatlcctüre  stammen."  Diese  mate- 
rialien  zu  deutscheu  aufsätzen  werden ,  so  steht  zu  hoffen ,  durch  die  gcdiegenheit  des 


232  STARK,    KOSENAMKN 

gohaltcs  und  die  strenge  nietliudc  iliier  anläge  aus  den  liiinden  der  lelirer ,  welche 
nicht  ähnlich,  wie  Laas  selbst,  die  deutschen  theuiata  aus  dem  ganzen  des  eignen 
Unterrichtes  und  der  schule  zu  gewinnen  wissen  ,  endlich  jene  unbeschreiblich  seichten 
hill'sinittel  entfernen,  welche  als  ein  trauriges  Zeugnis  für  den  stand  des  deutschen 
Unterrichts  in  Deutschland  noch  neuerdings  in  inuner  neuen  auflagen  und  fortsetzun- 
gen  erscliicnen  sind. 

BERLIN.  E.    HÖPFNER. 

Die  kuseuamen  der  Germanen,  eine  Studie  von  (Ir.  Franz  Stark.  Mit  drei 
excursen:  1)  über  zun  amen,  2)  über  den  Ursprung  der  zusammen- 
gesetzten namen,  3)  über  besondere  friesische  namensformen 
und  Verkürzungen.  Wien,  Tendier  &  C.  1868.  191  selten.  (Preis  2  thlr.) 
Der  Verfasser  dieser  überaus  fleissigen  arbeit  bezeichnet  dieselbe  als  Vorarbeit 
für  ein  germanisches  uamenbuch,  welches  er  in  wissenschaftlich  genügender  Vollen- 
dung noch  vermisst.  Und  sicher  war  für  die  hypokoristischen  namenformen ,  fast  die 
häufigsten  und  jedenfalls  die  schwierigsten,  bis  jetzt  nur  beiläufiges  geschehen,  es 
fehlt  gerade  hier  zumeist  eine  auch  nur  einigermassen  vollständige  samlung  der  for- 
men und  noch  mehr  an  einer  wirklich  kritischen  betrachtung  und  sichtung  derselben. 
Der  herr  Verfasser  hat  nun  die  kosenamen  aus  allen  Jahrhunderten  und  nicht  bloss 
aus  hoch  -  und  niederdeutscher ,  angelsächsischer  und  altnordischer  spräche  zusammen- 
gestellt: auch  auf  die  französischen,  spanischen,  italienischen  hypokoristischen  Umfor- 
mungen deutscher  eigennamen  ist  er  eingegangen,  Das  quintilianische  plus  habet 
operis  quam  ostentationis  kann  er  mit  vollstem  rechte  von  seinem  buche  sagen,  das 
in  knappester  form  ein  sehr  reiches  material  (wie  dcf  index  von  I  — XII  ausweist) 
verarbeitet.  Folgen  wir  zunächst  dem  zu  bahnen  höchst  mühevollen ,  jezt  aber  auch 
für  minder  gerüstete  gangbar  gemachten  wege,  der  uns  eine  reiche  fülle  des  beleh- 
renden neuen  bieten  wird.  Alle  einfachen  namen  sind  (s.  10)  Verkürzungen  und  zwar 
hypokoristische  Verkürzungen  ursprünglich  zusammengesetzter  eigennamen ;  dieser  ein- 
fachen namen  wird  nun  eine  ziemlich  reiche  anzahl  aus  allen  deutschen  stänmien 
und  vom  5.  Jahrhundert  an  zusammengestellt,  und  zwar  zuerst  solche  welche  den 
ersten,  dann  solche  welche  den  zweiten  bestandteil  der  composition  aufgegeben  haben. 
Einzelne  wie  Burgundofaro ,  welcher  name  als  Faro  und  als  Burgundo  verkürzt  vor- 
komt,  gehören  zu  beiden  Massen.  Dieser  samlung,  welche  keineswegs  vollständig 
ist  und  nur  zahlreiche  beispiele  bieten  soll,  folgt  dann  s.  19  f.  die  besprechung 
der  .änderungen,  welche  die  einfach  verkürzten  namen,  und  zwar  immer  nur 
an  der  auslautenden  (einfachen  oder  doppelten)  cousonanz  des  stammes  erlitten 
haben:  diese,  in  den  verkürzten  namen  oft  als  inlaut  erscheinend,  wird  bisweilen 
geradezu  verdoppelt ,  z.  b.  Ricca  =  Eigilda ,  Sicco  =  Sibertus ,  Sifridus  (wie  ja  ahd. 
gern  einfache  consonanz  zwischen  vocaleu  verdoppelt  wird  s.  20);  häufiger  (s.  21  f.) 
aber  zeigt  sie  nur  den  schein  der  Verdoppelung,  indem  doppelte  stanuuschliessende 
consonanz  gern  sich  assimiliert,  was  an  verschiedenen  cousonanteugruppen ,  deren 
erster  laut  stets  1  n  r  oder  h  ist,  in  zahlreichen  beispielen  nachgewiesen  wird.  — 
Aber  auch  fernere  Verkürzungen  erleiden  diese  schon  durch  Verkürzung  entstandenen 
namen ,  da  sie  1)  (so  meist  romanische  und  friesische  formen)  den  schlussconsouant  der 
Wurzel  (k  h  d  g  1  n)  verflüchtigen,  wie  Huon,  Huo  =  Hugo  (s.  37);  oder  2)  namen 
mit  consonantischer  ableitung  diese  entweder  oder  den  vor  ihr  die  wurzel  schliessen- 
den  consonauten  abwerfen ,  z.  b.  s.  41  von  ragin  Eagfridus ,  s.  4G.  Aalram  für  x\.dal- 
ram.  Alle  diese  hj-pokoristischen  formen  können  nun  deminutiou  erleiden,  die  drei- 
facher art  ist,  je  nachdem  ihr  einfache,    veränderte  oder  verkürzte  hypokorismeu  zu 


ST^VRK,    KOSENAMEN  233 

gründe  liegen  (s.  53);  sie  erfolgt  durcli  den  vocal  i,  durch  1  k  z  lin  und  chin.  Auch 
diese  deminutiva  erleiden  nun  wieder  verschiedene  Verkürzungen  (65) ,  zunächst  durch 
causfall  des  vocals  der  deminutivendung ,  welcher  oft  den  Verlust  des  consonantischen 
Wurzelauslautes  mit  veranlasst,  so  namentlich  in  friesischen  namen  und  in  angel- 
sächsischen. Bei  den  deminutiven  mit  k  und  1  sch^vindet ,  wenn  der  auslaut  der  Wur- 
zel ein  kehllaut  ist,  dieser  oft  und  der  vokal  der  deminuierenden  endung  bleibt  (74), 
z.  b.  Aiko  für  Agiko  u.  s.  av.  Ebenso  geschieht  es  bei  den  mit  z  deminuierenden 
Worten,  nur  dass  vor  diesem  z  auch  w  1  n  (m)  und  r  des  stanimes  häufig  weichen. 
Von  s.  90  an  bespricht  der  Verfasser  nun  die  widerholte  deminution ,  indem  1)  die  erste 
unverkürzt  bleibt  und  dann  noch  (doch  nur  die  bildungen  mit  1,  z  und  in)  durch  i 
weiter  verkleinert  wird,  z.  b.  Siutili;  oder  2)  die  erste  deminution  ist  verkürzt  und 
dann  sind  die  deminutiva  auf  1  k  z  einer  zweiten  deminution  fähig.  Nachdem  nun 
alle  die  vom  vollen  namen  im  auslaut  abfallenden  stamme  und  die  welche  bleiben  oder 
abfallen  zusammengestellt  sind ,  nach  einigen  bemerkungen  über  alter  und  Verbreitung 
der  hypokoristischen  einstämmigen  formen ,  folgt  dann  s.  103  die  besprechung  der 
zweistämmigen  kosenamen,  die  zwar  nicht  so  zahlreich,  für  die  erkentnis  aber  durch 
die  in  ihnen  meist  herschende  contraction  ganz  besonders  schwierig  sind.  Denn  alle 
zweistämmigen  hierher  gehörigen  formen  sind  entweder  einfach  zusammengezogen 
oder  zugleich  zusammengezogen  und  verkleinert.  Die  contraktion,  die  sie  erleiden, 
ist  dreifacher  art :  indem  entweder  der  erste  theil  des  componierten  namens  hauptsäch- 
lich (unverkürzt  oder  verkürzt)  bewahrt  wird  und  vom  zweiten  theil  nur  der  anlautende 
(auslautende  s.  104  ist  druckfehler)  consonant ;  oder  2)  (133)  der  zweite  stamm  hauptsäch- 
lich gewahrt  wird  und  vom  ersten  nur  der  an-  oder  auslautende  consonant  erscheint, 
eine  seltene  und  mehr  der  gelehrsamkeit  angehörende  contractionsweise ;  oder  3)  (114) 
indem  beide  stamme  in  der  zusammengezogenen  form  gleichmässig  vertreten  sind. 
Die  Verkleinerung  dieser  zusanmiengezogenen  namen  (141)  findet  sich  nur  durch  1  k  z 
(ableitungen  auch  mit  -n ,  -t)  und  nur  von  den  contrahierten  namen ,  welche  den  ersten 
stamm  bewahrt  haben.  Auch  diesen  zweiten  theil  des  wei'kes  schliesst  der  Verfasser 
mit  der  betrachtung  der  zusammengezogenen  namen  nach  zeit  und  ort  ihres  Vor- 
kommens. 

Dieser  rahmen  wird  nun  belebt  durch  eine  reiche  fülle  von  beispielen,  deren 
jedes  einzelne,  wie  es  uns  bei  Stark  vorliegt,  ein  genaues  historisches  luid  etymo- 
logisches Studium  voraussetzt.  Als  besonders  wertvoll  möchten  wir  die  besprechung 
und  erklärung  der  schwierigen  zusammengezogenen  formen  bezeichnen,  da  hier  gar 
manches  sprachrätsel  seine  erledigung  findet;  und  es  ist  kein  beispiel,  wo  nicht 
wenigstens  bedeutende  fingerzeige  der  erklärung  gegeben  werden.  Man  wird  mit 
herrn  Stark  nicht  rechten  dürfen ,  dass  er  nicht  das  ganze  reiche  material ,  das  ihm 
zu  geböte  stand,  gegeben  hat,  da  er  ja  kein  germanisches  nainenbuch  selbst,  son- 
dern nur  eine  studie  dazu,  nur  die  erläuterung  der  hypokoristischen  namenverände- 
rung  in  ihren  principien  geben  wollte.  Und  in  dieser  erläuterung  sowol  wie  in  der 
methodischen  classiflcierung ,  sowie  ferner  in  der  genauen  beobachtung  der  einzelnen 
formen  bei  der  bestimmung ,  wohin  sie  gehören ,  gerade  in  dieser  naturwissenschaft- 
lichen schärfe  der  beobachtung  und  der  methode  möchten  wir  einen  hauptvorzug  die- 
ses buches  sehen,  der  uns  den  lebhaften  wünsch  aussprechen  lässt,  dass  der  Verfas- 
ser auf  diesem  felde,  das  des  ausbaues  noch  so  sehr  bedarf,  bald  neue  ernte  halten 
wollte.  Namentlich  wichtig  wird  es  sein ,  wenn  er  ganz  durcliführt,  was  er  in  dieser 
Studie  schon  anbahnt ,  eine  möglichst  strenge  Scheidung  keltisches  und  germanisches 
sprachgutes,  welches  jetzt  noch  vielfach  in  den  eigennamen  durcheinander  gewirrt  ist. 
Und   fast   noch   wichtiger  ist    die   andere   Vorarbeit ,   welche  der  Verfasser  für  nötig 


234  STARK,   KOSENAMEN 

hält:  fTCuauo  darstellung  der  veräiulerungen ,  welche  gerinanisclic  iiaiacnslormeu  in 
romaiiisehor  und  griechisch-römischer  zunge  erfahren  haben ,  denn  liieraus  wird  neben 
der  namenforschuug  auch  die  Sprachwissenschaft  im  allgemeinen  die  reichsten  fruchte 
ernten. 

Indes,  so  wichtig  diese  arbeiten  sein  Averden:  das  ist  doch  zu  viel  gesagt, 
wenn  der  Verfasser  behauptet  (vorwort) ,  dass  zu  einem  Avissenschaftlichen  germani- 
schen namenbuch  bis  jetzt  alles,  auch  jede  Vorarbeit  vermisst  werde.  Mag  auch  För- 
stemauns  namenbuch  manche  und  nicht  unbedeutende  schwächen  haben :  in  vieler 
weise  hat  er  das  rechte  getroffen  und  gerade  zu  etymologischer  Verarbeitung  ist  seine 
samlung  und  Zusammenstellung  wertvoll.  Und  ist  Potts  namenbuch  nicht  eine  unschätz- 
bare Vorarbeit  für  jeden,  der  speciel  sammeln  will?  Allerdings  ist  Potts  werk  auf 
sehr  weite  gesichtspunkte  berechnet.  Aber  wenn  hen*  Stark  in  vorliegender  studie, 
welche  nur  die  deutschen  hypokoristischen  namen  besprechen  soll,  sich  mit  recht 
nur  aufs  deutsche  beschränkt,  so  wii'd  ein  germanisches  allgemeines  namenbuch  ganz 
unmöglich  sein  ohne  sprach-  und  sittenvergleichung.  Gar  vieles  was  bei  uns  dunkel 
ist,  Avird  sich  aufhellen  von  Eom,  Griechenland,  Asien  her;  wie  ja  das  Pott  im  ein- 
zelnen schon  gezeigt  hat.  Und  in  einem  stück  scheint  uns  die  beschränkung  des 
herrn  Verfassers  auch  für  diese  studie  zu  knapp:  allerdings  erwähnt  er  einzelne  nhd. 
namenbildungen ,  aber  er  engt  sich  vielfach  zu  sehr  aufs  niittelalter  ein.  Gar  man- 
ches sjjrachgesetz  —  denn  diese  gesetze  dauern  und  wirken  lange  —  wird  seine 
erläuterung  in  modernen  erscheiuuugen  finden;  oder  entgegenstehendes  nhd.  muss 
widerlegt,  entkräftet  werden,  wenn  es  nicht  der  arbeit  schaden  soll.  Ein  beisj)iel 
mag  klar  machen ,  was  wir  wollen.  Der  herr  Verfasser  stellt  die  behauptung  auf, 
die  einfachen  namen  seien  alle  hypokoristisch  (s.  10  excurs.  2).  Hier  hätte  man  nun 
den  beweis  schärfer  gewünscht.  Herr  Stark  gibt  uns  zahlreiche  beispiele  (s.  12  — 19), 
aber  hier  musten  alle  einstämmigen  formen  angeführt  und  als  ursprünglich  mehrsil- 
big dargelegt  Averdeu,  da  jedes  einzelne  nicht  erwähnte  beispiel  die  regel  umstossen 
kaim.  Auch  die  Art ,  Avie  diese  beispiele  gegeben  Averden  ,  ist  gar  zu  knapp  ;  da  heisst 
es  Vulfus  =  Hunulfus  Jörn,  c  54  (und  so  die  übrigen  beispiele) ,  während  hier  der 
leser  gleich  den  vollen  beweis  finden  muste ,  dass  Avirklich  VuLfus  dort  gleich  Hunul- 
fus sei  und  ferner,  dass  wirklich  nirgends  Wulf  als  einstämmiger  eigenname  vor- 
komt.  Und  auch  die  behauptung,  Avelche  Avir  s.  57  lesen,  dass  ein  überblick  über 
die  namengebilde  der  vorliegenden  schrift  schon  deutlich  bcAviese ,  die  Germanen  hät- 
ten schon  beim  ersten  erscheinen  in  der  geschichte  ihre  namen  aus  zAvei  Avörtern 
durch  Zusammensetzung  gebildet  und  schon  damals  hypokoristisch  gekürzt,  diese 
behauptung  bcAveist  nichts  und  ist  in  dieser  allgemeinheit  schAverlich  richtig.  Vul- 
fila  der  Goten  bischof  hat  nur  diesen  namen ,  uüd  Aväre  dieser  durch  hypokoristische 
zunächst  abAverfung  des  zweiten  theiles  und  dann  deminution  entstanden ,  sicher  Aväre 
uns  bei  der  Stellung  seines  trägers  der  volle  name  überliefert.  Ebenso  ist  es  mit 
anderen,  z.  b.  Hraban.  Hugo,  Berta,  Bruno  sind  heutzutage  noch  gebräuchliche 
einstämmige  namen,  zu  denen  es  gar  keine  vollere  form  gibt;  es  Aväre  doch  auffal- 
lend ,  Avenn  die  spräche  so  sehr  in  allen  diesen  Verkürzungen  versteüieii  Aväre ,  dass 
sie  auch  jede  möglichkeit  der  composition  bei  ihnen  vergessen  hätte.  Waren  diese 
einfachen  Avorte  aber  volle  namen  von  jeher,  so  hat  dies  nichts  auffaUeudes.  Und 
warum  sollen  die  Germanen  alle  einstämmigen  namen  aufgegeben  haben,  da  sie  doch 
so  viele  verwaute  Völker ,  Griechen ,  Römer  u.  s.  av.  beibehielten  ?  Auch  der  erklä- 
rungsversuch  des  Verfassers  für  die  entstehung  tler  zusammengesetzten  namen  ist  nicht 
durchschlagend.  Er  meint  (s.  158  — 163),  diese  composita  seien  alle  durch  Verbindun- 
gen der  elterlichen  oder  sonst  verAvantschaftlichen  namen  entstanden.    Aber  so  kön- 


STABK  ,    KOSENAMEN  235 

neu  unmöglich  alle  diese  mehrstäininigeu  formen  entstanden  sein ;  da  sie  zu  deutlich 
oft  nach  anderen  principien  gebaut,  zu  häufig  von  schlacht  und  krieg  u.  s.  w.  ent- 
lehnt oder  mythologischen  Ursprungs  sind  u.  dergl.  m.  In  vielen,  ja  in  den  meisten 
fällen  hat  gewiss  der  Verfasser  ganz  recht:  in  dieser  allgemeinheit  wird  er  aber  den 
satz  kaum  durcliführen  können;  wenigstens  bis  jetzt  ist  ihm  der  beweis  noch  nicht 
gelungen. 

Dies  war  das  hauptbedenken ,  was  wir  gegen  das  buch ,  das  gerade  hierauf 
grosses  gewicht  legt,  hatten.  Noch  etwas  anderes  sei  erwähnt.  Herr  Stark  meint 
s.  20,  dass  die  Verdoppelung  des  consonantischen  wurzelauslautes  in  einstämmigen 
Verkürzungen  wie  Sicco  =  Sigbertus,  Sigfrid  lediglich  aus  der  Vorliebe  des  ahd. 
für  doppelte  consonanz  zwischen  zwei  vokalen  stamme.  Wir  sehen  in  dieser  Verdop- 
pelung etwas  ganz  speciel  absichtliches.  Solche  hypokorisraen  dienen  einmal  als 
kosenamen,  zweitens  aber  zum  ruf.  Alle  jene  Verkürzungen  mit  doppelter  consonanz 
haben  kurzen  vokal :  man  wolte  den  namen  kürzen ,  um  ihn  zum  ruf ,  zur  rasch 
lebendigen  anrede  brauchbarer  zu  machen ,  wie  das  indogermanische  im  vocativ  immer 
die  kürzeste  Stammform  setzt.  Zugleich  aber  hat  jene  Verschärfung  des  lautes  etwas 
zärtliches:  der  name  Hess  sich  rascher  aussprechen;  die  stimme  sprach  intensiver  den 
geliebten  klang  aus.  Man  bemerke  wie  auch  die  natürlichsten  kosenamen  dieselbe 
form  haben:  pappa,  mamnia,  (Ütu  u.  s.  av.  So  erldären  wir  uns  auch  die  Vorliebe 
für  assimilationen  in  solchen  namen  (s.  21  — 32).  Diese  crscheinung  berührt  sich  in 
ihrem  inneren  wesen  mit  reduplicierenden  eigennamen,  wie  Boppo,  Poppo  (über  wel- 
chen namen  auch  herr  Stark  zweifelt),  Lili,  Minii  u.  s.  w. ,  deren  reduplication  auch 
kosend  gemeint  zu  sem  scheint.  Doch  verdienen  diese  formen  eine  eingehendere 
besprechung. 

Wenn  sich  nun  so  )uanches  einzelne  findet,  worüber  man  mit  dem  herrn  Ver- 
fasser vielleicht  verscliiedener  meinung  ist :  mit  seinem  ganzen  gang  und  mit  den  auf 
feinster  beobachtung  beruhenden  einzelnen  gesetzen ,  die  er  aufstellt,  kann  man  es 
nicht  sein;  und  sprechen  wir  mit  wärmstem  Dank  für  die  mannigfaltige  und  sichere 
belehrung ,  welche  das  buch  gewährt ,  unsere  Überzeugung  dahin  aus ,  dass  herr  Stark 
die  forschung  über  deutsche  namen  aufs  wesentlichste  gefördert  hat,  sowie  die  hof- 
nung  und  den  dringenden  wünsch ,  dass  es  ihm  gefallen  möge,  auch  die  übrigen  vor- 
arbeiten, die  er  und  wir  alle  mit  ihm  für  nötig  erachten,  auszuarbeiten.  Wer  mit 
so  jahrelangem  eingehenden  fleiss  und  Scharfsinn  auf  diesem  felde  gearbeitet  me  er, 
der  ist  vne  keiner  dazu  berufen.  Und  dürfen  wir  schliesslich  noch  eine  kleinigkeit 
erwähnen,  die  freilich  nur  auf  die  äussere  einrichtung  des  buches  geht?  Die  strengste 
knajipheit  ist  in  demselben  überall  gesetz,  resultate,  worüber  man  selten  füllen  könte 
und  bisweilen  gern  gefüllt  sähe,  werden  oft  nur  in  einem  satz  hingestellt.  Auch  die 
quellenangabcn ,  auf  der  grösten  belesenheit  und  den  umfassendsten  Studien- beruhend 
und  nirgends  felilend ,  sind  gleichfalls  möglichst  kurz  angeführt.  Hätte  es  doch  herrn 
Stark  gefallen,  ein  Verzeichnis  derselben  zu  geben,  da  sie  zu  überschauen  bei  ihrem 
reichtum  und  ihrer  ausdehnung  über  lange  Jahrhunderte  und  verschiedene  Völker  von 
litteraturgeschichtlichcr  Wichtigkeit  sein  dürfte. 

Und  hiermit  nehmen  wir  abschied  vom  Verfasser,  indem  wir  seine  studie 
gleichmässig  dem  philologen  wie  dem  historikcr  enijifehlen:  denn  auch  dieser  wird 
eine  reiche  quelle  wichtiger  belehrung  in  derselben  finden. 

MAGDEBURG.  GEORG  GERLAND. 


236  METHNER,    SPRACHLEHRE 

Dr.  J.  Methuer,  ciuführuug  in  die  deutsche  Sprachlehre.  Guesen,  Lange 
1868.     94  s.     (Preis  10  Sgr.) 

Das  bücUein  enthält  {§.  1 — -i)  eine  kurze  Schilderung  der  Wortbildung  der 
indogermanischen  Ursprache  (in  einer  annicrkung  avxch  einiges  über  den  semitischen, 
isolierenden  und  agglutinierenden  Sprachbau)  sowie  eine  kurze  erklärung  des  Ver- 
falls der  Üexionen.  Dann  folgt  (§.  5  —  9)  ein  geschichtlicher  abriss  der  Völker - 
und  Sprachspaltungen ,  wie  sie  der  indogermanische  stamm  zeigt ,  ganz  nach  Schlei- 
cher, dessen  figürliche  darstellung  der  Völkertrennungen  der  Verfasser  §.  9  benuzt. 
§.  10  — 16  besprechen  zunächst  die  lautverschiebung ,  dann  die  Spaltung  der  deut- 
schen gruudsprache  in  grunddeutsch ,  goth. ,  altn. ,  geben  darauf  eine  erklärung  des 
Wortes  deutsch,  um  schliesslich  den  ablaut  ganz  und  gar  nach  Schleichers  vorgange 
zu  behandeln.  §§.  17  —  22  enthalten  einige  kurze  bemerkungen  zur  goth.  flexion, 
wozu  die  paradigmen  (in  nebeneinanderstellung  mit  den  betreffenden  ahd. ,  mhd.  for- 
men) s.  50  f.  gegeben  werden.  Nachdem  sodann  die  zweite  lautverschiebung  und 
(§.  28)  eine  reihe  beispiele  zu  beiden,  sowie  die  vocaleigentümliclikeiten  des  ahd. 
(— §.  32)  angeführt  sind,  folgen  bemerkungen  zur  ahd.  flexion  mit  hinweisung  auf 
die  paradigmen  sowie  einiges  über  die  ahd.  und  alts.  litteratur;  endlich  Schleichers 
figur,  welche  die  Verzweigung  der  deutschen  spräche  darstellen  soll.  Ausführlicher 
Avird  von  §.  44  —  69  das  mhd.  nach  seiner  lautgestalt,  seinen  regelmässigen  und 
unregelmässigen  formen ,  seiner  quantität  besprochen ,  und  dann  zum  nhd.  übergegan- 
gen, dessen  entstehungsweise  und  ihre  consequeuzen  §§.  70—72  (s.  30 — 32)  enthal- 
ten, dessen  vocalismus  (auch  wieder  durchaus  nach  Schleicher)  §§.  73—77  (s.  32  — 
37),  dessen  fiexiouen  §§.  78—100  (s.  37  —  49)  behandeln.  Die  ausführlichkeit  der 
behau  dl  ung  nimmt  also  zu,  je  näher  die  sprachperiode  uns  selbst  liegt;  sie  ist  im 
nhd.  verhältnismässig  sehr  eingehend.  An  die  schon  erwähnten  goth.,  ahd.,  mhd., 
nhd.  paradigmen  schliesst  sich  dann  von  s.  63  —  73  die  erklärung  einiger  nhd.  Wörter 
von  verdunkelter  abstammung,  worin  indes  referent  nur  allbekanntes  aus  Grimm, 
Dietz  u.  s.  w.  fand,  neben  manchem  keineswegs  richtigem;  namentlich  ist  die  erklä- 
rung der  eigennamen  nicht  immer  geglückt.  Einige  goth.  und  ahd.  sprachformen 
nebst  kleinen  Wortverzeichnissen  schliessen  das  ganze. 

Der  herr  Verfasser  sagt  selbst  in  der  vorrede,  dass  er  nichts  oder  nur  ganz 
einzeln  neues  biete,  dass  er  sich  hauptsächlich  an  Schleicher  anschliesse  und  dass 
der  zweck  dieser  seiner  Zusammenstellung  nur  ein  pädagogischer  sei.  Die  beurtei- 
lung  des  heftes  wird  also  eigentlich  um-  eine  pädagogische  sein  können.  Da  drängt 
sich  aber  gleich  folgende  bemerkung  auf.  Sollen  derartige  dinge  auf  der  schule  schon 
behandelt  Averden,  so  darf  man  doch  auf  keinen  fall  (worin  alle  einig  sind)  die  schü- 
1er  mit  dem  zweifelhaften,  dessen  gerade  das  neubebaute  feld  des  deutschen  und  der 
linguistik  so  vieles  bietet,  vertraut  machen:  nur  möglichst  sichere  ergebnisse  der 
forschung  eignen  sich  für  ihn.  Die  Schleicherschen  theorien  —  über  die  wir  hier 
nicht  zu  urteilen  haben  und  nicht  ui-teilen  wollen  —  werden  sich  also  schon  von  die- 
sem gesichtspunkte  aus  für  die  schule  ganz  und  gar  nicht  empfelüen ;  denn  sie  sind 
noch  sehr  bestritten  und  in  manchen  fällen  geradezu  von  der  mehrheit  der  sachkun- 
digen abgelehnt. 

Aber  auch  wenn  der  herr  Verfasser  nur  allgemein  anerkannte  resultate  gegeben 
hätte,  so  fragt  sich  doch,  ob  überhaupt  derartiges  schon  auf  die  schule  gehört. 
Zunächst  verneint  sich  das  bei  vielen  einzelnheiten  des  büchleins.  Was  sollen  dem 
Schüler  die  mannigfaltigen  specialitäten  in  etymologie  und  namendeutung  ?  wo  steckt 
da  die  mindeste  formal  bildende  kraft  für  ein  jugendliches  gemütV  wird  nicht  der 
Unterricht  durch   solche  methode   einer  doppelten  gefahr  ausgesetzt,   einmal  der  zer- 


METHNER ,    SPRACHLEHRE  237 

splitterung  in  kleinigkeiten  und  dann  der  viel  grösseren ,  dass  er  ausarte  in  dilettan- 
tische Spielerei,  sowol  bei  lehrern  als  schülern?  Nur  ganz  sichere  kraft  und  grosse 
gelelu-samkeit  kann  wirklich  sicher  etymologisieren ,  und  diese  bei  allen  lehrern  des 
deutschen  vorauszusetzen  wäre  docli  nicht  praktisch;  die  gegebenen  beispiele  reizen 
aber  solche  versuche  nur  allzusehr.  Und  man  weiss  ja,  wie  gern  die  schüler  aus  dem 
strengen  ernste  des  Unterrichts  heraus  ins  spielende  verfallen;  gerade  der  deutsche 
Unterricht  ist  dieser  gefahr  so  sehr  ausgesetzt,  und  wodurch  wird  diese  mehr  herbei- 
geführt, als  durch  ein  solches  etjnnologisieren ,  wie  es  der  herr  Verfasser  sehr  zu  lie- 
ben scheint,  da  es  uns  öfter  in  seinem  büclilein  begegnet?  So  gibt  er  auch  sonst 
viel  zu  viel  für  den  schüler.  Wie  in  aller  weit  gehört  das  was  wir  in  der  anmerkung 
s.  2  lesen  über  hebräisch  und  isolierenden  und  agglutinierenden  Sprachbau  zu  dem 
was  der  schüler  ,,als  gebildeter  mensch  von  spräche  und  sprachlichem  leben  mssen 
muss"  (vorrede  s.  1)?  Wenn  diese  kenntnis  ein  notwendiges  requisit  auch  nur  eines 
auf  der  Universität  gebildeten  menschen  ist,  so  sieht  es  mit  der  bildung  scheu  aus 
in  Deutschland.  Unter  10  studierten  wird  kaum  einer  diese  kenntnisse  besitzen ,  die 
wir  hier  den  primanern  und  secundanern  lehren  sollen.  Freilich  steht  das  nur  in  der 
anmerkung,  aber  die  anmerkung  nimmt  über  eine  halbe  seite  ein. 

Doch,  kann  man  sagen,  das  sind  einzelnheiten  und  ein  geschickter  lehrer  — 
ein  geschickter  lehrer !  als  ob  alle  lehrer  geschickte  wären !  Wie  wenn  nun  das  buch 
einem  ungeschickten  in  die  band  fiele  und  dieser  darnach  unterrichten  wolte  oder 
solte  ?  Freilich  geben  wir  zu ,  dass  auch  hierin  noch  nicht  der  hauptfehler  des  buches 
steckt.     Der  steckt  tiefer.     Und  wo? 

Die  antwort  hierauf  trifft  nicht  nur  dies  büchlein;  sie  trifft  den  ganzen  lehr- 
plan des  modernen  Schulwesens.  Goth. ,  ahd. ,  mhd.  gehört  überhaupt  noch  nicht  auf 
ein  gymnasium,  aus  vielen  gründen,  von  denen  wir  hier  nur  einige  kurz  berühren 
wollen.  Die  schule  hat  hauptsächlich  eine  erzieherische  thätigkeit;  sie  darf  nichts 
lehren ,  was  nicht  auf  verstand  oder  gemüt  des  schülers  einen  erzieherischen ,  d.  h. 
formal  bildenden  einfluss  hat.  Das  aber  hat  dieser  Unterricht  im  deutschen  nicht. 
Denn  ganz  abgesehen  davon ,  dass  die  werke  der  altd.  dichter  meist  so  tief  unter  den 
classischen  stehen ,  so  liegt  die  spräche ,  die  ganze  innere  spracliform  des  altd.  unse- 
rer jetzigen  spräche  viel  zu  nahe ,  als  dass  sich  das  altd.  wirklich  als  formal  bildend 
ausweisen  könnte.  Alles  das ,  was  das  altd.  leisten  soll,  seiner  natur  nach  aber  nicht 
leisten  kann  —  womit  selbstverständlich  nicht  das  altd.  herabgesetzt,  sondern  nur 
einer  anderen  sphäre  zugewiesen  wird  —  das  leistet  ein  gut  betriebener  Unterricht 
in  den  klassischen  sprachen,  welcher  dem  schüler  auch  schon  für  seinen  Standpunkt 
zur  genüge  die  sprachen  in  ihrer  geschichtlichen  entwickelung  vorführen  kann.  Wie 
will  man  denn  in  prima  und  secunda  z.  b.  den  griechischen  Unterricht  anders  hand- 
haben, als  dass  der  schüler  einen  klaren  einblick  in  den  unterschied  des  homerischen, 
attischen,  dorischen  erhält  und  liegt  es  nicht  nahe  (vorausgesetzt  dass  jenes  bedürf- 
nis,  eine  spräche  geschichtlich  kennen  zu  lernen,  da  ist)  hier  eine  solche  geschicht- 
liche entwickelung,  die  des  erklärenden  manches  bieten  wird,  zu  geben?  Auch  wird 
dies  viel  fruchtbarer  sein,  als  die  darstellung  der  geschichte  der  deutschen  spräche, 
weil  wir  bei  letzterer  aus  naheliegenden  gründen  zu  sehr  unter  der  herschaft  des 
objects  stehen  und  stehen  müssen,  während  die  griechische  spräche  als  durchaus  freies 
object  uns  gegenüber  steht. 

Man  spricht  fortwährend  von  concentration  des  Unterrichtes:  und  mit  vollem 
recht.  Aber  man  rede  nicht  nur  von  diesen  dingen:  man  führe  sie  auch  durch.  Und 
das  ist  wahrlich  keine  concentration ,  wenn  man  der  schule  immer  mehr  und  mehr 
zuschiebt.     Man  verwechselt  zweierlei:   das  was  man  selbst  sern  treibt  und  was  mit 


238  METHNEB.    RPRACHLEHBE 

cinigorinasscn  fähigen  scliiileni  gewiss  v(>cht  unterhaltcnrl  sein  kann  nnd  das  was  zur 
ernsten  zuclit  des  gcistes  gehört.  Gerade  wir  in  unserer  zeit  haben  uns  vor  dem  all- 
zuviel ,  der  zers)>litternng  zu  hüten.  Hat  ein  schüler  das  alles  schon  auf  der  schule 
so  zu  sagen  gar  gekocht  vorgesetzt  bekommen ,  wozu  soll  er  es  nocli  auf  der  Univer- 
sität hören?  Statt  also  dass  man  durch  diese  schulanleitung  den  appetit  der  Jüng- 
linge reizt,  stumpft  man  ilm  ab  und  macht  einer  seichten,  aburteilenden  viel-  und 
alleswisserei  bahn.  Ganz  anders  würde  man  diese  und  alle  Studien  fördern,  wenn 
man  statt  dieses  zertreuenden  vielerlei  die  kraft  mehr  auf  die  klassischen  sprachen 
conccntrierte ;  man  würde  den  schülei'n  die  geistige  frische  und  dadurch  kraft  und 
lust  zu  weitern  stndien  lassen. 

Der  räum  verbietet  hier  mehr  zu  geben  als  andeutungen ,  indes  lässt  sich  aus 
diesen  deutlich  sehen,  was  wir  von  dem  plane,  den  der  herr  Verfasser  seinem  buche  zu 
gründe  gelegt  hat,  denken.  Wir  halten  ihn  für  einen  absolut  falschen  und  weit  ent- 
fernt mit  dem  vorwort  (s.  1)  es  als  ein  erfreuliches  zeichen  anzusehen ,  dass  fortwäh- 
rend neue  lehrbücher  u.  s.  w.  der  deutschen  spräche  geschrieben  werden,  sehen  wir 
darin  nur  ein  zeichen,  dass  eben  ein  wirklich  die  sache  förderndes  lehrbuch  für  schu- 
len nicht  geschrieben  werden  kann  und  daher  erscheinen  stets  neue  und  neue.  Und 
warum  keins  geschrieben  werden  kann?  weil  die  sache  in  sich  eine  ganz  verfehlte, 
die  lösung  also  eine  unmögliche  ist. 

Der  herr  Verfasser  gibt  dann  eine  sehr  ausführliche  grammatik  des  nhd.  Gegen 
grammatikalischen  Unterricht  im  nhd.  sind  wir  unbedingt,  auch  wenn  er,  wie  hier 
für  die  prima  bestirnt  ist.  Der  schüler  kann  seine  muttersprache  sprechen,  er 
fühlt,  «r  denkt  in  ihr.  Was  soll  er  das,  was  er  kann,  lernen?  aus  einem  buche  ler- 
nen? Man  wird  bei  der  lectüre  deutscher  gedichte,  beim  schreiben  der  aufsätze  und 
noch  mehr  beim  Unterricht  in  den  klassischen  sprachen  schon  in  den  mittleren  klas- 
sen  sehr  oft  auf  die  flexion  der  muttersprache  hinweisen  xind  sie  dadurch  der  haupt- 
sache  nach  dem  schüler,  fast  ohne  dass  er  es  merkt  und  ohne  ihn  mit  stunden  über 
deutsche  grammatik  zu  langweilen ,  in  ihrer  formung  klar  und  begreiflich  machen 
können.  Ja  man  wird  dies  thun  müssen,  wenn  der  Unterricht  in  den  klassischen 
sprachen  möglichst  fruclitbar  sein  soll.  Weiter  aber  darf  man  nichts  thun ,  wenn  man 
nicht  unnütz  kraft  und  zeit  der  schüler  vergeuden  will.  Der  deutsche  Unterricht  an 
deutschen  gymnasien  hat  ja  doch  nur  dann  sinn,  wenn  er  zur  erläuterung  der  mei- 
sterwerkc  unserer  Schriftsteller  (auch  gegen  litteraturgeschichte  auf  gj-mnasien  sind 
wir  aus  mehr  als  einem  gründe)  zur  ausbildung  der  fähigkeit  eigene  gedanken  in  der 
muttersprache  zusammenhängend  zu  entwickeln  und  zur  logischen  proptedeutik  dient. 
Es  ergibt  sich  hieraus ,  wie  wenig  referent  mit  dem  auf  s.  II.  vorgetragenen  lehrplan 
des  deutschen,  wie  ihn  der  herr  Verfasser  sich  denkt,  einverstanden  sein  kann. 

Musten  wir  so  das  büchlein  als  völlig  unbrauchbar  für  schulen  —  nicht  für 
schüler ;  will  einer  privatim  sich  im  altd.  unterrichten ,  er  wird  des  anregenden  und 
für  ihn  belehrenden  viel  in  dieser  einführung  finden  —  musten  wir  es  für  schulen 
als  völlig  unbrauchbar  bezeichnen;  so  ist  es  auch  wenigstens  völlig  überflüssig  für 
lehrer.  Denn  so  gut  wie  der  herr  Verfasser  den  Schleicher  und  Bopp  und  Grimm 
und  vielleicht. noch  Steinthals  Charakteristik  oder  sonst  ein  handliches  buch  hernahm 
und  daraus  seine  Zusammenstellung  machte,  so  gut  kann  dies  jeder  lehrer  selbst 
thun.  Ja  er  muss  es  thun  und  muss  mehr  thun;  denn  heut  zu  tage  muss  von  jedem 
der  griechisch  und  lateinisch  unterrichten  will,  verlaugt  werden,  dass  eres  nicht 
nur  kann,  sondern  auch  kennt,  d.  h.  also  die  historische  entwickelung  der  einzel- 
nen sitrachen  studiert  hat  aus  Bopp  und  Pott  und  Schleicher  u.  s.  w.,  dass  er  die 
schüler  einführen  kann  in  das  innere  Verständnis  dieser  sin-aclien,  ilircs  baues,    ihrer 


PISCHONS   LEITFADEN  239 

gleichlieiten  und  tingleichheiten  untereinander  und  in  bezielmng  auf  das  deutsche.  Und 
das  gleiche  muss  man  in  seinem  fache  von  jedem  lehrer  des  deutschen  erwarten.  Wer 
nicht  die  deutsche  spräche  s  o  kennt ,  dass  er  bescheid  weiss  mit  den  hauptepochen 
ihrer  entwickelung  und  die  haupterscheinungen  ihrer  jetzigen  gestalt  erklären  kann, 
der  ist,  auch  für  sexta,  zum  deutschen  lehrer  unbrauchbar  —  oder  sollte  es  iloch 
sein.  Haben  aber  die  deutschen  lehrer  diese  kenntnisse  und  haben  sie  wom(3glich 
in  den  anderen  klassen  auch  das  lateinische  in  der  band,  in  den  oberen  klasscn 
wenigstens  einen  teil  des  klassischen  Unterrichts;  dann  wird,  wie  wir  schon  sag- 
ten, ganz  unvermerkt  die  richtige  erkenntnis  der  deutschen  formen  den  schülern  zu 
theil  werden  und  es  bedarf  erst  recht  keines  Specialunterrichts  über  diese. 

Für  die  schule  also  halten  wir  das  buch  unbrauchbar,  und  für  den  lehrer,  den 
studierten  philologen,  mindestens  unnütz.  Den  gebildeten  nicht  -  philoIogen ,  will 
einer  von  diesen  sich  mit  dem  eingehenderen  Studium  der  deutschen  grammatik 
beschäftigen  ohne  zu  viel  und  zu  tief  zu  forschen,  können  wir  hingegen  das  büch- 
lein  mit  gutem  gewissen  empfehlen.  Er  findet  das  für  ihn  wesentliche  beisammen 
und  kleine  fehler  stören  ihn  nicht.  Uns  aber  möge  der  herr  Verfasser  dies  freimü- 
thige  äusseren  unserer  ansieht  nicht  anders  deuten ,  denn  als  reinen  eifer  für  das  eine 
gute  ziel,  dem  auch  er  zusteuernd  seine  Zusammenstellung  schrieb:  als  eifer  für  die 
Jugend  unseres  deutschen  volkes,  auf  der  seine  hoffnung  und  seine  zukunft  beruht 
und  für  die  daher  nur  das  beste  gut  genug  ist. 

MAGDEBURG.  GEORG    GERLAND. 


Pischou's    leitfaden    zur    geschichte    der  deutschen  litteratur.     Drei- 
zehnte,  vermehrte  und   verbesserte  Auflage  bearbeitet  von  K.  J. 
H.  Palm,   Oberlehrer  am   Gymnasium  zu   St.    Maria  Magdalena  in 
Breslau.     Leipzig,  Duncker  und  Humblot.     VIII,  247  S.  8.     (18  Sgr.) 
Wenn   ein  buch  wie  Pischons   leitfaden  zur   deutschen  litteraturgeschichte  im 
verlaufe  von  nahezu  vierzig  jähren  bis  zur  dreizehnten  aufläge  gediehen  ist,  wenn  es 
so  weite   Verbreitung   gefunden   hat  und   zu  einem  so   viel  gebrauchten   schulbuche 
geworden  ist,   so  gibt  diese  erscheinung  zwar  noch  keinen  vollgiltigen  und  entschei- 
denden beweis  gediegenen  werthes,   denn:    habent  sua  fata  libelli;   wol  aber  erweckt 
sie  eine  recht  günstige  meinung,  mahnt  aber  auch  gleichzeitig  zu  der  frage,  welchen 
Ursachen   es  wol   solchen    erfolg    verdanke,    und  ob   es   nun,    nach   einem  menschen- 
alter,  in  wissenschaftlicher  wie   in  pädagogischer  beziehung  noch  auf  der  höhe  der 
zeit  stehe. 

Der  Prediger  Pischon  in  Berlin  war  kein  germanist  von  fach ,  sondern  ein  dilet- 
tant,  zwar  einer  der  bessern  art,  der  mit  eifer  darnach  strebte,  eine  umfassendere 
kenntnis  der  älteren  wie  neueren  deutschen  litteratur  sich  selbst  zu  erwerben  und 
in  weitern  kreisen  zu  verbreiten,  immerhin  aber  war  und  l)lieb  er  ein  dilettant,  der 
nie  bis  zur  wirklichen  kennerschaft  und  meisterschaft  durchdrang,  und  deshalb  kön- 
nen denn  auch  die  von  iluu  ver()ft entlichten  werke  zur  deutschen  litteraturgeschichte 
die  mängel  dieses  dilettantischen  Ursprunges  nicht  verläugnen.  So  zeigen  in  den 
„Denkmälern  der  deutschen  Sprache  von  den  fiiihesten  Zeiten  bis  jetzt,"  welche  er 
in  G  bänden  als  ,,Beisi)ielsamlung"  zu  seinem  litterargeschichtlichen  leitfaden  her- 
ausgab, diejenigen  altdeutschen  stücke,  welche  er  selbst  aus  nicht  eben  schwer  les- 
baren handschriften  geschöpft  liat,  so  viele  und  so  erhebliche  fehler,  dass  diese  stücke 
für  den  wissenschaftlichen  gebrauch  ungeeignet  sind. 


240  PISCHONS  LEITFADEN 

Als  Pisclioii  im  jähre  1830  die  erste  aufläge  seines  „Leitfadens"  erscheinen 
Hess  hatten  die  brüder  Grimm  und  Ladimanu  ilire  mächtigen  forschungen  bereits 
begonnen ,  aus  welchen  die  Wissenschaft  der  deutsclien  jihilologie  und  mit  dieser  auch 
eine  völlig  veränderte  gestaltung  und  auft'assung  der  deutschen  litteraturgeschichte 
erwuchs.  An  übersichtlich  zusammenfassenden  darstellungen  der  deutschen  litteratur- 
geschichte ,  welche  bereits  einen  hauch  des  neuen  geistes  verspüren  Hessen ,  Avar 
damals  kaum  schon  etwas  anderes  nennenswertes  vorhandqji  als  Wachlers  Vorlesungen 
und  Kobersteins  grundris.  Wachlers  werk,  obschon  sich  auszeichnend  durch  weite 
des  blickes ,  bot  doch  zu  wenig  wirklich  wissenschaftliche  forschung  und  stand  zu  sehr 
unter  herschaft  der  phrase ,  sodass  es  bald  hinter  dem  fortschritte  der  neuen  Wis- 
senschaft zurückblieb  und  ganz  in  Vergessenheit  gerieth.  Koberstein  schlug  einen 
ganz  anderen  weg  ein.  Als  wirklicher  kenner  und  forscher  erweiterte  er  sein  büch- 
leiu  allmählich  zu  einer  drei  starke  octavbände  umfassenden  darstellung,  in  welcher 
die  der  altdeutschen  litteratur  gewidmete  abtheilung  eine  mit  vorsichtigster  kritik 
ausgearbeitete  Übersicht  der  von  anderen  forschern  gewonnenen  ergebnisse  enthält, 
während  die  der  neueren  zeit  gewidmeten  drittehalb  bände  überwiegend  auf  eigener 
selbständiger  Quellenforschung  beruhen ,  deren  fülle ,  gründlichkeit  und  gewissenhaf- 
tigkeit  so  leicht  nicht  mrd  übertroffen  werden. 

Pischon  stand  also  damals  einer  neuen  noch  in  den  anfangen  begriffenen  Wis- 
senschaft gegenüber,  deren  mächtige  Schlaglichter  eben  erst  begannen  das  innere 
leben  der  deutschen  litteratur  zu  erhellen.  Eine  übersichtliche  zusammenhängende 
darstellung  dieses  inneren  lebens  war  ihm  mithin  noch  unmöglich.  Er  beschränkte 
sich  deshalb  im  wesentlichen  auf  eine  blosse  äusserliche  aneinanderreihung  des  Stof- 
fes, und  selbst  für  diese  fehlte  es  ihm  noch  an  Vorgängern,  aus  deren  verwanten, 
theils  gelungenen ,  theils  misluugenen  bestrebungeu  er  hätte  beispiel  und  lehre  schöpfen 
können.  So  war  es  denn  kaum  zu  vermeiden,  dass  sich  sogar  in  die  aufzähluug  des 
thatsächlichen  eine  nicht  unerhebliche  zahl  von  irrtümern  und  fehlem  einschKch. 
Nichtsdestoweniger  war  sein  bestreben,  in  einer  übersichtlichen  aufzählung  des  that- 
säclilicheu  der  litteraturgeschichte  die  ergebnisse  der  neusten  germanistischen  for- 
schung einzureihen  und  zu  verwerten,  sehr  dankenswert,  und  ward  auch  mit  wol- 
verdieutem  beifalle  aufgenommen.  Diesen  beifall  seinem  buche  zu  erhalten  blieb  er 
auch  bis  zu  der  letzten  von  ihm  selbst  besorgen  aufläge ,  der  elften  vom  jähre  1856, 
fortwährend  bemüht,  indem  er  unausgesetzt  besserte  und  nachtrug;  und  sein,  noch 
in.  der  vorrede  der  elften  aufläge  bestimt  ausgesprochenes  hauptziel  blieb  nach  wie 
vor,  einen  ,, klaren  überblick  des  ganzen  der  litteraturgeschichte ,  der  in  grösse- 
ren werken  zu  leicht  verloren  geht,  für  ein  studium  auf  schulen"  zu  liefern. 
Allmählich  aber  war  binnen  26  jähren  durch  die  menge  der  nachtrage  das  buch  ziem- 
lich auf  das  doppelte  seines  ursprünglichen  umfanges  angewachsen ,  und  während  die 
von  haus  aus  unzweckmässige  und  verfehlte  anläge  dieselbe  blieb ,  wucherten  die  ein- 
zelnen notizen  über  das  mass  dessen  hinaus  was  die  schule  ertragen  kann.  Pischon 
spürte  diesen  übelstand  auch  selbst,  und  Hess  deshalb  schliesslich  ,, namentlich  in  der 
neueren  zeit,  bei  der  Übersicht  der  romanlitteratur ,  dichtkunst  und  behandlung  der 
Sprache"  manches  geänderte  oder  neu  aufgenommene,  weil  es  „nicht  notwendig  zum 
vortrage"  gehörte  „mit  kleineren  lettern  drucken. '^  So  hatte  das  werk  allmäliHch 
etwas  von  dem  Charakter  eines  Schulbuches  verloren  und  dafür  etwas  von  dem  Cha- 
rakter eines  repertoriums  angenommen. 

In  diesem  zustande  überkam,  nach  dem  im  jähre  1857  erfolgten  tode  des  Ver- 
fassers ,  der  director  des  gymnasiums  zu  Thorn ,  dr.  Passow ,  das  buch ,  als  er  von 
der  Verlagshandlung  mit  ausarbeitung  der  12.  aufläge  betraut  wurde.  Passow  erkannte 


PISCHONS   LEITFADEN  241 

die  principiellen  grundmängel  desselben  mit  sehr  richtigem  blicke,  und  sprach  sich 
in  der  vorrede  sehr  verstcändig  darüber  aus.  Zwar  behielt  er ,  theils  aus  pietät  gegen 
den  verstorbenen  Verfasser,  theils  aus  mangel  an  zeit,  die  anläge  bei,  auch  da,  wo 
er  sie  nicht  für  zweckmässig  erachtete,  aber  er  minderte  den  für  schulzwecke  über- 
mässig angeschwollenen  stoff  um  mehr  als  zwei  bogen.  Wol  wüste  er.  dass  er  für 
den  unmittelbaren  zweck  des  Unterrichtes  die  kürzung  noch  ein  gut  theil  weiter  trei- 
ben könne ,  abdl-  es  bekundet  den  einsichtigen  und  erfahrenen  pädagogen ,  wenn  er 
bemerkt:  ,,wenn  Schulbücher  für  die  unteren  klassen  sich  gar  nicht  knapp  o-enu»-  auf 
das  unentbehrliche  beschränken  können,  so  ist  es  bei  einem  buche,  welches  primaner 
benutzen,  mindestens  kein  nachteil,  wenn  es  ihnen  einen  etwas  weiteren  blick  eröff- 
net und  zeigt,  dass  die  Wissenschaft  mit  dem,  was  ihnen  unmittelbar  überliefert  wer- 
den kann ,  noch  lange  nicht  erschöpft  und  abgeschlossen  ist."  Ausserdem  wollte  er 
und  auch  dies  widerum  mit  vollem  rechte,  dem  buche  in  der  gestalt,  die  es  allmäh- 
lich gewonnen  hatte ,  den  Charakter  wahren ,  dass  es  auch  studierenden  und  jungen 
lehrern  zum  anhalte  dienen  könnte.  Demgemäss  besserte  und  berichtigte  Passow  im 
einzelnen  soweit  er  wüste  und  konnte,  bemühte  sich  um  eine  handliche  Zusammen- 
stellung der  wichtigsten  litteraturnachweisungen ,  welche  ebensosehr  dem  lehrer  will- 
kommen sind,  wie  sie  dem  schüler  eine  ahnung  von  der  fülle  des  fleisses  und  der 
forscherarboit  geben,  welche  vorausgehen  muste,  ehe  die  entwerfung  eines  solchen 
litteraturbildes  möglich  werden  konnte,  namentlich  aber  erwarb  er  sich  ein  sehr 
wesentliches  verdienst  um  die  Verbesserung  des  buches,  indem  er,  und  zwar  vorzüg- 
lich in  den  einleitenden  paragraphen  zu  den  einzelnen  Zeiträumen ,  skizzen  und  winke 
über  den  inneren  entwickelungsgang  der  deutschen  litteratur  neu  hinzufügte.  Denn 
die  litteraturgeschichte  ist  mit  der  culturgeschichte  auf  das  allerengste  verflochten, 
und  wenn  die  culturgeschichte  auch  nicht,  wie  einige  wollen,  zum  mittelpunkt  alles 
geschichtlichen  Unterrichtes  auf  höheren  schulen  gemacht  werden  kann,  so  gebührt 
ihr  doch  auch  schon  im  Schulunterrichte  eine  grössere  berücksichtigning  als  ihr  bis 
jetzt  noch  gemeinhin  zu  theil  wird,  und  zumal  für  das  Verständnis  der  deutschen  lit- 
teraturentwickelung  ist  ihre  herbeiziehung  ganz  unentbehrlich. 

Auch  Passow  war  nicht  Germanist  von  fach,  und  ein  ort  wie  Thorn  konnte 
ihm  auch  schwerlich  reiche  litterarische  und  zumal  germanistische  hilfsmittel  darbie- 
ten, während  die  leitung  des  dortigen  sehr  umfassenden  gymnasiums  seine  zeit  und 
kraft  stark  in  anspruch  nehmen  muste.  Es  ist  also  sehr  begreiflich  und  verzeihlich, 
dass  er  binnen  den  11  monaten,  die  er  auf  die  ausarbeitung  der  12.  aufläge  ver- 
wante ,  bei  weitem  nicht  alle  fehler  des  buches  beseitigen  konnte.  Dennoch  hatte  das 
buch,  zum  theil  schon  durch  die  eigenen  fortgesetzten  benuihungen  des  Verfassers, 
namentlich  aber  durch  Passows  Verbesserungen  so  viel  gewonnen,  dass  es  unter  den 
allmählich  zahlreicher  gewordenen  werken  verwanten  Zweckes  eine  recht  ehrenvolle 
Stellung  behauptete  mid  schulen  vne  studierenden,  wenngleich  unter  dem  nöthigen 
vorbehalte,  mit  gutem  fuge  empfohlen  werden  durfte. 

Passow  konnte  nur  diese  eine  im  jähre  1862  erschienene  aufläge  besorgen ,  da 
ihn  nicht  lange  darauf,  am  3.  august  1864,  der  tod  abrief.  Die  besorgung  der 
13.  aufläge  übertrug  die  Verlagshandlung  im  december  1867  dem  Oberlehrer  am 
Maria -Magdalcnen- Gymnasium  zu  Breslau  K.  J.  H.  Palm,  der  sich  bereits  durch 
mehrere  originalarbciten  als  ein  kundiger  und  einsichtiger  forscher  auf  dem  gebiete 
der  deutschen  litteratur  bewährt  hatte.  Die  frist  für  die  herstelluug  dieser  neuesten 
aufläge,  welche  nach  dem  wünsche  der  Verlagshandlung  schon  bis  ostern  1868,  also 
binnen  einem  Vierteljahre,  fertig  sein  sollte,  war  viel  zu  kurz  bemessen.  Blieb  also 
dem  herausgebcr  eine  bis  auf  den   gruud  durchgreifende  Verbesserung  von  vorn  her- 

2E1TSCHR.    F.    DEUTSCHE     PHILOLOGII;.  16 


24i}  PISOHONS   LKITPA])EN 

ein  abgesclinitteii ,  so  ist  um  so  mehr  anzuerkennen ,  was  er  in  der  knappen  zeit  von 
fünf  monaten,  l)is  ende  niais,  geleistet  hat.  Ausser  zahlreichen  berichtigungen  und 
naclitriigen  im  einzelnen  ist  er  namentlich  bedacht  gewesen  auf  Vervollständigung  der 
littevavisehon  nachwcisungen ,  und  hat  in  dieser  Beziehung  eher  des  guten  zu  viel 
gethan  als  zu  wenig.  Hauiitsächlicli  aber  unterscheidet  sich  diese  neueste  dreizehnte 
aufläge  von  der  vorangegangenen  zwölften  dadurch ,  dass  Palm  von  Passows  auffas- 
sung  widerum  etwas  abgewichen  ist,  und  das  buch  der  gestalt,  die  es  unter  Pischons 
band  zuletzt  gewonnen  hatte,  widerum  genähert,  dass  er  ihm  also  widerum  etwas 
von  dem  character  eines  repertoriums  gegeben  hat.  Palm  begründete  sein  verfahren 
damit,  dass  er  sagte,  je  grösseren  beifall  Passows  bearbeitung  bei  den  verständigen 
gefunden  habe ,  desto  weniger  habe  er  nun  widerum  au.fs  neue  ändern  dürfen ,  wie 
vieles  auch  seinen  wünschen  nicht  entsprochen  habe.  Daher  sei  die  anordnung  des 
Stoffes  gröstentlieils ,  die  folge  der  paragraphen  ganz  dieselbe  geblieben.  Doch  habe 
Passow  bei  seinen  kürzungen  offenbar  allzutief  ins  fleisch  geschnitten ,  habe  eine  grosse 
menge  namen ,  besonders  der  neueren  zeit ,  ausgeschieden ,  die  nicht  vermisst  werden 
dürften.  Uebcrdies  habe  sich  die  bedeutsamkeit  manches  namens  erst  in  neuester 
zeit  so  offen  herausgestellt,  dass  er  in  einem  schulbuche  nicht  länger  unerwähnt  blei- 
ben dürfe,  wenn  sich  der  herausgeber  nicht  dem  vorwürfe  aussetzen  wolle,  den  blick 
des  lernenden  oft  unwichtigerem  in  der  Vergangenheit  zugewendet,  das  grössere  und 
lebensvollere  der  gegenwart  aber  ihm  vorenthalten  zu  haben.  So  sei  denn  widerum 
eine  erhebliche  Vermehrung  des  stoffes  geboten  gewesen,  wodurch  das  buch  die  dui-ch 
Passow  verlorenen  zwei  bogen  wider  gewonnen  habe.  Auch  jetzt  noch  werde  freUich 
mancher  in  dieser  auf  Zählung  den  oder  jenen  in  neuster  zeit  vielgenannten  drama- 
tiker  oder  romanschriftsteller  vermissen,  indes  Vollständigkeit  hierin  zu  erstreben  sei 
nicht  die  aufgäbe  eines  Schulbuches;  ein  schulbuch  aber  solle  der  leitfaden  nach 
■\vie  vor  bleiben ,  mit  der  massgabe ,  dass  er  auch  über  die  schule  hinaus  studierenden 
und  jungen  lehrern  als  anhält  dienen  könne;  darum  seien  auch  alle  neuen  ausgaben 
und  raonographien  aufgeführt,  und  reichliche  hinweisungen  auf  abhandlungen  in  den 
germanistischen  Zeitschriften  von  Haupt  und  Pfeiffer  aufgenommen  worden. 

In  beziehung  auf  seine  zusätze,  und  ganz  besonders  in  beziehung  auf  die  von 
ihm  wider  aufgenommenen  oder  ganz  neu  liinzugefügten  litterarischen  namen  neuerer 
und  neuester  zeit,  sagt  Palm  zwar  ausdrücklieh:  ,,ich  fürchte  nicht,  dass  ich  jeman- 
dem damit  zu  viel  gethan  zu  haben  scheinen  könnte."  Aber  trotz  dieser  entschiede- 
nen Verwahrung  will  mich  dennoch  bedünken ,  dass  seine  eigene  ansieht  hierüber  und 
folglich  auch  seine  ganze  Behandlung  des  buches  wesentlich  anders  ausgefallen  sein 
würde ,  wenn  er  nicht  durch  die  übermässige  kürze  der  ihm  gestellten  trist  zu  hasten- 
der nur  auf  erledigung  des  einzelnen  hindrängender  eile  gezwungen  worden  wäre, 
sondern  im  gegenteil  die  erforderliche  müsse  gehabt  hätte ,  um  seine  aufgäbe  in  ihrer 
gesamtheit  ruhig  und  erschöpfend  zu  erwägen,  sich  darnach  einen  festen,  einheit- 
lichen und  abgerundeten  plan  vorzuzeichnen ,  mid  diesen  dann  unbedrängt  auszufüh- 
ren. Sollte  das  buch  auch  nach  Palms  an-  und  absieht  zunächst  und  eigentlich  ein 
Schulbuch  sein  und  bleiben,  so  musten  folgerichtig  auch  Passows  weise  pädagogi- 
sche grundsätze  festgehalten  und  weitergebildet  werden;  so  durfte  nicht  folgewidrig 
das  buch  widerum  in  die  bahn  eines  repertoriums  gelenkt  werden,  auf  die  es  unter 
Pischons  bänden  immer  mehr  und  mehr  gerathen  war.  Denn  wie  man  beide  anfor- 
derungen  vereinigen,  wie  ein  leitfaden  zugleich  ein  gutes  schulbuch  und  auch 
ein  gutes  repertorium  werden  könne,  das  vermag  ich  wenigstens  nicht  abzusehen. 
Vielmehr  will  mich  bedünken,  je  mehr  ein  litterarhistorisches  handbuch  den  Charak- 
ter eines  repertoriums  annelime,   desto  mehr   müsse   es   an   seiner   brauchbarkeit  als 


T'ISCHONS    LEITFADEN  248 

Schulbuch  einbüssen,  und  umgekelirt,  je  mehr  es  zu  einem  wirklich  guten  schulbuchc 
werde,  desto  weniger  könne  es  gleichzeitig  die  dienste  eines  repertoriums  leisten. 

Wenden  wir  uns  nunmehr,  nach  dieser  Übersicht  der  Schicksale  des  buches, 
in  welchen  seine  schwächen  ebensosehr  ihre  erklärung  wie  ihre  entschuldigung  finden, 
zu  seinem  Inhalte  selbst .  so  ist  widerum  vorweg  als  ursprünglicher  und  noch  nicht 
beseitigter  grundfehler  desselben  zu  bezeichnen  der  durchgreifende  mangel  einer  stren- 
gen kritik,  welcher  sowol  in  der  auswahl  und  anordnung  der  litterarhistorischen 
thatsacheu,  wie  in  den  aufgenommenen  und  ausgesprochenen  ansichten  und  urteilen, 
und  nicht  minder  in  der  beschaffenheit  der  beigegebeuen  litterarischen  nachweisungen 
überall  durchbricht,  am  übelsten  in  der  behandlung  der  älteren  litteratur.  Und  doch 
kann  grade  ein  leitfaden  für  schulzwecke  solcher  strengen  kritik  am  wenigsten  ent- 
raten.  Mein  verehrter  und  lieber  freund  Palm  wird  mehrjähriger  angestrengter  und 
sorgsamer  arbeit  bedürfen,  um  das  ganze  buch  mit  dem  kritischen  messer  zu  durch- 
schneiteln ,  und  wird  inirs  hoffentlich  nicht  verübeln ,  dass  ich  mir  erlaubt  habe  ihn 
entschieden  auf  diese  notwendigkeit  hinzuweisen. 

Die  ersten  fünf  paragraphcn  enthalten  eine  allgemeine  einleitung,  und  zwar 
bestirnt  §.  1  den  begriif  der  litteratur  und  der  litteraturgeschichte ;  §.  2  verzeichnet 
die  wichtigeren  litterarge  schichtlichen  werke,  unter  denen  man  Grudens  noch  immer 
nicht  überflüssig  gewordene  chronologische  tabellen,  Eitners  synchronistische  tabel- 
len,  und  die  Verweisung  auf  die  betreffenden  abschnitte  in  Hoffmanns  deutscher  phi- 
lologie  ungern  vermisst.  §.  3  handelt  in  einer  nicht  gradezu  falschen ,  aber  der  Ver- 
besserung bedürftigen  weise  von  dem  Charakter  des  deutschen  volkes  und  dessen  Wir- 
kung auf  die  entwickelung  und  gestaltung  der  litteratur.  In  den  beigegebenen  lit- 
terarischen nachweisungen  würden  die  Schriften  von  Pütz  und  Feussner  wol  zu  strei- 
chen sein.  §.  4  bespricht  die  deutsche  spräche  nach  ihrer  abstaramung  und  dialecti- 
schen  gliederung  mit  irriger  angäbe  über  die  skandinavischen  sprachen  und  mit  unge- 
nauer über  das  niederdeutsche.  §.  5  theilt  die  litteraturgeschichte  in  sieben  perioden, 
welche  durch  die  jähre  1150,  1300,  1500,  1620,  1748,  1770  begränzt  werden,  wäh- 
rend es  entscMeden  zweckmässiger  gewesen  wäre,  die  eintheilung  Wackernagels  in 
eine  Vorgeschichte,  und  in  die  drei  Zeiträume  des  alt-,  mittel-  und  neu(hoch)deut- 
schen  aufzunehmen.  Unterabtheilungen  innerhalb  der  grossen  Zeiträume  konnten 
dann  noch  hinzutreten ,  musten  aber  als  untergeordnete  gekenzeichnet  werden.  Wie 
in  einem  kunstverständig  entworfenen  gebäude  müssen  die  architektonischen  gliede- 
rungen  und  Scheidelinien  sich  in  entsprechend  abgestuften  Verhältnissen  hervorheben. 

Der  ersten  bis  1150  reichenden  periode  sind  die  paragraphen  ß  — 19  gcAvid- 
met ,  von  denen  die  drei  ersten  widerum  einleitendes  enthalten.  §.  6,  als  ,, übersieht" 
bezeichnet,  spricht  von  der  „heidnischen  urpoesie,"  und  der  mit  einführuug  des 
Christentums  beginnenden  Scheidung  in  volks-  und  kunstpoesie.  Dieser  paragraph 
ist  aus  der  vorangehenden  aufläge  unverändert  beibehalten.  Eine  folgende  aufläge 
wird  über  die  litteratur  der  heidnischen,  der  germanischen  zeit  liolfentlich  besseres 
zu  sagen  wissen,  und  den  unterschied  zwischen  volks-  und  kunstpoesie  klarer  und 
schärfer  angeben.  Auch  werden  in  ihr  wol  solche  kaum  halb  wahre  i)hrasenhafte  aus- 
drücke (die  das  buch  jetzt  noch  reichlicli  darbietet)  versclnvinden ,  wie  „die  fränkische 
Sigfridssage ,  welche  mythologischen  Ursprungs,  die  burgundischen  sagen  von  Gün- 
ther,,  die  gotischen  von  Dietrich  von  Bern,  beide  mehr  geschichtlichen  urspmngs." 
Leicht  ist  die  aufgäbe  freilich  nicht,  zumal  wenn  sie  in  knappstem  räume  ausgefülirt 
werden  soll.  Aber  schon  Wackcrnagcls  litteraturgeschichte  kann  hier  wie  überall 
dem  bearbeiter  die  trefflichsteu  winke   und  anreguugcu  geben ,  und  es  wird  l'ruclit- 

16* 


244  PISCIIONS   LEITFADEN 

bar  sein ,  sie  durcligehentls  zu  rate  zu  ziehen.  §.  7  handelt  von  den  ober  -  und  nie- 
derdeutschen nuindarten ,  wobei  das  fränkische  schlechtweg  zu  den  oberdeutschen 
gerechnet  wird,  von  der  lautverschiebung,  der  lautschwäch ung,  den  i-unen,  der  buch- 
stabenschrift ,  und  von  den  sängern.  Betreffs  der  runen  war  zu  verweisen  auf  die 
abhandlungen  von  v.  Liliencron  und  Müllenhoff  in  der  allgemeinen  monatsschrift  für 
Wissenschaft  und  litteratur.  Halle  u.  Braunschweig  1852,  während  die  neuesten  for- 
schungen,  die  noch  zu  keinem  abgeschlossenen  endcrgebnisse  geführt  haben,  noch 
anerwähnt  bleiben  können;  betreffs  des  barditus  auf  Müllenhoff,  de  antiquiss.  germ. 
poesi  chor.  p.  20.  Wackernagel ,  lit.  gesch.  s.  9  und  Grimm,  deutsches  wörterb.  s.v. 
bar  1,  1121.  §.  8,  über  metrik  und  reim  handelnd,  ist  von  Palm  wesentlich  verbes- 
sert. So  lange  aber  die  namhaftesten  forscher  noch  darüber  uneius  sind,  ob  der  alt- 
deutsche vers  ursprünglich  zu  4  hebungen ,  oder  zu  8  hebungen  mit  cäsur  zu  rechnen 
sei,  würde  ich  in  einem  schulbuche  doch  nicht  zu  schreiben  wagen  „der  altdeutsche 
vers  hat  8  hebungen."  Dass  der  reim,  welcher  schärfer  als  endreim  zu  bezeichnen 
wäre ,  durch  den  einflus  der  christlich  -  römischen  poesie  entstanden  sei ,  ist  nach  Wil- 
helm Grimms  forschungeu  doch  mislich  zu  behaupten ,  und  daher  die  doppelt  zwei- 
felnde angäbe  über  den  Ursprung  des  reimes  besser  zu  streichen.  Dagegen  vermisst 
man  sehr  ungern  eine  angäbe  des  gewaltigen,  bis  in  die  innersten  tiefen  greifenden 
einflusses ,  den  stab  -  wie  endreim  auf  den  charakter  der  poesie  geübt  haben.  In  der 
litteraturnachweisung  ist  mir  die  bemerkung  über  Lachmanns  ansichten  betreffs  der 
betonung  gänzlich  unverständlich,  und  verweisen  würde  ich,  nicht  auf  die  unbrauch- 
baren Schriften  von  Feussner  und  Schneider ,  sondern  auf  Schmellers  leider  noch  nicht 
entbehrlich  gemachte  abhandlung  „über  den  versbau  in  der  alliterierenden  poesie 
besonders  der  Altsachsen"  (Abhh.  d.  philos.  philol.  kl.  d.  bair.  akad.  bd.  4.  1847) 
und  auf  Wilhelm  Grimm ,  zur  geschichte  des  reimes.     Berlin  1852. 

Die  §§.9  —  14  reihen  unter  der  Überschrift  „Vor  Karl  dem  Grossen"  in 
unzweckmässigster  weise  gotisches ,  althochdeutsches  und  altniederdeutsches  aneinan- 
der, während  der  Zusammenhang  der  althochdeutschen  wie  der  altniederdeutschen 
litteraturdenkmäler  dadurch  um  so  wilkürliclier  unterbrochen  und  auseinandergerissen 
wird,  da  sich  bei  den  kleineren  denkmälern  und  bruchstücken  genaue  und  völlig 
sichere  chronologische  bestimmungen  oft  gar  nicht  ausmitteln  lassen.  In  §.  9  ist  die 
ungenaue  und  halb  unrichtige  auskunft  über  das  gotische  aiphabet ,  in  §.10  die  grie- 
chische und  die  halbgriechische  sclu-eibung  Ulfilas  und  Ulfila  beibehalten,  dagegen 
die  echtgotische  Vulfila  gar  nicht  erwähnt  (vgl.  Wackern.  LG.  §.  8.  anm.  4) ,  desglei- 
chen mrd  Aviderum  die  angäbe  über  die  unterbliebene  Übersetzung  der  bücher  der 
könige  samt  dem  von  Philostorgius  angegebenen  gründe  ohne  weiteres  als  thatsache 
erzählt.  Bessells  wichtiges  büchlein  über  Vulfila  ist  weder  erwälmt  noch  benuzt.  Die 
schrift  von  Waitz  ist  zwar  angeführt,  aber  nicht  einmal  des  Auxentius  angäbe  über 
die  kenntuisse  und  die  schriftstellerei  Vulfilas  hat  Verwertung  gefunden.  Beibehalten 
ist  auch  die  bezeichnung  der  Skeireins  als  „  auslegung  des  evangelii  Johannis."  In 
der  anmerkung  ist  der  -wunderliche  fehler  stehen  geblieben:  „Mai  entdeckte  1818  in 
Mailand  iu  dem  kloster  Bobbio  die  briefe  Pauli"  u.  s.  w.  Die  litteraturnachweisun- 
gen  sind  ganz  unkritisch.  Anzuführen  wären  in  geordneter  folge  etwa  die  editiones 
principes,  dann  die  ausgaben  von  Gabelentz-Loebe,  von  Uppström  (jetzt  über  alle 
gotische  reste  reichend)  und  von  Stamm -Heyne,  dann  das  glossar  von  Schulze  und 
die  Schriften  von  Waitz,  Bessell  und  Bernhardt  (kritische  Untersuchungen  über  die 
gotische  bibelübersetzung.    Meiningen  18(34),  das  überflüssige  dagegen  zu  streichen. 

§.11  und  12  gelten  der  althochdeutschen  litteratur.  Der  §.  11,  welcher 
anscheinend  einige  allgemeine  bemerkuugen  enthalten  soll ,  ist  nach  Inhalt  und  form 


PISCHONS   LEITFADEN  245 

SO  verunglückt,  dass  man  versuchen  muss  seinen  wunderlichen  sinn  zu  errathen,  und 
kaum  begreift  wie  der  herausgeber  ihn  unverändert  beibehalten  konnte.  §.  12  zählt 
die  althochdeutschen  denkmäler  aus  der  zeit  vor  Karl  dem  Grossen  auf.  In  der  ersten 
anmerkung  zu  demselben  werden  die  von  Müllenhoif  und  Scherer  herausgegebenen 
althochdeutschen  „Denkmäler"  zwar  erwähnt,  aber  weder  hier  noch  sonst  im  leit- 
faden  sind  sie  ausgenuzt.  Ihnen  gegenüber  zeigt  sich  recht  handgreiflich ,  wie  unhalt- 
bar Pischons  ganze  behandlung  des  gesamten  althochdeutschen  Zeitraumes  nachgrade 
geworden  ist.  Seine  betreffenden  paragraphen  sind  eben  entstanden  zu  einer  zeit, 
wo  die  wissenschaftliche  kenntnis  der  althochdeutschen  litteratur  erst  begann,  und 
ihre  ganze  anläge  ist  so  beschaffen,  dass  alles  nachträgliche  fiickwerk  sie  nicht  hat 
in  einer  dem  fortschritte  der  forschung  entsprechenden  Aveise  verbessern  können.  Will 
also  der  herausgeber  des  leitfadens  dem  althochdeutschen  Zeiträume  gerecht  werden, 
so  Avird  ihm  kaum  etwas  anderes  übrig  bleiben ,  als  Pischons  darstellung  hier  gänz- 
lich aufzugeben ,  und  eine  ganz  neue  selbständige  bearbeitung  an  die  stelle  zu  setzen. 
Die  pietät  gegen  den  Verfasser  darf  ihm  kein  hindernis  sein.  Denn  nicht  darin  ligt 
die  pietät  gegen  den  verstorbenen  Verfasser,  dass  man  die  mangelhafte  einrichtung 
und  die  paragraphenfolge  eines  von  ihm  selbst  zu  stetiger  Verbesserung  und  vervoll- 
komnung  bestimten  Werkes  beibehält,  sondern  darin,  dass  man  es  auf  die  stufe  zu 
erheben  sucht,  auf  welche  er  es  selbst  erhoben  haben  würde,  wenn  er  noch  lebte 
und  es  auszuführen  vermöchte.  Hauptsächlich  aber  wird  sich  eine  solche  neue  aus- 
arbeituug  auf  die  von  Müllenhuff  und  Scherer  herausgegebenen  ,, Denkmäler"  zu 
stüzen  haben;  denn  nur  engherzigster  parteigeist  könnte  läugnen,  dass  in  diesem 
buche  nicht  nur  die  texte  der  sämtlichen  kleinen  althochdeutschen  denkmäler  viel- 
fache berichtigungen  und  Verbesserungen  gefunden  haben ,  sondern  dass  auch  nament- 
lich ihr  Verständnis  wesentlich  gefördert,  ja  in  zahlreichen  fällen  wirklich  erst  auf- 
geschlossen worden  ist.  Sein  selbständiges  urteil  den  herausgebern  gegenüber  sich 
zu  Avahren  bleibt  ja  dem  bearbeiter  des  leitfadens  natürlich  unbenommen.  Entspre- 
chend Avird  aber  auch  in  den  litterarischen  nachAveisungen  des  leitfadens  bei  jedem 
der  kleinen  denkmäler  zunächst  auf  das  buch  von  MüUenhoff  und  Scherer  zu  verwei- 
sen, und  gleichzeitig  Averden  alle  durch  dasselbe  überflüssig  gemachten  Verweisungen 
zu  streichen  sein. 

Von  heidnischen  denkmälern  nennt  §.  12  die  merseburger  Zaubersprüche,  den 
wiener  reise-  (hunde-)  sogen  und  den  lorscher  bienensegen ,  während  das  zappertsclie 
Schlummerlied  in  der  anmerkung  mit  recht  als  eine  fälschung  abgewiesen  Avird.  Zu 
den  Zaubersprüchen  verweist  er  auf  den  wertlosen  aufsatz  von  Zeune  im  fünften  bände 
der  V.  d.  Hagenschen  Germania,  dagegen  lässt  er  unerwähnt  die  trefliche  abhandlung 
von  Kuhn  (in  dessen  Zeitschrift  13 ,  49) ,  durch  welche  die  bedeutung  des  Spruches 
gegen  Verrenkung  erst  in  ihr  volles  licht  gesetzt  worden  ist.  —  Von  christlichen 
dichtungen  Avird  das  Avessobrunuer  gebet  erAvähnt.  In  der  dazu  gehörigen  anmerkung 
ist  die  verAveisung  auf  Feussncrs  unnützes  programm  stehen  geblieben.  Die  letzten 
der  neu  zugefügten  Verweisungen  („Bouterwek,  Germania  1,  885")  ist  aber  avoI  nur 
durch  versehen  hierher  geratlicn;  denn  die  erwähnung  von  BouterAvcks  Vorlesung  über 
das  Beowulflied  sollte  doch  avoI  Avahrscheinlich  für  die  diitte  anmerkung  der  folgen- 
den (9.)  Seite  bestimt  sein.  Es  fehlt  die  Verweisung  auf  Gesserts  facsimile  im  Sera- 
peum  von  1841.  —  Endlich  folgen  an  prosaischen  denkmälern,  welche  sämtlich  als 
Übersetzungen  bezeichnet  Avcrdcn :  a)  Isidor  de  nativitate  domini.  b)  Keros  benedic- 
tinerregel.  c)  ,,Die  exhortatio  ad  i)lebejti  christiaiuxm ,  glaubcn«bekentnisse ,  beicht- 
formcln,  glossarien."  Sollte  es  sich  nicht  cmpfelilcn,  lieber  folgcndermassen  zu  ord- 
nen: a')  glossen,  a'-*)  interlinearversionen ,  Koro;  b)  Übersetzungen,  Isidor;  c)  formein 


24(i  nSCIION.S    LEITFADEN 

t'iii-  den  kirchlichen  gebrauch ,  cxhortatio ,  glaub ensbekenntnisse ,  beichten.  Bei  die- 
sen kirchlichen  denkuiälern  tritt  es  übrigens  schon  hervor ,  wie  mislich  die  im  leit- 
faden  beliebte  Scheidung  ist:  „A.  Vor  Karl  dem  Grossen.  B.  Seit  Karl  dem  Gros- 
sen;" da  ihr  vorkarolingischer  Ursprung  mit  gelehrsamkeit  und  geist  bestritten  wor- 
den ist,  und  Avol  kaum  mit  zweifelloser  Sicherheit  erwiesen  werden  kann.  In  den 
litteraturnachwcisungen  ist  vergessen  worden  den  dritten  band  von  Hatten lers  denk- 
nialen,  namentlich  aber  Wilh.  Grimms  vortrefliche  ausgäbe  der  exhortatio  nachzutra- 
gen. Nachweisungen  über  glossen  fehlen  gänzlich,  während  doch  mindestens  Wilh. 
Grimms  Glossae  cassellanae  und  Altdeutsche  gesprächc  und  Holtzmanns  aufsätze  in 
Pfeiffers  Germania  zu  erwähnen  waren. 

Ausserdem  aber  trift  diesen  paragraphen  —  und  nicht  diesen  allein  —  noch 
ein  sehr  gewichtiger  principieller  tadel.  Sämratliche  in  demselben  erwähnte  heid- 
nische wie  christliche  denkmäler  sind  eben  nur  genannt;  abgesehen  von  einer  ganz 
unerheblichen,  an  das  wessobrunner  gebet  geknüpften  bemerkung  ist  auch  nicht  eine 
silbc  über  ihre  bedeutung  gesagt.  Aber  was  fromt  es  denn  dem  schüler,  ja  was 
fromt  es  überhaupt ,  die  blosse  thatsache  zu  wissen ,  dass  es  Zaubersprüche ,  dass  es 
eine  Übersetzung  des  isidorischen  tractates,  dass  es  eine  benedictinerregel,  eine  exhor- 
tatio, glaubens-  und  beichtformeln  und  glossen  gegeben  hat?  In  dieser  weise  gesä- 
tes kann  doch  nnr  getrocknet  aufgehn ,  höchstens  zum  vegetieren  kommen ,  aber  nicht 
zu  wirklichem  und  fruchtbarem  leben  gedeihen.  Mau  wende  nicht  ein,  das  leben 
müste  durch  die  hinzukommende  mündliche  belehrung  des  lehrers  geweckt  werden. 
Denn  derjenige  lehrer,  der  in  diesen  dingen  so  bewandert  ist,  dass  er  aus  dem  vol- 
len schöpfen  kann,  und  von  allein  weiss,  was  alles  in  betracht  komt  und  was  davon 
für  schulzwecke  verwendet  werden  kann  und  soll,  der  wird  eben  nicht  nach  Pischons 
leitfaden  greifen.  Allerdings  ist  in  den  anmerkungen  das  werk  R.  v.  Eaumers  „Ein- 
fluss  des  Christentums  auf  die  althochdeutsche  spräche"  erwähnt,  aber  ganz  zuletzt, 
gleichsam  anhangsweise  und  wie  ein  verlorener  posten ,  während  es  hätte  in  den  Vor- 
dergrund gerückt  und  ausgenuzt  werden  sollen.  Denn  grade  bei  dem  beginne  dieser 
periode,  wo  das  heidentum  weicht  und  mit  dem  Christentum  der  erste  grund  der 
gelehrten  und  der  christlichen  bildung  und  damit  aller  späteren  geistigen  entwick- 
lung  des  deutschen  volkes  gelegt  wird  —  grade  hier  war  es  dringend  geboten,  den 
schüler  darauf  aufmerksam  zu  machen  und  den  lehrer  daran  zu  mahnen,  wie  wun- 
derbar fest  uralte  Überlieferung  haftet,  und  mit  welchen  mittein  kirche  und  schule 
ihre  gewaltige  aufgäbe  zu  lösen  unternahmen.  Hierüber  belehrt  zu  Averden  ist  für 
den  schüler  eben  so  anziehend  als  fruchtbar,  und  erst  unter  dieser  Voraussetzung 
gewinnen  auch  alle  jene  denkmäler,  die  heidnischen  Sprüche,  wie  die  glossen,  die 
interlinearversionen ,  die  Übersetzungen  und  die  kirchlichen  formein  für  ihn  ein  höhe- 
res Interesse  und  ein  wirkliches  leben.  Und  selbst  wenn  der  leitfaden  für  eine  in 
diesem  sinne  gehaltene  skizze  ein  paar  selten  verwendete ,  so  wäre  das  keine  rauni- 
verschwendung ;  er  kann  dafür  anderes  beschneiden  und  ausmerzen ,  dessen  wert  für 
schule  und  leben  sehr  viel  geringer  ist. 

Unter  der  Überschrift  „Altniederdeutsches"  werden  §.  13  und  l-l  zusammenge- 
fasst.  In  §.  13  hätte  die  angäbe ,  dass  das  Hildebrandslied  ein  niedersächsisches  denk- 
mal  sei,  verbessert,  und  in  den  beigefügten  litteraturnachweisungen  hätte  das  unnütze 
gestrichen  werden  sollen.  Dahinter  wird  als  prosadenkmal  die  „Teufelsentsagung," 
oder,  wie  es  richtiger  benannt  sein  sollte,  das  Taufgelöbnis,  angeführt  und  mit  der 
bemerkung  „Unbedeutendes"  abgefertigt,  während  vielmehr  mit  kurzen  werten  seine 
herkunft  und  seine  wirkliche  bedeutung  angegeben  sein  sollte.     §.  14  mit  seinen  ganz 


nSCHÜNS   LEITFADEN  247 

unzulänglichen  notizen  über  angelsächsische   litteratur  würde  entweder  ganz  zu  strei- 
chen, oder,  wenn  man  ihn  nicht  missen  wollte,  wesentlich  umzuarbeiten  sein. 

§.  15  enthält  einige  allgemeine  bemerkungen  über  die  zeit  der  kerlingischen, 
sächsischen  und  fränkischen  kaiser,  die  man  als  ersten  entwurf  einer  recht  schwie- 
rigen Skizze  nicht  ohne  anerkennung  lassen  mag.  Palm  hat  sie  unverändert  beibe- 
halten,  hätte  aber  doch  die  Vermutung,  dass  Karls  auf  die  Sammlung  der  alten  hel- 
dengesänge  bezügliche  thätigkeit  „wahrscheinlich  in  der  Vereinigung  vereinzelter 
heldenlicder  zu  grösseren  ganzen"  bestanden  habe,  als  eine  mindestens  müssige  und 
jedenfalls  sehr  gewagte  lieber  streichen  sollen.  Die  erforderliche  Umarbeitung  dieses 
Paragraphen  wird  sicher  nicht  leicht  sein.  Ueber  den  Zusammenhang  von  Karls 
gesetzgeberischen  bestrebungen  mit  der  gleichzeitigen  litteratur  und  über  den  einfluss, 
den  die  hofsprache  auf  dieselbe  geübt  hat,  bieten  die  ,, Denkmäler"  von  MüUeuhoft" 
und  Scherer  eine  fülle  reicher  und  feiner  bemerkungen ,  die  zweckmässig  zu  verwer- 
ten sein  werden. 

§.  16  zählt  die  poetischen  denkmäler  dieses  Zeitraumes  auf.  Die  zwölfte  auf- 
läge nannte  deren  nur  drei:  Otfried,  das  Ludwigslied  und  Muspilli;  Palm  hat  hin- 
zugefügt: Merigarto,  einige  gedichte  der  Vorauer  handschrift  mit  oberflächlicher  ver- 
weisu])g  auf  andere  verwante,  und  ferner  hat  er  hierher  gezogen  das  Annolied,  was 
früher  in  §.35  stand,  die  kaiserkronik  aber  hat  er  in  §.35  belassen.  —  Otfrieds 
buch  wii-d  auch  jetzt  noch  „Evangelienharmonie"  genannt,  und  die  seichten  phrasen 
sind  stehen  geblieben:  „Die  behandlung  ist  frei,  fromm,  gemüthlich,  die  betrach- 
tuugen  oft  allegorisch  mystisch ,  die  erzählun^  trocken  und  langweilig.  Der  reim  ist 
nicht  immer  rein,  sondern  öfter  nur  assouierend.  Die  strophe  besteht  aus  zwei  lang- 
zeilen  oder  vier  halbzeilen."  Statt  ihrer  wird  eine  künftige  aufläge  wol  wirklich 
darüber  belehren,  welche  veranlassung,  welchen  zweck  und  welche  quellen  Otfried 
gehabt,  weshalb  seine  erzählung  und  seine  betrachtung  grade  so  ausgefallen  sind, 
welchen  einfachen  von  W.  Wackernagel  und  Wilhelm  Grimm  dargelegten  gesetzen 
sein  reim  folgt,  und  dass  er  nach  seiner  eigenen  Zählung  seine  strophe  zu  vier  halb- 
zeilen rechnete.  —  In  der  litteraturangabe  zum  Ludwigsliede  wäre  das  falsche  citat 
,, Grimm,  Germ.  II"  in  „Germ.  1,  233 "  zu  berichtigen  und  überflüssiges  zu  streichen, 
dagegen  die  Verweisung  auf  den  druck  in  Lachmanns  specimina  linguae  francicae  wol 
schon  deshalb  nicht  überflüssig,  weil  Lachmann  dort  bereits  statt  der  grammatisch 
anstössigen  und  deshalb  verdächtigen,  und  bei  Müllenhofi"- Scherer  wol  nur  aus  ver- 
sehen ohne  anmerkung  aufgenommenen  lesart  jah  in  v.  55,  aus  dem  verlesenen  Sab  der 
editio  princeps,  durch  feine  emendation  die  unanstössige  form  (juh  gewonnen  hat. 
Auch  beim  Muspilli  würden  überflüssige  Verweisungen  zu  streichen  und  statt  ihrer 
anzuführen  sein  C.  Hofmanns  abhandlung  über  Docens  abschritt  des  Muspilli ,  in  den 
sitzungsber.  d.  bair.  akad.  philos.  pliilol.  cl.  3  novbr.  1866.  —  Palms  eigene  Zusätze 
nehmen  wir  einstweilen  als  eine  wirkliche  bereicherung  dankbar  an.  Wenn  längere 
müsse  ihm  verstatten  wird,  die  Vorauer  handschrift  und  die  denkmäler  von  Müllen- 
hoff  u.  Scherer  für  den  leitfaden  gründlich  durchzuarbeiten  und  wirklich  auszunutzen, 
wird  er  die  erforderlichen  Verbesserungen  leicht  bewerkstelligen ,  und  vielleicht  wird 
dann  auch  Holtzmanns  aufsatz  über  das  Annolied  das  blendende  für  ihn  verlieren,  so 
dass  er  aus  eigener  kühler  kritik  die  angäbe  widerum  streichen  wird,  dass  das  Anno- 
lied wahrscheinlich  von  Lambert  von  Hersfeld  gedichtet  sei. 

Die  aufzählung  der  prosaischen  denkmäler  in  §.  17  ist  unverändert  beibehalten 
und  wird  in  späterer  aufläge  eine  um  so  durchgreifendere  auch  auf  die  litteratur- 
nachweisuugen  auszudehnende  Umarbeitung  erfahren  müssen. 


248  PISCHONS  LEITFADEN 

§.  18  fasst  altsächsisches  und  angelsächsisches  zusammen.  Die  angäbe  über 
den  Heliaud  ist  durch  Pahn  erweitert  worden.  Stehen  geblieben  ist  die  bemorkung, 
dass  der  Verfasser  des  Heliand  nacli  der  sage  ein  baucr  gewesen  sei,  aber  nicht  hin- 
zugefügt ist  die  viel  wichtigere  thatsache ,  dass  er ,  nach  dem  von  Windisch  geliefer- 
ten nachweise  seiner  quellen,  ein  gelehrter,  in  den  lateinischen  damals  gangbaren 
theologischen  werken  gründlich  bewanderter  mann  gewesen  ist.  Das  trefliche  buch 
von  Windisch  ist  in  der  anmerkung  zwar  angeführt,  aber  eine  daraus  geschöpfte 
gedrängte  belehrung  über  die  quellen  des  Heliand  und  über  die  art  ihrer  Verarbei- 
tung und  benutzung ,  so  wie  ein  fingerzeig  über  den  einfluss  des  Stabreimes  und  der 
damit  aufs  engste  verknüpften  altepischen  technik  auf  die  ganze  haltung  und  den  stil 
des  gedichtes  wäre  sicher  nicht  überflüssig  gewesen ,  Aveil  man  erst  dadurch  zu  einem 
wirklichen  Verständnis  und  einer  richtigen  Würdigung  desselben  gelangen  kann. 
Unnütze  titel  in  der  anmerkung  hätte  man  dafür  gern  entbehrt.  —  Heynes  ausgäbe 
der  kleineren  altniederdeutschen  denkmäler  ist  zwar  erwähnt,  aber  nicht  benuzt,  und 
so  wird  denn  in  betreff  der  fragmentarisch  erhaltenen  psalmenübersetzung  lediglich 
widerum  auf  die  unvollständige  und  ganz  unbrauchbar  gewordene  ausgäbe  v.  d.  Hagens 
verwiesen,  die  übrigen  altniederdeutschen  kleineren  denkmäler  aber  Averden  gänzlich 
mit  stillschweigen  übergangen.  —  Die  demnächst  folgenden  dürftigen  angaben  über 
angelsächsische  litteratur  würden  widerum  entweder  zu  streichen  oder  gründlich  zu 
verbessern  sein. 

§.  19,  überschrieben  skandinavisches,  ist  mit  allen  seinen  mangeln  und  fehlem 
unverändert  stehen  geblieben  und  wird*  gänzlich  umgearbeitet  werden  müssen.  Schon 
wegen  ihrer  hohen  bedeutung  für  die  deutsche  mythologie  und  die  deutsche  helden- 
sage  wird  man  einer  berücksichtigung  der  alten  skandinavischen  litteratur  auch  in 
einem  leitfaden  nicht  füglich  entbehren ,  und  aus  gleichem  gründe  auch  der  angel- 
sächsischen kaum  gänzlich  geschweigen  können.  Dann  werden  aber  namentlich  die 
für  die  deutsche  litteratur  bedeutsamen  thatsachen  richtig,  klar  und  bestimmt  zu 
zeichnen  und  in  dieser  ihrer  bedeutsamkeit  zu  characterisieren  sein.  Es  wird  also 
besonders  über  die  Lieder  -  und  die  Prosa  -  edda ,  über  die  Völsunga  und  über  die  Vil- 
kinasage  richtig  und  zweckmässig  zu  handeln  und  eine  gute  auswahl  der  einschlägi- 
gen litteraturnachweisungen  zu  geben  sein ;  und  ferner  wii-d  anzumerken  sein ,  dass 
neben  den  frühzeitig  beginnenden  prosaischen  sagas  die  epischen  lieder  sich  nicht  zu 
rhapsodien,  geschweige  zu  wirklichen  epen  fortentwickelten,  und  dass  die  den  Stab- 
reim festhaltende  poesie  unter  den  bänden  der  skalden  in  verknöcherung  und  ver- 
künstelung  erstarrte.  Ueber  die  rechtsbücher  wird  nicht  nur  richtigeres  und  besseres 
zu  sagen,  sondern  auch  eine  bemerkung  über  ihre  bedeutsamkeit  beizufügen  sein. 
Es  werden  insonderheit  die  wunderbarer  weise  gar  nicht  erwähnten  schritten  Maurers 
und  für  die  Lieder  -  edda  deren  neuste  von  Bugge  besorgte  ausgäbe  (Christiania  1867) 
zu  rathe  zu  ziehen  sein.  —  In  die  zweite  anmerkung  zu  diesem  paragraphen  sind 
die  titel  der  lehr-  und  handbücher  der  deutschen  mythologie  untergesteckt  worden, 
dei  denen  doch  Mannhardt,  die  götter  der  deutschen  und  nordischen  Völker.  Berlin 
1860  um  so  weniger  vergessen  sein  sollte,  weil  grade  dies  buch  am  meisten  geeig- 
net ist,  um  in  das  studium  der  mythologie  einzuführen.  Später  wird  wol  die  mj'tho- 
logie  eines  besonderen  paragraphen  gewürdigt  werden. 

Die  Paragraphen  20  bis  46  behandeln  die  zweite  von  1150 — 1300  reichende 
Periode,  also  die  blütezeit  der  mittelhochdeutschen  litteratur. 

§.  20  bietet  eine  unverändert  beibehaltene  allgemeine  übersieht ,  welche  gute 
und  geschickt  ausgedrückte  gedanken  enthält.  Richtig  ist  bemerkt,  dass  der  Zwie- 
spalt zwischen  weltlicher  und  geistlicher  macht   die  geister  zu  selbständigerem  den- 


PISCHONS   LEITFADEN  249 

keil  anregte ;  aber  der  beginn  dieser  anregung  fällt  bereits  in  die  frühere  periode  der 
fränkischen  kaiser,  in  jene  zeit,  wo  pabst  wie  kaiser  in  ihren  Streitigkeiten  an  die 
öffentliche  meinung  appellierten  und  diese  dadurch  zu  einem  urteil  herausforderten. 
Darauf  hinzuweisen  ist  um  so  weniger  überflüssig,  weil  die  zeit  der  fränkischen  wie 
der  sächsischen  kaiser  in  unseren  litteratm-geschichten  gewönlich  nur  nach  dem  mass- 
stabe  der  spärlich  erhaltenen  denkmäler  geschätzt  und  deshalb  unterschätzt  wird.  In 
beziehuiig  auf  die  kunstpoesie  dieses  Zeitraumes  sollte  ausdrücklich  gesagt  und  her- 
vorgehoben sein ,  dass ,  und  auf  welchem  wege  ihre  stoffe  wie  ihre  formen  aus  Frank- 
reich herübergekommen  sind ;  und  gleicherweise  sollte  gezeigt  sein ,  wiefern  die  ände- 
rung  nicht  blos  der  politischen  sondern  auch  der  socialen  und  wirthschaftlichen 
zustände  einen  wesentlichen  einfluss  auf  den  raschen  verfall  dieser  dichtung  geübt 
haben.  Ferner  wäre  das  Avesen  und  der  unterschied  der  poetischen  und  der  volks- 
mässigen  poesie  bestirnter  zu  zeichnen ,  und  auch  der  spielmannspoesie  nicht  zu  ver- 
gessen ,  wozu  Müllenhoffs  buch  „  zur  geschichte  der  Nibelunge  Not.  Braunschw. 
1865"  einen  schätzbaren  anhält  geben  könnte. 

Der  21ste  die  spräche  besprechende  paragraph  ist  durch  Palm  geschickt  erwei- 
tert und  verbessert  worden.  Nur  der  letzte  satz  würde  dahin  zu  berichtigen  sein, 
dass  der  versbau  widerura  die  alte  schon  bei  Otfried  nachweisbare  gesetzmässigkeit 
und  feinheit  der  eigenen  einheimischen  metrik  aufnimt,  während  die  reinheit  und 
fuUe  des  endreimes  und  die  künstliche  gestalt  der  strophe,  insonderheit  der  höfischen, 
sich  in  folge  der  durch  die  fremden  französischen  Vorbilder  gegebeneu  anregung 
ausbildet. 

Die  §§.23  —  27  sind  überschrieben  „Volkspoesie"  und  handeln  von  den  zur 
deutschen  heldensage  gehörenden  dichtungen,  einschliesslich  des  könig  Eother,  und 
von  den  zur  thiersage  zählenden.  In  diesen  paragraphen  macht  es  sich  recht  empfindlich 
geltend,  dass  Passow  zu  keiner  klaren  Vorstellung  gekommen  war  über  das,  was  er 
die  Volkspoesie  jener  zeit  nennt ,  und  zu  keiner  ausreichenden  kenntnis  des  stofflichen 
wie  des  technischen.  Und  auch  der  neuste  bearbeiter  hat  diesen  übelstand  noch 
nicht  ganz  überwinden  können.  Daher  schwankt  die  auffassung  und  darstellung  zwi- 
schen den  mancherlei  in  den  letzten  decennieu  aufgetauchten  meinuugen  und  behaup- 
tungen  unentschieden  liin  und  her,  mengt  richtiges  und  unrichtiges,  sicheres,  zwei- 
felhaftes und  grandioses ,  und  kann  aus  mangel  einer  selbständigen ,  den  ganzen 
gegenständ  beherrschenden  kenntnis  und  eines  wohlbegründeten  eigenen  urteiles  zu 
keiner  festen ,  scharfumrissenen  Zeichnung  kommen.  —  Gleich  zu  anfange  behauptet 
§.23,  dass  ,,volksmässige  lyrische  dichtungen  aus  dieser  zeit  gar  nicht,  oder  doch 
nicht  in  ilii-er  ursprünglichen  gestalt  erhalten"  seien,  während  solche  doch  auf  den 
ersten  blättern  des  von  Haupt  und  Lachmaun  herausgegebenen  Minnesangs  frühling 
thatsächlich  und  deutlich  vorliegen.  Dass  ihrer  freilich  nicht  viel  sein  können,  und 
dass  und  warum  die  lyrischen  uud  noch  mehr  die  epischen  volksraässigen  dichtungen 
jener  zeit  von  dem  was  wir  jetzt  Volkslied  nennen  einigermassen ,  ja  zum  theil 
recht  sehr  verschieden  sind  und  sein  müssen ,  das  ligt  in  der  natur  der  sache  und 
Hesse  sich  leicht  nachweisen ,  wenn  liier  der  räum  dazu  ausreichte.  —  Die  belehrung 
über  die  Nibelungenstrophe  ist  von  Pahn  etwas ,  aber  noch  nicht  ausreichend ,  verbes- 
sert worden.  Es  müste  etwa  heissen :  die  sogenannte  Nibelungenstrophe  ist  eine  vier- 
zeilige ,  nach  aller  wahrscheinlichlccit  einheimische  und  volksmässige ,  und  deragemäss 
zwcitlieilig  gebaute  strophe ,  so  dass  die  beiden  ersten  Zeilen  den  auf- ,  die  beiden 
letzten  den  abgesang  bilden  (vgl.  v.  Lilicncron  in  Haupts  ztschr.  G,  69  flg.).  Jeder 
vers  derselben  ist  durch  eine  cäsur  derart  geteilt ,  dass  vor  der  cäsur  4  hebungen  mit 
stumpfem,   oder  häufiger  3  hebungen  mit  klingendem  ausgange,    hinter  derselben  in 


250  nSCIlONS    LKITFADEN 

den  enstoii  drei  vcrscii  3,  im  vierten  aber  4  liebungen  stehen,  (zwisclicn  und  vor 
denen,  wie  iiberliaupt  in  epischen  gedichteii ,  die  Senkungen  fclil^n  können).  Die 
reime  stehen  am  versende  und  sind  nur  stuni])f.  Ciisurreime  beginnen  erst  allmälich 
vorzudringen.  Zuerst  begegnet  die  Nibelungcnstroiihe  in  Oesterreicli ,  um  die  mitte 
des  12.  Jahrhunderts,  in  llcdern,  welche  (olme  zweifellose  gewähr)  dem  Kürenberger 
zugeschrieben  Averden.  Verstattete  es  der  räum  des  grundrisses,  so  könnte  man  wol 
noch  hinzufügen :  wird  die  letzte  zeile  der  Nibelungenstrophe  um  die  letzte  hebung 
gekürzt,  so  entsteht  eine  minder  kunstgerechte  strophe,  der  sogenannte  Hildebrands- 
ton, der  auch  schon  im  Nibelungenliede  vereinzelt  eingedrungen  ist,  später  immer 
häutiger  gebraucht  wird ,  und  sich  im  volksliede  bis  auf  die  gegenwart  erhalten  hat. 
Durch  Verlängerung  der  siebenten  halbzeile  von  o  auf  5  hebungen  ist  die  strophe 
von  Walther  und  Hiltegund,  dagegen  durch  Verlängerung  der  achten  halbzeile  von  4 
auf  5  hebungen  und  durch  gleichzeitige  aufnähme  des  klingenden  reimes  in  den 
sclduss  der  dritten  und  vierten  langzeile  ist  die  Gudrunstrophe,  endlich  aus  einer 
Verbindung  der  zweiten  hälfte  der  Nibelungenstrophe  mit  der  letzten  zeile  der  Gudi'un- 
strophc  ist  die  strophe  der  Rabeiischlacht  entstanden.  Einige  andere  Variationen  der 
Nibelungenstrophe  finden  sich  im  gleichzeitigen  minnesange ;  ein  wenig  entfernter  ver- 
want  ist  die  wol  von  Wolfram  geschaffene  Titurelstrophe. 

Ueber  die  entwicklungsgeschichte  des  Nibelungenliedes  bleibt  und  lässt  der 
§.  23  sehr  im  unklaren ,  und  verräth  nicht  eben  eine  tief  eingedrungene  kentnis  und 
ein  wirkliches  Verständnis  der  Lachmannschen  arbeiten,  wenn  er  sagt,  die  am  ent- 
schiedensten von  Lachmanu  ,,  vertretene''  liedertheorie  nehme  eine  ,,  fast  mechanische 
und  willkürliche  zusanimenfügung  einzelner,  vorher  gesondert  ausgebildeter  lieder  an." 
Die  entwicklungsgeschichte  des  französischen  epos,  welche  dem  des  deutschen  analog 
verläuft,  (nur  dass  bei  dem  Nibelungenliede  die  Verhältnisse  viel  günstiger  lagen,  und 
deshalb  ein  viel  voUkommneres  endergebnis  lieferten)  scheinen  die  herausgeber  nicht 
gekannt  zu  haben,  wenigstens  haben  sie  sie  nicht  benutzt.  Es  wird  vielleicht  nicht 
überflüssig  sein,  an  die  lehrreiche,  und  überhaupt  viel  zu  wenig  beachtete  recension 
V.  A.  Hubers  von  La  chevalerie  Ogier  de  Danemarche  zu  erinnern  (in  Neue  Jen.  Allg. 
Lit.  Zeit.  1844.  April  nr.  95  flg.  s.  877  —  384.     389  —  398). 

Die  zur  heldensage  gehörenden  gedichte  werden  (§.  24  —  26)  folgenderinassen 
geordnet:  1)  ,,Die  fränkisch  -  burgundische  .Sigfriedssage  " :  Hürnen  Seyfried.  2)  Die 
gotische  Dietrichssage":  Sigenot,  Ecken  Ausfahrt,  Laurin,  Alphart,  Eabenschlacht. 
3)  „Die  vereinigte  burgundisch  -  gotische  sage":  Biterolf,  Rosengarten,  Nibelunge- 
not  und  Klage.  4)  ,,Die  lombardische  sage":  Rother,  Ortnit,  Hug-  und  Wolf- 
dietrich. 5)  ,, Die  nordisch -fränkische  sage":  Gudrun.  Will  man  diese  sehr  bedenk- 
liche einteilungsweise  nach  den  volksstämmen ,  in  Avclchen  wol  das  einst  von  C.  0. 
Müller  bei  behandlung  der  griechischen  mythen  und  sagen  eingeschlagene  verfahren 
nachwirkt,  in  einem  leitfaden  beibehalten,  so  müste  doch  wenigstens  auch  gesagt 
sein,  wie  sie  gemeint  und  verstanden  sein  soll,  damit  nicht  die  Vorstellung  erweckt 
werde,  als  sei  jede  dieser  sagen  und  dichtungen  Sondereigentum  des  betreff'enden 
Volksstammes,  als  sei  sie  grade  bei  dem  einen  oder  den  beiden  genannten  volks- 
stämmen entstanden,  ausgebildet  oder  vorzugsweise  gepflegt  worden. 

Sigenot,  I*]cke,  Laurin,  Alphart,  Rabensehlacht ,  Biterolf  und  Rosengarten  wer- 
den hier  eben  nur  genannt,  und  nm-  zum  theil  später  in  §.51  nochmals  mit  einigen 
Zeilen  besprochen.  Das  von  MüUenhoff  herausgegebene  ,, Deutsche  Heldenbuch"  (bis 
jetzt  zwei  Bände.  Berlin  1866.) ,  in  welchem  diese  dichtungen  zum  erstenmal  eine 
kritische  behandlung  theils  schon  erfahren  haben,  theils  noch  erfahren  werden,  ist 
erst  im  nachtrage  (s.  131)  erwähnt,   und  nur  nach  dem  generaltitel ,    ohne  inhaltsan- 


PISCHONS   LEITFADEN 


251 


gäbe,  oder  irgendwelclie  bciuerkuiig  über  seinen  wert,  geschweige  dass  es  schon 
benutzt  v/orden  wäre. 

Auf  eine  ]aia])pe,  aber  geschickt  geschriebene  inhaltsangabe  des  Nibehmgen- 
liedes  folgt  eine  dürftige  notiz  über  die  in  ihm  erscheinende  nüscliUDg  heidnischer, 
christlicher,  mjiihologischer  und  geschichtlicher  bestandteile  —  unter  welche  letztere 
auch  Eüdeger  von  Bechelaren  gerechnet  wird,  dem  doch  jede  historische  grundlage 
gebricht  —  und  über  seine  ästhetische  Wirkung.  Dann  werden  in  einem  sehr  kurzen 
und  unvollkommenen ,  das  thatsächlich  beweisbare  und  die  hypothese  nicht  unter- 
scheidenden berichte  die  ansichten  von  Lachmanu,  Holtzmann  und  Bartsch  einfach 
neben  einander  gestellt,  mit  der  hinzugefügten  «chlussbemerkung :  ,, diese  fragen  sind 
noch  nicht  endgiltig  entschieden,  doch  hat  Lachmanns  licdertheorie  gegenwärtig  nur 
noch  wenige  anhänger."  Den  meisten  räum  nimt  die  litteraturnach Weisung  in  der 
anmerkung  ein,  in  welcher  allmählich  wiclitiges.  unwichtiges  und  völlig  wertloses 
ganz  unkritisch  angehäuft  worden  ist. 

Weil  das  Nibelungenlied  die  gewaltigste  und  vollendetste  aus  urältesten  Über- 
lieferungen erwachsene  mitionale  dichtung  des  deutschen  Volkes  ist,  gebührt  ihm  auch 
in  einem  leitfaden  eine  hervorragende  berücksichtigung.  Und  in  einem  leitfaden  der 
auch  dem  weiterstrebenden  und  dem  Ichrer  zum  anhalte  dienen  soll,  wäre  eine  prä- 
cisierung  der  wichtigsten  an  das  Nibelungenlied  sich  knüpfenden  fragen  um  so  schätz- 
barer, je  mehr  in  den  letzten  Jahrzehnten  durch  eine  umfängliche,  überwiegend  sub- 
jectiv  gehaltene,  an  Voraussetzungen,  behaui)tungen  und  sogar  gehässigkeiten  frucht- 
bare litteratur  die  Unbefangenheit  der  betrachtung  getrübt  und  der  Sachverhalt  ver- 
schoben und  verwirrt  worden  ist. 

Diese  aufgäbe  auf  beengtem  räume  auszuführen  ,  ist  allerdings  nicht  ganz  leicht, 
aber  doch  nicht  unmöglich.  Sie  wird  sicher  lösbar,  wenn  man  die  fragen  richtig 
stellt  —  da  unrichtig  gestellte  fragen  selbstverständlich  auch  irreleitende  antworten 
ergeben  müssen  — ,  und  wenn  man  richtig  und  scharf  unterscheidet  zwischen  dem 
thatsächlich  beweisbaren  und  der  hypothese ,  namentlich  also  genau  die  Scheidegrenze 
feststellt,  wo  das  thatsächlich  beweisbare  aufhört  und  die  hyi)othese  beginnt.  Man 
hat  also  mit  der  unerbittlichen  logik  des  mathematikers  auszugehen  von  dem  that- 
sächlich gegebenen  und  bekannten,  von  der  in  den  handschriften  vorliegenden  text- 
überlieferung ,  und  diese  nach  den  gesetzen  und  regeln  strengster  philologischer 
methode  grade  eben  so  zu  prüfen,  wie  man  jede  andre  textüberlieferung  prüfen  würde; 
also,  indem  man  die  textquellen  zeile  für  zeile  kritisch  vergleicht  und  die  in  der 
oder  jener  textgestalt  mangelnden  oder  überschiessenden  strophen  gleichfalls  als 
Varianten  betrachtet,  die  eben  nur  etwas  mehr  räum  einnehmen  und  deshalb  mehr  in 
die  äugen  lallen ,  aber  unter  umständen  doch  so  unwesentlich  sein  können ,  dass  sogar 
eine  Variante,  die  nur  drei  buchstaben  begreift,  eine  viel  erheblichere  kritische  bedeu- 
tung  haben  kann  als  drei  ganze  mangelnde  oder  überschiessende  strophen.  Und  zwar 
kann  bei  der  kritischen  Würdigung  der  Varianten  die  auf  ermittelung  des  ersten 
noch  unbekannten  und  zu  suchenden  gerichtete,  die  erste  grundfrage  lediglich  nur 
lauten:  welches  ist  unter  den  überlieferten  tcxtfassungen  die  älteste.  Diese  ganze 
kritische  arbeit  hält  sich  lediglich  innerhalb  der  gegebenen  thatsachen,  und  jeder 
schritt  derselben  ist  auch  tliatsächlich  beweisbar.  —  Hat  man  nun  auf  diese  weise 
die  älteste  textfassung  ermittelt  und  kritisch  gereinigt,  dann  erst  kann  die 
zweite  frage  folgen:  welche  eigentümlichkeiten  bietet  diese  älteste  textfassimg.  und 
wie  lassen  sich  dieselben  sämtlich  und  genügend  erklären?  Hier  erst,  bei  beantwor- 
tung  dieser  zweiten  frage ,  welche  die  vorgängige  beantwortung  und  erledigung  jener 
ersten   zu   ihren  Voraussetzung   luil ,    beginnt   die    notwendigkeit  einer  hyiiothese. 


252  PISCHONS   LEITFADEN 

(leren  wcseii  bckantlich  darin  besteht,  dass  man  in  erniangelung  thatsächlicb  vorlie- 
gender und  nachweisbarer  erkhirungsgründe  die  gcsanitursachc  einer  reihe  von  erscliei- 
nungen  durch  scldussl'olgerungen  und  Vermutungen  zu  gewinnen  suclit.  Die  hypo- 
tlicse  ist  also  nur  eine  nicinung,  deren  riclitigkeit  zwar  nicht  durcli  einen  stricten 
beweis  erhärtet  werden  kann,  die  aber  doch  als  richtig  gelten  darf,  wenn  sie  alle 
thatsachen,  die  in  ihren  bereich  fallen,  vollständig,  folgerichtig  und  leicht  erklärt, 
ohne  mit  sich  selbst  oder  mit  anderen  thatsachen  in  widersprach  zu  gerathen.  Es 
ist  also  bei  dem  Nibelungenliede  die  sogenannte  handschriftenfrage  von  der  sogenan- 
ten  liedcrtheorie  scharf  zu  unterscheiden,  und  jene  muss  erledigt  sein,  ehe  diese 
erfolgreich  in  Untersuchung  gezogen  Werden  kann. 

Hält  man  diesen  naturgemässen  weg  streng  ein,  dem  alle  objective  philologi- 
sche kritik  seit  einem  halben  Jahrhunderte  ihre  grossen  und  gesicherten  erfolge  ver- 
dankt, und  den  auch  Lachmann  bei  seiner  nibelungenforschung  eingehalten  hat,  so 
wird  man  zu  einem  eigenen  wolbegründeten  urteile  gelangen,  über  dessen  Zuverläs- 
sigkeit man  auf  jeder  Wegstrecke  rechenschaft  geben  kann,  und  dies  urteil  wird  dann 
freilich  dahin  ausfallen,  dass  die  ergebnisse  der  lachmannschen  handschriftenkritik  in 
allen  wesentlichen  punkten  unerschüttert  stehen  bleiben ,  und  dass  seine  liedcrtheorie 
noch  durch  keine  bessere  ersetzt  worden  ist. 

In  der  litter atur angäbe  zur  Klage,  deren  text  übrigens  durchaus  das  Schicksal 
des  nibelungentextes  theilt ,  war  Schönhuths  wertlose  ausgäbe  zu  streichen ,  und  dage- 
gen zu  verweisen  auf  Sommer  in  Haupts  ztschr.  3 ,  193  —  218  und  Rieger ,  ebendas. 
10 ,  241  —  255.  Desgleichen  fehlt  beim  Ortnit  die  anführung  und  beuutzung  der 
Avichtigen  abhandlung  Müllenhoffs  in  Haupts  ztschr.  13,  185—192.  Diephrase,  dass 
der  ,, nordisch- fränkischen  sage  vielleicht  auch  die  reine  Siegfriedssage  in  ihrer  älte- 
sten gestalt"  angehört  habe,  „wo  sie  mit  den  fränkisch  - burgundischen  sagen  noch 
nicht  verflochten  war,"  ist  natürlich  ganz  zu  streichen  und  ebenso  ist  die  beigefügte 
litteraturnachweisung  des  unnützen  ballastes  zu  entledigen. 

Die  kunstpoesie  dieses  Zeitraumes  ist  abgehandelt  in  den  §§.  28  —  44  und  würde 
durch  eine  bessere  disposition  des  Stoffes  sehr  gewinnen.  Die  beibehaltene  behaup- 
tung  (§  29),  dass  Britannien,  Frankreich  und  Spanien  dem  höfischen  epos  die  origi- 
nale geliefert  habe ,  möchte  doch  schwer  zu  beweisen  sein.  Über  Hartmann  von  Aue 
hat  sich  Palm  durch  dessen  „neuesten  herausgeber"  aufs  eis  führen  lassen.  Wil- 
nianns  hat  bereits  bewiesen  (Haupts  ztschr.  14,  144  flg.),  dass  und  warum  die  auf- 
stellung  von  HaMmanns  theilnahme  am  kreuzzuge  von  1189  —  91  hinfällig  ist.  Dage- 
gen- hätte  er  zu  Gottfried  von  Strassburg  bemerken  können ,  dass  Elard  Hugo  Meyer 
(Walther  v.  d.  Vogelweide.  Bremen  1863.  s.  5)  zum  jähre  1207  einen  Godofredus 
Rodelarius  de  Argentina  nachgewiesen  hat,  welcher  sehr  wol  mit  dem  dichter  iden- 
tisch sein  kann ,  der  sonach  stadtschreiber  von  Strassburg  gewesen  wäre ,  und  dafür 
hätte  er  die  bemerkung  über  Gottfrieds  geistliche  gedichte  streichen  sollen.  Zu  Karl- 
raeinet  wird  anzuführen  und  zu  benutzen  sein  das  buch  von  Bartsch  ,,  lieber  Karl- 
meinet. Nürnberg  1861,"  und  das  ästhetische  urteil  über  Flore  und  Blancheflur 
wird  wol  einer  einschränkung  bedürfen.  Zum  Rolandsliede  hat  neuerdings  H.  E.  Meyer 
ein  gehaltvolles  programm  geliefert.  Bei  Wolframs  Willehalm  vermisst  man  die 
anführung  und  benutzung  der  arbeit  von  Jonckbloet  „  Guillaume  d'Orange.  Chan- 
sons de  geste  etc.     La  Haye  1854.     2  bde." 

An  einer  kritik  der  Artussage  gebricht  es  uns  noch  gänzlich.  Holtzmann  hat 
erst  neuerdings  (Pfeiffers  Germania  12,  257  flg.)  einen  richtigen  ersten  schritt  dazu 
gethan.  Tieferes  eindringen  führt  aber  zu  sehr  überraschenden  ergebnissen,  welche 
ich  an  einem  anderen  orte  ausführlicher  darzulegen  und  zu  beweisen  gedenke.     Nie- 


PISCHONS  LEITFADEN  253 

mand  wird  es  dem  leitfaden  zum  fehler  rechnen,  wann  er  nicht  üher  die  bis  jetzt 
vorliegende  forschung  hinausgeht;  doch  hätten  einige  bereits  beseitigte  Irrtümer  ver- 
bessert werden  können.  Ganz  richtig  wird  gesagt ,  das  wort  gral  bedeute  nur  gefäss ; 
es  ist  in  dieser  bedeutung  noch  heut  in  den  landstrichen  an  den  östlichen  pyreuäen 
gebräuchlich.  Aber  der  gral  der  sage  ist  sehr  viel  älter  als  die  erbeutuug  der  glas- 
schüssel  in  Caesarea,  und  ist  mit  der  abendmahlsschüssel  Christi  ei'st  identificiert 
worden  durch  die  Kelten ,  welche  ihre  nationallegende  von  ihrer  bekehrung  durch 
Joseph  von  Arimathia  mit  der  gralsage  verknüpften.  Die  erklärung  des  namens  Mon- 
salvatsch  durch  mons  salvatoris  ist  grammatisch  unzulässig ,  vielmehr  geht  die  beuen- 
nung  zurück  auf  ein  lateinisches  mons  salvaticus  =  silvaticus:  bewaldeter  berg,  und 
in  den  Pyrenäen  haben  den  sitz  des  grals  erst  unsere  Eomantiker  gesucht.  Die  Orts- 
namen in  Wolframs  Parzival .  welcher  die  am  reinsten  gebliebene  Überlieferung  der 
sage  enthält,  sind  eben  nicht  geographische,  und  folglich  auch  nicht  geographisch  zu 
deuten;  aber  ihre  erste  aufzeichnung  muss  die  sage  im  Südosten  Frankreichs  gefun- 
den haben.  Bei  dem  Lanzelot  ist  nachzutragen  die  dissertation  von  G.  N.  Schilling, 
de  usu  dicendi  Ulrici  de  Zatzikhoven.  Halae  1866.  Dass  Wolframs  gewährsmann 
Guiot  ein  provenzale  gewesen  sei,  sollte,  als  längst  widerlegt ,  gestrichen  sein,  (doch 
dürfte  nicht  etwa  der  schon  von  Lachmann  in  der  ausgäbe  Wolframs  s.  XXIV  richtig 
abgewiesene  Guiot  von  Provins  dafür  eingesetzt  werden,)  und  bezüglich  der  Krone 
des  Heinrich  von  dem  Türlin  sollte  richtiger  gesagt  sein ,  dass  die  quelle  dieses  Wer- 
kes noch  unermittelt  ist. 

Doch  ich  muss  hier  abbrechen ,  da  sich  eine  so  eingehende  besprechung  nicht 
wol  über  das  ganze  buch  ausdehnen  lässt.  Ich  beschränke  mich  deshalb  darauf,  nur 
noch  einige  einzelne  bemerkungen  hinzuzufügen. 

Bei  erwähnung  der  worte  aus  Lamprechts  Alexander:  (§.36)  „da  ward  ihm 
vergeben,"  wäre  die  bemerkung  wol  nicht  überflüssig,  dass  sie  nicht  moralisch,  son- 
dern physisch  zu  verstehen,  und  mithin  zu  übersetzen  sind:  ,,da  ward  er  vergiftet." 
Zum  guten  Gerhard  des  Eudolf  von  Ems  ist  (§.  37)  noch  das  Simrocksche  werk  nach- 
zutragen ,,Der  gute  Gerhard  und  die  dankbaren  todten"  (Bonn  1856).  Die  pariser 
minnesingerhandschrift  (§.41)  ist  nicht  mit  der  heidelberger  palatinischen  bibliothek  nach 
Rom  und  von  da  nach  Paris  entführt  worden;  und  eben  deshalb  hat  Preussen  trotz 
aller  bemühung  beim  friedensschlusse  ihre  rückkehr  nach  Deutschland  nicht  erwirken 
können.  Eine  auskunft  über  die  entstehung  der  umfänglichen  minnesingerhandschrif- 
teu  aus  liederbüchern  der  fahrenden  sollte  im  leitfaden  nicht  mehr  vermisst  werden. 
Zu  Neidhart  von  Eeuenthal  (§.  42)  hat  Palm,  im  bestreben  nach  Vollständigkeit  der 
litteraturangaben ,  noch  auf  dem  letzten  blatte  des  buches  (s.  231)  eine  abhandlung 
nachgetragen,  die  er  aber  nicht  selbst  gesehen  haben  kann;  denn  die  dissertation  von 
Paetz ,  de  vita  et  fide  Nithardi ,  Halae  1865 ,  handelt  nicht  von  dem  dichter  Neidhard, 
sondern  von  dem  leben  und  der  glaubwürdigkeit  des  karolingischen  Chronisten  Nit- 
hart.  Zwischen  dem  Sachsen  -  und  dem  Schwabenspiegel  (§.  46)  ist  das  noch  fehlende 
niittelglied ,  der  Spiegel  deutscher  leute ,  samt  der  zugehörigen  litteraturangabe  ein- 
zuschieben. Bei  den  Volksliedern  (§.  54)  fehlt  noch  die  erwähnung  des  so  wichtigen, 
1866  erschienenen  dritten  bandes  von  Uhlands  Schriften.  Die  prosa  des  14.  und  15. 
Jahrhunderts  (§.60  —  66),  namentlich  die  theologische,  wird  in  einer  folgenden  auf- 
läge reichlicher  zu  bedenken  und  gründlicher  zu  bearbeiten  sein.  Haben  diese  pro- 
saischen werke  auch  meistens  keinen  reiz  mehr  für  uns ,  und  sind  sie  für  uns  grös- 
tenteils  längst  gänzlich  verschollen,  so  hatten  sie  doch  eine  ungemeine  Verbreitung 
und  übten  eine  tiefgreifende  Wirkung  über  das  ganze  volk  hin ,  so  dass  sie  der  refor- 
mation  mächtig  vorarbeiteten.     Grade   sie   sind   besonders   charakteristisch  für  jenen 


254  riRCuoNs  i-kitpaden 

ganzen  zoitraum.  Uobcr  die  cuglisehon  coniödiantcii  würde  man  gern  etwas  bestirn- 
teres und  thatsäclilidicres  erfahren ,  als  das  schlechthin  verdannnende  urteil  in  §.  77, 
zunuil  die  meisten  benutzcr  des  leitCadens  das  nicht  mit  angerülirtc  werk  von  Cohn, 
Sliakespeare  in  CTerman}^  in  the  l(j  and  17  centuries  (London  18(JG)  wol  kaum  dem 
namen,  geschweige  dem  Inhalte  nach  kennen  werden.  Der  britische  Ursprung  des 
vtdksbuches  von  Fortunat  ist  denn  doch  sehr  zweifelhaft  (vgl.  Ersch  und  Grubers 
encyclopädie  s.  v.).  Richtig  wird  hervorgehoben  (§.  1)5),  dass  Opitz  sich  an  hollän- 
dische Vorbilder  angeschlossen  habe;  ungenau  aber  ist,  was  von  den  gleichzeitigen 
holländischen  dichtei-n  gesagt  wird,  und  unrichtig  deren  vermengung  mit  den  älteren 
rederijkern.  Sehr  l'ruchtl)ar  aber  würde  sich  erwiesen  haben  eine  bclehrung  über  die 
geschichte  der  ]ioetiken  von  Jul.  Caes.  Scaliger  ab,  und  über  deren  grosseuteils  durch 
Frankreich  und  Holland  vermittelten  eintiuss  auf  die  deutsche  litteratur.  Neben  Hett- 
ner  und  rUederniann  sollte  unter  den  für  die  litteraturgeschichte  des  achtzehnten 
Jahrhunderts  (s.  171)  angeführten  werken  Schlossers  geschichte  des  achtzehnten  Jahr- 
hunderts doch  wahrlich  nicht  fehlen. 

Diese  ausstellungen  sollen  nicht  den  werth  des  Pischonschen  leitfadens  herab- 
setzen ,  der  ja  trotz  alledem  zu  den  besseren  büchern  seiner  art  gehört ,  noch  auch 
sollen  sie  das  verdienst  seines  letzten  herausgebers  schmälern;  sondern  grade  im 
gegenteil  haben  sie  den  zweck,  indem  sie  nicht  nur  auf  die  inängel  des  buches  auf- 
merksam machen,  sondern  auch  die  mittel  und  wege  zu  deren  beseitigung  andeuten, 
zur  vervollkomnung  desselben  beizutragen.  Die  partie  der  älteren  litteratur,  der  sie 
vorzugsweise  gelten ,  ist  in  der  that  die  bei  weitem  schwächste  des  buches  und  der 
Verbesserung  am  meisten  bedürftig.  Mit  dem  sechszehnten  Jahrhunderte  wird  die 
behandlung  eine  wesentlich  bessere  und  in  der  litteratur  des  achtzehnten  Jahrhunderts 
ist  sie  noch  befriedigender,  ja  theil weise  recht  löblich  und  wohl  gelungen.  Von  der 
füUe  dessen,  was  aus  der  litteratur  der  letzten  Jahrzehnte  dargeboten  wird,  würde 
man  sogar  manches  ohne  bedauern  vermissen  können;  und  für  die  zwecke  der  schule 
wäre  es  jedenfalls  kein  Verlust,  wenn  namen  wie  Scherenberg.  Eedwitz ,  Bogumil 
Goltz,  Henriette  Paalzow,  Luise  Mühlbach  u.  dgl.  gänzlich  felilten,  und  statt  ihrer 
noch  einige  der  bedeutendsten  und  einHussreichsten  Vertreter  der  Wissenschaft  aufge- 
nommen würden,  wie  z.  b.  Joli.  Aug.  Wilh.  Neander.  Für  die  zwecke  der  schule  hat 
meines  bedünkens  schon  Koberstein  in  seiner  vorrede  von  1827  die  richtigen  grund- 
sätze  aufgestellt,  wenn  er  sagt,  in  den  frühereu  zeiten  habe  er  die  für  das  bedürf- 
nis  des  lehrers  sorgenden  anmerkungen  nicht  gespart,  denn  der  lehrer  bedürfe  zur 
belebung  seines  Vortrages  eines  reichen  materiales  um  sich  im  einzelnen  mit  dem 
gegenstände ,  über  den  er  sprechen  soll ,  vertraut  zu  machen ;  er  selber  aber  habe 
aus  eigener  erfahrung  gelernt ,  wie  schwer  es  halte ,  nur  zur  kenntnis  der  quellen 
und  hilfsmittel  für-  die  ältere  geschichte  unserer  litteratur  zu  gelangen ;  darum  habe 
er  auch,  je  weiter  zurück  in  der  zeit,  die  litteraturnachweisungeu  um  so  reichlicher 
gegeben,  während  in  den  neuern  perioden  sich  jeder  aus  den  gangbaren  grösseren 
werken  leicht  selbst  rath  erholey  könne.  Ferner  habe  er  die  geschichte  der  deutschen 
litteratur  jüngster  zeit,  ungefähr  der  letzten  drei  decenuien,  fast  gänzlich  von  sei- 
nem leitfaden  ausgeschlossen;  da  diese  entwicklungsstufe  noch  zu  sehr  in  die  unmit- 
telbare gegenwart  herübergreife ,  noch  zu  enge  mit  den  Interessen  des  tages  zusam- 
menhänge, noch  zu  wenig  zum  abschlus  gekommen  sei,  als  dass  es  sich  geziemen 
möchte  sie  in  den  kreis  des  Schulunterrichtes  zu  ziehen,  wie  man  ja  auch  die  neueste 
politische  geschichte  noch  ausser  dem  schulbereiehe  lasse. 

Wird  im  Pischonschen  leitfaden  die  darstellung  der  älteren  litteratur  dem 
gegenwärtigen  stände  der  forschung  entsprechend  umgearbeitet,  wird  die  auffassung 
vertieft  und  die  innere  entwickelung  der  litteratur  noch  mehr  berücksichtigt,  wird  die 
anordnung  verbessert  und  dabei  auch  sdion  äusserlich  das  bedeutendere  kräftiger  her- 
vorgehoben ,  das  unwichtigere  dagegen  mehr  in  den  hintergrund  gerückt ,  werden  auch 
die  litteraturnachweisungeu  zweckmässig  gesichtet:  dann  wird  der  leitfaden  wirklich 
im  stände  sein ,  seinen  ausgesprochenen  zweck  vollständig  zu  erfüllen ,  und  den  rühm 
eines  nicht  blos  brauchbaren ,  sondern  eines  guten,  ja  eines  vortretflichen  Schulbuches 
zu  verdienen.  Ich  zweiüe  nicht  daran,  dass  mein  verehrter  freund  Palm  ihn  zu  die- 
ser Vollendung  erheben  könne,  und  wünsche  ihm  von  ganzem  herzen  den  vollgenuss 
an  müsse ,  gesundheit  und  sonstigen  förderlichen  Vorbedingungen  zur  ausführung  die- 
ser allerdings  weder  leichten  noch  rasch  zu  bewältigenden  aufgäbe. 

HALLE.  J.    ZACHER. 


DBCESE,    EINFÜHRUNG    IN    D.    DEUTSCHE    LITT.  355 

Einführung  in  die  deutsche  litteratur  von  ihren  ersten  anfangen 
his  zur  gegcnwart.  Biographien  und  proben  von  A.  Droese.  Lan- 
gensalza, schulbudihandhmg  von  F.  G.  L.  CTres.slcr.  18(j8.  XII.  324  s.  8.     (1  Thlr.) 

Der  Verfasser  sagt  in  der  vorrede:  ., Nachstehende  blätter  enthalten  eine  kleine 
gcschichte  der  deutschen  litteratur  von  ihren  ersten  anfangen  bis  auf  die  gcgenwart 
in  kurzen  biograi)liien  der  dichter,  oder,  wo  sich  selbige  nicht  ermitteln  lassen,  des 
gedichtes.  Es  war  des  Verfassers  absieht,  überall  in  den  gegebenen  proben  anklänge 
zu  schaffen  an  bekanntes,  in  den  biographieu  die  wichtigsten  lebeusereignisse  der 
dichter  und  die  durch  liervorragende  kritiker  ausgesprochene  meinung  über  ihre  Ici- 
stungen  kurz  anzudeuten.     Mehr  zu  sagen  wäre  überflüssig." 

Von  der  leistung  des  Verfassers  mögen  einige  ])roben  zeugnis  geben.  Er  sagt 
s.  4  (über  den  stabreim):  ,, Stabreim  heisst  er,  wie  das  wort  buchstabe,  daher,  dass 
man  die  buchstaben  anfangs  nicht  schrieb ,  sondern  mit  holzstäben  ausdrückte  ,  oder 
in  holzstäbe  und  steine  ausschnitt." 

S.  18.  ,,  Das  Nibelungenlied.  Dieses  alte  deutsclie  heldengedicht ,  die  deutsche 
Ilias  genannt,  führt  seinen  luimen  von  den  Nibelungen  oder  Nitlungen,  einem  alten 
burgundischen  mächtigen  heldeustaninie.  Es  beruht  auf  vielfach  verschlungenen,  in 
dem  ström  der  zeiten  zu  uns  herabgeschwommenen  (hindurchgesickerten ,  wie  H.  Laube 
sagt)  mären  der  Wilkina-  und  Nitiuugasaga." 

S.  26.    „Walther  von  der  Vogelweide nahm  (1207)  an    dem   berühmten 

Sängerkriege  in  der  Wartburg  theil,  wo  er  zum  sieger  erklärt  wäre,  wenn  niclit  der 
Zauberer  Klingsohr  aus  Ungerland  sich  für  Heinrich  von  Ofterdingen  erklärt  und  so 
die  ganze  sache  unentschieden  gemacht  hätte." 

S.  28.  ,, Wolfram  von  Eschenbach  ....  Bcich  und  neu  in  der  darsieUunc/  und 
ein  fjeivandter  und  zierlicher  Meister  der  Sprache  and  des  Versbaues,  erhebt  er  sich 

zu  einer   episclien  höhe,    die  vor  ihm   nicht   erreicht  worden er  stammte  aus 

einer  freiherrlichen  familie  der  Oberpfalz,  empfing/  zu  Hemieberg  den  ritterschJacj, 
und  brachte  sein  leben  auf  ritterzikjen  zu,  ivobei  er  von  seinem  dichtertalcnt  und 
der  freigebiglceit  der  furstcn  lebtet  Eine  Zeitlang  war  er  bei  dem  landgrafen  Her- 
mann von  Thüringen ,  bei  welchem  er  auch  als  kampfrichter  am  wartburgskriegc  theil- 
nahm  .  .  .  Die  bedeutendsten  seiner  zahlreichen  werke  sind:  der  Parcival,  der  Titu- 
rel  oder  die  pfleger  des  graals,  der  Trojanische  krieg,  Wilhelm  von  Oranse  und  Gott- 
fried von  Bouillon  •'  ....  S.  29.  ,,Das  wort  Graal  leitet  man  aus  dem  lateinischen 
„sanga  is  regalis,"  königliches  blut,  daraus  ward  im  romanischen  Saiiig  regal,  und 
verstümmelt  St.  Greaal,  Gral." 

S.  38.  „  Reineke  de  Fos.  Diese  fein,  anmuthig,  tief  und  treffend  gefasste  satyre 
des  volksbewusstseins  gegen  die  culturexistenz ,  diese  treffliche  darstellung  der  Ver- 
kehrtheiten der  damaligen  ])olitisc]ien  und  kirchlichen  zustände  erschien  1498  zum 
ersten  male  in  Lübeck  gedruckt.  Es  ist  eigentlich  eine  bearbeitung  des  alten,  aus 
dem  13.  Jahrhundert  stammenden  niederländischen  Reinaert,  glücklich  mit  fleisch 
überzogen." 

lieber  Herder  gibt  der  Verfasser  folgende  belehrung:  S.  149.  ,,  Dieser  stern 
erster  grosse  am  himmel  deutscher  litteratur  ist  der  söhn  eines  armen  schullehrers  "... 
Es  folgen  nun  lediglich  biographische  notizen ,  und  dahinter :  ,,  Seine  werke ,  hervor- 
gebracht durch  seine  vielseitigen  talente  und  ausserordentlichen  kenntnisse ,  werden 
mit  recht  eingetheilt  in  solche ,  die  zur  schönen  lamst  und  litteratur ,  die  zur  religion 
und  theologie,  die  zur  Philosophie  und  geschichte  gehören.  Nennen  wir  einige  ein- 
zeln, so  finden  wir  . .  .  ."  (es  folgen  einige  vereinzelte  titel,  ohne  weitere  beigefügte 
bemerkung). 

Aehnlich  über  Jean  Paul,  s.  224.  „Dieser  berühmte  deutsche  Schriftsteller 
ist  den  21.  märz  17(j3  zu  Wunsidel  im  Pichtelgebirge  geboren."  Es  folgen  weitere 
biogra]i]iische  notizen,  und  dahinter:  ,,Jean  Paul  ist  der  gröste  humorist  Deutsch- 
lands und  hat  eine  grosse  zahl  von  werken  humoristischen,  ästhetischen,  satyrischen, 
l»ädagogischen  inhalts  verfasst ,  z.  b.  grönländische  processe ,  die  unsichtbare  löge  . .  . 
u.  a.  m. " 

Diese  proben  werden  ül)erreichlich  genügen,  um  den  traurigen  beweis  zu  lie- 
fern ,  mit  welcher  stiim])erhaftigkeit  und  zugleich  mit  welcher  unglaublichen  leichtfer- 
tigkeit  bücher  zusammengeschmiert  werden ,  und  mit  widclier  stirn  ein  solches  kritik- 

1)  Dlo  eursiv  gedruckten  zcilen  .sind  wörtlich  entiKJiiiiiieii  aus  dorn  Urockhausisclioii  conver- 
:!atiousle.\icoii,     10.  .aufl.  1852.     bd.  .''..  -.i.  (i22. 


250  EIN   ALTPREÜSSTSCHES   GLOSSAR 

los  zusamiiioncfostoppcltos  niacliwerk  dem  deutschen  volke  als  eine  „einfiihning  in 
die  deutsclio  litteratur,"  oder  g'ar  (nach  dem  Avurtlaute  der  vorrede)  als  ,,eine  kleine 
geschichte  der  deutschen  litteratur "  dargeboten  wird. 

HALLE.  ^^^  J.   ZACHER. 

Eiu  altpreussisclies  Glossar. 

Die  von  den  herren  dr.  Rudolf  Reicke,  custos  der  königlichen  bibliothek  zu 
Königsberg  und  dem  stadtgerichtsrathe  Ernst  Wiehert  herausgegebene  altpreussi- 
sche  Monatsschrift  —  eine  sehr  verdienstliche  Zeitschrift,  welche  auch  über  deut- 
sche spräche ,  litteratur  und  Volksüberlieferung  in  der  provinz  Preussen  schätzbare 
mitteilungen  bringt ,  und  deshalb  die  besondere  beachtung  auch  der  Germanisten  ver- 
dient —  enthielt  in  dem  jüngst  erschienenen,  vierten  hefte  ihres  fünften  bandes  (mai  — 
juni  1868)  folgende  naclu-icht: 

„Im  fünften  bände  der  N.  Pr.  Prov. -Bl.  s.  249  erwähnt  stadtrath  F.  Neumann 
in  Elbing  bei  gelegenheit  einer  abhandlung  über  den  namen  Dam  er  au  einer  in  sei- 
nem besitze  befindlichen  preussischen  vocabelsamml  ung  (XIV.  jahrh.) ,  mit 
dem  bemerken ,  das«  er  dieselbe  in  Verbindung  mit  einigen  andern  schriftlichen  Über- 
resten aus  älterer  zeit  in  kurzem  zu  veröffentlichen  gedenke.  Obgleich  er  vielfach 
privatim  und  öffentlich  an  dieses  sein  versprechen  erinnert  worden  ist,  sind  doch  seit- 
dem zwanzig  jähre  verstrichen,  ohne  dass  die  von  vielen  seifen  mit  Sehnsucht  erwar- 
tete veröifentlichung  dieses  kostbaren  Schatzes  erfolgt  wäre,  und  vereinzelte  mittei- 
lungen daraus,  die  theils  Neu  mann  selbst,  theils  Toppen  gelegentlich  in  den 
Prov. -Blättern  und  in  der  Altpr.  Monatsschrift  gegeben  haben,  sind  bisher  alles, 
was  wir  von  dem  vocabularium  kennen.  Nun  aber  hat  Neumann  vor  wenigen 
Wochen  sich  entschlossen ,  das  betreffende  manuscript ,  welches  ausser  dem  gedachten 
vocabularium  noch  einige  wertvolle  piecen  historischen  Inhalts  enthält,  der  elbinger 
stadtbibliotek  zu  schenken  und  so  die  benutzung  desselben  dem  dafür  sich  interessi- 
rendeu  publikum  zu  ermöglichen.  Es  wird  für  viele  leser  der  monatsschrift  von 
interesse  sein  zu  erfahren,  dass  das  vocabularium  sich  bereits  abschriftlich  in  den 
bänden  des  prof.  Nesselmann  befindet,  welcher  die  veröffeutlichuug  desselben  als  eine 
wichtige ,  ja  unschätzbare  Vervollständigung  seiner  im  jähre  1845  erschienenen  schrift 
über  die  spräche  der  alten  preussen  für  eines  der  nächsten  hefte  der  monats- 
schrift vorbereitet.  Der  uns  bisher  bekannt  gewesene  preussische  vocabelschatz  wird 
dadurch  sehr  beträchtlich  erweitert  werden,  zumal  das  vocabularium  sich  in  wesent- 
lich andern  begriffsregionen  bewegt,  als  die  bisherige  hauptquelle  für  unsere  preussi- 
sche Sprache,  die  Übersetzung  des  katechismus  und  der  kirchenagende." 

Auch  ich  hatte  während  meines  königsberger  aufenthaltes  mich  widerholt  ver- 
ifeblich  um  dies  damals  ganz  unzugängliche  altpreussische  glossar  bemüht.  Um  so 
erfreulicher  ist  es ,  dass  es  nun  endlich ,  und  dass  es  von  so  kundiger  band  demnächst 
veröffentlicht  werden  soll.  Das  glossar  ist,  wie  ich  aus  einer  gütigen  brieflichen  mit- 
theilung  des  herrn  professor  Nesselmann  entnehme ,  in  32  abteilungen  sachlich  geord- 
net, und  befasst  gegen  800  altpreussische  Wörter  mit  nebengesetzter  Verdeutschung. 
Aus  den  mir  von  herrn  professor  Nesselmann  mitgeteilten  proben  ist  zu  ersehen, 
dass  auch  die  beigefügten  verdeiitschungen  manche  schwierige  und  seltene  !),usdrücke 
enthalten ,  so  dass  auch  sie  für  die  Germanisten  schon  deshalb  nicht  ohne  ein  höhe- 
res interesse  sind. 

HALLE.  J.   ZACHER. 

Einladung  zur  GrermanistenTersammlung-. 

Einem  brieflichen  ersuchen  des  hochgeehrten  präsidiums  der  dies- 
jährigen philologenversammlung  nachkommend  beehrt  sich  die  redaction 
dieser  Zeitschrift,  die  Germanisten  im  namen  des  gedachten  präsidiums 
zu  der  auf  den  30.  September  bis  3.  october  d.  j.  nach  Würzburg  aus- 
geschriebenen philologenversammlung  und  den  Sitzungen  der  germanistisch- 
romanistiscben  sectiou  ergebenst  einzuladen. 

ilallc,  Druck  ilcr  Waisenhaus-Buchdruckorei. 


CORPUS    IURIS    GERMANICI    POETIOUM.^ 

I.  KUDEUN.-^ 
König  Hetel  ist  herscher  über  sieben  lande:  ^  Hegelingeland, 
Dänemark,  die  mark  Stürmen  (Stormarn),  Holstein,  die  schleswigschen 
Friesen  (Wasserfriesen),  Nifland  mit  den  Friesen  zwischen  Rhein  und 
Weser  (Waleis),  endlich  Ortland  oder  Nordlaud.*  Unmittelbar  seiner 
herschaft  unterworfen  ist  nur  das  land  der  Hegelingen  (207.  432.  52.3), 
nach  der  ursprünglichen  textesform  wol  auch  Ortland  ;^  alle  übrigen  sind 
au  die  grossen  des  reichs,  Hetels  vasallen,  zu  lehn  ausgethan.  Diesel- 
ben sind  von  dem  Überarbeiter  sämtlich  zu  verwanten  des  königshauses 
gemacht,  wol  dem  bekannten  sprachgebrauche  mäge  unde  man  zu  liebe, 
der  nun  dahin  zu  verstehen  ist,  dass  „magen"  die  unmittelbaren,  „man- 
nen" die  aftervasallen  des  königs  genannt  werden.  Diese  magen  sind 
Horant,  Wate  (515),  Frute  (220),  Irolt  und  Morunc  (271),  in  späterer 
zeit  auch  Ortwin,  Hetels  söhn.  Sie  leisten  ihrem  lehnsherrn  zins  und 
dienste : 

1)  Unter  dieser  Überschrift  gedeuke  ich  in  einer  reihe  zwangloser  abhandlnn- 
gen  die  schöne  litteratur  des  mittelalters  vom  rechtshistorischen  Standpunkte  aus 
zu  bearbeiten.  Plan  und  muster  dafür  ist  schon  früher  von  mir  vorgelegt  worden. 
Vgl.  zeitschr.  f.  deutsch,  alterthum  13,  139  — 161.  Zeitschr.  f.  rechtsgeschichte  7, 
181  — 143. 

2)  Die  ursprünglichen  stellen  nach  Müllenhoff,  die  übrigen  nach  Bartsch.  Ohne 
im  einzelnen  ein  urteil  abgeben  zu  wollen ,  schliesse  ich  mich  im  allgemeinen  an  die 
resultate  der  Müllenhoffschen  kritik  des  gedichts  an.  Der  kürze  wegen  spreche  ich 
immer  nur  von  einem  Überarbeiter,  obgleich  Müllenhoff  deren  mehrere  nachge^vie- 
sen  hat. 

3)  550:  daz  er  herre  tccere  ob  sihen  riehen  hmdeu.  Allerdings  spielt  der 
Überarbeiter,  vielleicht  nach  dem  vorbilde  der  sieben  kurfürsten ,  gern  mit  der  sieben- 
zahl. Dem  könig  Gere  werden  sihen  fürsten  lant  zugeschrieben  (2)  und  Siegfried 
von  Mohrenland  ivas  ein  künic  (jeivaldic  siben  künige  here  (580).  Auch  der  nah  ver- 
wante  Biterolf  kennt  diese  redensart  (vgl.  Müllenhoff?).  Bei  Hetel  aber  ist  sie  wört- 
lich zu  nehmen. 

4)  Das  nähere  ergibt  sich  aus  den  unten  folgenden  erörterungen.  Im  allge- 
meinen sind  folgende  stellen  hervorzuheben:  wie  diende  oiich  Ortlant  (201)  und:  er 
was  ze  Friesen  herre,  wazzer  unde  lant;  JJictiners  unde  Wäleis  icas  i>i  siner 
hant  (208).  Vgl.  884.  938  f.  469  in  Verbindung  mit  165.  Der  überarbeiter  hat  die 
andeutungen,  die  er  vorfand,  trotz  einzelner  Verwechselungen  mit  consequenz  und 
nicht  ohne  geschick  im  einzelnen  weiter  ausgeführt. 

5)  Siehe  anm.  26. 

ZEITSCHR.    F.    nEUTSCHE    PHILOLOGIE.  1« 


258  SCHRCEDER 

5()3,   2.     daz  Hetelen  Jmnne  daz  in  dem  lande  saz, 

wie  sie  im.  muosten  zinsen  die  bürge  ztco  dem  lande. 

%e  hove  Mmens  alle,  als  Iletele  undfrou  Hilde  nach  in  sanden. 

572.  der  gemeiner  dienest  den  des  küniges  man 

dem  Mnic  Hetelen  täten,  da  von  er  gewan 

vor  anderen  degenen  also  michel  ere. 

Dem  sclieiut   allerdings  Wate  zu  widersprechen ,   indem  er  zu  der 
köuigin  von  Irland  sagt: 
350.  /«  hete  ich  seile  lant. 

do  gab  ich  swem  ich  wolde  ras  und  gewant. 

solt  ich  nu  lehen  dienen,  müelichen  ich  daz  tmte. 

von  den  minen  erben  belibe  ich  nimmer  järes  frist  stcete.^'' 

Allein  diese  äusserung  gehört  in  das  von  Wate  und  seinen  genos- 
sen an  Hagens  hofe  beobachtete  System  der  Verstellung  (vgl.  311  f.), 
denn  gerade  bei  Wate  tritt  das  vasallenverhältnis  deutlich  hervor.  So 
können  auch  die  worte ,  welche  Wate  bei  der  fahrt  nach  Irland  ^  an 
Hetel  richtet:  „Mietet  uns  der  erbe"  (279)  nur  auf  die  erblichkeit  der 
lehen,  nicht  auf  ein  landrechtliches  erbe  bezogen  werden. 

Horant  ist  der  vornehmste  unter  Hetels  vasallen  und  der  einzige 
der  schon  nach  dem  ursprünglichen  gedieht  zu  seinen  cverwanten  gezählt 
wird  (216.  1084.  1181.  vgl.  1112).  Er  ist  herr  von  Dänemark  (814) 
und  nennt  Hetel  mmen  Jicrren  (396.  400  —  402),  Bei  dem  Normanuen- 
zuge  wird  er  von  Hilde  ausersehen  das  reichsbanner  zu  tragen :  „  er  sol 
daz  Hilden  zeichen  tragen  in  shien  handen  (1181.  vgl.  1111  f.).  Diese 
bevorzugung  Horants,  nach  dem  deutschen  Staatsrecht  ein  vorrecht  der 
fürsten ,  '^  verbunden  mit  der  bedeutung  seines  lehns  mid  der  hervorragen- 
den rolle  die  er  bei  der  entführung  Hildes  spielt ,  war  für  den  Überarbei- 
ter veranlassung  die  rechtliche  Stellung  Horants  sorgfältiger  auszuführen. 
Seine  Dänen  nennen  ihn  lierre,  und  weit  berühmt  ist  ir  vogetes  name 
(564),  denn  er  gebietet  über  eine  stattliche  macht  ^  und  führt  selbst 
gegen  fremde  forsten  auf  eigene  band  kriege  (221  f.).  Nach  besiegung 
der  Normannen  bleibt  er  mit  Morunc  als  Statthalter  des  eroberten  lau- 
des  zurück  (1552.  1556).     Er  hat   eigenes   landesherrliches   geleit,^  und 

6)  Die  kosten  dieser  fahrt  trägt  der  könig  (262.   273). 

7)  Vgl.  Walter,  deutsche  rechtsgeschichte  §  276. 

8)  An  den  hof  entboten  erscheint  er  mit  einem  gefolge  von  sechzig  seiner 
mannen  (216.  218),  nach  Irland  folgen  ihm  1000,  zum  Mohrenkriege  4000  mann  (272. 
689.  696). 

9)  Die  Normannenboten  auf  der  fahrt  zu  Hetel  kommen  zuerst  zu  Horant:  dö 
gerten  sie  geleites  (600,  4).     Ihre  bitte  wird  ihnen  gewcährt:   sin  geleite  wisen     hies 


CORP.  lUE.  GERM.  POET.  I.  KUDRÜN  259 

am  hofe  des  königs,  den  er  häufig  besiiclit  (571),  versieht  er  das  amt 
des  schenken,  das  zu  seinem  lehn  gehört;  denn  als  Hilde  bei  seiner 
abwesenheit  den  Frute  auffordert  schenkendienste  zu  thun,  antwortet  die- 
ser scherzweise: 

1612,  2.  „ich  leiste  e%  gerne,  frouive.       loelt  ir  daz  icKz  tuo, 

diu  Wien  mit  ir  lihen  mit  zwelf  vanen  riehen, 

so  tvirde  ich  herre  in  Tenelant."  des  lachte  dö  frou  Hilde  minnecUchen. 

1613.  Dö  sprach  diu  Jcüniginne:  „des  mac  niht  gesm. 
in  Tenelande  ist  herre  Hörant  der  neve  din. 
du  solt  in  friundes  mäze  an  siner  stat  schenken. 

swie  er  si  z'Ormanie,  so  solt  du  doch  hie  heime  in  hedenhenJ'^ 

Die  würde  des  schenken  wird  hier  offenbar  als  untrennbar  mit  dem 
lehn  verbunden  gedacht,  und  zwar  mit  einem  fahnlehn,  denn  als  solches 
wird  Dänemark  hier  bezeichnet.  Horant  ist  also  Inhaber  eines  fahnlehns, 
d.  h.  reichsfürst.  Ob  wir  auch  die  übrigen  mannen  Hetels  so  aufzufas- 
sen haben,  steht  dahin,  ist  aber  wahrscheinlich;  gleich  Horant  führen 
sie  im  kiiege  eigene  fahnen,  während  das  ganze  beer  dem  reichsbanner 
der  Hegelingen  folgt  (887.  1367  ff.),  allein  die  bezeichuung  „fürst" 
begegnet  nur  bei  Ortwin  (1705),  der  als  zukünftiger  thronfolger  auch  den 
königstitel  führt.  ^'^  Durch  die  königswürde  zeichnet  sich  aber  auch 
Horant  vor  seinen  genossen  aus,  er  hat  sie  von  Hetel  um  seiner  Ver- 
dienste willen  erhalten: 
206,  2.  der  verdiende  sint 

an  Hetelen  dem  künige,  daz  er  im  der  hröne 

icol  ze  tragene  gunde;  er  gap  sie  dem  hclde  ze  lone.^^ 

Die  Stellung  Horants  ist  in  mehrfacher  beziehung  auch  von  allge- 
meinem Interesse.  Zunächst  ist  der  geki'önte  reichsfürst  eine  ungewöhn- 
liche erscheinung.  So  lange  die  heerschildsordnung  in  geltung  war,  — 
und  wir  werden  unten  sehen ,  dass  sie  zur  zeit  der  abfassung  der  Kudrun 
noch  in  vollster  blute  stand,  —  durfte  der  deutsche  kaiser  keines  laien 

dö  Hörant  die  eilenden  geste  du  her  von  Tenelant,  imze  daz  sie  hrcchten  die 
Hartmuotes  mäge  da  sie  ze  hove  kernen  (602).  Hetel,  über  ihre  botscliaft  erzürnt, 
darf  ihnen  doch  nichts  apthun ,  er  muss  Horants  geleite  achten :  der  künic  in  übele 
gunde,  daz  ir  geleite  loas  Hörant  der  hiderhe ,  ein  sneller  degen  riclic.  Sie 
müesten  anders  ividere    scheiden  von  dem  künige  schedeliche  (607). 

10)  Unter  Kudruns  frauen  befindet  sich  eine  herzogin  (1005.  1093.  I52(j).  König 
Hagen  bietet  den  angeblich  von  Hetel  aus  ihren  landen  vertriebenen  lielden  au  sie  zu 
fürsten  zu  machen  (31G.  322).  Unter  den  inannen  des  königs  von  Irland  wie  des 
von  Mohrenland  werden  könige  und  fürstcu  erwähnt  (186.  611.  702.  vgl.  anni.  3). 
Selbst  der  Normannenkönig  Ludwig  hat  grafen  und  fürsten  unter  sich  (605.  761.  977). 

11)  Vgl.  415:  Sivie  er  niht  kröne  trüege,    er  dienet'  im  die  kröne. 

17* 


260  SCHRCEDER 

mann  sein,  auch  der  römische  könig  war  seinem  7Ami  kaiser  gekrönten 
vater  nicht  durch  mannschaft  verpfliclitet.^^  Ausländische  könige  galten 
zwar  der  thoorie  nach  als  Untertanen  des  reichs,  in  Wirklichkeit  finden 
wir  aher  nur  einzelne  von  ihnen  und  nur  vorübergehend  der  lehnsherr- 
lichkeit  des  kaisers  unterworfen/^  deutscher  reichsfürst  ist  niemals  einer 
von  ihnen  gewesen;  dasselbe  gilt  von  den  königen  von  Arelat.^*  Bas 
einzige  vorbild  für  den  könig  Horant  konnte  einem  deutschen  und  zumal 
einem  österreichischen  dicliter  der  könig  von  Böhmen  sein.  Die  uns  vor- 
liegende gestalt  der  Kudrun  ist  daher  nach  1198  entstanden,  denn  erst 
in  diesem  jähre  erlangten  die  herzöge  von  Böhmen  dauernd  das  recht 
auf  den  königstitel.^^  —  Dazu  stinmit  nun  auffallend,  dass  unter  Hetels 
Vasallen  gerade  der  mit  der  königswürde  bekleidete  Horant  das  schen- 
kenamt  innehat ,  das  in  Deutschland  bekanntlich  mit  der  kröne  Böhmen 
verbunden  war.^^  Schon  aus  dem  jähre  1114  wird  berichtet:  dux  Boe~ 
miae  snmmus  pincerna  fuit.  Von  da  an  finden  wir  bei  diesem  wie  bei 
den  übrigen  erzämtern  eine  allgemeine  Verschiebung,  die  festen  Verhält- 
nisse aus  der  zeit  der  sächsischen  kaiser  sind  in  ein  vollkommenes 
schwanken  geraten,  und  dass  sie  sich  noch  1198  nicht  wider  gefestigt 
hatten,  beweist  der  umstand,  dass  in  diesem  jähre  der  könig  von  Böh- 
men das  marschallamt  versah.  Erst  der  Sachsenspiegel  zeigt  wider  geord- 
nete zustände:  In  des  heiseres  höre  scd  die  erste  sin  die  tischop  von 
Megense;  die  andere  die  von  Trere;  die  dridde  die  von  Kolne.  under 
den  leien  is  die  erste  an'  me  höre  die  palenzgreve  von'  nie  Rine,  des 
rihes  druzte;  die  andere  die  hertoge  van  Sassen,  die  marschalh;  die 
dridde  die  marcgreve  von  Brandeburch,  die  hemerere.  die  schenhe  des 
rihes,  die  honing  von  BeJiemen,  die  ne  hevet  nenen  höre,  umme  dat  he 
nicht  düdesch  w'  is.^'  Innerhalb  der  jähre  1198  und  1232  muss  also  die 
regel,  dass  die  einzelnen  reichsämter  mit  bestimmten  fürstentümern  ver- 
bunden seien,  wider  die  allgemeine  anerkennung  erlangt  haben,  und  in 
eine  frühere  zeit  kann  demnach  auch  die  Überarbeitung  der  Kudrun,  die 
eben  jene  regel  anerkennt,  nicht  gesetzt  werden.  —  Aber  nicht  blos 
als  gekrönter  reichsfürst  und  Inhaber  eines  erzamtes,  sondern  auch  als 
landesherr  hat  Horant  für  die  Zeitbestimmung  des  gedichts  ein  erhöhtes 
interesse.     Wir  sahen   oben,    dass   er  das  geleitsrecht  besitzt,    und  zwar 

12)  Vgl.  Ficker,  heerschild  '62.  50. 

13)  Vgl.  ebd.  80. 

ll)  Vgl.  Ficker,  reiehsfiirstenstand  1,  224  f. 

15)  Vgl.  Ficker ,  entstehungszeit  des  Sachsenspiegels  s.  85.     Von  dem  blos  per- 
sönlich berechtigten  Wladislaw  II.  (1158—73)  kann  füglich  abgesehen  werden. 

16)  Ueber  das  folgende  vgl.  ebd.  121  — 130. 

17)  Ss]).  m,  57  §  2.    Vgl.  unten  s.  274. 


CORP.  lUR.  GERM.  POET.   I.  KÜDRUN  261 

wird  dies  als  etwas  sich  von  selbst  verstehendes  behandelt.  Noch  im 
13.  Jahrhundert  wurde  das  geleitsrecht  als  entschiedenes  königliches  regal 
angesehen ,  das  von  andern  als  dem  reichsol)erhaupt  nur  auf  grund  beson- 
derer königlicher  Verleihung  ausgeübt  werden  durfte.  So  bestimmte  der 
Mainzer  landfriedeu  v.  1235  §8:  Firmiter  inhilemus ,  ne  quis  condu- 
ctimi  alicui  precio  prebeat,  nisi  ms  conäucendi  tencat  ah  imperio  iure 
feodali.  Vgl.  Walter,  deutsche  rechtsgeschichte  §.  310  anm.  4.  Ein- 
zelne Verleihungen  des  regals  mögen  schon  in  älterer  zeit  erfolgt  sein, 
aber  weder  Friedrichs  11.  confoederatio  cum  principibus  ecclesiasticis 
V.  1220,  noch  das  dem  schluss  desselben  Jahres  angehörende  privileg  für 
den  Patriarchen  von  Aquileja  wissen  etwas  davon,  obgleich  in  beiden 
sorgfältig  alle  den  geistlichen  fürsten  eingeräumten  rechte  aufgezählt 
werden.  Vgl.  Berchtold,  entwickelung  der  laudeshoheit  1,  126  —  156. 
Erst  Heinrichs  VIT,  statutum  in  favorem  principum  v.  1231  und  die  das- 
selbe bestätigende  curia  Sibidati  Friedrichs  II.  v.  1232  verordnete  im 
§.14:  Item  condtictum  principum  pier  terram  eorum,  quam  de  manu 
nostra  tenent  in  feodo ,  vel  per  nos  vel  per  nostros  non  impediemiis  vel 
infringi  patiemur.  Diesen  rechtszustand  kennt  unser  Überarbeiter,  ja  er 
ist  für  ihn  gar  kein  neuer  mehr.  Hiernach  ist  die  vorliegende  gestalt 
unsers  gedichts  bereits  eüiige  zeit  nach  1231  entstanden. ^^ 

Wate  ist  schon  in  dem  echten  theile  der  Kudrun  eine  hauptper- 
son,  nicht  sowol  wegen  seiner  verwantschaft  mit  dem  königshause,  als 
vielmehr  wegen  seiner  hervorragenden  kriegsleistungen.  Er  ist  des  Jcünic 
Hetelen  man  (518)  und  hat  von  ihm  die  mark  Stürmen  oder  Sturmland, 
die  heimat  der  „Stürmere"  des  Ssp.  III,  64  §.3,  zu  lehn  empfangen 
(231.  vgl.  223.  263).  Hier,  wol  unter  Wates  obhut,  ist  Hetel  aufge- 
wachsen;^^ er  bauet  auf  die  treue  seines  manues:  „an  angest  ich  des  hin, 
Wate  rite  gerne  sivar  ich  im  gehiute"  (231)  und  bietet  ihn  wo  es  not 
thut  zur  hoffahrt  wie  zur  heerfahrt  auf  (232.  687).  Auch  Wates  Stel- 
lung ist  von  dem  Überarbeiter  eingehender  behandelt  worden.  Er  ist 
Horants  oheim  (206.    254),    hat    von   Hetel   land    und  bürgen   zu  lehn 

18)  Müllenhoff  (S.  94  u.  124)  setzt  den  ersten  überarbeitcr  um  1230,  die  beiden 
andern  um  die  mitte  des  13.  Jahrhunderts,  die  abfassung  der  echten  theile  aber  in 
die  blütezeit  der  Babenberger,  etwa  um  1212.  Bartsch  (s.  XVIII)  vermutet  abfas- 
sung des  gedichts  zwischen  1190  und  1200  und  Überarbeitung  im  anfange  des  13. 
Jahrhunderts,  gibt  aber  nicht  an  worin  diese  Überarbeitung,  abgesehen  von  äusser- 
lichkeiten,  bestanden  habe.  Ueber  die  mitte  des  13.  Jahrhunderts  als  spätesten  ter- 
min  hinauszugehen  empfiehlt  sich  niclit,  da  seit  jener  zeit  die  in  der  Kudrun  ganz 
unberühi-t  gelassenen  dicnstmannenvcrhiiltnisse  in  den  Vordergrund  des  politischen 
lebens  treten.     Vgl.  zeitschr.  f.  rechtsgeschichte  7,  139. 

19)  204  f.  Der  überarbeitcr  lässt  dem  Wate  auch  Ortwins  crziehung  anvertrauen 
(574). 


262  SCHRCEDER 

emp fangen  (205)  und  nennt  ihn  minen  herren  (533).  Zur  lioffahrt  begnügt 
er  sich  mit  geringem  gefolge,  die  meisten  seiner  mannen  zum  schütze 
seines  landes  daheim  lassend  (233  f.),  aber  zur  heerfahrt  entboten  führt 
er  seinem  herrn  ein  stattliches  ingesinde  zu,  400  mann  zur  fahrt  nach 
Irland  (270.  331),  1000  gegen  die  Mohren  wie  gegen  die  Normanneu  (696. 
1091  f.).    Fleissig  besucht  er  den  hof  seines  königs: 

570,  2.      Wate  der  vil  tvtse,  seiden  Iiez  er  daz, 

drt  stunt  in  dem  järe,  ern  scehe  smen  herren.^^ 

Am  hofe  bekleidet  er  das  amt  des  truchsessen  (1611),  steht  also 
in  dieser  beziehung  Horant  gleich,  und  es  fehlt  selbst  nicht  viel,  dass 
er  auch  gleich  ihm  den  königstitel  führte ,  denn  bei  der  siegreichen  rück- 
kehr  vom  Normannenzuge  empfängt  Hilde  ihn  mit  den  werten: 

1577,  3.   „wiUekotnen ,  hett  von  Stürmen!    du  hast  gedienet  sclmie. 

icer  möMe  dich  versolden,  man  engehe  dir  lant  und  eine  hrone  ?  " 

Frute  erscheint  in  der  ursprünglichen  Kudrun ,  wenn  wir  von  sei- 
ner Weisheit  im  rat  absehen ,  in  einem  etwas  nebelhaften  lichte.  Er  heisst 
stets  Fruote  von  TenemarJce  (219.  242) ,  ist  also  genösse  von  Horant, 
ohne  dass  ihr  Verhältnis  zu  einander  sich  irgend  erkennen  Hesse.  Auch 
der  Überarbeiter  21  behält  die  vorgefundene  benennung  bei  (292),  lässt 
Horant  und  Frute  gemeinsam  den  zug  nach  Portugal  unternehmen  und 
dem  könige  darüber  berichten  (221  f.),  beiden  auch  wol  gemeinschaftlich 
die  erzieh ung  Kudruns  übertragen  (575) ;  endlich  nennt  er  sie  beide  her- 
ren? von  Dänemark: 

263,  2.      Horant  unde  Fruote  die  kerten  sä  zehant 

hin  ze  Tenemarhe  da  sie  hiezen  herren. 

si  gedähten  sich  mit  dienste  dem  Jcütiic  Hetelen  nimmer  geverren. 

Im  einzelnen  ist  das  Verhältnis  beider  aber  verständig  und  conse- 
quent  ausgeführt.  Die  enge  Verbindung  beider  beiden  tritt  mehrfach 
darin  herwor,  dass  Horant  von  Frute  vertreten  wird.  So  sieht  sich 
Horant  im  kämpfe  gegen  die  Normannen  genötigt,  das  reichsbanner  aus 
der  band  zu  geben  (1421),  statt  bei  ihm  finden  wir  es  nun  bei  Frute 
(1467).  Horant  bleibt  als  Statthalter  in  der  Normandie  zurück,  an  Hil- 
dens hofe  übernimmt  statt  seiner  Frute  das  schenkenamt.  Wir  haben 
oben  den  scherz  kennen  gelernt  den  Frute  hieran  knüpft  und  aus  dem 
hervorgeht,   dass  allein  Horant  ein  anrocht   auf  Dänemark  wie  auf  das 

20)  Damit  stellt  freilich  str.  286  im  widersprach. 

21)  Auch  hier  wird  eine  verwantschaft  mit  Horant  und  Wate  hergestellt  (382. 
1467). 


CORP.   lUR.    UERM.      POET.      I.   KUDRÜN  263 

schenkenamt  besitzt.  Allein  der  Überarbeiter,  dessen  juristische  ausfüh- 
ruugen  durchaus  nicht  den  tadel  verdienen  den  man  mit  recht  seinem 
künstlerischen  geschmacke  macht ,  hat  dafür  gesorgt ,  dass  auch  Frute 
einen  bestimmten  rechtlichen  platz  l)ehauptet.  Ihm  steht  sonst  das 
kämmereramt  zu  (1686),^^  in  welchem  er  nur  für  das  eine  mal  durch 
Irolt  vertreten  wird  (1611);  das  lehn  Frutes  aber  ist  Holstein,  denn  in 
der  Normannenschlacht  führt  er  die  Hohsce^eii  (1415)  und  auch  das 
aufgebot  zur  heerfahrt  wird  ihm,  wie  es  scheint,  durch  Moruncs  vermit- 
telung  in  Holmne  lant  zugestellt  (1089).-  Damit  ist  nun  auch  der  grund 
für  Frutes  bezeichnung  als  Dänen  gegeben,  denn  Holstein  wird  gleich 
Stormarn  (204.  vgl.  456)  zu  Dänemark  gerechnet,  was  nach  Müllenhoflf 
(.38  anm.  1.  93)  auf  die  zeit  Waidemars  des  siegers,  dem  Friedrich  II. 
alles  land  nördlich  der  Elbe  einräumte,  zu  beziehen  ist. 

Irolt s  Stellung  ist  fast  ganz  ein  werk  des  überarbeiters,^^  Der 
dichter  der  Kudrun  kannte  ihn  als  herrn  der  Friesen  und  als  vasallen 
Hetels,^^  der  ihn  zur  fahrt  nach  Irland  aufbietet:  „Jiei^et  mir  von  Frie- 
sen liomen  Irolden  und  sine  Hute''''  (231).  Der  Überarbeiter  weist  ihm 
neben  den  Friesen  auch  einen  theil  von  Holstein  zu  :  er  hringet  vil  der 
Friesen  .  .  .  und  ouch  der  Holsscesen  (1374).  Wol  wegen  dieser  bezie- 
hungen  zu  Holstein  muss  er  Frute  einmal  im  kämmereramte  vertreten 
(1611),  während  wir  ihn  bei  einer  andern  gelegenheit  als  marschaU  ken- 
nen lernen:  Irolt  der  degen  der  sol  das  gesinde  nach  dem  vanen 
tüisen  (689).  Vielleicht  haben  wir  uns  unter  Irolts  Holstein  nur  einen 
theil  desselben,  etwa  Ditmarschen  (Dietmers)  zu  denken,  was  zugleich 
dahin  führen  würde  unter  seinen  Friesen  im  gegcnsatze  zu  denen  Moruncs 
die  bewohner  der  schleswigschen  Westküste  und  der  Nordseeinselu  (die 
Wasserfriesen  der  str.  208)  zu  verstehen.  Ganz  unverständig  ist  es  vom 
Überarbeiter,  auch  Ortland  als  Irolts  lehn  hinzustellen  (565.  vgl.  273. 
480.  520.  634);  wir  werden  unten  sehen  was  ihn  dazu  bewogen  haben 
kann. 

Morunc  ist  nach  den  echten  theilen  des  gedichts  herr  von  Nif- 
land  (211.  vgl.  564).  Dem  entspricht  es,  wenn  der  Überarbeiter  ihn 
auch  als  herrn  von  Friesland  bezeichnet  (480)  und  ihm  zur  fahrt  nach 
Irland  ein  gefolge  von  200  Friesen  zuschreibt  (271).  Hier  haben  Avir 
es  mit  den  Friesen  zwischen  Khein   und  Weser   zu  thun,    so  dass  eine 

22)  280.  549.  Veranlassung  dazu  hat  wol  die  spriclnvörtliche  .,  milde"  des 
Dänenkönigs  Frodi  gegeben. 

23)  Derselbe  macht  ihn  zu  einem  nefFen  Wates  (492.  1416). 

24)  Der  Überarbeiter  Lässt  ihn  von  Hegclingeland  als  „inines  herren  lande" 
sprechen  (351.  369). 


264  SCHRÖDER 

collision  Moruncs  mit  Irolt  vermieden  wird.^''  Auf  dieselben  geographi- 
schen verliältnisse  weist  auch  die  dem  Überarbeiter  angehörige  bezeich- 
nung  Moruncs  als  markgrafeu  von  Waleis  hin  (1087.  641.  1102.  1370) 
von  wo  er  seinem  lehnsherrn  z.um  Mohrenkriege  2000  mann  zuführt 
(688.  697).  Wol  mit  recht  hat  man  den  namen  Waleis  auf  die  Ehein- 
mündung  Waal  (wie  Bruuhilds  Isenland  auf  die  Yssel)  gedeutet;  auch 
der  umstand  spricht  dafür,  dass  der  Überarbeiter  Herwig  als  einen  uach- 
bar  von  Waleis  erscheinen  lässt  (641) ,  weil  er  bei  Seeland  an  das  nie- 
derländische Seeland  denkt,  obwol  überwiegende  gründe  für  das  dänische 
zu  sprechen  scheinen. 

Ortwin,  Hetels  söhn,  ist  nach  dem  Tode  seines  vaters  könig  von 
Ortland  und  von  hier  aus  wird  er  zur  heerfahrt  gegen  die  Normannen 
aufgeboten  (1096,  1099  f.).  Der  dichter  der  Kudruu  nahm  eine  unmit- 
telbare herschaft  Hetels  über  Hegelingeland  und  Ortland  au  und  liess 
mit  seinem  tode  ersteres  nebst  der  oberherschaft  über  die  übrigen  län- 
der  auf  Hilde,  letzteres  auf  Ortwin  übergehen.  Der  Überarbeiter  dage- 
gen betrachtete  nur  Hegelingeland  als  reichsunmittelbares  territorium, 
Ortland,  mit  dem  er  nicht  zu  bleiben  wusste,  verlieh  er  einstweilen  an 
Irolt  und  liess  später  Ortwin,  sobald  er  ihn  in  die  handlung  einführte 
und  noch  vor  dem  tode  des  königs  im  besitze  des  landes  erscheinen, ^^ 
ohne  den  Übergang  aus  der  einen  band  in  die  andere  im  geringsten  zu 
begründen.  Weiter  hält  er  dann  aber  au  der  schon  von  dem  dichter  ver- 
tretenen auffassung  fest,  dass  nach  Hetels  tode  die  reichsregierung  von 
Hilde  fortgeführt  wird, 2 '^  und  wenn  Horant  den  jungen  Ortwin  shien  lie- 
hen lierren  nennt  (1420),  so  kann  das  nur  auf  ihre  zukünftige  Stellung 
zu  einander  bezogen  werden,  im  augenblick  sind  sie  gleichstehende" 
genossen,  vasallen  der  königin  und  beide  mit  dem  königstitel  ausgestat- 
tet. In  diesem  Verhältnis  wird  auch  durch  Ortwins  Vermählung  nichts 
geändert,  Hilde  bleibt  königin  der  Hegelingen  so  lange  sie  lebt  und 
Ortwin  geht  mit  seiner  jungen  gemahlin  auf  sein  lehn: 

1704,  2.   da%  siu  ze  Nortlande  kröne  solde  tragen 

M  Ortmn  dem  Mnt'ge,  daz  siu  da  fromce  hieze. 

Wesentlich  anders  wird  das  thronfolgeverhältnis  am  irischen  königs- 
hofe  geschildert.     Geres   witwe  führt   nicht    die   regierung   kraft  eignen 

25)  Müllenhoff  80  findet  str.  1089  eine  herschaft  Moruncs  über  Holstein  angedeu- 
tet ,  die  stelle  lässt  aber  auch  die  von  uns  bei  der  besprechung  Frutes  gemachte  aus- 
legung  zu. 

26)  689.  698.  716.  Siehe  anm.  5. 

27)  921.  1075.  1083.  Vgl.  1097.  1599.  1667.  Im  Normannenkriege  wird  das 
reichsbanner ,  demalle  folgen,  daz  Hilden  zeichen  genannt  (1181.  1372.  Vgl.  1353.  1548). 


COBP.  lüR.  GERM.  POET.   I.  KÜDRÜN 


265 


rechts ,  sondern  nur  als  vormundschaftliche  regentin  für  ihren  unmündigen 
söhn  Sigebant: 


6.  Diu  Sigehandes  muoter 
der  mcere  helt  guoter, 
daz  er  niht  wolde  niinnen 
der  edelen  himiginne 

7.  Sin  muoter  riet  dem  riehen, 
da  von  getiwert  loürde 


den  witewen  stuol  besaz. 
dar  umbe  liez  er  daz, 
ze  rehter  einer  e. 
ivas  nach  Sigebande  we. 
daz  er  im  name  ein  wip 
sin  lant  und  auch  sin  Up. 


Nachdem  Sigebant  sich  raij;  einer  norwegischen  königstochter  ver- 
mählt und  um  ihr  ebenbürtig  zu  sein  das  schwort  genommen  hat,  wird 
ihm  unter  mitwirlmng  der  mannen  (magen)  die  herschaft  übergeben: 


18.     Daz  er  sie  solde  minnen, 
siu  toas  ein  Miniginne, 
dö  muost  er  tragen  kröne 
des  hülfen  im  sin  mäge. 


daz  dühte  niemen  reht ; 
do  ivas  er  dannoch  kneht. 
ob  edelen  fürsten  riche. 


Ritterschlag  (als  zeichen  der  mündigkeit)  und  Vermählung  werden 
auch  bei  Sigebants  söhne  Hagen  abgewartet,  bevor  er  der  ki'one  wür- 
dig erscheint  (171.  176  — 179).  Dann  aber  verzichtet  der  könig  vor  sei- 
nen mannen  zu  gunsten  seines  sohns  und  weist  sie  an  den  neuen  herrn 
dem  sie  sofort  behufs  der  lehnserneuerung  die  mannschaft  leisten: 


188.  Vor  den  sinen  gnözen 
„  minem  sune  Hagenen 
die  Hute  mit  den  bürgen, 
alle  mine  recken 

189.  Do  sich  verzigen  hete 

do  begunde  Hagene  lihen 
fnit  vil  guotem  willen, 
er  dithte  sie  so  biderbe, 

190.  Nach  lehenltchem  rehte 
wart  dem  jungen  künige. 
gab  er  sinen  gesten, 

so  mildes  fürsten  hochzit 


sprach  her  Sigebant: 

gibe  ich  miniu  lant, 

nahen  unde  verren. 

sulen  in  in  haben  zeinem  herren." 

der  fürste  Sigebant, 

bürge  zmde  lant 

die  ez  nemen  solden, 

daz  siz  von  im  gerne  nemen  tvolden.'^^ 

gestraht  ir  maniges  hant^^ 

schaz  und  ouch  geivant 

7iäJien  unde  verren. 

möhte  noch  den  armen  niht  gewerren. 


Also  lehnserneuerung  und  „milde"  gegen  die  gaste  sind  die  ersten 
regierungsakte   des  thronfolgers ,   jene  weil   er  lehnsherr,   diese   weil  er 

28)  Vielleicht  darauf  zu  beziehen ,  dass  die  mannen  beim  herrenwechsel  einen 
geringeren  als  den  bisherigen  herrn  nicht  anzunehmen  brauchten.  Homej'er,  system 
des  lehnrechts  444. 

29)  Vgl.  833,  4. 


266  SCHRCEDER 

Avirt  geworden  ist.  ^'^  Hierauf  beginnt  seine  Hauptthätigkeit ,  die  sorge  für 
recht  und  gericht:^^ 

19-i.     Do  begunde  rihten  her  Hagene  in  Irlant. 

sicaz  er  unhilliches  an  den  liuten  vant 

des  »mosten  sie  engelden  von  im  harte  sere. 

inner  einem  jcire  enthäutet  er  ir  ahzic  oder  mere. 

Der  ganze  passns  scheint  eine  unmittelbare  benutzung  der  bekann- 
ten Nibelungenstelle  zu  enthalten,  in  welcher  die  Übergabe  der  kröne 
an  den  mit  seiner  jungen  gemahlin  heijnkehrenden  Siegfried  geschildert 
wird : 

657..     Do  sprach  vor  stnen  friunden  der  herre  Sigmunt: 

„den  Sifrides  mägen  tuon  ich  allen  kunt, 

er  sol  vor  disen  rechen  mme  kröne  tragen." 

ditc  mcere  horten  gerne  die  von  Niderlanden  sagen. 

658.     Er  hevalch  im  sine  hrone,  gerihte ,  unde  lant. 

Sit  was  er  ir  herre.  die  er  ze  rehfe  vant 

und  dar  er  rihten  solde,  daz  wart  also  getan, 

daz  man  sere  vorhte  der  sclioenen  Kriemhilde  man. 

Nicht  ganz  deutlich  ist  das  Verhältnis  Hartmuts  zu  seinem 
vater.  Als  könig  der  Normandie  wird ,  so  lange  Ludwig  lebt ,  nur  dieser 
bezeichnet  (786.  819.  848),  Hartmut  erst  nach  dem  tode  seines  vaters 
(1630),  da  er  nach  der  aussöhnung  mit  seinen  siegreichen  feinden  als 
alleinherscher  in  sein  land  zurückkehrt;  bei  lebzeiten  seines  vaters  führt 
er  nur  im  allgemeinen,^^  ohne  beziehung  auf  ein  bestimmtes  land,  den 
titel  könig,   fürst,   vogt  (587  f.   608),  einmal  heisst  er  auch  der  junge 

.     30)  Vgl.  lex  salica46:  et  liosxntes  tres  suscipere  dehet. 

31)  Vgl.  20:  er  rihte  swem  er  solde  und  räch  der  armen  anden.  Vgl.  Frank- 
lin ,  reichshofgericht  1 ,  1  ff .  Der  könig  sorgt  für  den  frieden ;  wer  den  von  ihm 
gebotenen  frieden  bricht  wird  geächtet  (vgl.  259.  313.  416)  und  büsst,  wenn  mau 
seiner  habhaft  wird ,  mit  dem  tode : 

296.    -Er  sprach:  „min  geleite        unde  minen  fride 

den  wil  ich  in  enhieten.         er  hüezet  mit  der  wide 
der  an  iht  hesivceret  die  unlcunden  herren. 

des  sin  eine  sorge,  in  sol  in  mlnem  lande  niht  geiverren." 

um  den  frieden  nach  innen  nnd  aussen  aufrecht  erhalten  zu  können  legt  der  könig 
wol  feste  platze  an:  sine  bürge  er  stifte  und  fridete  sin  lant  wol  nach  küniges 
rehte  (569).  Ueber  krieg  und  frieden  gebietet  er  allein  und  auf  seinen  befehl  wird 
der  kämpf  eingestellt  (526). 

32)  Wie  ja  auch  königstöchter  häufig  den  titel  „königin"  führen.  Vgl.  225. 
427.  971. 


CORP.  lUE.  GERM.  POET.   1.  KUDRUN  267 

tvirt  des  landes  (992).    Wirklicher   (gekrönter)  könig  ist  er  noch  nicht, 
weil  seine  eitern  noch  leben  und  er  noch  unvermählt  ist: 
1022,  2.  der  helt  sich  versan, 

dei%  im  und  sinen  friunden         tvare  gar  ein  schände, 
da%  er  niht  Icrone  trüege  und  doch  herre  hieze  ob  Tcüneges  lande. 

Diese  worte  deuten  an,  dass  ihm  zur  vollen  herschaft  nur  noch 
die  formelle  anerkennuug  durch  die  krönuug  fehle  (vgl.  1031,  3),  und 
in  der  that  tritt  Hartmut  mehrfach  neben  seinem  vater  als  selbständiger 
herscher  auf.  Er  lebt  nicht  am  hofe  seines  vaters  (588  f.),  wir  finden 
ihn  häufig  im  kriege  beschäftigt  (vgl.  1011.  1023)  und  es  scheint  als 
wären  ihm  (wenigstens  nach  ansieht  des  überarl)eiters)  die  marken  des 
landes  anvertraut : 
1050.      Von  dannen  gie  du  Hartmuot     da  er  die  sinen  man 

vlegte  ^  daz  sie  sohlen  des  landes  Imote  htm 

tmd  ander  siner  eren. 
Er  hat  seine  eigenen  mannen,  die  neben  denen  seines  vaters  genannt 
Averden  (596.  766.  768.  1036.  1288.  1344),  auch  wird  von  einem  Hart- 
muotes  mcJien  gesprochen  (859).  In  den  zusatzstrophen  wird  ihm  bald 
ein  eigener  haushält  zugeschrieben,^^  bald  verspricht  er  seinen  beiden: 
„ich  gihe  iu  da  Jieime  mines  vater  guot"  (800).  Land  und  bürgen  wer- 
den bald  als  Ludwigs,  bald  als  Hartmuts  eigentum  bezeichnet  (954.  956. 
1110).  Hartmut  selbst  sagt  von  sich  aus:  „ir  ivizset  das  tvoJ ,  Küdrim, 
daz  min  eigen  sint  diu  lant  und  die  hürge  unde  oucli  die  Hute''' 
(1029),  und  dem  entsprechend  gibt  Kudrun  auf  die  frage:  „ives  sint 
disiu  erbe  und  dis  riclie  lant  und  ouch  die  guoten  hürge?"-  die  aus- 
kunft: 

1227.  „der  fürsten  einer  heizet  Hartmuot: 

dem  dienent  lant  diu  iviten  tmd  veste  hürge  guot; 

der  ander  heizet  Ludewic  von   Ormame  riche: 

im  dienent  vil  der  helde,  die  sitzent  in  ir  lande  lobeliche.^^ 

Das  ganze  Verhältnis  zeigt  mehr  einen  thatsäclüicheu,  als  einen 
rechtlichen  Charakter.  Rechtlich  hat  Hartmut  noch  keinen  ansprach  auf 
die  herschaft,  thatsächlich  lässt  das  vertrauen  seines  vaters  ihn  \iel- 
fach  an  derselben  theilnehmen. 

Wir  haben  gesehen ,  wie  wichtig  für  den  thronfolger  die  Vermäh- 
lung ist;^^  denn  treu  zur  seite  steht  dem  könige  die  gemalilin,  sie  wirkt 

33)  Bei  ausrüstung  der  hccrfalirt  zu  den  Hegelingen  sagt  Ludwig  zu  Hartmut : 
„sun,  gib  et  du  den  gesten,    so  gib  ich  hie  heime  minen  helden"  (743). 

84)  Vgl.  7.  176.  1022.  So  lange  die  eltera  leben  hat'nur  der  vermählte  thron- 
folger königsrechte.    Anders  natürlich  wenn  sie  gestorben  sind  (vgl.  209). 


268  SCHRCEDER 

mit  beim  geben  wie  beim  leihen  (1642).  Ihre  kröne  vererbt  sie  auf 
toehter  oder  Schwiegertochter.  ^^^  Um  so  grösseres  gewicht  Avird  darauf 
gelegt,  dass  der  köuig  nur  eine  seiner  würdige  gemahlin  nehme.  Seine 
wähl  fällt  regelmässig  auf  eine  königstochter ,  und  nicht  selten  geht  dem 
entscheidenden  schritt  eine  beratung  mit  den  grossen  des  reichs  voran 
(8.  169.  176  f.  210.  241).  Selbst  der  besiegte  und  gefangene  Hartmut 
weist  mit  entschiedeuheit  jeden  gedanken  an  eine  gemahlin,  die  seiner 
magen  (d.  i.  mannen)  misbilligung  linden  könnte,  zurück: 

1638,  2.   e  claz  ich  also  minnet,  e  lieze  ich  mm  leben, 

daz  ez  mme  möge  da  heime  diuhte  smcehe : 

so  loolde  ich  wcerliche,  daz  man  mich  e  veigen  gesmhe. 

Besonders  eifrig  ist  die  sorge  königlicher  eitern  um  die  standes- 
mässige  Verheiratung  ihrer  töchter.  Die  ganze  erste  hälfte  der  Kudrun 
dreht  sich  ja  um  die  Weigerung  zweier  könige  ihre  töchter^^  andern  als 
ihnen  an  macht  und  ansehen  gleichen  fürsten  zur  ehe  zu  geben  (201. 
585.  593).  Hetels  macht  wird  schliesslich  von  Hagen  als  ebenbürtig 
anerkannt  und  darum  findet  die  aussöhnung  beider  statt  (560) ;  Herwig 
wird  wegen  seiner  persönlichen  tüchtigkeit  angenommen,  obgleich  er 
keinem  sehr  mächtigen  und  angesehenen  geschlechte  angehört  (651  f.  656). 
Aber  er  ist  doch  ein  selbständiger  könig,  sein  Sewen  oder  Seeland  kei- 
nem höhern  herrn  unterworfen;  und  wenn  sich  Hartmut  ihm  auch  an 
macht  gleichstellen  kann: 

1048,  2.   er  sprach:  ,,froi(,  Küdrün,  ich  wcere  xool  genoz 

des  fürsten  Herwiges,  den  ir  für  michel  ere 

nemet  in  ze  friunde,'^^ 

so  klebt  diesem  und  seinem  geschlechte  doch  ein  makel  an,  der  jeden 
gedanken  an  einen  ausgleich ,  wie  er  Herwig  gegenüber  zu  stände  kommt, 
von  vornherein  als  unmöglich  erscheinen  lässt: 

610.     Do  sprach  frou  Hilde:  „wie  Icege  si  ime   U? 

ez  lech  rrdn  vater  Hagene  hundert  unde  d/ri 

sinem  vater  bürge  da  ze  Karadine. 

diu  lehen  ncemen  übele  von  Liideiviges  hant  die  mäge  mine.'''' 

35)  Vgl.  990.  1310.  1606.  Nib.  661:  In  den  selben  zUen  starp  vrou  Siglint. 
dö  nam  den  gwalt  mit  alle  der  edelen  Uoten  Mnt ,  der  so  riehen  vrouiven  ob 
landen  wol  gezam. 

36)  Hilde  selbst  stellt  nur  die  allgemeine  bedingung:  „Jcome  er  mir  ze  mäze, 
ich  wolde  im  ligen  hi"  (405).  Deutlicher  ist  ihre  frage:  „iver  ist  din  herre  od  tvie 
ist  er  genant''^    mag  er  haben  kröne    od  hat  er  eigen  lant?"  (401). 


COBP.  lUK.  GERM.  POET.   I.  KÜDRUN  269 

Während  diese  strophe  allgemein  als  ein  theil  des  alten  gedichts 
anerkannt  ist,  wird  in  der  folgenden,  die  den  Überarbeitern  zugeschrie- 
ben wird,  weiter  ausgeführt,  dass  Ludwig  durch  feindschaft  eines  niit- 
vasallen  sein  lehn  verloren  habe.  Denselben  Vorwurf  der  uuebenbürtigkeit 
erhebt  Hetel  gegen  Hartmut  (819),  auch  Kudrun  scheint  darauf  anzuspie- 
len und  Ludwig  selbst  hat  eine  ahuung,  dass  es  so  kommen  werde  (593). 

Ludwig  ist  nicht  königsgenoss ,  weil  er  mann  eines  andern  königs 
geworden  ist.  Diese  heerschildserniedrigung  dauert  fort ,  obgleich  ihre 
veranlassung,  das  maimen Verhältnis  zu  Hagen,  längst  aufgehört  hat, 
und  sie  wirkt  noch  für  zwei  geschlechtsfolgen  nach,  Irind  und  kindes- 
kind  werden  von  ihr  betroffen,^''  Gerade  dies  ist  es  aber,  woran  Hilde 
anstoss  nimmt,  die  persönliche  erniedrigung  Ludwigs  und  selbst  Hartmuts 
würde  sie  sich  vielleicht  eher  gefallen  lassen. 

Diese  Übertragung  lehnrechtlicher  anschauungen  auf  das  rein  land- 
rechtliche gebiet  der  ehe  haben  wir  schon  früher  (zeitschr.  f.  deutsch, 
alterth.  13,  151)  kennen  gelernt.  An  sich  hatte  die  heerschildsordnung 
mit  dem  recht  der  eheschliessung  nichts  zu  schaffen.  Im  landrecht  galt 
noch  in  der  ersten  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  der  grundsatz,  dass  bei 
eben  freier  personen,  wenn  auch  verscbiedenen  Standes,  das  kind  regel- 
mässig den  stand  des  vaters  erhielt,  gleichviel  ob  die  mutter  einem 
höheren  oder  geringeren  stände  angehörte.  Ebenso  war  für  den  lehn- 
rechtlichen stand  (d.  h.  den  heerschild)  des  kindes  allein  der  heerschild 
des  vaters  massgebend ,  wenn  nur  beide  eitern  ritterlicher  herkunft  waren ; 
der  höhere  oder  geringere  heerschild  der  mütterlichen  familie  kam  gar 
nicht  in  betracht.  Während  also  nach  landrecht  nur  zwischen  freien 
und  imfreien,  nicht  aber  zwischen  den  verschiedenen  Massen  der  freien 
eine  misheirat  möglich  war,^^  konnte  nach  lebnrecht  nur  zwischen  rit- 
terbürtigen  und  nichtritterbürtigen ,  nicht  aber  zwischen  ritterbürtigen 
personen  verschiedenen  heerschilds  eine  unebenbürtige  ehe  eintreten. 
Allein  die  häufige  anweudung  des  motivs  der  uuebenbürtigkeit  zur  ehe 
bei  den  dichtem  nötigt  zu  der  annähme ,  dass  der  eigentlichen  rechts- 
entwickßlung  (d.  h.  der  abschliessung  des  hohen  adels)  schon  ende  des 
12.  Jahrhunderts  die  entwickelung  im  leben  vorausgegangen  war  und  dass 
damals  eine  königstochter  anstoss  nahm  sich  einem  fürstensohne,  eine 
fürstentochter   sich  einem   freien  herrn,   eine  freiin  sich  einem  schöffeu- 

37)  Vgl.  Homeycr,  System  des  lehnrechts  302  f. 

38)  Vgl.  s.  Margareten  inarter  144  if. :  er  sivuor  bt  sinem  Übe,  er  wolle  st  ze 
wibe :  si  wäre  eigen  oder  fri,  si  muoste  ime  tvesen  hi  (zeitschr.  f.  dtscli.  alt.  1, 
IGO)  und  in  dem  von  Bartsch  veröffentlichten  texte  v,  108  ff.:  ob  sie  von  edeln  fro- 
tven  wcere,  ob  si  im  mohte  gezemen,  er  walte  si  ze  chonen  nemen.  ob  aver  si  ivcere 
eigen,    er  wolt  ir  vH  guotes  erzeigen  (Germania  4.  443). 


270  SCHRCEDEH 

barfreien  oder  einem  ritterlichen  dienstmanne  zu  vermählen,  obgleich 
in  allen  diesen  wie  in  den  umgekehrten  fällen  ein  rechtliches  bedenken 
uiclit  obwalten  koimte.  ^'-^ 

Für  die  geschichte  der  eheschliessung  enthält  der  ursprüng- 
liche theil  der  Kudrun  einige  beachtenswerte  bemerkungen  bezüglich  der 
Verlobung  Herwigs  mit  Kudrun: 

664.  Fragen  sme  tohter  nach  rate  siner  man 
Hetele  do  heyunde,  ohe  st  zeinem  man 
loolde  Herwigen,  den  edelen  ritter  guoten? 

do  sprach  die  maget  schoene:        „ichivilnnrnihthezzersfriundestmioten^'' 

665.  Do  vestente  man  die  frouwen      dem  rechen  an  der  stunt, 
der  si  da  hrccnen  solde. 

Damit  ist  die  Vermählung  vollzogen,  es  fehlt  nur  noch  beilager 
und  heimführung;  beides  unterbleibt,  nach  dem  echten  gedieht  weil  Her- 
wig durch  den  einfall  des  Mohreukönigs  plötzlich  abgerufen  wird,  nach 
den  Zusätzen  des  Überarbeiters  weil  Hilde  ibre  tochter  noch  ein  jähr  lang 
bei  sich  behalten  will.  Es  fragt  sich  nun ,  ob  dieser  aufschub  eine. recht- 
liche Wirkung  auf  das  Verhältnis  Herwigs  zu  Kudrun  ausübt ,  ob  wir  also 
Verlöbnis  und  eheschliessung  als  zwei  getrennte  akte  zu  unterscheiden 
haben,  oder  ob  mit  der  Verlobung  schon  allen  anforderungen  der  ehe- 
schliessung genügt  ist.^*'  Zunächst  auf  die  letztere  alternative  könnten 
die  werte,  mit  denen  Kudrun  wie  Herwig  ihr  Verhältnis  bezeichnen, 
gedeutet  werden.    Kudrun  sagt  zu  Hartmut: 

1043.     „/^  wizzet  wol^  her  Ha/rtmuot^  sivie  iwer  toille  stät, 

da%  man  mich  levestent  einem  hünege  hat 

mit  vil  stmten  eiden  zeime  elichen  wibe: 

ez  enst  daz  er  sterbe,  ich  gelige  nimmer  hi  eiyies  rechen  llbe.'^'^ 

Aehnlich  sprechen  sie  und  Herwig  sich  in  zwei  zusatzstrophen  aus 
(770.  1245).  Sie  hat  mit  Herwig  ringe  gewechselt,  uiid  durch  seinen 
ring  gibt  Herwig  sich  ihr  wider  zu  erkennen:  „da  mite  ich  ivart  g&ma- 
Jielet  Küdrün  se  minnen"  (1247  — 1249).  Alles  das  sind  ausdrücke, 
die  nach  unserer  heutigen  Sprechweise  auf  eine  wirkliche  ehe  bezogen 
werden  müssten;  allein  der  Sprachgebrauch  des  mittelalters  war  eben  ein 
anderer  (vgl.  964)  und  das  widerholte  andringen  des  ritterlichen  Hart- 
mut  dessen  ganzer  Charakter  dem  ansinnen  eines  ehebruchs  entschieden 

39)  Vgl.  Haupts  zeitschr.  13,  155  und  meineu  daselbst  aum.  19  angefülirteu 
aufsatz  so  wie  einen  nachtrag  zu  demselben  (Zeitschrift  f.  recMsgescbichte  7,  147  f.) 

40)  Dies  ist  die  meinung  von  Friedberg ,  recht  der  elieschliessung  21. 


CORP.  lUR.  GERM.  POET.   1.  KUDRUN  271 

widerspricht,  lässt  deutlich  erkenuen ,  dass  er  das  Verhältnis  Kudnms 
zu  Herwig"  nur  als  ein  einseitig  lösbares  Verlöbnis,^*  uicht  als  eine  unlös- 
bare ehe  betrachtet.  Dies  ist  denn  auch  (Me  einzig  richtige  auffassung, 
die  unter  anderai  durch  die  zahlreichen  Zeugnisse  bestätigt  wird  nach 
denen  die  Wirkungen  der  eheschliessung  auf  das  vermögen  erst  mit  dem 
ehelichen  beilager  eintraten.*^  Verlöbnis  und  eheschliessung  verhielten 
sich  zu  einander  wie  auflassung  und  besitzergreifung ,  konnten  zu  einem 
akte  verbunden  oder  auch  als  zwei  getrennte  akte  gedacht  werden;  der 
zweite  akt  umfasste  aber  nur  die  mit  besondern  feierlichkeiten  ausgestat- 
tete heimfiihrung  und  das  beilager,  die  eigentliche  trauung  Avar  immer 
die  Verlobung,  d.  h.  die  feierlich  (im  ringe)  abgegebene  erklärung  des 
ehelichen  consenses  (vgl.  1034).  Der  Überarbeiter  unsers  gedichts  hat 
es  für  nötig  gehalten  Kudruns  und  Herwigs  Verhältnis  zum  bürgerlichen 
abschluss  zu  brmgen,  er  erwähnt  ihr  beilager  (1666,  2.  3)  und  lässt 
darauf  dies  paar  und  die  drei  andern  von  ihm  erfundenen  zur  krönungs- 
weihe  schreiten: 

1666,  4.    vierer  hünige  tohter  die  wiht  man    vor   deyi  helden  zuo  der 

Jcrone. 

1667,  1.    dö  wären  ouch  die  hünige  gewihet  nach  ir  e. 

Derselbe  Vorgang  wird  auch  bei  Hagens  Vermählung  erwähnt: 
nach  siten  TcristenUchen  wilien  man  äo  hiez  heide  isuo  der  Jcrone  (17 d). 
Wir  haben  wider  eine  nachahmuug  der  Nibelungen  vor  uns,  denn  auch 
Günther  und  Sigfrid  begeben  sich  nach  dem  beilager  in  die  kirche: 

594.  Nach  siten  der  si  fflägcn  und  man  durch  reht  begie, 
Günther  unde  Prünhilt  niht  langer  da%  verlie, 

sie  giengen  zuo  dem  münster        da  man  die  messe  sanc. 
dar  Icom  ouch  er  Sifrit.  dö  huop  sich  michel  gedranc. 

595.  Nach  Icüniklichen  eren  was  in  dar  bereit 

swaz  si  haben  solden,  ir  Tcrone  und  ouch  ir  hleit. 

dö  wurden  si  gewihet.  dö  daz  tvas  getan, 

dö  sach  man  under  kröne  elliu  fieriu  schöne  stän. 

Die  vergleichung  dieser  stellen  lehrt,  dass  wir  es  hier  mit  einer 
handlung  zu  thun  haben  die  zu  der  eheschliessung  nur  in  sehr  entfern- 
ter beziehung  steht.  Die  krönung  setzt,  wie  wir  sahen,  im  allgemeinen 
eine    vor  aufgegangene   Vermählung   voraus   und    deshalb    findet    sie    im 

41)  Nach  dem  ältesten  deutschen  recht  musste  hei  verlöbnishmch  der  schuldige 
theil  eine  munthrüche  entrichten,  deren  höhe  sich  nach  dem  numtschatze  berechnete. 
Vgl.  meine  geschichte  des  ehel.  güteiTechts  1,  11 — 19. 

42)  Vgl.  ebd.  n.  1  s.  97. 


'27'2  SCHBfEDER,    CORP.   lUR.    GERM.    PORT.      I.   KÜDRUN 

unmittelbaren  anschluss  an  diese  statt.  Die  kirchliche  feier  aber  bezieht 
sich  nicht  auf  die  eheschliessung,  sondern  auf  die  krönung,  sie  muss 
daher  bei  nichtgekrönten  pei-^^onen  weggetallen  sein.  Während  die  Zeug- 
nisse priesterlicher  mitwirkung  bei  der  eheschliessung  erst  mit  dem 
13.  Jahrhundert  häufiger  werden /^  kannte  man  die  kirchliche  krönungs- 
weihe  schon  im  9.  Jahrhundert;  von  der  Vermählung  des  angelsächsischen 
königs  Ethelwulf  mit  Karls  II.  tochter  Judith  im  jähre  856  wird  uns 
berichtet:  Edüwulf  rex  occidentaUum  Anglorum  .  .  .  Judith  .  .  despon- 
satam  .  .  in  matrimonium  accepit  et  eam  .  .  episcopo  henedicente  impo- 
sito  capiti  eins  diademate  reginae  nomine  insignit,  quod  sihi  suaeque 
genti  eatenus  fuerat  insuetum  (Mon.  Germ.  scr.  1 ,  450). 

Dank  der  geschmacklosigkeit  des  Überarbeiters  der  Kudrun  besitzen 
wir  noch  zwei  schätzenswerte  Schilderungen  einer  eheschliessung: 

1648.     Do  hiez  man   Ortrünen  zuo  dem  ringe  gän 

und  ouch  Hßdeburge,  die  maget  tvol  getan. 

Ortwin  und  Hartnmot  die  nämen  sie  ze  wibe. 


1649.      Ortwin  von  dem  ringe  ze  im  daz  magedin 

zulite  minniclichen.  ein  guldin  vingerlin 

gab  er  der  kiiniginne  in  ir  vil  wizen  hende. 


1650.     Do  umhesloz  mich  Hartmuot        die  meit  üz  Irlant. 

ir  ietiveder  dem  andern  daz  golt  stiez  an  die  hant. 

Es  folgt  die  Verlobung  des  Mohrenkönigs  mit  Herwigs  Schwester: 

1663.     Den  hünic  von  Karadie  hiez  man  dar  gän. 

sie  sprächen  zuo  der  frouwen :  „  weit  ir  disen  man  ? 

der  machet  iuch  gewaldic  niwen  hünicriche.'''' 

1666.     Do  loheten   sie  ein  ander  der  ritter  und  daz  kint. 

Das  hierauf  von  allen  paaren  vollzogene  beilager  und  die  krönungs- 
weihe  wurde  schon  oben  besprochen. 

BONN.  RICHARD    SCIIRCEDER. 

43)  Hierher  gehört  die  früher  mitgeteilte  stelle  aus  Lohengrin  (Haupts  zeitschr. 
13,  160),  die  ich  nur  nicht  als  eine  declaratio  corani  parocho ,  sondern  als  declaratio 
coram  clerico  hätte  bezeichnen  sollen.  Der  unterschied  zwischen  der  krönungsweihe 
und  der  kirchlichen  eheschliessung  ist  bisher  nicht  genug  beachtet  worden.  Vgl. 
Friedberg  a.  a.  o.  82.    Wackernagel,  Haupts  zeitschr.  2,  549. 


273 


DIE  NEUESTEN   UNTERSUCHUNGEN 
ÜBER  DIE  ABFASSUNGSZEIT  DES  SCHWABENSPIEGELS. 

Der  Deutschenspiegel  ist  nach  1235  abgefasst,  weil  er  bereits  den 
Mainzer  landfrieclen  kennt,  aber  vor  1272,  weil  der  in  diesem  jähre  ver- 
storbene Be]-thold  von  Regensburg  ihn  mehrfach  bei  seinen  predigten 
benutzt  hat.  Das  umgekelirte  Verhältnis,  die  starke  benutzung  der  pre- 
digten Bertholds  im  Schwabenspiegel,  veranlasste  Laband  (beitrage  zur 
künde  des  Schwsp. ,  1861)  zu  der  annähme,  dass  Berthold  selbst  den 
Schwabenspiegel  verfasst  habe,  und  zwar  in  der  zeit  seines  aufenthalts 
zu  Augsburg,  1251  —  72.  Diese  behauptung,  so  viele  gründe  auch  für 
sie  sprachen,  erhielt  doch  bis  vor  kurzem  nur  geringe  Zustimmung,  die 
bairische  kurstimme  statt  der  böhmischen  schien  auf  die  zeit  nach  1273 
oder  gar  1275  hinzuweisen,  während  sich  als  spätester  termiu  nur  das  jähr 
1282,  als  datum  einer  jetzt  verschollenen  handschrift,  mit  bestimm theit 
feststellen  liess.  Neuerdings  hat  nun  aber  eine  ebenso  wichtige  wie  glän- 
zend durchgeführte  entdeckung  Rockingers  (Sitzungsberichte  der  bair. 
akad.  d.  wiss.  18G7  s.  408  ff.)  die  behauptung  Labands  nahezu  zur 
gewissheit  erhoben. 

Eine  Münchener  Schwabenspiegel  -  handschrift  enthält  höchst  sorg- 
fältige eintrage  von  Varianten  aus  zwei  Regensburger  handschriften, 
deren  eine  dem  Gabriel  Mair  (1623  Stadtgerichtsassessor  zu  Regensburg) 
gehörte,  während  die  andere,  ein  pergamentcodex  mit  dem  wappen  des 
Urban  Triukl  (1524  —  37  kämmerer  zu  Regensburg),  dem  Schreiber  im 
februar  1609  durch  vermittelung  des  herrn  Nicomed  Schwäbl  (wol  dem 
söhne  des  1584  —  1604  nachweisbaren  Regensburger  ratsherrn  gleiches 
namens)  zur  benutzung  überlassen  war.  Als  ursprünglichen  besitzer  die- 
ses pergamentcodex  nennt  sich  ritter  Rüdiger  von  Manesse  von  Zürich, 
und  in  einem  andern  eintrage  erklärt  herr  Heinrich  der  Preckendorfer, 
dass  er  während  seines  aufenthalts  bei  dem  grafen  Rudolf  von  Habsburg 
in  den  jähren  1264  —  68  den  codex  von  einem  ritter  und  bürger  aus 
Zürich,  der  dem  grafen  in  einem  kriege  gegen  verschiedene  herren  hilfe 
geleistet,  zum  geschenk  erhalten  habe.  Ursprünglicher  besitzer  war  also 
der  berühmte  Rüdiger  von  Manesse  der  ältere,  den  wir  1264  wie  1268 
als  mitglied  des  zürcherischen  rates  finden;  vielleicht  hatte  er  Berthold 
bei  dessen  reise  durch  die  Schweiz  im  jähre  1250  kennen  gelernt  und 
wurde  durch  den  umstand,  dass  Berthold  und  Heinrich  der  Preckendor- 
fer landsleute  waren,  zu  der  kostbaren  Schenkung  an  diesen  bewogen. 
Von  der  oberpfälzischen  familie  der  Preckendorfer  scheint  der  codex  durch 
die  Verheiratung  Georgs   von   Preckendorf  mit  Agnes  Trinkl  gegen  ende 

ZEITSCHK.    F.    1>KUTSCUE    PHILOL.  18 


274  SCHBCEDEK,    ABFASSUNGSZEIT   DES    SCHWSP. 

des  15.  Jahrhunderts  an  die  familie  der  letzteren  gekommen  zu  sein. 
Seit  lOoi»  ist  jede  spur  der  handsclirift  verloren. 

Hiernach  Avird  die  abfassung  des  Schwabenspiegels  in  die  zeit  von 
1256  bis  1268  zu  setzen  sein,  denn  die  bekanntschaft  des  Verfassers 
mit  den  Verhältnissen  unter  dem  Interregnum  und  mit  dem  ausschliess- 
lichen Wahlrecht  eines  geschlossenen  kurfürsteucollegiums  lässt  ein  zurück- 
gehen über  125G  nicht  zu.  Die  beiden  stellen  über  die  kurstimmeu  sind 
von  denen  der  andern  handschriften  nicht  verschieden,  erst  durch  rasur 
und  correctur  ist  die  bairische  in  eine  böhmische  stimme  verwandelt; 
man  sieht  daraus,  dass  sich  bis  zur  wähl  Eudolfs  die  Verhältnisse  noch 
nicht  derartig  befestigt  hatten,  wie  die  geguer  Labands  bisher  anzuneh- 
men geneigt  waren. 

Leider  gestatten  die  von  dem  Schreiber  der  Varianten  gemachten 
mitteilungen  keinen  genaueren  einblick  in  das  wesen  der  manessischen 
handschrift,  nur  so  viel  lässt  sich  deutlich  erkennen,  dass  sie  nicht  den 
Deutscheuspiegel,  sondern  den  Schwabeuspiegel  enthalten  hat. 

Auch  das  gedieht  Lohengrin ,  das  in  einer  früher  (zeitschr.  f.  dtsch. 
alterth.  13,  156)  von  mir  mitgeteilten  stelle  auf  den  Schwabeuspiegel 
bezug  nimmt,  gewinnt  jetzt  ein  höheres  Interesse,  weil  es  sich  fast  wörtlich 
an  die  zweite  handschriftenklasse  anschliesst.  Die  Verbindung  der  erzämter 
mit  den  weltlichen  kurstimmen  findet  sich  bekanntlich  zuerst  Ssp.III,  57 
§.  2  (s.  oben  seite  260).  Einen  schritt  weiter  geht  die  älteste  handschriften- 
klasse des  Schwabenspiegels ,  indeiu  auch  die  stimme  von  Mainz  aus  dem 
erzamte  erklärt  wird  (vgl.  Schwsp.  Lassb.  130).  Auf  grund  von  Inter- 
polationen, die  Ficker  (über  einen  Spiegel  deutscher  leute  116  f.)  nach- 
gewiesen hat,  geschieht  dies  in  der  zweiten  handschriftenklasse  auch  in 
betreff  der  beiden  andern  geistlichen  stimmen :  „  Der  hiscJiolf  von  Triere 
ist  hander  über  das  künicrich  Ärel,  der  hat  die  andern  stimme  an  der 
kür.  Der  hischolf  von  Kollen  der  ist  Tiander  ze  Lamparten  nnde  hat 
die  dritten  stimme  an  der  kür.  Daz  sint  drin  fürsten  ampt,  diu  hcerent 
ze  der  kür"  (Schwsp.  Wack.  110).  Diese  lesart  hat  dem  Verfasser  des 
Lohengrm  vorgelegen  (vgl.  besonders  den  schluss:  „die  kür  die  erzepis- 
tuom  von  der  tvirde  hänt ") ,  die  zweite  handschriftenklasse  des  Schwaben- 
spiegels muss  also  ebenso  wie  dies  gedieht  vor  1290  entstanden  sein, 
Avas  bei  der  abfassungszeit  1256 --68  nicht  dem  geringsten  bedenken 
unterliegt,  mit  der  annähme  einer  späteren  entstehung  des  Schwabenspie- 
gels dagegen  nicht  gut  vereinbar  erscheinen  müste. 

BONN.  RICHARD    SCHRCEDER. 


275 


ÜBER  DEN  HELIAND. 

Der  Heliand  und  seine  quellen.     Von  dr.  Ernst  Windisch.    Leipzig,  Vogel,  1868. 
118  Seiten  in  8. 

In  den  letzten  zwanzig  jähren  ist  mehrfach  die  frage  nach  dem 
Verfasser  des  Heliand  und  nach  den  unterlagen ,  die  er  für  sein  werk 
benutzte,  augeregt  worden.  Es  waren  durchschnittlich  nur  gelegenheits- 
schriften,  gymnasialprogramme  und  dissertationen ,  die  darauf  bezügliche 
Untersuchungen  bargen;  der  enge  räum,  auf  den  dergleichen  Schriften 
sich  beschränken  müssen,  hinderte  im  allgemeinen  eine  tiefere  und  brei- 
tere darlegung  der  einschlagenden  Verhältnisse  und  die  angelegenheit 
wurde  durch  eine  gründliche  forschung  nicht  sehr  gefördert.  Immer 
aber  schulden  wir  den  Verfassern  dank:  ihre  bemühungen  hielten  das 
Interesse  an  der  sache,  auch  in  grössern  als  den  eigentlich  germanisti- 
schen fachkreisen  wach ,  und  die  bemerkungen  einiger  von  ihnen  konn- 
ten wirklich  als  anhält  für  weitere  forschung  dienen.  Ich  erinnere  an 
das  hübsche  schriftchen  von  Middendorf,  Münster  1862. 

Mit  einem  aufsatze  Zarnckes  vom  jähre  1865  (über  die  praefatio 
ad  lihrum  antiquuni  lingiia  saxonica  conscriptum  und  die  versus  de 
poeta,  berichte  der  königlich  sächsischen  gesellschaft  der  Wissenschaften, 
philol.  histor.  classe  s.  104  ff.)  beginnt  für  die  versuche  zur  lösung  der 
frage  eine  neue  zeit.  Diesem  aufsatze  und  seiner  anregung  verdanken 
wir  wol  zunächst  die  oben  angezeigte  wertvolle  schrift  von  Windisch, 
die  zu  einem  teile  von  Zarnckes  Untersuchungen  ausgehend  und  auf  ihnen 
fussend,  zwar  nicht  alle  selten  der  Heliandfrage ,  namentlich  nicht  die" 
über  das  Verhältnis  beider  handschriften  zu  einander,  berührt,  aber  die 
frage  über  den  Verfasser  des  gedichts  und  seine  quellen  in  erschöpfender 
und  wesentlich  abschliessender  weise  behandelt. 

Wir  vermögen  die  schrift  Windischs  nicht  besser  zu  ehren  und 
den  dank,  den  Avir  ihr  schulden,  nicht  besser  auszusprechen,  als  wenn 
wir  im  allgemeinen  an  ihrer  band  und  nur  gelegentlich  unsere  eigene 
meinung  dagegen  setzend,  den  lesern  dieser  Zeitschrift  einen  summari- 
schen überblick  dessen,  was  den  Verfasser  des  Heliand  und  seine  quellen 
betrifft,  geben. 

Matthias  Flach  aus  Albona  in  lllyrien,  oder  wie  er  sich  selbst 
nennt,  Flacius  Illyricus,  ein  schüler  Luthers  und  Melanchthons ,  gab  im 

18* 


276  HEYNE 

jähre  1562  zu  Strassburg  ein  buch  lieraus:  „catalogus  testium  veritatis," 
in    welchem    er    eine  pracfaÜo    in   lihrum    antkßium    linyiia    Saxonica 
cause ripi um  mitteilt.     Diese  pvaefatio  gibt   sich   als  das   Vorwort  eines 
unbekannten   Zeitgenossen  Ludwigs   des  Frommen  zu    der  abschrift  eines 
grossen   altsächsischen   biblisch  -  epischen  werkes    aus    und    erzählt    dass 
Ludwig  der  Fromme  auf  den  gedanken  gekommen  sei,   den  ungelehrteu 
seines  volkes,  die  nur  die  deutsche  spräche  sprächen,  die  heilige  schrift 
näher  zu  bringen;    in  ausführuug   dieser    absieht  habe    er   sich   an  einen 
manu  aus  dem  volke  der  Sachsen  gewant,   der  bei  den  seinen  für  einen 
nicht  uuberühmten  dichter  gegolten  habe,    denselben  beauftragend  sowol 
das  alte  wie  das  neue  testament  in  seine  spräche  poetisch  zu  übertragen. 
Der  dichter,  der  schon  vorher  eine  mahnung  von  oben  bekommen,  habe 
sich  deshalb  um  so  bereitwilliger  auf  des  kaisers  geheiss  sogleich  an  das 
schwierige  und  mühevolle  werk  gemacht,  habe   von   der   weltschöpfimg 
begonnen    und   alles   bedeutende   in  seinen  hauptpunkten    der  geschicht- 
lichen Wahrheit  gemäss  dargestellt ,    bisweilen    auch    einiges ,   wo  es  ihm 
passend  erschienen,  mystisch  behandelt.     So  habe  er  die  poetische  bear- 
beitung  des  ganzen  alten  und  neuen  testaments  glücklich  zu  ende  geführt 
und  ein  werk  geschaffen,   welches   sich    durch   anmut  und  Schönheit  der 
darstellung,    durch  fülle  der  werte  und  vortrefflichkeit  der  gedanken  so 
auszeichne,    „ut  audientihus  ac  intelligentibus  non  minimam  sui  deco- 
ris    didcedinem   iwaestet."-      Nach    seiner    weise    habe    der    dichter    das 
ganze  werk  in  „vitteas"  eingeteilt,   welches  wort  der  unbekannte  Vor- 
redner dui'ch  „  ledinnes  vel  sententias  "  übersetzt.     Ausserdem  theilt  der- 
selbe Vorredner .  aber  nur  als  sage ,  mit .  dass  die  vorhin  erwähnte  mah- 
nung von   oben  dem  dichter  als   mahnung  im   schlafe  zugekommen 
sei,  und  zwar  zu  einer  zeit,   wo  er  der  dichtkunst  noch   ganz  unkundig 
gewesen. 

Unmittelbar  auf  diese  praefatio  folgt  in  dem  catalogus  des  Flacius 
unter  der  Überschrift  „versus  de  poeta  et  interprete  Jmjus  codicis"  ein 
lobgedicht  in  hexametern  auf  jenen  biblisch -epischen  dichter  von  einem 
ebenfalls  unbekannten  Verfasser.  In  diesem  gedichte  hat  die  in  der 
praefcdio  erwähnte  sage  schon  eine  Veränderung  und  erweiterung  gefun- 
den, bei  welcher  die  aufforderung  des  kaisers  an  den  sächsischen  dich- 
ter gänzlich  verschwunden  ist,  indem  aus  dem  ,,viro  de  gente  Saxonmii 
qui  apud  suos  non  ignohilis  vates  hahehatur ,'■'■  ein  schlichter  ackersmann 
geworden  ist,  welcher  einst  beim  weiden  seiner  wenigen  rinder  auf  einer 
Avaldtrift  unter  dem  schatten  eines  baumes  eingeschlafen  und  im  schlafe 
durch  eine  stimme  vom  himmel  aufgefordert  worden  sei,  die  göttlichen 
gesetze  in  seiner  eigenen  spräche  zu  besingen.  Nach  der  Schilderung 
seines   einfachen  landwirtlichen  lebens  und  jener  traumerscheinung,    die 


ÜBER   DEN   HELIAND  277 

ihn  zu  dem  heiligen  gesange  aufgefordert,  schliesst  das  gedieht  mit  fol- 
gendem : 

qui  prius  agricola,  mox  et  fuit  illc  poeta. 

tunc  cautus  nimio  vates  perfusus  amoro 

mctrica  post  docta  dictavit  carmina  liiigua. 

coeperat  a  prima  nasceiitis  origine  mundi, 

quiuque  relabentis  percurrens  tempora  secli, 

veait  ad  adventum  Cliristi,  qui  sanguiue  mundum 

faucibus  cripuit  tetri  .niiseratus  averni. 

Wie  Flacius  zu  diesen  beiden  stücken ,  der  praefatio  und  den  ver- 
sus ,  gekommen  ist ,  wissen  wir  nicht.  Er  suchte  bekanntlich  alle  biblio- 
theken  durch,  um  aus  ihnen  historische  Zeugnisse  für  die  Wahrheit  der 
lutherischen  lehre  und  die  Irrtümer  des  papstes  aufzuspüren;  nie  aber 
gibt  er  bei  solchen  historischen  Zeugnissen  au,  wo  er  sie  her  habe. 
Schwerlich  wird  es  gelingen,  der  Flaciusschen  quelle  auf  die  spur  zu 
kommen. 

Indessen  darf  der  gedanke  nicht  auftauchen ,  als  ob  wir  etwa  in 
den  beiden  stücken  eine  fälschung  des  16.  Jahrhunderts  zu  erblicken  hät- 
ten. Die  unzweifelhafte  ächtheit  derselben  verbürgt  ihre  ganze  haltung 
und  spräche,  so  wie  der  umstand,  dass  man  im  16.  Jahrhundert  keine 
ahnung  von  der  existeuz  einer  poetischen  altsächsischen  bibelparaphrase 
haben  konnte,  dass  daher  die  erfindung  einer  erzählung  von  dem  zu 
stände  kommen  einer  solchen  vollständig  unmöglich  sein  muste.  Hierzu 
tritt  noch  ein  weiterer  grund.  Die  obengedachte  praefatio  ist  uns  näm- 
lich in  zwei  von  einander  unabhängigen  und  in  den  werten  etwas 
abweichenden  fassungen  überliefert,  einer  längern  und  einer  kürzern. 
Es  ist  die  längere  fassung ,  die  wir  von  Flacius  erfahren ;  aus  dessen 
buche  ist  sie  wieder  abgedruckt  worden  bei  Cordesius,  opuscula  et  epi- 
stolae  Hincmari  1615.  Cordesius  sagt  zwar  nicht,  dass  er  die  praefa- 
tio von  Flacius  abgedruckt  habe  und  man  war  eine  zeit  lang  der  ansieht, 
dass  auch  er,  Cordesius,  zu  seiner  Veröffentlichung  eine  alte  handsehrift 
benutzte;  aber  Zarncke  und  Windisch  haben  nachgewiesen,  dass  dies 
nicht  der  fall  sei,  dass  vielmehr  Cordesius  von  Flacius  nachgedruckt 
habe. 

Die  kürzere  fassung  der  praefatio  ist  uns  erhalten  in  dem  werke 
des  Andreas  du  Chesne  (latinisiert  Quercetanus) :  Historiae  Francorum 
Scripfores ,  Paris  1636,  Tom.  IT,  aus  welchem  sie  der  bischöflich  würz- 
burgisehe  historiograph  Eckhart  in  seiner  veterum  momimentorum  qua- 
ternio  (Lips.  1720)  wieder  abdruckte.  Diese  kürzere  fassung  weicht  von 
jener  in  manchen   lesarten   nicht  unbeträchtlich  ab;   der  sehlussatz,   den 


278  HEYNE 

die  längOTe  fassung  aufweist  und  in  dem  als  sage  berichtet  wird,  dass 
der  dichter  sein  werk  in  folge  einer  göttlichen  mahnung  im  schlafe  unter- 
nommen habe  und  dass  er  vorher  der  dichtkunst  ganz  unkundig  gewe- 
sen sei,  fehlt  in  der  kürzern  fassung  ganz. 

Auch  du  Chesne  schweigt  über  seine  handschriftliche  quelle.  Wenn 
aber  die  beiden  fassungen  der  praefatio  gegen  einander  gehalten  werden, 
wie  dies  Windisch  s.  10.  11  thut,  so  ist  der  von  dem  letzteren  gezo- 
gene schluss  klar,  dass  die  handschriftliche  quelle  des  Flacius  und  die 
des  du  Chesne  nicht  eine  und  dieselbe  gewesen  sei.  Die  abweichungen 
einzelner  wichtiger  lesarten ;  der  schlussatz  der  einen  fassung ,  der  in  der 
andern  fehlt,  weist  daraufhin,  dass  hier  zwei  verlorene  handschriften 
der  praefatio  vorgelegen  haben ,  jedem  eine  andere. 

Diese  beiden  redactionen  gehen  auf  ein  archetypon  der  praefatio 
zurück ,  das ,  wie  zuerst  Zarncke ,  dann  wider  Windisch  nacligewieseu  hat, 
bereits  interpoliert  ist.  Es  sind  der  praefatio  einzelne  sätze  eingescho- 
ben, die  nicht  in  der  ursprünglichen  fassung  derselben  gestanden  haben 
können.  Die  Interpolation  selbst  ist  alt  und  allem  anscheine  nach  noch 
im  neunten  Jahrhundert  vorgenommen.  Sie  flicht  in  die  durchaus  histo- 
rische und  nüchterne  spräche  der  praefatio  namentlich  sagenhafte  züge 
ein,  welche  wol  entlehnt  sein  mögen  der  erzählung  Bedas  von  dem  angel- 
sächsischen dichter  Cädmon ,  der  erst  Schafhirt  und  der  dichtkunst  unkundig 
gewesen  sei,  später  aber  auf  göttlichen  antrieb  die  bibel  in  ein  episches 
gedieht  umgegossen  habe.  Der  sagenhafte  schlussatz  der  praefatio,  der 
an  diese  erzählung  anklingt  und  der  auch  nur  in  der  längern  fassung 
steht,  gehört  vorzugsweise  einem  iuterpolator  an.  Scheiden  wir  diese 
einschaltungen  mit  Zarncke  und  Windisch  aus  der  praefatio,  so  erlan- 
gen wir  eine  klare  und  vollkommen  abgerundete  darstellung  des  allge- 
meinsten Inhalts,  dass  ein  altsächsischer  dichter  bibelstoff  metrisch  bear- 
beitete und  zwar  auf  geheiss  kaiser  Ludwigs  des  Frommen. 

Es  muste  nun  die  frage  aufgeworfen  werden ,  ob  sich  die  praefatio 
und  die  bei  Flacius  hinter  derselben  stehenden  versus  de  poeta  auf  den 
Heliand  beziehen. 

Das  gedieht  ist  seit  dem  ausgange  des  17.  Jahrhunderts  der  gelehr- 
ten weit  bekannt  geworden.  Die  erste  nachricht  über  die  eine  hand- 
schrift  desselben,  den  Cottonianus,  gab  1696  Thomas  Smith,  ausführ- 
licher dann  1704  Wanley  in  dem  Thesaurus  von  Hickes.  Die  andere 
handschrift,  der  Münchner  codex,  von  den  altern  germanisten  nach  sei- 
nem ehemaligen  aufbewahrungsorte  der  Bamberger  codex  genannt,  wird 
zuerst  erwähnt  in   einer   notiz  vom  jähre  1717,   die   der  Würzburgsche 


ÜBER   DEN   HELIAND  279 

bibliothekar  Conrad  Siegler  an  den  benedictiner  Bernhard  Pez  zu  Molk 
in  Oesterreich  gab.  Der  codex  befand  sich  damals  in  der  bischöflichen 
bibliothek  zu  Würzburg,  wohin  er  im  dreissigjährigen  kriege  in  Sicher- 
heit gebracht  zu  sein  scheint. 

Der  erste,  der  die  praefatio  auf  den  Heliand  zog,  war  jener  oben 
genannte  Eckhart.  Er  kannte  den  Cottonianus  und  war  auf  den  Münch- 
ner codex  durch  Pez  aufmerksam  gemacht  worden;  und  da  er  das  frän- 
kische des  Cottonianus  richtig  herausfühlte ,  aber  meinte ,  es  sei  mit 
Sächsischem  gemischt,  so  kam  er  auf  die  Vermutung,  den  Heliand  habe 
ein  unter  den  Franken  erzogener  Sachse  gemacht.  Spätere  haben  ent- 
weder den  Zusammenhang  der  praefatio  und  des  Heliand  geläugnet ,  oder 
ignoriert,  wie  z.  b.  Schmeller,  oder  endlich  an  ihn  geglaubt.  Erst 
Zarncke  trat  ordentlich  den  beweis  für  das  letztere  an.  Windisch  folgte 
ihm  und  brachte  zu  den  Zarnckeschen  gründen  noch  weitere  selbständige 
bei.  Diese  beweisführung  (s.  11  —  24)  ist  eine  der  besten  und  anspre- 
chendsten partien  in  der  schrift  Windischs ,  wobei  wir  an  einigen  äusser- 
lichkeiten,  stil  und  knappen  ausdruck  betreffend,  nicht  mäkeln  wollen. 
Eine  skizze  dieses  beweises  ist  folgende. 

„Sechs  punkte  sind  es,  in  welchen  die  praefatio  ihr  werk  charac- 
terisiert.  Wir  lesen  nämlich  1)  dass  das  werk  zur  zeit  Ludwigs  des 
Frommen  entstand  und  durch  seine  anregung;  2)  dass  es  zum  zwecke 
die  Verbreitung  des  Christentums  unter  den  Sachsen  haben  sollte;  3) 
dass  der  Verfasser  ein  Sachse,  und  zwar  ein  berühmter  volksdichter, 
war;  4)  dass  es  poetisch  in  sächsischer  mundart  (besser:  in  sächsischem 
dialecte)  dargestellt  den  Inhalt  des  neuen  und  alten  testaments  enthielt 
nebst  eingestreuten  mystischen  erkläruugen;  5)  dass  es  in  einzelne  capi- 
tel ,  vitteae  genannt ,  eingeteilt  war ;  6)  dass  das  werk  bei  denen ,  welche 
es  verstanden,  hohe  anerkennung  seiner  Schönheit  wegen  fand." 

Von  diesen  sechs  punkten  passen  entschieden  fünf  auf  den  Heliand. 
Derselbe  zeigt  in  der  einen  handschrift,  dem  Monacensis,  den  sächsi- 
schen dialect;  dass  er  zur  zeit  Ludwigs  des  Frommen  entstanden  sei, 
kann  zwar  aus  dem  gedichte  selbst  nicht  strict  bewiesen  werden,  aber 
es  hindert  uns  auch  nichts  an  dieser  annähme;  der  Verfasser  war,  wie 
wir  sehen,  ein  begabter  dichter;  der  Heliand  enthält  mystische  erklä- 
ruugen; er  ist,  allerdings  nicht  im  Monacensis,  wol  aber  in  der  andern, 
der  Cottonischen  handschrift  in  einzebie  capitel  eingeteilt;  was  die  hohe 
anerkennung  betrifft ,  die  dem  werke  bei  den  Zeitgenossen  zu  theil  gewor- 
den sein  soll,  so  können  wir  dies  jetzt  freilich  mit  unsern  mittein  nicht 
beurteilen;  aber  die  hohe  poetische  Schönheit  des  Heliand  ist  ja  allseitig 
anerkannt. 


280  IIUYNE 

p]iii/io-  und  allein  in  beziig  auf  die  inlialtsangabo  stimmt  die  prae- 
f((tio  mit  dem  Heliand  insofern  nicht,  als  dieser  nicht  die  ])earbeitung 
des  alten  und  neuen,  sondern  ausschliesslich  des  neuen  testamentes  ist. 

In  hezug  auf  diese  Schwierigkeit  haben  sich  die  meinungen  gespal- 
ten; einerseits  entnahm  man  aus  ihr  die  berechtigung ,  den  Zusammen- 
hang der  praefatio  mit  dem  Heliand  ganz  zu  läugnen ,  andrerseits  wurde 
(von  Zarncke)  die  ansieht  aufgestellt,  der  Heliand  sei  der  zweite  theil 
eines  grossen  biblisch  -  epischen  gedichtes  und  der  erste,  der  das  alte 
testament  umfasst  habe ,  sei  uns  nur  verloren  gegangen. 

Die  erstere  meinung,  ein  Zusammenhang  der  praefatio  mit  dem 
Heliand  existiere  nicht ,  hat  wenig  beifall  gefunden.  Vor  allem  ist  hier- 
bei zu  berücksichtigen,  dass  der  Heliand  als  ein  im  sächsischen  dialecte 
und  in  volksmässigem  tone  geschriebenes  gedieht  sich  darstellt.  Wenn 
auf  dieses  gedieht  fünf  von  den  sechs  in  der  praefatio  hervorgehobenen 
punkten  passen,  so  ist  die  annähme  doch  sehr  bedenklich,  dass  diese 
Übereinstimmung  eine  nur  zufällige  sei.  Dann  müste  die  praefatio  ein 
völlig  anderes  gedieht  im  sinne  haben,  das  doch  mit  dem  Heliand,  der 
seiner  spräche  nach  entschieden  ins  9.  Jahrhundert  fällt,  ganz  oder  nahezu 
gleichzeitig  wäre.  Zwei  gleichzeitige  gedichte  desselben  Inhalts  aber  und 
in  demselben  dialecte  geschrieben  anzunehmen,  fällt  unmöglich,  eins 
hätte  ja  die  Wirkung  des  andern  aufheben  müssen ,  wenn  das  eine  nicht 
zufällig  ein  verunglücktes  war.  Das  ist  aber  wider  nicht  der  fall,  der 
Heliand,  wie  er  uns  vorliegt,  ist  ein  gedieht  von  grosser  Schönheit  und 
die  praefatio  behauptet  von  ihrem  gedichte  eben  dasselbe. 

Die  andere  meinung,  dass  der  Heliand  der  zweite  theil  eines  die 
ganze  bibel  umfassenden  werkes  sei ,  vertrat ,  wie  schon  gesagt ,  Zarncke. 
Ohne  die  existenz  der  praefatio  würde  wahrscheinlich  ein  solcher  gedanke 
nicht  gefasst  worden  sein,  denn  der  Heliand  macht  durchaus  nicht  den 
eindruck  eines  zweiten  theils,  es  müste  ja  dann  doch  in  seinem  ein- 
gange oder  sonst,  wovon  keine  spur  sich  findet,  einmal  an  den  ersten 
theil  angeknüpft  sein. 

Die  Zarnckesche  meinung  stützt  sich  vorzüglich  auf  die  Überein- 
stimmung eines  gedankens  in  der  einleitung  des  Heliand  mit  einigen  Zei- 
len der  versus  de  poeta.  Der  dichter  des  Heliand  sagt  nämlich  von 
V.  39  ab,  dass  gott  die  weit  geschaffen  und  ihre  alter  geordnet  habe. 
Fünf  seien  vergangen  gewesen,  das  sechste,  nämlich  das  Zeitalter  Christi, 
habe  noch  bevor  gestanden ,  da  sei  denn  nun  dieses  mit  der  geburt  Chri- 
sti angebrochen.  Schon  Lachmann  schloss  aus  diesen  Zeilen,  der  Inhalt 
des  angeblich  verlornen  ersten  theils  des  Heliand  habe  die  begebenhei- 
ten  in  jenen  fünf  Zeitaltern  und  damit  die  des  alten  testaments  umfasst. 


ÜBE«   DEN    HELIAND  281 

er  glaubte  seine  Vermutung  durch  den  schluss  der  versus  de  poeta  unter- 
stützen zu  können,  woselbst  es  heisst: 

Cceperat  a  prima  nascentis  origine  muudi 
Quinque  relabentis  percurreus  tempora  secli. 

Diese  Vermutung  Laclimanns  hat  nun  Zarncke  Aveiter  geführt.  Der- 
selbe meinte,  dass  die  beiden  angeblichen  theile  des  altsächsischen  Wer- 
kes schon  von  allem  anfange  an  ihrer  länge  wegen  in  zwei  verschiede- 
nen handschriften  enthalten  gewesen  seien;  „so  wie  uns  der  zweite  theil 
in  zwei  handschriften  erhalten  ist,  so  habe  der  Verfasser  der  versus  nur 
eine  handschrift  des  ersten  theils  vor  äugen  gehabt.  Denn  dies  folge 
notwendig  aus  den  letzten  zeilen  der  versus: 

venit  ad  adventum  Christi,  qui  sanguine  mundum 
faucibus  eripuit,  tetri  miseratus  avcrni. 

Der  Verfasser  sage  ja  hier  ausdrücklich,  dass  der  sächsische  dichter  in 
seinem  werke  nur  bis  zur  ankunft  Christi  gekommen  sei"  (Windisch 
p.  14.). 

Allein  diese  ausführungen  Zarnckes  hat  Windisch  mit  guten  grün- 
den zurückgewiesen.  Er  hat  hierbei  zwei  gesichtspunkte  geltend  gemacht, 
die  auch  wir  nicht  anstellen  als  durchschlagend  anzuerkennen.  Zuerst 
führt  er  folgendes  an  (s.  14):  Gesetzt  einmal  den  fall,  der  Verfasser 
der  versus  hatte  wirklich  nur  den  einen  imaginären  ersten  theil  vor  sich, 
der  bloss  das  alte  testament  umfasste.  Natürlich  würde  hier  von  Christi 
geburt  und  ankunft  noch  nicht  die  rede  sein.  Denn  diese  wird  ja  erst 
im  Heliand  erzählt,  und  zwar  in  einer  weise,  welche  fern  ist  von  jeder 
rückbeziehuns:.  Ist  aber  dann  der  ausdruck  venit  ad  adventum  etc.  nicht 
ebenso  befremdend,  wie  er  es  ist,  wenn  wir  ihn  auf  den  Heliand 
beziehen?  Geht  er  auf  den  das  alte  testament  enthaltenden  theil, 
so  besagt  er  zu  viel,  bezieht  er  sich  auf  den  Heliand,  so  besagt  er  zu 
wenig." 

Der  zweite  gesichtspimkt  Windischs  ist  positiver  natur.  Er  zeigt, 
wie  Avir  uns  das  entstehen  und  das  Verhältnis  der  praefatio  und  der 
versus  de  poeta  zu  einander  zu  denken  haben. 

Um  seine  ausführungen  in  dieser  hinsieht  ganz  würdigen  zu  kön- 
nen, muss  erst  auf  das  Verhältnis  beider  documente  zu  einander  hinge- 
wiesen werden.  Offenbar  haben  beide  verschiedene  Verfasser.  Offenbar 
erzählen  auch  beide  unabhängig  von  einander  etwas,  was  sie  nicht  aus 
urkundlichen  nachrichten,  sondern  aus  tradition  schöpften.  Diese  tradi- 
tion  ist  in   der  prosaischen  praefatio   im   allgemeinen   geschichtstreuer, 


282  HEYNE 

obschon  spätere  iiiterpolationen  ihr  sagenhafte  züge  beigemischt  haben. 
In  den  versus  dagegen  ist  die  person  des  dichters  bereits  ganz  von  der 
sage  umwoben,  hier  hat  augenfällig  die  erzählung  Bedas  von  Cädmon 
eingewirkt.  Was  aber  beide  documente  von  dem  gedichte  selbst  (und 
wii-  haben  gesehen,  dass  diess  nur  der  Heliand  sein  kann)  berichten, 
muss  als  historisch  angenommen  werden,  und  es  kam  nur  noch  darauf 
an,  zu  zeigen,  dass  die  hier  erhaltenen  nachrichten  trotz  einiger  unge- 
nauigkeiten  wirklicli  den  Heliand  betreffen, 

"Was  die  versus  von  dem  inhalt  des  gedichts  erzählen,  beschränkt 
sich  auf  das  durchlaufen  der  fünf  weltalter  seitens  des  dichters  bis  zum 
eintritt  in  das  sechste,  wie  schon  hervorgehoben  ist.  Nun  fängt  der 
Heliand  thatsächlich  mit  dem  sechsten  an,  erwähnt  aber  die  vorherge- 
henden fünf.  Windisch  stellt  nun  die  behauptung  auf,  „dass  der  Ver- 
fasser der  versus  de  poeta  in  seiner  eben  besprochenen  Inhaltsangabe  wei- 
ter nichts  mitteilt,  als  ein  excerpt  der  verse  des  Heliand  38  —  53." 
Die  gründe  Windischs  dafür  sind  klar  und  gut  gruppiert,  eins,  wovon 
wir  gleich  nachher  sprechen  werden,  hätte  aber  entschiedener  hervorge- 
hoben werden  müssen.  Der  dichter  der  versus  muss  offenbar  zu  den 
beregten  zeilen  eine  Heliandhandschrift  vor  sich  gehabt  haben;  er  las 
von  ihr  den  anfang,  erblickte  in  der  einleitung  zum  Heliand  eine  angäbe 
des  Inhalts  desselben,  was  sie  nun  freilich  nicht  ist,  sondern  nur  eine 
angäbe  der  einteilung  der  Weltgeschichte  nach  den  damaligen  anschauun- 
gen ,  und  glaubte ,  weil  der  dichter  des  Heliand  die  fünf  vor  Christus 
voraufgehendeu  weltalter  erwähnt  habe ,  er  schildere  sie  iu  seinem  werke. 
Entscheidend  für  diese  auffassung  sind  die  verse  47^ — 53  des  Heliand 
und  die  Schlusszeilen  der  versus,  und  hier  hätte  Windisch  ausdrücklich 
betonen  sollen ,  dass  beide  stücke  sogar  in  den  werten  sich  vielfach  berüh- 
ren.   Die  Heliandverse  lauten: 

.  .   .   thiu  fibi  wärun  agangan; 

skokla  tliiio  tliat  sehsta  säligliko 

kuman  thiiru  kraft  godes  eudi  hristas  gihurd 

50.    helandero  best,     heiagas  gestes, 

an  thesan  middilgard,  managon  te  helpun, 

firio  barnon  ti  frumou  iviÖ  ßundo  mÖ, 
toiÖ  dernero  dwalm. 

„Die  fünf  (weltalter)  waren  verlaufen;  da  sollte  durch  die  macht 
Gottes  das  sechste  kommen  und  Christi  geburt,  des  besten  heilands,  vie- 
len zur  hilfe ,  den  menschen  zum  nutzen  wider  der  feinde  Verfolgung  und 
den  fallstrick  der  bösen  geister."  Und  nun  vergleiche  man  die  schluss- 
zeilen  der  versus: 


ÜBEE   DEN   HELIAND  283 

quinque  relahentis  percurrens  tempora  secli, 
venu  ad  adventum  Christi^  qui  sanguine  rauudum 
faucihis  eripuit  tetri  miseratus  averni. 

Diese  übereinstiminimg  beider  denkmäler  ist  durchschlagend  für  die 
annähme  Windischs.  Daneben  hat  der  letztere  noch  darauf  hingewiesen, 
was  die  erwähnung  der  fünf  weltalter  vor  Christus  hier  auf  sich  hat. 

Die  einteilung  der  Weltgeschichte  in  sechs  alter  ist,  wie  bekannt, 
schon  im  frühen  mittelalter  eine  sehr  gewöhnliche.  Sie  geht  von  bibli- 
schen anschauungen  aus,  gehört  aber  nicht  der  theologie,  sondern  der 
historiographie  an,  sie  bezieht  sich  auf  den  verlauf  der  gesamten  men- 
schengeschichte  überhaupt.  ,,Die  gesamtgescliichte  wurde  im  mittel- 
alter so  betrachtet  und  behandelt,  dass  man  die  Überlieferungen  der 
bibel  gleichsam  als  das  gerippe  aufstellte,  um  daran  die  thatsachen  aus 
der  heidnischen  geschichte  anzufügen."  So  zählte  man  das  erste  alter 
von  Adam  bis  zu  Noa;  das  zweite  bis  zu  Abraham;  das  dritte  bis  zu 
David ;  das  vierte  bis  zur  babylonischen  gefangenschaft ;  das  fünfte  bis 
auf  Johannes  den  Täufer;  das  sechste  von  da  ab  usriue  ad  finem  scecuU, 
wie  Augustin  sagt. 

Der  dichter  des  Heliand,  der  wie  Avir  weiter  unten  sehen  werden, 
geistlich  gebildet  war,  kannte  natürlich  diese  einteilung  der  Weltge- 
schichte. Es  war  auch  natürlich,  dass  er  sie  in  seiner  einleitung  ver- 
wendete :  ausser  dem  umstände ,  dass  sie  der  zeit  geläufig  war ,  spricht 
auch  der  mit,  dass  er  gerade  sein  werk  mit  der  Schilderung  der  eitern 
Johannis  des  Täufers  beginnt,  mit  dem  das  sechste  weltalter  ja  anhe- 
ben sollte. 

Dagegen  ist  es  unmöglich,  dass  er  zu  seinem  Heliand  einen  ersten 
theil  gedichtet  haben  sollte,  in  welchem  er  die  fünf  weltalter  durchlief. 
Windisch  hebt  richtig  hervor,  dass  er  dann  nicht  den  Inhalt  des  alten 
testaments  paraphrasiert ,  sondern  einfach  eine  Weltgeschichte  geliefert 
hätte.  Aber  auch  gegen  die  annähme,  dass  die  nachricht  der  versus  in 
ungenauer  fassung  wirklicli  auf  die  alttestamentliche  geschichte  gehen 
soll,  wird  (s.  18.  19)  hervorgehoben  das  durchaus  selbständige  gepräge 
des  Heliand,  das  nicht  in  einer  spur  auf  eine  voraufgegangene  behand- 
lung  des  alten  testaments  weist,  und  die  secundäre  bedeutung  des  letz- 
teren für  ein  volk,  das  der  Heliand  zunächst  in  dom  vielfach  nur  äusser- 
lich  angenommenen  christentume  stärken  sollte,  zu  welchem  zwecke  das 
gedieht  die  geschichte  Christi  germanisierte,  wie  auch  Vilmar  schon 
mehrfach  hervorgehoben  hat. 

So  gipfelt  die  bisher  referierte  Untersuchung  Windischs  in  dem 
Schlüsse:   die  versus  de  poeta  haben  die  einleitung  zum  Heliand  misver- 


284  HEYNE 

standen ;  sie  hal)en  eine  l)eiläutige  erwähuung  der  fünf  weltalter  vor  Chri- 
stus dahin  aufgefasst,  dass  der  dichter  des  Heliand  diese  fünf  weltalter 
Avirklicli  poetisch  behandelt  habe. 

Nun  steht  aber  noch  die  notiz  der  prosaischen  praefatio ,  die  unab- 
hängig von  den  versus  entstanden,  gleichfalls  berichtet,  dass  der  säch- 
sische dichter  das  ganze  alte  und  neue  testaraent  in  verse  gebracht  habe. 
Um  diese  angäbe  nach  ihrer  genauigkeit  oder  ungenauigkeit  zu  prüfen, 
versucht  Windisch,  wie  uns  dünkt  mit  glück,  die  entstehung  der  prae- 
fatio  zurecht  zu  legen. 

Augenscheinlich  stand  der  Schreiber  dieser  praefatio  den  kreisen 
fern,  in  welchen  das  gedieht  entstanden  ist  (nicht  nur  dem  stamm,  son- 
dern wol  auch  schon  der  zeit  nach).  Wie  er  uns  keinen  namen  des 
dichters  zu  nennen  weiss,  so  ist  er  offenbar  ein  Nichtsachse,  denn  er 
stellt  sich  in  seinen  worten  ausdrücklich  als  fremder  dem  sächsischen 
stamme  gegenüber  (praecepit  namque  cuidam  viro  de  gente  Saxonum, 
qui  apud  suos  non  ignohilis  vates  hahehatur  etc.;  und  nocb  einmal 
am  Schlüsse:  quod  opus  tarn  lucide  famqite  eleganter  juxta  idioma 
Uli  US  linguae  composuit).  Eine  genaue  kenntnis  des  gedichts  kann 
dem  praefator  von  vornherein  nicht  zugeschrieben  werden,  weim  er  kein 
Sachse  war.  —  Was  den  Heliand  selbst  betrifft,  so  haben  wir  in  ihm  ein 
gedieht  zu  erkennen,  das  nicht,  wie  das  Otfrids,  als  moralisch  -  beleh- 
rendes auch  für  die  geistlichen  zur  benutzung  verfasst  ist,  sondern  das 
für  das  eigentliche  volk  und  wesentlich  für  mündliche  fortpflanzung  berech- 
net war.  „Dazu  war  ja  die  allitterierende  poesie  ganz  besonders  geeig- 
net, weil  sie  in  ihren  eigentümlichkeiten  dem  gedächtnisse  sehr  zu  hilfe 
kommt :  die  langzeile  merkt  sich  leicht  durch  den  Stabreim ,  der  sich  ja 
bekanntlich  an  die  Avörter  anschliesst,  welche  dem  sinne  nach  die  haupt- 
sächlichsten sind;  das  behalten  der  folgenden  zeile  aber  wird  namentlich 
dadurch  erleichtert,  dass  im  anfange  derselben  irgend  ein  synonymum 
eines  der  in  der  vorhergehenden  zeile  enthaltenen  hauptbegriffe  steht." 
Der  Heliand  war  ein  volksgedicht,  nur  für  das  volk,  nicht,  wie  der 
Otfrid,  auch  für  die  geistlichen  bestimmt,  und  „konnte  ausserhalb  der 
landstriche,  in  denen  das  volk  die  sächsische  mundart  sprach,  nur  wenig 
Verbreitung  finden,  —  So  werden  wir  es  denn  einem  grossen  zufalle 
zu  verdanken  haben ,  dass  ausser  den  beiden  Codices  auch  noch  eine  notiz 
über  den  Heliand  in  gestalt  jener  praefatio  auf  uns  gekommen  ist.  Ich 
vermute  nun,  dass  bei  irgend  welchem  anlasse  ein  codex  (vielleicht  gar 
der  Monacensis ,  warum  nicht  ?)  in  ein  fränkisches  kloster  gebracht  wurde. 
Da  der  dichter  selbst,  weil  er  ja  mir  für  das  volk  dichtete,  schwerlich 
wie  Otfrid  grosse  einleitungen  und  widmungsgedichte  beigegeljen  haben 
wird,    so  konnten  sich   die  äussern  nachrichten  über  die  entstehung  des 


ÜBER   DEN    HELIAND  285 

gedichts  nur  mündlicli  fortpflanzen.  Vor  allen  dingen  konnte  sich  die 
angäbe  sehr  wol  erhalten,  dass  Ludwig  der  Fromme  die  erste  anreguug 
zu  dem  unternehmen  des  dichters  gegeben  habe,  und  dieser  angäbe  zu 
mistrauen,  sehe  ich  nicht  den  geringsten  grund.  Als  nun  der  codex 
auswanderte,  da  konnte  sowol  diese  angäbe  mit  in  die  fremde  kommen, 
als  auch  besonders  der  bericht,  wie  herlich  das  gedieht  sei,  und  wel- 
chen anklang  dasselbe  bei  den  landsleuten  des  dichters  gefunden  habe. 
Es  konnte  also  einer ,  auch  wenn  er  kein  wort  des  werkes  selbst  gelesen 
hatte,  doch  sehr  wol  über  die  vortrefflichkeit  desselben  schreiben.  Und 
dieser  gedanke  ist  deshalb  wichtig ,  weil  wol  auch  damals  niemand ,  ohne 
mit  dem  sächsischen  dialecte  ganz  vertraut  zu  sein,  das  gedieht  wird 
ohne  mühe  haben  verstehen  können ,  so  dass  er  es  durchlas.  Denn  grade 
der  sächsische  dialect  steht  in  den  lautverhältnissen  und  im  wertschätze 
weit  von  der  mundart  des  damals  herschenden  Frankenstammes  ab  und 
berührt  sich  nahe  mit  dem  angelsächsischen.  —  Unter  solchen  Verhält- 
nissen denke  ich  mir  die  i}rac:fatio  entstanden." 

Der  kern  dieser  ausführung  ist  meines  erachtens  richtig;  über  ein- 
zelnes gestatte  mir  der  herr  Verfasser,  eine  abweichende  meinuug  kurz 
darzulegen.  Was  zunächst  das  Verhältnis  zwischen  altsächsischem  und 
altfränkischem  dialecte  betrifft,  so  muss  das  von  Windisch  gesagte  ent- 
schieden verworfen  werden.  Der  fränkische  stamm  sprach  nicht  in  einer 
znnge;  er  redete  theils  hoch  - ,  theils  mittel-,  theils  niederfränkisch.  Mit 
dem  letztern  haben  wir  es  allein  zu  thun.  Es  grenzte  westlich  an  das 
romanische  Sprachgebiet,  nördlich  an  das  friesische,  östlich  an  das  säch- 
sische, speciell  das  altwestfälische,  südlich  verlief  es  in  das  mittelfrän- 
kische. Dass  es  sich  in  den  lautverhältnissen  und  im  wertschätze  weit 
von  dem  altsächsischen  entfernt  habe ,  ist  in  dieser  allgemeinheit  nicht 
aufzustellen.  Je  weiter  man  von  Westfalen  aus  westlich  gieng,  desto 
unähnlicher  wurde  das  altniederfränkische  dem  altsächsischen ,  woraus 
denn  folgt,  dass  in  den  östlichsten  strichen  des  fränkischen  und  den 
westlichen  des  sächsischen  beide  dialecte  sich  sehr  ähnlich  gewesen  sein 
müssen.  Und  in  der  that,  wenn  man  im  9.  Jahrhundert  unweit  des  Stif- 
tes Essen  die  sächsische  grenze  beschritt,  um  in  die  grafschaft  Mark 
und  damit  auf  niederfränkisches  Sprachgebiet  zu  kommen ,  war  der  unter- 
schied zwischen  beiden  dialecten  noch  nicht  gross.  Man  hörte  hier  etwa 
uo  für  gothisches  und  altsächsisches  6  und  einige  geringere  abweichung 
in  den  vocalverhältnissen ,  über  die  ich  nachher  sprechen  werde;  der 
consonantismus  war  derselbe,  unterschiede  in  der  verbal-  und  nominalbil- 
duug  traten  wenig  zu  tage.  Auch  wüste  ich  kaum  eine  Verschiedenheit 
des  Wortschatzes  zu  nennen ,  so  weit  sich  die  Verhältnisse  jetzt  noch 
überblicken  lassen. 


286  HEYNE 

So  stand  von  dieser  seite  her  der  einwanderung  des  Heliand  in  das 
altniederfränkische  Sprachgebiet  ein  grosses  hindernis  nicht  entgegen. 
Und  wir  brauchen  die  Vermutung  Windischs  nicht,  dass  bei  irgend 
einem  anlass  ein  codex  des  Heliand  in  ein  fränkisches  kloster  gekom- 
men sei.  Wir  setzen  ihr  die  ganz  bestimmte  behauptung  entgegen: 
der  Heliand  ist  aus  dem  altsächsischen  in  jenen  altniederfränkischen 
grenzdialect  der  grafschaft  Mark  in  der  that  tibersetzt  worden,  und 
diese  Übersetzung  ist  uns  in  dem  codex  Cottonianus  bis  auf  heute  erhal- 
ten. Dieser  codex  nämlich  gewährt  uns  keinen  altsächsisclien  dialect, 
sondern  den  altniederfränkischen,  und  um  es  ganz  bestimmt  zu  bezeich- 
nen, diejenige  Spielart  des  altniederfränkischen,  Avie  sie  im  kloster 
Werden  an  der  Ruhr,  das  hart  an  die  sächsische  Sprachgrenze  stiess, 
und  dessen  Umgebung  gesprochen  wurde.  Das  will  ich  nachher  näher 
darlegen. 

Mit  der  gedachten  Übersetzung  aber  wurde  der  Heliand  dem  frän- 
kischen stamme  näher  gerückt.  Von  Werden  aus  verbreitete  sich  die 
künde  von  dem  schönen  gedichte  auch  über  andere  kloster,  die  der  säch- 
sischen grenze  ferner  lagen;  mit  ihm  zugleich  die  tradition  über  den 
Verfasser  des  gedichts  und  die  veranlassung  zu  dem  letztern.  Die  ver- 
anlassung war  für  die  Franken  von  besouderm  Interesse ,  ein  kaiser  ihres 
Stammes  hatte  sie  ja  gegeben.  Von  diesem  gesichtspunkte  aus  ist  die 
liracfatlo  zu  betrachten.  Dass  ihr  Verfasser  ein  Franke  war,  geht  daraus 
hervor,  dass  im  Vordergrund  seiner  darstellung  Ludwig  der  Fromme 
steht,  der  mehr  hervorgehoben  wird,  als  der  dichter  selbst  und  sein 
werk.  Dasselbe  wird  ungenau  beschrieben,  er  kannte  es  weiter  nicht, 
und  wenn  der  Verfasser  der  praefatio  in  einem  niederfränkischen  kloster 
weiter  entfernt  von  der  sächsischen  grenze  und  von  Werden  sass ,  so  war 
ihm  die  spräche  des  Heliand  nicht  mehr  mundgerecht.  Wiudisch  hat 
richtig  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  er  sich  selbst  als  einen  aus- 
gibt, der  jene  spräche  nicht  versteht,  es  folgt  das  aus  einem  satze  der 
praefatio:  quocl  opus  tarn  lucide  tamque  eleganter  juxta  idioma 
Uli  US  linguae  composuit,  ut  audicntihus  ac  intelligentihus  non 
mininam  sui  decoris  dulcedinem  praestet.  Wir-  dürfen  also  von  einem, 
der  nur  nach  hörensagen  von  dem  gedichte,  dessen  künde  bis  zu  ihm 
gedrungen  war,  und  der  mehr  Interesse  für  den  veranlasser  des  gedichts, 
als  für  dieses  selbst  hatte,  eine  genaue  Inhaltsangabe  des  letztern  nicht 
erwarten,  und  wenn  der  praefator  sagt,  der  dichter  habe  sein  werk 
fortgeführt  ad  finem  totius  veter is  ac  novi  testammti,  so  liegt  die  unge- 
nauigkeit  auf  der  band;  wie  hätte  ein  epischer  dichter  auch  nur  das 
ganze  neue  testament,  die  briefe  der  apostel  eingeschlossen,  in  verse 
bringen  können! 


l 


ÜBER   DEN   HELIAND  287 

Wenn  wir  indes  in  diesem  punkte  eine  von  Windisch  abweichende 
meinung  aufgestellt  haben,  so  alteriert  dies,  wie  schon  hervorgehoben, 
das  grosse  und  ganze  dieser  tüchtigen  beweisführung  nicht  im  geringsten. 
Am  Schlüsse  des  weges  treffen  wir  mit  Windisch  wieder  zusammen ,  und 
wir  können  mit  ihm ,  das  bisher  gesagte  zusammenfassend ,  den  satz  auf- 
stellen :  die  pracfatio  sowol  wie  die  versus  de  poeta  gehen  allerdings  auf 
den  Heliand.  Sie  berichten  unabhängig  von  einander  ungenaues  über  das 
gedieht ,  nach  massgabe  ihrer  eigenen  ungenügenden  kenutnis  davon ;  und 
es  lösen  sich  auf  diese  weise  die  widersprüclie ,  die  beide  quellen  gegen 
einander  haben. 

Was  die  person  des  dichters  angeht,  so  wird  uns  eine  nähere 
künde  wol  immer  fehlen.  Wir  sind  in  dieser  hinsieht  auf  das  angewie- 
sen, was  uns  die  wirklich  historischen  nachrichten  der  praefatio  (nach 
entkleidung  von  den  sagenhaften  zügen)  liefern  und  was  wir  aus  dem 
gedichte  selbst  über  ihn  entnehmen  können. 

Aus  der  praefatio  wissen  wir  nur ,  dass  der  dichter  quidam  vir  de 
gente  Saxonum  war,  qui  apud^  suos  non  ignohüis  vates  hahehatur.  Wes 
Standes,  ob  geistlicher,  ob  laie,  darüber  wird  uns  nichts  gesagt.  Win- 
disch hat  sich  für  annähme  des  letzteren  (s.  diOi)  entschieden.  Mit 
unrecht;  nach  der  ganzen  haltung  des  gedichts,  nabh  der  art  der  quel- 
lenbenutzung  zu  demselben  kann  der  Verfasser  nur  ein  geistlicher  gewe- 
sen sein ,  werauf  wir  jedoch  hier  nicht  näher  eingehen  können. 

Wir  kommen  zu  dem  theile  der  schviffc  Windischs ,  der  üiren  Schwer- 
punkt bildet,  zu  der  Untersuchung  über  die  quellen  des  Heliand.  Diese 
füllt  den  grösten  theil  des  buches  (s.  25  —  86),  aber  das  referat  darüber 
kann  sich  mit  einigen  worten  begnügen,  weil  es  nur  die  resultate  der 
Untersuchung ,  nicht  ihre  einzelheiteu ,  widerholen  kann ;  die  letzteren  bit- 
ten wir  unsere  leser  dringend,  selbst  nachzulesen.  Die  resultate  sind 
folgende:  der  dichter  legte  seinem  werke,  oft  in  freier  weise,  die  soge- 
nannte evangelienharmonie  des  Tatian  zu  gründe,  benutzte  aber  auch 
nebenbei  commentare  der  kirchenväter ,  so  namentlich  die  Eocpositio  in 
Matthaeum  des  Hrabauus  Maurus ,  die  Expositiones  zu  Marcus  und  Lucas 
des  Beda,  und  die  conimentaria  super  Johannem  des  Alcuin.  Wie  diese 
benutzuug  der  quellen  durcligeführt  ist,  zeigt  noch  einmal  zusammen- 
fassend am  Schlüsse  der  schrift  eine  ausführliche  und  recht  übersichtlich 
angelegte  tabelle. 

Aus  der  benutzung  des  Hraban  folgert  nun  Windisch  die  entste- 
hungszeit  des  gedichts.  Er  beweist,  dass  Hraban  seinen  commentar  vor 
821  nicht  vollendet  haben  könne ,  der  Heliand  könne  daher  frühestens 
erst   einige  jalire   nach    diesem  werke  unternommen  sein.     Genauer  wird 


288  HEYNE 

lue   abfassungszeit  des   gedichts   in   eins   der  zelin  Jahre  von  825  —  835 
verlegt. 

Dieser  ansieht  stellt  die  Middendorfs  gegenüber,  die  den  Heliand 
in  einem  der  ersten  regierungsjahre  Ludwigs  des  Frommen  entstanden 
sein  lässt ,  und  geneigt  ist ,  sich  die  von  diesem  kaiser  ausgegangene  anre- 
gung  zu  dem  werke  in  Verbindung  mit  dem  815  zu  Paderborn  abgehal- 
tenen reichstage  zu  denken  —  eine  ansieht,  die  auch  die  meine  ist.  Ein 
näheres  eingehen  auf  diese  frage  muss  ich  der  schrift  vorbehalten,  die 
ich  bereits  1866  bei  meiner  ausgäbe  des  Heliand  in  aussieht  stellte. 
Hier  nur  so  viel:  dass  Hrabau  seinen  commentar  vor  821  nicht  schrieb, 
kann  Middendorfs  annähme  nicht  beeinträchtigen.  Was  Hraban  hier  auf- 
zeichnet, das  hatte  er  schon  lange  vorher  in  Fulda  mündlich  gelehrt. 
Wie  wenn  nun,  worauf  manches  hinzudeuten  scheint,  der  dichter  des 
Heliand  in  der  klosterschule  zu  Fulda  unter  Hraban  gebildet  wurde  und 
seinem  mündlichen  unterrichte  das  im  gedichte  entstammt,  was  als  Hra- 
bans  eigentum  von  Windisch  nachgewiesen  ist? 


Ehe  ich  das  referat  schliesse,  will  icli  noch  einige  werte  über  das 
Verhältnis  der  beiden  Heliandhandschriften  zu  einander  bemerken. 

Wenn  wir  der  praefatio  glauben  schenken,  so  ist  der  Heliand  ein 
altsächsisches  gedieht;  altsächsisch  aber  ist  nicht  mit  altniederdeutsch 
identisch.  Nach  der  anläge  und  ausführung  der  ganzen  dichtung  ist 
der  Verfasser  ein  geistlicher.  Nach,  der  zeit ,  in  der  der  Heliand  abgefasst 
ist  (im  ersten  viertel  des  9.  Jahrhunderts)  können  wir  den  Verfasser  nur  in 
zwei  klöstern  suchen :  Münster  oder  Corve}^  Münster  war  in  den  ersten 
Jahren  des  9.  Jahrhunderts  vom  heil.  Liudger  gestiftet  worden,  die  grün- 
dung  von  Corvey  wurde  815  beschlossen  und  es  vergieng  noch  eine  zeit, 
ehe  das  kloster  ordentlich  ins  leben  trat.  Nun  haben  wir  vom  Heliand 
den  einen  codex,  den  Mouacensis,  der  uns  mit  seinem  dialecte  entschie- 
den nach  Münster  weist.  Die  sprachformen  dieses  codex  genau  nach 
dem  orte  zu  bestimmen,  dazu  gibt  uns  die  sogenannte  Freckenhorster 
heberolle  die  mittel  an  die  band.  Freckenhorst  liegt  im  Münsterlande, 
wenige  stunden  von  Münster  entfernt,  hier  wurde  noch  im  9.  Jahrhun- 
dert ein  umfängliches  Verzeichnis  der  dem  kloster  zugehörigen  gefalle  in 
sächsischer  spräche  abgefasst.  Vergleichen  wir  die  sprachformen  dieses 
deukmales  mit  denen  des  codex  Monaceusis,  so  decken  sie  sich  fast  voll- 
ständig. Der  schluss  ist  nicht  anzutasten:  wir  haben  in  dem  letzteren 
codex  ein  Münsterisches  denkmal  vor  uns. 

Der  zweite  codex  des  Heliand,  der  Cottonianus,  ist  dagegen,  wie 
ich  schon  vorhin  hervorgehoben  habe,  kein  altsächsisches,  sondern  ein 
altniederfränkisches    denkmal.      Er   entstammt    dem  kloster    Werden    an 


ÜBER   DEN   HELIAND  289 

der  Kuhr,  in  der  altniederfränkischen  grafschaft  Mark,  ebenfalls  einer 
Stiftung  des  heil.  Liudger.  Auch  für  diese  behauptung  sind  die  sprach- 
formen beweisend.  Wir  haben  aus  dem  kloster  Werden  deutsche,  ört- 
lich beglaubigte  denkmäler,  vor  allem  die  zwar  im  texte  lateinisch  abge- 
fasste ,  aber  mit  einer  menge  deutscher  eigennamen  und  manchen  andern 
deutschen  Wörtern  durchzogene  heberolle ,  von  der  ein  stück  Lacomblet 
(im  archiv  für  die  geschichte  des  Niederrheins  2,  217 — 249),  ein  ande- 
res Crecelius  (Index  honormu  et  reditimm  monasteriorum  Werdinensis 
et  Helmonstadensis.  Elberfeld  1864)  herausgab.  Aus  diesen  stücken 
können  wir  uns  nun  ein  genaues  bild,  nicht  zwar  der  Werdener  mund- 
art  überhaupt,  aber  der  Werdener  lautverhältnisse  machen;  und  auch 
hier  sehen  wir,  dass  diese  lautverhältnisse  im  Cottonianus  genau,  und 
zwar  bis  auf  einzelnheiten  genau,  widerkehren.  Ich  will  nur  einzelnes 
besonders  durchschlagendes  anführen.  Die  Werdener  mundart  hat  die 
diphthongen  altnfr.  ei,  oh  bereits  in  annäherung  an  das  sächsische,  zu 
e,  ö,  verengt ;  ebenso  der  Cottonianus.  Altnfr.  uo  schwankt ,  meist  bleibt 
es  in  der  Werdener  mundart,  manchmal  tritt  dafür  auch  6  ein,  so 
findet  sich  neben  HriioÖger  Hrötiger ,  neben  Hruoding  HröÖheri.  Das- 
selbe schwanken  auch  im  Cottonianus,  doch  eben  auch  so,  dass  uo  ent- 
schieden überwiegt:  er  schreibt  niuod,  neben  seltenem!  möd,  duont, 
doch  auch  dorn,  yespuon,  einmal  auch  gespon.  Folgende  kleine  züge 
aber  sind  besonders  sprechend.  Die  Werdener  mundart  hat  zwar  das 
altnfr.  ei,  goth.  ai ,  gewöhnlich  in  e  verengt,  daneben  doch  auch  einige 
Male  in  ä:  neben  Helger  ahd.  Heilger  steht  HälagfriÖ,  neben  jßJcasbeJci 
SiVLch.  Ac-Jiem.  Nun  sehen  wir  auch  im  Cottonianus  einigemal  dieses 
ä  =  e,  ahd.  ei  erscheinen:  1114  särag-mod  für  serag-möd,  5082  aräs 
für  ares;  neben  sken  schien  3135  steht  shm  3145.  In  der  Werdener 
mundart  erscheint  bereits  einigemal  der  umlaut  von  u  in  der  Schreibung 
/,  namentlich  im  eigennamen  Stildces  -  nurö  neben  Stuccias-uurd;  die- 
selbe erscheinung  auch  im  Cottonianus :  drillten  264  neben  driihtin, 
gefrimid  43  für  gefnmiid. 

Diese  züge ,  die  sich  ohne  mühe  vermehren  lassen ,  werden  genügen, 
um  klar  zu  machen ,  dass  der  Cottonianus  ein  Werdener  spraclideukmal 
ist.  Fällt  er  somit  der  altniederfränkischen  zunge  zu,  so  kann  er  einer 
ausgäbe  des  altsächsischen  gedichtes  nicht  zu  gründe  gelegt  wer- 
den; der  herausgeber  muss  sich  an  den  altsächsischen  codex  des  Heliand, 
den  Monacensis  halten,  wie  lückenhaft  er  auch  gegen  den  Cottonianus 
ist;  die  Kicken  muss  er  eben  durch  die  Übersetzung  (eine  solclie  ist  tliat- 
sächlich  der  Cottonianus)  ausfüllen. 

Haben  wir  auf  diese  weise  die  sprachformen  beider  Heliandhand- 
schriften  als   den   orten  Münster   und  Werden  eigentümlich  erkannt,    so 

ZT31TSCHU.    F.    UKUT8CHE    PlULOL.  19 


290  HEYNE,    ÜBER   DKN   IIKLIAND 

können  wir  auch  eine  verinutiing  wagen ,  in  welcher  weise  die  altuieder- 
fränkische  Umformung  des  altsächsischen  dichtwerkes  vor  sich  gegangen 
sei.  Münster  und  Werden  waren  Schwesterklöster,  beide  gegründet  von 
einem  manne,  dem  heiligen  Liudger;  als  schwesterklöster  standen  sie  in 
enger  Verbindung  zu  einander  und  in  Schriftentausch.  So  konnte  es  in 
Werden  nicht  verborgen  bleiben  und  nicht  ohne  Interesse  für  dasselbe 
sein ,  Avenn  in  Münster  ein  gedieht  wie  der  Heliand  entstand ,  man 
bekam  dasselbe  communiciert ,  und  um  es  auch  für  die  altniederfrän- 
kische  Umgebung  nutzbarer  zu  machen ,  um  den  niederfränkischen  bewoh- 
nern  einen  heimatlichen  eindruck  vom  gedichte  zu  geben ,  das  man  sicher 
auch  diesen  bewohnern  gegenüber  zur  festiguug  im  christentume  ver- 
wante,  schrieb  man  es  in  die  dortige  mundart  um.  Das  ist  die  ein- 
fache und  natürliche  erklärung  über  das  Verhältnis  des  Cottonianus  zum 
Monaceusis. 


Wir  scheiden  vom  Verfasser  mit  dankbaren  gefühlen.  In  den  letz- 
ten Jahren,  namentlich  seit  dem  erscheinen  meiner  Heliandausgabe ,  sind 
von  Seiten  einiger  in  glücklicher  dilettantischer  Unbefangenheit  äusserun- 
gen  über  Heliandfragen  gethan  worden,  die  einem  der  sich  in  die  altnie- 
derdeutschen Verhältnisse  etwas  eingelebt  hat,  der  sich  seine  bücher 
gründlich  vorher  überlegt,  ehe  er  sie  schreibt,  der  aber  nicht  die 
gewohnheit  hat,  alles  was  er  weiss  oder  zu  wissen  glaubt,  mit  breiter 
stimme  in  die  weit  zu  schreien,  ein  halb  mitleidiges,  halb  ärgerliches 
lächeln  ablockten.  Diesen  äusserungen  gegenüber  berührt  das  buch  Win- 
dischs  wol.  Hier  ist  treue  und  tiefe  forschung  in  liebenswürdigster  form 
geboten,  die  resultate  derselben  stehen  unseres  erachteus  im  wesent- 
lichen fest  und  man  kann  mit  grosser  ruhe  abwarten,  ob  jemand  gegen 
das  von  Windisch  gegebene  besseres  zu  leisten  im  stände  ist. 

HALLE,  IM  OCTOBER  1868.  M.  HEYNE. 


291 

DIE   ALTSÄOHSISCHE   BIBELDICHTUNG 

UND    DAS 

WESSOBRUNNER  GEBET. 

Ernst  Windiscli  hat  in  verdienstliclier  art  mit  nacliweisung  der 
quellen,  aus  denen  der  dichter  der  altsächsischen  evangelienharmonie 
geschöpft,  zugleich  die  zeit  nachgewiesen,  in  welche  wir  nun  das  gedieht 
mit  Sicherheit  zu  setzen  haben:  um  das  jähr '830.  Demgemäss  liegt, 
chronologisch  genommen,  keine  Unrichtigkeit  darin,  wenn  die  lateinische 
prosavorrede  die  Veranlassung  des  werkes  kaiser  Ludwig  dem  Frommen 
zuschreibt.  Und  so  könnte  man,  nachdem  für  den  unbekannten  Verfas- 
ser bisher  auf  den  oder  jenen  älteren  uamen  ist  geraten  worden ,  jetzt 
doppelt  leicht  auf  einen  anderen  verfallen,  der  gerade  in  diese  jahr- 
zehende  und  in  den  kreis  der  Ludwig  näher  befreundeten  gehört,  auf 
Beruold,  von  geburt  einen  Sachsen  (Ermoldus  Nig.  I,  149),  aber  bischof 
zu  Strassburg.     Denn  über  ihn  berichtet  Ermoldus  Nigellus  I,  153  fgg. : 

Sed  gens  atra  nimis,  cut  prcest  modo  frceml  honore, 

Di'vitiis  pollens ,  nescit  mnare  deum; 
Barbara  lingua  sibi  ^  scripturcs  nescia  sacrce, 

Ni  foret  antestis   ingeniosus  ei. 
Hie  poptdo  noto  scripturas  frangere  verho 

Certat  et  assidno  vomere  corda  terit; 
Interpres  quoniam  simul  atque  antestis  habetur. 

Hie  monitando  gregem  ducit  ad  astra  suum: 

Worte,  die  auf  eine  Übersetzung  der  bibel  und  zwar  so  zu  deuten  schei- 
nen, dass  die  poetische  form  nicht  ausgeschlossen  wäre.  Sie  meinen 
jedoch  nur  predigt  in  der  spräche  des  volkes:  für  die  blosse  erklärung, 
nicht  aber  die  Übersetzung  der  heiligen  schrift  wird  das  brotbrechen  auch 
anderweitig  (z.  b.  von  Otfried  III,  7,  50  fgg.)  als  bild  gebraucht,  und 
die  biblische  vergleichung  der  predigt  mit  dem  werke  des  ackermannes 
war  so  geläufig ,  dass  ein  prediger  auf  lateinisch  spermologus  oder  semi- 
niverhms  hiess  (s.  du  Gange),  ohne  den  tadelnden  sinn,  den  die  beiden 
Worte  ursprünglich  (Act.  Apost.  XVII,  18)  besitzen.  Zudem,  wenn  auch 
der  sächsische  dichter  mit  so  viel  kirchlicher  gelehrsamkeit ,  Avie  wir 
nun  alle  durch  Windisch  wissen,  seinen  stoff  handhabte,  so  war  er  doch 
von  stand  ein  laie.  Als  solchen  verrät  er  sich  immer  nocli  genugsam: 
ein  wirklich  gelehrter  hätte  z.  b.  kaum  die  hirten  auf  dem  feld  in  der 
geburtsnacht  Christi  zu  pferdehütern  gemacht  {ehusJcalJcds  EH.  388)  oder 
die  stelle,  wo  Hrabanus  die  drei  magier  succcssores  Balaams  nennt 
(Windisch,    der  Heiland  und  seine  quellen  s.  49),    so  umgedichtet,    wie 

19* 


2512  WACKERNAOEL 

IT  nun  z.  569  fgg.  thut,  oder  einen  zug,  der  sonst  nur  in  der  legende 
von  pabst  Gregor  und  anderen  heiligen  vorkommt,  auf  Christum  über- 
tragea  und  von  diesem  erzählt,  dass  der  heilige  geist  in  taubengestalt 
ihm  auf  die  achsel  gesessen  sei  (z.  988 :  vgl.  "Errea  tttsq.  s.  38).  Selbst 
die  Worte  darüber,  wie  fhena  leremid  shulmi  födean  iliat  foUcslcepi  (18G0 
fgg.),  kommen  ersichtlich  nur  aus  dem  mund  eines  fromm  dankbaren 
gemeindekindes ,  und  eben  ein  solches  so  gut  als  ein  priester  oder  mönch 
konnte  in  der  art,  wie  z.  5031  fgg.  geschieht,  auf  den  von  Petrus  ererb- 
ten primat  der  päbste  deuten.  Auch  hiezu  stimmt  widerum  die  prcs- 
fafio  und  kennzeichnet  den  dichter  als  einen  mann  aus  dem  volke ,  nicht 
aus  dem  clerus ,  und  stimmen  ebenso  die  versus  de  poeta ,  indem  sie  mit 
sagenmässiger  Umgestaltung  dasselbe  von  ihm  berichten,  was  Beda 
(bist.  eccl.  lY,  24)  von  Csedmon,  dass  er  ein  bauer  und  ursprünglich 
nicht  einmal  des  dichtens  und  singens  fähig  gewesen,  sondern  erst  durch 
ein  wunderwort  gottes  zu  solcher  kunst  und  zu  diesem  werke  sei  beru- 
fen und  befähigt  worden :  ein  bericht ,  den  die  jüngere  redaction  der 
proefatio,  so  wenig  er  auch  mit  deren  sonstigen  aussagen  vereinbar  ist, 
anhangsweise  in  sich  aufgenommen  hat. 

Wenn  nun  aber,  was  diese  zwei  hauptpunkte,  die  persönliclikeit  des 
dichters  und  die  zeit  der  abfassung ,  betrifft ,  die  prcefatio  und  die  versus 
de  poeta  der  Wahrheit  entsprechen,  weshalb  sollen  sie  in  betreff  eines 
dritten ,  des  umfanges  nämlich ,  den  das  gedieht  in  seiner  Vollständigkeit 
gehabt,  so  gänzlich  unglaubwürdig  sein  (Wiudisch  s.  12  fgg.)?  Beide 
sprechen,  obschon  wir  einstweilen  nur  noch  die  evangelienharmonie 
besitzen,  auch  von  der  bearbeitung  des  alten  testamentes.  In  der  prce- 
fatio  heisst  es:  Prceceirit  —  cuidani  viro  de  gente  Saxomim,  qui  apud 
suos  non  ignobilis  vates  hahebatur,  ut  vetus  ac  novum  testamentum  in 
Germanicam  lingiiam  poetice  transferre  studeret.  —  Igitur  a  mundi  crea- 
tione  initium  capiens  —  ad  finem  totius  veteris  ac  novi  testamenti 
interpretando  more  poetico  satis  faceta  eloquentia  perduxit.  Und  wäh- 
rend dem  gegenüber  allerdings  für  die  Zweifelsfrage  räum  bleibt,  ob  der 
Sachse  denn  wirklich  auch  die  Paulinischen  briefe  in  deutsche  allittera- 
tioneu  übertragen  habe,  drücken  sich  die  versus  nicht  so  im  grossen 
und  ganzen  aus ,  sondern  bezeichnen  als  den  zweiten ,  neutestamentlichen 
theil  der  dichtung  bloss  die  geschichte  des  herrn  von  seiner  geburt  bis 
zum  erlösungstode,  also  eben  bloss  die  evangelien: 

Cceperat  a  prima  nascentis  origine  mundi; 
Quinque  relabentis  p&rcurrens  tempora  secU, 
Venit  ad  adventum  Christi^  qui  sanguine  mundum 
Faucihus  eripuit  tetri  miseratus  Averni. 


DER   HELIAND    U.  DAS   WESSOBR.   GEBET  293 

Mögen  auch  diese  worte,  woran  übrigens  noch  zu  zweifeln  erlaubt  ist, 
in  der  art  ihrer  fassung  auf  einigen  versen  des  altsächsischen  gedichts 
beruhen  (z.  38  fgg.  Windisch  s.  14  fgg.)»  gegen  den  Sachverhalt  selbst, 
den  sie  darstellen  sollen,  ist  damit  nichts  bewiesen. 

Wende  man  nicht  (Windisch  s.  18)  gegen  solch  ein  doppelzeugnis 
ein,  das  alte  testament,  die  geschichte  der  Juden,  wäre  für  die  Sachsen 
nicht  geeignet  gewesen.  Warum  für  sie  dasselbe  ungeeignet,  was  doch 
Ulphilas  für  seine  Gothen,  was  auch  die  angelsächsichen  dichter  für  ihre 
leser  und  hörer  durften  geeignet  achten  ?  Wie  bestimmend  aber  in  Alt- 
sachsenland der  Vorgang  und  das  vorbild  der  Angelsachsen  wirkte,  zeigt 
uns  die  evangelieuharmonie  auf  jeder  seite;  hauptsächlich  Werden,  die 
Stiftung  S.  Liudgers,  mochte  diese  einwirkung  vermitteln,  dasselbe  klo- 
ster,  woher  auch,  wie  es  scheint  (Heyne,  Altniederd.  denkm.  II,  IX), 
die  psalmenübersetzung  und  erkläruug  rührte,  die  nicht  viel  jünger  als 
die  evangelieudichtung  ist.  Natürlich,  das  ganze  alte  testament  war 
nicht  in  verse  zu  bringen:  hier  konnte  es  nur,  ähnlich  dem  verfahren 
Csedmons,  eine  auswahl  gelten,  die  bei  dem  episch  anziehendsten,  dem 
typisch  bedeutungsvollsten  blieb  und  somit  noch  vieles  mehr  und  mit 
noch  gewisserer  befugnis  übersprang ,  als  das  in  der  evangelieuharmonie 
geschah.  Juxta  historice  veritatem  ([iKjeque  excellentiora  summatim  decer- 
pens  et  interdum  qiicedam,  uhi  commodum  duxit,  mystlco  sensu  depin- 
gens  sagt  die  praefatio,  und  über  Caedmons  dichtung  Beda  a.  a.  o.  Cane- 
hat  autem  de  creatione  mundi  et  origine  humani  generis  et  tota  genesis 
Tiistoria,  de  egressu  Israel  ex  Aegypto  et  ingressu  in  terram  repromis- 
sionis,  de  aliis  plurimis  sacrce  scripturce  liistoriis,  de  incarnatione 
dominica  u.  s.  w. 

Den  Verfassern  der  prcefatio  und  der  versus  de  poeta  hat  neben 
der  evangelieuharmonie  und  mit  dieser  verbunden  auch  ein  alttestament- 
liches  gedieht  auf  sächsisch  vorgelegen:  wenn  wir  das  vereinte  zeugnis 
beider  in  so  räum  gebender  art  auffassen,  so  bleibt  kein  recht  mehr  an 
dessen  Zuverlässigkeit  zu  zweifeln,  und  einzig  darin  liegt  ein  Irrtum, 
dass  beide ,  das  alte  testament  und  das  leben  Jesu ,  von  einem  und  dem- 
selben sollen  bearbeitet  sein.  Denn  so  viel  müssen  wir  zugeben,  der 
dichter  dieser  evangelieuharmonie  kann  nicht  auch  den  vorderen  theil  der 
heiligen  schrift  gedichtet  haben:  wie  er  z.  38  fgg.  von  der  Schöpfung 
der  weit  und  von  den  weltaltern  spricht,  deren  abgrenzung  aus  der 
geschichte  des  alten  testaments  entnommen  ist,  weist  er  wol  ganz  all- 
gemein auf  dessen  Inhalt  zurück,  nicht  aber  so,  dass  eine  anknüpfung 
darin  läge,  eine  fortsetzung  damit  bezeichnet ,  ja  irgendwie  nur  angedeu- 
tet würde ,  es  gebe  bereits  ein  solches  gedieht  und  er  kenne  dasselbe ; 
aus   seiner   eigenen  feder  konnte  ein  solches,  um  so  weniger  geflossen 


294  WACKÜRNAGEL 

sein,  als  ihm  dann  jener  Verstoss  mit  Bileam  vAim  beispiel  nicht  begeg- 
jiet  wäre.  Das  alte  testament  Avar  die  arbeit  eines  andern:  erwägt  man 
aber ,  welche  ähnlichkeit  mit  der  evangelieuharmonie  ihm  der  alles  gleich 
bewaltende  stil  der  allitterationsdichtung  verleihen  muste,  so  wird  es 
begreiflich  und  mehr  als  verzeihlich,  dass  ein  fremder  dritter,  der  beide 
hälften  dieses  bibelwerkes  in  Einem  bände  zusammen  fand,  sie  beide  für 
das  werk  eines  einzigen  ansah  und  nun  auch  von  der  vorderen  meinte, 
sie  sei,  wie  er  das  eigentlich  nur  von  der  zweiten  wüste,  unter  Ludwig 
dem  Frommen  und  auf  dessen  geheiss  gedichtet  worden. 

Sie  war  jedoch  um  einiges  früher  abgefasst.  Irre  ich  nämlich  nicht 
(aber  ich  hege  die  ansieht  schon  seit  längerem  und  habe  sie  „erdauern" 
können),  so  besitzen  wir  einen  Überrest  dieses  sonst  verlorenen  teiles 
der  dichtung  noch,  den  anfang  derselben,  zwar  in  hochdeutsch  umge- 
schrieben, aber  zug  für  zug  noch  mit  voller  erkennbarkeit  des  unhoch- 
deutschen  grundes.  Ich  meine  die  verse,  die  in  dem  sogenannten  Wes- 
sobrunner  gebet  vor  den  in  prosa  gebrachten  bittworten  stehn,  in  der 
handschrift  die  elf  ersten  zeilen  und  den  anfang  der  zwölften.  Sie  lau- 
ten nach  dem  neuesten  und  besten  facsimile,  das  wir  haben,  dem  von 
Gessert  in  Naumanns  Serapeum  II  (1841),  8, 

Dat  gafregin  ili  mit  firahim 
firi  uuizzo  meista.     Dat  ero  ni 
mias.    noh  uf  himil.    nah  paum 
noh  pereg  muuas.     ninoTiheinig 
5     noh  sunna  nistein.     noh  memo 
nilmhta.     noh  der  marqo  seo. 
Do  dar  niuuiht  niuuas  enteo 
ni  uuenteo.     enti  do  uuas  der  eino 
al  mahtico  cot.     manno  miltisto. 
10     enti  dar  uuarun  auh  manake  mit 
inan.     cootlihhe  geista.     enti  cot 
heilac. 

Die  handschrift  ist  vom  jähr  814  (Gessert  s.  6):  die  aufzeichnung 
des  bruchstückes  fällt  somit  in  eine  zeit,  die  der  evangelienharmouie 
um  mindestens  zwei  jahrzehende  vorangeht,  in  der  aber  doch  altsäch- 
sische bibeldichtung ,  durch  einen  mann  etwa  wie  jenen  Bernold,  quem 
Carohis  sapiens  —  dodrince  studiis  imhuit  atque  fide  (Erm.  Nig.  I,  147), 
bereits  wol  denkbar  und  angelsächsischer  einfluss  auf  dieselbe  doppelt 
erklärlich  ist.  Ich  gewahre  aber  solchen ,  ganz  abgesehen  von  einer 
eigenheit  bloss  der  ausspräche,  öem gafregin  z.  1 ,  das  näher  bei  angelsäch- 
sischem gefrägn  als  bei  altsächsischem  gifragn  liegt,  namentlich  in  dem 


DER   HELIAND   ü.    DAS   WESSOBR.   GEBET  295 

ausdrucke  geista  z.  11 ,  der  wol  den  Angelsachsen,  niemals  ab^r  dem  dich- 
ter der  evangelienhavmonie  so  viel  als  engel  bedeutet,  und  diese  bedeu- 
tung  kann  hier  allein  doch  gelten.  Bei  einigem  andern,  das  man  geneigt 
sein  könnte  ebenso  aufzufassen,  geschähe  das  nicht  mit  der  gleichen 
berechtigung ;  noch  Aveniger  wäre  es  gestattet  das  bruchstück  ganz  und 
unmittelbar  auf  angelsächsischen  Ursprung  zurück  zu  führen:  solch  einer 
vorläge  gegenüber  würde  die  hochdeutsche  Umschreibung  wesentlich  anders 
ausgefallen  sein ,  wir  würden  da  z.  b.  gleich  in  der  ersten  zeile  kein  fira- 
him  lesen. 

Die  verse  bilden,  weit  davon  entfernt  so,  wie  einst  die  brüder 
Grimm  und  Massmann  gemeint,  noch  heidnisch  zu  sein,  den  eingang.  zu 
einer  Schöpfungsgeschichte  auf  grund  der  bibel;  sie  schildern  das  nichts, 
das,  während  nur  noch  der  einzige  gott  mit  seinen  engein  da  war,  der 
weit  vorangegangen,  und  schildern  es  so,  dass  darauf  die  Schöpfung  sel- 
ber muste  erzählt  werden.  Denn  es  wird  schritt  für  schritt  fast  eben 
das  alles  und  in  eben  derselben  ]-eihenfolge  als  noch  unvorhanden  auf- 
geführt, was  nachher  ein  tag  der  Schöpfung  nach  dem  andern  bringen 
soll,  und  nur  die  Stellung,  welche  das  meer  erhält,  weicht  erheblicher 
von  der  Genesis  ab.  Hier  (z.  6)  wird  damit,  dichterisch,  malerisch,  der 
schluss  gemacht:  zuletzt  nach  allem  sieht  man  das  gröste,  das  es  hie- 
nieden  gibt,  die  weite  fläche  der  see,  die  gebirge  und  himmel  wider- 
spiegelt und  in  sonnen-  und  mondschein  leuchtet  und  wie  der  mond. 
Noh  memo  ni  liulita  noli  der  märco  seo ,  es  ist  das  kein  zeugma  wie  dort 
in  der  verwanten  stelle  Otfrieds  II,  1 ,  36  So  ivaz,  so  liimil  fuarit  joh 
erdim  ouh  hiruarit  joh  in  sewe  ubar  dl,  got  deta^  tJmruh  inan  al :  das 
Abecederium  Nordmannorum  sagt  ja  ebenfalls  lagii  the  leolito.  Der 
märeo  seo ,  das  herrliche ,  das  gewaltige  meer :  auch  der  geist  des  Sach- 
sen, der  die  evangelienharmonie  gedichtet,  hat  dieses  bild  mit  heimat- 
licher Vorliebe  in  sich  aufgenommen:  er  hebt  sich  auf  die  höhe  seiner 
kunst,  wo  es  seeschifffahrt  und  seesturm  zu  schildern  gilt  (2233  fgg. 
2907  fgg.),  und  das  salz  des  evangeliums,  das  die  menschen  zertre- 
ten (Matth.  V,  13),  liegt  ilmi  am  gestade  des  meers,  im  ufersande: 
z.  1370.   1373. 

Aber  auch  ohne  dass  wir  die  voraussieht  auf  die  Schöpfungsge- 
schichte ,  die  noch  folgen  sollte ,  mit  in  anschlag  bringen ,  ist  das  geord- 
nete gleichniass ,  womit  der  dichter  unserer  verse  auf  die  weit  hin  blickt, 
nicht  zu  verkennen.  Zuerst  die  zwei  hauptbegriffe  ero  und  üpiimil,  dann 
dem  ero  entsprechend  pmim  und  joercg ,  dem  lifJdiiiU  aber  simna  und  memo. 
Diese  gliederung  ist  so  einleuchtend  und  natürlich,  dass  Grein  gewiss 
gefehlt  hat,  indem  er  (Pfeiflers  Germania  X,  310)  hinter  noh  paumnoh 
pereg  ergänzen  wollte  noh  pulga  d.  i.  woge ,  und  dann  7ii  sand  nohheinig. 


296  WACKERNAGEL 

Wol  mag  es  aucli  iii  der  Völu  spa  heissen  (str,  3)  vara  sandr  nr  sa'.r 
tie  svalar  unnir:  aber  was  da  zusammensteht,  gehört  auch  von  uatur 
wegen  so  zusammen,  ufersand  und  see  und  kühle  wogen;  wie  jedoch 
passt  die  woge  zu  bäum  und  berg  und  der  sand  zu  sonne  und  mond, 
und  das  meer  erst  später?  Es  ist,  damit  der  vers  sich  fülle,  ein  ande- 
res wort  vor  smuia  und  Diaiio  einzuschalten:  wir  werden  nachher  erör- 
tern, welches;  und  allerdings  wird,  gleichfalls  um  des  Versbaues  willen, 
auch  zwischen  paum  und  pereg  noch  ein  wort  verlangt.  Sonst  zwar  und 
der  Sache  nach  sind  schon  diese  zwei,  ja  schon  eines  davon  ist  genug 
um  den  begriff  der  erde  zu  vertreten  oder  ihn  doch  mehr  zu  veranschau- 
lichen. Die  berge,  oder  berge  und  hügel,  oder  berg  und  thal  in  der  latei- 
nischen redensart  maria  montesque  poUiceri  (Sal.  Catil.  23);  im  Oren- 
del  344o  ein  hvrre  über  herc  unde  tal,  über  wa^^er  und  luft  über  al; 
in  den  Sprüchen  Salomonis  VIII,  25  flg.  (berge  —  hügel  —  erde);  in 
Cynevulfs  Christ  968  eordhan  mld  hire  beorgum  and  upheofon  torJdne 
mid  Ins  timglum.  Die  bäume ,  oder  mit  einer  besonderung ,  die  noch 
stärker  versinnlicht,  die  eiche,  oder  malerischer  laub  und  gras  in  der 
Offenb.  VII,  1,  3  (erde  —  meer  —  bäum)  und  VIII,  7  (erde  —  bäume  — 
gras);  bei  Tibull  I,  4,  65  dum  robora  fellus ,  dum  ccelum  Stellas,  dum 
vehet  amnis  aquas;  im  Freiberger  stadtrecht  194  den  vride,  den  der 
heiser  geboten  hat,  di  vursten  gelobit  haben,  die  lantherren  gesivorn 
haben,  daz,  he  den  stete  ivolle  halden,  di  tvile  eiche  unde  erde  stet;  in 
Richthofens  fries.  rechtsquellen  46,  31  und  47,  15  (von  einem  begra- 
benen) under  rlce  and  ander  erthe;  in  einem  judeneide  der  Görlitzer 
handschrift  des  weichbildrechtes  (glosse  zu  art.  133)  das,  dich  got  sehende, 
der  hymel  und  erde  gescliaffln  hot  und  dorczu  laup  und  gra$;  in  dem 
judeneide  von  Erfurt  (leseb.  I,  317)  der  got,  der  himel  unde  erdin 
gescüf,  loub,  hlümen  unde  gras,  des  da  vore  nine  ivas;  ähnlich  in  ande- 
ren-dergleichen  stücken.  Beide  endlich,  berg  und  bäum,  oder  berg  und 
wald  u.  s.  f.  zusammen ,  in  dem  althochdeutschen  gedieht  vom  jüngsten 
tage  (leseb.  I,  78)  so  daz,  J^liases  pluot  in  erda  Mtriufd,  so  inprinnant 
die  pergä,  poum  ni  lästentit  einte  in  er  du;  im  K.  Ruther  4404  beide 
berc  unde  tvalt  sciif  her  und  die  lüfte;  in  dem  judeneide  des  Schwäbi- 
schen landrech ts  215  der  got,  der  da  geschtiof  himel  unde  erde,  tal 
unde  berge,  ivalt,  loup  unde  gras;  in  anderen  mit  verrückungen,  die 
theils  durch  den  reim,  theils  dadurch  veranlasst  sind,  dass  man  meinte 
neben  der  erde  noch  die  übrigen  elemente  eigens  bezeichnen  zu  sollen: 
so  in  dem  einer  Strassburger  handschrift  (Johanniterbibl.  A  94)  so  dir 
helfe  der  got,  der  beschuof  himel  unde  erde,  tal  unde  berge,  alse  du 
reht  habest,  der  got,  der  beschuof  luft  tinde  tuft,  loup  unde  gras,  des, 
t  niut  enwas,   und  dem,    der  in  der  Berliner  handschrift   des  Sachsen- 


DER   HELIAND   V.   DAS   WESSOBR.    GEBET  297 

spiegeis  von  1369  hiuter  der  vorrede  zum  landrecht  steht,  Dat  dl  god 
so  helpe,  de  selve  god,  de  dar  liet  iverden  unde  geschüp  liemel  unde 
erde ,  hercli  unde  dal ,  vür ,  ivater  unde  luft ,  lof  unde  gras ,  unde  dar  to 
alle  ding.  Unmittelbar  aber  hinter  der  angeführten  althochdeutschen 
stelle  heisst  es  weiter  stein  ni  Jcistentit,  und  dies  und  kein  anderes  wort 
denn  wird  es  auch  sein,  das  in  unserem  bruchstück  zwischen  dem  bäume 
und  dem  berge  fehlt :  noh  paum  noh  stein  noh  pereg  ni  uuas.  So  ver- 
bindet auch  die  evaugelienharmouie  z.  3118  strn  endi  hcrg ,  und  die  Völu 
spä ,  wo  sie  zuerst  von  der  weltschöpfung ,  dann  aber  (eben  wie  dort  die 
Offenbarung  Johanuis  und  der  althochdeutsche  dichter)  von  dem  abschlies- 
senden gegenbilde  derselben,  dem  Weltuntergänge,  spricht,  hat  str.  4  die 
Zeilen  sol  skein  sunnan  ä  salar  steina:  pä  var  grund  groin  groenum 
lauM,  dann  str.  51  griotbiörg  gnata  und  52  stynja  dvergar  fgr  stein- 
durum  vegghergs  visir.  Uebrigeus  ist  das  noh  stein  (auf  sächsisch 
mochte  es  eher  nl  stcn  heissen)  doch  vielleicht  nicht  ganz  ohne  spur 
verloren  gegangen:  es  scheint  dem  Schreiber  noch  im  sinne  zu  liegen, 
wenn  er  gleich  nachher  z.  5  nistein  für  niscein  setzt. 

Ein  eingang  also  zu  der  geschichte  der  Schöpfung,  auf  die  noch, 
wo  man  das  gedieht  vollständig  las,  diese  selber  folgte.  Und  da  kaum 
denkbar  ist,  es  werde  jemand  bloss  die  Schöpfung  gedichtet,  nicht  aber 
weiter  in  dem  buche  der  genesis  und  so  fort  gelesen  und  das  gelesene 
deutsch  umschrieben  haben,  so  besitzen  wir  in  diesen  versen  zugleich 
den  ersten  eingang  einer  Übertragung  des  ganzen  alten  testamentes ,  zum 
mindesten  doch  dessen  hervortretendsten  theileu  nach. 

Hiebei  müssen  wir  dahin  gestellt  sein  lassen ,  ob  dem  Schreiber  zu 
Wessobrunn  die  ganze  dichtung  oder  bloss  dieser  abschnitt  derselben 
zugegangen  sei:  ob  aber  schriftlich  oder  durcli  mündliche  mittheilung, 
darüber  kann  weniger  zweifei  walten :  mehr  als  einer  der  fehler ,  die  er 
macht,  und  darunter  ein  hauptfehler,  ist  nur  aus  dem  ersteren  wege  zu 
erklären. 

Und  es  gieng  ihm  von  dem  Verfasser  selber  zu ,  wie  das  wort  zeigt, 
das  er  über  seine  abschrift  setzt.  De  poeta.  Denn  ich  wage  doch  kaum 
zu  vermuten ,  er  habe  etwa  zuerst  jene  Versus  de  poeta  widergeben  wol- 
len, es  seien  also  dieselben  schon  damals,  schon  im  jähre  814,  vorhan- 
den gewesen ,  und  was  sie  erzählen ,  habe  ursprünglich  nur  auf  den  dich- 
ter des  alten  testamentes  bezug  gehabt.  Alsdann  müsten  sie  ursprüng- 
lich auch  mit  z.  30  geendigt  haben  und  die  vier ,  welche  jetzt  noch  fol- 
gen ,  ein  jüngerer  zusatz  sein :  allerdings  wol  möglich  bei  diesem  gedichte, 
das  im  eingange  zwar  auf  das  breiteste  angelegt  ist ,  dann  jedoch  immer 
schmäler  und  kürzer  zusammenschrumpft. 


2il8  WACKEBNAGKL 

Ich  halte  nunmehr  zu  beweisen,  dass  der  poeta,  von  welchem  der 
Wessobrumier  mönch  das  deutsche  gedieht  oder  gedichtstück  erhalten, 
kein  näherer  landsmann  desselben,  dass  er  kein  Oberdeutscher,  sondern 
ein  Sachse  gewesen  sei.  Und  es  ist  nicht  schwierig  das  darzuthun:  so 
vieles  kommt  in  diesen  wenigen  zeilen  vor,  das  entscliieden  sächsisch,  den 
oberen  mundarten  aber  und  ihrer  dichtung  fremd  ist,  und  ebenso  ist 
einer  der  stärkeren  mängel,  die  der  Schreiber  verschuldet  hat,  nur  dann 
wider  gut  zu  macheu,  wenn  man  die  hilfe  in  der  spräche  der  Sach- 
sen sucht. 

Eine  Vorbemerkung,  die  hier  notwendig  ist,  kann  ich  gleich  an 
das  erste  wort  anknüpfen.  Die  Angelsachsen,  welche  die  abrenuntiatio 
diaboli  und  die  zweite  der  Basler  arzeneivorschriften  (leseb.  1,  19  u.  56) 
aufgesetzt ,  folgten  hochdeutschen  vorlagen  und  hielten ,  da  es  ihnen  weder 
auf  durchgreifende  Übertragung  derselben  in  die  eigene  mundart  noch 
auf  genaues  abschreiben  ankam  noch  anzukommen  ])rauchte ,  je  nach 
Zufall  die  hochdeutschen  worte  und  laute  und  flexionen  fest,  z.  b.  for- 
sachistu,  gotes,  theils  brachten  sie  ihre  angelsächsischen  mit  hinein,  z.  b. 
alliim,  and,  theils  und  noch  mehr  goriethen  sie  in  eine  mischung  bei- 
der, z.  b.  gcnotas.  Dasselbe  Verhältnis  in  dem  von  einem  Sachsen  ge- 
schriebenen Hildebrandsliede :  ih,  dlicd,  Seggen,  urJicttun  (leseb.  55,  22 
fg.)  sind  ihm  sächsisch  geworden,  mitten  darunter  jedoch  sind  gihorta 
und  das  reflexivum  oder  reciprocum  sih,  beide  nur  hochdeutsch,  stehen 
geblieben,  oder  weiterhin  (59,  22)  reccheo,  mitteninue  zwischen  ncAe  und 
wurti,  allitterierend  auf  das  erstere  und  nicht  in  tvreJckeo  verändert. 
Umstände  ganz  anderer  art  und  darum  auch  ein  ganz  andres  verfahren 
zeigen  sich  uns  bei  dem  mönche  von  Wessobrunn.  Da  er  die  verse ,  die 
er  aus  sächsischer  band  empfangen,  einem  hochdeutschen  gebet  als  ein- 
leitung  und  begründung  wollte  vorangehn  lassen,  muste  er  sie  in 
sprachlichen  einklang  mit  dem  letzteren  bringen :  er  setzte  deshalb ,  wenn 
er  auch  sonst  kaum  ii-gendwo  und  irgendwie  absichtlich  änderte,  wenn 
er  auch  nicht  gemeint  war  die  ihm  überlieferten  worte  umzutauschen, 
doch  deren  form,  die  laute,  die  flexionen,  durchweg  in  die  ihm  selbst 
gewohnten  um,  und  es  war  wenigstens  nicht  die  schuld  seines  willens, 
dass  ihm  das  nicht  überall  gleich  gut  gelang.  Darum,  mag  jener  Angel- 
sachse auch  unangelsächsisch  mit  Forsachistu  beginnen,  dürfen  wii'  das 
wort,  das  hier  den  beginn  macht  und  in  der  zweiten  zeile  widerkehi-t, 
wir  dürfen  dat  nicht  ebenso  für  unhochdeutsch,  nicht  für  ein  gemisch 
aus  hochdeutschem  dn^  und  sächsischem  tJiat  ansehen.  Zwar  heisst  es 
inmitten  der  beiden  dat  mit  hochdeutschem  0-laut  firiuui0.?o  \md  in  der 
nachfolgenden  prosa  dreimal  za:  man  beachte  jedoch,  es  ist  ein  anderes 


DER  HELIAND   U.    DAS   WESSOBR.    GEBET 


299 


0,  das  so  wie  sonst  im  hochdeutschen  angewendet,  und  ein  andres,  an 
dessen. stelle  der  ursprüngliche  ^-laut  unverschohen  behauptet  wird ,  und 
so  gut  Alamannen  und  Baiern  des  zwölften ,  dreizehnten  Jahrhunderts  hie 
und  da  noch  l)ei  dem  letzteren  bleiben  {satte  und  gesät  sind  organischer 
weise  nur  so  viel  als  setzte,  gesagt,  nicht  aber  aus  saste,  gesast  entstan- 
den), ebenso  gut  lässt  sich  dasselbe  in  bairischer  mundart  um  das  jähr 
800  und  da  noch  mit  vollerem  gleichmass  durchgeführt  denken.  Später 
in  Schriften  des  mittleren  Deutschlands  finden  wir  neben  sonst  beständig 
gebrauchtem  t,  gleichwol  noch  mit  t  das  pronomen  dit  und  überall  und  von 
anfang  an  worte  wie  hate,  pittar ,  lotar ,  hlütar  u.  dgl. ,  die  ebenfalls, 
wenn  sie  ganz  mit  der  übrigen  spräche  gegangen  wären,  ein  i^  haben 
müsten. 

Bat  also  wollen  wir  nicht  für  sächsisch  ansprechen ,  wol  aber 
gafregin,  das  hochdeutsch  genommen  ein  unwort  ist;  wäre  auch  wirk- 
lich dem  gothischen  gafraihnan  axovsiv  ein  hochdeutsches  gafreganan 
nachgefolgt,  gafregin  müste  alsdann  in  doppelt  befremdlicher  weise  für 
gafreganu  gesetzt  sein.  Es  ist  aber  gar  nicht  als  solch  ein  verdorbenes 
praesens  aufzufassen,  sondern  lediglich  als  herübernahme  jenes  aorists 
gifragn  gefrägn,  mit  welchem  die  sächsische  und  angelsächsische  epik 
auch  da ,  wo  sie  geistlichen  stoff  aus  doch  geschriebenen  quellen  schöpft, 
die  einzelnen  glieder  der  dichtung  anzuheben  und  so  von  vorn  her- 
ein und  immer  aufs  neue  die  glaubwürdigkeit  des  erzählten  zu  bekräf- 
tigen liebt:  die  entsprechende  hochdeutsche  formel  wird  mit  dem  Zeit- 
worte hören  gebildet,  das  den  Sachsen  in  dieser  anwendung  fremd 
ist.  Gefrägnic,  ik  gifragn,  jenes  erscheint  regelmässig  mit  vorange- 
hendem thä,  dieses  mit  thär  oder  tho  oder  so  verbunden:  in  unserm 
gedichte  von  der  Schöpfung,  das  noch  nicht  rückwärts  deuten  und 
anknüpfen  konnte,  war  keine  dieser  partikeln  brauchbar,  sondern  einzig 
ein  vorwärts  deutendes  dat.  Man  könnte  damit  den  eiugang  des  Hilde- 
brandsliedes zusammenstellen,  Ik  gilwrta  dhat  seggen:  aber //(»rew  nimmt 
ebenso  wol,  wenn  es  weit  innerhalb  einer  dichtung  steht,  dies  pronomen 
zu  sich:  da^  liortilt,  ralihon  diu  tveroltrehtwison  leseb.  I,  77,  38.  End- 
lich noch,  wenn  der  Wessobrunner  gafregin  schreibt,  so  muss  er  das 
wort  auch  gelegentlich  und  zwar  auf  angelsächsisch  haben  aussprechen 
hören,  mit  der  brechung  gefrägn:  er  macht  sich  daraus  einen  durch  i 
begründeten  umlaut  e. 

Die  altsächsische  evangelienharmonie  braucht  von  einem  substan- 
tivum,  dessen  nominativ  der  einzahl,  falls  er  vorkam,  nur  firih  lauten 
konnte ,  oft  widerholt  den  pluralischen  genitiv  und  dativ  firiho  oder  friö, 
firlhun  firihon  firion ,  letzteren  namentlicli  in  dem  ausdrucke  7nid  firi- 
hun  unter  den  menschen ,  wie  es  anderswo  mid  mannun  heisst  und  mid 


.'{(H)  WACKERNAGKL 

cldnoi:  aucli  das  angelsäclisisclie  keimt,  zugleich  mit  beständiger  abwer- 
fuug  der  bildungssilbe ,  mir  den  pluralis /?ras  u.  s.  w.  Die  althochdeut- 
schen quellen  aber  bieten  das  wort  im  ganzen  nur  zweimal,  viriJw  leseb. 
79,  2  (die  handschrift  mit  Verteilung  in  zwei  Zeilen  ur  \  ho)  und  fircö 
57,  13.  Denn  verschieden  von  diesem  masculinum,  obwol  damit  ver- 
want,  ist  das  neutrum  firihi:  smala  firiJu  oder  zusammengesetzt  smala- 
ftrihi  die  Verdeutschung  von  vnlgus  (sprachsch.  III,  68:5).  Dies  letztere 
nun  mag  dem  Wessobrunner  bei  seinem  firaliim  in  den  sinn  gekommen 
sein:  es  wäre  das  ein  dat.  plur.  der  art  wie  nessin,  imz,in  u.  dgl.  im 
Ammonius,  Wie  ungehörig  aber  hier,  ja  wie  unmöglich  ein  plural  von 
diesem  worte,  und  wie  entstellt  dasselbe  zugleich  mit  seinem  ah  für  ih! 
Es  hat  eben  auch  noch  ferah  mit  herein  gespielt.  Sichtlich  hatte  hier 
der  Schreiber  ein  wort  vor  sich,  das  er  nicht  kannte,  nicht  verstand  und 
darum  auch  nicht  einmal  recht  las,  eben  jenes  altsächsische  firihim. 

Z.  2.  firi  uuigzo.  Im  Althochdeutschen  giel)t  es  nur  ein  mit  i 
gebildetes  firiwizsi ,  welches  als  neutrum  belegt,  indess  auch  als  femini- 
num,  mit  langem  T,  avoI  denkbar  ist.  Altsächsisch  aber  heisst  es  ^n^<'i^, 
ein  neutrum  wie  das  angelsächsische  ftjrvd.  Auch  an  unserer  stelle  ist 
nur  der  genitiv  plur.  solch  einer  kürzeren  neutralform  anzunehmen ,  nicht 
zwar  wegen  des  neutralen  tneista:  denn  auch  mit  genitiven  andern 
geschlechtes  kann  ein  neutraler  Superlativ  verbunden  werden,  man  fasst 
ihn  dann  selber  als  ein  substantivum  auf:  manno  Uohosta  Otfr.  I,  22 ,  43. 
tödö  ivirsesta  Notk.  ps.  XXXIII,  22.  ivüleönö  mcsta  EH.  60^.  4026. 
5927,  giimonö  hetsta  24:32.  3685.  5489,  Avomit  auch  furista ,  ohne  einen 
derartigen  genitiv  dabei  und  doch  von  männlichen  personen  gebraucht 
(Otfr.  lY,  16,  24.  Ammon.  XCIV,  3.  EH.  3556),  zu  vergleichen  ist; 
und  so  durfte  selbst  dann,  wenn  firnvizzi  weiblich  war,  ganz  wol  dane- 
ben -das  neutrum  meista  stehn.  Aber  in  der  mundart  eines  mannes,  der 
enUo  und  iventeö  flectierte  (z.  7.  8),  hätte  dieser  casus  auch  von  firi- 
wizzi,  gleich  viel  ob  das  ein  femiuinum  oder  neutrum,  firiiviszed  lau- 
ten müssen.  Er  schreibt  firimdzso,  weil  er  in  seiner  vorläge  firimiitto 
las.  Und  zwar  hat  das  wort  hier  noch  die  Aollere  bedeutung  wunder: 
die  evangelienharmonie  verwendet  es  bereits  mit  derselben  abschwächung 
vde  Otfried  sein  firiivizsi,  wie  aber  auch  ivuntar  als  einen  ausdruck 
gleichsam  unpersönlicher  art:  üs  (dat.)  is  thcs  firkvit  mihil  wir  möchten 
das  gerne  hören  EH.  4294 ;  thio  armiUchün  wizsi  was  thes  thö  firi- 
tvizzi,  was  si  es  ivuntar  thräfo  joh  frägchm  tJierö  dato  Otfr.  III,  20,  41. 

Ero  hat  sich  bisher  weder  sächsisch  noch  hochdeutsch  irgend  sonst 
gezeigt;  im  anfange  des  prosagebetes  steht  erda.  Gleichwol  halte  ich 
das  wort  für  keinen  fehler,  nicht  dass  ich  es,    Avie  im  mhd.  Avörterb.  I, 


DER  HELIÄND   ü.    DAS   WESSOBR.   GEBET  301 

50  a  geschieht,  mit  dem  ere  d.  i.  ackerland  der  bücher  Mose  (Fundgr. 
II,  74,  14)  oder  wie  Schmeller  II,  236  mit  der  glosse  solum  liero  in 
Verbindung  brächte:  denn  jenes  ere  ist  ein  femininum  und  sein  e  aus  a 
umgelautet,  miit  hero  aber  ist,  worauf  bereits  Graff  hindeutet  (sprachsch. 
IV,  999),  unzweifelhaft  herd  gemeint:  sondern  weil  die  partikeln  ioner 
und  nioner  nur  dann  etymologisch  zu  verstehen  sind,  wenn  man  so  wie 
Jac.  Grimm  (gramm.  III,  221)  sie  auf  ein  älteres  to  in  erii,  nco  in  eni 
zurückführt. 

Z.  3.  uf  hiniil.  Das  althochdeutsche  kennt  die  partikel  üf  nur  in 
dem  sinne  der  richtuDg  und  bewegung  und  hat  demgemäss  auch  keine 
Zusammensetzung ,  in  welcher  dieselbe  ein  verweilen  am  ort  bezeichnete. 
Wol  aber  so  die  sächsischen  sprachen  und  die  des  nordeus.  Wie  da, 
im  angelsächsischen,  up  zugleich  so  viel  als  oben  ist,  erscheint  es  mit 
eben  dieser  bedeutung  in  mehr  als  einem  compositum,  z.  b.  altnordisch 
iippkeim,  altsächsisch  upöd,  angelsächsisch  upengel ,  upli/ft,  uprodor; 
erst  daher  wiixl  dem  althochdeutschen  sein  einziges  wort  der  art,  itflih, 
die  Übersetzung  von  supernus,  suhlimis,  gekommen  sein:  angelsächsisch 
uplic.  Das  hauptbeispiel  aber  ist  der  sinnlicher  belebte  ausdruck  für 
himmel,  angelsächsisch  upheofon,  altnordisch  uppliimin,  altsächsisch 
uphimil:  eorde  and  upkeofen  ps.  CI,  22.  iörd  nr  upphiminn  Völu 
spä  3.  erda  endi  upJiimil  EH.  2887.  Hieraus  denn  ist  das  wesso- 
brunnische  iifhimil  einfach  umgeschrieben. 

Z.  4.  Ni  muss  hier  wie  in  der  achten  zeile  den  sinn  von  noch 
als  bindewort  besitzen,  wo  es  eine  apocopierung  aus  gothischem  wi/i,  das 
i  mithin  gedehnt  ist.  In  diesem  sinne  widerum  ein  dem  althochdeutschen 
fremdes  wort,  desto  mehr  altsächsisch,  nur  dass  im  altsächsischen  der 
vocal  gewöhnlich,  wie  im  angelsächsischen  immer,  zu  e  abgeschwächt 
erscheint.  Die  dem  hochdeutschen  entsprechende  vollere  form  noh  ist 
dem  altsächsischen  höchst  ungeläufig,  die  EH.  bietet  dafür  nicht  mehr 
als  zwei  belege,  und  sie  hat  deshalb  in  der  Urschrift  unseres  Stückes 
schwerlich  so  oft  als  jetzt  in  der  abschrift  (sechsmal)  gestanden.  Ob  wir 
aber  wagen  dürfen  nun  all  diese  nah  ohne  weiteres  gegen  ni  oder  etwa 
auch  gegen  nek,  dessen  seltneres  synonym  (eine  zusammenziehung,  Avie 
es  scheint ,  aus  ni  und  ok) ,  zu  vertauschen  ? 

Hinter  ni  sodann  ist  die  ergänzung  eines  Wortes,  des  substanti- 
vums  zu  nohheinig,  erforderlich,  das  dem  Schreiber  in  der  feder  geblie- 
ben oder  über  das  er  dahingegangen  ist ,  weil  er  es  nicht  verstand,  eines 
wertes,  das  zugleich  mit  sunna  z.  5  allitteriere ,  nicht  mit  seein:  denn 
auf  dieser  einsilbigen  schlusshebung  wäre  ein  gleichlaut  unzulässig.  Und 


302  WACKKRNAGKI. 

was  ergänzt  wird,  muss  ein.  ausdruck  für  stern  sein,  nach  Gen,  I,  16; 
vgl.  Völu  spä  str.  5  Sol  pat  ne  vissi,  Itvar  Jion  sali  ätti;  mäni  pat 
ne  vissi,  livat  kann  megins  ätti;  stiörnur  pat  ne  vissn,  hvar  pcbr 
staäi  ättu.  Stcrro  selbst  aber,  wie  das  die  evangelienbarmonie  z.  4314 
(nach  Mattli.  XXIV,  29)  neben  mäno  und  simna  stellt,  würde  Avider 
zu  jener  allitteration  nicht  taugen.  So  bleibt  als  hilfe  nur  Ein  wort 
übrig,  das  zwar  die  evangelienharmonie  zufällig  bloss  in  der  adjectivi- 
schen  Weiterbildung  swigli,  die  dichtung  der  Angelsachsen  aber  in  der 
substantivform  selbst  gewährt:  es  heisst  da  svegl,  auf  sächsisch  also 
swegal.  Svegl  ist  sowol  lichthimmel  als  himmelslicht;  in  letzterer  Wen- 
dung des  begriffes  wird  vor  allen  die  sonne  (vgl.  sivigli  siinnün  Höht 
EH.  3578.  5784  oder  kürzer  bloss  siviijli  lioJif  5627),  eigentlich  jedoch 
und  m'sprünglich  gewiss  nicht  sie  allein  so  genannt,  vielmehr  wird  es 
damit  wie  mit  dem  altsächsischen  tungal,  angelsächsisch  timgol  sich 
verhalten  haben,  das  die  bedeutungen  stern,  mond,  sonne,  himmel 
insgesamt  umfasst.  Um  so  geeigneter  war  der  ausdruck  in  einer  geschichte 
der  Schöpfung  so  wie  hier  voranzutreten:  er  gab  nun  zugleich  den  all- 
gemeineren begriff  himnielslicht  und,  da  sodann  sonne  und  mond  noch 
eigens  benannt  werden,  den  besonderen,  stern.  Das  zahladjectivum 
dazu,  nohheimg,  konnte  aber  auf  altsächsisch  nicht  so  lauten:  der 
gewöhnliche  Sprachgebrauch  verlangt  dafür,  um  eine  silbe  kürzer,  emg; 
nigcn ,  das  von  vorn  dem  nohlieiiHg  ähnlicher  sähe ,  würde  einen  bedenk- 
lichen reim  mit  seein,  altsächsisch  sctn,  herstellen.  Also  ni  sive- 
gal  emg. 

Z.  6.  mareo:  hier  ist  die  feder  etwas  vorausgeeilt,  denn  das  e 
passt  eigentlich  nur  für  das  folgende  seo.  Im  hochdeutschen  haben  erst 
spätere  zeiten  die  anwendbarkeit  dieses  adjectivums  so  erweitert ,  dass 
z.  b.  Walther  93,  12  sagen  konnte  diu  linde  mcere  und  54,  20  mm 
pferit  mcere.  Wie  viel  freier  und  reicher  darin  die  altsächsische  gleich 
der  angelsächsischen  dichtung  war,  so  dass  für  sie  auch  der  mdreo  seo 
nichts  ungewöhnliches  hatte,  zeigt  uns  der  erste  blick  in  die  Wörter- 
bücher. Aus  der  evangelienharmonie  vergleicht  sich  besonders  nahe 
z.  1305  tJdc  mötun  thie  murion  eräa  ofsiitian:  Matth.  V,  5  ipsi  pos- 
sidehunt  terram.  Also  märeo  mit  festgehaltenem  e  für  i  wie  nachher  in 
der  prosa  willeon.  Indessen  völlig  trifft  diese  vergieichung  doch  nicht 
zu.  Althochdeutsch  ivilleo,  tviUeon,  iviUeönö,  tvilledm,  alles  das  sind 
auch  sonst  mehrfach  belegte  formen:  belege  jedocli  für  märeo  giebt  es 
nirgend,  es  wird  überall  nur  mit  ausstossung  des  bildenden  vocales  maro 
oder  auch  marro  u.  s.  f.  gelesen.  Und  so  hat  der  Schreiber  wol  nur 
deshalb  mareo  gesetzt,   weil  er  das  oder  mario   (altsächsisch  ist  beides) 


DER   HELIAND    U.   DAS    WESSOBR.    GEBET  303 

in  seiner  Urschrift  fand,  wie  er  aus  gleichem  anlasse,   aber  umgekehrt, 
z.  2  firi  uuizso  setzt,  nicht  firiimizgeo. 

Z.  7.  niuuiht.  Die  behauptung  Jac.  Grimms  (gramm.  III,  65), 
nkviht  als  der  voll  substantivische  ausdruck  für  nililliim  dulde  kein  ni 
beim  zeitwort  des  satzes,  wird  durch  mehrfache  beispiele  nicht  allein 
aus  mittelhochdeutscher  zeit  (Windb.  ps.  CXVIII,  87  dm  nie  gihiderhet, 
unse  12,  neiviJit  ist,  uiize  is,  ze  otichte  ne  wirdit;  Walth.  9,  22  si  endiuli- 
ten  sich  ze  nihte;  Singenb.  209,  5  so  iveiz,  ich.,  daz,  ich  niht  enwas 
und  niht  enwirde:  vgl,  Fundgr.  I,  272),  sondern  auch  schon  aus  alt- 
hochdeutscher widerlegt:  s.  sprachsch.  I,  7o2.  Gegen  den  hochdeutschen 
Sprachgebrauch  wäre  also  niiviht  ni  ivas  durchaus  kein  Verstoss  und 
eine  änderung  etwa  in  niowiht  (nihil  unquam)  oder,  wie  Grein  gewollt, 
(Germ.  X,  310),  in  iiaviht  d.  i.  iowiht  unnütz;  zudem  würde  damit  bei 
dem  überwiegenden  tone,  den  in  iowiht  nioiviht  die  partikel  besitzt  (in 
nitviht  trägt  ihn  der  zweite  bestandteil) ,  die  allitteration  beeinträchtigt: 
denn  diese  verlangt  auf  wiht  eine  starke  hebung.  Oder  ist  die  meinung 
Greins,  inwiht  solle  mit  enteö,  was  mit  tvented  allitterieren ?  Sein  wort 
„wodurch  die  allitteration  vollständig  geregelt  ist,"  deutet  davon  nichts 
an.  Wenn  aber  das  stück  altsächsischen  Ursprung  hat,  dann  freilich 
kann  niiüiht  kaum  behauptet  werden:  auf  altsächsisch  kommt  diese 
Zusammensetzung  erst  einige  wenige  mal  in  den  psalmen  und  da  mit 
solcher  Verwechselung  und  Verwirrung  vor,  dass  niiviht,  adverbial  abge- 
schwächt, die  Verdeutschung  von  non,  nieiviht  dagegen  die  von  nihilum 
ist,  im  ersteren  falle  somit  eigentlich  nieiviht  uud  im  letzteren  niwiht 
zu  erwarten  wäre.  Sonst  aber  nirgend  ein  sächsisches  niiviht.  Es  wird 
in  der  vorläge  des  Wessobrunners  einfach  imiht  gestanden  haben:  er 
schrieb  dafür  niimiht,  weil  ihm  auf  hochdeutsch  das  geläufiger  war, 
oder  weil  ihn  das  gleich  folgende  niuiias  beirrte. 

Z.  7.  8.  enteo  ni  uuenteo.  Neben  diesem  hochdeutschen  iventt 
(das  zusammenstehen  mit  enti  und  die  gleiche  biegung  mit  demselben 
nöthigen  uns  nicht  das  wort  ebenfalls  für  ein  neutrum  zu  halten:  im 
mittelliochdeutschen  hat  es  weibliches  geschlecht)  neben  iventi  ist  zwar 
ein  sächsisches  wendi  noch  nicht  aufgefunden:  aber  die  annähme  eines 
solchen  hat  in  sich  nichts  widerstrebendes,  um  so  weniger  als  das  spä- 
tere niederdeutsch  es  kennt.  Dazu  die  reimformel,  welche  die  zwei 
Synonyma  hier  bilden.  Abgesehen  von  Otfrieds  in  felde  joh  in  walde 
(I,  1,  62.  vgl.  Haupts  zeitschr.  II,  138  fg.),  dessen  gleichklang  nur 
hall)  und  somit  vielleicht  bloss  zufall  ist,  sind  die  gereimten  Verbindun- 
gen nah  verwandter  oder  entgegengesetzter   begritte  für  das  hochdeutsche 


304:  WACKERNAGEL 

nicht  früher  als  seit  dem  übergange  iu  das  zwölfte  Jahrhundert  nachweis- 
bar, wo  in  dem  jüngeren  Physiologiis  als  das  erste  beispiel  der  art  die 
adjectiva  guot  imtc  frnot  begegnen  (Fundgr.  I,  23,  27):  denn  liste  und 
wlste,  das  Jac.  Grimm  rechtsaltert,  s.  13  bereits  aus  dem  Sanctgallischen 
Marciauus  (s.  104  Graff)  anführt,  ist  da  gar  nicht  zu  dem,  was  man 
eine  formel  nennt,  vereinigt,  eben  so  wenig  als  im  Boethius  s.  169  kern 
und  Jicstän.  Desto  häufiger  ist  dergleichen  von  anfang  an  im  norden 
und  bei  den  Angelsachsen:  zahlreiche  belege  (und  die  zahl  könnte  leicht 
noch  sehr  vergrössert  werden)  in  Jac.  Grimms  Andreas  u.  Elene  s.  XLIII; 
dann  auch  friesische  beispiele:  'weä  and  sJcrcd  Richth.  445,  16  u.  a. ; 
ein  altsächsisches  gröni  endi  skoni  EH.  4238.  Ende  und  ivende  aber 
stellt  noch  jetzt  die  Volkssprache  Niederdeutschlands  zusammen:  van 
ende  tö  ivende  (von  anfang  bis  zu  ende)  Brem.  wörterb.  1 ,  307 ;  und 
im  mittelalter  ein  dichter,  der  halb  und  halb  auch  dorthin  gehört,  der 
Meissner :  Got  vater  —  du  tuende  an  ende  endehaft  v.  d.  Hagens  MS.  III, 
93  b.  Ausserdem  bei  Obeiiin  sp.  1983,  ohne  angäbe  jedoch  woher,  die 
dreigliedrige  zeitwortformel  stossen,  enden  und  wenden. 

Tl.  8.  enti.  Hiemit  steht  es  wie  vorher  z.  2  mit  ero:  in  dem 
sinne  wie  hier  gebraucht,  um  an  einen  temporalen  Vordersatz  den  uach- 
satz,  also  an  einen  nebensatz  den  hauptsatz  anzuknüpfen,  ist  enti  glei- 
chermassen  im  sächsischen  wie  im  hochdeutschen  unerhört  (das  mittel- 
hochdeutsche wörterb.  III,  183  b  führt  ein  einziges  und  deshalb  nicht 
verdachtloses  beispiel  aus  einer  mitteldeutschen  predigt  des  vierzehnten 
Jahrhunderts  au),  und  es  kann  damit  nur  von  auswärts  her  das  griech. 
ymI  xöxe  und  -/.cd  \dov  (z.  b.  Act.  Apost.  I,  10)  und  das  provenzalische 
und  italiänische  e  nach  Sätzen  mit  come  oder  qiiando  oder  se  u.  s.  f. 
verglichen  werden:  z.  b.  e  can  fos  en  la  crotg  d'espinas  coronatz,  e 
Longis  vos  tranquet  dhma  lansa  'l  costatz  Ferabras  1447.  e  se  non  fosse 
per  fä  mormorare,  e  sempre  apresso  te  vnrei  venire  in  einem  römischen 
ritornell.  Hier  gilt  indes  eine  eigentümlichkeit ,  welche  bereits  diese 
beispiele  zeigen:  auch  dem  ersten  satze  pflegt  ein  e  voranzugehn  und  so 
die  unlogische  gieichstellung  der  beiden  Satzglieder  noch  nachdrücklicher 
zu  machen.  Unter  solchen  umständen  möchte  man  am  liebsten  vermu- 
ten, äuge  und  band  des  Schreibers  seien  durch  das  enteo  (altsächsisch 
endio)  grade  vorher  oder  das  alsobald  nachfolgende  enti  dar  uuarun  irre 
geführt  worden,  und  er  hätte  an  diese  stelle  eigentlich  gar  kein  enti 
setzen  sollen. 

Z.  0.  manno  miltisto.  Milde  als  unmittelbares  beiwort  zu  dem 
namen  Gottes  haben  die  Angelsachsen  überhäufig  und  hat  aucli  die  alt- 


DER   HELIAND    U.    DAS    WEKSOBR.    GEBET  305 

sächsische  evangelienharmouie  z.  3240.  während  die  althochdeutsche 
Otfrieds  bloss  die  aufgelöstere  Verbindung  thin  drnldines  miW  (IIT,  10, 
15)  u.  dgl.  kennt.  Aber  manno  nülilHto ,  obschon  damit  ebenfalls  Gott 
gemeint  ist  (in  Csedmons  Exodus  549  ist  Moses  manna  müduM),  darf 
bedenken  erregen.  Wenn  der  Sachse  EH.  821  die  mutter  Maria  ihren 
zwölfjährigen  söhn  manno  liobösto  anreden  lässt,  und  wenn  es  ebenso 
bei  Otfried  heisst  (I,  22,  41  und  43)  So  sitt  gisah  tlien  liohon  man  int 
iru  thaz,  herza  biquam,  tliö  sprali  si  zi  themo  hinde  mit  gidröstemo 
sinne  „Wia  ward,  tha^  ih  ni  wcsta,  manno  Jiobösta,  tJio,::  thu  Mar 
irwunti  mir  untar  tJieru  Jienü?'-'  so  ist  diese  übereinstimmejide  sprech- 
art  beider  daraus  zu  erklären,  dass  es  allgemeinere  sitte  der  zeit  gewe- 
sen auch  den  noch  unmündigen  söhn  in  liebreichem  scherz  einen  mann 
zu  nennen:  vgl.  harn  —  lündjungt  man  EH.  750.  2161;  und  nur  eben 
daher  können  die  häufigen  mit  man  gebildeten  kosenamen  (s.  Förste- 
raann  I,  902  fg.)  rühren,  denen  für  töchter,  für  frauen  die  mit  mfe 
(ebd.  s.  1289  fg.)  zur  seite  stehn.  In  ihrer  quelle  (Luc.  II,  48)  hatten 
beide  das  einfache  fiU  vor  sich.  Insofern  tragen  jene  zwei  stellen  zur 
deutung  unseres  mannd  miltisto  nichts  bei.  Auch  nicht  die  zahlreicheren 
andern  derselben  gedichte,  an  denen  von  Christo  widerum  die  ausdrücke 
liohemo  manne,  themo  liahen  manne  (0.  V,  4,  14.  7,  42)  oder  gumono, 
tlnodgumono  hesto  oder  kurzhiu  bloss  tliiodgumo  (EH.  2576)  gebraucht 
werden:  denn  da  ist  überall  von  dem  söhne  gottes  die  rede,  der  noch 
als  menschensohn  auf  erden  wandelt  oder  eben  erst  als  mensch  gestor- 
ben ist.  Und  auch  nicht  die  im  Grendel  z.  3450,  wo  der  pförtner  gott 
anruft  himeliseher  man,  noch  die  in  einem  gedieht  des  Liedersaales 
(1,367)  von  Jesus  Christ,  der  ein  mmi  ob  allen  mannen  ist,  noch  die 
spätere  in  dem  vierten  passionsgrusse  Paul  Gerhardts  Ich  grüssc  dich, 
du  frömmster  mann:  denn  auch  hiei'  wird  auf  die  menschwerdung, 
hier  die  vormalige  menschwerdung  gottes  gezielt,  in  dem  gedieht  des 
Liedersaales  überdies  mit  anknüpfung  an  das  prophetische  gleichnis  von 
dem  einen  manne  und  sieben  weibern  (Jes.  IV,  1).  Nach  altkirchlicher 
lehre  ist  allerdings  die  Schöpfung  der  weit  durch  das  wort  (Ev.  Joh.  I, 
1—3),  das  licht  (ebd.  10),  die  Weisheit  (spr.  Sal.  III,  19),  durch  den 
söhn  also  (Ephes.  III,  i».  Coloss.  I,  16.  Hebr.  I,  2fgg.),  den  später  mensch 
gewordenen,  geschehen:  aber  es  wäre  doch  eine  starke  prolepsis  ihn  des- 
halb schon  bei  der  Schöpfung  selbst,  ja,  wenn  wir  es  genauer  mit  unse- 
ren versen  nehmen,  schon  für  die  zeiten  vor  der  Schöpfung  mensch 
zu  heissen.  Oder  sollen  wir  den  Schwierigkeiten ,  die  so  dem  Verständ- 
nisse den  weg  vertreten,  damit  ausweichen,  dass  wir  das  gedieht  eben 
docli  wider  für  ein  heidnisches  und  als  ein  hauptmerkmal  des  heiden- 
tumes  gerade   diese  bezeichnung   der  gottlieit    mit  dem  beiworte  manno 

ZETTSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.  20 


300  WACKERNAGEL 

miltisfo  erkennen?  Al)er  einen  atliemzug  vorher  ist  die  gottheit  sehr 
unlioidnisch  der  eino  almahttco  cot  genannt  worden,  und  selbst  ein  beide 
würde  die  gottheit,  welche  die  weit  erschafft,  nie  in  der  art  zu  den 
menschen  zählen.  •  Oder  uns  kurz  entschliessen  und  in  nianno  nur  einen 
schroibfebler  sehen,  der  in  niannon  zu  bessern  sei?  So  mit  dativischer 
bekleidung  heisst  ja  auch  Beonilf  z.  3182  mannum  mildust,  und  wäh- 
rend der  erste  satz  des  nachfolgenden  prosagebetes ,  du  Jiiniil  enti  erda 
gaworalitos ,  die  von  den  verseu  angedeutete  Schöpfungsgeschichte  kurz 
wieder  aufnimmt,  wäre  der  zweite,  enti  du  mannim  so  manac  coot  for- 
gäpi ,  eine  wideraufuahme  und  ausdeutung  jenes  mannon  miUisto.  Aber 
eben  dieser  satz  mit  seinem  noch  altertümlicher  vocalisierten  dativ  nirin- 
nun  (nachher  ebenso  tluflim)  lehrt  uns,  auch  an  die  änderung  mannon 
dürfe  man  nicht  denken.  Nach  alle  dem  scheint  manno  miltisto  nur 
auf  Eine  weise  noch  erklärbar,  die  zwar  weder  aus  dem  hochdeutschen 
noch  dem  sächsischen  Sprachgebrauch  durch  sonstige  beispiele,  aber 
durch  eines  doch  aus  nächster  verwantschaft ,  durch  ein  angelsächsisches, 
kann  belegt  werden.  Cynevulf  z.  104  richtet  an  Christum  die  anrufung 
engia  heorhtast  der  engel  leuchtendster  d.  h.  leuchtender  als  alle  engel. 
Mit  derselben  kürze  der  rede  nun  bezeichnet  manno  miltisto  den  gott, 
welcher  milde ,  milder  als  alle  menschen ,  an  milde  hoch  über  alle  men- 
schen ist,  und  so  wird  zuletzt  wesentlich  nichts  anderes  damit  ausge- 
drückt als  in  der  evangelienharmonie  z.  3241  fg.  mit  den  Worten  mildi 
god,  her  hebankiming. 

Z.  10.  11.  enti  dar  uuarun  auh  manaJce  mit  inan.  Althochdeutsch 
ist  der  von  mit  regierte  accusativus  schwerlich:  wo  auf  diesem  Sprach- 
gebiet eine  solche  Verbindung  noch  sonst  erscheint,  gilt  jedesmal  bald 
dies,  bald  jenes  bedenken,  und  der  stellen  sind  überhaupt  nur  wenige. 
Die  aus  Kero  (sprachsch.  11,  660)  beweisen  bei  der  ganzen  art  dieser 
Interlinearübersetzung  nichts;  in  der  einzigen  aus  Isidorus  (II,  4  mit 
ercna  euua,  lat.  certa  lege)  steht  es  immer  noch  frei  mit  Holtzmann 
s.  143  fgg.  einen  weiblichen  Instrumentalis  anzunehmen;  in  dem  S.  Emme- 
ramer  gebet  in  Müllenhoffs  und  Scherers  deukmälern  s.  188,  11,  wo 
nach  der  handschrift  gedruckt  ist  oütan  uiiillim  mit  rehtan  galoupon, 
empfiehlt  der  parallelismus  mit  dem  vorangehenden  satzgliede  keuuiz- 
zida  enti  furistentida  sowie  die  vergleichung  mit  dem  entsprechenden 
gliede  des  gebetes  von  Wessobrunn  {rehta  calaupa  enti  cotan  uuilleon) 
und  mit  der  apostolischen  gruudlage  beider  {omnem  volnntatem  honitatis 
et  opus  fidei  in  virtute  Thessal.  II,  1,  11),  dies  alles  empfiehlt  hier  statt 
mit  ebenfalls  eiiti  oder  vielmehr,  was  jenem  noch  ähnlicher  aussieht, 
inti  zu  lesen:    endlich   wenn  im  Hildebrandsliede    steht   (leseb.  58,  22) 


DER  HELIAND    U.   DAS   WESSOBR.    GEBET  307 

mit  sus  sippan  man,  so  wollen  wir  nicht  vergessen,  dass  der  Schreiber 
derselben  ein  Sachse  war.  Und  der  unseres  gebetes  schriel)  von  einem 
Sachsen  ab.  Den  Sachsen  aber,  in  beiden  zweigen  dieses  namens,  war 
der  accusativus  bei  mid  durchaus  nicht  fremd,  ja  den  Angelsachsen 
ganz  eigentlich  geläufig:  darüber  Dietrich  in  Haupts  zeitschr.  XI, 
393  fgg. ;  ein  altsächsisches  beispiel  EH.  185  mid  is  sivithron  hand; 
auch  mid  mi  z.  933,  mid  üs  2654  kann  ebensowol  accusativisch  als  dati- 
visch verstanden  werden.  Ausserdem  ist  noch  zweierlei  an  diesem  verse 
zu  beachten,  das  mr  mit  zu  den  Übereinstimmungen  unsers  gedichtes 
und  der  jüngeren  evangelienharmonie  und  insofern  auch  zu  den  merk- 
malen  des  sächsischen  Ursprungs  rechnen  dürfen :  die  redefüllung ,  womit 
er  seinen  anfang  nimmt  (alle  vorher  waren  kürzer  und  knapper  gemes- 
sen) ,  und  besonders  die  verschränkung  und  Verteilung  der  worte ,  da  mit 
inan  zu  ivärun,  mänah'  zu  dem  getremiteu  substantivum  erst  des  näch- 
sten verses  und  einer  neuen  allitteration  gehört,  ganz  wie  EH.  261  tJm 
skalt  for  allun  ivesan  \  ivUmn  yiwViit;  2830  that  sir  — •  mma  farlä- 
tan  I  leohltka  Irra  u.  a.  Eine  dritte  Übereinstimmung  jedoch,  die  man 
etwa  auch  wahrnehmen  möchte,  könnte  ich  meines  theils  nicht  anerken- 
nen ,  dass  nämlich  mit  einer  Steigerung  des  gleichlautes ,  die  auch  in  der 
evangelienharmonie  häufig  sei,  dies  verspaar  auf  allen  vier  hebungen 
allitteriere ,  auf  wajmo,  mittisto,  manakc  und  mit.  Ich  muss  derglei- 
chen schon  für  die  evangelienharmonie  ablehnen:  überall  in  derselben, 
wo  Riegers  alt-  und  angelsächsisches  lesebuch  vierfache  allitteration 
bezeichnet,  findet  doch,  genauer  betrachtet,  nur  dreifache  statt:  z.  b. 
11,  21  (z.  1654)  betone  man  vieiraehr  liclidos  thurh  iuwa  hdndgeha,  j 
endi  hebbead  tharod  iuwan  hügi  fdsto ,  nicht  hcbhead  und  Jmgi;  24,  10 
(2754)  min  ivord  for  thesumu  tverode,  \  than  williii  ik  if  her  te  ivdrim 
gequeden,  nicht  wiUiu  und  ivdrmi;  26,  25  (2930)  gibdriad  gi  hdldUco:] 
ic  hiiim  tJiat  hdrn  gödes,  nicht  hiuni  und  hdni;  die  Zeilen  10,  21  und 
22  (1110  fg.)  ilp  te  them  dlomahiigon  gode  |  endi  im  cnum  thionon 
sivido  thioUco  \  tJwgnos  mdnaga  sind,  auch  damit  dem  swldo  sein 
recht  geschehe,  anders  abzuteilen:  —  eiuU  im  enum  thionon  j  stvido 
thiolico  I  u.  s.  w.  Und  ebenso  wenig  wird  an  unserer  stelle  die  dreizahl 
überschritten:  denn  mit  als  proclitisches  wort  muss  in  die  Senkung  und 
die  schlussliebuug  auf  inan  fallen:  enti  dar  warun  aidi  mdnaJcc  mit 
inan.  Dieselbe  betonuugsart  gilt  EH.  2654  the  man  thurh  mdgskepi:\\ 
her  is  is  moder  mid  üs;  auch  z.  459  und  1935  lese  man  mid  im., 
z.  3586  7md  imn. 

Z.  11.    cootWihe  gcista.  enti  cot.    In  betreflf  des  langen  6  von  coot- 
Uhhe  widerholt  sich  eigentlich  nur,   was  vorher  über  dat  z.  1  und  2  ist 

20* 


308  WACKERNAGEI.  .  DKR  HKLIAND  l'.  DAR  WKfSOBR.  GEHET 

bemerkt  worden:  fand  auch  der  Schreiber  dasselbe  in  einem  sächsischen 
(/odlUd  vor.  so  brauclite  er  es  doch  )iicht  von  da  herüber  zu  nehmen: 
wie  das  nachfolgende  gebet  noch  mehrfach  zeigt,  mit  den  werten  coot, 
cofnn,  luihioni.  stand  dieser  laut  schon  seiner  eigenen  mundart  zu.  Nach 
der  Wahrnehmung  Jac.  Grimms  (gramm.  P,  99  fg.  u.  104)  zeigen  dieje- 
nigen althochdeutschen  quellen  ein  langes,  nicht  in  tio  diphthongier- 
tes 0,  die  zugleich  ao  statt  o  und  au  statt  ou  zeigen:  wirklich  auch 
setzt  unser  Schreiber  pamn ,  auJi ,  galaiipa ,  während  es  zu  ao  keinen 
anlass  gab. 

Ungleichmässiger  verfuhr  seine  mundart  mit  den  h  und  g.  Mit  c 
d.  i.  /.•  lauten  (die  beispiele  gehören  sowol  den  versen  als  der  prosa) 
coot  und  cotan ,  mit  g  gafregin,  galaupa,  ganada ,  gamiorahtos ,  gauur- 
clianne,  forgnpi  und  forgip;  l:  oder  c  als  inlaut  bieten  almahtico  und 
manahc ,  als  auslaut  arc,  heilac,  manac,  dagegen  g  nbhheinig  und  pereg, 
und  in  letzterem  ist  das  g  noch  eigens  aus  c  gebessert.  So  stehen  denn 
auch  in  unsrer  z.  11  neben  einander  cootlihhe,  geista  und  wdder  cot:  ein 
Wechsel,  der  aber  die  allitteration  zu  nichte  macht  und  damit  schliess- 
lich noch  einmal  zeigt,  wie  dem  Wessobrunner  geistlichen  die  sprach - 
und  dichtform  seiner  Urschrift  etwas  fremdes  und  unverstandenes  und 
deshalb  deren  voll  genaue  widergabe,  so  angelegen  ihm  die  auch  sein 
mochte,  keine  möglichkeit  für  ihn  war.  Die  Urschrift  hatte  hier  drei- 
mal dasselbe  g. 

Z.  11.  12.  Mit  enti  cot  heilac  geht  das  poetische  stück  zu  ende; 
der  beginn  der  prosa  wird  mit  einer  initiale  bezeichnet:  Cot  almahtico 
du  u.  s.  w.  Geschickt  aber  verschmelzt  der  Schreiber  jenen  abgebroche- 
nen ausgang  (im  gedieht  war  er  das  subject  eines  neuen  satzes  gewesen) 
mit  diesem  eingange  zu  einem  doppelanruf.  Aeknlich  die  widerholuug 
und  das  asyndeton  in  den  frauengebeten  bei  Diemer  (deutsche  gedichte 
380,  8.  381,  12  fg.)  Heiligez,  prot,  lebentiges  hrot ,  du  —  und  Lehen- 
tiges,  hröt,  ivorez,  bröt  der  enget. 

So  weit  meine  erörterungen  über  die  altsächsische  bibeldichtung 
und  die  vordere  hälfte  des  Wessobrunner  gebetes,  denen  man,  ich  ver- 
lange nicht,  sofort  mit  beistimmung,  sondern  nur  ohne  verurteil  gefolgt 
sein  möge.  Falls  sie  das  rechte  nicht  ganz  verfehlt  haben,  so  dürfte 
die  urgestalt  der  uns  noch  verbliebenen  anfangszeilen  jenes  werkes  etwa 
in  der  art  herzustellen  sein: 

That  gifragn  ik  mii  firihun 

firiwittb  mesta, 
that  ero  ni  was 

nah  uphimih 


GERLAND  ,    BAÜEBNWENZEL  309 

5     noh  hörn  ni  sten 

noh  berg  ni  was, 
ni  sioegal  enig 

noh  sunna  ni  sken, 
noh  mäno  ni  liuhta 
10  noh  the  ma/rio  seo. 

ITio  thär  tviht  ni  was 

endio  m   wendio, 
endi  thb  ivas  the  eno 
alomahtigo  god, 
15      mannö  mildisto, 

endi  thär  wärun  6k  managä  mid  ina, 
godUkä  gestos. 

endi  god  helag 

Ich  habe  die  probe  gemacht:  das  gedieht  vom  jüngsten  tage,  weil 
das  schon  ursprünglich  althochdeutsch  ist,  wäre  nicht  so  leicht  und 
sicher  (hier  blieben  nur  die  gehäuften  uoli  und  das  erste  pmcH  zweifel- 
haft) in  altsächsischen  laut  zu  bringen. 

BASEL,    APRn.    1868,  WTLH.    WACKERNAGEL. 


BAUERNWENZEL ,    ZIEGENPETER,   MUMS. 

Weinhold  bespricht  s.  24  des  ersten  heftes  dieser  Zeitschrift  eine 
krankheit,  die  unter  dem  namen  tannewezel  im  14.  und  15.  Jahrhundert 
Deutschland  durchzog.  Dem  namen  nach  verwandt  ist  der  bauernwenzel, 
wie  man  jetzt  gewöhnlich  die  krankheit  nennt,  welche  bei  Grimm  im 
WB.  bauernwetzel ,  bauernwäschel  (parotitis)  genannt  wird ;  ein  name  der 
nach  Weinholds  unbestreitbar  richtiger  etymologie  etwa  zu  erklären  wäre 
als  schlag ,  wie  ihn  ein  bauer  gibt ,  als  tüchtige  maulschelle ,  welche  die 
plötzlich  eintretende  geschwulst  veranlasst.  Aber  nicht  dadurch ,  dass 
diese  krankheit  den  folgen  einer  allerdings  überaus  derben  ohrfeige  ähn- 
lich sieht,  oder  so  plötzlich,  so  mit  einem  schlage  eintritt,  wie  sie  thut 
und  zu  seiner  zeit  auch  der  tannewezel  that,  nicht  dadurch  hat  sie  den 
namen  wezel,  schlag,  empfangen:  vielmehr  wie  alle  krankheiten  nicht 
blos  bei  den  Tndogermanen ,  sondern  bei  allen  Völkern  der  weit 
ursprünglich   als   ein    besessensein   von   geistern   betrachtet  wurden ,    so 


310  GERLÄND 

waren  namentlich  die  rascli  und  plötzlich  eintretenden  übel  dieser  deu- 
tung  ausgesetzt  und  man  dachte  sie  vorzugsweise  als  veranlasst  durch 
einen  schlag,  stoss  oder  schuss  dämonischer  mächte.  Die  zwischen  göt- 
tern  und  menschen  stehenden  elbe,  die  hausgeister,  die  zwerge,  kurz 
alle  jene  halbgöttlichen  weseu ,  die  wol  insgesamt  dem  glauben  ihr  leben 
verdanken,  dass  die'  menschliche  seele  nach  dem  tode  zurückkehre  um 
als  freundlicher  oder  feindlicher  geist  mit  den  menschen  zu  verkehren : 
diese  waren  es,  welchen  man  das  entstehen  der  krankheiten  zuschrieb. 
Herr  Olof  stirbt  im  Volkslied  vom  schlage  der  eibin ;  elbendrötsch  heissen 
blödsinnige ;  dvergslagen  in  Norwegen  gelähmtes  vieh  (Gr.  D.  M.  2.  aufl, 
430) ;  unser  vom  schlage  gerührt  sein  hat  ursprünglich  dieselbe  mythische 
bedeutung;  hexenschuss,  aipdrücken  und  ferner  wichtelzopf,  höllenzopf, 
alpzopf,  drutenzopf  u.  dergl.  sind  allbekannt.  So  wird  man  auch  jenen 
schlag,  den  tanuewezel,  baurenwenzel  als  eine  „watsche"  zn  betrachten 
haben,  welche  von  solchen  schadenfrohen  geistern  gegeben  ist.  Viel- 
leicht stammt  aus  dieser  anschauung  auch  die  personification  des  tanue- 
wezel als  eines  peinlich  verklagten,  wie  sie  in  jenem  lustspiel  sich  fin- 
det, von  dem  Weinhold  ausgeht. 

Gerade  weil  der  bauernwenzel  so  rasch  und  plötzlich,  so  entstel- 
lend und  doch  so  gefahrlos  kommt,  liegt  die  auffassung  elbisch  -  necki- 
scher veranlassung  der  krankheit  nahe;  und  so  muss  auch  der  andere 
seltsame  name,  den  diese  krankheit  führt,  ziegenpeter,  mythologisch 
erklärt  wei-den.  Wie  weit  derselbe  zurückgeht,  weiss  ich  nicht,  aber 
ziemlich  weit  verbreitet  ist  er :  gleichmässig  findet  man  ihn ,  ganz  geläu- 
fig ,  in  Hessen  wie  in  Magdeburg.  Dies  wort ,  wol  kaum  auf  entstellung 
beruhend,  ist  nichts  anderes  als  der  name  des  kobolds,  welcher  das 
Unheil  angestiftet  hat  und  in  dem  kranken  haust.  Ziegenfüssige  zwerge 
kommen  öfters  vor,  elbe  reiten  auf  „geissen"  (Grimm  434),  bocke  wer- 
den ihnen  und  verwanteu  geistern  vielfach  geopfert,  in  Schweden  wird 
der  knecht  Euprecht  durch  einen  julebock,  d.  h.  „einen  in  bockgestalt 
verlarvten  knecht"  dargestellt  (Gr.  4.53).  Auch  heissen  die  kobolde  nicht 
selten  nach  thieren :  katzenveit ,  katermanu ,  bullerkater ,  wauwau  u.  s.  w., 
und  ebenso  haben  sie  menschliche  namen,  Hinze  (Heinrich),  Chimke 
(Joachim),  Wolterken  (Walther),  Kobiu,  Euprecht,  Niese,  Claus,  Clo- 
bes  (Nicolaus,  Gr.  471  flg.).  Und  so  gleichfalls  Peter,  wie  in  dem  mit 
Holda  in  bezug  stehenden  Hollepeter  (hennebergisch ,  fränkisch,  Gr.  473. 
482).  So  würde  der  name  ziegenpeter,  der  ganz  wie  katzenveit  gebildet 
ist,  auf  ein  solch  elbisches  wesen  durchaus  passen. 

Und  ob  in  bauernwenzel  nichts  ähnliches  steckt?  Wenzel  ist  zwei- 
felsohne umdeutung  des  kaum  noch  verstandenen  wezel,   aber   ob  eben 


BAÜEKNWENZEL  311 

diese  umdeiitung  in  einen  eigennamen  nicht  vielleicht  mit  der  elbischen 
natur  der  krankheit  ziisammenhäng-t  ?  Auch  bauer  in  bauerwenzel  könnte 
mythologisch  zu  deuten  sein.  Gutgesell,  nachbar,  good  fellow  u.  s.  w. 
wurden  hausgeister  und  elbe  genannt  (Gr.  4G8) ;  ßobin  heisst  stets  fellow, 
Euprecht  stets  knecht,  ja  aus  dem  letzteren  namen  hat  sich  erst  eine 
benennung  entwickelt,  die  man  auf  bäurisch  rohe  menschen,  Schlegel 
geradezu  auf  die  englisch  -  athenischen  bauern  des  Sommernachtstraumes 
anwendet,  rüpel,  die  regelrechte  Verkürzung  von  Ruprecht,  als  eigen- 
name  noch  in  Oesterreich  (Stark,  kosenamen  der  Germanen  142)  und  als 
familienname  in  ganz  Deutschland  gebraucht.  Nun  denke  man  an  die 
Schilderung,  die  Shakespeare  von  dem  „lob  of  spirits,"  dem  „täppi- 
schen gesellen,''  dem 

shrewd  and  kBavisli  sprite 
call'd  Robin  Good -fellow 

macht ,  that  frights  the  maidens  of  the  villagery  (Sommern,  tr,  2 ,  1)  und 
wie  nach  Gervinus  dieser  geist  auszusehen  hat  als  ein  fellbehangener, 
struppichter  bursche;  man  denke  ferner  daran,  dass  der  weichselzopf 
neben  jenen  obigen  benennungen  niederdeutsch  auch  den  namen  selken- 
steert,  seilentost,  thüringisch  saellocke  führt,  was  Grimm  433  zopf  des 
hausgeistes ,  des  gesellen .  also  des  nachbars  erklärt.  Sollte  etwa  bau- 
ernwenzel  aus  nächgebürwezel ,  schlag  des  mitbewohnenden  hausgeistes 
entstanden  sein?  Oder  ist  wirklich  bauer  eine  elbische  benennung? 
Hierfür  liesse  sich  das  elsässische  spiel  „bäurle  lösen"  anführen,  was 
man  in  Süddeutschland  sonst  „bräutle  lösen"  (z.  b.  Auerbach  im  Bar- 
füssele)  im  übrigen  Deutschland  vielfach  Wasserjungfern  werfen  nennt. 
Auch  dafür  lässt  sich  der  grund  absehen,  warum  man  gerade  diese 
beiden  namen  für  jene  krankheit  beibehielt:  wie  sie  schmerzlos  und 
unbedenklich  und  doch  so  lächerlich  entstellend  und  rasch  vorbeigehend 
ist,  so  hielt  man  sie  für  das  werk  der  geister,  deren  namen  schon  ihre 
neckende  natur  offenbart,  was  bei  der  komischen  bildung  ziegenpeter 
ohnehin,  aber  auch  bei  bauernwenzel  klar  ist,  wenn  man  in  dem  bauer 
an  den  knecht  Ruprecht,  den  Robin  good -fellow  denken  darf. 

Auch  der  dritte  name  derselben  krankheit,  mums,  engl,  mumps 
lässt  sich,  wenn  man  ihn  nicht  von  mummeln  undeutlich  reden  direct 
ableiten  will,  was  sprachlich  kaum  zulässig  ist,  sehr  gut  mythologisch 
deuten.  Als  koboldname  findet  sich  auch  mumhart,  den  Grimm  473 
aus  Caesarius  heisterb.  (muramart  momordit  nie,  also  auch  als  urheber 
einer  krankheit)  anführt.  Mums  ist  davon  regelrechtes  deminutiv  wie 
Fritz,  Götz,  Heinz,  mit  s  wie  bei  Stark  76  Henso,  was  hier  dm-ch  das 
vorhergehende   m   bewirkt   wurde.      Verkürzungen   aber   lieben   elbische 


312  GERLAND  ,   UAUEßNWENZEL 

iiameu  sehr:  Rumpelstilz ,  -stilzchen,  Robin,  Chimkeu,  Heinz,  Hütchen 
u.  s.  w.  Munihart  als  name  eines  hauskoboldes  hängt  gewiss  mit  dem 
namen  des  Wassergeistes  Mumel  zusammen  und  beide  stammen  von 
dem  verbuui  mummen »  mummeln ,  dumpf  tönen ,  dann  specieller  dumpf 
reden;  sich  vermummen,  raummenschanz  ist  auch  erst  abgeleitet  von 
dieser  wurzel  und  heisst  wol  weiter  nichts  als  kleider  anziehen  wie 
ein  kobold,  sich  durch  langen  hart  u.  s.  w.  unkenntlich  machen.  Auf 
einen  selbständigen  uamen,  der  mumm,  mumme,  führt  zunächst  das 
deminutiv  mumel  und  dann  die  aualogie:  butze  (von  botzen ,  klopfen) 
lieisst  ein  ander  gespenst  der  art;  auch  hat  Frisch  „mumme,  ver- 
larvtes  gesicht  oder  person."  Von  demselben  stamm  mummen,  tönen, 
kann  wol  auch  der  narae  des  braunschweiger  getränks,  mumme,  abge- 
leitet werden ,  das  vom  brodeln  und  brausen  beim  gähren  oder  von  der 
schäumenden  umaihe  des  fertigen  gebräus  benannt  wäre:  und  ebenso 
gehört  hierher  der  alemannische  kiudername  für  die  kuh  bei  Hebel ,  mum- 
meli,  so  viel  als  etwa  brummeichen.  Vom  tönen  aber  konnte  sehr  gut 
der  geist  des  rauschenden  wassers  so  wie  der  bald  laut  bald  leise  rumo- 
rende Poltergeist  des  hauses  benannt  sein;  für  unsere  krankheit  passte 
gerade  dieser  geist  als  veranlasser  und  sein  name  als  bezeichnung  gut, 
weil  sie  die  spräche  zu  einem  undeutlichen  mummeln  umwandelt. 

Der  andere  iiame.  mit  dem  nach  Weinhold  der  tannewezel  benannt 
ist,  burzel,  pürzel  könnte  vielleicht  auch  der  eines  elbischen  wesens  sein: 
burzel,  purzel  sagt  man  ja  noch  heute  von  kleinen  leuten  scherzhaft  und 
Purzelbaum  schiessen  heisst  in  manchen  niederdeutschen  gegenden  kobolds 
schiessen.  Doch  lässt  das  wort  sich  auch  genügend  aus  dem  verbura 
harzen,  herzen-,  parzen,  turgere,  rigere,  das  Grimm  WB.  2,  556  aus 
Graff  3,  155.  191,  herbeizieht,  erklären.  Es  bezeichnet  schnupfen  und 
eine  ki'ankheit  der  pferde,  die  sich  in  bösen  geschwüren  zeigt,  den  wurm: 
burzel  soviel  als  anschwellung.  strotzen,  passt  sowol  auf  jene  geschwüre 
als  auf  die  aufschwellenden  und  reichlich  fliessenden  Schleimhäute  eines 
den  der  schnupfen  plagt. 

MAGDEBURG.  GEORG   GERLAND. 


313 


ÜBER  CYNEVULF. 

III. 

„Nur  wie  der  ährenleser  folgt  dem  Schnitter,"  so  unternehme  ich  es 
nach  Dietrich,  die  stellen,  in  welchen  Cynevulf  von  sich  selber  spricht, 
nochmals  zu  untersuchen.  Der  stil  der  angelsächsischen  poesie,  der  stil 
dieses  dichters  insbesondere  bringt  es  mit  sich,  dass  aufschltisse ,  die  er 
über  persönliche  Verhältnisse  gibt,  sich  in  ein  poetisches  dunkel  hüllen 
und  widerholte  beleuchtung  verlangen  werden,  um  sich  vollständig  zu 
ergeben. 

Zu  den  fraglichen  stellen  wage  ich ,  wie  in  der  ersten  dieser  Unter- 
suchungen bereits  angedeutet  wurde,  auch  die  verse  des  ersten  rät- 
seis zu  rechnen .  in  welchen  cocne  als  iixor  verstanden  wird.  Das  ein- 
fache appellativum  vulf  als  poetische  bezeichnung  für  maim  ist  unerhört, 
nur  die  composita  hildemdf  und  välvulf  begegnen  in  diesem  sinne  und 
nur  wo  vom  kämpfe  die  rede  ist.  Muss  man  also  hier  vulf  durchaus 
als  eigennamen  fassen ,  so  kann  es  nicht  bedeutungslos  sein ,  dass  die  kla- 
gende frau  ihren  mann  ruft.  Vulf  diente  gerade  mit  diesem  namen  als 
abkürzung  für  namen,  in  denen  es  einen  compositionsteil  bildet;  der  name 
des  dichters,  den  die  ganze  charade  ergibt,  ist  eine  solche  Zusammen- 
setzung. Wer  die  charade  riet  konnte  also  kaum  umhin,  sich  des  dich- 
ters eigne  gattin  bei  der  coene  des  vulf  zu  denken ,  und  dies  muste  daher 
auch  vom  dichter  beabsichtigt  sein.  Wir  entnehmen  also  dem  rätsei, 
dass  Cynevulf  oft  und  lange  von  seinem  hausstand  abwesend  war,  und 
müssen  die  Ursache  davon  in  seinem  gewerbe  als  sänger  suchen. 

Von  ihm  ist  nun  auch ,  wie  Dietrich  de  criice  Buthtvellensi  p.  10  ff. 
zur  genüge  bewiesen  hat,  das  gedieht  von  der  er  scheinung  des  h. 
kreuze s  verfast,  das  im  co([e\  von  Vercelli  der  Elene,  dem  gedieht 
von  der  auffindung  des  kreuzes,  bedeutungsvoll  voransteht.  Er  erzählt 
hier  wie  ihm  im  träum  um  mitternacht  das  kreuz  Christi  erschien  und 
seine  geschichte  erzälilte;  nachdem  es  geendet  fährt  er  v.  122  fort:  „da 
betete  icli  zu  dem  bäume  frohen  mutes ,  mit  grossem  eifer ,  allein  wie 
ich  war ,  mit  massiger  mannschaft  (eine  litotes ,  die  den  begriff  der  ein- 
samkeit  umschreibt  wie  v.  69 ,  wo  es  von  dem  im  grabe  ruhenden  hei- 
land  heist  reste  he  Jmr  mcete  veorode).  Der  geist  war  bereit  zur  hin- 
fahrt; aller  art  Sehnsuchtszeiten  (oder  verdrusseszeiten)  hatte  er  viel 
erlebt  {fela  ealra  (jcMd  langunglivtla).  Ich  habe  nun  fieudigkeit  zum 
leben  {Is  me  nit  lifes  hi/ht),  auf  dass  ich  den  siegesbaum  öfter  als  alle 
menschen  aufsuchen  möge  und  ihn  wol  verehren;  dazu  habe  ich  grossen 
willen  im  herzen,  und  meine  hilfe  steht  bei  dem  kreuze.     Ich  habe  nicht 


3U  RIEtiEE 

^iel  reiclier  freimde  auf  erden ,  sie  sind  aus  der  weit  gegangen ,  leben 
nun  im  liimmel ,  und  ich  harre  täglich  wann  mich  des  herren  kreuz ,  das 
ich  hier  auf  erden  zuvor  schaute,  aus  diesem  vergänglichen  leben  holen 
und  dahin  bringen  wolle,  wo  grosse  freude  ist"  u.  s.  w. 

Wir  sind  bei  modernen  dichtem  mit  recht  gewohnt,  ihre  Visionen 
ohne  weiteres  als  erfindung  zu  betrachten,  aber  es  wäre  sehr  unhistorisch 
dies  auch  auf  die  alten  zu  übertragen.  Bei  einem  geschlechte ,  dem  es  an 
unserer  fertigkeit,  alles  zur  phrase  auszumünzen,  zumal  beim  gebrauch 
der  muttersprache  noch  gar  sehr  fehlte,  bei  dem  dagegen  das  intuitive 
Seelenleben  eine  grosse,  uns  kaum  verständliche  rolle  spielte,  kann  eine 
erzählung  wie  die  in  unserm  gedieht  enthaltene  verlangen  ganz  thatsäch- 
lich  aufgefasst  zu  werden ,  so  frei  natürlich  die  poesie  im  einzelnen  der 
darstellung  gewaltet  hat.  So  gut  wie  Dante  die  vision,  die  er  in  seiner 
com  media  ausspinnt,  nach  ausweis  der  vita  nuova  wirkKch  gehabt  hat, 
mrd  und  muss  auch  Cynevulf  das  ki-euz  im  träume  gesehen  und  worte 
dazu  gehört  haben,  die  seiner  poetischen  ausführung  zu  gründe  liegen. 
Diese  erscheinung  ward  ihm ,  wie  wir  hören ,  zu  theil  als  er  durch  trau- 
rige erfahrungeu  niedergeschlagen  war ;  sie  ward  ihm  zum  ausgangspunkt 
eines  neuen  religiösen  lebens,  und  obwol  er  sich  nur  um  so  herzlicher 
nach  der  himmlischen  heimat  sehnte ,  benutzte  er  doch  nun  gerne  den 
rest  seiner  tage  zur  Verehrung  und  zum  preise  jenes  Zeichens,  durch  das 
ihm  der  beseligende  gedanke  der  erlösuug  vermittelt  ward.  Ueber  den 
ki-euzescultus  der  Angelsachsen,  ohne  welchen  das  kreuz  nicht  diese 
bedeutimg  für  die  religiosität  eines  einzelnen  mannes  hätte  gewinnen 
können,  sehe  man  Bouterweks  Cädmon  s,  CLXV.  Indem  Cynevulf  jetzt 
auf  sein  früheres  leben  zurückblickt ,  erscheint  es  ihm  von  Sünden  befleckt : 
sylFic  väs  se  sigebedm  and  ic  synnum  fdli ,  forvimded  mit  vommiim 
(v.  13  f.).  War  es  sein  gewerbe,  das  ihm  solche  gewissensbisse  machte? 
Wir  wissen  mit  welchem  makel  es  in  den  äugen  der  kirche  behaftet 
war.  Deutlicher  blickt  dieses  gewerbe  hervor,  wenn  er  v.  3  31  f.  sagt 
näh  ic  rtcra  feala  freonda  on  foldan ,  weil  kein  andres  so  sehr  auf  reiche 
freunde  angewiesen  war.  Das  adjectiv  ncra  erklärt  sich  nur  wenn  es 
einen  hinblick  auf  eigne  dürftige  umstände  enthält ;  l)ei  der  blossen  trauer 
um  verlorene  freunde  wäre  deren  reichtum  gleichgültig  gewesen. 

Bestätigend  und  ergänzend  verhält  sich  zu  dieser  stelle  der  epüog 
der  Elene.  Sein  Inhalt  und  Zusammenhang  ist  folgender:  „So  habe  ich, 
alt  und  zum  abschied  bereit,  durch  das  dem  tod  geweihte  haus  dies 
werk  vollendet,  die  bedrängnis  der  nacht  (d.  i.  den  gegenständ  meiner 
nachtwachen).  Ich  wüste  nichts  rechtes  von  dem  kreuze,  ehe  es  mir 
grössere  erkenntnis  durch  seine  herrliche  macht  enthüllte.  Ich  war  von 
Sünden  und  sorgen  gefesselt,  ehe  gott   mir   alten   zum  tröste  lehre  ver- 


ÜBER   CYNEVULF  315 

lieh,  mich  von  jenem  diiicke  befreite  und  mir  die  dichtergabe  ^  (wider) 
erschloss,  die  ich  weiland  mit  lust  in  der  weit  gebraucht  hatte.  Ich 
gedachte  oft  von  ganzem  herzen  des  kreuzes  (d.  h.  ich  verrichtete  zu 
ihm  meine  and  acht)  eh  ich  die  wundergeschichte  von  ihm  offenbart  hatte, 
wie  ich  sie  in  den  büchern  fand.  Immer  war  der  mann  (dessen  name 
nämlich  aus  den  folgenden  runen  zu  entnehmen  ist)  bis  dahin  von  sor- 
gen erschüttert ,  eine  sinkende  lichte ,  obgleich  er  in  der  methalle  gold 
verdiente;  er  trauerte  um  die  heimat;  dem  notgedrungenen  wanderer 
ward  es  eng  ums  herz,  wann  ein  ross  vor  ihm  her  sprang.  Die  Jugend 
ist  dahin  und  mit  ihr  die  freude.  Eeichtum  ist  nur  geliehen ;  des  landes 
Zierden  vergehn  wie  der  wind.  So  vergeht  diese  weit  überhaupt  und 
die  auf  ihr  gezeugt  wurden ,  im  feuer ,  wann  der  herr  zum  gerichte  kommt 
und  auch  von  den  werten  recheuschaft  gegeben  werden  muss,  von  aller 
ehemals  gesprochenen  thorheit  wie  auch  von  frechen  gedanken.  Dann 
werden  die  heiligen  zu  oberst  in  dem  feuer  (das  also  an  die  stelle  der 
jetzigen  Schöpfung  tritt)  Seligkeit  gemessen ,  die  sünder  in  seinem  mittleren 
theile  und  die  verdammten  in  seinem  untersten  gründe  quäl  erleiden. 
Doch  wird  die  der  sünder,  die  busse  gethan  und  Gottes  söhn  angerufen 
haben,  nicht  ewig  währen:  sie  werden  von  ihren  sünden  geläutert  und 
zum  ewigen  erbe  im  himmel  berufen  werden." 

Zunächst  habe  ich  einiges  zur  rechtfertiguug  meines  Verständnisses 
dieser  stelle  beizufügen.  Wenn  der  leib  1237  als  pät  fcecne  Ms  =  domus 
fraudulenta  umschrieben  wird,  so  kann  man  daran  denken,  dass  er 
durch  seine  Vergänglichkeit  das  auf  ihn  gesetzte  vertrauen  täuscht;  viel 
wahrscheinlicher  ist  mir,  dass  wie  881  pät  foege  liüs  gemeint  ist,  nur 
in  anderem  sinn:  dort  der  tote,  hier  der  zum  tode  reife  leib.  —  Nih- 
tes  nearve  nimmt  Grein  hier  wie  Guthl.  1183,  jedoch  nicht  ohne  ein 
fragezeichen,  als  instrumental,  also  in  angusUa  oder  per  angustiam 
noctis;  er  zieht  es  indess  jetzt  nicht  mehr  zum  folgenden  satze,  s.  Germ. 
X,  425.  Ich  finde  alles  klar  und  stilgemäss,  wenn  ich  niJifes  nearve 
als  apposition  zu  gepanc  nehme.     In  demselben  sinne  wie   ihn  die  obige 

1)  Grein  unterscheidet  leöäticräft  in  unserer  stelle  von  leoäucräft  Beov.  2769. 
Bi  monna  cräftum  29.  Keine  dieser  stellen  erträgt  jedoch  den  begriff  körperkraft ; 
die  erste  verlangt  die  bedeutung  kunstfertigkeit ,  die  zweite  indoles ,  facultas ,  und 
diese  beiden  bedeutungen  können  nur  auf  den  grundbegriff  ars  carminibus  mugicis 
comxjaruta  zurück  gehn.  Neben  diesem  stünde  dann  unabhängig  die  von  unserer 
stelle  geforderte  bedeutung  ars  poetica.  Der  ablcitungsvocal  u  bei  leoä  findet  sich 
noch  in  leöäufäst  (auch  hier  ist  das  von  Grein  angesetzte  leoänfäst  schwer  denkbar), 
bi  m.  er.  95  und  leöäorün  El.  522,  und  ein  verschollenes  liiipus  neben  oder  vor  Hup 
wird  auch  durch  das  lendiis  des  Venantius  Portunatus  unterstützt.  Nach  Wackerna- 
gel lit.  gesch.  s.  66  und  glosa.  s.  v.  wäre  überdies  Uet  wie  ^f'Aos  ursprünglich  so  viel 
als  lit  (got.  lipus),  was  eine  doppelgestalt  der  wurzel  auf  i  und  m  voraussetzt. 


;U(i  RIEGEK 

Übersetzung  angibt,  lässt  es  sich  iu  Guthlac  als  appositiou  zu  gehäa 
V.  1181  ziehen;  man  vergleiche  noch  den  ausdruck  nearo  nilitvaco  im 
Seefahrer  v.  7  (bei  Grein  l ,  242).  —  Als  subject  des  folgenden  satzes 
liegt  es  am  nächsten ,'  mit  Grein  (s.  gloss.  s.  v.)  nsdom  zu  fassen.  Aber 
dieser  begriff  wird  ausser  in  Aelfreds  bearbeitung  des  Boethius  schwer- 
lich so  personificiert ,  wie  es  hier ,  und  zwar  ohne  artikel ,  der  fall  wäre : 
und  wäre  der  gedanke  nur  passend?  Des  dichters  eigne  Weisheit  kann 
nicht  gemeint  sein,  aber  auch  gottes  Weisheit  ist  es  doch  nicht,  die  ihn 
erleuchtet,  sondern  gottes  gnade,  und  ohne  einen  geuitiv  bleibt  visdom 
zum  mindesten  zweideutig.  Ich  stelle  daher  nicht  an,  das  subject  des 
satzes  aus  dem  von  Grein  zweifellos  richtig  ergänzten  rode  zu  entnehmen 
und  visdom  als  apposition  zu  rümran  gepeaJit  zu  fassen.  —  Villum 
V.  1252  ist  eine  des  dichters  unwürdige,  weil  dem  begriff  nichts  hinzu- 
fügende tautologie  mit  lustum;  ein  adverb  im  sinne  von  olim  scheint 
dagegen  unentbehrlich .  weil  eine  dichtergabe ,  der  man  sich  noch  immer 
mit  lust  bedient,  nicht  braucht  von  neuem  erschlossen  zu  werden.  Die 
Unterdrückung  des  anlautenden  h  vor  consonanten  ist  im  cod.  vercell. 
nicht  unerhört:  Andr.  6  findet  sich  lyt  für  Jüyt,  145  väs  für  Jiväs,  in 
der  zweiten  rede  der  seele  164  (bei  Grein  I,  204)  reäre  für  hreäre. 

Stellen  ivir  uns  nun  vor  äugen,  Avas  dieser  epilog  thatsächliches 
über  des  dichters  person  ergibt. 

1)  Er  ist  alt  und  lebenssatt;  füs  in  Verbindung  mit  frod  will  nichts 
anders  sagen  als  äff/sed  on  foräveg  Kr.  125;  ßät  fcege  Jiüs  bedeutet 
einen  müden  gebrechlichen  leib. 

2)  Die  Offenbarung  bezüglich  des  kreuzes,  seiner  bedeutung  und 
kraft,  die  den  dichter  veranlasst  hat,  die  vorausgehende  geschichte  sei- 
ner auffindung  zu  bearbeiten  und  die  ihm  zum  Schlüsse  v.  1229  —  .36 
die  kräftigste  empfehhmg  seines  cultes  in  den  mund  gelegt  hat,  diese 
offenbarmig  ist  ihm  von  dem  kreuze  selbst  zu  theil  geworden.  Hierin 
liegt  die  deutlichste  beziehnung  auf  das  traumgesicht,  in  welchem  das 
kreuz  selbst  redend  eingeführt  wird.  Wenn  gleichwol  v.  1248  diese 
Offenbarung  ohne  weiteres  auf  gott  zurückgeführt  wird,  so  versteht  sich 
das  ganz  von  selbst. 

3)  Der  dichter  war  zu  der  zeit,  als  ihm  die  Offenbarung  zu  theil 
ward,  veorcum  fäh,  d.  i.  durch  seine  werke  mit  gott  verfeindet,  syn- 
num  äsceled;  ebenso  nennt  er  sich  Kr.  13  f.  synnum  fäh,  forvunded  mit 
vommum. 

4)  Er  war  ferner  sorgum  gevceJed,  Tjysgmn  hejirungen;  dazu  stimmt 
Kr.  125  f  feala  ealra  gehdd  langmighvila  und  131  f  nah  ic  rtcra  feala 
freönda  on  foldan. 


t'BER    CYNRVTTLF  317 

5)  Er  war  ferner  auch  zur  zeit  seiner  erleuchtung  durch  gott 
bereits  alt,  sie  ward  ihm  gomelum  to  geöce  1247:  es  ist  also  hier 
schwerlich  von  einer  andern  erleuchtung  die  rede  als  der  durch  den 
träum  vom  kreuze.  Eben  darauf  deuten  auch  die  ausdrücke  häncofan 
onhanä,  hrosflocan  onvancl  v.  1250,  die  dem  st/mnim  asceled  1244 
deutlich  entsprechen. 

6)  Zugleich  mit  dieser  erleuchtung,  welche  das  band  der  Sünden 
und  sorgen  sprengte,  erschloss  ihm  gott  die  gäbe  der  dichtkunst,  die  er 
vordem  froh  gebraucht  hatte ,  die  aber ,  wie  man  annehmen  muss ,  unter 
dem  inneren  und  äusseren  drucke,  der  auf  ihm  lastete,  versiegt  war. 
Um  V.  1251  so  zu  verstehn  wurde  freilich  hvllam  für  villum  gelesen. 
Lassen  wir  villum  gelten ,  so  entsteht  die  möglichkeit  zu  übersetzen :  die 
ich  (seitdem)  fröhlich  gebrauchte.  Auch  dann  wird  ein  zeitadverb,  nur 
das  entgegengesetzte ,  ungern  vermisst.  Der  dichter  würde  dann  etwas 
ähnliches  von  sich  erzählen ,  wie  es  Beda  von  Cädmon  berichtet.  Aber 
ist  es  im  geringsten  wahrscheinlich,  dass  dies  mit  so  wenigen,  unbestimm- 
ten, schwer  zu  verstehenden  Worten  geschehen  sein  würde?  Der  gebrauch 
der  dichtergabe  wäre  dann  lediglich  auf  das  traumgesicht  und  die  Elene 
zu  beziehen,  da  mehr  werke  zwischen  der  Verleihung  der  dichtergabe 
und  dem  Zeitpunkte,  worin  der  dichter  jetzt  spricht,  offenbar  nicht  lie- 
gen können.  War  nun  die  beschreibuug  des  traumes  das  erste  erzeugnis 
einer  zuerst  im  alter  durch  eben  diesen  träum  erweckten  poetischen  ader, 
so  war  hier  offenbar  der  ort ,  von  diesem  ausserordentlichen  Vorgang  den 
hörern  künde  zu  geben,  die  überrascht  sein  musten,  einen  alten  mann 
plötzlich  als  dichter  auftreten  zu  sehen.  Aber  das  kreuz  befiehlt  ihm 
V.  95  f.  das  gesiebt  den  menschen  zu  erzählen  ganz  so,  als  sei  seine 
befähigung  dazu  eine  bekannte  sache,  und  Cynevulf  erwidert  nicht,  wie 
Cädmon,  dass  sie  ihm  fehle,  sondern  nimmt  den  auftrag  ohne  weite- 
res hin. 

7)  Od ßät  1257  kann  nur  den  Zeitpunkt  meinen,  der  sich  aus  dem 
vorhergehenden  satz  ergibt,  nämlich  wo  er  pät  vundor  onvrigen  höfde. 
Also  bis  zur  Vollendung  der  Elene  dauerte  die  läge  des  dichters,  die 
ihn  unglücklich  machte,  fort.  Sie  war  nicht  gerade  die  des  äussern 
mangels,  denn  er  verdiente  gold  in  der  methalle,  ohne  zweifei  durch 
den  Vortrag  seiner  frühern  gedichte ;  aber  dieser  verdienst  war  eines  theils 
unsicher ,  andern  theils  ihm  offenbar  in  seiner  jetzigen  Stimmung  zuwider, 
und  er  trennte  ihn  von  seiner  heimat,  nach  der  ihn  Sehnsucht  erfüllte. 
Hält  man  dies  mit  der  klage  um  den  Verlust  der  reichen  freunde  Kr. 
122  f.  zusammen,  so  gelangt  man  zu  der  vennutung,  Cynevulf  habe 
einst  bei  einem  grossen  herren  seiner  heimat  die  geehrte  und  angenehme 
Stellung  eines  hofdichters  eingenommen,    wie  §ie   der  im  Beövulf  auftre- 


ßlS  RIEGER 

teiule  scop  uns  anschaulich  macht;  nacli  dem  tod,  vielleicht  nach  dem 
gewaltsamen  Untergang  seines  gönners  habe  er  die  heimat  meiden  und 
in  fremden  methallen  einen  unsteten  und  unsicheren  verdienst  suchen 
müssen. 

8)  Vom  Verluste  seiner  Jugend ,  in  der  er  ein  fröhlicher  jagdgenosse 
seines  alten  herren  war  (1266  f.),  und  seines  alten  wolstandes  bahnt  er 
sich  den  Übergang  zur  betrachtung  des  weitendes ,  des  Weltgerichtes  und 
des  Schicksales  der  seelen  nach  dem  tode.  Wenn  dieser  schluss  nicht 
einen  inneren,  wenn  auch  unter  der  Oberfläche  liegenden  Zusammenhang 
mit  dem  ersten  rein  persönlichen  theil  des  epiloges  hat,  so  ist  er  hier 
nicht  zum  besten  angebracht,  was  der  sonstigen  immer  auf  eine  gute 
logische  gliederung  gerichteten  weise  C^ynevulfs  wenig  entspräche.  Ich 
glaube  daher  dass  Grimm  vollkommen  recht  hat,  wenn  er  zu  El.  1277 
in  den  einst  gesprochenen  thorheiten  v.  1285  eine  anspielung  auf  frü- 
here weltliche  gedichte  vermutet,  und  sehe  es  hier  bestätigt,  was  ich 
oben  über  den  gegenständ  der  gewissensvorwürfe,  die  er  sich  macht, 
fragweise  aufstellte.  Daher  hier  die  hervorhebung  des  fegefeuers.  Unter 
den  heiligen  kann  der  ehemalige  Sänger  der  weit  und  ihres  wesens  nicht 
hoffen  aus  dem  gericht  hervorzugehn ,  aber  vor  der  Verdammnis  rettet 
ihn  busse  und  glaube;  er  kann  hoffen  nach  der  läuterung  durchs  feuer 
der  ewigen  Seligkeit  theilhaft  zu  werden.  Die  theologische  incorrectheit, 
mit  welcher  jene  läuterung  in  die  zeit  nach  dem  jüngsten  gerichte  ver- 
legt wird,  muss  man  einem  laien  zu  gute  halten. 

Nach  alle  dem  brauche  ich  nicht  mehr  zu  sagen,  dass  ich  Die- 
trichs Vermutung  (de  er.  Euthw.  p.  14) ,  wonach  unser  dichter  eine  per- 
son  mit  dem  bischof  Cynevulf  von  Lindisfarne  gewesen  wäre ,  nicht  bei- 
stimmen kann.  Dieser  bischof  besass  seinen  stuhl  von  737  bis  780,  also 
drei  und  vierzig  jähre ,  und  starb  782.  Der  dichter  aber,  wenn  ich  seine 
andeutungen  richtig  verstehe,  war  kein  geistlicher  dilettant  wie  Ald- 
helm,  sondern  ein  Sänger  von  beruf,  setzte  auch  sein  gewerbe  bis  ins 
alter  fort;  noch  im  alter  lebte  er  kummervoll  mid  von  der  heimat 
getrennt,  im  alter  erst  kam  er  durch  die  traumerscheinung  des  kreuzes 
zur  erkenntnis  seiner  Sünden  sowie  zur  lebendigen  Zuversicht  der  erlö- 
sung  und  verwante  nun  erst  seine  kunst  auf  werke  geistlichen  Inhaltes. 
Als  bischof  hätte  er  im  ersten  dieser  werke,  dem  traumgesicht  vom 
kreuze,  keine  veranlassung  gehabt,  den  verlust  reicher  freunde  zu  bekla- 
gen ;  er  selbst  wäre  ein  reicher  freund  für  andre  gewesen.  Auch  wenn 
sich  diese  klage,  wie  Dietrich  vermutet,  vornehmlich  auf  könig  Ceolvulf 
bezieht,  der  von  seiner  abdankung  737  bis  zu  seinem  tode  760  oder  64 
im  kloster  zu  Lindisfarne  lebte,  bleibt  ihre  beschränkung  dm-ch  das 
adjectiv  ricra  sinnlos.     Half  ihm  doch  auch  die  freundschaft  des  könig- 


ÜBEB   CYNEVüLF  319 

liehen  mönches  nicht,  als  er  750  von  könig  Aedbert,  ohne  schuld,  wie 
es  scheint,  weggeschleppt  und  nach  Bebbanburh  gefangen  gelegt  wurde 
(Simon,  bist.  eccl.  Dunelm.  col.  10.     De  regg.  Angl.  a.  750). 

Dass  Cynevulf  der  dichter  auch  ohne  zum  geistlichen  stände  bestimmt 
zu  sein  sich  jene  litterarische  bildung  erwerben  konnte,  welche,  um 
der  geistlichen  gedichte  zu  geschweigen,  schon  seine  rätsei  kundgeben, 
wird  von  Dietrich  selbst  anerkannt.  Sonst  aber  gibt  es  in  der  that 
keine  stütze  für  die  annähme,  dass  er  jemals  priester  geworden  sei. 
Dietrich  glaubte  diese  stütze  in  den  werten  purh  leöhtne  liäd  El.  1246 
zu  finden,  in  welchen  schon  Grimm  den  geistlichen  stand  des  dichters 
glaublich  angedeutet  fand.  Auch  Grein  im  giossar  stimmt  hiemit  überein 
und  zieht  auch  die  analoge  stelle  purh  häligne  häd  Güdl.  fi5  in  die- 
selbe bedeutung,  indem  er  hier  geradezu  a  clericis  übersetzt.  Ich  sehe 
nicht  den  mindesten  grund  diese  stellen  anders  aufzufassen  als  Jmrh 
hcestne  häd  Beov.  1335.  Jmrh  liorscne  häd  Cri.  49.  ßurh  monigne  häd 
Amr.  98,  wo  häd  lediglich  modus  bedeutet  und  zur  Umschreibung  des 
adverbs  dient;  auch  purh  dcenne  häd  Cri.  444  gehört  dahin.  Wäre 
mit  häd  an  unserer  stelle  die  Priesterwürde  gemeint,  so  würde  der  arti- 
kel  pone  gewiss  nicht  fehlen ,  ohne  ihn  hat  man  keinen  grund  anders 
als  lucido  modo  oder  luculente  zu  übersetzen.  Ich  bestreite  natürlich 
nicht  die  möglichkeit,  ja  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  Cynevulf  nach  dem 
traumgesicht ,  das  eine  so  tiefe  Wirkung  auf  sein  religiöses  leben  übte, 
der  weit  entsagt  und  den  rest  seines  lebens  im  kloster  zugebracht  habe ; 
er  hätte  damitnur  in  der  weise  eines  Zeitalters  gehandelt,  das  den  gegen- 
satz  des  Christentums  zur  weit  rückhaltlos  in  seine  consequenz  zu  ver- 
folgen gewohnt  war. 

IV. 

Nachdem  der  Inhalt  der  handschriften  von  Exeter  und  Vercelli  sei- 
nem weit  überwiegenden  theile  nach  von  Dietrich  als  Cynevulfs  eigentum 
nachgewiesen  ist,  liegt  es  nahe,  auch  die  übrigen  darin  enthaltenen 
gedichte,  deren  beschränkter  umfang  ein  hinlängliches  beweismaterial 
kaum  erwarten  lässt,  für  ihn  in  ansprach  zu  nehmen,  sofern  sie  nur 
nichts  mit  seiner  autorschaft  unverträgliches  enthalten.  Hierzu  ist 
durch  Dietrich  selbst  der  anfang  gemacht  worden,  indem  er  De  er. 
Ruthw,  anm.  34  das  gedieht  Älielpe  mtn  se  hälga  dryhten  (nr.  IV.  der 
hymnen  und  gebete  bei  Grein  2,  283),  das  ihm  Kynev.  p.  aet.  p.  3  noch 
für  das  werk  eines  andern  galt,  ohne  weiteres  als  Ci/nevulfi  poetae  que- 
rela  bezeichnete.  Es  ist  mir  jedoch  zweifelhaft,  ob  gerade  hier  damit 
das  rechte  getroffen  ist.  Das  gedieht  zeigt  in  seinem  ersten  theile, 
worin   der   Verfasser   aus  o-eängfstetem  herzen   um   das  heil  seiner  seele 


"20  RIEOKP 

betet,  eine  Innigkeit  und  reife  subjectiver  religiosität,  wie  sie  bei  Cyne- 
vulf  eigentlich  nicht  vorkommt,  so  gefühlvoll  dieser  von  den  that- 
sachen  des  glaubens  zu  handeln  weiss.  Jedenfalls  würde  dieser  ton  erst 
nach  der  traumerscheinung  des  kreuzes,  die  ihn  zu  lebendiger  aneignung 
des  heiles  in  Christo  erweckte,  zu  erwarten  sein;  dann  aber  vermisst 
man  jede  bezugnahme  auf  jene  erscheinung  oder  auf  das  kreuz  überhaupt. 
Man  vermisst  auch  jede  andeutung  eines  vorgerückten  alters:  denn  die 
worte 

nü  ic  fundige  tö  Jje^       feeder  moncynnes, 

of  ßüse  vorulde,  nü  ic  vät  pät  ic  \]ieonan\  sceal 

ful  unfyr  faca 

v.  40  ff.  enthalten  jene  andeutung  nicht,  so  nahe  sie  läge,  und  wenn 
der  dichter  v.  81  f.  sagt  ne  eom  ic  drma  gledv,  vis  for  veorude,  so 
gesteht  er  damit,  bei  der  bekannten  correlation  der  begriffe  alter  und 
Weisheit,  Jugend  und  thorheit,  beinahe  ausdrücklich  seinen  mangel  an 
Jahren  ein.  In  folge  dieses  bewustseins ,  nicht  weise  zu  sein ,  versagt 
er  sich  nicht,  auf  die  traurigen  umstände,  die  er  als  strafe  gottes  für 
bewuste  und  unbewuste  Sünden  empfindet,  näher  einzugehn  und  sein 
gebet  mit  einer  klage  zu  beschliessen.  Hier  erfahren  wir,  dass  er  ehe- 
mals wegen  seiner  thaten  gepriesen  (svä  min  gevyrhto  vceron  micle  fore 
monnum  79  f.),  nun  aber  seit  jähren  von  seiner  heimat  getrennt  der 
mittel  entbehrt,  um  die  rückreise  über  see  zu  unternehmen,  während 
er  unter  der  abgunst  seiner  fremden  Umgebung  schwer  zu  leiden  hat. 
Bei  verhältnismässig  so  grosser  ausführlichkeit  hätte  Cyuevulf,  wenn  er 
es  wäre  der  hier  spricht ,  den  verlust  der  reichen  freunde ,  den  er  anders- 
wo beklagt,  gewiss  nicht  unerwähnt  gelassen.  Es  kommt  dazu,  worauf 
ich  an  und  für  sich  kein  entscheidendes  gewicht  legen  würde,  dass  in 
dem  gedichte  nicht  ganz  die  poetische  kraft  zu  erkennen  ist,  die  wir  an 
Cynevulf  bewundern.  Der  dichter  hat  das  bedürfnis  seine  verse  mit  voca- 
tiven  zu  füllen ;  über  dem  bestreben ,  alles  zu  sagen  was  er  auf  dem  her- 
zen hat,  dreht  er  sich  im  kreis  herum  und  verfallt  in  widerholungen ; 
es  fehlt  im  einzelnen,  wenn  auch  nicht  im  ganzen,  an  kernhafter  dispo- 
sition.  Man  vergleiche  nur  feorma  mec  hväärc  25  und  feorma  meponne 
42;  geöca  mhies  gcestes  45  und  geoca  minre  sävie  59  f.;  vor  allem  die 
fünfmalige  einführung  des  bekenntnisses  seiner  Sünden  in  der  form  eines 
concessivsatzes  15.  26.  33.  47.  50.  Er  ist  wortreich  genug,  aber  weni- 
ger kunstreich  und  streng  als  Cynevulf,  und  ich  glaube  die  weise  eines 
beträchtlich  späteren  dichters  zu  erkennen.  Es  begegnet  endlich  ein  für 
die  sinkende  kunst  charakteristischer  Verstoss  gegen  den  versbau,  indem 
10]   der  Stabreim  auf  die  letzte  hebung  des  zweiten  halbverses  fällt. 


ÜBER   CYNEVITLF  321 

Noch  weniger  einleuchtend  finde  ich  es,  wenn  Grein  Grerm.  10, 
305  das  im  cod.  exon.  vorfindliche  durchgereimte  gedieht  (bibl.  II,  139) 
wegen  der  überaus  nahen  verwantschaft  seines  inhaltes  mit  dem  epilog 
der  Elene  unserm  dichter  zuschreibt.  Diese  verwantschaft  ist  nur  in 
sofern  vorhanden,  als  der  redende  einer  glücklichen  Vergangenheit  eine 
traurige  gegenwart  gegenüber  stellt.  Die  beschreibuug  aber,  die  er  von 
seiner  Vergangenheit  macht,  lässt  ihn  als  reichen,  mächtigen,  von  einem 
glänzenden  dienstgefolge  umgebenen  herrn  erscheinen;  während  in  der 
gegenwart,  trotz  dem  erbaulichen  Schlüsse,  jede  andeutung  einer  persön- 
lich religiösen  erhebung,  wie  sie  Cynevulf  kund  gibt,  fehlt.  Aber  wenn 
dem  auch  nicht  so  wäre,  würde  ich  doch  anstand  nehmen,  ihm  ein  so 
trostloses  wortgeklingel  aufzubürden.  Wie  anders  kommt  es  doch  her- 
aus wenn  der  wirkliche  Cynevulf  Cri.  591  —  96  oder  El.  1237 — 46. 
48  —  51  oder  Andr.  869 — 72.  89  f.  wenige  verse  hindurch  sich  der 
Zierde  des  reimes  bedient!  Ein  richtiger  geschmack  verbietet  ihm  bis 
zur  ermüduug  des  obres  damit  fortzufahren,  und  die  kunst  reicht  aus, 
um  gedanken  und  satzbau  darüber  nicht  zu  kurz  kommen  zu  lassen. 
Durchschlagend  ist  jedoch  die  erwägung,  dass  in  den  26  gereimten  versen, 
die  ich  soeben  angeführt  liabe,  nicht  weniger  als  acht  blosse  assonanzen 
unterlaufen  {vrääum:  drum  Cri.  595.  väf:  las  El.  1238.  gebunden: 
beßrungen  1245.  o.oldg:  hdd  1246.  onti)nde:  gerf/mde  1249.  lufedon: 
vunedon  And.  870.  liedp:  predt  872.  vijnn:  prym  889),  während  die 
87  verse  des  reimliedes  nur  etwa  fünfe  darbieten,  unter  welchen  drei 
{gearvade:  hvearfade  36.  hented:  sci/nded  60.  vripeä:  smUeä  64),  weil 
nur  die  lautstufe  verschieden  ist ,  kaum  in  betracht  kommen ;  Grein  hat 
sogar  alle  durch  emendatiou  beseitigt,  was  freilich  in  den  fällen  bei 
Cynevulf  unmöglich  wäre.  Sichtlich  gieng  der  dichtei-  des  reimliedes 
systematisch  auf  genaue  reime  aus,  während  Cynevulf  darin  noch  ganz 
sorglos  war.  Jener  verhält  sich  auch  in  dieser  hinsieht  wie  Egil  Skala- 
grimsson  in  seinem  von  Grein  a.  a.  o.  in  erinnerung  gebrachten  gedichte 
Höfudkmsn,  das  keinen  einzigen  ungenauen  reim  enthält.  In  der  aus- 
gebildeten poetischen  technik  des  nordens  waren  die  einzelnen  versarten 
zu  gesondertem  gebrauche  bestimmt:  ein  gedieht  war  ganz  entweder  im 
Foriiijrdalag  oder  im  LiöäaJiattr  oder  im  DröttJcvaedi  verfasst.  In  der 
angelsächsischen  poesie  finden  wir  einen  minder  entwickelten  zustand 
fixiert:  nach  belieben  unterbricht  der  dichter  den  alt- epischen  vers  durch 
lange  verse,  die  nur  des  reimschmuckes  bedürfen  um  Dröttkvaedi  zu 
sein,  oder  in  gnomischen  stücken  durch  kurze  in  der  weise  des  Liöda- 
hattr.  Eben  so  ist  es  mit  der  weise,  die  im  norden  Bimhenda  heisst, 
wo  beide  hemistichien  auf  einander  reimen:  der  norden  baut  ganze 
gedichte  daraus,   die  Angelsachsen  bringen   einzelne   verse   oder  kürzere 

ZEITSCHR.    F.    DKUTSCHE    PHILOL.  21 


322  RIEGEB 

reilien  von  vorson  dieser  art  an.  Unser  reiinlied  ist  das  einzige  gedieht, 
worin  die  liioiJicnch  sich  durchgeführt  zeigt.  Liegt  es  da  nicht  nahe, 
die  nachahnumg  eines  nordischen  vorhildes  zu  vermuten?  Egil  Skala- 
grinisson  hielt  sich  zweimal  in  England  auf,  er  war  angesehen  am  hofe 
Aethelstans  und  dichtete  seine  Höfuälausn  in  Northumberland.  Ihm 
dürfte  also  der '  dichter  des  rcimliedes  seine  anregung  verdankt  liaben, 
und  damit  würde  dasselbe  ins  zehente  Jahrhundert  gerückt. 

V. 

Mich  gelüstet  es  eine  spur  zu  verfolgen,  die  aus  Cjmevulfs  Crist 
zu  einigen  jener  kleineren  gedichte  des  codex  exoniensis  hinüber  führt. 

Cynevulf  geht  sehr  frei  mit  den  lateinischen  werken  um,  die  seine 
vorläge  bilden.  Seine  bearbeitung  gerät  mitunter  so  schief,  dass  man 
auf  den  gedankeu  käme  ,  er  habe  gar  nicht  lateinisch  verstanden ,  son- 
dern nur  durch  vermitteluug  eines  Übersetzers  Zugang  zu  seinen  stoffen 
gehabt ,  wenn  nicht  die  probe  lateinischer  dichtung  am  Schlüsse  des  Phö- 
nix den  gegenbeweis  lieferte.  Indes  auch  Aelfred  verfährt  frei  genug  mit 
seinem  Boethius  und  auch  ihm  begegnen  meuschlichkeiten.  Der  stil, 
den  der  Stabreim  mit  sich  brachte,  bedingte  ein  bedeutendes  mass  von 
freiheit,  und  die  freiheit  führt  von  selbst  zur  Sorglosigkeit. 

Wie  dem  sei,  weder  freiheit  noch  misverständnis  erklärt  zur 
genüge  was  Cynevulf  im  Crist  659  —  90  aus  den  entsprechenden  werten 
Gregors  des  Grossen  macht.  Diese  werte  lauten  (Homil.  29 ,  §.  10) : 
Dedit  vero  dona  Jwminibus;  quia  misso  desuper  spiritu  alii  sermonem 
sapientiae ,  alii  sermonem  scientiae,  alii  gratiam  virtutum,  alii  gratiam 
curationiim,  alii  gener a  linguarum,  alii  interpretationem  trihuit  ser- 
monum.  Dieses  citat  aus  1.  Cor.  12,  8  — 10  ersetzt  Cynevulf  durch 
eine  aufzählung  folgenden  Inhaltes:  beredsamkeit  (die  dichtkunst  ein- 
schliessend) ,  harfenspiel ,  keuntnis  des  göttlichen  gesetzes ,  sternkmide, 
Schreibekunst,  kriegsglück,  steuermannskunst ,  fertigkeit  bäume  zu  bestei- 
gen, Waffenschmiedekunst,  kenntnis  der  wege.  Mit  dem  ersten  artikel 
dieser  aufzählung  bestrebt  er  sich  noch  den  sermo  sapientiae  Gregors 
wider  zu  geben,  mit  dem  dritten  etwa  den  sermo  scientiae,  im  übrigen 
nennt  er  alle  möglichen  schätzbaren  gaben,  nur  keine  des  heiligen  gei- 
stes.  Diese  gaben  gehören  auch  den  beiden,  ja  sie  stehen  zum  theil 
den  kindern  der  weit  besser  an  als  den  kindern  des  lichtes;  damit  sie 
uns  zu  theil  würden  brauchte  Christus  Aveder  geboren  zu  werden  noch 
gen  himmel  zu  faln-en.  Wie  kommt  Cynevulf  zu  einer  so  wahrhaft 
unsinnigen  abweichung  von  seinem  original?  Ist  es  nicht  als  ob  er  aus 
verseilen   in    ein  thema  alter,  in    rein   volksmässigem  anschauungskreise 


L^BER    CTOEVUT.P  323 

sich  bewegender  dichtung  geriete ,  das  ilim  geläufig  war  ehe  er  ein  geist- 
licher dichter  wurde? 

In  dem  gedichte,  das  Grein  (1,  204)  Bi  monua  cräftum  über- 
schrieben hat ,  finden  wir  dieses  thenia  in  reicher  ausführung  wider.  Wir 
begegnen  auch  hier,  theilweise  mit  wörtlichem  anklang,  der  beredsam- 
keit  in  v.  41  if . ,  dem  harfenspiel  49  f.,  der  steuermannskunst  53  fi"., 
der  wafienschmiedekuust  61  ff.,  der  schreibekunst  95  f.;  daneben  vielem 
andern,  theilweise  sehr  unheiligen,  wie  der  kunst  des  gauklers  82  ö"., 
aber  auch ,  friedlich  daneben  gestellt ,  der  gäbe  des  geistlichen  lebens 
86  fi".  und  dem  kirchengesang  91  ff.  Wir  begegnen  ferner  8  —  29  und 
und  97  — 105  derselben  nur  breit  ausgesponnenen  reflexion  wie  Cri. 
681  —  85,  zu  der  hier-  ebenfalls  Gregor  keinen  anlass  gab,  dass  nämlich 
gott  nicht  einem  alle  —  dnum  calle  Cri.  683  und  B.  m.  er,  99  —  seine 
gaben  schenke,  sondern  einem  diese,  dem  andern  jene,  damit  keiner  sich 
übermütig  erhebe;  und  diese  absieht  gottes  wird  beidemal,  Cri.  684  und 
B.  m.  er.  ir)0,  durch  dieselben  werte  ausgedrückt  Jnj  las  liim  gielp 
scectäe.  Es  fehlt  nicht  an  einer  doxologie  zum  Schlüsse  des  gedichtes, 
aber  es  fehlt  dem  ganzen  an  specifisch  christlicher  denkweise,  und  der 
gott,  der  alle  diese  gaben  spendet,  könnte  auch  Woden  sein,  wenn  nicht 
ein  paar  crüfUis  auch  dem  kii'chlichen  leben  entnommen  wären. 

Ich  denke,  das  ist  genug  um  die  Vermutung  zu  begründen,  dass 
wir  in  diesem  naiven,  volksmässigen  lehrgedicht  eines  jener  werke  vor 
uns  haben ,  durch  deren  vertrag  Cynevulf  in  der  methalle  gold  verdiente, 
ehe  er  dem  kreuze  seinen  dienst  gelobte,  der  weit  absagte  und  geist- 
liche gedichte  für  geistliche  kreise  verfasste. 

Wer  die  gaben  und  künste  der  menschen  so  in  versen  zusammen 
stellte,  dem  lag  es  nahe,  auch  ihre  mannigfachen  Schicksale  in  dersel- 
])en  weise  zu  behandeln,  und  wem  man  das  gedieht  Bi  monna  cräftum 
zuschreibt,  dem  wird  man  das  bei  Grein  folgende  Bi  monna  vyrdum 
kaum  entziehen  können.  Zumal  es  gegen  sein  ende  förmlich  in  das 
thema  des  vorigen  übergeht.  Des  mannes  begabung  ist  ja  so  oft  gera- 
dezu sein  Schicksal  und  es  ist  darum  kaum  unlogisch  zu  nennen,  wenn 
der  dichter  von  v.  67  an  aus  der  recapitulation  der  le])ensgeschicke 
unmerklich  in  eine  neue  aufzählung  von  gaben  und  künsten  verftillt.  um 
wider  mit  dem  preise  dessen  zu  schliessen,  der  sie  alle  verleiht.  Es 
sind  hier  fast  nur  solche,  die  im  herrendienst  und  im  hofleben  wert  und 
^unst  verleihen,  und  es  ist  als  ob  der  dichter  zum  Schlüsse  gelegenbeit 
nelime,  einigen  bei  seinem  vertrag  anwesenden  hofleuten  complimente  zu 
spenden,  Uebrigcns  übertrifft  dieses  gedieht  das  vorige  an  poetischem 
wert,  indem  es  statt  der  kurzen  und  trockenen  aufzählung  sehr  vieler 
dinge  eine  geringere  an  zahl  von  lebensbildern  desto  lebendiger  ausführt. 

21* 


324  RIEOER 

Das  thema  dieses  gefliehtes  fiilirt  mich  zu  einem  andern  weiter,  in 
dem  es  abermals  angeschlagen  wird.  Ich  meine  den  von  Grein  1 ,  238 
nach  Tliorpes  Vorgang  so  genannten  Wände i'er.  Hier  ist,  wie  in  dem 
reimlied,  nur  mit  ganz  andrer  kraft  und  Wirkung,  ein  allgemein  lehrhaf- 
tes mit  einem  persönlichen  demente  vereinigt.  Es  wird  ein  einsamer 
cardstapa  eingeführt,  der  in  einem  rührejiden  monologe  den  verlust  sei- 
nes herren  und  seiner  gesellen  soväe  das  unstäte  leben  in  der  fremde, 
das  seitdem  sein  loos  ist,  beklagt.  Von  v.  58  an  verallgemeinert  er 
seine  betrachtuug.  Das  Schicksal  seiner  lieben  ist  ihm  nur  ein  einzel- 
nes beispiel  des  allgemeinen  weltlaufes.  Die  weit  vergeht  täglich:  aber 
(foräon,  wie  im  Seefahrer  27.  33.  39.  58.  72)  der  mensch  kann  nur  mit 
den  jaliren  weise  werden  (also  sich  von  der  Vergänglichkeit  des  irdischen 
erst  im  alter  überzeugen).  Er  soll  gleichmut  und  selbstbeherschung 
bewahren.  Er  soll  sich  vorstellen  wie  es  sein  wird,  wenn  einmal  die 
ganze  weit  wüste  steht ,  so  wie  man  jetzt  hie  und  da  bürgen  in  trümmern 
liegen  sieht,  deren  bewohner  alle  dahin  sind.  Wer  dann  diesen  wohn- 
platz (pisne  veahteall  88  meint  offenbar  dasselbe  wie  85  pisne  eard- 
geard:  die  erde)  und  dies  trübe  leben  überdenkt,  der  bricht  in  klagen 
aus ,  die  der  Sprecher  nun  zwar  als  die  eines  jeden  in  diesem  fall  befind- 
lichen objectiv  anführt,  in  denen  sich  aber  seine  eigne  frühere  klage  nur  in 
andrer  form  widerholt  und  die  in  ein  emphatisches  bekeuntnis  der  müh- 
seligkeit  und  eitelkeit  alles  irdischen  ausklingen.  Der  dichter  nimmt 
hierauf  wieder  selbst  das  wort,  um  mit  einigen  Weisheitssprüchen  und 
mit  hinweis  auf  den  trost  von  oben  zu  schliessen.  Der  ton  des  gedich- 
tes  ist  in  hohem  grade  lyrisch  bewegt  und  die  klarheit  der  gedauken- 
folge  dadurch  zum  theil  beeinträchtigt ;  aber  es  wirkt  wie  vielleicht  kein 
andres  dieser  litteratur  durch  die  poesie  der  Stimmung.  Da  nun,  wo 
der  dichter  auf  den  scenen  der  Zerstörung  und  des  Unterganges  verweilt, 
wie  sie  seine  zeit  ihm  darbietet,  um  von  da  aus  seinen  geist  zum 
bevorstehenden  Weltuntergänge  schweifen  zu  lassen,  gerät  er,  wie  ein 
phantasierender  masiker,  plötzKch  auf  das  thema,  das  uns  aus  dem  gedichte 
Bi  monna  vjrdum  bekannt  ist.  Bis  v.  80  hat  er  uns  nur,  was  auch 
der  Zusammenhang  allein  mit  sich  bringt,  die  spui'en  vorgeführt,  die 
das  wüten  der  fehde  hinterlässt,  trümmer  und  gräber;  nun  fährt  er 
daran  anknüpfend  fort: 

sume  mg  fornom, 
ferede  in  forhveye:         sumne  fugel  oÖbär  • 

ofer  heähne  höhn;  sumne  se  hära  mdf 

deäÖe  gedailde;         sumne  d/reörighleör 
in  eor^scräfe  eorl-  gehyäde. 


ÜBEB   CYNEVULF  325 

Je  unmotivierter  und  wunderlicher  die  entfülirung  durch  den  vogel 
und  der  tod  durch  wolfeszahn  anmutet,  desto  deutlicher  ist  die  remini- 
scenz,  obgleich  nur  die  letztere  todesart  Bi  m.  v.  12  als  eine  bei  kin- 
dern  vorkommende  ausdrücklich  erwähnt  wird.  Das  verbergen  im  erd- 
schlund  scheint  das  loos  des  zu  hause  an  krankheit  oder  alter  verster- 
benden ergänzend  hinzuzufügen;  sodass  die  aufzählung  sich  zu  einem 
System  abschliesst:  wen  nicht  als  erwachsenen  der  krieg  hinrafft  oder 
als  kind  adler  oder  wolf  raubt,  dessen  loos  ist  dennoch  das  grab.  Ich 
denke,  es  ist  nicht  zu  viel  zugemutet,  hier  eine  lebendige  beziehung  zu 
dem  gedichte  Bi  monna  vyrdum  zu  fühlen;  ich  mache  aber  noch  auf 
den  zusammenklang  folgender  drei  stellen  aufmerksam: 

Wand.  75     sva  nu  missenlice       geond  Jnsne  middangeard 
B.  m.  V.  64     sva  missenlice         —  — 

geond  eoröcm  scedt 
und       B.  m.  er.  28     missenlke  geond  Jnsne  middangeard. 

So  viel  ist  vielleicht  hinreichend  um  die  drei  stücke  als  geschwi- 
ster  zu  erweisen.  Zeige  ich  nun  noch  in  dem  letzten  eine  auf  Cynevulf 
führende  spur,  so  muss  sie  auch  den  beiden  andern  nachträglich  zu 
gute  kommen. 

Das  zweite  der  beidön  im  codex  exoniensis  überlieferten  gedichte 
von  St.  Guthlac^  bricht  ab  in  einer  rede,   in  welcher  ein  treuer  jünger 

1)  Ich  finde  es  noch  nirgends  bemerkt,  dass  der  sogenannte  Guthlac  aus  zwei 
von  einander  unabhängigen  gedichten  besteht.  Das  erste  handelt  von  den  anfech- 
tungen  des  heiligen,  feiert  seinen  sieg  über  die  feinde,  berichtet  753  den  eingang 
seines  geistes  in  den  himmel  und  kommt  nach  einer  betrachtung  über  das  leben  der 
heiligen  im  allgemeinen  790  zum  Schlüsse.  Dieses  gedieht  beruft  sich  wol  79  auf  die 
mündliche  Überlieferung,  nirgends  aber  auf  ein  buch,  denn  die  stelle  497  —  500 

forpOH  is  nu  ärlic ,        pät  ve  cßfästra 

dcßde  deinen,        secgen  dryhtne  lof 

ealra  pära  bis e  na,         pe  us  bee  fore 

purli  Ms  vundra  geveorc  insdöm  cßäaS 
handelt  ganz  allgemein  von  den  thatcn  der  heiligen  und  setzt  nicht  notwendig  vor- 
aus, dass  auch  das  leben  des  neuesten  unter  ihnen  bereits  in  einem  buche  beschrie- 
ben sei.  Das  gedieht  ist  auch  in  der  that  ganz  unabhängig  von  der  vita  des  Felix: 
während  ihm  sehr  vieles  von  diesem  erzählte  fehlt,  hat  es  383  —  484  eine  erzählung, 
von  der  Felix  nichts  weiss ,  und  ist  die  Übereinstimmung  in  den  gemeinsamen  par- 
tien.  von  der  art ,  dass  sie  nichts  beweist.  Das  andere  gedieht  dagegen  beginnt 
791—850  mit  einer  einleitung  über  die  schöpfung  des  menschen  und  den  sündenfall: 
er  war  die  Ursache  des  todes,  der  nun  über  die  menschheit  herscht  und  keinen  ver- 
schont, obgleich  viele  heilige  seitdem  gottes  willen  thatoii,  früher  und  später  und 
noch  in  den  Zeiten  deren  uns  gedenkt.  Das  motiv  dieser  einleitung  findet  sich,  nur 
ohne  des  dichters  breite    ausführung,    bei  Felix  im  anfang  des  5.  capitels.     Alsbald 


326  BIEOER 

der  Schwester  des  heiligen  dessen  tod  meldet  und  seine  letzten  auftrage 
überhring-f..  Diese  rede  ist  des  dichters  freie  erfinduug:  seine  quelle,  die 
vita  des  Felix,  erzählt  nur,  dass  der  jünger  seinen  auftrag  ausgerichtet 
habe.  Schon  dies  niuss  uns  darauf  gefasst  macheu,  dass  das  hier  behan- 
delte thema  dem  dichter  aus  irgend  einer  Ursache  nahe  lag  und  dass  sein 
herz  an  den  tönen  theil  hatte,  die  es  ihm  entlockte.  Es  handelt  sicli 
um  den  verlust  eines  geliebten  herren,  das  so  innig  und  rührend  behan- 
delte thema  des  Wanderers.  Dass  der  Sprecher  seinen  heiligen  mit  lau- 
ter ausdrücken  bezeichnet,  die  von  weltlicher  herschaft  hergenommen 
sind,  besagt  nicht  viel,  es  geschieht  im  ganzen  gedichte  und  entspricht 
der  weise ,  die  uns  auch  aus  der  altsächsischen  evangelienharmouie  bekant 
ist;  aber  bedeutsam  ist  doch  der  ganze  so  rein  heldenhafte  und  volks- 
mässige  ton,  in  dem  die  rede  beginnt  und  eine  weile  fortfährt,  vor  allem 
die  mannhafte  sentenz  des  aufanges  (1322): 

eilen  hiÖ  sehest         ßäm  pe  o/tost  sceal 
d/reögan  d/ryMenhealu. 

Es  ist  derselbe  sinn,  in  dem  der  wandrer  seine  klage  einleitet  (11): 

ic  to  soÖe  vät 
pät  hiS  in  eorle         indryhten  peäv, 
pät  he  Ms  ferblocan  faste  binde. 

Wenn  nun  über  dies  alles  zwei  redeweudungen  aus  dem  Wanderer 
im  Guthlac  widerkehren,  glaube  ich  annehmen  zu  dürfen,  dass  dem  Ver- 
fasser des  letzteren  an  der  betreffenden  stelle  der  Wanderer,  als  eines 
seiner  frühern  gedichte,  vorschwebte.    Man  vergleiche 

beruft  sich  denn  auch  der  dichter  850  auf  ein  buch  als  quelle  über  Guthlacs  heiliges 
leben ,  geht  nach  einer  summarischen  darstellung  seiner  anfechtungen  und  wunder- 
thaten  904  zur  erzählung  seines  seligen  abscheidens  über ,  das  den  eigentlichen  gegen- 
ständ des  gedicbtes  wie  auch  den  Inhalt  des  fünften  capitels  bei  Felix  bildet,  und 
schliesst  sich  weiterhin  treu  an  diesen  gewährsmann  an.  Es  bleibt  indessen  unbe- 
streitbar, dass  beide  gedichte  von  Cj'nevulf  herrühren.  Nicht  nur  dass  die  von  Die- 
trich beigebrachten  belege  sich  über  beide  verteilen,  es  lassen  sich  noch  andre  hin- 
zufügen. Auf  einen  gemeinsamen  autor  weist  zunächst  die  identität  der  verse  svä  väs 
Güäläces  geest  fjelteded  753  und  pä  väs  Güdläces  gcest  gelceded  1279,  sowie  fore 
onsQne  eces  deman  755  und  11(31;  dieser  letztere  vers  findet  sich  aber  wider  Cri.  796. 
837.  El.  746  und  mit  geringer  abweichung  Phoen.  600  (fore  ons^ne  eces  dryhtnes). 
Audr.  721  (fore  onsyne  ecan  dryhtnes) ,  so  dass  sich  in  ihm  eine  ganz  besondere  lieb- 
lingswendung  Cynevulfs  kund  gibt.  Es  liegt  sonach  auf  flacher  band,  dass  er  zuerst 
nach  mündlicher  Überlieferung  ein  gedieht  über  St.  Guthlacs  eiusiedlerleben  und 
sodann,  als  ihm  die  vita  des  Felix  bekannt  geworden  war,  ein  zweites  über  seinen 
tod  machte. 


ÜBER   CYNEVÜLF  327 

Wand.  23  f.  and  ic  he  an  ponan 

vöd  vintercearig 
Güdl.  1327  f.  he  sceal  he  an  ponan 

geömor  hveorfan; 

und  widerum  \ 

Wand.  37        forjjon  \päi\  vätsepe  sceal       his  vinedryhtnes 

leöfes  lärcvidum         longe  forßolian 
Giidl.  1325  pät  vät  se  pe  sceal 

äsvaeman  särigferS,         vät  his  sincgiefan 

holdne  hiJieledne. 

Jeder  dieser  beiden  anklänge  möchte  für  sich  allein  gering  geach- 
tet werden,  aber  ihr  zusammentreffen,  verbunden  mit  der  ähnlichkeit 
des  Zusammenhanges,  erzwingt  beachtung.  Wand.  23  wie  Güdl.  1327  ist 
von  dem  treuen  diener  die  rede,  der  von  der  statte,  wo  sein  herr  starb, 
scheidet.  Wand.  37  (wo  man  ohne  ergänzung  eines  zurückweisenden 
pät  nicht  auskommt)  ist  das  object  zu  vät  zu  entnehmen  aus  29  ff. 

vät  se  pe  cunnaÖ 
hü  sUÖen  htö         sorg  tb  geferan 
päm  pe  lyt  hafa^         leöfra  geholena; 

Güdl.  1325  ist  es  der  gedanke,  dass  mut  und  kraft  braucht  wer  schwe- 
res zu  ertragen  hat.    . 

Noch  ist  der  erwähnung  wert,  dass  der  ausdruck  dreögan  drijli- 
tenheaht  (=  damniim  a  deo  inßictum,  vgl.  das  häufigere  analoge  compo- 
situm metodgesceaft)  Güdl.  1323  sich  nur  noch  B.  m.  vyrd.  55  wider 
findet,  dass  also  auch  zu  diesem  gedichte  eine  wenn  auch  vereinzelte 
spur  vom  Guthlac  hinüber  führt. 

Wenn  ich  es  hienach  für  erlaubt  halte ,  aus  dem  Wanderer  biogra- 
phisches material  über  C5^nevulf  zu  entnehmen,  wird  mir  hoffentlich  nie- 
mand einwenden ,  dass  ja  der  dichter  des  Wanderers  nicht  in  eigner  per- 
son  spreche,  sondern  die  rede  eines  andern  episch  berichte.  Die  erfin- 
dung  einer  person  mit  solchen  erlebnissen  und  empfindungen  zum  behufe 
des  poetischen  effectes  ist  gewiss  das  letzte,  was  man  einem  dichter  des 
achten  Jahrhunderts  zutrauen  wird.  Jene  epische  einkleidung  ist  nur  ein 
dünner  schleier,  den  Cynevulf  schamhafter  weise  zwischen  den  blicken 
der  weit  und  seinem  herzen  befestigt. 

Der  Wanderer  gibt  uns  die  willkommenste  erläuterung  zu  den 
andeutungen,  die  im  traumgesicht  vom  kreuze  und  im  epilog  der  Elena 
über  des  dichters  lebensschicksale  nidergelegt  sind.    Cynevulf  hatte  in 


328  RIEGEB 

seinen  frühem  jähren  einen  liohlen  herren,  dem  er  mit  inniger  liebe 
zugetan  war  und  dessen  liof  er  mit  seiner  kunst  erheiterte.  Des  Sängers 
phitz  in  der  halle  war,  wie  man  B.  m.  v^yrd.  80  f.  sieht,  zu  den  füssen 
des  herrn;  so  erklärt  sich  die  Situation,  die  dem  dichter  des  Wanderers 
41  ff.  seine  wehmütige  erinnerung  hervorzaubert: 

ßmceS  Mm  on  mode,  pät  he  his  mondryhten 

clyppe  and  cysse         and  on  cneö  lecge 
hon  da  and  hedfod^  svä  he  hvilum  cer  • 

in  gedrdagum         giefstölas   bredc. 

Diesen  herreu  bedeckt  nun  längst  die  erde  (22  f.).  Aber  auch  die 
gesellen .  mit  denen  der  dichter  in  seinem  dienste  verbunden  war ,  sind 
dahin  (7.  51  ff.)  und  nur  die  bürg  zeugt  noch  als  verlassene  vom  wet- 
ter  gepeitschte  ruine  (97  ft\)  von  den  frohen  tagen,  die  sie  einst  gese- 
hen. Einen  solchen  Untergang  der  bewohner  samt  der  wohnung  kann 
nur  gewalt  der  waffen  herbeigeführt  haben ;  und  der  dichter  sagt  es  aus- 
drücklich 7  und  99  f.  Er  sagt  auch  24,  dass  es  Winterszeit  war,  als 
die  grosse  katastrophe  geschah.  Dies  genügt  gerade  um  zu  verhindern, 
dass  wir  etwa  an  den  fall  des  edelings  Oswini  denken,  der  sich  761 
gegen  den  köuig  Moll  Aedhilwald  empörte  und  ihm  nach  dreitägigem 
kämpfe  erlag:  denn  dies  geschah  am  8.  august;  während  es  gestattet 
bleibt  ein  anderes  ereignis  in  betracht  zu  ziehen ,  dessen  Simeon  Dunclo- 
nensis  de  gest.  reg.  Angl.  zum  jähr  740  mit  den  dürftigen  werten 
gedenkt:  Arwine  filius  EaduJfi  occisus  est  die  X  hcd.  jan.  feria  VII; 
noch  kürzer  der  anhang  zu  Beda:  Ärmuäni  et  Eadhertus  interempti. 
Aber  was  hilft  eine  solche  möglichkeit?  Es  genügt  zu  wissen,  wie  wild 
es  seit  Ceolvulfs  abdankung  bis  zur  neige  des  Jahrhunderts  in  Northum- 
berland  herging,  um  ein  ereignis  wie  das  vom  dichter  des  Wanderers 
angedeutete  gerade  in  dieser  zeit  und  in  diesem  lande  sehr  glaublich  zu 
finden;  ja  wir  dürfen  es  ihm  glauben,  dass  er  sein  land  von  zerstörten 
bürgen  voll  sah,  in  welchen  häuptlinge  feindlich  überfallen  und  mit 
ihren  mannen  erschlagen  worden  waren.  Er  selbst  also  war  von  der 
Unglücksstätte  übers  eis  entronnen  und  hatte  die  sichere  und  geehrte 
Stellung  des  hofdichters  mit  dem  loose  des  fahrenden  Sängers  vertau- 
schen müssen  (24—29).  Es  bleibt  unklar  wie  er  dazu  kommt,  eine 
öde,  felsige  seeküste  zur  scene  seiner  klage  zu  macheu  (46  ff.  101  ff.), 
und  wodurch  er  genötigt  wurde,  die  reifkalte  see  lange  mit  bänden  zu 
rühren  (3  f.):  hatte  er  wie  Egil  Skalagrirasson  Schiffbruch  gelitten  und 
sich  schwimmend  auf  das  gebiet  seines  todfeindes  gerettet?  Hielt  er 
sich,  minder  verwegen  als  jener,  an  der  öden  küste  verborgen?  Sind 
solche  gedanken  zu  nichts  anderem  nütze ,   so  dienen  sie   doch  uns  eine 


ÜBER   CYNEVULP  329 

dichtung   zu  beleben,    zu  der  wir  schmerzlich  den  commentar ,    wie  ihn 
eine  saga  bieten  würde,  vermissen. 

Ein  sicheres  biographisches  datum  gibt  uns  aber  noch  dieses  gedieht, 
und  ein  wertvolles,  weil  es  des  dichters  innere  entwickelung  beleuchtet. 
Ich  meine  die  art  des  religiösen  Verhaltens ,  das  sich  hier  kund  gibt.  Das 
gedieht  ist  zwischen  zwei  einander  verwante  religiöse  gedanken  gewisser- 
massen  eingerahmt.  Es  hebt  an  mit  dem  satze:  oft  erlebt  der  vom 
Unglück  verfolgte  hilfe,  gotteS  erbarmung;  und  zu  diesem  anfang  kehrt 
der  schluss  zurück :  wol  dem ,  der  hilfe  und  trost  bei  dem  vater  im  him- 
mel  sucht,  von  dem  uns  alle  Stärkung  kommt.  So  bekennt  sich  also 
der  dichter,  wo  er  im  eignen  namen  spricht,  zu  dem  glauben,  dass  gott 
die  hoffnung  und  der  trost  der  unglücklichen  sei.  Anders  die  person, 
die  er  redend  einführt.  Sie  spricht  überhaupt  nicht  von  gott,  wol  aber 
vom  Schicksal,  und  zwar  nicht  nur  in  dem  starr  gewordenen  ausdrucke 
vyrda  gesceaft  107,  sondern  mit  starker  personificatiou : 

eorlas  formman  asca  ßrytie, 

vcepen  välgifru,  vyrd  seö  mcere. 

So  freilich  auch  der  dichter  in  eigner  person:  injrd  hiä  fid  äned  (nicht 
von  einem  verb  ärcedan,  paratum  rcddere,  wie  Grein  meint,  sondern 
ein  privatives  adjectiv:  unberaten,  blind)  5,  fast  in  einem  atem  mit  der 
Vertröstung  auf  metodes  niiltse.  Aber  dem  eardstapa  fehlt  überhaupt 
jede  religiöse  aufikssung  seines  looses,  jeder  gedanke  an  die  sünde,  um 
die  ihn  gott  heimsucht,  an  die  busse  zu  der  er  ihn  ruft,  an  die  ewige 
freude,  die  er  dem  bussfertigen  verheisst.  Er  kennt  nur  den  stolzen 
mannessinn,  mit  dem  der  beide  lautlos  zu  dulden  weiss,  und  die  trost- 
lose betrachtung  der  eitelkeit  alles  irdischen  sowie  der  allgemeinen  Ver- 
nichtung ,  der  die  weit  zueilt.  Nicht  einmal  diese  letztere  ist  ein  beson- 
derer gedanke  des  Christentums,  auch  der  beide  glaubte  einen  weltwin- 
ter  und  eine  götterdämmerung.  Dieser  gewiss  bemerkenswerte  umstand 
also ,  dass  nur  die  epische  einkleidung ,  nicht  der  lyrische  kern  des 
gedichtes  christlich  -  religiöse  Wendungen  enthält,  lässt  sich  auf  zweierlei 
weise  erklären.  Entweder  sind  diese  Wendungen  nur  ein  tribut  an  das 
herkommen,  an  die  christliche  sitte,  die  auch  der  volksmässigen  dich- 
tung mächtig  geworden  war;  oder  der  dichter  hat  einem  früher  gedich- 
teten liede  die  epische  einkleidung  erst  nach  der  zeit  seiner  religiösen 
erweckung  zugefügt  und  es  dadurcli  seinem  nachmaligen  Standpunkt  wider 
angepasst,  es  sich  wider  singbar  gemacht.  AVie  dem  sei,  so  zeigt  uns 
der  Wanderer  unsern  dichter  in  der  gemütsverfassung ,  die  dem  traum- 
gesicht  vom  kreuze  voraugieng  und  lässt  uns  ahnen,  in  welchem  geist  er 
früher    seine  kunst   an  volksmässigen  Stoffen  geübt  haben  wird.    Nichts 


330  1{1EGER 

ist  von  diesen  frühem  diclitungen  der  Überlieferung  wert  geachtet  wor- 
den als  die  samlung  der  rätsei.  Auch  sie  wol  nur,  weil  die  gattung 
durch  Aldhelms  Vorgang  geadelt  schien;  und  so  sind  auch  diejenigen 
unter  ihnen  vom  Untergang  verschont  geblieben,  deren  sehr  ungeistliche 
Züge  dem  Verfasser  so  vieler  religiöser  dichtungen  jetzt  seltsam  genug  zu 
gesiebte  stehn. 

Auch  das  gedieht  vom  Seefahrer,  das  Grein  auf  den  Wanderer 
folgen  lässt,  verräth  sieb  durch  familienähnlichkeit  als  Cynevulfs  eigen- 
tum.  Es  ist  ein  dialog  zwischen  einem  der  see  kundigen  alten  und 
einem  Jüngling ,  den  es  lüstet  zur  see  zu  gehen;  die  epische  einkleidung 
fehlt  vollständig,  so  dass  man  den  Wechsel  der  redenden  personen  erra- 
ten muss.  Der  alte  warnt  und  schildert  die  Schrecknisse  und  entbeh- 
rungen  des  seelebeus,  der  junge  beharrt  auf  seinem  sinn.  Zuletzt  sagt 
er,  an  der  ewigen  freude  liege  ihm  mehr  als  am  leben  auf  dem  laude, 
denn  es  sei  mit  allen  erdengütern  doch  hinfällig  und  vom  tode  bedroht 
(64  —  71).  Dem  stellt  der  alte  die  malmuug  gegenüber,  vor  dem  tode 
durch  theure  thaten  das  lob  der  menschen  und  der  engel  zu  verdienen. 
Mit  der  weit,  so  fährt  er  fort,  geht  es  zur  neige,  sie  altert  wie  der 
einzelne  mensch.  Niemand  kann  sich  dem  tod  entziehen.  Gross  ist  der 
schrecken  gottes:  toll  darum  wer  ihn  nicht  fürchtet;  der  tod  kommt  ihm 
ohne  ankündigung.  Nun  folgen  ferner  Weisheitssprüche  und  lebensregelu, 
bis  117  die  paränetisch  erbauliche  schlusswendung  eintritt.  Wie  der 
Seefahrer,  der  hier  spricht,  hat  auch  der  wanderer  die  schrecken  der 
see  kennen  gelernt  (3  f.);  wie  der  wanderer,  so  ist  oder  war  auch  der 
Seefahrer  landflüchtig : 

Wand .  32     varaS  hine  vräcläst ; 
Seef.  14     hü  ic  earmcearig         iscealdne  sae 

vinter  vimade         vräccan  lästum; 
56  hvät  pä  sume  dreögab, 

Jw  pä  vr äclästas         vidost  lecgaS. 

Wie  der  wanderer  7  vinenicega  hryre  zu  beklagen  hat,  so  ist  der 
Seefahrer  16  cinemceyiun  hidroroi.  Bei  den  naturschilderungen  berühren 
sich  in  beiden  gedichten  die  ausdrücke: 

Seef.  23  stormas  ßar  stäncUfu  beötan     und 

Wand.  101  and  Jms  stänhleoÖu  stormas  cngssaÖ ; 

Seef.  31  mp  nihtscüa,         norÖan  snwde     und 

Wand.  104  nipeÖ  nihtscüa,  tiordan  onsendeÖ 

hreö  häcßfare ; 

Seef.  32  hrhn  hnisan  hond  und 

Wand.  102  hrit)  hreösende         hruse  bindeb. 


ÜBEE  CYNEVÜLP  331 

Auch  diese  beiden  stellen: 

Secf.  86     g  edroren  is  peös  du  gut)  eal,     dredmas  sind  gevitene   und 
Wand.   78  valdend  licgdS 

dreäme  hidr orene ,  duguÖ  eal  gecrong 

berühren  sich  fühlbar;  desgleichen: 

Secf.  90     8va  nu  monna  gehvylc  geond  middangeard    und 

Wand.  75     sva  nu  missenltce         geond  [mne  middangeard. 

Aber  auch  mit  dem  Guthlac  begegnet  sich  der  Seefahrer  in  einem 
bedeutungsvollen  zuge.  Es  ist  die  ansieht,  dass  die  lebenskraft  der  weit 
in  jeder  hinsieht  abnehme,  dass  alles  nachkommende  weniger  tauge  als 
das  vorangegangene;  und  nicht  nur  die  ansieht,  sondern  zum  theil  auch 
die  Worte,  worin  sie  ausgesprochen  wird: 

Seef.  88  hlmd  is  gehnceged., 

eorÖan  indryhto         ealdab  and  searaÖ      und 
Gudl.   14     ealdaÖ  eoröan  hloid. 

Endlich  fallen ,  in  derselben  stelle  von  der  abnähme  des  weltlebens, 
anklänge  an  den  epilog  der  Elene  ins  ohr: 

Seef.  80  dagas  sind  gevitene^ 

ealle  onmedlan         eorÖan  rices 
verglichen  mit 

El.  1265  geogub  is  gecyrred, 

ald  (oder  all?)  o n m edla 
und  1267  nu  synt  gedrdag  as 

äfter  fyrstmearce         jori)  gevitene. 

Der  Seefahrer  übertrifft  an  religiösem  gehalt  den  Wanderer,  wenig- 
stens dessen  lyrischen  kern,  indem  er  an  mehrern  stellen  vom  ewigen 
leben  handelt;  er  weist  dadurch  in  eine  spätere  zeit  des  dichters.  Merk- 
würdig ist  seine  form.  Die  gänzliche  abwesenheit  der  epischen  einklei- 
dung  nötigt  anzunehmen,  dass  er  von  zwei  personen  dramatisch  vorge- 
tragen wurde,  als  welche  man  sich  den  sänger  und  seinen  knaben  den- 
ken wird.  Ich  verweise  auf  den  textabdruck,  der  dieser  abhandlung 
nachfolgen  und  die  dialogische  composition  deutlich  machen  soll. 

Die  beiden  zuletzt  behandelten  gedichte  enthalten,  zum  theil  mehr 
vom  zäune  gebrochen  als  durch  den  Zusammenhang  bedingt,  aufgereihte 
Sinnsprüche  der  art,  wie  sie  in  vier  stücken  des  codex  exoniensis 
und  einem  einer  cottonischen  handschrift  überliefert  sind  (Gr.  II,  33'J).  Es 
wird  dadurch  glaublich,  dass  Cynevulf  auch  ohne  solche  einfüguug  diese, 


332  BIEGER 

wie  PS  scheint,  beliebte  dichtuiigsart  ausgeübt  habe.  So  wie  er  von  den 
fahigkeiten  der  menschen  und  von  ihren  Schicksalen  in  besondern  gedich- 
ten  sang  und  dann  in  gedichten  andern  inhalts  diese  raotive  vorüberge- 
hend aufgrift",  wird  es  auch  hier  gewesen  sein.  Die  eigentümlichkeit 
dieser  spruchdichtung  besteht  darin,  dass  in  der  form  des  gebotes  gesetz- 
mässige  erscheinungen  der  natur  wie  des  mensclicnlebens  am  faden  der 
gedankenverbindung  oder  aucli  nur  der  allitteration  aufgereiht  und  nach 
belieben  durch  ausgeführtere  Schilderungen,  betrachtungen  oder  lebens- 
regeln  unterbrochen  w^erden.  Das  selbstverständliche,  uns  trivial  vor- 
kommende, das  dabei  breiten  räum  einnimt,  kann  dazu  dienen,  das 
bedeutendere ,  das  der  dichter  unvermerkt  einflicht ,  auf  das  es  ihm  eigent- 
lich ankommt  und  das  er  der  weit  zu  gehör  sagen  will,  in  das  gleiche 
licht  naturnotwendiger  giltigkeit,  wie  sie  jenem  übrigen  zukommt,  zu 
stellen.  Unter  den  er\vähnten  gnomischen  stücken  nimt  wol  das  im 
codex  eson.  an  erster  stelle  erscheinende  auch  durch  poetischen  wert 
und  bedeutenden  Inhalt  die  erste  stelle  ein.  Dass  es  von  Cynevulf  her- 
rühre wird  durch  das  zusammentreffen  zweier  stellen  mit  solchen  des 
Seefahrers  wahrscheinlich  gemacht: 

Gnom.  35     dol  hiÖ  se  pe  Ms  dryMen  nät,     tö  päs  oft  cyme^  dedS  unßmged 
und    Seof.  106     dol  hib  se  pe  Mm  Ms  dryhten  ne   ondrcßde^^         cymeb   Mm  se 

dedÖ  unpinged; 

Gnom.   51      styran  sccal  man  strongum  mbde 
und    Seef.  109     stieran  mon  sceal  strongum  mode. 

Cynevulfs  grössere  werke  sind  für  das  kloster  und  die  klosterschule 
oder  doch  jedenfalls  als  lesebücher  gedichtet.  Das  anziehende  der  klei- 
nern dichtungen  liegt,  abgesehen  von  ihrem  Inhalt,  darin  dass  sie  uns  die 
alte  volksmässige  Übung  der  dichtkunst  vor  äugen  führen,  wonach  der  Sän- 
ger, die  in  der  halle  versammelten  helden  unterm  trinken  mit  einem  ver- 
trag zur  harfe  unterhält,  der  seiner  bestimmung  nach  kurz  und  abge- 
rundet sein  muss.  Sie  zeigen  uns,  dass  das  Christentum  auf  diese 
Übung  freilich  einwirkte,  aber  sie  nicht  lahm  legte;  ferner  dass  die 
angelsächsische  poesie  auf  rein  volksmässiger  grundlage  ebenso  gut  wie 
die  nordische  vom  epos  zur  lyrik  und  didactik  fortgeschritten  war,  ohne 
dabei,  wie  die  nordische,  in  verkünsteluug  zu  fallen.  Dafür,  dass  diese 
gedichte  wirklich  so  betrachtet  werden  müssen,  enthält  die  zuletzt 
erwähnte  spruchreihe  einen  willkommenen  beweis,  den  ich  zum  Schlüsse 
noch  ans  liclit  stellen  will.  Hiezu  ist  zunächst  die  kritische  herstellung 
der  letzten  vier  verse  des  gedichtes  erforderlich.     Ich  lese  sie  so: 

hond  sceal  heäfod  im-rihan,         hord  in  screönum  Mdan, 
gifstöl  gegierved  stondan,  gif  Mne  gv.man  gedcelen. 


ÜBER    CTNEVULP  •  333 

gifre  biÖ  se  Jtmn  golde  onfehh ,         giß^  '>nan  päs  on  hedhsetle  geneahhe. 
ledn  sceal,  gif  ve  leögan  nellah ,  Jidm  ße  üs  ßdfi  lisse  geteöde. 

Die  handschrift  liest  heofocl  invyrcan ,  streonum  und  gu?na  päs  on 
heahsetle  geneaJi;  Grein  verstellt  gifre  als  gifre.  Ich  kaim  nicht  sagen, 
dass  mich  meine  berichtigmig  des  ersten  halbverses  sehr  befriedige;  der 
gegensatz  des  enthüllten  hauptes  und  des  verborgen  bleibenden  hordes 
ist  ziemlich  schwach;  aber  wozu  gäbe  sich  sonst  die  überlieferte  lesart 
her?  Indes  fängt  erst  mit  dem  zweiten  halbverse  der  Zusammenhang 
an,  den  ich  festzustellen  habe.  Hier  ist  streonum  entschieden  unzuläs- 
sig. Grein  denkt  an  streon  =  streöven  f,  =  Stratum:  was  soll  aber  der 
hord  auf  dem  bette?  Screön  ist  mir  zwar  als  angelsächsisches  wort 
nicht  bekannt ,  aber  aus  dem  screunia  screona  der  leges ,  das  ein  miter- 
irdisches  gemach  bedeutet  und  zuletzt  von  Wackernagel  spräche  der  Bur- 
gunden  s.  5  (Bindiug  bürg. -roman.  königr.  s.  333)  besprochen  worden 
ist,  mit  Sicherheit  zu  folgern.^  Gifre,  ein  synonym  von  grcedig,  vorax, 
gewönlich  von  unheimlichen  wesen  und  naturgewalten  gebraucht,  ist  hier 
nicht  passend,  wol  aber  gifre  =  acceptus,  gratus,  eine  ableitung  von 
gif  an,  die  auf  den  sinn  von  mittelhochdeutsch  gtelie,  nordisch  gcefr 
hinaus  komt.  Im  folgenden  halbvers  wird  die  berichtigung  wol  einleuch- 
ten ,  die  Überlieferung  ist  sinnlos  und  nicht  zu  construieren.  Also :  „  der 
hört  soll  in  der  Schatzkammer  harren,  der  gabenstuhl  bereitet  stehn, 
wenn  ihn  (den  hört)  die  mannen  theilen."  Nachdem  so  von  schenken  die 
rede  gewesen,  fügt  sich  die  schlusswenduug  trefflich  an:  „Lohn  soll,  wenn 
wir  nicht  lügen  wollen,  dem  werden,  der  uns  dies  vergnügen  bereitete": 
d.  h.  dem  fahrenden  sänger,  der  nun  mit  seinem  vertrag  zu  ende  ist. 
Dass  er  im  namen  der  zuhörer  spricht,  ist  eine  manier,  die  er  mit  den 
schullehrern  und  bücherschreibern  alter  und  neuer  Zeiten  gemein  hat  und 
die  wir  ihm  unbedenklich  zutrauen  dürfen.  Man  ersieht  nicht  wie  Grein 
die  stelle  verstanden  hat;  Thorpe  versteht  unter  dem  erzeuger  der  lisse 
gott.  Aber  von  welcher  gäbe  gottes  wäre  hier  die  rede?  soll  es  der  hört 
sein?  Gewiss  ist  soviel,  der  dank,  den  wir  gott  für  seine  gaben  schul- 
den, wird  nie  ledn  genannt.  Wenn  v.  6  desselben  gedichtes  von  gott 
sagt  he  üsic  vile  pära  ledna  gcmoniau,  so  heisst  das  nicht:  er  will  uns 
an  den  lohn  für  seine  gaben,  sondern:  er  will  uns  seiner  gaben  gemah- 
nen; vgl.  Genesis  258.  2933. 

1)  Sollte  sich  au«  diesora  worto  nicht  streönaii,  althochdeutsch  striunan  = 
accpiirere,  gignere  erklären,  so  dass  es  ursprünglich  äriauvQlCtiv ,  in  die  screunia 
cinthun  bedeutete?  Für  den  Wechsel  zwischen  fitr  und  acr  \^iht  es  einige  heispiele: 
aciidan  und  hestrklan  (equam  conscendere) ,  mittclhocMcntsch  schraejenmid  straejen, 
schräm  und  strunze. 


334  BIEGER 

Ich  brcclie  diese  Untersuchungen  hier  ab.  Vielleicht  sind  andre 
im  stände  für  meine  ergebnisse  noch  mehr  beweise  aufzufinden  oder  noch 
andre  gedichte  als  Cynovulfs  eigentum  nachzuweisen.  Lässt  sicli  gegen 
meine  methode  einwenden ,  dass  sie  eben  nur  die  Vertrautheit  eines  dich- 
ters  mit  den  werken  des  andern,  nur  benutzungen  und  entlehnungen, 
nicht  aber  Identität  des  dichters  nachweise  ?  Dies  träfe  denn  auch  gegen 
Dietricli  zu,  in  dessen  fiisstapfen  ich  trete.  Aber  der  den  einwand 
erhübe  liätte  die  Verpflichtung,  die  Individualität  der  verschiedenen  dich- 
ter ans  licht  zu  stellen  und  uns  den  uachahmer  neben  dem  nachgeahm- 
ten erkennen  zu  lehren.  Ob  bei  diesem  versuch  etwas  heraus  käme 
müste  der  erfolg  zeigen ;  ich  habe  nichts  gefunden  worauf  er  sich  stützen 
könnte. 

DARMSTADT,   IM  AUGUST    1868.  M.    RIEGER, 


DER     SEEFAHRER 

ALS    DIALOG   HERGESTELLT. 

(Vergl.  cod.  exon.  ed.  Thorpe  p.  306.     Grein  bibl.  d.  ags.  poesic  I,  241). 

[Se  eakla  cwäit.] 
3[(ig  ic  he  me  sylfum  s6()gied  wrecan, 

siÖas  secgan ,  hü  ic  gesivincdagum 

earfoÖhwile         oft  protcade, 
hitre  hreostceare         geh'den  Mihhe, 
genmnad  in  ceole  cearselda  fela, 

atol  yi)a  gewealc.         pmr  niec  oft  higeat  5 

nearo  niMwaco         ät  nacan  stefnmi., 
ponne  he  he  clifum  cnossade.  Calde  gejirungen 

wceron  mine  fet,         forste  gehunden, 

daldum  clommum^'        JJm'  pa  ceare  sedfedmi  10 

hat  ymh  heortan;  hungnr  irman  slat 

merewerges  mnd.         pät  se  mon  ne  ivät, 
pe  Mm  on  foldan        fägnost  Umpe^, 
hü  ic  earmcearig         tscealdne  sce 

Winter  wunade         wräccan  lästuni  15 

\ivynnum  hiloren^  winejnaegum  hidroren, 

hihongen  hrhngicelum:  hägl  scürum  fleäg. 

pcer  ic  ne  gehfirde         hütmi  hlimman  sa, 

10)  Ergänzung  Grcins. 


DER    SEEFAHRER  335 

tscealdne  ivag ,  hwUum  ylfete  song ; 

dyde  ic  me  tb  gomene         ganetes  Medhor  20 

and  huilpayi  stoeg         fore  hleahtor  wera, 

mmio  singende         fore  medodrince. 

Stormas  pcer  stänclifu  beotan^  ßeer  Mm  stearn  oncwäS 

isigfehera:         ßol  oft  pät  earn  higeal 

ürigfetiera  *  25 

*  ncenig  hlebmcBga 

feasceaftig  fert)         frefran  nieahte. 
Forpon  kirn.  gelyfeÖ  lyt  se  Jje  äh  Ufes  wyn 

gebiden  in  hirgmn  hcalosiiia  hwon, 

tvlonc  and  wingäl  hü  ic  werig  oft 

in  hrimläde         Udan  sceolde:  30 

näp  nihtscüa,  norÖan  snmde, 

hrim  hrusan  hond,         hägl  febl  on  eorSan, 
corna  caldast. 

[Se  geonga  cwäd:] 

Foröon  [niec]  cnyssaÖ  nü 
heortan  gepohtas ,         pät  ic  heim  streamas, 

sealt  yua  geläc  sylf  cunnige;  35 

monaÖ  müdes  lust  mcBla  gehwylce 

fert^  tb  fcran^         pcit  ic  fear  heonan 
elpeodigra  eard  gesece. 

[Se  eaMa  cwäit:] 
Forpon  nis  päs  tnddwlanc  mon  ofer  eorÖan 

ne  Ms  gifena  päs  god  ne  in  geogube  to  püs  hwät  40 

ne  in  Ms  dadum  to  päs  deor        ne  Mm  Ms  dryhten  to  päs  hold, 
pät  he  ä  Ms  scefore  sorge  nälhe, 

to  hwon  hine  dryhten  gedon  toille. 

Ne  biö  Mm.  to  hearpati  hyge  ne  to  hringpege 

ne  to  tvife  wxjn  ne  to  ivorulde  hyht  45 

ne  ymbe  owiht  elles  nefne  ymb  ytia  geiveatc ; 

ac  ä  hafaÖ  longunge  se  [je  on  lagu  fundai!i. 

25)  Grein  ne  cenig  ohne  vorhergehende  lücke ;  aher  das  folgende  steht  zu  abge- 
rissen da. 

2G)  frefran  Grein  Germ.  10,  422;  hs.  feran. 

27)  forpon  ist  hier  iind  33.  39.  58.  72  aus  der  causalen  in  die  adversative 
bedeutung  „aber"  verschoben.  Ebenso  im  Wanderer  G4,  während  37  und  58  die 
erweiternde  bedeutung  „auch"  stattfindet. 

38)  Ergänzung  Grcins. 


o36  KIEGER 

[Se  geonga  cwä(t:] 
Beanoas  hlöstnnim   n/maii ,  beorgas  fägria!), 

wong  wUtigaÖ  ,  looruld  onetteÖ: 

ealle  pä  gemoniai)  mödes  füsne  50 

feran  tb  szÖe,         ßone  ße  svä  ßenceb, 
on  flödwegas         fcor  getcUan. 

[Se  ealda  cwä(t:J 
Swylce  gedc  inonaÖ         geomrmi  r  cor  de, 
singeS  sumeres  weard,  sorge  beödei) 

hitre  in  hreosthord.         pät  se  heorn  ne  wät,  55 

sefteädig  secg ,  hwät  ßä  sume  dreogat), 

ße  J)ä  loräclästas  wtdost  lecgaÖ. 

[Se  geonga  cwä(t:J 
Forßon  hü  min  hyge  hweorfeÖ  ofer  hreSerlocan, 

min  modsefa  mid  mereßöde 

ofer  hwäles  eÖel,  hweorfeÖ  ivide  60 

\ßeond'\  eorSan  sceätas,  cyme'S  eß  to  me 

gifre  and  grcedig ,  gielleÖ  mifloga, 

hweteÖ  on  hivälweg  hretier  unwearnum 

ofer  holma  gelagu.  Forßon  me  Jiätran  sind 

dryhtnes  dreämas         ßonne  ßis  deäde  lif  65 

Icene  on  londe:  ic  gelyfe  nö 

ßät  him  eor'hwelan         ece  stondaÖ. 
Simle  preora  sum         ßinga  gekwylce 

48)  beorgas]  hs.  hyrig. 

49)  wong  Grein  im  gloss.  unter  vlitigian;  hs.  wongas. 

51)  pone  Grein  germ.  X,  422;  hs.  pani. 

52)  gewitan  Thoi'pe ,  hs.  gewitaä. 

53)  Der  guckuk  wird  ironisch  in  seinem  doppelsinn  als  friihlingshote  und  als 
böser  angang  verstanden.  Im  letztern  sinne  wird  ihm  eine  geomor  reord  zugeschrie- 
ben und  entbietet  er  sorge,  wie  Güdl.  7 IG  den  frühling. 

55)  Hs.  bitter. 

56)  sefteädig  Grein,  hs.  eft  eadig. 
61)  Ergänzung  Grcins. 

63)  Hs.  loodweg. 

(]4)  Wenn  sich  gelagu  durch  altsächsisch  lagu  gilagu,  nordisch  log  erklärt,  so 
ist  der  sinn:  ungeachtet  des  Verhängnisses  der  wogen,  d.  h.  ohne  rücksicht  auf  die 
dort  drohende  lebensgefahr.  Dies  schatft  für  den  folgenden  satz,  wo  forpon  die 
gewönliche  causale  bedestung  „denn"  hat,  eine  sehr  gute  anknüpfung. 

67)  Hs.  stonded;  Grein  eoräwela. 

6S)  pinga  gehwylce  unter  allen  umständen,  wie  H3fmn  IV,  12.  Dem  his  des 
folgenden  verses  felilt  das  beziehungswort ,  dem  toeoräed  der  dativ:  es  fehlt  also  ein 
vers.     Wegen  meiner  ergänzung  verweise  ich  auf  die  verwante  stelle  Beov.  1761  if. 


DER    SEEFAHEER  337 

[nien  ofer  moldan  on  his  mägnes  blcede,^ 

cer  his  tid  agä,  tb  tveön  weortieH: 

ädl  oWe  yldo  oÖÖe  ecghete  70 

feegum  fromweardum         feorh  dÖßringeti. 

[Se  ealda  cwäd:] 

Forpon  püt  eorla  gehwäm  äftercweÖendra 

lof  lufigendra  Icesteh  worda  betst, 

J)ät  he  geivyrce,  mr  he  on  weg  scyle, 

freman  on  foldan  wiS  feönda  mÖ  75 

deorum  dcedum  deöfle  togeänes, 

pät  hine  älda  hearn         äfter  hergen 

and  his  lof  siMan  Jifge  '>nid  englum 

äwa  tb  ealdre  [(ind  him  eäd  sylle 

engla  dryhten^  ecan  llfes  hlced, 

dreäm  mid  diigetium.  Bagas  sind  gewitene,  80 

ealle  onmedlan  eorSan  rices. 

Newon  nü  cyningas  ne  cäseras 

ne  goldgiefan  swylce  jü  ivceron, 

ponne  hi  maist  mid  him  maerba  gefremedon 

and  on  dryhtlicestum  dbme  lifdon:  85 

gedroren  is  pebs  duguiS  eal,  d/reämas  sind  gewitene, 

wuniat>  pä  iväcran         and  päs  woruld  healdaÖ, 

irümÖ  Purh  hisgo.  Blmd  is  gehnceged, 

eortian  indryhto         ealdaÖ  and  searati 

swä  nü  monna  gehwylc         geond  middangeard :  90 

yldo  him  on  fareh  ^  onsijn  hläcab, 

gomelfax  gnornaS ,  wät  his  jüwine 

äbelinga  hearn  eorÖan  forgiefene. 

Ne  tnäg  him  ponne  se  flcsschoma,        ponne  him  pät  feorg  losa^^ 

ne  sivete  forswelgan  ne  sär  gefelan  95 

ne  hond  onhreran  ne  mid  hyge  fencan. 

peäh  pe  gräf  %ville         golde  stregan 

69)  tid  (Igä  Grein  im  gloss.  unter  dgän;  hs.  tidc  ge. 

73)  Hs.  lifyendra  last.  Das  bleibt  jedem  das  lob  der  nachweit  liebenden  der 
Worte  bestes  (wenn  er  es  nämlich  befolgt) ,  dass  er  u.  s.  w. 

75)  freme  ist  nebenform  von  fremu  cominodam ,  bcneßciatn ;  hs.  fremman. 

79)  ecan  lifes  blced,  dreäm  mid  dugedum  Icann  nicht  apposition  zu  his  lof, 
nocli  weniger  subject  zu  lifye  sein.  Zwei  halbverse  des  Inhaltes,  wie  ilin  die  ergän- 
zung  gibt,  sind  ausgefallen,     blced  Grein,  hs.  bked. 

82)  neuron  Grein,  hs.  nceron. 

ZEITSOHK.    F.    TIKUTS*  HK    PHILOL.  22 


338  RIEGER,    DER    SEEFAHRKR 

brödor  his  gehorenum,  bycgan  he  deCtdum 

mäfimum  mislmim         püt  he  ne  mid  wille, 

ne  mag  pare  sätcle ,         pe  biÖ  synna  ful,  100 

gold  to  geöce         for  godes  egsan, 

ponne  he  hit  cer  hydeS ,         penden  he  her  leofat). 

Micel  hifi  se  meotudes  egsa ,        for  pon  M  ,sed  molde  oncgrreÖ, 

se  gestaÖelade  stde  grundas, 

eorÖan  sceätas         and  uprodor.  105 

Dol  bi()  se  pe  him  his  dryhten  ne  ondradeÖ :       cymed  Mm  se  deäÖ 

tmpmged. 
Eädig  bü)  se  pe  eäÖmod  leofaÖ:       cymeti  him  seö  är  of  heofonum, 
meoütd  him  Jiät  möd  gestdbela^ ,       forpon  he  in  his  meahte  gelyfeQ. 
Stieran  mon  sceal  stroyigum  möde       and  pät  on  stabelum  healdan. 
Gewis  werum,         ivifmn  clmne  110 

scyle  monna  gehwylc,  möd  gemete  healdan 

wiS  leofne  and  wiS  laöne  * 

*  bealo  * 

pedh  he  hine  wille  fyres  fulne  * 

oböe  on  b(Ble         forbärnedne 

his  geivorhtne  wine.  Wyrd  biÖ  swiSre,  115 

meotud  mealitigra         Pionne  cenges  tnonnes  gehygd. 
Uton  ioe  hycgan         hwmr  we  ham  ägen 
and  ponne  gepencan  hü  %ve  pider  cumen 

and  -we  ponne  eäc  tilien         pät  loe  tö  möten 

in  ])ä  ecan         eädignesse,  120 

pcer  is  lif  gelong  in  hifan  dryhines, 

hyht  in  heofonum.         päs  s>j  päm  hälgan  potic 
pät  he  üsic  geweorSade         wuldres  ealdor, 
ece  dryhten,         in  ealle  tid.     Amen. 

98)  Hs.  hyrgan.  Mit  toten  schätzen  (vgl.  65  pis  deäde  lif)  erkaufen  ,  dass  er 
nicht  auch  sterben  müsse. 

99)  M  ne]  hs.  hine. 

109)  und  ihn  (doch)  ungeheugt  erhalten:  vgl.  Cri.  490  staäolfästre  strengän. 

110)  Hs.  und  vor  gewis.    Hs.  loisum. 
115)  swiäre  Grein,  hs.  swire. 

1 17)  so  Thorpe ,  hs.  hioosr  se.  Dieser  erbauliche ,  aber  wenig  poetische  schluss 
ist  schAverlich  der  echte ;  er  wird  dem  verstümmelten  gcdichte  von  unberufener  band 
angehängt  sein.  — 

Ich  erlaube  mir  einige  abwcichungen  von  der  bei  uns  herkömmlich  gewor- 
denen Orthographie  des  angelsächsischen.  Ich  bitte  bei  dieser  gelegenheit  die 
bearbeiter  angelsächsischer  texte  in  erwägung  zu  ziehen ,  ob  es  nicht  ein  misbrauch 
ist,  dass  wir  nach  nordischer  weise  v  setzen  wo  die  Antjelsaclisen  uu  oder  die  betref- 


KOCH,  ANGELSÄCHS.  eä  339 

feiide  rune  schrieben  und  die  Engländer  w  schreiben ,  wie  auch  wir  in  unserer  eige- 
nen Sprache  thaten  und  thun  ?  Wir  geben  ganz  unnötiger  weise  den  texten  ein  für 
Deutsche  und  Engländer  fremdartiges,  nur  für  Nordländer  vertrautes  anselm;  wir 
erzeugen  im  anfänger  den  eindruck,  als  stehe  das  angelsächsische  dem  nordischen 
und  nicht  dem  deutschen  zur  seite.  Ein  anderer  punkt  ist  die  bezeichnung  der  quan- 
tität  bei  den  diphthougen.  Die  angelsächsischen  wie  die  nordischen  handschriften 
kennen  nur  ein  quantitätszeichen  für  vocale  mit  oder  ohne  verschlag;  denn  die  nor- 
dischen iä  iö  iü ,  die  angelsächsischen  eä  eö  iö  ie  sind  doch  nur  vocale  mit  verschlag 
und  werden  nur  um  ihres  etymologischen  wertes  willen  diphthonge  genannt.  Wir 
brauchen  demgemäss  in  nordischen  drucken  übereinstimmend  mit  den  nordländischen 
herausgebern  lediglich  den  acutus.  So  sollten  wir  in  angelsächsischen  übereinstim- 
mend mit  den  Engländern  lediglich  den  circumflex  In-auchen :  aber  mr  haben  hier 
eine  pedantische  Unterscheidung  durch  acutus  und  circumflex  erfunden.  Der  acutus 
zeichnet  diejenigen  ea  und  eo  aus,  die  gotischem  au  und  iu  entsprechen,  obgleich 
sich  nicht  erweisen  noch  erdenken  lässt,  dass  diese  laute  in  geär  und  loeöx  anders 
als  in  geclc  und  heöd  seien  ausgesprochen  worden.  Wie  aber  nun  mit  shan  =  slea- 
han  und  tweon  =  tioeohan?  Hier  wäre  eigentlich  ein  drittes  zeichen  erforderlich. 
Auch  die  einführung  von  ä  für  kurzes  (B  der  handschriften  halte  ich  nicht  für  glück- 
lich. Bezeichneten  wir  statt  dessen  die  länge  mit  circumflexiertem  ce ,  so  wäre  in 
zweifelhaften  fällen  weniger  vorgegriffen,  das  objective  dement  der  Überlieferung 
würde  sich  deutlich  vom  subjectiven  der  quantitätsbezeichnung  unterscheiden  und  eine 
wertlose  abweichung  vom  verfahren  der  Engländer  fiele  weg.  [Die  hier  vorgeschla- 
genen änderungen  der  bei  uns  üblichen  Schreibweise  des  angelsächsischen  sind  in  der 
historischen  grammatik  der  englischen  spräche  von  C.  Friedrich  Koch  bereits  theil- 
weise  durchgeführt  worden.     Eed.] 

DAßMSTADT,   IM   AUGUST  1868.  M.    EIEGER. 


ANGELSÄCHSISCH  eä  (GRIMMS  ea). 

In  den  folgenden  zeilen  versuche  ich  entstehung,  umfang  und  wei- 
terl)ildung  des  auffallenden  angelsächsischen  eä  darzustellen.  Da  in  dem- 
selben ursprünglich  ganz  verschiedene  laute  ihren  ausdruck  finden  und 
finden  können,  so  ist  es  genauer  zu  bestimmen. 

Es  ist  zuerst  das  eä  auszuscheiden,  das  eigentlich  für  ä  eingetre- 
ten und  dadurch  entstanden  ist,  dass  e  als  aussprachezeichen  der  guttu- 
ralmedia  beigefügt  wurde  =  Grimm,  Heyne,  Grein:  cä.  Angelsächsisch 
<j  scheint  nämlich  eine  doppelte  ausspräche  gehabt  zu  haben,  ursprüng- 
lich die  der  gotischen  media  und  dann  eine  abschAvächung  derselben,  die 
unserm  j  sich  näherte  oder  glich.  Die  graphische  Unterscheidung  dieses 
doppelten  lautes  tritt  sporadisch  im  angelsächsischen,  in  scharfer  Unter- 
scheidung im  neuaugelsächsischen  auf,  und  befestigt  sich  nach  langem 
schwanken  in  <j  und  y.  HG  (--  Koch,  historische  grammatik  der  eng- 
lischen spräche)  T,  132  ft'.  Die  w^eichere,  unserem  j  ähnliche  oder  glei- 
che ausspräche  wird  erwiesen  durcli  die  allitteration  des  angelsächsischen 

22* 


340  KOCH 

(j  mit  /'.•  f/oda  --  iuätkäum  Sal.  180.  Juliane  —  gthste  Jul,  28.  — 
geääe  95.  —  gode  106.  —  gleäw  —  gode  130  und  öfter;  durch  den 
Wechsel  mit  auslautendem  h :  helge  hedlh ,  Jiccdi  pkgon  pf^gon ,  seali  sk- 
gon  HG.  1,  133.  274.  280.  289.  297;  durch  zerdehnung  des  i  oder  .; 
in  ige:  sealf-je  sealf-ige,  swer-j(t-n  stver-igea-n  HG.  1,  341;  durch 
die  weitere  entwicklung  des  g,  wie  angelsächsisch  dceg,  neuangelsäch- 
sisch dceig  d(Cg,  angelsächsisch  fceger ,  neuangelsächsisch  fmger  feeiger, 
angelsächsisch  mccgden,  neuangelsächsisch  weeide  maggdenn.  HG.  1 ,  132; 
endlich  dadurch,  dass  g  vor  /  bisweilen  schwindet,  wie  angelsächsisch 
gif,  neuangelsächsisch  g//"  yif  if,  ags.  gi  ge,  nags.  i  HG.  1,  132. 
Die  weichere  ausspräche  wird  ferner  bezeugt  durch  das  alts. ,  in  dem  gi 
und  j  vor  a  und  tt  neben  einander  liegen,  wie  giudeo  jndeo.  s.  Heyne, 
kurze  gramm.  der  altgermauischen  sprachstämme  1,  110;  und  durch 
das  altfriesische,  in  dem  g  und  j  öfter  wechseln,  s.  Heyne  1,  130.  Zur 
bezeichnung  dieses  weicheren  lautes  dient  e,  so  dass  ags.  gedr  eigentlich 
für  ge-är  jär  steht,  alts.  ger  Mon.  jär  Gott.,  altfries.  jV'r,  got.  jer. 
Ebenso  ags.  geära  gere  und  R.  Matth.  11,  21  jära,  gäfon  gcefon  geä- 
fon,  on-gceton  on-geäton. 

Ferner  ist  auszuscheiden  ea  (Grimm,  Grein,  Heyne:  e«),  das  eben- 
falls für  ä  steht  und  dadurch  entstanden  ist,  dass  e  hinter  sc  eingetre- 
ten ist.  Heyne  vermutet ,  das  e  dem  sc  beigefügt  sei ,  um  die  ausspräche 
zu  modificieren,  —  eine  Vermutung,  die  dadurch  bestätigt  wird,  dass  sc 
sich  meist  zu  sli  entwickelt,  selten  zu  sh,  während  c  vor  a  regelmässig 
bleibt.  HG.  1,  108.  Daher  ags.  scän  sceän,  scäd  sceäd,  scädan  sceä- 
dan,  scmd  sceud.  s.  Grein,  sprachsch.  Bemerkenswert  ist ,  dass  in  den 
northumbrischen  evangelien  nirgends  sc  vor  a  steht,  nur  das  fremde 
scariothisc  Mrc.  14 ,  43  ausgenommen. 

Endlich  ist  auch  m  (Grimm,  Grein,  Heyne:  ed)  auszuscheiden,  das 
als' lautliche  mehrung  oder  Verstärkung  zu  betrachten  ist.  Got.  ali-va 
(ind.  W.  *ah  schwellen ,  lat.  aq "  im ,  ahd.  ah  -  a)  wird  ags.  eali ,  deim  das 
Suffix  fällt  ab.  Dieses  eali  aber  wird  e«,  sei  es,  dass  geschwundenes  // 
in  der  vocallänge  ausklingt,  oder  dass  consouautische  minderung  durch 
vocalische  mehrung  ersetzt  wird.  s.  HG.  1 ,  39.  Ebenso  ags.  sleun  aus 
sleahan,  got.  skihan  schlugen,  pweän  a,us  pweahan,  ülts.  thwahan.  Auf 
gleiche  weise  mag  auch  on-geän  (Grimm,  Grein:  on-gedn)  entstanden 
sein.  Entweder  lag  hier  die  volle  form  vor,  on-gagan,  das  sich  in  on- 
gän  ps.  57,  9  zusammenzog  und  hinter  g  das  zeichen  der  weichen  aus- 
spräche zuliess:  on-geän.  Oder  on-gcegen  on-gcegn  wird  on-gSi  und 
dieses  zu  on-geän,  wie  on-gMon  zu  on-geäton. 

Nach  ausscheidung  dieser  eä  bleibt  nur  das  ags.  eä  (Grimm ,  Grein, 
Heyne:  eä)  mit  seinen  abweichungen  und  Schwankungen  übrig,    das  sich 


ANGBLSÄCHS.    cä  341 

aus  got.  äu  (Grimm:  du)  entwickelt.  Um  zu  erkennen,  wo  eä  steht,  wo 
es  bleibt  und  wo  es  sich  ändert,  wird  man  das  gotische  zu  gründe  legen 
müssen,  und  zwar  die  formen,  in  denen  keine  äussere  einwirkung  auf 
den  laut  stattfindet ,  oder  solche ,  in  denen  die  einfachsten  bildungslaute 
stehen,  deren  einfluss  leicht  erkennbar  ist. 

Got.  äu  (Gr.  du),  die  dritte  Steigerung  des  ^^- lautes  (got.  •?*,  m, 
äu  =  altind.  u,  au,  äu  Schi.)  findet  sich  in  der  1.  und  3.  pers.  sing,  praes. 
ind.  der  starken  verben  sechster  (Grimm:  neunter)  klasse.  Da  schon  im 
gotischen  die  personalendungen  abgefallen  sind ,  so  darf  man  diese  foi- 
men  als  solche  bezeichnen ,  in  denen  eine  äussere  einwirkung  auf  den 
germanischen  laut  nicht  mehr  stattfindet.  Hier  steht  got.  äu,  ahd.  ou 
(vielleicht  öu  ?)  und  6 ,  altn.  au ,  alts.  6 ,  altfries.  ä  und  ags.  eä ,  selten  e, 
wie  of-scet,  scef,  ge-ces,  fleg,  ä-Uh;  HG.  1,  296.  Got,  äu  bleibt  also 
in  altn.  au,  ebenso  in  ahd.  ou,  fliesst  zusammen  in  ahd.  und  alts.  ö  und 
verkürzt  sich  zu  altfries.  ä.  Nur  ags.  eä  und  e  stehen  weiter  ab;  wie 
hat  sich  eä  mit  dem  seltenern  e  bilden  können?  Grimm  meint,  du 
habe  sich  erst  zu  do  und  dann  zu  de  geschwächt  und  dieses  habe  sich 
umgestellt:  de  ed.  Denselben  Vorgang  sieht  er  in  got.  ai,  das  zu  ags. 
io,  eo  geworden  sei.  Die  erklärung  möchte  wol  schwerlich  genügen, 
und  die  angezogene  vergleichung  scheint  mir  unrichtig.  Ags.  co  ent- 
spricht allerdings  got.  al,  aber  seine  entwicklung  scheint  eine  ganz 
andere  zu  sein.  Zu  gründe  liegt  i  und  zu  diesem  tritt  aus  der  schar- 
fen gutturale,  wie  im  schweizerdialecte ,  ein  dunkler  laut,  der  mit  o 
bezeichnet  wird,  daher:  fi-ohtan,  fe-ohtan.  Mit  verklingender  guttu- 
rale erscheint  daher  wider  fehfen  Lag.  und  später  filiten,  und  verklun- 
gene  gutturale  ersetzt  vocallänge  in  neuengl.  flght.  Heyne  meint,  got.  du 
habe  sich  wie  im  friesischen  zu  dunkelem  ä  verdichtet ,  dem  beim  spre- 
chen ein  e  leise  vorgeschlagen  wurde.  Diese  ansieht  erklärt  ä  in  ihrem 
ersten  theile;  im  zweiten  coustatiert  sie  nur  die  thatsache,  dass  e  vor  ä 
steht.  Dem  ersteren  stimme  ich  vollkommen  bei.  Auch  im  ags.  hat 
hier  ursprünglich  äu  gestanden.  In  diesem  diphthonge  wurde  aber  ä  so 
überwiegend  gesprochen,  dass  ti  nur  leise  nachklang.  Dieses  leise  nach- 
schlagende u  muss  auch  dann  noch  geblieben  sein,  als  es  nicht  mehr 
gesclirieben  Avurde.  Daher  gibt  denn  Alfred  die  lateinischen  au  in  nameu 
oft  mit  ags.  ä  wider,  wie  Ägustus.  Bed.  1,  2.  4.  5.  11.  13.  15.  23 
etc.  Ägustmus  1,  25.  27.  29.  33.  2,  2.  Ferner  aucli  Men.  97,  und 
daneben  Äugustus  Bed.  3,  9.  Augustinus  2 ,  7.  Claudius  1 ,  2.  Mau- 
ricius  1 ,  23.  Patdus  1 ,  29.  Saulus  1 ,  34.  Allmählich  mag  dann  dies 
kurze  u  verklungen  sein.  War  es  aber  auch  ganz  verklungen,  so  lag 
doch  ä  noch  in  der  h- reihe  und  muste  als  Steigerung  des  tt- lautes 
gefühlt  werden.    Der  einfache  kurze  wurzelvocal  lag  noch  im  plural  des 


;V12  KOCH 

praet.  vor.  Die  erste  Steigerung  war  in,  das  zu  ü  {slüpan ,  düfan 
diofan  dcöfan,  strüdan,  sücan  sügan,  hiujan  heögan,  hrücanüG.  1,  12) 
zusammenfloss  oder  zu  iö  und  eö  wurde.  In  iit  {ic  hinin  hiom  beom 
Durb.  Job.  7,  34.  Mrc.  5,  28)  iö  eö  erscbeint  i  und  das  gewöhnlicbere 
e  in  eö  als  steigerungslaut  des  grundvocals.  War  nun  d  nocb  in  der 
<t- reihe  rege,  so  konnte  sieb  diesem  dieselbe  Steigerung  vorsebieben,  so 
dass  die  lautreibe  lief:  n,  iu  io,  ia  und  mit  anbequemung  des  bellen  i 
an  dimkles  o  und  a:  u,  eo ,  ca.  Ags.  iä  lässt  sich  bis  jetzt  in  einem 
verb  nicht  nachweisen;  es  stellt  n^r  in  driäs  dreäs  Fall,  Bosw.,  das 
in  dem  streitigen  deäiv- driäs  (tbaufall,  morgenthau)  Dan.  277.  vor- 
liegt, und  in  hriäd  (brot)  Durb.  Job.  6,  23  für  das  gewöhnliche 
hreäd.  Bemerkenswert  ist  überdies ,  dass  in  den  nordbumbrischen  evan- 
gelien  eö  und  eä  mit  einander  wechseln ,  ein  Wechsel ,  in  dem  man 
nicht  gerade  Verderbnis  erblicken  muss.  Er  kann  eben  so  wohl  ein  beleg 
dafür  sein,  dass  das  bewustsein  der  lautreihe  und  der  Zusammengehörig- 
keit von  cä  und  eö  noch  rege  war.  Im  neuags.  l)leibt  eä  selten ,  gewöhn- 
lich wird  es  ce  (ohne  quantitätszeichen)  bei  Lagamon  und  stets  ce  bei 
Orm.  —  Das  neben  eä  liegende  seltene  e  ist  entweder  schlechte  Schrei- 
bung oder  es  rührt  aus  einer  zeit ,  in  der  eä  anfieng  zusammenzufliessen : 
es  wäre  demnach  der  Vorläufer  des  neuags.  «c. 

Grot.  aw,  ags.  eä  steht  ferner  in  Wörtern  mit  einfachen  Suffixen. 

Das  a- Suffix  tritt  1)  an  die  reduplicierenden  verben:  got.  hläup- 
a-n,  altn.  Maiqja,  abd.  hloufan,  alts.  ä-hlöpan,  afries.  Mäpa,  ags.  hleä- 
fan ,  nags.  lecq)en  lepen  Lag,. ,  Icejienn  Orm ;  altn.  hauta  schlagen ,  mbd. 
hozen,  ags.  heätan,  nags.  beten  hcetenn.  —  2)  an  substantiva:  got. 
läuf(a)s  laub,  skäuta(s)  rockschoss,  läun(-a-m)  lohn;  altn.  lauf,  skant, 
laiin;  abd.  loup,  scös,.,  Ion;  alts,  löf,  Ion;  afries.  M/",  län;  ags.  leäf, 
sceät,  leän;  nags,  leaf  leue,  Icefe,  Icen.  Got.  äugo  für  äug -an  äuge, 
äi(sö  ohr;  altn.  auga,  eyra  (Iit.  aus-i-s,  lat.  anr-i-s);  abd.  ougä, 
drä;  alts.  öga,  ora;  afries.  ägc,  äre;  ags.  eäge,  cäre.  —  3)  an  adjec- 
tiva:  got.  läus(a-s)  los,  däuf(a)s  taub,  liäuli(a)s  hoch,  räud(a)s  rot, 
dänp(a)s  todt;  altn.  dauf-r,  raud-r,  daud-r;  abd.  los,  toup,  höh,  rot, 
töd;  alts.  lös,  höh,  röd,  död;  afries.  las,  häch,  räd,  däd;  ags.  leäs, 
deäf,  heäh  heh,  read  deäd;  nordh.  leäs  leos,  deäf  deöf,  heäh  heh ,  deäd 
deöd  nags.  Ices  les ,  dcef,  rced  redde  reode  rede ,  hceh  hege  hei  Lag. ,  heh 
Orm.  Im  ags.  bleibt  demnach  überall  eä,  nur  heäh  und  Mh,  und  hier 
konnte  wol  die  zur  erweicbung  und  deshalb  zur  erhellung  des  vocals  Mnnei- 
gende  gutturale  e  veranlassen.    Im  nordh.  mischen  sich  auch  hier  eö  und  cä. 

Zu  diesen  bildungen  mit  a  sind  auch  die  schwachen  verben  zwei- 
ter klasse  zu  stellen,  denn  got,  ö  ist  «  +  «:  got.  känp-ö-n  kaufen, 
raub- 6 -n  rauben;     altn.  kaupa,    raufa;    abd.   lioufön,    roubön;    alts. 


ANGELSACHS,    ea 


343 


höpön,   röhön;    afries.  häpia,   ruf  raub;    ags.  cmp-ia-u,   reäp-ia-n; 
nags.  chepmng  0.     Auch  hier  erhält  sich  eä. 

Das  u  -  Suffix  scheint  nur  durchgangslaut  zwischen  a  und  i  zu  sein, 
daher  hat  es  bald  die  verdunkelnde  kraft  des  a ,  bald  die  des  i.  Es  ist 
demnach  kein  sicherer  führer.    s.  HG.  3,  35. 

Das  Suffix  i  tritt  an  substantiva;  got.  hläut(l)s  loos,  näiip(i)s  not; 
altn.  läeijü,  neijdmiü  nauä;  ahd.  Mos  Jilüz,  not  (ffir  nöti,  dat.  pl.  nötin); 
alts.  Möt  nöd  und  niud',  ags.  hUte  Met  hlyte,  ned  nf/d  und  niöd  neöd  nied; 
nordh.  ned.  Sieht  man  hier  von  niöd,  neöd  ab,  in  denen  die  zweite 
Steigerung  got.  iu  vorliegt;  so  haben  wir  e  und  p  und  diese  erscheinen 
als  die  umlaute  von  ags.  eä. 

Das  Suffix  j«  tritt   1)  an  adjectiva:    got.  äiip-s,    altn.  auä-r  und 
ei/äi-,  ahd.  alts.  ödi,  ags.  cäd  eä  yd,  nordh.  eäd  ed-,   eben  so  ge-.drem'e 
(je-dnjm'e  froh,  von  dreäiii.    Da  dieses   suffix  fast  überall  im   ags.  den 
umlaut  erzeugt,  so  ist  auch  hier  e  und  f/  als  umlaut  von  ed  zu  nehmen. 
s.  HG.  3 ,  40.  —  2)  an  die  schwachen  verben  erster  klasse  mit  ursprüng- 
lich transitiver  oder  factitiver  bedeutung ;  s.  HG.  3 ,  84  —  88.    Got.  läiis- 
ja-n  lösen,   haus -ja -n  hören,    gäum-ja-n  wahrnehmen,    häim-ja-n 
erniedrigen,    af-släup-ja-n  abstreifen,    luiib-ja-n  glauben,    äug-ja-n 
sehen  lassen,  läugn-ja-n  leugnen,  Muh-ja-n  erhöhen  etc.;  altn.  leysa, 
lieyra,  geijma,  leyna,  leyfa;  ahd.  losian,  Mrian,  honian,  slaufan  sloiifan, 
ga-laupian,  ougan,  lougnan,  hoJäan;  aXts.Usian,  liorian,  gomian,  slo- 
pian,   gi-lobian,   ögian,  Idgnian;    afries.  lesa,   hera,    heia;    ags.  lesan 
lysan,  heran  hyran,   geman  gf/man  glman  gieman,    henan  liynan,   sle- 
pan,  ge-lefan  -lyfan  -Ufan,  emvan  ytvan  eöivan,  lygnian ,  Mganhean; 
nordh.   ä-lesa  ge-lesa,   hera,    gema,   hena,    ä-lefa  ge-leäfa  ge-lefa: 
nags.  a -lesen,    heren,    henen    hcenen,     hilefen   Uleafen   Heuen  ilmiien 
ilefue   ileoue  Lag,.,   lefenn  0.,    heßen  hcelißcn    hcsgen  hceien   heien  Lag. 
heajienn  0.     Da  im  ags.  hier  überall  der  umlaut  steht,  so  ist  e,  y  und 
in  schlechter  Schreibung  i  und  ie  als  ausdruck  des  umlautes  zu  nehmen, 
Fragt  man,  welches  von  diesen  graphisch  sehr,  lautlich  wenig  verschie- 
denen zeichen  des  umlauts  das  ursprüngliche  sei ,  so  ist  die  antwort  nicht 
schwer.     Das  afries.  hat  e;    das  nordhumbrische  hat  e;   ags.  eä  ist  aus 
ä  hervorgetragen ;  das  nags.  hat  e  und  mischt  es  mit  ce ,  während  eigent- 
liches y  nach  i  und  u  geht:   es  muss  also  hier  auch  e  gestanden  haben 
und  dieses  hat  sich  gesetzt,  als  ä  die  zweite  tt  -  Steigerung  war.     Dane- 
ben tritt  y.     Zwei  gründe  können  es  veranlasst  haben.     Es  ist  nämlich  y 
der  umlaut  der   ersten  «t-steigerimg,    also  von  tt,    iu  iö  eö,   wie  ags. 
ed-gesyne   (leicht  zu  sehen,    got.   ana - siim(ja)s  sichtbar),    dyr'e  deore 
(theuer,  alts.  diuri,   afries.  ditire,   ahd.  tiuri),  gc-rfjne  (Ijeratung,    got. 
ga-runi,    alts.  gi-nmi,    ahd.  ga-rüni),   ge-tyn'e   (verhalle,    ahd.   gün 


344  ROCHHOLZ 

eüni),  fi/r  (feuer,  alts.  ahd.  afries.  fmr).  Es  tritt  also  in  //  der  uralaut 
dos  gedehnten  n  und  der  ersten  n  -  Steigerung  ein.  Dieser  regere  umlaut 
konnte  wol  eintreten,  nachdem  ä  zu  eä  geworden  und  das  gefülil  für  e 
als  umlaut  des  letzteren  getrübt  war.  In  i)  läge  also  das  bestreben, 
den  umlaut  c  als  der  u- reihe  angehörig  zu  bezeichnen.  Dass  diese  y 
bisweilen  im  nags.  nach  e  zurückgehen ,  ist  höchst  auffallend ,  und  lässt 
vermuten,  dass  die  ausspräche  derselben  den  e  sehr  nahe  stand.  Eine 
zweite  erklärung  legt  nicht  sowohl  der  laut  als  das  lautzeichen  nahe. 
Die  ags.  brechung  ea ,  die  ich  ganz  anders  entstanden  glaube  als  Grimm 
annimmt,  ist  ursprünglich  a  und  hat,  wie  <e,  den  umlaut  e.  Da  dies 
sich  aber  lautlich  zu  wenig  von  m  unterscheidet,  so  schreitet  der  umlaut 
in  der  eingeschlagenen  richtung  weiter  und  wird  zu  hellerem  i- laute, 
den  man  schlecht  genug  mit  y  bezeichnet:  ags.  feallan  fallen,  fellan 
fyllan  fällen,  alts.  fallan  fellian^  ahd.  fallan  fallian,  altn.  faUa  fella. 
Die  Umlautbezeichnung  der  kurzen  brechung  ea  wurde  auf  eä  übertragen 
und  so  entstand  //  aus  y. 

Von  den  mehrfachen  Suffixen  kann  man  absehen,  weil  in  densel- 
ben verschiedene  einwirkungen  liegen  können.  Die  resultate  vorstehen- 
der bemerkungen  würden  sein:  1)  got.  äu  wird  im  ags.  eä,  e  und  y; 
i  und  ie  sind  unorthographisch.  —  2)  Ags.  eä  entwickelt  sich:  äu,  ä, 
id  eä,  e,  (B.  —  3)  Ags.  e  ist  selten  der  aus  eä  zusammengeflossene 
laut,  gewöhnlich  der  umlaut  von  eä.  -  4)  Ags.  //  ist  der  bewuste 
umlaut  der  ersten  m  -  Steigerung  und  dringt  in  die  zweite  Steigerung  vor. 

EISENACH.  C.    FR.   KOCH. 


DER  STOECH, 

nach  scliweizerischem  Volksglauben. 

Dass  der  storch  in  den  deutschen  kantonen  der  Schweiz  nicht  bloss 
ein  gesetzlich  befriedetes,  sondern  auch  auf  gemeindekosten  verpflegtes 
thier  gewesen  ist,  darüber  haben  die  Aargauer  sagen  und  das  Aleman- 
nische kinderlied  schon  eine  reihe  beweisender  meinungen  und  brauche 
veröffentlicht.  Zu  den  betreifenden  abschnitten  dieser  beiden  werke  folgt 
hier  eine  nachlese,  durchaus  auf  dem  von  uns  persönlich  durchforschten 
gebiete  zwischen  der  Reuss,  der  Aare  und  dem  Ehein  erhoben. 

Die  kinder  der  stadt  Lenzburg  behaupten  von  dem  in  ihrem  orte 
herkömmlich  bauenden  storche ,  er  werde  auf  stadtkosten  mit  äpfelschnitzen 
und  dürrobst  gefüttert.  Demjenigen,  der  im  dorfe  Boswil  im  Freienamte 
nistet,  hat  man  auf  dortige  gemeindekosten  das  rad  zum  neste  machen 
lassen.     Als   im   dorfe  Schöftland    das  männchen   des   dorten   nistenden 


DER   STORCH  345 

paares  vom  jähre  1843-47  überwinterte,  so  verbreitete  sich  hier  die 
meiniing  unter  dem  volke ,  das  thier  werde  mit  fleisch  gefüttert  und  die- 
ses aus  den  zinsen  eines  legates  beschaift,  das  von  einer  alten  gräfin  auf 
dem  dortigen  schlösse  Kued  einst  in  hungerjahren  und  für  den  fall 
gemacht  worden  sei ,  dass  der  storch  sein  futter  nicht  selbst  mehr  finden 
würde.  Dieser  alte  einheimisch  gewordene  storch  starb  dorten  im  jähre 
48.  Wer  zu  Brittnau,  im  bezirke  Zofingen,  ehemals  auf  einen  storch 
schoss,  den  konnte  das  dorfgericht  in  eine  busse  von  140  francs  alter 
Währung  verfallen.  Ein  gutsbesitzer  daselbst  fand  einen  angeschossen, 
dem  das  linke  bein  entzwei  war.  Der  mann  wüste  es  ihm  zu  schindeln, 
das  thier  wurde  wider  heil  und  marschierte  stelzbeinig  jenes  jähr  bis 
zur  abreise  bei  ihm  herum.  Früher  besass  jenes  dorf  zweierlei  alljähr- 
lich besuchte  Storchennester,  eines  auf  dem  satteldache  des  kirchthur- 
mes,  das  andere  auf  einem  bauernhause,  das  seither  umgebaut  und  nun 
von  den  storchen  nicht  weiter  mehr  bewohnt  worden  ist.  Die  thiere 
trafen  dorten  zu  ende  Februars  an  Petri  stuhlfeier  ein  und  zogen  wider 
ab,  wenn  sie  die  ersten  emdschöchlein  sahen,  d.  h.  zu  anfang  Septem- 
bers, wo  man  die  letzte  wiesenmahd  schobert.  Erschienen  sie  im  früh- 
jahre  auf  jenem  bauernhause ,  so  begrüsste  sie  der  hausherr  mit  Verbeu- 
gungen und  in  der  Voraussetzung,  Gott,  der  diese  thiere  so  sichtbar 
schütze ,  schicke  ihm  mit  ihnen  glück  zu.  Dem  abziehenden  storch  band 
er  einst  einen  zettel  an  mit  der  schriftlichen  frage:  Wo  ziehen  denn  die 
storche  hin?  Nächstes  frühjahr  kam  das  thier  mit  einem  ähnlichen  zet- 
tel, worin  zu  lesen  war: 

In  India 

Hend  die  störe  junge  g'ha. 

Dieselbe  anekdote  lautet  im  aargauer  Kulmerthale  also.  Als  man 
dorten  dem  wanderstorch  einen  zettel  um  den  fuss  gehangen  mit  der 
drauf  stehenden  bitte,  der  mann,  bei  dem  er  in  der  fremde  baue,  möchte 
den  namen  seines  landes  darunter  setzen ,  lautete  es  auf  dem  wider  mit- 
gebrachten zettel: 

Z'Ostindia  im  goldige  hüs 

flüget  d'store  in  und  üs. 

Wir  beabsichtigen  damit  nicht  etwas  neues,  sondern  umgekehrt 
etwas  recht  uraltes  vorzubringen.  Schon  im  13.  Jahrhundert  erzählt 
Cäsarius  von  Heisterbach  in  seinen  dialogen  X,  59  von  einem  hausbe- 
sitzer,  welcher  seiner  wegziehenden  hausschwalbe  einen  zettel  anbindet 
mit  der  aufschrift:  schwalbe,  wo  wohnst  du  diesen  winter?  Als  sie  im 
frühjahr  widerkehrt,  hat  sie  einen  andern  zettel  um  mit  der  aufschrift: 
In  Asien   im   hause   des  Petrus.     Nach  der  französischen  rockenphiloso- 


346  ROCHHOLZ 

pliie,  evangiles  des  queuoiiillcs ,  pag.  94  ist  der  berg  Siuai  der  «törche 
lieimat,  wo  sie  entzaii])ort  als  menschen  leben.  Clais  von  Brügge,  der 
dahin  nach  dem  Kathariuenkloster  gewallfahrtet  war  und  seine  mitrei- 
senden pilger  alle  durch  den  tod  verloren  hatte,  redete  in  seiner  ver- 
lassenlieit  einen  storch  in  vlämischer  spräche  an;  dieser  antwortete  ihm 
auf  der  stelle  vlämisch ,  zeigte  ihm  den  weg  und  erzählte ,  dass  er  jedes 
jähr  zu  Brügge  auf  seines  nachbars  hause  baue.  Clais  bat  den  storch 
um  gewisse  Wahrzeichen  hiefür,  damit  er  ihm  einst,  wenn  er  selbst 
wider  heimkehre,  dorten  für  seine  gute  dankbar  sein  könne.  Der  storch 
zog  einen  goldring  hervor,  den  er  auf  dem  Trierer  hausplatze  aufgele- 
sen hatte,  und  sobald  Clais  diesen  sah,  erkannte  er  ihn  wider,  denn  es 
war  sein  hochzeitsriug  gewesen ,  als  er  sein  weib  Mal  -  CengUe  (die 
übelberiugte)  geheiratet  hatte.  Der  storch  übergab  ihm  denselben  unter 
der  bedingung,  dass  er  den  seh  weine-  und  kuhhirten  verböte,  ihn  fer- 
nerhin so  sehr  in  seinem  neste  zu  plagen.  Nachdem  mein  oheim,  „mou 
tayon,"  ihm  dies  zugesagt,  reiste  derselbe  nach  Brügge  heim,  wo  er  von 
da  an  so  gut  lebte,  dass  er  14  eilen  umfang  hatte,  als  er  starb.  Stö- 
ber, Elsäss.  volksbüchlein  1859.  1,  s.  165.  Auch  dieses  kleinod,  das 
hier  der  storch  verschenkt,  hat  in  der  sage  seine  mehrfachen  anwendun- 
gen  gefunden  und  wird  schon  in  Aelians  erzählungen  von  den  thieren 
lib.  8 ,  cap.  21  einer  wittwe  von  Tarent  zu  theil.  Man  vergleiche  das 
einschlägige  im  Alemannischen  kinderliede,  pag.  86.  Jenen  edelstein, 
der  lange  auf  dem  hochaltare  des  klosters  Egmont  zu  sehen  gewesen, 
des  nachts  in  seinem  eignen  Schimmer  leuchtend,  hatte  einst  ein  storch 
einem  weibe  in  den  schoss  geworfen  zum  danke ,  dass  sie  ihm  das  kranke 
bein  verbunden  und  ihn  gefüttert  hatte ,  bis  er  wider  heil  geworden  war. 
Wolf,  niederländ.  sagen  nr.  41. 

Aus  diesen  sagenzügen  leuchtet  bereits  die  milde  Schonung  her- 
vor, die  in  der  vorzeit  dem  thiere  zu  theil  wurde,  sie  lässt  sich  aber 
auch  förmlich  aus  geschichtlichen  Zeugnissen  und  statutarrechten  nach- 
weisen, die  bei  weitem  älter  sind  als  unsre  thierschutzvereine.  Im  Send- 
schreiben des  Aeneas  Sylvius,  erlassen  während  des  Basler  kircheucon- 
cils  1438  an  den  kardinal  Julian  de  St.  Angeli,  wird  in  der  Schilderung 
der  Stadt  Basel  folgendes  hervorgehoben :  Auf  den  dachgiebebi  nisten  die 
storche  und  äzen  ihre  jungen,  diese  heimat  ist  eine  ihnen  besonders 
zuträgliche.  Niemand  thut  ihnen  etwas  zu  leid.  Sie  können  frei  gehen 
und  wider  kommen,  denn  die  Basler  pflegen  zu  sagen,  wenn  man  den 
storchen  die  jungen  nähme ,  so  brächten  sie  feuer  in  die  häuser.  —  Die 
Stadt  Lucern,  die  wegen  der  zahlreich  dorten  nistenden  storche  bei  den 
nachbarn  das  hölzerne  storchennestlein  geheissen  war,  enthält  in  ihrem 
ratsprotokoll  von  160()  folgende  einzeichuuug :  „Als  dann  von  altem  har 


DER    STORCH 


347 


mid  von  imsern  Altvordern  ein  Gesatz  und  Statutum  gehalten,  aber  his- 
haro  nit  yngeschrihen,  jedoch  nüt  desto  minder  darob  gehalten  wor- 
den und  dietibertretter  darumh  gestraft:  dass  man  die  Storchen  in  unser ^ 
Statt  schirmen  und  Jceinestvegs  beleidigen  soll  etc.:  So  hand  MGherren 
söllich  alt  Tradition  und  Harlmmmen  uf  hüte  widerumb  ernüweret  und 
durch  ein  offenen  Ruf  menigJdichen  tvarnen  lassen,  dass  nöchmolen  nie- 
mand einiehen  Storchen,  tveder  jung  noch  alt,  weder  innert  noch  ussert 
der  Statt,  ■weder  in  noch  ussert  den  Nestern ,  weder  schiessen,  noch  sonst 
plagen,  jagen,  noch  beleidigen  oder  ussnemen  solle ,  by  10  Gulden  Busse.'''' 
Kas.  Pfyffer,  geschichte  von  Luzem  1,  312.  Bei  einem  im  jähre  1613 
daselbst  erfolgten  brande  schlug  die  flamme  zu  einem  storchenneste 
empor.  Der  alte  blieb  auf  seiner  brut  sitzen  und  wollte  eher  umkom- 
men, als  diese  verlassen.  Voll  erbarmen  stiegen  die  leute  hinauf,  trie- 
ben ihn  aus  dem  schon  brennenden  neste,  bereiteten  ein  neues,  und  die 
storchenmutter  kehrte  dahin  zu  den  jungen  zurück.  Melch.  Schuler, 
Sitten  und  thaten  der  Eidgenossen  (nach  Cysat)  3 ,  377. 

Hier  mag  eine  reihe  wirthschaftlicher ,  aus  dem  volksmunde  auf- 
gesammelter erbsätze  ihre  stelle  finden. 

Kommt  der  storch  beschmutzt  und  graugefiedert  ins  land  gezogen, 
so  deutet  dies  auf  eine  missernte. 

Er  verkündet  fruchtbares  jähr,  wenn  er  auf  einen  kornspeicher  oder 
eine  mühle  sich  niederlässt. 

Bleibt  er  nah  vor  einem  wohnhause  stehen,  so  folgt  Sturmwind 
und  abermaliger  frost. 

Streckt  er  den  hals  lang  und  gerade  vor  sich  hin,  so  erfolgt  ein 
Unglück. 

Je  später  die  storche ,  um  so  später  der  frühling ,  um  so  magerer 
die  ernte. 

Hat  er  auf  einem  hause  zu  nisten  begonnen  und  zieht  plötzlich  auf 
ein  anderes  um,  so  bricht  in  jenem  entweder  hausstreit  oder  feuer  aus. 
Aehnliches  gilt  auch  von  den  standbienen. 

Bricht  man  ihm  das  nest  von  der  strohfirst  ab,  so  bringt  er  glü- 
hende kohlen  ins  dach  getragen. 

Baut  er  sein  voriges  uest  nicht  wider  am  gleichen  dache,  so  Avird 
dieses  bei  der  nächsten  brunst  mit  abbrennen. 

So  lang  ein  storchenpaar  auf  einem  hause  baut ,  ist  dieses  vor  l)litz- 
schlag  sicher. 

Geräth  die  first  in  brand,  auf  der  die  störchin  ihre  nocli  niclit  flüg- 
gen jungen  hat,  so  fliegt  sie  zum  nächsten  bach,  macht  die  flügel  was- 
serschwer und  bespritzt  damit  nest  und  junge. 


3-48  ROCHHOLZ 

Sitzt  dor  11(^1  ankomnioiule  storch  schon  um  drei  ulii-  morgens  klap- 
pernd auf  dem  dache,   so  gibts  hier   bald  eine  taufe;    wird  in  der  fami- 
Jie  ein  kind  geboren,    so  sagt  mau.   der  storch   hat  es  im  Schnabel  aus 
dem  dorfbaclie  geholt. 

Die  Jungfrau,  die  im  frühling  den  ersten  storch  erblickt  und  nicht 
zugleich  die  Störchin  mit,  kann  noch  ein  weiteres  jähr  auf  den  ehemann 
warten. 

Wer  vom  gesinde  zuerst  den  frühlingsstorch  im  neste  erblickt,  dor 
wird  das  ganze  jähr  hindurch  „gemach,"  langsam,  sein;  das  gegenteil 
aber,  wer  ihn  im  finge  zuerst  erblickt. 

Wer  ihn  zu  allererst  erblickt  und  willkommen  geheissen  hat,  dem 
thut  das  jähr  über  kein  zahn  weh. 

Wenn  er  eines  seiner  eier  nicht  ausbrütet,  so  stirbt  einer  der  höch- 
sten im  lande.     (Scheint  ein  Wortspiel  über  den  hochgebornen  zu*  sein.) 

Im  märz  muss  er  die  erstlinge  gott  verehren  und  dem  mietsherrn; 
allzeit  wirft  er  den  erstgebornen  aus  dem  neste,  dem  wirte  zum  zins, 
der  ihm  das  haus  leiht. 

Die  storche  verstehen  zu  zählen;  sie  dulden  keine  ungerade  zahl 
und  werfen  das  dritte  und  fünfte  der  brut  aus  dem  neste. 

Dieser  herabgeworfue  nestliug  wird  gepflückt  und  in  einem  topfe 
gepulvert ;  damit  heilt  man  gliederlähmung.  „  Der  fuchs  ohne  lunge, 
der  storch  ohne  zunge,  die  taube  ohne  galle  hilft  für  die  77  fieber  alle." 

Der  storch  ist  allwissend.  Wer  übles  von  ihm  redet,  ihii  etwa 
einen  bienendieb  schilt,  dem  bringt  er  ein  ungeschaffnes  kind  in  die. 
wiege. 

Er  liegt  im  streit  mit  dem  storch ,  ist  eine  spottphrase  über  waden- 
lose dürre  hagestolze.  Ihre  kahle  hochbeinigkeit  und  andauernde  kinder- 
losigkeit  wird  damit  zugleich  verhöhnt;  denn  der  storch  heisst  fränkisch 
Stiegelbein,  schweizerisch  storeheini,  französisch  long-herry,  belgisch 
magerhein.     Junius,  nomenclator  470. 

Man  hat  der  Störchin  einmal  ihre  eier  weggethan  und  dafür  hüh- 
nereier  eingelegt.  Als  die  küchleiu  ausschlüpften,  erhob  der  storch  ein 
endloses  geklapper.  Darauf  kamen  alle  storche  der  umgegend  herbei, 
betrachteten  mitklappernd  die  ungebürliche  bescherung  und  töteten  die 
Störchin  als  vermeintliche  ehebrecherin. 

Wenn  .der  storch  des  abends  mit  aufwärts  gekehrtem  Schnabel 
klappernd  im  neste  steht,  so  heisst  es  davon  am  untern  lauf  der  Aare, 
er  spreche  sein  abendgebet.  Damit  stimmt  ein  satz  aus  C.  Gessners 
thierbuch  überein  (Von  den  vögeln,  römisch  231):  „die  Storeken  klopfend 
mit  jrem  schnahel,  vnd  mit  demselbigen  getan  verkündend  sy  den  Som- 
mer,  grütsend  damit  jren  eegemaJiel  vnd  sagend  Gott  loh  vnd  danck."- 


DRE    STORCH  249 

üeberall  galt  des  Storches  frömmigkeit ;  die  Araber  sagen  von  ihm,  er 
sei  ein  marabut  gewesen  (Maunhardt,  mytheu  523),  und  nach  Aelian 
(naturgesch.  der  thiere  3,  23)  verwandelt  er  sich  auf  den  inseln  des- 
Oceans  in  einen  frommen  menschen. 

In  mehreren  deutschen  landschaften  bestand  im  vorigen  Jahrhun- 
dert der  örtliche  brauch ,  dass  der  thurmAvächter  die  jährliche  aukunft  des 
ersten  Storches  vom  thurme  herab  anblies  und  dafür  sein  festgesetztes 
trinkgeld  empfieug.  In  einer  bescheiniguug  vom  l.märzl7U4  heisst  es: 
dass  uns  beiden  bei  ankunft  des  Storches  der  Oberkellner  zu  vertrinken 
zngestellet  einen  reichsthaler ,  bescheint:  der  thürmer  und  der  schloss- 
corporal.  Bibra,  Journal  v.  und  f.  Deutschi,  1784,  423.  Diese  sitte, 
als  eine  in  der  stadt  Zürich  noch  später  üblich  gewesene ,  schildert  Hans 
M.  Usteri  in  seinem  gedieht  frühlingsboteu  (alpenrosen ,  jahrg.  17, 
s.  51): 

Was  schallt  durch  alle  Strassen ,  horch ! 

Der  storch,  der  storch! 

Und  stattlich  tritt  auf  den  altau 

Der  Stadttrompeter  und  fängt  da  an 

Zu  blasen  aus  wahrer  herzenslust. 

Es  eilt  sein  weib  im  schnellsten  sprung, 

Zu  holen  den  köstlichen  ehrentrunk, 

Den  der  stadtkellner  seit  alter  zeit 

Ihr  für  die  frohe  botschaft  beut. 

Für  die  städtischen  schulen  war  dies  zugleich  der  termin,  den 
Unterricht  zu  schliessen,  der  vormals  nur  über  winter  dauerte  und  mit 
Ostern  aufhörte.  Die  kinder  verbreiteten  die  frülilingsbotschaft  durch 
die  Strassen  und  empfiengeu  dafür  kleine  geschenke.  Wolfg.  Franz  in 
seiner  animalium  historia  sacra  (Ämstelodami  1653,  271)  führt  das 
gelegenheitssprüchlein  an:  Noteüir  Homeri  versiculus,  quem  solent  reci- 
tari ,  qui  primi  vident  novam  ciconiam ,  tempore  veris : 

Da  mihi  munus  pro  lato  nuntio,  quia  venit  ciconia  verna. 

Wir  schliessen  mit  solchen  kindersprüchen  aus  dem  Aargau,  in 
denen  das  Mnd  vom  bauern  roggen,  vom  müller  mehl,  vom  becker 
wecken  dafür  empfängt,  dasf^  es  die  sträusschen  und  kränzlein  umher- 
trägt, die  es  dem  frühlingsstorch  gewunden  hat. 

Storch ,  storch  ,  schnibelschnabel, 
mit  der  lange  ofegabcl, 
flüg  mer  übers  beckehüs, 
nimm  mer  nu  drü  wecke  drüs. 


300 


mir  ei's,  dir  ci's 

und  de  böse  bliebe  keis. 


Storch,  storch,  schnibelschnabel, 

wenn  du  wottist  in  himmel  falire 

hüt  oder  morn: 

so  bring  e  sack  voll  chorii. 

wenn  de  rogge  rifet, 

wenn  de  müUer  pfifet, 

wenn  de  beck 

keis  brod  meh  hett, 

so  gang  zum  vetter  und  bäsli 

und  hau-ene  ei's  üfs  näsli. 


Store  Store  langebei, 
trag  mi  uf  der  leitere  hei! 
säg  mer,  was  der  schuldig  bi? 
Drütüsig  giildi. 

Ha  der  fern  es  chränzli  gmacht, 
mach  der  hü'r  es  strüssli: 
rolle  rolle  hüsli. 
AARAU.  E.   L.    ROCHHOLZ. 


ORIGINAL  LETTER  BY  RUD.  WECKHERLIN. 

(harl.  ms.  7000.) 

Mylord  was  at  Theobalds  with  the  King,  and  readie  to  take  coach 
to -goe  to  see  liis  Ladie  in  Siiffolke,  wlien  he  received  a  pacqiiet  from 
you  with  an  other  enclosed  for  the  Dutchesse  of  Tremouille.  Therefore 
having  not  leasure  to  write  himself,  he  hath  commanded  me  to  acqiiaiut. 
you  with  the  cause,  and  from  him  to  assure  you  that  his  Ma*''  is 
very  well  content  at  your  diligence,  which,  because  his  Ma**"  takes 
often  the  paines  to  see  it  himself  in  yo'  Letters,  Mylord  will  pray  you 
still  to  continue  the  more  carefully.  You  will  herewith  receive  a  slight 
relation  of  the  Princes  [Charles  IIJ  Baptisme,  which  though  it  passed 
but  very  privatly,  yet  was  it  performed  with  much  deceucy.  But  if 
the  relation  is  somewhat  too  dry ,  you  niay  know ,  that  the  Heraids  have 
not  given  us  any  better:  And  therefore  your  owne  understanding  can 
easily  mend  this,  and  use  it  as  yo''  discretion  shall  linde  it  fitt.  Other 
newes  we  have  not,   but  tliat  tlie  King  beginnes  his  progresse  on  Wed- 


EIN    BRIEF   WECKHERKINS  351 

nesday  next,  going  then  with  the  Queene  to  Nonesucli,  where  her  Ma*" 
inteuds  to  stay  one  moneth,  and  the  King  to  goe  further,  the  Prince 
remaining  at  S*  James ,  imder  the  care  of  the  Coiintesse  of  Dorset  (the 
Queenes  Lo''  Chamberlane  his  Ladie)  and  gard  of  some  other  persons, 
so  that  there  is  no  feare  of  danger,  although  the  infection  here  doe  at 
this  hote  season  rather  increase  then  cease.  The  Dutchesse  of  Tre- 
mouille  is  going  a  while  into  the  Countrie,  and  Mons''  de  Beaulieu, 
with  his  Ma*^  leave ,  will  keepe  her  Company.  If  yoii  can  finde  me  use- 
full  in  yo"'  Service,  I  pray  you  to  command 

Your  very  loving  frend  and  servant 
Weckherlin. 

Whitehall,  this  12  of  July,  1630. 

To  Henry  de  Vie,  Esq. 

Der  vorstehende  brief  Weckherlins  ist  nach  der  ansieht  des  herrn 
William  Brenchley  Rye  in  London,  der  denselben  copiert  und  mir  zum 
geschenk  gemacht  hat,  „an  excellent  specimen  of  the  very  good  com- 
position  and  writing  of  this  celebrated  mau,  and  shows  in  what  esti- 
mation  he  was  held  at  the  Court  of  England  in  Charles  I's  reign." 
„Mylord"  —  so  fügt  herr  Rye  zur  erläuterung  hinzu  —  „is  Viscount 
Dorchester  (Sir  Dudley  Carleton)  to  whom  he  was  at  that  time  Secre- 
tary. " 

Bei  der  geringen  zugänglichkeit  kostspieliger  englischer  bücher  wird 
es  hier  am  orte  sein ,  einmal  kurz  die  früher  unbekannten  thatsachen  aus 
Weckherlins  leben  zusammen  zu  stellen ,  welche  durch  herrn  Rye  in  sei- 
nem vortreiflichen  buche  „  England  as  seen  by  foreigners  in  the  days  of 
Elizabeth  and  James  the  first,  London  1865"  zuerst  bekannt  gemacht 
wurden. 

Das  wichtigste  ist  p.  CXXV  und  CXXVI  zusammengestellt: 

„In  the  ,Calendars  of  State  Papers,'  we  find  him,  in  1628,  Secre- 
tary  to  Lord  Conway;  in  1629^ — 1631,  Secretary  to  Viscount  Dorche- 
ster (Dudley  Carleton);  and  in  1633  —  4  Mr.  „Wackerley"  is  named 
Secretary  to  .Sir  John  Coke.  On  February  20,  1631,  he  presents  a  Peti- 
tion to  the  King,  in  which  he  tj-usts  his  Majesty  will  vouchsafe  him 
some  gracious  acknowledgment  of  his  Services ,  lest  he  undo  himself  and 
his  family  thereby.  Meanwhile  he  is  enforced  to  crave  some  ,refreshing 
in  this  hard  time.'  He  therefore  prays  for  a  patent  in  reversion,  for 
thirty  -  one  years ,  for  printing  certain  books  named ,  whereby  he  may  get 
some  small  recompense,  as  the  footman  did,  by  letting  the  same 
grant  to  the  Stationers'  Company.  His  request  was  granted,  for  in 
Rymer  (VIH.  pt.  3,  p.  170),  is  printed  a  Special  License  and  Privilege 
under  Writ  of  l*rivy  Seal,  7\pril  5,  1631,  to  , George  llodolphe    Weck- 


352  HfEPPNER 

licrliu,  esquire  —  to  print  or  cause  to  he  printed,  utter,  seil  or  sett 
forth  to  sale  theis  Bookes  particulaiiy  mentioned,  i.  e.  Catonis  Disti- 
cha;  Pub.  Terentii  Comedie,  Esopi  Fabule,  Pub.  Virgilii 
Maronis  Opera,  Ciceroiiis  Opera,  Ovidii  Opera,  Corderii 
Colloquia,  Pueriles  Seutencie  et  Confabulationes,  Lud. 
Vivis  Colloquia,  Egloge  Mantuani  et  Epistole  Sturmii, 
for  the  tenn  of  31  j^ears,  in  consideration  of  the  good  and  faithfull  Ser- 
vice of  the  Said  George  Rodolphe  Weckherlin  heretofore  done  unto  us,' 
In  1642  he  was  employed  by  Charles  I  in  more  serious  and  weighty 
matters,  for  we  find  him  receiving  as  much  as  f  20  ,for  a  forraiue 
dispatch.'     (Ashburnham's  Narrative,  vol.  2.  Appendix  XXVI.)" 

Herr  Rye  hat  diese  sehr  schätzbaren  notizen  durch  ein  wort 
der  aufklärung  über  die  Stellung,  in  welcher  unser  dichter  zur  behand- 
lung  von  „  more  serious  and  weighty  matters "  gekommen ,  nicht  vervoll- 
ständigen wollen.  Schon  die  datierung  der  amsterdamer  ausgäbe  der 
gedichte  von  1641  vom  „letzten  tag  herbstmonaths  an  dem  könig- 
lichen hof  in  Engelland"  weist  auf  eine  vornehmere  Stellung  und 
ein  näheres  Verhältnis  zum  könige  hin,  das  aus  der  amsterdamer  ausgäbe 
von  1648,  s.  650  genauer  zu  bestimmen  ist.  Hier  nämlich  begegnet 
uns  ein  gedieht  aus  der  feder  des  pfalzgrafen  Carl  Ludwig,  womit  dieser 
herr  im  jähre  1646  den  alten,  um  seine  sache  hoch  verdienten  dichter 
unter  Übersendung  eines  pokales  begrüsste.  Dieses  gedieht,  von  dessen 
Inhalt,  wie  bedeutend  er  auch  die  thätigkeit  des  dichters  auf  diploma- 
tischem felde  erscheinen  lässt,  wir  hier  ganz  absehen  dürfen,  ist  über- 
schrieben: „An  H.  Weckerlin.  beeder  königreichen  in  Gross  Britannien 
rahts  secretary."  Nun  war  Carl  Ludwig  über  beruf,  rang  und  titel  seines 
alten  Weckherlin  sicher  aufs  beste  orientiert  und  durch  den  abdruck 
dieser  adresse  in  der  von  ihm  selbst  besorgten  ausgäbe  der  gedichte 
liat-  der  dichter  dieselbe  über  jeden  zweifei  hinaus  beglaubigt.  Zum  glück 
aber  bedürfen  wir  kaum  noch  dieser  erwägungen,  denn  aus  den  Original 
Papers  illustrative  of  the  Life  and  Writings  of  John  Milton  .  .  .  now  first 
published  from  Mss.  in  the  State  Paper  Office  .  .  by  W.  Douglas  Hamil- 
ton. Printed  for  the  Camden  Society  1859  ersehen  wir,  dass  der  „Rahts 
Secretary"  die  stelle  eines  „foreign  or  Latin  secretary  to  the  Council  of 
State"  inne  hatte,  dass  er  diesen  posten ,  wenn  nicht  schon  früher ,  sicher 
mit  einführung  der  republik  verloren,  dass  ihm  am  15.  märz  1649 
darin  kein  geringerer  als  der  weltberülimte  Milton  gefolgt,  und  dass  dem 
letzteren  bei  seiner  anstellung  die  ausdrückliche  Zusicherung  gegeben 
worden,  „that  he  have  the  same  salary  which  Mr.  Weckherlyn  formerly 
had  for  the  same  Service"  (vgl.  das  genannte  werk  p.  15).  In  Miltons 
lebensgeschichte   aber  erzählt  man   uns,    dass   das  jährliche  gehalt   der 


EIN   BRIEF  WECKHERLINS  353 

stelle  etwa  300  pfuud  Sterling  betrug  und  danach  hat  Weckherlin  eme 
höhe  des  äusseiiichen  daseins  erstiegen ,  wie  nur  gar  wenigen  seiner  deut- 
schen brüder  in  Apoll  gelungen  ist. 

üeber  Weckherlins  Myrta,  von  der  so  viel  sicher,  dass  sie  eine 
engländerin  gewesen  (vgl.  meine  schrift  Weckherlins  öden  und  gesänge 
s.  .30),  macht  herr  Eye  uns  keine  mitteilungen ;  eine  sehr  dankenswerte 
aber  —  dankenswert,  weil  auch  sie  uns  den  lebenskreis  des  interessan- 
ten mannes  verständlicher  macht  —  über  des  dichters  tochter  Elisabeth. 
Diese  war,  nach  p.  CXXXI  des  angeführten  werkes,  „the  first  wife  of 
William  Trumbull,  Esq.  of  Easthamstead ,  Berkshire,  son  of  the  Agent 
for  James  I  and  Charles  I  in  the  Low  Countries.  She  was  mother  to 
the  noted  Sir  William  Trumbull,  the  friend  of  Pope."  Sicherlich  keine 
gewöhnliche  frau;  in  ihrer  ersten  Jugend  nach  des  vaters  eigenen  werten 
ein  „Wunderkind,"  das  drei  jähre  alt  bereits  lesen  gekonnt  (Gedd.  amst. 
ausg.  V.  1648,  s.  828). 

Endlich  hat  herr  Eye  das  verdienst,  das  datum  von  Weckherlins 
tod  festgestellt  zu  haben.  Bisher  hat  hierüber  völlige  Unklarheit  geherscht. 
„But  this  date  may  be  corrected  by  the  inscription  on  Faithorne's  fine 
Portrait  of  the  poet,  which  he  engraved  after  a  painting  by  Mytens ,  rea- 
ding  as  follows : 

„Georgius  Eodolphus  Weckherlin ,  an"  aet.  50.     Natus  14  Sept.  1584: 

Denatus  13  Feb.  1653.     Aet.  69." 
On  the  top  of  the  oval  are  bis  arms  —  a  beehive."  (1.  1.  p.  CXXXII). 

BRESLAU.  E.   ilOEPPNEK. 


ZU  SCHILLERS  TELL. 

Dass  Schiller  in  seinem  Teil  Tschudis  chronicon  helveticum  viel 
benutzt  und  öfters  stellen  daraus  fast  wörtlich  aufgenommen  hat,  ist 
bekannt ;  Joach.  Meyer  hat  in  seiner  schrift ,  Schillers  Teil  auf  seine  quel- 
len zurückgeführt  u.  s.  w.  Nürnberg  1840,  das  einzelne  nachgewiesen. 
Noch  nicht  bemerkt  scheint  aber,  dass  Schiller  in  der  erzählung  von 
Teils  rettung  durch  misverständnis  von  Tschudis  werten  ein  neues  woi't 
geschaffen  hat.     Er  sagt 

schrie  ich  den  knechten,  handlich  zuzugehu, 

bis  dass  wir  vor  die  felseuplatte  kämen; 

dort,  rief  ich,  sei  das  ärgste  übcrstaudeu. 
Tschudis  werte  aber  sind  1 ,  239 :    schry  den  knechten  su  dass  sie  hant- 
lich  ziigind,    hiss  man  für   dieselh  Blatten  käme,    wann  sie  hauend 
dann  das  lösist  überwunden.     Das  object  zu  ziehen  (nämlich :  die  rüder) 

ZEITSCHK.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE,  23 


354  J^NICKE,  zu   SCHILLERS   TELL 

ist  hier  zu  ergänzen,  wie  Nib.  1503,  4  doch  zoch  vil  krefteclkhe  des 
künic  Günther  es  man.  Etterlin,  der  mit  Tschudi  vielfach  übereinstimmt, 
weil  beide  den  bericht  über  Teil  aus  der  gleichen  quelle  schöpften  (s. 
Germania  13,  57),  erzählt  mit  folgenden  werten  (Wackernagel  leseb.  III, 
1 ,  73)  dass  sy  alle  vast  süyent  hiss  das  sy  für  die  hlatten  hoement.  Dann 
wan  sy  dar  für  kcement,  so  hettent  sy  das  hoest  überwunden ,  Also  zugent 
sy  alle  vast. 

Ein  paar  Zeilen  vorher  heist  es 

so  ward  ich  meiner  bände  los  und  stand 
am  Steuerruder  und  fuhi*  redlich  hin. 

Tschudi  und  Etterlin  haben  richtiger  „Also  ward  Er  uffgehunden,  stund 
an  das  Stürruder  {an  die  stüre  Etterlin)  und  für  redlich  dahin." 

WRIEZEN.  OSKAR   JJENICKE. 


MISCELLEN  UND  LITTERATUE. 

BERICHT  ÜBER  DIE  VERHANDLUNGEN  DER  GERMANISTISCHEN  SECTION 
DER   XXVI.   PHILOLOGENVERSAMMLUNG  ZU   WÜRZBURG. 

ERSTE   SITZUNG   (aM    1.   OCT.    1868    VORM.    9  —  12   UHR). 

Prof.  dr.  D  a  h  u  aus  Würzburg ,  der  provisorisch  das  präsidium  übernommen  hatte, 
eröffnete  die  Versammlung  und  schlug  zum  Vorsitzenden  dr.  Hildebrand  aus  Leip- 
zig vor,  und  da  dieser  ablehnte,  wurde  prof.  dr.  Creizenach  aus  Frankfurt  a.  M. 
gewählt.  Zu  Schriftführern  wurden  ernannt  dr.  A.  Köhler  aus  Dresden  und  dr. 
L.  Bossler  aus  Darmstadt. 

Der  Vorsitzende  leitete  die  Verhandlungen  ein  durch  einen  nachruf  an 
F.  Pfeiffer  und  betonte  hauptsächlich  dessen  Verdienste  um  einführung  der  germani- 
stischen Wissenschaften  in  schule  und  leben:  hieran  knüpfte  er  die  mahnung  zur  Ver- 
söhnlichkeit zwischen  den  streitenden  parteien,  wozu  dr.  Hildebrand  bemerkte, 
dass  nach  Pfeiffers  tode  die  vollkommene  aussöhnung  erfolgt  sei. 

Nachdem  prof.  dr.  M  a  s  s  m  a  n  n  hieran  noch  einige  persönliche  erinnerungen 
an  Pfeiffer  geknüpft  hatte ,  berichtete  er  über  die  ergebnisse  seiner  letzten  reise  nach 
Italien  in  bezug  auf  die  von  ihm  dort  eingesehenen  handschriften  des  Vulfila  in  Mai- 
land und  Turin,  von  denen  die  letztere  geringe  bruchstücke  der  briefe  an  die  Galater 
und  Colosser  enthält,  welche  in  dem  einen  codex  in  Mailand  fehlen  und  jedenfalls 
nach  dem  jähre  1461  aus  demselben  herausgerissen  worden  sind. 

Nach  einigen  geschäftlichen  mitteilungen  sprach  dann  der  Vorsitzende  den 
wünsch  aus,  dass  die  deutschen  Wörterbücher  künftig  mehr  rücksicht  nehmen  möch- 
ten auf  Urkunden ,  namentlich  solche  geschäftlichen  stils.  Da  dr.  Kaufmann  aus 
Wertheim  und  dr.  Barak  aus  Donaueschingen  die  initteilung-  machten,  dass  prof.  dr. 
Lexer  mit  bearbeitung  eines  solchen  Wörterbuches  beschäftigt  sei,  so  wurde  die  von 
dem  Vorsitzenden  aufgeworfene  frage  ,  ob  die  Versammlung  zu  einem  derartigen  unter- 
nehmen ermuntere  und  direct  dazu  anregen  wolle,  in  die  zweite  sectionssitzung  ver- 
wiesen. 


PHILOLOGENVERSAMMLDNG   ZU   WÜIIZBURG  355 

Hierauf  sprach  dr.  Hildebraiul  über  den  schon  von  Hebel  in  der  vorrede  zu 
seinen  gedichten  erwähnten  gebrauch  des  nominativs  für  den  accusativ  im  alemannischen 
dialecte  und  fand  hierin,  da  Barak  diesen  gebrauch  für  das  ganze  alemannische 
gebiet  bestätigte,  prof.  dr.  Holland  aus  Tübingen  ihn  aber  für  das  eigentliche 
Schwaben  entschieden  in  abrede  stellte ,  einen  wichtigen  unterschied  zwischen  schwä- 
bischem und  alemannischem  dialecte.  Dieselbe  erscheinung,  die  sich  nach  prof.  dr. 
Koch  durch  eine  gewisse  erhärtung  und  erstarrung  erklären  lässt,  findet  sich  auch 
am  Niederrhein  und ,  wie  prof.  de  Vries  bemerkte,  im  eigentlichen  Holland.  Danach 
einer  von  dr.  M.  Eieger  gemachten  brieflichen  mitteilung  sie  auch  in  Oberhessen,  im 
Odenwalde  und  an  der  Bergstrasse  zu  hause  ist,  so  erkannte  dr.  Hilde br  and  in  dem 
auffallenden  gebrauche  des  nominativs  anstatt  des  accusativs  eine  dem  ganzen  Ehein- 
lande  eigentümliche  erscheinung ,  die  vielleicht  als  ,,  rheinischer  nominativ  "  zu  bezeich- 
nen wäre.  Was  sein  alter  betrifft ,  so  findet  er  sich  schon  in  der  Pariser  handschrift 
des  Walther  von  der  Vogelweide  („hiure  müezens  beide  esel  wid  der  yoitch  gelioe- 
ren")  und  noch  früher  in  einer  von  J.  Haupt  herausgegebenen  erklärung  des  hohen 
liedes  aus  dem  12.  Jahrhundert.  Erklären  Hesse  sich  dieser  gebrauch  wol  aus  dem 
regen  verkehr  auf  dem  Eheinstrome,  wozu  prof.  Dahn  noch  bemerkte,  dass  ja  auch 
in  den  bestimmungen  über  eheliches  güterrecht  den  ganzen  Rhein  entlang  eine  auf- 
fallende gleichheit  stattfinde. 

ZWEITE    SITZUNG    (aM    2.    OCT.   VORM.    ^/^Q — 11    UHR). 

Nachdem  die  Versammlung  einige  geschäftliche  angelegenheiten  erledigt  hatte, 
machte  studienlehrer  Schmidt  aus  Schweinfurt  mitteilungen  über  handschriften  aus 
Memmingen ,  Tambach ,  Stuttgart ,  Gotha ,  welche  zum  theil  in  den  besitz  des  vor- 
tragenden übergegangen  sind. 

Dann  sprach  dr.  Grein  aus  Cassel  über  die  arbeiten,  mit  welchen  er  jetzt 
beschäftigt  ist,  nämlich  1)  Untersuchungen  über  die  quellen  des  Heliand,  wobei  sich 
namentlich  ergab ,  dass  Windisch  den  commentar  Beda's  zum  Matthäus  und  Johan- 
nes nicht  verglichen  hat,  dass  ferner  die  parallelstellen  des  Hrabanus  Maurus  und 
Alkuin  sich  wesentlich  vermehren  lassen,  dass  der  Heliand  älter  als  825  ist,  und 
endlich  dass  der  Heliand  mehr  mit  der  Casseler  handschrift  des  Tatian  aus  dem 
9.  Jahrhundert  als  mit  der  Münchener  stimmt.  2)  Eine  bearbeitung  der  lateinischen 
grammatik  desÄlfric,  wobei  das  interessanteste  ist,  dass  turbo  (der  Avirbelwind)  durch 
das  ganz  unerklärbare  v^ort poden  glossiert  wird,  für  welches  wohl  voden  (althochdeutsch 
ivuotan)  zu  lesen  ist.  3)  Eine  neue  bearbeitung  der  Vilmarschen  schulgrammatik, 
von  welcher  sich  die  metrik  als  zweiter  theil  in  Vilmars  nachlass  vollständig  vorge- 
funden hat ;  dagegen  muss  die  wortbildungslehre  von  dem  herausgeber  durchaus  neu 
bearbeitet  werden.  —  Prof.  Behringer  aus  Würzburg  gab  hierauf  noch  weitere 
bemerkungen  über  das  Verhältnis  des  Victor  von  Capua  und  des  dichters  des  Heliand 
zu  ihren  quellen. 

Bibliotheksassistent  Keinz  aus  München  knüpfte  alsdann  an  eine  vorgelegte 
karte  von  Oberbaiern  aus  dem  8.  Jahrhundert  bemerkungen  über  die  benennung  bai- 
rischer  Ortschaften,  namentlich  über  die  etymologie  des  namens  Tegernsee,  welchen 
er  mit  dem  mundartlichen  werte  ,,Tef)el"  (blauer  lehm)  in  Verbindung  brachte  und 
dabei  an  den  ort  Tegerschlag,  der  nach  der  amtlichen  beschreibung  des  oberamts 
Tübingen  in  einer  lehmreichen  gegcnd  gelegen  ist,  erinnerte. 

Der  Vorsitzende  kam  hierauf  auf  seinen  Vorschlag  in  betreif  der  rücksicht- 
nahme  der  deutschen  Wörterbücher  auf  die  Urkunden  zurück,  und  der  nun  anwesende 
prof.  dr.  Lex  er  aus  Wiirzburg  erklärte  sich  bereit,   nach  l;eendigung  anderer  arbei- 

23* 


,'^ri(i  PIHLOLOGENVKRSAMMLVNG    ZV    WÜRZBÜEG 

ten,  diejenigen  für  ein  urkundenwürterlmch  oder  archivalisches  glossarium  fort  zu 
setzen,  wobei  er  auf  Unterstützung  seitens  der  germanisten  hofft.  Dann  sjirach  er 
den  wünsch  aus,  dass  Weinholds  granimatik  der  deutschen  mundarten  fortgeführt 
und  die  fortführung  von  der  germanischen  scction  unterstützt  werden  solle.  Ein 
hierauf  bezüglicher  antrag  wurde  einstimmig  angenommen. 

Dr.  Hildebrand  verbreitete  sich  über  die  sitte  des  hutabnehmens  beim 
grüsseu ,  und  es  ergab  sich,  dass  diese  sitte  wie  so  manche  unserer  heutigen  höflich- 
keitsforraen  aus  dem  lehenswesen  stammt  und  ein  zeichen  der  wehrlosmachung  sei- 
ner selbst ,  der  vollständigen  ergebung  und  ergebenheit  ist.  Damit  stimmt  denn  auch 
die  anrede  ,,  mein  herr"  und  die  bezeichnung  ,,Dirdiener"  überein.  An  diese  bemer- 
kungen  schlössen  sich  noch  weitere  mitteilungeu  und  anfragen  über  deutsche  sitten 
und  gebrauche,  welche  aus  dem  lehnswesen  stammen. 

Endlich  machte  der  Vorsitzende  die  Versammlung  noch  aufmerksam  auf  das 
bedenkliche  mancher  neueren  forschungen  und  die  dadurch  hervorgerufene  Unsicher- 
heit beim  praktischen  unterrichte. 

DRITTE   SITZUNG    (AM   3.   OCT. ,   VORM.    8   UHR). 

Zuerst  berichtete  director  Piderit  aus  Hanau  über  mehrere  im  nachlass  von 
Vilmar  befindliche  arbeiten  ,  deren  druck  von  der  Versammlung  für  erwünscht  erklärt 
wii-d:  es  ist  dies,  neben  mehreren  kleineren  Fischartiana ,  namentlich  eine  kritische 
bearbeitung  von  Fischarts  Bienenkorb  und  ein  bis  jetzt  wahrscheinlich  noch  nicht 
abgedrucktes,  kleines  weihnachtsspiel  aus  dem  15.  Jahrhundert. 

Nach  einigen  geschäftlichen  mitteilungen  des  Vorsitzenden  wird  derselbe 
mit  den  Verhandlungen  in  betreff  des  Präsidiums  der  section  bei  der  nächstjährigen 
Philologenversammlung  beauftragt  und  glaubt  für  Kiel  prof.  Weinhold  als  Präsiden- 
ten und  prof.  Bartsch  als  vicepräsidenten  vorschlagen  zu  dürfen.  Darauf  besprach  er 
diejenigen  persönlichkeiten  des  mittelhochdeutschen  dichterkreises ,  die  zu  Würzburg 
in  näherer  beziehung  stehen ,  und  zwar ,  ohne  auf  Walther  und  Konrad  näher  einzu- 
gehen, namentlich  den  jüdischen  arzt  und  minnesänger  Süsskind  von  Trimberg.  Zum 
beweise ,  dass  Süsskind  wirklich  ein  Jude  gewesen ,  betonte  er  den  lebhaften  anteil, 
mit  welchem  die  Juden  vom  13.  bis  zum  15.  Jahrhundert  sich  der  deutschen  dichtung 
zuwanten ,  und  wie  schon  der  name  auf  jüdische  sitte  hinweist.  Dabei  entwickelte 
er,  wie  die  Juden  des  mittelalters  viererlei  uamen  geführt,  darunter  auch  neu  gebil- 
dete deutsche ,  sprechende  namen  wie  Süsskind ,  Liebermann  u.  a.  Das  bild  Süsskinds 
in  der  Pariser  handschrift  zeigt  die  im  mittelalter  übliche  kopfbedeckung  der  Juden, 
und  ßndlich  kann  man  auch  aus  seinen  liedern  selbst  ohne  zwang  die  Stellung  erken- 
nen, welche  er  im  leben  einnahm. 

Nach  einer  halbstündigen  pause  wurde  die  sitzung  nach  '  .ill  uhr  wieder  fort- 
gesetzt durch  einen  Vortrag  des  dr.  Hildebrand  über  die  jüdisch- deutsche  schöne 
litteratur.  Namentlich  machte  derselbe  interessante  mitteilungen  über  ein  im  besitze 
des  herrn  dr.  H.  Lotze  befindliches ,  im  16.  Jahrhundert  zu  Basel  mit  hebräischen 
lettern  gedrucktes  buch ,  welches  ein  episches  gedieht ,  eine  poetische  bearbeitung  der 
bücher  Samuelis  in  der  nibelungenstrophe  des  14.  Jahrhunderts  enthält.  Aus  dem 
druck  ergibt  sich,  dass  es  ein  für  die  Juden  bestimmtes  gedieht  eines  Juden  ist,  und 
der  daraus  entspringende  gewinn  ist  nicht  allein  ein  litterarischer,  sondern  auch  ein 
nationaler.  Dr.  Hildebrand  entnahm  den  mitteilungen  dr. Lotze's,  dass  es  eine  sehr 
ausgedehnte  litteratur  jüdisch- deutscher,  mit  hebräischen  lettern  gedruckter  bücher 
gibt,  alle  von  acht  deutschem  geiste  und  altertümlichem  deutschtum  durchweht.    Er 


GERLAND    ÜB.   TOBLER  ,    WORTZUSAMMENSETZUNG  357 

sprach  sich   daun  noch  schliesslich   dahin   aus,   dass   die  Juden  im  mittelalter  recht 
eigentlich  die  träger  der  deutschen  cidtur  nach  osten  gewesen  sind. 

Xachdem  der  Vorsitzende  das  ausharren  und  zusammenwirken  der  Versamm- 
lung hervorgehoben  und  mit  dem  wünsche:  auf  wolergehn,  auf  zusammenstehn ,  auf 
wiedersehn  die  Verhandlungen  geschlossen,  dankte  dr.  Hildebrand  im  namen  der 
mitglieder  dem  präsidium  und  dem  secretariate ,  und  die  Sitzungen  der  germanisti- 
schen section  endeten  gegen  ^  A2  uhr  für  dieses  jähr  mit  dem  allseitigen  wünsch 
eines  Wiedersehens  in  Kiel. 

DARMSTADT  ,    DEN    14.    OCTOBER    1867.  DR.    LUDWIG    BOSSLER. 


Ueber  die  Wortzusammensetzung  nebst  einem  anhang  über  die  ver- 
'stärkenden  Zusammensetzungen.  Ein  beitrag  zur  philosophi- 
schen und  vergleichenden  Sprachwissenschaft  von  Ludivig' Tobler. 
Berlin,  Dümmler  1868.     VI,  143s.    (1  thlr.) 

,,  Nachdem  ich,"  beginnt  herr  Tobler  sein  Vorwort,  ,,  in  einer  reihe  von  abhand- 
lungen  in  Kuhns  Zeitschrift  und  in  der  von  Steinthal  und  Lazarus  ao.  verschiedenen 
Spracherscheinungen  versucht  habe ,  empirische  detailforschung  mit  philosophischer 
ergründung  zu  verbinden,  lege  ich  hier  eine  etwas  grössere  selbständige  arbeit  dieser 
art  vor.  Dass  der  gegenständ  derselben  gerade  die  Zusammensetzung  ist,  hat  kei- 
nen besondern  grund  der  auswahl ,  da  ich  die  Überzeugung  hege ,  es  könne  und  sollte 
jene  methode  fast  an  jedem  gegenständ  der  Sprachwissenschaft  in  anwendung  gebracht 
und  durchgeführt  werden.  Meine  versuche  in  dieser  richtung  möchten  nur  beitrage 
sein  zur  lösung  einer  aufgäbe,  an  welcher  unsere  zeit  auch  in  anderen  richtungen 
arbeitet,  beitrage  zu  einer  immer  lebendigeren  Wechselwirkung  zwischen  philosophie 
und  einzelwissenschaften ,  in  der  ich  das  höchste  ziel  und  einzige  heil  beider  erblicke." 
Nach  diesen  Worten  muss,  da  der  herr  Verfasser  selbst  das  hauptgewicht  auf  die 
sprachphilosophische  behandlung  seines  gegenständes  legt,  auch  eine  beurteilung  des 
büchleins  hauptsächlich  die  darin  angewante  methode  ins  äuge  fassen.  Gleich  hier 
aber  werden  jedem  leser  der  eben  angeführten  worte  schwere  bedenken  aufsteigen. 
Denn  wie  kann  man  ein  so  reiches  und  schwieriges  gebiet  sprachlicher  forschung  wie 
das  der  composition  ,,  ohne  besonderen  grund  der  auswahl"  zur  probe  einer  metho- 
dischen behandlung  herbeiziehen  und  noch  dazu  nach  Ferd.  Justi,  ohne  besonderen 
grund?  Auf  der  anderen  seite  aber,  wie  kann  man  eine  methode  aufstellen,  von 
der  man  gleich  selbst  das  unbehagliche  gefühl  hegt,  dass  sie  nur  an  fast  jedem 
gegenständ  der  sprachAvissenschaft,  also  keineswegs  überall,  brauchbar  ist?  Gleich 
hieraus  zeigt  sieh,  wie  wenig  treu  der  Verfasser  seiner  eigenen  methode  bleibt.  Er 
will  also ,  —  was  übrigens  die  Sprachwissenschaft  schon  seit  langer  zeit  will  und  viel- 
fach glänzend  ausgeführt  hat;  daher  es  mindestens  seltsam  ist,  wenn  der  Verfasser 
an  einem  beliebig,  ohne  besonderen  grund  herausgenommenen  ersten  besten  bci- 
spiele  eine  methode  zeigen  will,  nach  welcher  schon  Wilhelm  v.  Humboldt,  Steinthal, 
Pott,  Ewald  und  so  viele  andere  niänner  erstes  ranges  seit  jähren  gearbeitet  haben 
—  der  Verfasser  will  also  empirische  detailforschiTng  mit  philosophischer  begründung 
verbinden.  Wie  aber,  wenn  von  empirischer  detailforschung  durch  das  ganze 
buch  nicht  die  rede  ist?  wenn  herr  Tobler  alles,  was  er  uns  bringt,  namentlich  .Justi 
und  Grimm,  aber  auch  Steinthal  und  Pott  u.  a.  verdankt?  Und  wenn  er  doch  n\ir 
zu  der  reichlichen  ernte  jener  männer  einige  selbständig  gesanmielte  ährenbüschel 
oder  wenigstens  einige  fcldblumen  hinzu  gethan  liätte  —  aber  bis  ins  einzelnste  hinein 
ist  referent  mir  dingen  begegnet,   welche  bei  jenen  gelehrten  schon  behandelt  waren 


,'j58  OERLAND 

iiiul  keineswegs  vom  verfiisser  bericlitigt  oder  iuicli  mir  irgeiulwie  ergänzt  worden  sind; 
vielmehr  lallt  durch  das  ganze  buch  ein  inangel  an  material  störend  auf.  Ja  der 
Verfasser  liilft  sich ,  und  gerade  hei  den  punkten ,  über  die  man  von  einem  neuen 
buche  über  die  Wortzusammensetzung  belehrung  und  aufklärung  zu  erwarten  berech- 
tigt ist,  weil  jene  Vorgänger  sie  noch  fraglich  gelassen  haben,  ohne  irgend  welche 
entscheidung  nut  einem  „wir  massen  uns  darüber  kein  urtheil  an"  (s.  36),  „das  mag 
dahin  gestellt  Ijleiben"  (s.  57),  „wie  dem  nun  sei"  (s.  66)  hinweg,  oder  er  stellt 
die  verschiedenen  meinuugen  neben  einander  ohne  sich  für  irgend  eine  zu  entschei- 
den,  wie  z.  b.  beim  status  constructus  (s.  19  —  20).  Wahrhaft  naiv  aber  tritt  dies 
verfaliren  auf,  wenn  herr  Tobler  in  der  vorrede  (VI)  sagt,  er  habe  mit  sich  über  die 
frage ,  ,,  in  welchem  sinne  und  niasse  auch  für  spätere  zeit  noch  lebendige  Zusammen- 
setzung anzunehmen  sei,  auch  in  primären  sprachen,"  eine  frage,  „deren  beautwor- 
tung  ihm  entscheidend  für  die  auffassung  mancher  damit  zusammenhangenden  punkte, 
aber  zur  stunde  noch  sehr  schwer  scheint"  —  er  habe  über  diese  frage  nicht  mit 
sich  einig  Averden  können.  Und  wartete  und  studierte  nicht,  bis  ers  war?  und 
schrieb  doch? 

Also  mu|ß  ganz  entschieden  der  springende  punkt  seiner  abhandlung  nicht  in 
der  forschuug,  sondern  in  der  philosophischen  ergründung  zu  finden  sein.  Auch  gut. 
Er  nahm  ein  schon  oft  behandeltes  thema,  Hess  absichtlich  alles  im  einzelnen  schAvie- 
rige  bei  seite,  denn  durch  die  streng  methodische,  durch  die  philosophische  betrach- 
tung  fand  sich  so  manches  neue,  schien  der  gegenständ  in  einem  so  durchaus  ande- 
ren oder  jetzt  erst  klaren,  kurz  so  lehrreichen  licht  — 

So  kann  es  allerdings  bei  gründlicher  philosophischer  betrachtung  geschehen ;  was 
hat  nicht  Wilh.  v.  Humboldt  aus  der  lehre  vom  dualis  gemacht,  und  doch  hat  er  im  ein- 
zelneu nicht  das  mindeste  neue  gegeben.  Haben  wir  einen  solchen  gewinn  nun  auch 
vom  Toblerschen  buche?  Wir  haben  ihn  nicht.  So  schwer  es  uns  fällt,  dies  urteil 
auszusprechen,  wir  können  es  nicht  ziirückhalten :  das  buch  hat  wie  keine  forschung 
so  auch  gar  keine  methode ;  es  tappt  und  tappt  und  kommt  nirgends  zu  einem  festen 
ziel;  es  ist  taub  und  leer  nach  philologischer  wie  nach  philosophischer  seite. 

Ein  beitrag  nennt  es  sich  auf  dem  titel,  ein  bei  trag  zur  philosophischen 
und  vergleichenden  Sprachwissenschaft  in  beziehung  auf  die  Wortzusammensetzung, 
Das  kann  doch ,  wenn  der  titel  kein  bloss  prunkender ,  sondern  ernstlich  gemeinter 
ist,  nur  heissen:  wie  die  menschliche  rede  im  allgemeinen  die  Wortzusammensetzung, 
anwendet  und  auf  welchen  psychischen  vergangen  diese  letztere  beruht,  das  soll  an 
einer  reihe  von  sprachen  untersucht  werden;  es  wird  sich  dadurch  zeigen,  zunächst 
was  wirkliche  coraposition  ist ,  dann  welche  sprachen  sie  besitzen ,  welche  nicht ,  oder 
bloss  scheinbar,  und  was  sie  dafür  haben;  warum  ferner  jene  sprachen  composita 
haben,  diese  nicht;  auf  welche  weise  ächte  composition  entsteht  u.  s,  w.  Nmi  ver- 
steht sich  ja  von  selbst,  kein  mensch  kann  alle  sprachen  kennen;  es  kann  auch  nicht 
jeder  ein  Pott  an  gelehrsamkeit  sein ;  aber  man  wird  für  die  linguistische  betrachtung 
aus  genauer  und  selbständiger  durchforschung  auch  nur  einzelner  besonders  wichtiger 
sprachtypen  schon  reicliliches  material  gewinnen.  Wichtig  sind  solche  durchforschun- 
gen  auch  kleinerer  gebiete  in  jedem  fall,  denn  andere  können  aus  anderen  theilen 
der  weit  ihre  resultate  ergänzend  hinzufügen,  und  wer  wirklich  selbständig  einzelne 
distrikte  durchforscht  hat,  wird  auch  auf  richtige  und  kritische  art  die  resultate 
anderer  in  abhandlungen  eines  weiteren  umfanges  verwerten  können.  Zugleich  wird 
hierdurch  die  Sprachwissenschaft  wirklich  zur  lösung  der  einen  grossen  frage  der 
anthropologie  das  ihrige  Ijeitragen:  ist  der  menschliche  geist  wirklich  ein  einheit- 
licher? oder  muss  man,  wie  man  einen  qualitativen  unterschied  annimt  zwischen  der 


ÜB.   TOBLEB,    WORTZUSAMMENSETZUNG  359 

seele  des  aflfen  und  des  faulthiers ,  der  säugetliiere  und  der  reptilien ,  so  auch  die 
seele  des  Negers  für  qualitativ  verschieden  halten  von  der  des  Indogermanen  ? 
Allerdings  nimmt  man  die  generelle  und  vollständige  einheit  und  gleichartigkeit  bei- 
der gewöhnlich  ohne  weiteres  an,  jedoch  ganz  unberechtigt  den  forschungen  der 
neuereu  naturwissenschaft  und  manchen  anthropologischen  behauptungen  gegenüber; 
und  gerade  die  Sprachwissenschaft,  deren  aufgäbe  es  wäre,  hier  aufs  thätigste  zuzu- 
greifen und  die  wichtigsten  gründe  entweder  dafür  oder  dagegen  zu  liefern,  schlüpft 
meist  mit  staunenswerter  Unbefangenheit  und  Sicherheit  über  diese  frage  hin.  Von 
solchen  forschuugeu  ist  indes  im  vorligenden  buche  nichts  zu  finden.  Zwar  redet  der 
Verfasser  über  chinesische  lautgruppierung  und  über  mexicanische  einverleibung ,  aber 
nichts  anderes,  als  was  ein  jeder  schon  längst  aus  Steinthals  Charakteristik  kennt. 
Und  warum  gerade  über  diese  beiden  sprachen  nur?  boten  nicht  eine  menge  andere 
gleichfalls  höchst  wichtige  erscheinungen?  z.  b.  die  kaflferidiörae,  welche,  da  sie 
fast  jedes  wort  als  compositum  erscheinen  lassen,  die  Zusammensetzung  wol  gar  als 
formbildendes  princip  der  spräche  verwerten?  oder  das  malaiopoljaiesische  (einschliess- 
lich des  melanesischen) ,  dessen  zahlreiche  composita  so  wenig  wie  die  der  kaiferspra- 
chen  in  jenen  chinesischen  und  mexicanischen  Spracherscheinungen  ihre  erklärung 
finden?  Warum  hat  der  Verfasser  weder  sie  noch  anderes  erwähnt,  sondern  nur  chine- 
sisch und  mexicanisch?  Nur  deshalb,  weil  Justi  diese  beiden  an  sehr  hervorragen- 
der stelle  erwähnt?  man  kann,  bei  der  gänzlichen  u.nselbständigkeit  des  Verfassers  in 
beziehung  auf  nicht  flectierende  sprachen  den  verdacht  kaum  unterdrücken. 

Vor  dem  dilettantismus ,  sobald  er  selbständig  schaifeud  auftreten  will,  kann 
in  Wissenschaft  und  kunst  nicht  dringend  genug  gewarnt  werden.  Besonders  not 
thut  ein  solches  warnen  aber  auf  dem  felde  der  linguistik,  das  im  Verhältnis  zu  sei- 
ner ungeheuren  ausdehnung  noch  wenig  betreten,  nur  allzusehr  demselben  preisgege- 
ben ist.  Was  ists  auch  für  ein  kunststück,  aus  irgend  einer  transoceanischen  gram- 
matik,  oder  gar  von  so  bequem  servierter  tafel  wie  Steinthals  Charakteristik,  einige 
fertige  schusseln  für  das  eigene  gastmahl  zu  verwerten?  Und  was  thut  herr  Tobler 
anders?  es  geht  aus  seinem  buche  zur  genüge  hervor,  dass  er  weder  übers  chine- 
sische noch  übers  mexicanische  irgend  welche  eigene  forschungen  gemacht  hat,  denn 
sonst  gab  er  wol  irgend  ein  eigenes  resultat;  und  doch  zieht  er  beides  herbei,  doch 
belehrt  er  über  beides;  noch  über  irgend  eine  andere  spräche,  denn  sonst  würde  er 
sie  erwähnen ;  und  doch  schreibt  er  eine  sprachphilosophische  abhandlung !  Nichts 
aber  setzt  eine  neue  Wissenschaft  mehr  in  miscredit,  als  solch  dilettantisches  wesen; 
wie  kann  denn  das  eine  Wissenschaft  sein,  fragt  der  im  strengen  dienst  anderer  dis- 
ciplinen  stehende,  was  der  erste  beste  nach  gutdünken  verwenden  und  wo  das  ober- 
flächlichste darüberhinstreifen  schon  zu  resultaten  führen  kann?  Nur  solche  spra- 
chen —  das  sollte  erstes  und  unumstösslichstes  gesetz  sein  —  darf  man  zu  linguisti- 
scher vergleichung  herbeiziehen ,  die  man  selbst  genau  kennt ;  alles  andere  ist  wissen- 
schaftlich wertlos,  überflüssige,  ja  schädliche  Spielerei.  Was  würde  man  sagen, 
wenn  ein  botaniker  pflanzen  zusammenstellen  oder  von  einander  trennen  wollte  nach 
ihrer  äusseren  gestalt ,  etwa  wie  man  im  gewöhnlichen  leben  alles  stachlicht  -  fleischige 
kaktus  benennt  ?  Und  kann  man  bei  vergleiehungen  aus  sprachen ,  die  man  nicht 
kennt,  anders  urteilen  als  nach  dem  äusseren  schein?  Und  wie  der  Verfasser  nichts 
von  den  flexionslosen  sprachen  versteht ,  eben  so  wenig  können  wir  seine  vergleichende 
methode  auf  indogermanischem  gebiet  loben.  Denn  wenn  die  vorrede  (VI)  die  deut- 
sche spräche  als  den  mittelpunkt  der  betrachtung  ankündigt,  von  welchem  aus  sich 
die  anderen  indogermanischen  sprachen  in  verschiedenen  abständen  gruppieren  sol- 
len :    so  bemerkt  man  auch  hier  von  einer  methodischen  gruppierung  der  einzelnen, 


•}tiO  OKRT.AND 

von  wirklich  scharfer  auffassung   der   iiuliviclucllen  /üge  auch  nur  einer  spräche,   von 
historischer  schihlerunj;  der  indogermanischen  coniijosition  —  nichts,   gar  nichts. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  der  philoso])hic  des  Verfassers.  Da  .derselhe  stofflich 
nichts  neues  zu  bringen  hatte,  so  wäre  es  methodischer  gewesen,  eben  weiter  nichts 
zu  bringen,  als  die  philosophische  erklärung  der  coraposita.  So  aber  beginnt  die- 
selbe erst  s.  77  und  zwar  mit  der  „logischen  betrachtung"  dieser  sprachgebilde. 
Indes  was  wir  daselbst  über  logik  und  logisch  lesen,  das,  wir  bekennen  es,  ist  uns 
vollständig  unklar  geblieben.  Aber  uns  nicht  allein :  dem  Verfasser  nicht  minder. 
Denn  er  gesteht  ja  selbst  auf  derselben  seite  77,  dass  grammatische  kategorien  sich 
,,aus  der  logik  nicht  ableiten,  sondern  nur  von  ihrer  band  ordnen  lassen;"  oder  auf 
s,  83_84:  .,dass  die  spräche  olme  rücksicht  auf  die  logik  —  je  nach  besonderer 
ansieht  und  absieht  wählen  kann'';  ja  er  sieht  sich  s.  86  selbst  genötigt,  weil  eben 
,, logische"  auffassung  nicht  ausreicht,  grammatische  kategorien  herbeizuziehen  — 
das  heisst  denn  doch,  zu  sehen  wie  weit  man  auch  ohne  logische  construction  zurecht 
kommt.  Auch  wundern  wir  uns,  wie  herr  Tobler  dazu  kommt,  die  spracherscheinun- 
gcn  durch  logische  principien  erklären  zu  wollen,  er,  der  in  Kuhns  zeitschr.  9,  275 
ja  selber  sagt,  dass  man  von  tag  zu  tag  mehr  zu  der  „sehr  fruchtbaren  erkenntnis" 
käme  von  der  „zwischen  spräche  und  logik  gähnenden  kluft."  Logik  lässt  sich,  wie 
schon  so  oft  ausgesprochen  ist,  zur  erklärung  der  sprachgebilde  nie  anwenden,  da 
dieselben  nicht  auf  logischem  wege  zu  stände  kommen,  wol  aber  lassen  sich  hernach 
die  Sprachkategorien  an  der  logik  messen,  eine  thätigkeit ,  welche  für  die  beurtei- 
lung  einer  spräche  von  wert,  für  ihre  geschichte  und  erklärung  ganz  bedeutungslos 
ist.  Der  Verfasser  gebraucht  logik  und  logisch,  ohne  es  zu  merken,  in  zwei  bedeu- 
tungen ;  einmal  ist  ihm  logik  die  lehre  von  der  richtigen  Verknüpfung  der  begriffe ; 
dann  aber  versteht  er  unter  logik  der  spräche  das  Verhältnis  der  begriffe  zu  einander, 
wie  es  die  spräche  als  solche  aufweist.  Wie  unsicher  herrn  Toblers  philosophischer 
Standpunkt  auch  sonst  ist,  verrät  sich  überall,  schon  durch  sein  fast  ängstliches 
umhertappen.  So  springt  er ,  da  ihn  logik  und  psychologie  nicht  befriedigen ,  s.  95 
gar  zur  metaphysik  über.  „Natürlich,  heisst  es  daselbst,  nehmen  wir  dies  wort  nur 
in  dem  sinne,  wie  es  auf  die  spräche  überhaupt  anwendung  finden  kann,  nicht  als  ob 
diese  die  objective  beschaffenheit  der  dinge  irgendwie  unmittelbar  darzustellen  ver- 
möchte, sondern  nur  insofern  als  sie  eine  eigene  objectivität  der  auffassungsweise 
innerhalb  des  geistes  selbst  begründet."  Das  kann  doch  weiter  gar  nichts  heissen, 
als  jede  spräche  ist  ein  Individuum  für  sich  und  hat  ihre  eigene  individuelle  auffas- 
sung.  Gehört  denn  das  in  die  philosophie  ?  und  zweitens ,  wozu  für  so  ganz  einfache 
dinge  solche  dunkelen  und  geschraubten  Wendungen '?  und  di-ittens ,  welcher  wesent- 
liche unterschied  ist  denn  zwischen  dieser  metaphysik  und  jener  logik  der  spräche? 
Aber  dunkelheit  des  ausdrucks  liebt  der  Verfasser  auch  sonst.  So  lese  man,  was  er 
s.  55  sagt,  „dass  überhaupt  durch  Zusammensetzung  nicht  bloss  neue  Wörter  als 
ganze  aus  zwei  bestehenden  gebildet  werden,  sondern  auch  neue  theilwörter, 
deren  existenz  von  der  Zusammensetzung  nicht  schon  vorausgesetzt,  sondern  eigent- 
lich anticipiert,  oder  selbst  erst  neu  geschaffen  wird,  so  dass  hier  das  ganze  frü- 
her als  ein  theil  gesetzt  ist  oder  der  theil  wenigstens  erst  zugleich  mit  dem  gan- 
zen" —  ein  satz,  der  an  dunkelheit  nichts  zu  wünschen  übrig  lässt.  Und  wenn  er 
dann  fortfährt:  ,, fassen  wir  die  sache  weniger  philosophisch  paradox  sondern  rem 
grammatisch":  so  erscheint  es  fast,  als  ob  er  in  derartigen  dunkelheiten  das  philo- 
sophische erst  recht  eigentlich  suchte. 

Alle  diese  fehler  kommen  daher,  dass  der  Verfasser  nirgends  in  der  philosophie 
sicher  zu   haus  ist,    am  allerwenigsten   in   der  für  seine  zwecke   so  ganz  unentbehr- 


ÜB.    TOBLEE  ,    WORTZUSAMMENSETZUNG  361 

liehen  psycliologie.  Denn  sonst  Avürde  er  nicht  die  bekanntesten  dinge,  wie  compli- 
cation ,  association ,  Verschmelzung  erst  weitläufig  mit  citaten  aus  Herbart  und  Dro- 
bisch  und  gar  nach  „mündlichen  mittheilungen "  von  Lazarus  auseinandersetzen; 
denn  sonst  spräche  er  nicht  s.  77—78  von  psj-chologischen  maasstäben  („wollte  man 
unmittelbar  mit  psj'chologischen  maasstäben  an  den  Wortschatz  der  Zusammensetzun- 
gen herangehen ,  so  würde  man  in  der  fülle  und  mannigfaltigkeit  der  einzelnen 
erscheinungen  sich  leicht  verlieren")  —  was  ist  das  für  ein  ding,  ein  psychologi- 
scher maasstab?  Sonst  hätte  er  überhaupt  das  wirklich  psychologisch  schwierige  in 
den  raittelpunkt  gestellt  und  von  anfang  und  von  grand  aus  seinen  gegenständ  psy- 
chologisch betrachtet;  sonst  und  hauptsächlich  hätte  er  nicht  seine  ,, psychologische 
betrachtung"  s.  90  folgendermassen  angefangen:  ,,Wir  erheben  nunmehr  die  frage, 
ob  sich  irgend  welche  psychologische  begriffe  darbieten  oder  auffinden  lassen, 
mit  deren  hilfe  wir  tiefer  in  das  wesen  der  Zusammensetzung  eindringen  können. 
Da  diese  im  allgemeinen  eine  Verbindung  zweier  Vorstellungen  zu  irgend  einem  grad 
von  eiuheit  ist,  so  werden  wir  auf  das  gebiet  der  sogenannten  association  hingewie- 
sen und  es  wird  sich  darum  handeln ,  ob  sich  die  verschiedenen  arten  von  Zusammen- 
setzung in  hinsieht  auf  uiotive  und  resultat  der  in  ihnen  enthaltenen  Vorstellungen 
auf  allgemeine  arten  von  associationen  zurückführen  lassen." 

Man  traut  seinen  äugen  und  obren  kaum.  Also  dort  treten  zwei  zu  eins  und  hier 
treten  zwei  zu  eins  zusammen:  folglich  —  der  löwe  ist  ein  thier,  der  regemvurm  ein 
thier,  folglich?  folglich  ist  der  löwe  ein  regenwurm?  oder  der  regenwurm  ein  löwe?  oii 
yivtrccL  xarcupuTixög  avXloyia/.(6s  6iä  tovtov  toü  a/ri/nctTog  {tov  ^svt^oov).  ctlka 
Trccrreg  arfQrjTty.ol  y.al  ot  y.a&ölov  xal  ol  y.ctTu  ,«j'()o.- sagt  Aristoteles.  Aber  es  kommt 
noch  schlimmer.  Denn  herr  Tobler  ist  zu  diesem  falschen  schluss  dadurch  verleitet, 
dass  er  sich  unter  complication  etwas  ganz  anderes  denkt  als  die  psychologie  mit 
dem  Worte  bezeichnet.  Nicht  jede  beliebige  Verbindung  zweier  begriff'e  oder  Vorstel- 
lungen durch  willkürliches  denken  heisst  complication;  vielmehr  gehören  die  compli- 
cationen  zu  den  ersten  unvrlllkürlichen ,  rein  naturgemässen  und  in  so  fern  mechani- 
schen thätigkeiten  der  seele ,  auf  welche  ja  vom  ersten  augenblick  des  lebens  von 
einander  total  verschiedene  nervenreize  (z.  b.  licht  und  schall)  eindringen ,  so  dass 
sie  genötigt  ist,  dies  verschiedene  scheinbar  in  einem  vorstellungsakt  zu  percipieren 
und  als  untrennbare  vorstellungsreihe  festzuhalten.  Der  Verfasser  führt  selbst  und 
mit  recht  das  ding  mit  vielen  merkmalen  als  beispiel  an.  Also  die  begriffe  frau, 
haus  kommen  durch  complication  zu  stände,  nimmermehr  aber  der  begriff  haus -frau, 
der  auf  sehr  später,  sehr  lockerer  und  ganz  willkürlicher  Verbindung  zweier  Vor- 
stellungen beruht,  denn  sonst  müste  mit  der  Vorstellung  frau  auch  die  Vorstellung 
haus  unmittelbar  gegeben  sein.  Auch  ist  ja  das  Verhältnis  der  einzelnen  demente 
einer  complication  (wie  z.  b.  bei  haus  die  Vorstellungen  dach,  wand,  thür,  fenster, 
zimmer  u.  s.  w.  die  demente  sind)  ein  ganz  anderes ,  als  das  der  einzelnen  theile  eines 
compositums:  denn  jene  treten  nicht  mehr  gesondert  auf,  und  stehen  einander 
wesentlich  gleich ,  während  im  compositum  der  eine  bestandtheil  der  vorwiegende, 
der  andere  nur  der  modificierendc  ist. 

Doch  nicht  bloss  comi)lication,  auch  Verschmelzung  und  association  muss  her- 
halten, natürlich  ohne  alles  Verständnis  ihrer  psychologischen  geltiing.  Auf  Ver- 
schmelzung beruht  herrn  Tobler  (nach  der  fast  unbegreiflichen  Zusammenstellung  s.  93) 
die  ,,  eigentliche  Zusammensetzung  bis  zu  theilweiser  einschmelzung  (!)  des  einen  Wor- 
tes " ;  auf  complication  die  „  zusammenfügung  und  die  daraus  entstehende  uneigent- 
liche Zusammensetzung;"  auf  association  ,,die  blosse  zusammenrückung  in  ausspräche 
und  Schrift!  " 


362  QERLAMC 

Doch  aucli  noch  auf  ilie  erkläruiig  von  Verschmelzung  und  association  und  ähn- 
liche olenientart'ragen  einzugehen ,  wie  es  allerdings  die  psychologischen  kenntnisse 
dos  Verfassers  verlangten,  verbietet  uns  der  räum  und  die  rücksicht  auf  die  leser 
dieser  Zeitschrift.  Wir  fragen  nur,  wo  bleibt  aber  bei  solchen  misverständnissen  die 
pliilosophische  methodeV  man  kann  doch  ohne  holz  und  steine  keine  häuser  bauen! 
So  sitzt  denn  die  philosophie  in  dem  ganzen  buche  sehr  lose  oben  auf,  wie  ein  rock 
der  nicht  recht  passen  will.  Der  Verfasser  verfährt  mit  der  psychologie ,  auf  welcher 
sein  ganzes  gebäude  ruhen  muste,  gerade  eben  so  äusserlich  wie  Schleicher  mit  der 
morphologie  und  den  naturwissenschaftlichen  analogien  (letzteres  in  seinem  heftchen: 
die  Darwinsche  theorie  und  die  Sprachwissenschaft).  Gewis,  jede  spräche  ist  als 
notwendiges  product  einer  zahl  gleich  organisierter  naturwesen  (das  betreffende  volk 
zur  zeit  ihrer  entstehung)  natürlichen  gesetzen  unterworfen  und  wird  von  den  natur- 
wissenschaften  viel  lernen,  sowie  umgekehrt  diesen  mancherlei  lehren  können.  Aber 
gerade  Aveil  sie  auf  solchen  gesetzen  beruht,  deshalb  ist  mit  blossen  analogien  gar 
nichts  genützt ,  wie  jene  abhandlung  von  Schleicher  zur  genüge  beweist.  Noch  schlim- 
mer ist  aber  ein  solches  spielen  mit  äusserlichkeiten  in  bezug  auf  die  psychologie. 
Denn  nur  in  so  weit  die  spräche  auf  psychologischem  boden  steht,  fällt  sie  (mecha- 
nisches der  lauterzeugung  abgerechnet)  ins  bereich  der  natui'wissenschaften  imd  der 
Philosophie.  Philosophische  methode  in  der  Sprachforschung  kann  also  nur  darin  beste- 
hen, dass  man  zunächst  jede  Spracherscheinung  auf  ihre  psychologische  grundlage 
zurückführt:  hieraus  fliesst  alles.  Denn  da  zeigt  es  sich,  ob  die  Vorstellungen  klar 
und  rein  oder  verworren  und  gemischt  sind:  da  zeigt  es  sich,  ob  es  die  spräche  ver- 
mocht hat ,  sich  von  rein  materieller  Stoffbezeichnung  zu  formaler  abstractiou ,  von 
rein  mechanischen  und  unwillkürlichen  retlexlauten  zu  freier  geistigkeit  zu  erheben. 
Da  nun  logische  tüchtigkeit  ohne  klare  Vorstellungen  nun  und  nimmer  zu  erreichen 
ist:  so  ist  auch  mit  dieser  psychologischen  erforschung  der  logische  wert  einer  sprä- 
che ,  d.  h.  die  grössere  oder  geringere  Unterstützung ,  welche  die  logischen  Verknüpfun- 
gen durch  die  spräche  ohne  zuthun  des  Individuums  empfangen ,  dadurch  so  gut  wie 
bestimmt. 

Wollte  also  der  Verfasser  die  Wortzusammensetzung  philosophisch  erklären,  so 
muste  er  den  psychischen  process  aufdecken,  durch  welchen  z.  b.  in  den  indoger- 
manischen sprachen  oft  so  heterogene  demente  Avie  haus  und  frau,  lach(en)  und 
taube  u.  s.  w.  zusammentreten  und  eine  neue  worteinheit  erzeugen  konnten.  Diese 
bildungen  werden,  nach  allen  von  Justi  aufgestellten,  wol  so  zu  stände  gekommen 
sein -(um  einmal  kühn  vorzugehen),  dass  man  zuerst  Vorstellungen,  die  man  äusser- 
lich zusammengehörig  fand,  auch  äusserlich  zusammenstellte:  bis  dann  nach  langem 
gebrauch  dem  sprachgeist  die  idee  aufgieng,  dass  manche  von  diesen  Zusammenstel- 
lungen selbst  wider  einen  einheitlichen ,  neuen  begriff  darstellten ,  welche  erkenntnis 
sich  in  der  nun  entstehenden  neuen  wortformation  refiectierte.  Dieser  process  konnte 
sich  an  verschiedenen  theilen  des  Sprachgebietes  ereignen;  er  konnte  längere  zeit 
brauchen  zu  seiner  fixierung ;  er  konnte  aber  auch  bei  anderen  sprachen  als  den  indo- 
germam'schen  und  flectierenden  eintreten.  Wenn  gleich  dies  nicht  wahrscheinlich  ist, 
so  war  eine  Untersuchung  um  so  notwendiger ,  als  durch  eine  solche  erst  die  indo- 
germanische Sprachbildung  ins  richtige  licht  tritt.  Ferner  war  nun  auf  die  einzelnen 
sprachen  genauer  einzugehen  und  psychologisch  zu  entwickeln ,  warum  z.  b.  das 
hebräische,  die  romanischen  sprachen  so  wenig  neigung  zur  composition,  andere  spra- 
chen eine  Vorliebe  für  dieselbe  hegen;  und  jede  spräche  war  in  den  verschiedenen 
epochen  ihrer  entwickelung  zu  untersuchen,  so  dass  man  ein  bild  der  entwickeluug 
jeder   einzelnen   spräche   und  ilires   Verhältnisses   zu   anderen    nach   dieser   seite  hin 


ÜB.    TOBLEB,    WORTZUSAMMENSETZUNG  363 

empfieng.  Fürs  deutsche  bietet  Jac.  Grimms  abliaudlung  über  das  pedantische ,  wel- 
che der  Verfasser  nur  einmal  (s.  103)  erwähnt,  nur  allzureiches  ps}'chologisches  mate- 
rial,  welches  durchaus  zu  benutzen  war.  Dann  aber  musten  auch  die  einzelnen  und 
namentlich  die  besonders  merkwürdigen  erscheinuugen  psychologisch  erklärt  werden, 
denn  philosophische  m  e  th  o  d  e  bezieht  sich  doch  auf  die  ganze  auffassung  der  spräche 
und  sprachlichen  dinge.  Nur  einige  beispiele  seien  gestattet:  wie  ungenügend  ist 
das ,  was  der  Verfasser  über  den  status  constructus  des  hebräischen  sagt ,  indem  er 
ihn  nur  durch  die  Stellung  von  der  composition  verschieden  sein  lässt  (s.  19)!  Justi, 
Ewald,  Dietrich  geben  viel  wesentlicheres.  Psychologisch  scheidet  ersieh  scharf  durch 
die  ,,  straffere"  form  des  ersten  Wortes  von  der  (indogermanischen)  composition.  Denn 
diese  modificierte  form  reflectiert  den  modificierten  begriff:  bayifl-  ]jaus  wird  zu  be.9 
dawi')',  weil  es  nun  nicht  mehr  haus  im  allgemeinen,  sondern  mit  modification  dieses 
begriifs  ein  bestimmtes  einzelnes  haus  bezeichnet.  Das  modificierende  wort,  dessen 
sinn  keine  Veränderung  erleidet,  erhält  auch  sprachlich  ganz  seine  form.  Die  indo- 
germanische composition  aber  lässt  den  modificierten  begriff  ganz  unverändert;  doch 
setzt  sie  das  modificierende  vor,  bet-haus,  ra^i-aQxog  u.  s.  w.  Und  hier  kommen 
wir  zu  einem  zweiten  punkt ,  welcher  dui'chaus  und  sehr  gründlich  und  mit  allen  aus- 
nahmen hätte  psychologisch  erklärt  werden  müssen ;  warum  stellen  denn  die  indoger- 
manischen sprachen  immer  das  bestimmende  wort  voraus,  das  zu  bestimmende  nach? 
Psychologisch  oder  auch  logisch  notwendig  war  diese  Stellung  doch  gar  nicht.  Es 
war  dem  referenten  höchst  interessant,  eine  zeit  lang  ein  anderthalbjähriges  gut 
begabtes  kind  zu  beobachten,  welches,  obwohl  von  täglicher  lebhafter  Unterhaltung 
umgehen ,  die  composita  auf  die  umgekehrte  weise  bildete  und  thür  -  haus  für  hausthür, 
öl-mandel  für  mandelöl  sagte.  Der  psychologische  process  bei  dieser  ausdrucksweise 
ist  klar:  dem  kinde  schwebte  zunächst  der  hauptbegriflf  vor,  den  es  also  zuerst 
durch  das  wort  reflectierte  und  erst  in  zweiter  reihe  der  bestimmende  nebenbegriff, 
der  deshalb  nachfolgte.  Eine  solche  ausdrucksweise  scheint  so  natürlich  —  warum 
hat  sie  das  indogermanische  hartnäckig  verschmäht?  und  hat  es  dieselbe  immer  und 
zu  allen  zeiten  verschmäht,  oder  Hessen  sich  vielleicht  gar  spuren  auffinden,  dass 
diese  art  früher  wenigstens  ihm  nicht  ganz  fremd  war?  Sollte  man  liier  aus  den 
ausnahmen  nicht  vielleicht  manches  erschliessen  können?  Justi  gibt  den  grund  für 
jene  gewöhnliche  Stellung  wol  richtig  an ,  aber  nur  beiläufig :  man  wollte  dem  haupt- 
begriif  die  wichtigste  stelle  geben  und  setzte  ihn  deshalb  nach  —  ein  gedanke,  wel- 
cher durchaus  untersu.cht  werden  muste  in  einer  philosophischen  betrachtung  des 
gegenständes. 

So  wäre  noch  über  eine  menge  von  einzelnheiten  zu  reden;  doch  wir  wollen 
zum  schluss  kommen  und  deshalb  auch  nichts  mehr  über  die  oft  ziemlich  unpräcise 
ausarbeitung  des  büchleins,  die  gar  nicht  selten  zu  ,,  nachträglichen  bemerkungen" 
u.  dergl.  greift,  sowie  über  das  fast  völlig  überflüssige  und  doch  sehr  ausgedehnte 
register  sagen.  Anhangsweise  (von  s.  104  an)  gibt  der  Verfasser  eine  genauere 
besprechung  der  verstärkenden  Zusammensetzungen  eigentlich  nur  des  deutschen ,  denn 
die  übrigen  sprachen  kommen  so  kurz  dabei  weg ,  dass  der  Verfasser  sie  besser  ganz 
bei  seite  gelassen  hätte.  Und  doch  wäre  gerade  ein  genaueres  eingehen  auf  sie  nach 
dieser  so  wenig  angebauten  seite  hin  von  gröstem  interesse  gewesen.  Das  meiste, 
was  wir  sonst  in  diesem  anhaug  finden,  haben  wir  schon  in  Frommanns  Zeitschrift 
band  V  gelesen,  ja  dort  sogar  reichhaltiger  und  wie  uns  däiicht  frischer. 

Wir  haben  uns  eingehend  mit  dem  büchlein  beschäftigt  und  ohne  rückhalt 
unser  urteil  ausgesprochen.  Wir  hielten  dies  für  unsere  pfli cht,  weil  es  sich  hier  um 
grundlegendes,  um  die  methode  handelte;  und  hierbei  kann  man  nicht  streng  genug 


364  KOCH 

sein.  Gerade  eben  weil  wir  mit  dem  Verfasser  in  „einer  immer  lebendigeren  Wech- 
selwirkung zwischen  ])hilosophie  und  einzelnwissenscliaften  das  höchste  ziel  und  ein- 
zige heil  beider  erblicken,"  gerade  deshalb  lag  es  uns  ob,  für  die  Wahrheit,  wie  wir 
sie  erkennen ,  nach  kräftcn  einzustehen. 

MAGDEBURG.  GEORG  GERLAKD. 


A  Dictionary  of  the  Old  English  Language  compiled   from  Writings 
of  the   XIII,    XIV  and  XV  Centuries  by  Francis  Henry  Stratmann. 

Printed  for  the  Author  by  Kramer  and  Baum.  Krefeld  1867.  (8  thlr.  10  sgr.) 
Der  Verfasser  will  den  Sprachschatz  des  13.,  14.  und  15.  Jahrhunderts  zusam- 
menstellen ,  also  eines  Zeitraumes ,  in  dem  man  drei  perioden  zu  unterscheiden  gewohnt 
ist:  das  neuangelsächsische  (bisher  ohne  jeden  grund  halbsächsisch  genannt)  von  1100 
bis  gegen  1250,  das  altenglische  von  1250  bis  gegen  1350,  und  das  mittelenglische 
bis  gegen  1500.  Wenn  auch  diese  einteilung  nicht  nach  jähr  und  tag  bestimmt  wer- 
den kann,  so  ist  sie  doch  wol  begründet;  denn  jede  periode  trägt  ein  solches  charac- 
teristisches  gepräge,  dass  sie  nicht  verkannt  werden  kann.  Das  neuangelsächsische 
ist  nur  das  angelsächsische  in  abgeschwächten  formen,  und  die  fremden  demente, 
die  sich  demselben  beimischen,  sind  nicht  zahlreicher  als  die  lateinischen,  die  im 
angelsächsischen  vorliegen.  Im  altenglischen  mischen  sich  sächsisches  und  norman- 
nisches ,  die  formen  schwanken ,  die  spräche  verwildert.  Das  mittelenglische  ist  die 
periode  der  reconstruetion :  das  deutsche  dement  befestigt  sich  in  betonung ,  laut  und 
flexion,  und  beginnt  gegen  die  fremden  einflüsse  nicht  nur-  zu  reagieren,  sondern 
auch  die  fremden  demente  deutschem  lautgesetze  zu  unterwerfen.  Der  Verfasser  hat 
diese  einteilung  nicht  beibehalten  und  stellt  die  verschiedenen  quellen  und  die  den- 
selben entnommenen  formen  ohne  Unterscheidung  neben  einander.  Man  würde  ihm 
daraus  keinen  Vorwurf  haben  machen  können,  wenn  er  nur  die  zeit  angegeben  hätte, 
der  die  einzelnen  quellen  angehören.  Der  leser  muss  sich  deshalb  anderswo  unter- 
richten, wenn  er  erfahren  will,  welchem  Jahrhundert  die  betreffende  form  augehört. 
Dieser  kleine  formelle  mangel  verschwändet  vor  der  grosse  der  aufgäbe,  die  der  Ver- 
fasser sich  gestellt  hat.  Es  verdient  die  vollste  anerkennung,  dass  er  sich  einer  so 
schwierigen  und  mühevollen  arbeit  unterzogen  hat,  und  dass  er  im  einzelnen  vor- 
treffliches geleistet  hat,  dafür  gebührt  ihm  der  dank  aller  derer,  die  sich  über  die 
Sprache  jener  zeit  genauer  unterrichten  wollen. 

•  Erst  seit  einigen  jähren  fliessen  die  quellen  jener  sprachperioden  reichlicher, 
besonders  seit  die  publicatiouen  der  Early  Text  Society  bewirkt  werden.  Die  wissen- 
schaftliche behandlung  fällt  sogar  erst  in  die  letzten  jähre.  Es  ist  daher  nicht  zu 
verwundern,  wenn  der  erste  versuch  eines  solchen  Sprachschatzes  nicht  ganz  gelingt. 
Zunächst  vermisst  man  die  erforderliche  Vollständigkeit.  Eine  absolute  Vollständigkeit 
lässt  sich  allerdings  nicht  erreichen.  Uns  stehen  ja  überhaupt  die  englischen  c[uel- 
len  nur  in  beschränktem  umfange  zur  Verfügung.  Die  englischen  philologen  ferner, 
welche  das  Interesse  ihrer  landsleute  für  die  alte  litteratur  zu  wecken  und  die  kosten 
zum  dnacke  zusammen  zu  bringen  wissen,  fördern  mit  seltenem  fleisse  und  grosser 
ausdauer  zahlreiche  werke  von  höchstem  Interesse  zu  tage ,  so  dass  der  Wortschatz, 
der  heuer  zusammengestellt  wird ,  schon  nächstes  jähr  der  ergänzung  bedarf.  Nur 
eine  relative  Vollständigkeit  lässt  sich  beanspruchen ,  die  Zusammenstellung  des  sprach- 
stofifs ,  der  in  den  als  benutzt  bezeichneten  quellen  vorliegt.  Und  auch  diese  bietet  der 
Verfasser  nicht  in  erwünschtem  masse.  Der  deutsche  sprachstotf  ist  fleissig  gesauuuelt. 
Vergleicht  man  die  glossare  von  Layamon,  Ormulum  u.  s.  w.,   so  fehlen  wenig  ein- 


ÜBER   STEATMANNS   DICTIONARY  365 

fache  Wörter,  wie  rudere  roder  bei  La3^,  ags.  hriöcr  hrcoöer  hruSer  hryöer ,  urspr.  (alt- 
isl.  7w!<^;' Widder)  der  gehörnte,  rind,  ochse;  lißssh  {living),  sM/ etc.  bei  Orm. ;  andere 
wie  die  Substantiven  rosiny,  runing,  racning  erklären  sich  aus  den  verben  rosen ,  rwnen, 
raeuen  reaven.  Auch  die  zahlreicheren  compositionen ,  welche  fehlen ,  wie  hleo  -  men, 
boe-runen,  daed-siS,  duyebe  -  cnihtes ,  freond-raese  werden  nicht  vermisst,  wenn  ihre 
elemente  noch  erkennbar  sind  und  vorliegen.  Ueberhaupt  scheint  das  germanische 
Clement  mit  Vorliebe  behandelt,  und  vielleicht  hat  der  Verfasser  ursprünglich  das  allein 
sammeln  wollen,  und  erst  später  hat  er  seinen  plan  erweitert.  Was  die  fremden 
elemente  betriift ,  so  lassen  sich  diese  sehr  vervollständigen.  Hinzuzufügen  wären 
aus  Layamon:  admirail  admirel  27G68,  apostolie  29624,  astronomie  24297,  atijr,  ascapen 
achapen  sapien ,  barun  16922,  lunrnn  1313,  coriun  7002,  chapel  26140,  cheiscl  23761, 
chevetayne ,  eastresse,  folie,  harsun,  hostage  22792.  Jmne  28978,  latinier  14319,  legat 
24501,  machune  15465,  mahun  mahum  230,  munee  munechene ,  munekien  monakien,  nonne 
minne  1.5650,  nonnerie  15637,  paisien,  pensiles  27183,  primate  29736,  scare  5835,  sena- 
tur  25337,  temple  10711,  timpe ,  tresiir  28834,  truagc  25044,  tumbe;  —  aus  Eobert 
Glocester:  age  192,  allur  alur  3980,  ambes  1187,  anguissous  3314,  anye  2247,  armure 
8363,  bachilerie  1702,  banour  7616,  baptizen  1930,  baronye  7320,  beuerage  Q22,  bote- 
lerye  3964,  branche  3191,  ealis  10193,  cartre  1740,  carpenter  11268,  caronye  5528, 
cas  206,  cathedral  5972,  caucion  10582,  certeyn  1212,  cirurg/en  12082,  comete  8768, 
constable  11310,  corageons  löhl ,  cosfiuotcs  (falsch  costinous)  GL,  costume  9815,  contasse 
3295,  covetise  1077,  eruel  1328,  cortesie  1159,  c/.a«mctf^er  9766,  chaste  4548,  cMualrye 
1056,  damasel  9069,  dettc  9877,  digne  2822,  dosil  11390,  dragon  2788,  eritage  989, 
euangelist  7317,  feffen  7749,  feintise  461  911,  felon  9831,  fermiment  1907,  fynen  2973, 
flour  9086,  freire  frere  10403,  fundnment  2112,  geand  3072,  gent  564,  gentris  1076, 
gibet  10853,  gleiue  4176,  glotonye  6042,  governyen  1040,  gransyre  6509,  greuous  4151, 
{1i)abyt  2312,  hasarderie  4023,  hawtein  1510,  holoier  holer  625,  honiage  1066,  honouren 
327,  image  329,  jyive  gywe  1420,  justice  10394,  lampreye  9278,  lance  2218,  largesse 
3760,  lechour  2536,  lecherie  2537,  letre  639,  leuour  2687,  libel  11396,  langage  2530, 
mace  4230,  maistrie  53,  maynye  3758,  maynprisen  3395,  magnal  8294,  marchion  10172, 
marcheis  11296,  mariage  729,  marchandise  2206,  matyns  1163  ,  matresche  7227,  medicyne 
3083,  message  3656,  menestrel  5667,  miracle  1648,  morsel  7184,  tmde  (afrz.  niul,  mulus) 
3924,  oZzMß  3996,  oryson  4827,  ordre  2309,  outrage  990,  paisen  12188,  jsa^ey*  3954, 
panter  3879,  parlement  2314,  part  701,  pauelon  1121,  partie  1451,  passion  305,  penance 
5259,  percen  392,  peril  2213,  fieician  1558,  fysiek  3172,  pytos  4191,  playne  {plangere) 
3586,  playnte  5203,  plavete  2443,  pleyn  [plana]  155,  plente  9,  pauste  5762,  porehe  5639, 
porte  8589,  poudre  7240,  posterne  448,  ^;o<«ye  8509,  pouerte  786,  poison  2612,  preye 
7893,  pressen  2491,  priorye  hlhl ,  priuite  598,  pure  185,  quarcl  10252,  quarry  8695, 
quarter  11037,  regnen  682,  reson  6418,  riuere  14,  romance  10194,  sacry  6921,  sacri- 
fisen  602,  sailen  385,  scarse  10776,  seculer  5874,  secunde  5882,  sege  2822,  semblant 
2749,  sepulture  3477,  servage  249,  signifien  3243,  symple  825,  seynore  3605,  solas  371, 
solacy  11672,  souereyn  349,  spicery  3172,  spouse  603,  stahlen  7536,  stable  {stabulum) 
5822,  stable  {stabilis)  1253,  state  1266,  stränge  380,  table  3892,  tabernacle  A&l ,  tavernc 
4035,  tempren  1629,  tenipest  5030,  tendre  A20^ ,  terine  5933,  torment  1826,  travail 
2214,  troncheon,  trossy  10139,  toret  3636,  unde  1342,  tisage  3950,  valey  1282,  veage 
4518,  veyne  3182,  venym  1014,  veneson  5036,  verdyt  2Q9ß ,  venymen  1015,  vicarte  ß89B, 
viniter  11383,  vinterye  11388,  vertu  3087,  vyse  4036,  voys  5905;  —  aus  Peter  Lang- 
toft  oder  Eobert  Brunne:  abbes  1401,  acciotm  6740,  altercand  161  \ ,  anguisen  3231, 
arblastere  5031,  archere  2289,  arnmrie  4821,  attere  3036,  banerettc  7345,  baptewe  Aldi, 
benyson  2S0d,    bisket  4221 ,    brocken  ßlOO,    buger ie    7814,    hurgeis  blOl ,    cÄawo«  2383, 


366  KOCH 


cot- 
ero- 


cardinalle  3694,  cage  3790,  certißen  3829,  clmnance  4624,  clergie  589,  cofin  3312, 
ncn  5745,  copie  7114,  corseynt  1028,  costage  2774,  credance  6228,  ereaiure  5220,  -. 
ni/kle  600,  cruelte  1921,  calpable  7367,  champion  685,  charite  {carited  SC.  1137,  kari- 
tap  0.)  2358,  chcitife  4269,  eskekere  2056  cheue  118,  dan  1980,  decane  1804,  s?«/«»-« 
1752,  destrere  3033,  dignite  1802,  donjon  2969,  dortoure  6184,  dotcerie  3740,  dowen 
1914,  {h)eisen  4766,  estre  6382,  >«s/<?  5955,  feffemcnt  6007,  /«•<?■«  618,  >!«/;«  5541, 
foree  22 ,  forcyn  7855 ,  forgen  3832 ,  fraternite  4679 ,  fratul  3153 ,  foundoure  2080 ,  jr^r- 
/««rf  8083,  gendrure  6101,  (^es^e  92,  guiour  82,  governour  3598,  un-gracious  7038, 
grangc  7841,  grantise  3188,  grevance  2148,  heretike  7811,  heremite  ^^2'i ,  hospüale  3311, 
Joint  7423,  Joli/te  1192,  y««'y  5488,  jugement  1533,  labour  1795,  kernel  7966,  ^ec/w- 
»•OMS  1603,  ^tWe  621,  lege-lord  1063,  leysere  5616,  Muerisoun  4895,  liuere  3582,  losen- 
gere 6999,  manauntie  7942,  mayntencn  464,  malison  1023,  mmigre  3844,  manage  1923, 
man-fesour  5272,  manace  1510 ,  manacen  b02d,  w««rm7934,  marinere  2514:,  marite  blßl, 
matere  7852,  maumetrie  7812,  mercien  2715,  minystre  6902,  misterie  4196,  ministren 
2000,  mostren  5110,  motoun  4330,  mobles  3556,  nacioun  5057,  nauie  488,  nicete  3005, 
norture  4669,  ordine  5517,  ordinance  7366,  paemie  3622,  paen  3528,  palmere  693,  pan- 
telere  733,  panterie  731,  parage  3784,  passage  660,  partyner  6469,  pauiment  6525,  pastxtr 
4669,  pencel  3938,  pcdaile  3034,  ^^ew-m  7642,  2^ois  4910,  perilous  blbi  ■,  peticiwm  7280, 
pilgremage  11,  plesen  1680,  plentyuouse  2801,  poraile  3081,  popylle  1295,  possessioxoi 
5762 ,  Portionen  1236 ,  praiere  1808  ,  pres  336 ,  primate  1801 ,  ])rioure  1803 ,  pryve  942, 
prouende  5214,  ^^ro««V2ce  8102,  psalme  7200,  sauter  6762,  pidpite  7348,  pztpUsen  2190, 
purißen  7564,  rascaile  749,  regante  1204,  reame  61,  regne  267,  ribaud  ribaudie  5402, 
saufte  5707  ,  skrite  1269  ,  sermon  2620 ,  se^-vitour  1326 ,  serganz  1440 ,  so^fe»  1416 ,  speyre 
(afrz.  espeir,  speres)  1267,  spiritualle  6868,  spiren  2714,  stage  6236,  Statute  3286, 
stranglen  733,  taliage  1024,  tenement  768,  tenaunt  4056,  testament  3313,  testimone  143, 
tresorere  6793,  tresorie  1937,  tribidacioun  5058,  trinitee  4234,  totireiUe  QQOQ ,  nnce  231A, 
vacant  158,  valiant  158,  i'alue  2461,  vassalage  2125,  vavasoure  297,  vengen  192,  venge- 
ment  4883,  venquyse  6310,  visiten  5082,  voidcn  238;  —  aus  Piers  Ploughman  :  actif 
4298,  accidie  32(jQ ,  rt-//  5911,  auditour  13884,  avarice  '^54. ,  audience  8SS2 ,  baieisen, 
batant  9348,  benefice  1997,  brocage  1057,  burgagc  1528,  cahane  1739,  canonisfre  4794, 
c«joow2155,  earpenfrie  5961 ,  cyvyllc  1014:,  clikcten  B13G  ,  courbe  611 ,  corlew  Sddl ,  coveite 
59,  creaunt  7810,  curate  Cr.  920,  chalangeaUe  7199,  cJiarme  8711,  chapeleyn  7207, 
cheyne  4539,  chcynen  837,  chibolle  4389,  date  8571,  dampnacioun  7618,  dampnen  3429, 
deyne  4417,  destinee  4350,  devyne  416,  dozeine  2154,  double  9226,  edifien  1106%,  equite 
11917,  faitous  1246  ,  faticon  3836,  famtjn  4450,  fantasie  71,  Jamitc  42>68,  felicite  14405, 
feyse  145,  festu  6183,  ßamnbe  11845,  ßoryn  1171,  freel  freie  1601,  freletee  12280, 
franehise  12280 ,  frenesie  14090 ,  frenetike  5607 ,  friiten  10875 ,  gainage  Cr.  391 ,  garite 
Cr.  423,  gendre  11256,  graffen  3746,  houres  194,  hostelcn  11604,  hnmiUte  3749,  jugge 
259,  Jubilacion  3428,  laborer  442,  langoure  88,  hautet  1750,  legistre  4491,  ^e»r?»-e  219, 
licence  196,  logick  7953,  losengerie  4082,  magestee  5236,  maundement  11371,  mangen 
(afrz.  mangier,  mandiicare)  4317,  mangerie  6797,  tnatrimonye  10106,  memorie  3986, 
mercyment  782 ,  merite  825 ,  mirour  6588 ,  mestier  4477 ,  mole  (prov.  moüe ,  modidus) 
8651,  »no;«// 3835 ,  mute  11024,  nmsick  5688,  notarie  1130,  organye  12088,  palsy  2630, 
panel  2003,  paimche  8211,  paren  2958,  parlen  12619,  patrimonie  14393,  parishen  178, 
pacient  9420,  pacienec  3752,  pennone  Cr.  1119,  peeren  343,  pendauntz  9601,  penaunt 
2348,  pelure  89,  pencif  4776,  peeren  10456,  perpetuel  6457,  piersonage  8516,  pestilenee 
168,  poisone  4398,  prioresse  2785,  prison  prisoner  4523,  12190,  purgatorie  1089,  quiete 
704,  raye  2893,  roynous  14087,  rtisset  4900,  sage  1542,  salarie  3340,  sapience  5677, 
satisfaccion  8943,  saueren  5116,  scorpion  12389,  seismatik  6815,   seson   1,   «W(7?<?«' 8599, 


ÜBER    STRATMANNS   DICTIONARY  367 

sobre  Cr.  1287,  Studie  360,  surgenrie  11015,  soutor  3300,  taxour  3875,  termyne  653, 
teme  6790,  torche  11789,  tremblen  1353,  usuren  4644,  venymous  venymouste  12339,  vin- 
dage  12820,  virgmite  11215;  —  aus  Wycliffe:  alien  Gen.  17,  27.  arche  31,  36.  argen- 
tarie  Deeds.  19,  24.  auouter  Lev.  20,  10.  basinet  1  Kgs.  17,  5.  barainte  Gen.  26,  1. 
benyngnyte  Ps.  64,  12.  bestayle  beestaile  Gen.  1,  24.  bocherie  1  Cor.  10,  25.  boterace 
Ez.  41,  15.  brosure  brtisure  Lev.  24,  20.  cariage  Gen.  45,  19.  carkeys  Ex.  21,  35. 
eycer  chyches  2  Kgs.  17,  28.  cerymonye  Ex.  12,  25.  cene  Apoc.  prol.  p.  638.  clarioun 
Lev.  25,  9.  derete  eierte  Tob.  13,  20.  clarifyen  John  12,  28.  eosinage  Gen.  12,3. 
coriour  euriour  Deeds  9  ,  43.    couertour  Ex.  36 ,   19.   crese  4  Kgs  20 ,  10.  crious  Prov.  9 

13.  cocodrille  Lev.  11,  29.  cucumere  Bai*.  6,  69.  cumyn  commyn  Is.  28,  25.  euren  Gen. 
20,  17.  curiouste  Num.  4,  20.  chaytiffe  catyße  Deut.  28,  41.  chaufcn  Esth.  1,  10. 
chymeney  Ex.  9,  18.  dyme  Gen.  14,  20.  dyuynour  Deut.  18,  20.  doctrine  Ex.  35,  31, 
douty  Ex.  12 ,  24.  doutous  dotous  Pref.  ep.  c.  9.  Lev.  13 ,  43.  doulable  doutance  etc.,  dres- 
sen  Gen.  14,  8.  dromedie  Is.  40,  6.  ydropsie  Luk.  14,  3.  eritagen  Ps.  36,  11.  fable 
Deut.  28,  37.  f abier  Bar.  3,  23.  fablen  Luk.  19,  15.  faculte  Tob.  1,  25.  /«««ce  Judge 

14,  15.  /«wew  Mth.  9,  31.  famousiste  Judith  2,  13.  fantum  Mth.  14,  26.  f ardeis  Judge 
19,  17.   fase  (phase)  Ex.  12,  21.  fautour  Job.  13,  4.  feerte  feerste  Judge  5,  22.  festete 

festene  Wisd.  8,  9.  florischen  ßur sehen  Ps.  89,  6.  foltisch  foltes  1  Cor.  1,  26.  27.  frount 
Ex.  17,  9.  fugitif  Gen.  4,  12.  gendren  Gen.  5,  4.  gilouse  Col.  2,  8.  gloterous  Lev.  11, 
30.  glorißen  Ex.  14,  47.  ^ree/"  Ecclus.  22,  15.  groyne  Is.  29,  4.  hidousen  Dan.  7,  15, 
hoostesse  hoostresse  Ex.  3 ,  22.  iacynt  Ex.  25 ,  4.  iacynctyne  39 ,  20.  ielouste  gelouste  Num. 
5,  14.  iocounde  1  Kgs.  25,  36.  lacert  liserd  Lev.  11,  30.  languishen  Dan.  8,  27.  latijs 
latis  Prov.  2,  6.  lauourtoure  lavatorye  Ex.  38,  8.  lionesse  Gen.  49,  9.  leprous  4,  7.  ^«Vere 
Is.  66,  20.  letuse  Ex.  12,  8.  liveren  Josh.  24 ,  10.  magnißen  Gen.  12,  2.  mergen  Ex.  25, 
24.  merveilen  Jud.  10,  7.  minushen  4  Kgs.  23,  15.  moneishen  Josh.  prol.,  moneyere  mon- 
yere  John  2,  14.  movable  Gen.  1,  21.  nmltynge  4  Kgs.  23,  23.  neece  Lev.  18,  10.  neces- 
sarye  Gen.  42,  2.  nurshement  Is.  30,  33.  noyouse  Deut.  28,  66.  odious  21,  15.  odorament 
Apoc.  18,  13.  oj-^ow  Gen.  14,  5.  ^et^a^e  Esdr.  4,  13.  parßt  Gen.  2,  1.  phane  Deut.  3,  29. 
picoise  1  Kgs.  13,  20.  pilgrimagen  Gen.  12,  20.  ^e«/«7  Ex.  16,  4.  pleaunt  Gen.  3,  24. 
pouereshen  2  Esdr.  5,  18.  i?roi?>-e  Gen.  44,  32.  prouable  2  Tim.  2,  15.  prudence  Ex.  28,  3. 
sacrilege  Num.  25,  18.  saleiven  {saluer,  salutare)  Mth.  10,  12.  scryven  Is.  36,  3.  secoun- 
darye  Gen.  25,  6.  servaimtesse  Gen.  16,  2.  seruyle  Lev.  23,  7.  serpent  Gen.  3,  4.  «jsom- 
ses.9e  Mtth.  25.  1.  *j9o«7e  spuyle  Jer.  21,  9.  stablete  Wisd.  6,  26.  temptacioun  Deut.  9,  3. 
traveilous  Ex.  6,  6.  ^r?i?</<?  Gen.  49,  12.  vagaunt^,  12.  ■i'«>-«/e31,  10.  vermycle  Ex.  Sl  ,  1. 
vengeable  Rom.  13,  4.  vengeance  4,  24.  volatüs  Gen.  1,  26.  violence  21,  25.  ijo^/ä^c  Ex. 
10 ,  13.  vohiptuouste  Eccl.  2 ,  10.  t^öwm  Lev.  18 ,  25.  vowen  Gen.  31 ,  13.  vowren  Ex.  12,  9. 
vowtur  {vultur)  Job.  28 ,  7 ;  —  aus  Sir  John  Maundevile :  awmener  19 ,  annuelle  31 ,  «?•<»- 
cle  10,  aromatyk  16,  auctoritee  10,  bounte  19,  Ärace  3,  buscaylle  27,  ealculacioun  22, 
caconizacioun  16,  caw«  ca«e  19,  camaylle  5,  carboncle  charboncle  22,  charnelle  6,  charete 
charyot  22,  cisterne  8,  cendre  cyndre  9,  cora^e  13,  coronal  29,  co/w«  31,  covetous  29, 
creance  19,  c>-y>«e  25,  cristalle  2,  crucyfyen  12,  combraunce  28,  curious  6,  clutpelet  22, 
daliance  31,  dangerous  24,  doctour  13,  duchee  1,  eglantier  2,  eisement  19,  epistle  4,  «"«^t- 
macioun  13,  famouse  13,  f amileer  12,  fasceon  9,  favour  28,  felonous  6,  ./«^'««•e  3,  /or- 
myot(r  12,  formen  17,  /osse  4,  foundenh,  fruetifien 5 ,  fonndacioun  7,  generalle  19,  gobetteb, 
governance  5,  gowte  31,  gravelle  4,  <7ree  20,  habitacioun  6,  hereniitage  8,  hidous  4,  Aom- 
ceV^/e  28,  honest  honestee  20,  oriloge  22,  imaginen  17,  »Vory  10,  jonke  5,  justifien  18, 
j'uyce  lö,  jousfen  17,  labouren  19,  lamentacioun  9,  lanyere  22,  linage  8,  letanye  16, 
lunatyk  14,  mansioun  5,  mediterran  13,  malencolye  14,  melodie  16,  mendynant  15,  wer- 
veylotise  3,  marveyle  4,   meridionelle  14,  minnte  \1 ,  mountance  5,  mortelle  SO,  mevable  15, 


368  KOCH 

iniillitude  b,  »iitltiplyen  14,  naperyc  23,  naturelle  5,  nygromancie  20,  nonibre  13,  oilc  2, 
otjnement  10,  ournement  8,  onyon  13,  ostriche  22,  otttrageous  22,  ^aZ>»  pamne  5,  paven  4, 
perche  13,  pynaclc  6,  plesaimt  pleyn  8,  pollyshen  8.  14,  preeious  2,  principalle  1,  sato« 
miim  j  purgcn  14,  quantitee  5,  resonable  5,  raueyne  15,  royalle  rycdle  8.  22,  rcgulere  8, 
r»/ofel,  rymour  b,  sacrc22,  sacerdofallcG,  sacrcmentii,  salutaciomi  10,  s«^ra«o?««  12,  seynfB, 
Script urc  2,  sentiment  16,  setifcnce,  scrrant  16,  synett  8,  sclaimdren  9.  42,  soicne»  27, 
stature  19,  *^o/7>  2,  stranger  3,  temporelle  3,  tcnipte  8,  trenchant  5,  usurpen  13,  i^ar^- 
a«^  10,  vcni/moHs  6,  vcrmyn  5,  rictorie  2,  vitaillc  8,  vyaunde  18,  vigerous  25,  vynegre 
23,  t-y^rtw  vülenous  8,  f^/««  5,  vertuous  14,  rjsayt'  2,  ^)^■^J<;>•c  6,  vowten  3;  —  aus  Chau- 
csr:  egremoine  16268,  «ye^  2479,  amorctte  R.  4735,  ardure  Pers. ,  arsmetrike  1900, 
aspre  ,  auarous ,  aunfroics ,  avenfayllc  d080 ,  basüicocJc  Vevs. ,  bourdon  ^.  34:01 ,  calcioiacionn, 
cai-ilation ,  capitnive  12bl6 ,  claper  {hz.  clnpier)  R.  1400,  clergiel  16220,  co«sfßito6(!  4950, 
corbette  F.  3,  214.  cowardice  2782,  crcvasse  F.  3,  996.  crosselet  16583,  charmercsse  F.  3, 
171.  chaunfc-clere,  cJuitinte  - pleure ,  cherisance  ^.  3331 ,  chcvalrotts,  diligent,  domage'R.  4Si'db, 
crrautit,  faerie  6441,  fame,  ßottrette  R.  891,  ^oZe<  R.  7096,  Jmbiten  660,  historial  3179, 
hostilcments  B.  2,  5.  yo^«/  3355,  jupartie  16211,  lettttarie  428,  maistresse  12040,  mantelet 
2165,  markisesse  8159,  meselle,  noblesse  8344,  woi/e^  8764,  paillet  F.  3,  290.  i???c  9045, 
rokette  R.  1240,  s«^  (afrz.  se<f  se,  sedes)  14155,  seurment,  signißeaimee ,  sort  846,  s/>o?<- 
sflf'fe  7991,  tasseled  3251,  tcrcelet  10818,  terrestre  9206,  tretable ,  tretee  9566,  troncheon 
2617,  wardeiv  3997,  vermeile  und  manche  anderen;  —  aus  Wright's  vocabularies : 
acombler  nr.  14,  ancorysse  ankrys  14,  barbiir  13,  baronys  14,  barnacidle  11,  i«ri7  11, 
5«#c  14,  blanket  15,  blankyth  11,  bolace  10,  öowe^  15,  bretys  bretasche  14,  briiskette  14, 
Äo^«/^  8,  schamelle  15,  canvasse  7.  8,  c/i«»-  11,  13,  celerer  14,  sydyre-tre  13,  f«rc?t;  8, 
clarett  13,  clowtar  8,  corperax  14,  corperas  15,  coverlyte  11,  c>T>Me  7,  ernymc  11,  «-j- 
/te<  10,  curfew  15,  cutcler  14,  chalon  11,  chaivnsylle  13,  14,  cliesapulle  14,  drapure  13, 
duches  14,  <?MÄe«  15,fagat  15,  fawconer  14,  fanone  13,  ferrur  14,  /ö>-ye  11.  14,  /z<r- 
M(Mse  13,  für byar  S,  frobycher  14,  ^ra^^m  8,  gluton  14,  ^of«/r  15,  (7*-«yeZ  13,  grefine  14, 
grewylle  14,  hachet  8.  11,  hampere  13,  hatrelle  13,  hirchoun  10,  juncte  11,  Joynte  13, 
jenupyr  11,  launder ,  loryl-tre  14,  /eia»-ll,  leparde  13,  leyterne  15,  ^rywe»'14,  te 
^^M'se  15-  14,  «i«y>"  14,  makyrelle  13,  mason  14,  matras  niatrys  15.  14,  ntarchand  13, 
myure  15.  13,  myttyn  8,  muskett  13,  naprune  13,  osere  13,  oyster  11,  payge  11, 
j9a?m  10,  pertrys  partrys  10,  patyn  15,  pellicane  13,  pentys  14,  /e«»/s  13,  pycke- 
rylle  13,  plovere  14,  plomet  8,  poptdere  11,  jöore<  9,  i?oswe</e  11 ,  postem  14,  ^«7e  6, 
pumege  14,  raysyn  14,  r«so>'  8,  ra/o«  13,  roicnce  13,  secristoiin  14,  sawsere  11, 
salmon  sawmone  13,  «aM^sc  8,  sawstere  14,  scoZcr  14.  15,  «^««'ewe  10,  «ory^^er  14,  specta- 
kylle  14,  spykket  11,  spycere  13.  14,  sqnyryllc  13,  s/a?o«  13.  15,  storion  13,  te>'«  14, 
tartlatys  8,  ^tfrcci  7,  tyssike  14,  <>-0M?;e  14,  rwre  15  u.  a.  Daneben  fehlen  zahlreiche 
compositionen  mit  «,  ai,  «<^,  «w<c,  circum,  con,  contra,  de,  dis,  e  ex,  in  en,  inter  entre, 
mes,  op,  per  par,  jirae  pre ,  praeter  preter ,  pro  por ,  re ,  sub,   super,  trans. 

Die  einzelnen  artikel  sind  ungleich  gearbeitet:  manche  sind  sehr  dürftig ,  andere 
reich  an  formen;  aber  in  beiden  ist  auf  die  bedeutung  nach  ursprünglichkeit  und 
entwicklung  zu  wenig  rücksicht  genommen.  Dem  lateinischen  «/;«>«;  ist  nur  «^^cv  aus 
Orm.  beigefügt ,  während  es  auch  lautet  «i«^«??- RG.  11276,  Ch.  2294,  PP.  2689,  aw^ee»- 
awtier  M.  3,  «  naivter  Wr.  11,  altere  PL.  1969.  —  Das  aus  Ritson's  Metr.  Rom.  bei- 
gebrachte ar6e>-  nimmt  der  Verfasser  in  der  bedeutung  Obstgarten,  also  =  arberye 
M.  24.  Doch  bezeichnet  es  auch  allgemein:  garten  e>-^fre  Cr.  329,  eingehegtes  feld 
Hall.  338.  Es  mischen  sich  in  dem  werte  demnach  arborca  {terra)  und  herbarium.  — 
Arblaste  ist  nicht  kriegsmaschine,  Schleuder,  sondern  EG.  7919  der  schleuderer  = 
arblaatere,  und  eine  ausdeutung  der  form  steht  bei  W^cl.  2  Kgs.  8,  18:    arow- Master 


ÜB.    STEATMANNS   DICTIONARY  369 

(mlat.  arcHbalistarms,  at'rz.  arbalentier).  —  Dem  schwierigen  boton ,  ne.  bntton  ist  nur 
afrz.  boton  beigefügt.  Aber  form  und  bedeutung  ist  mannigfaltig :  boton  {nodulus) 
Wr.  33.  14.  botoimis  [^.  =  kvoppis  k.  faat'nijngeti^.)  Ex.  IG,  11.  bothum  (knospe,  beson- 
ders rosenknospe)  Ch.  R.  1721.  Diez  leitet  afrz.  boton  bouton  ab  von  einem  germani- 
schen Worte,  und  bringt  es  in  Verbindung  mit  ahd.  bozo  pozo  (bündel,  Graif3,  233. 
thür.  ein  botzen  (klumpen)  und  vom  flachse  ein  bosgen).  Ahd.  pözo  würde  einem 
ags.  böta  entsprechen,  und  diesem  wäre  diminuierendes  frz.  on  angetreten.  Als 
ursprüngliche  bedeutung  erkennt  Diez  etwas  hervorstossendes ,  ausschlagendes.  Letz- 
teres würde  an  gäl.  piU  (schlagen)  erinnern.  Diefenbach  will  es  von  kymr.  bot  (runder 
körper)  ableiten.  Wenn  sich  aber  auch  die  verschiedenen  bedeutungen  vermitteln 
lassen ,  wie  ausschlagendes ,  knospe ,  runder  körper ,  knöpf  (s.  Müller ,  etyra.  Wörter- 
buch), so  mögen  doch  hier  zwei  ganz  verschiedene  Wörter  zusammen  geflossen  sein 
und  die  sich  noch  unterscheiden  in  gäl.  putan  {jibula)  und  buidheag  (gäuseblümchen), 
oder  bret.  baden  (busch,  gebüsch,  strauss).  —  Bei  engine  fehlt  die  bedeutung  kriegs- 
belagerungsmaschine  PL.  405(4.  Deut.  20,  20.  Gin  ist  Verkürzung.  —  ,,Caudrun,  frz. 
chmulron ,  ne.  caldron "  ist  etwas  zu  knapp.  Zu  gründe  liegt  mlat.  calidarimn  calidaria 
(eiserner  kessel,  um  wasser  heiss  zu  machen),  it.  calderone,  afrz.  caudnm  Wr.  7.  nfrz. 
chaudron.  Daher  catvdrune  Wr.  11.  caudron  Ex.  27,  3.  cawdurne  Wr.  15.  caldron  13  und 
bei  Hall.  236:  cawdron  cawdurn  cauderne,  242:  chaudron.  chaundron  chawtJterne.  Oh  caw- 
dron,  das  in  The  Boke  of  Kervynge  s.  273  in  der  bedeutung  von  sauce  zum  gebrate- 
nen schwan  vorkömmt,  hierher  zu  stellen  ist,  ist  bedenklich,  denn  in  dieser  bedeu- 
tung steht  auch  chau-don  152.  213.  und  chawdwyn  164.  Es  ist  eher  frz.  vin  chand, 
oder  frz.  chaud  zu  sächs.  win  gefügt ,  das  sich  zu  chawdun  abschwächte  und  dann  erst 
gleichförmig  mit  chawdron  wurde.  —  Bei  bokel  bokü  bocul  bocle  fehlen  die  erweiterten 
formen  und  die  erklärung.  Es  steht  bogyler  (afrz.  bouglier  bucler)  Wr.  8.  buccler  {scu- 
tum)  15.  boheler  (jHirma)  15.  bokylle  14.  buckle  [fibida).  Zu  gründe  liegt  buccida  backen, 
maul,  (DC.  umbo  clypea,  quia  in  umbone  efßngebatur  ut  pluriimim  vultus  auf  facies  vel 
viri  vel  animantis,  cußis  buccula  seu  os  medium  obtinebat),  also  eigentlich  schildbuckel, 
Schild,  schildband;  afrz.  bucle  boncle  bocle  buckel,  mittelpunkt  des  bucler  boclcr  bou- 
clier.  —  Bei  citezein  könnte  stehen  das  zu  gründe  liegende  afrz.  citeain  citien,  sp. 
ciudadano  (mlat.  vermutlich  civitatanus ,  DC.  civifatensis  i;nd  das  gleichlautende  cyte- 
seyn  Lev.  21 ,  1.  Dies  verdrängt  eine  andere  versuchte  bildung :  cyttenere  Wr.  14.  — 
Zu  pilehe  ist  pylchen  Wr.  15  zu  fügen.  Obgleich  Aelfr.  ein  ags.  pylce  hat,  so  ist  doch 
dieses,  wie  jenes,  auf  das  romanische  zurückzuführen,  wie  schon  EttmüUer  bemerkt.  DC. 
pellicea  pcllicia  pellitia  {vestis)  pclliceum  {vestimcntum) ,  quoddaui  indumentum ,  quod  de  pelli- 
bus  fit.  Ital.  pelliccia ,  frz.  pclisse.  Ferner  ist  hinzuzufügen :  super  -pellicium ,  frz. 
surplis :  surplees  surplisse  1  Kgs.  2,  18.  surpUsi^..  16026.  mrplys^x.  13.  s'm-plcs  Ib.  — 
Font  ist  in  form  und  bedeutung  mannigfaltiger.  Lat.  font-s,  ahz.font:  funnt  (taufe) 
0.  17205.  fönte  PL.  515.  funte  Wr.  15.  fönt.  14-  Daneben  fun-sfoneRaW.  385.  vant-stone 
RG.  5118.  bapteme  of  funte  PL.  4791.  —  I'aicn  (bezahlen  etc.)  ruht  auf  afrz.  paier 
paer,  lat.  pacare.  Daneben  aber  liegt  eine  neubildung  von  pais  (friede),  die  nur  in 
apeisen  aus  Ch.  angegeben  ist.  Auch  das  simplex  liegt  vor:  paisen  (versöhnen)  Lay., 
(befriedigen)  RG.  12188.  (versöhnen)  3382  =  peucn  3295.  (streit  beilegen)  2363.  — 
Bei  chasten  fehlen  die  volleren  und  verlängerten  formen:  chasty  (züchtigen)  RG.  8998. 
chastie  Ch.  R.  6993.  chastise  PL.  610.  chastize  PP.  2540.  —  Zu  dem  aus  lat.  blasphc- 
mare  verkürzten  afrz.  blasmer ,  ae.  blamcn  RG.  1554.*  PL.  1568  ist  das  in  voller  form 
eindringende  blasfemen  Lev.  24,  11  zu  setzen.  —  Nicht  nur  baili  liegt  vor,  sondern 
auch  bnaif  RG.  9885.  badlif  PP.  1000.  Luk.  16,  1.  baiU  Wr.  14.  Zu  gründe  liegt  bafa- 
lus  träger,  das  DC.  in  sehr  verschiedenen  bedeutungen  aufführt;  bujidia  tatcla.   Baja- 

ZEITSCHU.    F.    DEUTSCHE    PUILOL.  24 


370  KOCH    ÜB.    STRATMANNS   DICTIONARY 

/«W  waren  bei  den  Johannitern  die  ritter,  die  den  einzelnen  zungen  vorstanden ,  dann 
ballivus  überhaupt  regent,  ferner  der  in  einer  provinz  uder  in  einer  grösseren  stadt 
recht  -iw  sprechen  hat. 

Auf  die  etyniologie  hat  der  Verfasser  viel  Sorgfalt  verwant.  Mit  der  behand- 
lung  des  deutscheu  Sprachstoffes  wird  wol  jeder  einverstanden  sein.  Da  drei  sprach- 
perioden  mitten  aus  der  entwicklung  der  spräche  herausgenommen  werden  und  der 
stott"  derselben  zur  darstellung  gelangt,  so  genügt  es,  die  ags.  formen  und  die  der 
verwanteu  sprachen  anzuführen:  jene,  weil  sie  zu  gründe  liegen;  diese,  aus  gleichem 
gründe ,  oder  weil  sie  auf  die  nicht  vorliegende  ags.  form  schliessen  lassen.  Eine 
weitere  Zusammenstellung  der  verschiedenen  sprachen  erscheint  nur  dann  nötig, 
wenn  die  ags.  form  erst  dadurch  verständlich  wird.  Bei  dem  romanischen  sprach- 
stofi^e  hätte  der  Verfasser  die  lateinischen  formen  anführen  sollen.  Die  darstellung 
wäre  anschaulicher  und  lehrreicher  geworden.  Der  Wechsel  der  formen  und  ihre  Wei- 
terbildung ist  oft  durch  das  lateinische  bedingt.  Für  „bataile,  afrz.  bataüle,  battle. 
Oh."  wäre  wol  besser:  Batmjle  (afrz.  bataile  bataüle,  it.  bataglia ,  mlat.  batu-alia  von 
batuere,  DC.  batalia  batala)  RG.  207.  PL.  41.  bataüle  Ch.  PP.  2015.  bataü  batet  Num. 
26,  2.  ne.  battle,  —  Anschaulicher  als  „botelere  Wr.  257.  boteler  botler  Wycl."  würde 
sein:  Botelere  (afrz.  bouteillier,  lat.  biiticularms)  PL.  6980.  boteler  RGr.  3878  etc.  — 
Manche  bekannte  etymologien,  sind  übersehen.  Bodkin,  zu  dem  nur  die  formen  aus 
Pr.  Parv.  und  Ch.  beigebracht  sind,  ist  auf  gäl.  biodag  (dolch),  boideaehan  (ahle)  zu- 
rückzuführen. Letzteres  ist  offenbar  bod-,  bode-,  boide-kin  und  in  einer  Urkunde  von 
1463  botkin.  Die  fühlbare  diminutivbildung  veranlasst  bot ,  das  Hall.  198  erklärt  wird 
mit  »  sword,  a  knife,  any  thing  that  bües  or  woiinds ,  eine  erklärung ,  die  offenbar  auf 
to  bite ,  ags.  bitan  beruht.  —  Deinte  und  deintee  stehen  ganz  allein ,  ne.  dainty.  Zu 
gründe  Hegt  wal.  dant  (zahn),  dantaidh  (fein,  lecker),  bret.  danta  (beisseu) ,  gäl. 
taidneadh  (wolschmeckend).  Die  volle  form  dantythn  (deliciae)  steht  Wr.  14  und  deyntetke 
(lecker ,  leckerbissen)  Furn.  166.  316 ,  deyntee  bei  PP.  Mit  dieser  form  mischt  sich 
afrz.  digniteit  deinte  (lat.  dignitas) ,  me.  deintee  (wert,  wertvolle  sache).  Ch.  4559.  — 
Das  allein  stehende ,  aus  Ch.  angefühi-te  boket  steht  auch  Wr.  8  und  bokyt  14 ;  afrz. 
büket  7  konnte  zurückgeführt  werden  auf  gäl.  bucaid  oder  mit  Diefenbach  auf  corn.  büket 
(zuber).  Dahin  ist  wol  auch  das  von  Bosw.  und  Ettm.  aufgeführte  büc  (krug ,  was- 
sereimer)  zu  verweisen.  —  Bei  dem  unsichern  impen  sind  die  deutschen  und  nordi- 
schen formen  angeführt;  nur  das  vollere  ndl.  impotcn  (einpflanzen)  fehlt.  Letzteres 
beruht  wol  auf  miaX.  impotm  (DC.  propfreis) ;  aber  zweifelhaft  ist,  ob  dies  mit  Wacker- 
nagel auf  ffj.  -m'-To-  v  (eingepflanzt)  zui-ückzuführen  ist ,  oder  auf  imputare  (ein- 
schneiden. —  Quilte  aus  Pr.  Parv.  steht  ganz  allein.  Man  findet  auch  quylte  Wr.  8. 
cowit  Hall.  276.  und  kann  es  zurückführen  auf  afrz  coltrc  cotre  coutre  eoute ,  quilte  Wr.  7. 
lat.  cidcita  ciücitra.  —  Zu  grauten  ist  nur  das  irre  führende  afrz.  granter  gesetzt, 
während  mlat.  creantare  grantare  DC.  (wahrscheil^ich  aus  credentare) ,  afrz.  creanter 
cranter  mehr  orientiert.  —  Zu  kover  -  chevf  ist  zwar  das  afrz.  wort  gesetzt ,  aber  ohne 
erklärung.  Es  ist  Imperativsatz  (bedecke  den  köpf),  und  dieser  wird  zum  substantiv- 
begrifife  köpf bedeckung ,  daher  auch  schleier,  und  in  ■  John  Russeis  Boke  of  Nurture 
p.  178  heisst  night  kerckeife  nachtmütze.  Aus  der  speciellen  bedeutung  geht  die 
allgemeinere  (tuch)  hervor,  auch  halstuch  Rüssel  p.  178.  Diese  veranlasst  wei- 
tere Zusätze  mit  neck,  hand.  —  Bei  abaten  abatin  abati  fehlt  afrz.  a-batre  (aus  ab 
batuere,  DC.  bat  er  e.)  Es  wird  vielfach  verwant;  nicht  nur  in  abaty  (streit)  bei- 
legen RG.  1246  etc.,  sondern  auch  abate  (lärm)  mindern,  beschwichtigen  6539, 
(stolz)  brechen  PL.  1531.  6514.  Ch.  Pers.,  (mauer)  abtragen  M.  8,  (übel)  lindern 
Gen.  41,  57  etc. 


HEYNE  ÜB.  KOCHS  ENGL.  UKAMM.  'iM  1 

Auch  einige  Verstösse  haben  sich  eingeschlichen.  Ae.  öotel  kömmt  nicht  von 
mlat.  botellus  her.  Letzteres  wird  afrz.  boel  bocle  boiele  buele  (darm,  schlauch)  und  me. 
bowüle,  ne.  bowels.  Jenes  kömmt  von  mlat.  buticula  butella,  frz.  .bouteiUe  her.  —  C'arol 
weist  die  bedeutung  weniger  dem  mlat.  chorale  zu  als  chorulus  (Dz.) ,  afrz.  carole  tanz, 
earoler  und  ÜC.  charolare  tanzen.  Daher  carole  (tanz)  EG.  1223.  tanzen  Hall.  233. 
earouls  DEF  =  dauncys  A.  queeris  (aus  chorus)  B.  1  Kgs.  21 ,  11.  —  Coveiten  steht 
mit  unrecht  unter  den  compositionen  mit  con.  Es  ist  afrz.  cuveiter  corelter  von  ver- 
mutlichem cupitare,  ei'weiteruiig  von  cupere.  —  Robbare  sollte  nicht  mit  deutscher 
bildungssilbe  angesetzt  sein,  denn  diese,  später  ere ,  er  entwickelt  sich  erst  aus  roma- 
nischem our,  eour:  robheoiir  (von  robe  raub)  EG.  8176.  robbour  PL.  1601.  —  Edish 
ist  mit  recht  als  zweifelhaft  unter  die  compositionen  mit  ed-  gestellt  worden.  Es  hat 
mit  ed  nichts  zu  thun.  Die  ivurzel  ist  ad  (essen),  die  bildungssilbe  sha,  das  schon 
im  got.  mit  dem  vorstehenden  geschwächten  vocal  zu  isk  wird:  got.  at-isk{am  eigent- 
lich das  essbare)  saat,  Saatfeld  (vergl.  lat  ad-or  dinkel,  speit),  ahd.  ez-lsc,  ne. 
edish  eddish  grammet.  Histor.  gramm.  der  engl,  spräche.  HE  a,  §.  111.  —  Aundirin 
ist  nicht  afrz.  andier.  s.  bist.  gr.  III  a.  207. 

Trotz  dieser  mängel,  die  erwähnt  werden  musten ,  kann  das  buch  allen  empfoh- 
len werden,  die  sich  über  die  spräche  jener  zeit  unterrichten  wollen.  Sie  werden  in 
demselben  vielfache  belehrmig  finden. 

EISENACH.  FR.    KOCH. 

Historische  grammatik  der  englischen  spräche,  von  C.  Friedrich  Koch. 

3.  band,  1.  theil;  die  Wortbildung.  Cassel  und  Göttingen  1868.  XVI  und 
184  s.  8.  (1  thlr.  10  sgi-.) 
Seit  dem  jähre  1863,  wo  der  erste  band  dieses  werkes  erschien,  fördert  der 
herr  Verfasser  dasselbe  mit  unermüdlichem  fleisse ,  zur  freude  aller  freunde  der  eng- 
lischen spräche.  Dieselben  Vorzüge ,  die  die  1863  herausgekommene  laut-  und  flexions- 
lehre,  sowie  die  1865  erschienene  satzlehie  auszeichnen,  sind  auch  diesem  halbbande 
eigen:  wie  wenige  beherscht  herr  prof.  Koch  das  ganze  weite  gebiet  der  englischen 
litteratur  von  dem  angelsächsischen  an  bis  auf  die  gegenwart;  wie  wenige  weiss  er 
das  ungemein  reiche  grammatische  material,  was  er  in  mühevollem  eifer  gesammelt, 
uns  gut  und  übersichtlich  geordnet  vorzulegen ;  wie  wenige  aber  auch  versteht  er  es 
uns  mit  diesem  material  das  grammati^he  gebäude  der  englischen  spräche  mit  siche- 
rer band,  nicht  nur  in  den  hauptteilen,  nein  auch  in  reichem  ausbau  zu  construie- 
ren.  Wenn  ich  in  erfüllang  einer  angenehmen  pflicht  das  buch  hiermit  anzeige,  so 
geschieht  das  nicht  um  das  material  und  den  bau  des  Verfassers  fuss  für  fuss  zu 
controlieren ,  vor  dieser  belesenheit ,  vor  dieser  präsenz  des  Wissens  wird  mancher  mit 
mir  die  segel  streichen;  es  geschieht,  um  auf  das  buch  nachdrückhchst  hinzuweisen, 
es  zur  lectüre,  zum  studium  allen  denen  zu  empfehlen,  die  eine  etwas  tiefere  kent- 
nis  der  englischen  spräche  anstreben.  Und  ich  könnte  somit  die  anzeige  schliessen, 
aber,  rccensentenart  — 

haben  da  und  dort  zu  mäkeln, 
an  dem  äussern  rand  zu  häkeln, 
machen  mir  den  kleineu  krieg. 
Auf  einige  verfehlte  nebensachen ,  die  den  wert  des  buches  an  sich  nicht  beein- 
trächtigen ,    die   man   nur  bei  einer  neuen  aufläge   des  buches  anders  wüjischt ,   will 
ich  aufmerksam  machen. 

Der  halbband  bespricht  die  Wortbildung  des  germanischen  sprachstofFes ,  des 
angelsächsischen ,  mit  den  wenig  zaldreicheu  deutschen  Wörtern ,,  die  entweder  unmit- 

24* 


372  HEYNE    ÜB.    KOCHS    ENOL.    GRAMMATIK 

tolbur  aus  dem  altnordischen,  der  nieder-  und  hoclideutsclien  spräche  eingedrungen  oder 
durch  das  französische  hindurcli  gegangen  sind ,  und  die  hiutnachahniungen.  Die  ein- 
leitung  liierzu  erläutert  kurz  begriff  und  heschaffenheit  der  wurzel.  Die  fassung  die- 
ses abschnittes  halte  ich  für  keine  glückliche;  derselbe  wäre  am  passendsten  ganz 
unterdrückt  worden,  da  er  ohnehin  in  der  grammatik  eines  einzelnen  deutschen  dia- 
lects  nicht  gesucht  wird.  Was  ihm ,  abgesehen  von  anderem ,  schadet ,  das  sind  die 
Schleicherschen  gedanken,  denen  der  Verfasser  sich  leider  ohne  rückhalt  hingegeben 
hat ,  und  die  ihren  einfluss  nicht  nur  auf  diesen  abschnitt ,  sondern  auf  die  disposi- 
tion  und  die  ausführungen  des  ganzen  buches  geübt  haben.  Wir  wünschten  aufrich- 
tig, dass  der  Verfasser  vorsichtiger  mit  dem  eitleren  von  sanskrit-  und  sogenannten 
urindogermanischen  Wörtern  gewesen  wäre  (für  du  setzen  s.  1  müste  doch  dhd ,  für 
si  liegen  s.  2  müste  ki  stehen  u.  s.  w.),  wir  wünschten,  dass  er  der  geistreichen 
Irrlehre  von  der  zwiefachen  vocalsteigerung  keinen  einfluss  auf  sich  gestattet  hätte. 
Es  ist  nicht  wahr  und  muss  ganz  entschieden  bekämpft  werden,  dass  got.  ai,  au 
aus  früherem  äi,  du  hervorgegangen  ;  es  ist  nicht  wahr,  dass  got.  ei ,  in  Schwächungen 
aus  früherem  ai,  au  seien;  es  ist  nicht  wahr,  dass  e  die  erste,  6  die  zweite  stei- 
gerang  von  a  sei.  Es  wird  mir  die  gelegenheit  werden,  in  diesen  blättern  aus- 
führlicher darüber  zu  reden ,  hier  nur  eins.  Ich  bedaure ,  dass  Verfasser  einen  auf- 
satz  von  Holtzmann  über  das  lange  a  (Germania  9 ,  179  ff.)  der  berücksichtigung  und 
prüfung  nicht  für  wert  gehalten  hat.  Die  hier  zuerst  entwickelte  ansieht ,  dass  die- 
ses d,  goth.  e  stets  hervorgeht  aus  früherem  kurzen  a,  wenn  dahinter  ein  consonant 
weggefallen  ist ,  ergibt  sich  nach  genauester  prüfung  als  eine  vollkommen  richtige, 
und  lässt  demnach  die  Schleichersche  theorie  nach  dieser  seite  hin  als  irrtümlich 
erscheinen ;  dem  Verfasser  wären  für  die  wortbildungslehre  manche  neue  gesichts- 
punkte  daraus  erwachsen.  Es  stellen  sich  nun  für  die  germanischeu  sprachen  eine 
reihe  uominalbildungen  mit  jener  ersatzlänge  «,  goth.  e,  ags.  a  dar,  die  als  inten- 
sivbegriffe von  der  reduplizierten  und  nachmals  zusammengezogenen  wui-zel  mit  kur- 
zem a  gebildet  sind ;  ags.  far ,  ahd.  vdra  z.  b.  lässt  sich  nicht  anders  fassen  als 
gebildet  von  der  reduplizierten  wurzel  fa-far,  zusammengezogen  fafr,  fär,  es  bedeu- 
tet eigentlich  das  widerholte  nachgehen,  das  nachstellen,  wie  got.  ferja  nachstel- 
ler der  stets  einem  andern  folgende  ist;  eben  so  sind  anzusehen  ags.  vceg ,  ahd,  icäc 
woge ,  von  der  wurzel  wag  bewegen ,  ags.  fcta  fresser  von  der  wurzel  at  essen  und 
viele  andere.  —  Nicht  zu  billigen  sind  dig  schi-eibungen  got.  rduds ,  Idus  s.  33, 
gäits  s.  35  u.  ö. ,  die  der  Schleicherschen  theorie  zu  liebe  gegeben  sind  und  die  den 
leser  verwirren;  falsch  ist,  wenn  s.  35  ags.  hri/d  auf  got.  hraiip-s  zurückgefühi-t 
■wird,  ein  got.  hrüps  ist  ja  durch  das  compositum  brüp-fads  bräutigam  Luc.  5,  34. 
35.  ausdrücklich  bezeugt;  ein  got.  auhsiis  ochse  (s.  36)  ist  mindestens  höchst  zwei- 
felhaft geworden,  es  fusst  jetzt  nur  noch  auf  1.  Cor.  9,9,  wo  in  der  handschrift 
der  acc.  pl.  auhsuntis,  wahrscheinlich  ein  Schreibfehler,  steht,  an  allen  andern  stel- 
len hat  sich  das  schwache  auhsa  ergeben.  Unter  den  uominalbildungen  mit  i  s.  34 
war  ags.  geard  nicht  mit  aufzuzählen,  auch  im  got.  steht  neben  dem  thema  gardi 
ein  anderes  gurdu,  bezeugt  durch  gardu  -  valdands  hausherr  Luc.  14,  21. 

Doch  brechen  wir  ab  mit  dem  aufzählen  solcher  kleinigkeiten.  Nur  noch  eine 
bitte  möge  mir  auszusprechen  gestattet  sein  im  wahren  Interesse  des  buches:  es  ist 
die  um  correcteren  di-uck.  §  92  s.  53  beginnt:  dieses  bildet  bei  verhältniswenigen 
verben  —  —  statt  verhältnismässig  wenigen;  in  dem  ersten  absatze  des  §  129  s.  84, 
der  neun  zeilen  umfasst,  finden  sich  allein  nicht  weniger  als  5  druckfehler.  Das  sollte 
bei  einem  so  guten  buche  nicht  vorkommen. 

M.    HEYNE. 


HEYNe    ÜB.    UrPSTRÖM,    COD.    GOT.    AMBROS.  373 

Codices  Gotici  Ambrosiani,  sive  epistolarum  Pauli  Esrae  Nebemiae 
versionis  goticae  fragmenta  quae  iterum  recognovit  per  lineas 
singulas  descripsit  adnotationibus  instruxit  Andreas  üppströin. 
Holraiae  et  Lipsiae  (1868).    III  und  124  s.   fol.   (5  thlr.) 

Wer  je  mit  dem  gotischen  sich  beschäftigt  hat,  kennt  auch  den  namen  Upp- 
ströni.  Ohne  die  Verdienste  der  altern  herausgeber  des  Ulfilas  irgendwie  schmälern 
zu  wollen ,  muss  doch  anerkannt  werden ,  dass  wir  erst  Uppströms  bemühungen  die 
vollkommen  sichere  lesung  der  gotischen  texte  verdanken,  auf  der  die  forschung 
fussen  kann ,  ohne  erleben  zu  müssen ,  dass  auf  lesefehler  allerhand  Schlüsse  und  folge- 
rungen  gegründet  sind.  Uppströms  erste  publication  in  dieser  richtung  war  die  aus- 
gäbe des  evangeliums  Matthäi  1850 ,  ihr  folgte  1854  die  ausgäbe  der  vier  evangelien 
nach  dem  codex  argenteus,  in  zeilengenauem  abdruck;  es  war  die  frucht  einer  zehn- 
jähi'igen  eingehenden  beschäftigung  mit  der  nicht  immer  leicht  zu  lesenden  hand- 
schrift.  Einen  nachtrag  zu  dieser  ausgäbe  lieferte  er  1857 :  decem  eodicis  argentei 
rediviva  folia ;  zehn  blätter  des  codex  waren  von  der  bibliothek  in  Upsala  weggestoh- 
len worden,  Uppström  glückte  es  sie  wider  zu  erhalten,  in  jenem  nachtrage  ver- 
ötfentlichte  er  sie.  Nachdem  er  so  den  gotischen  Sprachdenkmälern,  die  in  Upsala 
aufbewahrt  werden ,  die  eingehendste  fürsorge  zugewendet  hatte ,  muste  er  als  der 
berufenste  erscheinen ,  auch  die  übrigen  in  Deutschland  und  Italien  befindlichen  goti- 
schen Codices ,  die  als  palimpseste  schwieriger  zu  lesen  waren ,  einer  erneuten  revi- 
sion  und  ausgäbe  zu  unterwerfen.  Die  Unterstützung  wissenschaftlich  interessierter 
Privatleute  ermöglichte  ihm  die  erste  reise  nach  Deutschland  und  Italien  1860,  als 
deren  frucht  die  reste  des  evangeliums  Matthäi  nach  dem  Ambrosianischen  codex ,  der 
sogenannten  Skeireins,  und  des  Röraerbriefs  nach  dem  Wolfenbüttler  codex  1861 
erschienen.  Auf  einer  zweiten  reise  nach  Italien  1863  unterzog  er  die  in  Mailand  auf 
der  Ambrosianischen  bibliothek  aufbewahrten  fragmente  der  briefe  Pauli,  des  alten 
testaments  (buch  Esdrae  und  Nehemiae)  und  eines  gotischen  calendariums  einer 
erneuten  lesung,  dieselbe  liegt  der  gegenwärtigen  ausgäbe  zu  gründe.  Leider  sollte 
Uppström  diese  ausgäbe  nur  beginnen,  nicht  vollenden.  Wenige  bogen  von  ihr  waren 
gedruckt,  da  starb  er  am  21.  januar  1865.  Sein  söhn,  dr.  Wilhelm  Uppström 
in  Upsala  unternahm  es,  die  arbeit  zu  vollenden  und  hat  diese  aufgäbe  in  durchaus 
würdiger  weise  gelöst. 

So  liegen  uns  durch  Uppströms  Verdienste  die  sämtlichen  erhaltenen  goti- 
schen Sprachdenkmale,  mit  einziger  ausnähme  der  Neapolitanischen  und  Aretiuischen 
Urkunden,  in  neuen,  zeile  für  zeile  den  handschriften  folgenden,  mit  wertvollen  kri- 
tischen anmerkungen  begleiteten  abdrücken  vor.  Was  die  ausgäbe  der  paulinischen 
briefe  betrifft,  die  zu  dieser  anzeige  anlass  gegeben  hat,  so  hat  Uppström  selbst  die 
zahl  der  durch  ihn  berichtigten  textessteilen  auf  über  450  geschätzt.  Diese  einfache 
Zahlenangabe  allein  beweist  uns  die  eminente  Wichtigkeit  der  letzten  Uppströmschen 
arbeit.  Alle  früheren  ausgaben  der  gotischen  Sprachdenkmäler  sind  nunmehr,  was 
die  treue  widergabe  des  handschriftlichen  textes  betrifft,  antiquiert,  eine  neue  hat 
nur  auf  den  Uppströmschen  lesungen  zu  fussen. 


Kritische   Untersuchungen  über   die  gotische   bibelübersetzung  von 
Ernst  Bernhardt,  dr.  phil. ,  gymnasiallehrer  zu  Elberfeld.     Zweites  heft.     Elber- 
feld,  1868.     32  s.  8. 
Diese  kleine  schrift,  die  fortsetzung  der  im  jähre  1864  erschienenen  kritischen 

Untersuchungen  über  die  gotische  bibelübersetzung  desselben  Verfassers,    enthält  eine 


374  HEYNE    ÜB.    BERNHARIIT  .   KRIT.    ÜNTERSUCHTJKGEN 

roilio  kürzerer,  meist  auf  das  cvangcliimi  Lucä  bezügliclier  aufsätzc ,  uiul  die  probe 
einer  neuen,  von  dem  Verfasser  beabsichtigten  ausgäbe  der  gotisclien  bruchstücke. 
In  dem  ersten  aufsatze  wird  das  Verhältnis  zwischen  dem  codex  argenteus  und  der 
Itala  besprochen;  der  zweite  erörtert  die  frage:  sind  wir  berechtigt  mit  Lobe  das 
eyangelium  des  Lucas  im  codex  argenteus  aus  einer  besondern  receusion  herzuleiten? 
imd  kommt  zu  dem  resultate  dass  der  erste  theil  des  Lucas  (bis  cap.  10)  aus  einer 
andern  gotischen  handschrift  abgeschrieben  zu  sein  scheine,  als  die  übrigen  bruch- 
stücke im  codex  argenteus ,  einer  handschrift ,  die  sich  von  der  vorläge ,  aus  der  das 
übrige  stamme,  namentlich  unterschieden  habe  durch  häufige  Interpolationen  nach 
einer  handschrift  (nicht  dem  codex  Brixianus)  der  Itala ,  und  durch  weniger  altertüm- 
liche und  weniger  correcte  Schreibweise,  vielleicht  auch  durch  die  wähl  abweichender 
ausdrücke.  Der  dritte  aufsatz  spricht  über  mancipo  Luc.  14 ,  28  und  viguiia  v.  31 ; 
manvipo  wird  mit  Massmann  als  gen.  plur.  von  »(«/(/'/^irt  Vorbereitung ,  mit  der  bedeu- 
tung  res  paratae ,  vorrat,  genommen,  aber  herr  Bernhardt  zieht  manvipo  nicht  wie 
jener  zu  niu  rahneip ,  sondern  lässt  es  von  dem  folgenden  hahaiii  abhängig  sein, 
ein  gedanke ,  dem  unter  anderem  auch  das  bedenkliche  entgegen  steht,  dass  haban 
nur  in  negativen  sätzen  mit  dem  genitiv  verbunden  erscheint ,  Job.  16 ,  33  ist  keine 
beweisende  stelle  dagegen,  du  vigana  v.  31  wird  als  dativ  einer  neutralen  form  vigan 
krieg  ,,oder  noch  lieber  (!)  vign"  gefasst.  Mit  solchen  tappenden  Vermutungen  soDte 
man  nicht  sjnelen.  Der  vierte  aufsatz  schlägt  das  gotische  medium ,  im  laufe  eines 
Jahres  zum  vierten  male ,  tot.  Ich  bitte  auch  nicht  um  sein  leben ;  komisch  ist  nur 
die  ängstliche  hast,  mit  der  das  arme  geschöpf  der  gelehrten  in  dieser  kurzen  zeit 
in  Pfeiifers  Germania,  in  Kuhns  Zeitschrift,  von  Scherer  und  jetzt  ■\vider  von  Bern- 
hardt zu  tode  gehetzt  wird,  von  jedem  auf  eigene  band,  ohne  von  den  gesinnungs- 
genossen  uotiz  zu  nehmen.  Die  mediumtöter  hätten  wenigstens  doch  sagen  soUen, 
dass  Massmann  bereits  vor  länger  denn  zehn  jähren  den  grössern  theil  der  hierher 
gehörigen  formen  nicht  als  mediale  anerkannt  hat. 

Als  fünfter  und  letzter  theil  des  schriftchens  erscheint  bruchstück  und  probe 
einer  neuen  ausgäbe  der  gotischen  bibelübersetzung.  Diese  ausgäbe  soll  sich  von 
den  bisherigen  dadurch  unterscheiden,  dass  dem  gotischen  texte  eine  griechische 
Version  desselben  beigegeben  und  in  dieser  der  versuch  gemacht  ist,  den  griechischen 
text  herzustellen,  dem  Ulfilas  bei  seiner  Übersetzung  folgte.  Der  gotische  text  .,ist 
wesentlich  der  Uppströmsche,"  Avas  sich  ganz  von  selbst  verstehen  muss.  Dass  die- 
ser text  durch  senkrechte  striche  die  Zeilenschlüsse  des  codex  (es  ist  immer  nur  vom 
codex  argenteus  die  rede ,  von  den  andern  nicht)  anzeigt ,  ist  ganz  unnütz  und  gewährt 
dem  texte  ein  widerliches  ansehen ;  dass  die  interpunction  des  codex  argenteus  über- 
all beibehalten ,  „  welche ,  so  fehlerhaft  sie  oft  sein  mag ,  doch  interessant  und  öfters 
von  bedeutung  ist,"  kann  in  einer  kritischen  ausgäbe  nur  beklagt  werden.  Anmer- 
kungen unter  den  beiden  texten  sind  bestimmt,  die  Schreibfehler  im  codex  argenteus 
und  die  abweichungen  von  der  Löbeschen  ausgäbe  anzugeben ,  ferner  enthalten  sie, 
wo  es  nötig  schien,  eine  erklärung  des  gotischen  textes  und  beobachtungen  über 
den  Sprachgebrauch;  sodann  sollen  sie  über  das  Verhältnis  der  gotischen  zu  den 
griecMschen  und  lateinischen  handschriften  an  jeder  stelle  rechenschaft  geben.  Der 
])lan ,  wie  ihn  herr  Bernhardt  entwickelt ,  kann  im  allgemeinen ,  bis  aiif  die  obigen 
ausstellungen ,  beifall  erwecken ;  über  die  art  der  ausführung  desselben  wage  ich  noch 
kein  urteil.  Die  mitgeteilte  probe  Luc.  6,  1  —  36,  die  wenig  kritische  Schwierigkei- 
ten enthält,  legt  die  befähigung  des  herrn  Bernhardt  zu  dieser  arbeit,  an  der  ich 
aber  in  hinblick  auf  seine  son.stigen  leistungen  keinen  augenblick  zweifele,  noch  nicht 
an  den  tag;   ein  stück  der  Paulinischen   briefe  wäre  hier  instructiver  gewesen.    Die 


E.    H.  MEYER  ÜB.    K.   MEYER,   DIE    DIETRICHSSAGE  375 

sprachlichen  annierkungen  sind  sehr  breit  geraten,  sie  hätten  bei  etwas  knapperem 
ausdruck  auf  der  hälfte  des  raumes  platz  gefunden;  hinsichtlich  ihres  wertes  gehen 
sie  eine  goldene  niittelstrasse ,  und  sie  würden  selbst  aus  dieser  noch  nicht  heraus- 
kommen ,  wenn  sie  ein  wenig  mehr  in  die  materie ,  über  die  sie  belehren  sollen ,  sich 
vertieft  hätten.  m.  heyne. 


Karl  Meyer.  Die  Dietrichssage  in  ihrer  geschichtlichen  Entwick- 
lung.    Basel  1868.     54  selten. 

Die  vorliegende  schrift,  die  vom  Verfasser  der  philosophischen  facultät  der 
Universität  Basel  zur  erlangung  der  venia  docendi  vorgelegt  und  Karl  Simrock,  dem 
dichter  des  Ameluugenliedes,  gewidmet  ist,  hat  weniger  die  absieht,  uns  auf  neuen 
wegen  durch  einen  der  wichtigsten  Sagenkreise  unserer  litteratur  zu  führen ,  als  uns 
eine  gedrängte  Übersicht  über  dessen  hauptquellen  und  die  demselben  bisher  zuge- 
wanten  Untersuchungen  zu  verschaffen.  Die  ansichten,  welche  seit  W.  Grimms  und 
Lachmauns  denkwürdigen  arbeiten  später  von  W.  Müller,  Rieger,  Simrock,  Uhland 
und  Wackernagel,  vor  allen  aber  von  Müllenhoflf  über  den  Ursprung  und  fortgang  der 
gütischen  heldensage  zu  tage  gefördert  sind,  finden  wir  hier  fast  vollzählig  gesam- 
melt, klar  dargelegt  und  sorgsam  und  verständig  gegeneinander  abgewogen,  so  dass 
auch  das  minder  geübte  äuge  die  allgemeinen  uinrisse  des  stattlichen  sagenbaues  jetzt 
leicht  überschauen  kann.  In  diesem  dankenswerten  aufsatz  erscheint  gewissermassen 
das  erste  Stadium  der  erforschung  der  Dietrichssage  abgeschlossen. 

Nun  aber,  nachdem  nach  den  Nibelungenliedern  und  derKudrun  auch  die  texte 
der  Thidrekssaga  und  unseres  Heldenbuches  einer  schärferen  kritik  unterworfen  sind, 
muss  notwendig  das  geschehen,'  was  MüllenhofF  schon  vor  14  jähren  in  Haupts  Zeit- 
schrift 10 ,  146  forderte ,  eine  erneute  Untersuchung  jener  nordischen  erzählung  und 
mhd.  gedichte  samt  einer  genauen  betrachtung  der  ganzen  geschichte  könig  Theo- 
dorichs. Ja  noch  mehr!  Unser  Verfasser  nimmt  selber  s.  16  an,  dass  in  Dietrichs 
gestalt  das  geschick  seines  ganzen  Volkes  durch  die  sage  verkörpert  sei.  Gut!  dann 
muss  aber  auch  das  auf  Theodorichs  tod  folgende  menschenalter  der  ostgotischen 
geschichte  bis  ins  einzelne  durchforscht  werden.  Man  würde  z.  b.  gefunden  haben, 
dass  nicht  nur  ganze  stücke  der  Eabenschlacht  und  der  Flucht  aus  dem  letzten  Zeit- 
raum der  gotengeschichte  herausgebrochen  sind ,  sondern  auch  das  gedächtnis  könig 
Theodahats  und  könig  Vitigis  in  Diethers  und  Wittigs  eigentümlicher  sage  fortlebt. 
Andrerseits  scheint  mir  zu  wenig  gewicht  auf  Theodorichs  jugend,  seinen  langjähri- 
gen aufenthalt  in  Constantinopel  und  überhaupt  auf  das  unselige  Verhältnis  der  Goten 
zum  Griechenkaiser  gelegt  zu  sein.  Ferner  verdienen  auch  die  späteren  bewohner 
Oberitaliens,  dieses  hauptschau])latzes  der  sage,  die  Langobarden,  eine  ganz  andere 
aufmerksamkeit,  als  ihnen  bisher  geschenkt  worden.  Bethmann  ist  der  einzige,  der 
(im  10.  bände  des  Pertzischen  archivs)  vortreffliche  vorarbeiten  für  die  langobardische 
Sagenforschung  geliefert  hat.  Ich  glaube,  dass  man  nach  benutzung  eines  derartig 
erweiterten  quellengebietes  nicht  mehr  mit  MüUenhoff  und  dem  geehrten  Verfasser 
den  sagen  von  Hug  -  und  Wolfdietrich  austrasisclien  Ursprung  zuschreiben ,  sondern 
darin  die  Verschmelzung  der  gotischen  mit  einer  theilweis  auf  altarischem  mythus 
beruhenden  langobardischen  (meist  friaulischen)  sage  erkennen  wird,  Avorauf  auch 
schon  Vidsidhs  altes  Verzeichnis  der  Ermenrichsheldcn  von  v.  100  an  hinweist. 

Fast  noch  dringlicher  aber  als  ein  solches  breiteres  geschichtsstudium  verlan- 
gen wir  ein  tieferes  eindringen  in  den  heidnischen  Volksglauben.  Was  der  Verfasser 
von  den  mythischen  bestandteilen  unserer  sage  meldet ,  ist  etwas  dürftig  ausgefallen, 


87(>  .I^NICKE 

und,  ehe  nicht  ähnliche  untersnchungcn  angestellt  sind,  wie  sie  Müllen  hoff  vor  cini- 
jifcn  Jahren  dem  Hartungcnmythus  gewidmet  hat,  wird  der  hintergrund  der  sage  nicht 
wesentlich  aufgehellt  werden.  Die  grossen  ergebnisse  der  vergleichenden  mythenfor- 
schung  sind  noch  immer  nicht  genugsam  verwendet  für  das  studium  unserer  heldcn- 
sage,  auch  scheint  mir  noch  immer  die  lebendige  volkssage ,  die  ja  so  eifrig  gesam- 
melt ist,  dafür  zuwenig  berücksichtigt,  besonders  aber  auch  die  berg-,  fluss-,  orts- 
und  tlurnamenkunde.  Eine  tiefere  erkenntnis  '/.  b.  der  Wielandssage  ist  nur  dadurch 
erreichbar,  dass  man  Kuhns  berichte  von  den  indischen  Eibhus  mit  genauer  prüfung 
der  altern  und  Jüngern  Wielandssage  einerseits  und  andrerseits  mit  der  bekanntschaft 
westfälischer  ortssage  und  Arnsbergischer  geschichte  und  gegend  verbindet.  Dann 
erst  darf  man  sich  an  "Wielands  söhn.  Wittig,  wagen,  um  seinen  mythischen  gehalt 
vom  geschichtlichen  zu  sondern.  —  Der  Harlungenmythus  liegt  ferner  noch  so  im 
dunkeln,  dass  seine  Verknüpfung  mit  der  Dietrichsage  nichts  für  den  alemannischen 
Ursprung  der  letzten  beweist ;  noch  weniger  aber  kann  die  bemerkung  K.  Meyers, 
kein  volk  besänge  sein  eigenes  unglück,  diese  annähme  stützen,  da  man  von  Germa- 
nen weiss ,  dass  sie  es  fertig  gebracht  haben ,  selbst  ihrer  götter  Untergang  im  liede 
zu  verkünden.  —  Auch  die  Eosengartensage ,  die  überhaupt  meist  als  später  aus- 
■\vuchs  unterschätzt  wird,  wird  vom  Verfasser  nur  obenhin  berührt,  obgleich  ihr  ohne 
zweifei  uralte  mythische  anschauungen  zu  gründe  liegen. 

Für  die  hier  ausgesprochenen  ansichten  kann  ich  hier  leider  keine  beweise  bei- 
bringen; doch  hoffe  ich  bald  gelegenheit  zu  finden  sie  vorzufüliren  und  hoffe  weiter, 
dass  der  Verfasser  das  betretene  gebiet  der  forschung  nicht  so  bald  wider  verlas- 
sen werde. 

BREMEN,  1.  NOV.  1868.  ELABD  HUGO  MEYER. 


Das  leben  der  heiligen  Elisabeth  vom  Verfasser  der  Erlösung.  Her- 
ausgegeben von  Max  Rieger.  Stuttgart  1868.  434  s.  8.  (Bibliothek  des 
litterarischen  Vereins  XC.) 

Eine  vollständige  ausgäbe  vom  leben  der  heiligen  Elisabeth  muss  jedem  will- 
kommen sein,  da  man  sich  bisher  mit  den  zwar  ausführlichen,  aber  nicht  ganz  zuver- 
lässigen auszügen  Graffs  im  ersten  bände  der  Diutiska  behelfen  muste.  Eieger  hat 
nicht  einen  abdruck  der  besten  handschrift  mit  gelegentlichen  notizen  über  die  andern 
handschriften  gegeben,  sondern  eine  wirkliche  ausgäbe  geliefert,  in  der  alles  zur  kri- 
tik  und  erklärung  erforderliche  so  genau  und  sorgfältig  dargestellt  ist ,  dass  er  uns 
durch  seine  arbeit  zu  grossem  dank  verpflichtet,  der  nicht  geschmälert  werden  kann 
durch  ein  paar  abweichende  meinungen  über  eiuzelheiten. 

Den  vollständigen  text  erwartete  man  besonders ,  seit  Bartsch  in  Pfeiffers  Germa- 
nia 7,  1  f.  die  von  ihm  1858  herausgegebene  Erlösung  und  die  heilige  Elisabeth ,  für  die 
ihm  nur  Graffs  auszug  zu  gebate  stand,  einem  dichter  zugeschrieben  hatte.  Der  titel 
des  buches  zeigt,  dass  Eieger  sich  der  ansieht  von  Bartsch  anschliesst.  Mit  vollem 
recht;  er  bemerkt  s.  51,  dass  die  schlechte  Überlieferung  der  Erlösung  die  Überein- 
stimmung mit  der  Elisabeth  nicht  immer  deutlich  hervortreten  lasse :  durch  seine 
genauen  metrischen  und  grammatischen  beobachtungeu  bietet  er  den  besten  apparat, 
um  die  Erlösung,  für  die  sich  nach  Bartschs  ausgäbe  auch'  noch  handschriftliche 
hilfsmittel  gefunden  haben,  sicher  zu  emendieren.  Die  Elisabeth  ist,  wie  zum  ersatz 
für  die  schlechten  handschriften  der  Erlösung,  in  der  Darmstädter  handschrift  (A) 
vorzüglich  überliefert:  der  herausgeber  sagt  s.  28:  „wir  sind  nicht  darauf  beschränkt, 
aus  den  reimen  ein  uuvollkonmienes  bild  der  mundart  zusammen  zu  setzen;  eine  in 
Zeitalter   und   heimat  dem  dichter  naliesteheude  treffliche  handschrift  liefert  uns  die- 


ÜB.    ELISABETH  .    HPG.    V.    RIEOER  377 

ses  bild  in  solcher  echtlieit ,  wie  es  von  einer  gescliriebenen  Urkunde  irgend  erwartet 
werden  kann ,"  und  zur  grösten  anschaulichkeit  hat  er  p.  47  vier  Wetterauer  Urkun- 
den von  1277—1381  abgedruckt.  Die  heimat  des  dichters  (Oberhessen),  seine  zeit 
(da  die  tochter  Elisabeths ,  die  äbtissin  Gertrud ,  als  gestorben  erwähnt  wird ,  nach 
1297)  und  sein  Verhältnis  zu  seiner  quelle .  Dietrich  von  A]iolda ,  sind  mit  voller  Sicher- 
heit festgestellt.  Wenn  Bartsch  18.58  die  Erlösung  um  1250  oder  wenig  später  setzte, 
so  durfte  er  1862  nicht  mehr  daran  festhalten  und  die  Elisabeth  in  dieselbe  zeit  hin- 
aufrücken (Germ.  7,  35):  siehe  Kobersteins  grundris  1,  161.  Er  hatte  früher  die 
Himmelfahrt  Marias  (Haupts  zeitschr.  5 ,  515)  dem  dichter  der  Erlösung  zuschreiben 
wollen;  in  der  Germania  s}irach  er  manche  bedenken  gegen  diese  annähme  aus,  dass  er 
aber  nun  in  der  Himmelfahrt  eine  nachahmung  der  Erlösung  und  Elisabeth  sah,  führte 
ihn  mit  zum  festhalten  jener  falschen  Zeitbestimmung.  Rieger  entscheidet  die  frage 
über  die  Himmelfahrt  so:  sie  ist  nicht  vom  Verfasser  der  Erlösung  und  Elisabeth, 
auch  nicht  diesen  beiden  gedichten  nachgeahmt ;  auf  einen  ,,  schulmässigen  Zusammen- 
hang beider  dichter"  ist  wegen  der  von  Bartsch  nachgewiesenen  Übereinstimmungen 
zu  schliessen  s.  53.  Dazu  passt,  dass  der  dialect  der  Himmelfahrt  auf  die  nähe  von 
Oberhessen  weist;  das  gedieht  wird  älter  sein  als  Elisabeth  und  Erlösung  (die  hand- 
schrift  soll  noch  aus  dem  13.  Jahrhundert  sein);  dass  es  aber  in  die  zweite  hälfte  des 
13.  Jahrhunderts  gehört,  ist  durch  manche  jüngere  ausdrücke  sicher. 

Was  die  Benutzung  der  handschriften  betrifft,  so  wird  jeder  mit  dem  heraus- 
geber  darin  einverstanden  sein ,  dass  nicht  alle  abwcichungen  aus  den  schlechten 
handschriften  unter  den  text  gesetzt  sind.  In  manchen  fällen  aber,  wo  es  sich  um 
schwierige  oder  seltene  ausdrücke  handelt,  hätte  man  gern  die  abweichenden  lesarten 
in  die  Varianten  aufgenommen  gesehen,  da  sie  doch  mit  helfen  können  zur  erklärung 
oder  auffindung  des  richtigen.  Der  herausgeber  scheint  auch  selbst  diese  meinung 
zu  theilen ,  denn  er  hat  im  glossar  noch  manche  lesarten  nachgeholt ,  deren  gebrauch 
unter  dem  text  bequemer  wäre;  siehe  z.  b.  unter  cht  enstecUche  (wo  die  angäbe  über 
aD.  nicht  ganz  genau  ist,  siehe  zu  9140),  enplöhen  gehesnitz  smunzen  ivider  ivir- 
ken.  —  Die  grammatischen  und  metrischen  abhandlnngen  der  einleitung  entwerfen 
ein  klares  und  scharfes  bild  von  den  eigenheiten  des  dialectes  und  des  dichters; 
besonders  die  metrischen  sind  nicht  nur  für  das  vorliegende  gedieht  wichtig:  man 
sehe  z.  b.  was  über  die  gleitenden  reime  und  zusamnienstossenden  hebungen  bei  Gott- 
fried und  Konrad  gesagt  ist.  Ein  paar  bemerkungen  seien  zugefügt.  Der  vers  durch 
Merhern  zu  Stire  389  (auf  s.  13  steht  von  M.;  Schreibfehler  oder  handschriftliche 
lesart  ?)  ist  kein  Verstoss  gegen  die  regel  des  dichters ,  dass  von  zwei  zusammen- 
stossenden  hebungen  die  zweite  nicht  auf  e  fallen  darf;  S.Helbl.  8,  1084  und  Otacker 
s.  29''.  682''.  718''  reimen  Merlucrcn  :  beivceren ,  also  ist  hier  Merhern  zu  schreiben. 
S.  23  werden  als  ausnähme  drei  fälle  von  wirklich  klingenden  vierhebigen  verspaaren 
angeführt.  Es  ist  auffallend  dass  alle  drei  auf  e  ausgehen,  sie  Hessen  sich  daher 
allenfalls  durch  apocope  beseitigen,  wie  in  einem  vierten  falle,  den  Rieger  anführt, 
die  handschriften  wirklich  liez  :  hiez  statt  Ueze  :  hieze  schreiben.  Freilich  apocopieren 
nach  s.  14  von  verben  nur  die  präteritopräsentia  das  e  häutig ;  aber  da  (s.  16  f.)  der 
dichter  das  e  von  Substantiven  oft  abwirft,  auch  im  reim  (vgl.  zur  Erlösung  5451), 
so  scheint  es  doch  möglich,  dass  in  den  angeführten  drei  fällen  lieber  eine  ihm  nicht 
geläufige  apocoi)e  anzunehmen  ist  als  eine  Verletzung  seiner  metrischen  regel,  die 
doch  mit  auffallender  Sorgfalt  beobachtet  wird.  S.  32  wird  bemerkt,  dass  oti  keinem 
Umlaut  unterliegt;  vorher  steht  „oi  erscheint  in  froyde  goyde  abwechselnd  mit  ou." 
Da  aber  nur  an  zwei  stellen  oy  :  oy,  an  einer  dritten  oy  :  ou  und  an  vier  andern 
(6399.  7747.   9053.  10207)  ou  :  ou  in  diesen  Wörtern  reimt,    so  war  im   text  überall 


378  WBINHOJLD,    BOIE 

(Hl  ZU  setzen.     Niu-  durch  ein  versehen  wird  s.  39  in  allen  fliz  5565  als  dativ  aufge- 
führt, siehe  granini.  3,  154. 

Den  text  hat  Rieger  so  herge.stellt,  dass  nichts  erhebliches  daran  zu  ändern 
sein  wird.  Im  glossar  hat  er,  Avie  er  in  der  vorheiuerkung  sagt,  die  auswahl  des 
Wortvorrats  eher  zu  weit  als  zu  eng  greifen  wollen.  Dies  ist  um  so  mehr  zu  billi- 
gen ,  als  es  ihm  durch  zweckmässige  eiurichtung  gelungen  ist ,  auf  massigem  räume 
die  spräche  des  dichters  genau  darzustellen.  Die  ganze  anläge ,  wie  er  das  lateini- 
sche original  anführt,  auf  Vilmars  und  Bartschs  arbeiten  verweist  und  die  heutige 
volksmundart  so  \ne  ältere  dialecte  heranzieht,  verdient  die  vollste  anerkennung. 
Namentlich  durch  Vilmars  vortreffliches  hessisches  idiotikon,  in  dem  auch  eine  reihe 
von  stellen  der  Erlösung  berichtigt  und  erklärt  sind .  ist  das  Verständnis  des  Hessi- 
schen um  ein  bedeutendes  gefördert.  Dennoch  bat  Rieger  einige  Wörter  ohne  erklä- 
rung  lassen  müssen;  manches  für  die  Elisabeth,  die  gerade  viele  ausdrücke  des  gewön- 
lichen  lebens  enthält,  wird  sich  fortgesetzter  beobachtuiig  ergeben.  Ein  paar  kleine 
notizen  zum  glossar  seien  hier  noch  gegeben.  Jcurzebolt  ist,  wol  nach  dem  mhd. 
wb. ,  falsch  erklärt  „Schmucksache."  Dass  es  ein  kleidungsstück  ist,  ergibt  sich  aus 
Ruther  4469  f. 

dö  zierede  man  [meyede]  unde  icif 

mit  vlize  den  iren  lif; 

si  trögin  kurzebolde 

gelistet  mit  deme  golde 

xmd  mit  edelem  gesteine 

gewieret  vile  deine. 
Die  falsche  erklärung  des  mhd.  wb.  scheint  daher  gekommen,  dass  man,  wie 
auch  Eieger  thut,  kurzeholde  zum  vorhergehenden  (schätz)  zog  statt  zum  folgenden 
(gewand)  an  den  stellen,  wo  von  geschenken  die  rede  ist.  Die  betreffende  stelle  der 
Elisabeth  (524  f.)  muss  noch  eine  Verderbnis  enthalten ,  vielleicht  in  v.  527,  den  man 
mit  einer  kleinen  änderung  lieber  zum  folgenden  zöge ;  und  530  scheint  fletze  unrich- 
tig. Was  soll  der  ,,  geebnete  fussboden"  hier,  wo  doch  ein  gewand  beschrieben  wird  ? 
eine  sichere  Verbesserung  zu  finden  wollte  nicht  gelingen.  Für  hutschuhe  3212  wird 
trotz  der  im  DW.  2,  278  angeführten  späteren  form  hotschuh  doch  hunt schuhe  zu  lesen 
sein,  da  die  handschrift  A  ziemlich  oft  in-  und  auslautendes  n  weglässt,  siehe  z.  b. 
duget  64.  hrachmat  4355.  vngust  7240.  magerlei  9336.  pine  :  filgerine  1169.  suze  1220. 
hatte  1507.  lauge  :  dauge  2321.  herre  4369.  megede  7251.  liebe  7749.  Im  glossar 
und  in  der  einleitung  s.  57  wird  endrinnen  8358  erklärt  ,,  nicht  umhinkönnen;" 
diese  bedeutung  ist  nicht  belegt  und  scheint  weniger  passend  als  die  gewöhnliche, 
die  zu  Dietrichs  worten  qiiod  progredi  non  valentes  tanquam  coacti  redierunt  stimmt. 
Zu  der  form  hcntsche  (handschuh),  die  schwach  decliniert  wird,  lässt  sich  zufügen 
cirotece  henschen  Germ.  9 ,  28  und  hantsgin  Atliis  C*  74. 

WRIEZEN.  OSKAR    J-älNICKE. 


Heinrich    Christian    Boie.      Beitrag    zur    geschichte    der    deutschen 
litteratur  im  achtzehnten  Jahrhundert.     Von  Karl  Weinhold.    Halle, 
Verlag  der  buchhandlung  des  Waisenhauses.  1868.    X.  389  s.  8.     (1  thlr.  15  sgr.) 
Eine  selbstanzeige  gibt  dem  Verfasser  gelegenheit,    sich  nicht  allein  über  die 
absieht  seines  buches  noch  einmal  zu  äussern  und  auf  den  Inhalt  desselben  aufmerk- 
sam zu  machen,    sondern  auch  durch  zusätze  und  berichtigungen  zu  beweisen,    dass 
er  dem  gegenstände  weitere   pflege  widmete   und   im   stände   ist,    in  der  schärferen 
betrachtung,   Avelche  für  das  gedruckte  rascher  als  für   das  handschriftliche  eintritt, 


WEINHOLD,    BOIE  379 

sein  eigenes  verfahren  genauer  zu  beurteilen.  Wenn  eine  so  gefasste  selbstanzeige 
mehr  schatten  als  licht  wirft,  so  darf  der  Verfasser  doch  hoifen,  dass  er  gerade 
dadurch  einsichtige  leser  bestimmen  wird,  auch  das  licht  anzuerkennen  und  zu 
gemessen. 

Ich-  gieug  zu  der  darstellung  des  lebens  Boies ,  um  mich  von  den  anstrengen- 
den grammatischen  arbeiten  meiner  letzten  zehn  jähre  zu  erfrischen.  Veranlassung 
bot  der  nicht  unbedeutende  nachlass  von  briefen ,  welche  der  noch  lebende  älteste  söhn 
Boies,  herr  etatsrath  Boie  in  Kiel,  mir  zur  benutzung  überliess.  Das  buch  wuchs 
unter  der  band.  Grade  bei  Boie ,  dem  mittler  der  litteratur  in  längerer  zeit ,  konnte 
sich  der  biograph  nicht  in  engeren  schranken  halten.  Wenn  die  arbeit  daduixb 
schwieriger  ward,  so  gewann  sie  doch  an  allgemeinem  werte  und  es  werden  voi'nem- 
lich  diese  theile  des  buches  sein,  welche  ilim  eine  bleibende  bcdeutung  für  un>sere  lit- 
teraturgeschichte  sichern.  Aus  bisher  versteckten  quellen  habe  ich  zur  keuntnis 
von  Schriftstellern  und  von  litterarischen  Unternehmungen  Avichtige  beitrage  geben 
können. 

Mein  werk  zerfällt  in  sieben  buch  er.  Das  erste  schildert  Boies  familie, 
sein  leben  in  Flensburg  und  Jena  und  scliliesst  mit  der  immatriculation  des  rechts- 
kandidaten  in  Göttingen  1769.  —  Ich  bitte  hier  den  leicht  kennbaren  druckfehler 
s.  3  in  dem  Studienjahr  des  vaters  Boie  1769  statt  1739  zu  verbessern.  —  Das  leben  in 
Göttiugen  (1769  —  1776)  behandelt  das  zweite  buch.  Hier  grimdet  Boie  mit  Got- 
ter den  musenalmanach ,  den  er  von  1771—74  allein  fortführt  und  nachdem  er  ihn 
für  1775  Voss  zur  besorgung  überlassen ,  ganz  fallen  lässt.  Während  eines  längeren 
aufenthaltes  zu  Berlin  im  winter  1770  —  71  knüpft  er  wichtige  bekanntschaften ,  von 
denen  die  mit  Eamler  und  v.  Knebel  die  fruchtbarsten  sind.  Nach  Göttingen  zurück- 
gekehrt ,  sammelt  sich  allmählich  der  Parnass  um  ihn ,  den  er  berät  und  leitet ,  so 
schüchtern  und  bedenklich  er  bei  den  eigenen  arbeiten  bleibt.  Ich  hebe  aus  dem 
ganzen  die  Berliner  reise,  das  Verhältnis  zu  den  englischen  Zöglingen  und  den  deut- 
schen fremiden,  namentlich  zu  Bürger,  Voss,  den  Stolbergs  und  Hahn  hervor,  ferner 
die  freundschaft  mit  Auguste  Stolberg,  die  reise  nach  den  Niederlanden,  die  begeg- 
nung  mit  Goethe  und  die  gründung  des  Deutschen  Museums  mit  Dohm. 

Zu  s.  45  trage  ich  nach,  dass  Miller  im  Verzeichnis  zu  seinen  gedichten  (Ulm 
1783)  s.  469  zu  dem  liede  ,,Das  ganze  dorf  versammelt  sich"  bemerkt,  er  sei  dadurch 
mit  Boie  und  durch  ihn  ,,mit  den  übrigen  theuren  dichterfreunden  in  Göttingen" 
bekannt  worden.  Miller  fühlte  sich  zwar,  wie  ich  erzählte,  durch  die  abweisung  sei- 
ner romanstücke  vom  museum  verletzt,  indessen  stellte  er,  wie  ich  später  fand,  im 
frühjahr  1777  durch  einen  freundlichen  brief  an  Boie  das  gute  Verhältnis  her.  Den 
30.  sept.  1804  fragte  dieser  seine  Schwester  Ernestiue  Voss  theilnehmeud ,  wie  sie  den 
alten  freund  in  Ulm  gefunden  hätten,  von  dem  wider  zu  hören  ihn  verlange. 

S.  46  z.  9  V.  u.  lese  man  statt  1776  das  richtige  1777. 

S.  54  füge  ich  dem  über  Fr.  Hahn  gesagten  zu,  dass  derselbe  noch  1777  in 
Göttingen  sich  aufhielt.  Boie  schreibt  den  1.  April  1777  an  Voss:  Hahn  hat  sich  fest 
in  den  köpf  gesetzt,  dass  er  (dem  kürzlich  verstorbenen)  Closen  bald  folgen  wird 
und  legt  die  bände  nun  vollends  in  den  schoss  und  bekümmert  sich  um  nichts.  Ich 
weiss  das  von  Bürger."  Den  21.  octbr.  d.  j.  theilt  er  Voss  mit,  dass  Hahn  noch 
immer  in  Göttingen  sein  solle. 

Bei  s.  61  verweise  ich  noch  auf  das  gedieht,  welches  Voss  zur  hochzcit  von 
Lieschen  (Magdalene  Elisabeth)  Boie  mit  dem  buchhändler  Jessen  den  17.  december 
1778  widmete  und  das  ohne  seinen  namen  mit  der  Überschrift  .,An  M.  E,  B***,  den 
17.  decbr.  1773"   in  nr.  204  des  Deutschen   sonst  Wandsbecker  Bothen   vom  j.  1773 


380  WKlNHOhlJ  ,    liOlE 

gedruckt  ward.  Es  fehlt  in  den  .s:uulun<,aMi  der  vossisclien  j,'ediclite,  stellt  aber  mit 
Vossens  nanien  und  der  Überschrift  an  Elisa  in  seinem  almanach  für  1776.  s.  78. 

S.  (54.  Während  des  Gothaer  besuchcs  machte  Boie  die  hochzcit  eines  jenischen 
Studienfreundes  mit  und  Hess  dazu  ebenso  wie  Götter  vcrse  drucken,  nach  einem 
briete  an  Ernestine  B.  vom  28.  ajiril  1774. 

Die  s.  73  erwähnten  vermischten  Schriften  sollten,  wie  ich  bei  aberma- 
liger durchsieht  eines  briefes  an  Voss  vom  12.  august  1775  erkenne,  hauptsächlich 
Übersetzungen  kleiner  englischer  abhaudlungen  bringen;  so  waren  Hays  essay  on 
deformitij  und  die  DialcHjucs  on  heaiity  dafür  bestimmt. 

Die  jahrzahl  der  letzten  zeile    auf  s.   76   ist  in  1775  zu  bessern. 

Das  dritte  buch  schildert  Boies  hannoversches  leben,  also  die  jähre  1776  — 
1781.  Die  geselligen  zustände  der  stadt  Hannover,  Boies  verkehr  mit  Schröder  und 
seinen  besten  schauspielern,  Höltys  tod  und  die  ausgäbe  seiner  gedichte,  Boies 
freundschaft  mit  der  Stolbergschen  faniilie  und  die  reise  nach  Kopenhagen,  welche 
seine  ansteUung  in  Dietmarschen  vermittelte,  treten  besonders  heraus. 

Dem  neuen  herausgeber  Höltj's'  werden  die  s.  88  —  90  gemachten  mitteilun- 
gen  von  wert  sein.  Ich  vei'weise  hier  noch  auf  die  amnerkung,  welche  Voss  im  Ver- 
zeichnis des  almanachs  für  1778  zu  den  Höltyschen  gedichten  machte  und  füge  wei- 
ter bei,  dass  Boie  im  april  1780,  ehe  er  selbst  nach  Otterndorf  kam,  seinen  ganzen 
apparat  zur  ausgäbe  Höltys,  bestehend  in  den  ,,bundesbüchern ,  seinen  abschriften 
von  den  gedruckten  gedichten  und  den  originalen  dazu"  an  Voss  vorausschickte,  um 
sich  mündlich  mit  ihm  darüber  zu  beraten.  Voss  behielt  das  ganze ,  obschon  Boie 
noch  den  11.  november  1782  ,,  Höltys  sachen"  bis  Weihnachten  zurückverlangte.  In 
den  nächsten  wochen  entschied  sich  Boies  rücktritt  von  dem  unternehmen. 

Die  vierte  note  auf  s.  90  verlangt  eine  berichtigung ,  wie  mir  zuerst  herr  dr. 
Redlich  in  Hamburg,  ein  gründlicher  kenner  der  litteratur  jener  periode,  bemerkte. 
Die  14.  nummer  des  Wandsbecker  Boten  von  1774  brachte  nämlich  drei  Boiesche 
gedichte:  1)  die  quelle  der  Vergessenheit  ,, Verzehrt  von  Schwermut  und  liebe," 
welches  ich  aus  einer  abweichenden  handschrift  Boies  in  meinem  buche  s.  296  f.  als 
vermeintlich  ungedruckt  herausgab.  Sodann  2)  Amor  ,,Wann  oft  der  weise  Damis 
spricht,"  wider  gedruckt  unter  der  aufschrift  Aegle  im  almanach  für  1775.  S.  99, 
und  3)  der  tausch  „Hier  sollt  ich  sie  erwarten,"  in  meinem  buche  s.  302  aus  dem 
vossischen  almanach  für  1789.  s.  215  mitgeteilt.  Die  ältere  gestalt  von  2  und  3 
weicht  im  einzelnen  ab. 

Im  vierten  buche  rollt  sich  Boies  leben  von  seinem  antritt  in  Meldorf 
(april  1781)  bis  zu  seinem  tode,  3.  märz  1806,  ab.  Seine  freundschaft  mit  dem  Nie- 
buhrschen  hause  und  die  liebe  zu  der  edlen  Luise  Mejer,  die  er  nur  ein  jähr  als  gat- 
tin  besass,  das  Verhältnis  zu  dem  Emkendorfer  kreise,  seine  religiösen  und  politi- 
schen ansichten,  die  püege  seines  reichen  garten  und  die  neu  erwachte  beschäfti- 
gung  mit  der  poesie  werden  die  leser  anziehen. 

Zu  berichtigen  ist  das  datum  in  der  untersten  zeile  s.  129:  es  muss  24.  märz 
1799  heissen. 

Das  fünfte  buch  behandelt  Boies  Stellung  zu  der  litteratur  seiner  zeit.  Es 
ist  jedenfalls  für  die  litteraturfreunde  der  anziehendste  theil.  Auf  den  abschnitt  über 
Bürger  (s.  198  —  215)  und  auf  die  drei  ungedruckten  Goethebriefe  (s.  186. 

1)  Ueber  die  Vossische  bearbeitung  der  gedichte  HöUys.  Ein  beitrag  zur  deutschen  littera- 
turgeschichte  von  Karl  Halm.  (Aus  den  Sitzungsberichten  der  k.  akademie  der  Wissenschaften  zu 
München).     München  18fi8.     48  s.  8. 


WEINHOLD  ,    EOIE  381 

187.  190)   sei  ein  besonderer  fingcrzcig  erlaubt.      Icli  gebe  nun  einige  nachtrage  unrl 
berichtigungen. 

S.  140.  Boie  schickte  den  28.  decbr.  1783  Vossen  auf  dessen  ausdrücklichen 
wünsch  ,,ein  ding  von  Bodniern,"  das  ihm  auf  der  post  zugeschickt  und  „viel- 
leicht gar  nicht  in  den  handel  gekommen  ist."  Es-  war  eine  satire  auf  Voss.  „Wie 
sie  dem  eifersüchtigen  greise  geglückt  ist,  magst  du  sehen.  Alle  die  letzten  aus- 
brüche  seiner  eifersucht  thun  mir  wehe.  Dies  ist  wahrscheinlich  der  letzte."  Beleh- 
rung über  dieses  pamphlet  gegen  den  Horaertibersetzer  wäre  mir  erwünscht. 

S.  144.  Aus  einem  briefe  Boies  an  Heinrich  Voss  vom  30.  septbr.  1804  ergibt 
sich,  dass  er  von  J.  G.  Jacobi  zu  beitragen  für  das  taschenbuch  Iris  allerdings  ein- 
geladen war  und  auch  einiges  schickte.  Mag  dasselbe  auch  für  1805  zu  si)ät  gekom- 
men sein ,  so  bleibt  doch  sehr  auffällig ,  dass  es  Jacobi  nicht  in  den  folgenden  Jahr- 
gängen benutzte,  zumal  er  dem  abgeschiedenen  alten  freunde  damit  ein  denkmal 
setzen  konnte.     Erst  1810  bringt  er  sechs  von  Voss  mitgeteilte  gedichte  Boies. 

Die  s.  149  erwähnte  recension  des  Wielandschen  Diogenes  weist  mir  dr.  Eed- 
lich  in  der  Hamburger  neuen  zeitung  1770.  st.  65.  66.  69.  70  nach. 

Zu  der  s.  155  note  2  ausgezogenen  entgegnung  Wieland  s  auf  Vossens  angriff 
will  ich  hier  die  von  dem  vossischen  lager  kommende  erwiderung  aus  dem  Wands- 
becker Boten  1775.  nr.  93  nachholen:  ,,Das  einzige  müssen  wir  hier  doch  anmerken, 
dass  H.  Voss  im  Göttinger  Musenalmanach  wohl  eine  Ode,  darunter  er  auch  seinen 
Nahmen  gesetzt  hat,  nicht  aber,  wie  s.  82  gesagt  wird,  Epigrammen  wider  Herrn  Wie- 
land gemacht  habe,  der  übrigens  in  seinem  Schreiben  über  die  Bestimmung  eines 
schönen  Geistes  mit  Herrn  Voss  nicht  in  demselben  Fall,  so  wie  mancher  redliche, 
die  Tugend  mit  Enthusiasmus  liebende  Jüngling  nicht  grade  ein  junger  unerfahrner 
Neuhng  in  der  Welt,  und  einer,  der  nicht  mehr  ein  junger  unerfahrner  Neuling  in 
der  Welt,  noch  lange  kein  Sokrates  ist." 

S.  156  habe  ich  mich  über  den  Verfasser  der  merkurrecension  vom  vossischeu 
almanach  für  1776  uicht  deutlich  ausgelassen.  Hält  man  s.  188  hinzu,  so  scheint  es 
allerdings,  dass  ich  Wieland  dafür  ausgebe,  wie  Boie  selbst  vermutete.  Ich  trete 
jedoch  der  mir  brieflich  mitgeteilten  ansieht  des  herrn  dr.  Mich.  Bernays  bei,  dass 
Merck  sie  schrieb. 

S.  161.  Herr  dr.  Redlich  wies  mir  das  eine  der  beiden  her  der  sehen 
gedichte  nach,  welche  Eamler  änderte:  es  ist  das  mit  M.  gezeichnete  lied :  Ihr 
kleinen  sterne  dort  bei  nacht  (alm.  1772.  s.  190),  dessen  verramlerung  man  in  der 
Lyrischen  Bluhmenlese  I.  s.  209  lesen  kann. 

S.  163.  Ein  brieflicher  verkehr  zwischen  Boie  und  Knebel  hat  wenigstens  ver- 
einzelt noch  später  bestanden.  Den  24.  aprU  1775  schrieb  Boie  an  Voss:  ,,An  herrn 
V.  Knebel  schreib  ich  heute  wegen  des  jungen  Offiziers,  dessen  Verse  Sie  mitgenom- 
men haben." 

S.  182.  Dr.  M.  Bernays  benachrichtigt  mich,  dass  sich  Boies  briefe  an  Her- 
der noch  in  Weimar  befinden  und  im  vollsten  masse  das  von  mir  über  seine  theil- 
nahme  an  den  Volksliedern  gesagte  bestätigen. 

S.  187.     Z.  15  V.  0.  lese  man  minder  für  wieder. 

S.  190  erhält  durch  Goethes  briefe  an  Schiller  vom  19.  october  1796  und 
31.  Januar  1798,  worauf  Bernays  mich  verwies,  licht.  Goethe  hatte  durch  Eschen- 
burg eine  englische  Übersetzung  von  Cellinis  leben  erhalten ,  welche  Boie  gehörte, 
und  die  er  zu  behalten  wünschte.  Er  nahm  Schillers  vermittelung  in  anspruch.  Boie 
willigte  ein  uiid  darauf  schrieb  Goethe  den  brief  vom  6.  juni  1797  an  ihn,  welchem 
die    sechs   bände   seiner    neuen  sdiriften  beigelegt  waren.      Als  sicli  Boie  dafür  nicht 


f5S2  WEINHOTJ)  .    BOTE 

bedankte,   ersuchte  Goetlie  Scliiller,    gelegentlicli  .sich  zu  erkundigen,    ob  jener  brief 
und  büelior  erlialten  liabe. 

S.  192.  Zu  dem  vcrkulir  mit  Lenz  kann  ich  einen  nachtrag  geben.  .Schon  im 
soramer  1775  bestund  zwischen  Boie  und  Lenz  briefwechsel.  Jener  schrieb  den  2.  juli 
1775  an  Voss:  „Ich  habe  Claudius  heute  allerley  für  den  Almanach  geschickt.  Von 
Lenz  Epigramme,  die  sich  schwerlich  brauchen  lassen,  fast  alle  contra  Wieland.  Lenz 
empfiehlt  sich  ihrer  Freundschaft  und  schreibt ,  dass  es  ihm  einerlei  wäre  ob  sie 
gedruckt  würden  oder  nicht.  Ein  Ex.  des  Alm.  müssen  Sie  ihm  in  jedem  Falle 
schicken."  Zwei  dieser  epigramme  erschienen  bekanntlich  im  vossischen  almanach  für 
1776:  s.  Iij2  und  170.  Die  briefe  von  Boie  an  Lenz  sind  im  besitz  des  herm  J.  v. 
Sievers,  wie  ich  eben  von  demselben  erfahre. 

S.  196.  anm.  1  habe  ich  irrtümlich  den  Strephon  für  ein  unbekanntes  stück 
Lenzens  ausgegeben.  Es  ist  nur  ein  anderer  name  für  Die  freunde  machen  den  phi- 
losophen ,  in  denen,  wie  dr.  M.  Bernaj^s  mich  erinnert,  die  hauptperson  Strephon 
heisst.  —  Zu  anm.  4  l^ann  ich  nun  ein  zweites  erhaltenes  exemplar  der  ,, verth ei- 
dig uug"  im  Dorer - Egloffschen  bücherschatz  nachweisen,  in  dessen  katalog  unter 
nr.  1903  ,,  vertheidigung  des  hen-n  W.  gegen  die  wölken  von  dem  Verfasser  der  wöl- 
ken" verzeichnet  steht.  Die  auflösung  Wagner  für  W.  (Wieland)  gibt  der  kata- 
log falsch. 

S.  218.  Leisewiz  hatte  in  Hannover  noch  keine  anstellung,  seine  unschlüs- 
sigkeit trug  aber  einzig  die  schuld.  Boie  schrieb  den  21.  octbr.  1777  an  Voss:  „Lei- 
sewiz ist  sehr  hypochondi-isch  gewesen.  Ich  fürchte  dass  er  von  hier  und  nach 
Braunschweig  kömmt,  so  gern  er  hier  bliebe;  aber  es  ist  seine  eigene  Schuld,  denn 
er  hat  keinen  Weg  einschlagen  wollen ,  der  ihn  hier  zu  was  hätte  bringen  können."  — 
Ich  will  übrigens  hier  anmerken,  dass  das  liedchen  ,, Schone  schone  Philomele," 
welches  Gödeke  im  grundris  s.  705  Leisewiz  beilegt,  nicht  blos  im  vossischen  alma- 
nach für  1776  s.  48  (nicht  4)  unter  Z.  L.  steht,  sondern  schon  früher  mit  demz ei- 
chen W  — s  im  Wandsbecker  Boten  1775.  nr.  67  mit  einigen  andern  lesarten  gedruckt 
war.  P.  G.  Hagenbruch  hat  es  zu  einem  ebenso  beginnenden  gedieht  umgearbeitet 
(P.  G.  H.  Gedichte  s.  61.     Mühlhausen.  1781.). 

Ueber  Sp rickmann  s.  218  f.  fasste  ich  mich  kürzer  als  meine  mittel  forder- 
ten weil  ich  über  diesen  mustermenschen  der  geniezeit  einmal  ausführlicher  zu  han- 
deln denke. 

S.  221.  Zu  Fr.  H.  Jacob is  verkehr  mit  Boie  kann  ich  nachtragen,  dass 
Dohm  der  eigentliche  mittler  für  das  museum  war,  wie  sich  schon  aus  den  gedruck- 
ten briefen  (F.  H.  Jacobis  auserlesener  briefwechsel  1 ,  326.  350.  358)  ergab.  Jacobi 
hatte  mancherlei  an  der  leitung  auszusetzen  und  stund  deutlich  auf  Dohms  seite. 
In  einem  briefe  vom  31.  Januar  1788  an  Boie,  den  mir  jüngst  herr  Eud.  Zoeppritz, 
der  künftige  biograph  Jacobis,  mitteilte,  greift  er  dessen  verhalten  bei  den  artikeln 
über  die  geheimen  gesellschaften  sehr  scharf  an.  Indessen  scheint  Boies  freundschaft 
für  den  Düsseldorfer  weisen  dadurch  nicht  gestört,  denn  nach  einem  briefe  an  Voss 
vom  10.  august  1789  freute  er  sich  auf  Jacobis  besuch  in  Holstein.  Freilich  konnte 
ich  keine  spur  finden ,  dass  er  Jacobi  damals  oder  später  hier  zu  lande  sah. 

Was  ich  s.  226  über  die  Hamburger  gegenxenien  sagte,  bedarf  einer 
berichtigung ,  die  von  herrn  dr.  Eedlich  stamt.  Die  probe  von  Asmus ,  welche  Bolen 
den  appetit  verdarb,  war  der  Urian  in  der  anzeige  des  Hamburger  Correspondenten 
vom  21.  decbr.  1796  von  Urians  uachricht  von  der  neuen  aufldärung,  der  gegenschrift 
des  Wandsbecker  Boten  (Boas  Xenienkampf  2,  87).  Ebenfalls  am  21.  decbr.  1796 
brachte  die  Neue  Zeitung .    ein  vom  (^!orres]tondenten  verschiedenes  Hamburger  bhitt. 


WEINHOI.D,    ßOIE  383 

jene  berühmte  disticlieiireceusion  des  Schillerschen  almanachs,  deren  vei-fasser  nach 
Eedlichs  forschungen  unzweifelhaft  Ebeling  war.  Zum  beweise  genügt  ein  brief  des 
wol  unterrichteten  Hennings  au  v.  Halem  (21.  decbr.  1796,  gedruckt  im  anhang  zu 
Halems  Selbstbiographie),  worin  es  heisst:  ,,die  rccension  in  der  Neuen  Hamburger 
Zeitung  ist  von  Ebeling. "^^  Ein  andres  gleichzeitiges  zeugnis  fand  dr.  Redlich  in  den 
Vertrauten  Briefen  aus  Holland  im  frühjahr  1797  (Lübeck,  Niemann);  und  ein  späte- 
res in  Audr.  Willi.  Craraers  hauschronik  (Hamburg  1822).  Dadurch  bestätigt  sich 
also  Varnhagens  angäbe  und  berichtigt  sich  die  von  Boas  in  seinem  Xenienkampf  2, 
26  gethane  Vermischung  des  Correspondenten  und  der  Neuen  Zeitung,  so  wie  meine 
Vermutung  über  Claudius  Verfasserschaft  der  distichen ,  die  ich  aus  einer  misverstan- 
denen  brieflichen  äusserung  Boies  schöpfte. 

Im  sechsten  buche  wird  Boies  leitung  des  Göttinger  Musenalmanachs  und 
des  Deutschen  Museums  behandelt.  Ausser  der  geschichte  dieser  zwei  wichtigen  Unter- 
nehmungen kam  es  auf  feststellung  der  mitarbeiter  an,  die  zum  theil  hinter  allerlei 
willkürlichen  buchstaben  versteckt  sind ,  die  zuweilen  selbst  der  herausgeber  nicht 
kannte  und  die  immer  von  ihm  als  geheimnis  behandelt  wuj'den.  Es  ist  daher  hier 
eine  schwierige  aufgäbe  zu  lösen ,  bei  der  versehen  leicht  begegnen  köimen ,  und  auch 
ich  blieb  nicht  verschont  davon. 

Gehen  wir  die  einzelnen  Jahrgänge  von  1770  —  74  durch. 

Bei  dem  Almanach  für  17  70  (s.  233  ff.)  ist  zu  erwähnen,  dass  ausser  den 
mit  A  bezeichneten  Boieschen  gedichten  auch  das  unbezeichnete  Daphnis  und  Chloe 
,, Kleine  braune,  die  ich  liebe"  s.  27  ihm  gehört,  welches  verändert,  mit  chiffer  B  im 
vossischen  Almanach  für  1789  s.  77  wider  gedruckt  ist.  Knebel  machte  in  einem 
briefe  vom  15.  juni  1771  ausstellungen  an  diesem  gedieht. 

Unter  den  chiffern ,  die  ich  früher  noch  nicht  bestimmen  konnte,  gehört  Th 
Gotter;  in  F  vermutete  Raraler  nach  einem  briefe  vom  juli  1772  Flügge;  das  unter 
K  s.  78  stehende  gedieht  an  Elisen:  „Elise  küsse  küsse  mich  nicht  so  oft"  soll  von 
Klopstock  sein  und  ist  in  neuere  ausgaben  aufgenommen,  während  der  dichter  selbst 
es  ablehnte. 

Ferner  muss  ich  bessern ,  dass  nicht  fünf,  sondern  vier  stücke  der  Neuen  Ham- 
burger zeitung  entnommen  sind,  von  denen  drei  (Avar  stirbt  und  vermacht  s.  42,  Du 
diebin  mit  der  rosenwange  s.  148  und  Hier  lieg  ich  schwach  und  siech  s.  44)  Lessing 
gehören. 

In  dem  Müller  im  Leipziger  Almanachkalender  auf  1770,  den  ich  nicht 
bestimmen  konnte  (s.  235),  vermutet  dr.  Redlich  K.  W.  Müller,  einen  mitarbeiter  der 
Bremer  Beiträge.  A^'on  demselben  erschien  namenlos  eine  samlung  gedichte ,  unter 
dem  titel  Versuch  in  Gedichten.     Leipzig  1755. 

Zu  den  chiffern  des  Göttinger  Almanachs  für  177  1  (s.  244)  habe  ich  fol- 
gende aunierkungen ,  wobei  ich  dr.  Redlichs  hilfe  wider  erwähnen  muss. 

Das  zeichen  G  theilt  sich  unter  Gleim  und  Gotter:  G.  s.  68  ist  Gleirn,  G. 
s.  175  Gotter.  —  Von  N.  E.  D.  g.  v.  W.  ist  nicht  Döring,  sondern  verbirgt  Ram- 
ler, vgl.  dessen  Poetische  Werke  (1800)  II,  8.  —  N.  Z.  bedeutet  Neue  (Hamburger) 
Zeitung,  woraus  das  damit  bezeichnete  gedieht  Lessings  der  widerruf:  „Zum  henkcr! 
fluchte  Stolt  zu  Veiten"  genommen  ist.  —  P  ist  sicher  Boie.  Eine  spätere  Umar- 
beitung des  gedichta:  Umsonst  soll  mir  der  saft  der  reben  s.  168  brachte  der  vossi- 
sche Almanach  für  1790.  s.  142  (mein  buch  s.  339).  —  Von  S.  war  ein  freund  Kne- 
bels, vgl.  Knebels  nadüass  2,  79.  82.  —  Z.  steht  unter  dem  von  Boie  ganz  umge- 
stalteten gedieht  eines  jungen  menschen  auf  Gellerts  tod  s.  6  und  unter  dem  von  mir 
s.  294  als  ungedruckt  mitgeteilten  epigramm  auf  einen  hexanietristen  (s.  42). 


384  WEINHOLD,   noiE 

Den  druckfeliler  Kraus  l'ilr  Kraut  s.  244.  z.  14  v.  o.  wolle  man  verbessern. 

Zu  s.  245  anni.  1.  Boie  stund  schon  1771  mit  Götz  in  jiersönliclier  )>eziehung, 
wie  Knebels  naclilass  2 ,   101  lehrt. 

Für  tlen  Almanacli  von  177  2  s.  246  fanden  sich  folgende  zusätze  und  berich- 
tigungen : 

Herder  gehört  nicht  blos  0,  sondern  auch  M  an,  welches  ich  Boien  von  1771 
her  zuschrieb.  Die  drei  gedichte  ,,Ihr  kleinen  sterne  dort  bei  nacht,"  ,,Wer  grübe 
sich  nicht  selbst  sein  grab  "  und  ,,Wie  so  blass  und  bleich ,  o  Jüngling "  sind  also 
aus  meinem  Verzeichnisse  zu  streichen.  Das  erste ,  die  bearbeitung  eines  englischen 
in  Percys  samlung,  steht  etwas  geändert  (Du  kleines  sternenheer  bei  nacht)  in  Her- 
ders Volksliedern.  Für  das  zweite  (Süsser  wahn)  zeugt  ein  brief  von  Herders  braut 
in  Dünzers  samlung  aus  Herders  nachlass  3,  198.  —  J.  ist  nicht  L.  H.  Nicolay,  son- 
dern Fr.  Nicolai.  —  Das  Kr.  bezifferte  epigramra  s.  88  ist  von  Kretschmann  (sämmt- 
liche  werke  2,  270.  1784).  —  Der  mit  L  bezeichnete  träum  (s.  64)  erinnert  zwar  in 
der  Überschrift  an  Millers  gedieht,  s.  105  seiner  samlung,  allein  im  übrigen  sind  es 
nach  meiner  ansieht  ganz  verschiedene  gediclite.  —  Zu  Nais  erwähne  ich ,  dass 
meine  quelle  ein  brief  Kretschmanns  an  Boie  vom  24.  april  1771  ist,  worin  er  schreibt: 
„Noch  muss  ich  bemerken,  dass  das  Gedicht  Nais  an  Kleou  wirklich  ein  verdienst- 
liches P'rauenzimmer  zur  Verfasserin  hat,  deren  Freund  zu  seyn  ich  das  Glück  habe, 
aber  ich  bitte ,  verschweigen  Sie  in  Ihrem  Musen  -  Almanach ,  dass  ich  dieser  Kleon 
bin."  Vgl.  dazu  Knebels  nachlass  2 ,  99.  —  Frhr.  v.  N.  ist  v.  Gemmingen ;  S.  ist 
Fr.  Schmit,  vgl.  das  lied:  ,,Euch  darf  ichs  sagen,  stille  haine"  s.  195  mit  dessen 
gedichten,  Nürnb.  1779.  s.  11.  —  Ur.  ist  L.  Aug.  Unzer ,  vgl.  dessen  Versuche  in  klei- 
nen Gedichten  s.  17.  Unzer  hatte  eines  seiner  gedichte  Boieu  zugeschrieben,  Knebels 
nachlass  2 ,  132.  —  Die  mit  A  bezeichnete  romauze  Phidile  ist  nicht  aus  dem  Wands- 
becker Boten  entlehnt,  wie  anm.  2  ungenau  steht.  Als  Verfasser  ward  nach  einem 
briefe  Eamlers  an  Boie  vom  juli  1772  damals  Flügge  genannt;  möglich  also  dass  der 
erste  entwurf  von  diesem  war,  den  Claudius  umgestaltete. 

Zu  den  zeichen  des  AI  man  ach  s  für  1773  s.  248  kommen  nachstehende  anmer- 
kungen. 

Ar  ist ,  wie  mir  di*.  Eedlich  zuerst  angab ,  J.  L.  Huber.  Das  morgenlied  eines 
gefangenen  „Früh  steigt  zu  gott"  steht  in  seinen  Versuchen  in  reden  mit  gott  s.  183 
(Tübingen  1787).  —  G.  v.  H.  kann  Göckiug  sein,  welcher  unserm  Boie  1772  epi- 
gramme  für  den  almanach  schickte ,  Knebels  nachlass  2 ,  132,  —  Kr.  ist  nicht  Käst- 
ner ,  sondern  Kretschmann ,  vgl.  dessen  werke  2 ,  248.  —  L.  M.  (im  register  des 
almanach  J.  M,)  für  Gleim  beweist  ein  brief  Knebels  an  Boie  vom  11.  decbr.  1772.  — 
Frh.  v.  N.  ist  Gemmingen.  —  Z  ist  Herder,  vgl.  Ursinus  bailaden  und  lieder  352. — 
Td ,  Teuthard ,  habe  ich  den  bisherigen  deutungen  entgegen  auf  grund  einer  stelle  in 
Voss  brieten  1,  114  Stolberg  (es  wäre  nicht  Christian,  sondern  Fritz)  zugewiesen. 
Dennoch  muss  Millers  zeugnis  für  Hahn  in  seinen  gedichten  s.  37.  41  aufrecht  bleiben, 
und  ich  nmss  dr.  Redlichs  Vermutung,  dass  die  Überschrift  an  Teuthard  von  s.  114 
vor  das  gedieht  s.  113  zu  versetzen  sei,  als  ansprechend  erkennen. 

S.  249  anm.  2  ist  die  Seitenzahl  der  Verweisung ,  143 ,  ausgeblieben. 

Der  ausführung  über  den  Almanach  für  17  74,  s.  251 ,  kann  ich  beifügen, 
dass  BR  Brückner  und  Frh.  v.  N. ,  wie  früher ,  v.  Gemmingeu  bedeutet.  S  ist  Miliern 
zu  nehmen  und  Voss  zu  geben:  das  lied  „Der  holdseligen  sonder  wank"  steht  in 
dessen  sämmtlichen  gedichten  4,  24  (1802).  Das  aus  dem  Wandsb.  '^.oten  (1772  nr.  81) 
entlehnte  kleine  gedieht  ,,Mcin  herz  ist  stahl,  spricht  Adellieide'  (s.  130)  ist  von 
Friedr.  Schmit.  (Gedichte  188). 


WEINHOLD  ,    BOIE  385 

Die  geschichte  des  Almanachs  für  1775  und  der  fortsetzung  durch  Voss 
berührte  ich  s.  253  f.  im  ganzen  l>urz.  Voss  trat  auch  hier  ziemlich  anmasslich  und 
trutzi^  auf.  Er  redete  Boien  vor ,  dass  er  sehr  wenig  von  ihm  für  den  75er  almanach 
erhalten  habe ,  bis  dieser  es  friedfertig  zugab  (brief  an  Voss ,  3.  august  1774).  Ein 
ähnlicher  ton  spricht  aus  der  anküudigung  seines  almanachs,  die  Voss  vom  15.  mai 
1775  ausgehn  Hess  und  u.  a.  im  Wandsbecker  Boten  vom  16.  mai  d.  j.  n.  77  veröf- 
fentlichte. Auch  die  briefe.  welche  er  im  frühjahr  1775  in  sachen  seines  almanaclis 
schrieb,  fand  Boie  ,,  an  manche  ein  wenig  zu  peremtorisch  gerathen."  (Brief  vom 
14.  mai  1775). 

Den  mitteilungen  über  das  Deutsche  Museum  s.  255  —  276  weiss  ich  bis 
jetzt  nichts  beizufügen.  Leider  sind  die  redactionspapiere  dieser  Zeitschrift  längst 
vernichtet.  —     S.  255  z.  1  v.  u.  bitte  ich  die  falsche  zahl  98  in  91  zu  bessern. 

Ich  komme  nun  zu  dem  siebenten  buche,  Boie  als  dichter.  Nach  einer 
allgemeinen  Schilderung  des  poeten  gab  ich  hier  eine  auswahl  von  gedichten  und  ein 
Verzeichnis  der  anfange  der  gedichte ,  die  ich  ihm  zuschrieb ,  nebst  bibliographischen 
nach  Weisungen. 

Bekanntlich  gelangte  Boie  niclit  zum  di-uck  seiner  mehrmals  fertig  geschriebe- 
nen samlung,  und  auch  Voss  hat  die  ausgäbe  später  nicht  besorgt.  Mit  ausnähme 
der  Avenigeu,  nach  Boies  tode  von  Jacobi  und  von  A.  Schreiber  in  ihren  taschenbü- 
chern  gedruckten  gedichten ,  trägt  kein  einziges  den  vollen  namen  des  dichters.  Boie 
versteckte  sich  stets  hinter  Chiifern ,  als  welche ,  abgesehen  von  den  einzeln  gebrauch- 
ten A.  M.  P.  Y.  Z.  aus  den  eigenen  angaben  Boies  B  und  X  erhellten.  Indem 
sich  nun  die  richtigkeit  dieser  zeichen  an  vielen  gedichten  erweisen  Hess,  so  schloss 
ich  auf  die  Vaterschaft  Boies  für  alle  mit  B  bezeichneten  gedichte  in  den  ersten  Göt- 
tinger und  sämtlichen  vossischen  almanachen ,  so  wie  für  die  mit  X  bezifferten  wenig- 
stens seit  1773. 

Zwar  zauderte* ich  bei  gar  manchen,  ehe  ich  sie  als  boiesch  verzeichnete.  Aber 
ein  inneres  kriterium  fehlte;  denn  obschon  Boie  im  ganzen  jenen  ton  hat,  den  ich 
den  weisse  -  götzischen  nennen  möchte,  so  schlägt  er  doch  auch  einen  ganz  abwei- 
chenden an ,  und  überdies  bearbeitete  er  meist  fremde  vorlagen.  So  gehört  er  unleug- 
bar zu  den  poeten  ohne  ausgeprägte  eigentümlichkeit ,  ohne  persönlichen  geruch. 
Einen  äusseren  Wegweiser  verhiessen  nun  jene  chiffern ;  allein  sie  haben  nicht  selten 
irre  geleitet  und  ich  muss  jetzt  bedauern,  dass  ich,  ermüdet  von  der  jagd  nach  den 
englischen  und  französischen  originalen,  die  zeitraubende  und  dabei  oft  aussichtlose 
durchforschung  sämtlicher  anonj-mer  almanachsgedichte  für  die  beigäbe,  als  welche 
ich  das  siebente  buch  nur  betrachtete,  scheute.  Ich  lege  das  geständnis  ab,  dass 
ich  viele  gedichte  als  boiesch  bezeichnete ,  die  es  nicht  sind. 

Voran  mögen  briefstellen  über  die  chiffern  B  und  X  stehn,  zum  schütz, 
nicht  zum  trutz. 

Den  26.  octbr.  1772  schrieb  Knebel  an  Boie  über  den  Almanach  für  1773:  „X, 
das  ich  bald  unter  den  Buchstaben  B  mitstecke,  hat  sehr  niedliche  Dinge.  —  Wis- 
sen Sie  schon,  dass  Ihr  schönes  Lied,  das  Gewitter,  in  die  Lieder  der  Deutschen 
kommt?"  —  Knebel  schrieb  also  Boien  beide  chiifern  zu,  und  doch  gehören  in  jenem 
almanach  von  den  X- gedichten  drei  entschieden  Boie  nicht,  wie  ich  jetzt  weiss. 

Den  14.  mai  1775  schrieb  Boie  an  Voss:  „Herr  X  schickt  Ihnen  ein  ganz 
Paket  zum  ausfüllen.  Was  Sie  von  X  seinen  Sächelchen  brauchen  wollen,  zeigen  Sie 
mir  an.  Wo  Ihnen  was  besseres  einfällt,  sagen  Sies  getrost."  —  Am  22.  juni  1775 
an  denselben:  ,Da  ist  schon  wieder  ein  Brief  und  ein  Blättchen  Verse.  Nicht  als  ob 
ich  alles  das  ZwUg  gedruckt  haben  wollte.     Es  ist  blos  zum  aussuchen.     Was  ihnen  am 

ZEITSCUK.    F.    ]>EUTSCHii     PHI1.01.0O1K ,  ^5 


386  WEINHOLD,   BOIE 

besten  gefüllt,  aber  nur  ein  paar  Sti'icko,  lassen  Sie  unter  B,  das  andre  unter  X 
drucken.  Manche  und  vielleicht  die  meisten  der  ei)igrajnnie  sind  nachgealnat ,  ol)  ich 
gleich  von  den  wenigsten  sagen  kann  woher." 

Am  29.  märz  1776 ,  als  ihm  daran  liegt ,  in  Hannover  nicht  für  einen  poeten 
zu  gelten,  bittet  BoieVossen:  ,,Was  Sie  von  mir  noch  haben,  wenn  ja  was  darunter 
ist,  was  Sie  brauchen  können  und  wollen,  lassen  Sie  nicht  unter  B  drucken.  Ich 
habe  meine  Ursachen,  weshalb  ich  hier  nicht  gern  Poet  seyn  möchte."  Und  den 
23.  juli  1776:  ,,  Auch  einige  Kleinigkeiten  von  mir  zum  ausfüllen,  die  Sie  vielleicht 
alle  schon  haben.  Nur  nicht  mit  B  oder  X.  Ich  habe  Localursachen ,  weshalb  ich 
nicht  mehr  als  Reimer  genannt  sein  will." 

Neun  jähr  später,  den  7.  aug.  1785,  schreibt  er  Vossen:  „Ich  habe  seit  Jahren 
nichts  gereimt  und  wo  noch  manche  alte  Stücke,  die  allenfalls  unter  X  figuriren 
mögten ,  sind,  weiss  der  Himmel."  Den  22.  octbr.  1787  widerum:  ,,  Hier  lege  ich 
Dir  —  lache  nicht!  —  einige  alte  Eeimereien  von  mir  verbessert,  wenigstens  verän- 
dert, bei.  Die  bezeichneten  sind,  so  viel  ich  weiss,  noch  gar  nicht  gedruckt,  und 
wenn  Du  im  Mangel  besserer  sie  unter  X  verstecken  willst,  habe  ich  nichts  dawider." 

Schreiten  wir  nun  zur  ausscheidung  des  fremden ,  so  weit  mir  dasselbe  bis 
jetzt  erkennbar  ward. 

Dass  die  im  Almanach  für  1772  mit  M  bezeichneten  gedichte  nicht  Boien  son- 
dern Herder  gehören ,  ward  schon  erwähnt. 

Die  chiffer  B  hat  sich  mir  im  ganzen  zuverlässig  erwiesen ;  nur  im  vossischen 
Almanach  für  1779  versagte  es  die  probe.  Die  vier  unter  B  Mer  gestellten  gedichte 
gehören  nämlich  Brückner ,  wie  ich  ausdrücklich  in  einem  briefe  Boies  an  Voss  vom 
30.  novbr.  1777  für  das  lied  „Auf  ritter  lasst  die  gläser  klingen"  angegeben  finde. 
Die  übrigen  drei  „Ich  bin,  sprach  herr  von  Pilz,  vom  ältesten  geschlechte,"  ,,Ihr 
dirnen  die  ihr  spröde  thut,"  ,, Warum  der  pastor  oft  mit  tiefem  compliment,"  sind 
augenscheinlich  vom  selben  Verfasser.  Man  begreift  zwar  leicht ,  weshalb  der  mekleu- 
burgische  dorfprediger  sich  grade  unter  diesen  gedichten  ungern  genannt  sah,  aber 
versteht  nicht  warum  Voss  die  bekannte  chiffer  Boies  denselben  gab,  und  versteht 
dies  um  so  weniger ,  wenn  man  in  jenem  eben  erwähnten  briefe  Boies  liest ,  wie  der- 
selbe Vossen  widerrät,  sie  mit  Brückners  nanien  drucken  zu  lassen,  und  die  frage 
hinwirft:  „Soll  sie  nicht  lieber  Ahorn  gemacht  haben?"  Vossens  wähl  des  buchsta- 
ben  B.  erhält  dadurch  einen  unangenehmen  beigeschmack. 

Schlimmer  als  um  B  sieht  es  um  X  aus ,  das  keine  feste ,  obschon  oft  benutzte 
chiffer  Boies  war,  sondern  eine  allgemeine,  worunter  allerlei  volk  sich  findet.  Von 
den  durch  mich  irrtümlich  Boien  zugeschriebeneu  gedichten  mit  X  gehört  eines 
Weisse,  eines  Gotter,  zwei  Bürger,  eines  Fr.  L.  Stolberg,  eines  Brückner  und  eine 
grössere  zahl  Voss.  Spätere  funde  sind  dabei  noch  möglich,  wie  die  Verhältnisse 
einmal  sind. 

Das  Weissesche  gedieht  ist:  ,,Ich  nenne  dich,  ohn  es  zu  wissen"  Alm.  1775. 
s.  144;  vgl.  Weisse  kleine  lyr.  gedichte  1,  130.  Das  Gottersche  steht  Alm.  1773. 
s.  217  „Noch  vom  süssen  Schlummer  überschattet."  Die  beiden  Bürgerschen  sind 
„Amors  pfeil  hat  widerspitzen"  Alm.  1773  s.  213  und  das  schöne  gedieht  gegenliebe 
,,Wenn  ich  wüste  dass  du  mich."  Zur  Vergütung  dieses  meines  ärgsten  Versehens 
will  ich  mitteilen,  dass  Bürger  dies  lied  ganz  wie  es  im  Alm.  f.  1775  s.  22  gedruckt 
ist,  schon  den  19.  ajiril  1773  an  Boie  schickte.  Das  Stolbergsche  gedieht,  das  unter 
X  im  Almanach  für  1774  s.  104  erscliien ,  ist  der  Irrwisch  (Spiele  nur  immer  gaukeln- 
der betrüger),  womit  Boie  die  von  ihm  1779  herausgegebenen  gedichte  der  brüder 
Stolberg  eröffnete. 


WEINHOLD  ,    BOIE  387 

Brückner  gehört  das  epigramni  auf  dr.  Stauzius  „Das  meine  herren  brüder  ist" 
(Voss  alm.  1778  s.  65.  Mein  Boie  s.  331) ;  vgl.  Brückner,  gedichte.  Neustrelitz  1803. 
s.  245. 

Die  zahlreichen  Vossischen  gedichte  sind  meist  epigramme.  Nicht  dieser  gat- 
tung  gehören  das  lied  „Schliesst  euch  endlich  augenlieder"  (umgearbeitet:  Hell 
umschwebt  die  augenlieder,  Voss  sämtl.  ged.  4,  18),  das  trinklied  „Trinkt  brüder 
der  reben  entflammten  saft"  (Voss  4,  16),  das  madrigal  „Dir  klaren  heitern  äuge- 
lein"  (6,  160),  die  triolette  „Bewachen  herd  und  herz"  (6,  99)  und  „Schöne  Schwe- 
stern, von  euch  dreien"  (6,  100). 

Die  epigramme  sind  folgende : 

Als  am  höheren  kreuz  gekreuzigt  —  Alte  dichter  allein  und  tote  lobst  du  — 
Aufrichtiger  den  fehler  hasst  —  Bist  du  arm,  mein  lieber,  so  schicke  —  Das  Sprich- 
wort saget  falsch  —  Deinen  geburtstag  feiert  als  gast  —  Dein  lied  ist  morgenthau  — 
Dein  redseliges  buch  lehrt  —  Der  pöbel  hält  gemahl  —  Du  sprichst  bei  allen  schlecht 
von  mir  —  Ferne  von  menschen  zu  sein  —  Finden  mag  was  jeder  verlangt  —  Fröh- 
lich schmauste  mit  uns  Andragoras  —  Gehe  dies  grab  nicht  vorbei  —  Hätt  ihn  sein 
böser  stern  —  Heiliger  Pluton  nimm  den  Dämokritos  —  In  dickem  rundem  krau- 
sem kragen  —  Interpret  was  ist  das  —  Komm  hervor  aus  der  flasche  —  Lächelnd 
wog  in  der  band  —  Lebend  ward  ich  versteint  —  Mein  herr  barbier  hat  eigne  gaben  — 
Mein  ist  jenes  gedieht  —  Mein  lied  gefällt,  was  meister  Feil  —  Mit  einem  lorbeerkranz 
geschmückt  —  Nackt  hat  Paris  mich  nur  —  Nicht  aus  gunst  erhob  das  geschick  —  Nicht 
die  guten  zu  loben  —  Nicht  Venus  Sol  Merkur  —  Potz  sprach  die  zeit  zu  Kakadu  — 
Eeichthum  hast  du  des  reichen  —  Eolf  rüge  doch  des  setzers  fehler  nicht  —  Schweige 
von  dir  unkluger  —  Still  ohne  pracht  doch  sicher  —  Unsern  marmornen  Zeus  — 
Verse  schüttest  du  hin  —  Wandrer  mich  tötete  nicht  der  medicus  —  Wart ,  ich  werde 
mich  rächen  —  Warum  Signore  Veit  —  Warum  trägt  frau  Cäcilia  —  Was  ist  die 
bibel?  ein  buch  —  Weder  vertrau  dir  zu  viel  —  Wer  hastig  alles  glaubt  —  Zwan- 
zig söhne  erzeugte  —  Zween  tiefsinnige  freunde. 

Sie  sind  alle  von  Voss  in  seine  sämtlichen  gedichte  (1802)  aufgenommen. 

Von  diesen  epigrammen  ist  indessen  ,,Du  sprichst  bei  allen  schlecht  von  mir" 
zweifelhaft.  Bürger  schrieb  es,  als  er  den  Almanach  für  1778  las,  aus  seiner  erin- 
nerung  Bolen  zu;  Voss  selbst  stellte  es  unter  P.  W.  Henslers  Sinngedichte  s.  57  und 
Hess  es  doch  auch  unter  den  seinen  drucken.  Dies  eine  beispiel  veranlasst  zu  man- 
chen bedenken. 

Ferner  hebe  ich  hervor,  dass  zu  einer  nicht  kleinen  anzahl  dieser  epigramme 
Voss  nur  die  form,  Boie  den  Inhalt  gab.  Ich  lernte  dies  aus  erst  jetzt  gefundenen 
briefstellen.  Den  21.  octbr.  1777  schreibt  Boie  dem  schwager  mit  bezug  auf  den  78er 
Almanach:  ,, Ein  paar  Kleinigkeiten  hat  X  meisterhaft  übersetzt.  Sobald  ich  einmal 
Zeit  oder  Lust  habe,  will  ich  ihm  mehr  von  der  Art  aufsuchen,  woran  er  sich  üben 
kann."  Den  30.  novbr.  1777  schreibt  er:  ,,Ich  nehme  die  englischen  Kleinigkeiten  aus 
meiner  eignen  Samlung,  die  noch  immer  unausgesucht,  aber  sehr  vermehrt  da  liegt. 
Verwerfen  Sie  also  nichts,  zeichnen  sich  aus,  was  Sie  etwa  brauchen  und  schicken 
mir  bald  alles  zurück."  Und  den  10.  febr.  1778:  „Die  verdeutschten  Ejjigramme  sind 
gut,  besonders  das  von  Frau  Cäcilie.  —  Da  hab  ich  allerlei  für  Sie  zusammenge- 
schrieben, daraus  einige  gute  Epigramme  genommen  werden  können.  Ich  habe  mehr 
auf  Einfälle  gesehen ,  die  ich  im  Deutschen  noch  nicht  kannte.  Wenn  Ihnen  nur  ein 
Paar  so  gut  glücken  als  die  Frau  Cäcilie ,  so  soll  mich  diese  Mühe  nicht  dauern." 


;388  WEINHOLD.    BOIE 

Meine  beichte  ist  mir  nicht  Iciclit  geworden.  Kh  will  nicht  flariiuf  verweisen, 
(lass  auch  andern ,  welche  im  übrigen  Sorgfalt  und  kenntnis  bewiesen ,  ähnliches  niis- 
geschick  begegnete.  Die  beste  sühne  ist  die  gewonnene  erkenntnis  und  der  schon 
in  ausführung  begriffene  vorsatz ,  die  anonyme  und  Pseudonyme  des  Göttinger  und 
des  Vossischen  almanachs  aufzuspüren  und  das  ergebnis  der  allgemeinen  benutzung 
zu  sichern.  Dabei  wird  die  eigentümliche  Schwierigkeit  dieser  Untersuchung  eine 
nähere  beleuchtung  erfahren.  Man  nahm  es  mit  dem  geistigen  eigentum  damals 
nicht  so  streng,  weil  vieles  überhaupt  nur  formal  erworben  war,  und  manche  dich- 
ter schwankten  später  selbst  über  das ,  was  ihnen  gehörte.  Das  zwischen  Goethe 
und  J.  G.  Jacobi  streitige  sommerlied  „Wie  feld  und  au  so  blinkend  im  thau"  gibt 
das  bekaimteste  beispiel. 

Ich  hoffe  das  Boiesche  eigentum  sicherer  als  in  meinem  buche  geschah  ,  fest- 
stellen zu  können  und  kann  nur  wünschen,  durch  eine  zweite  aufläge  gelegeuheit  zu 
erhalten ,  die  neu  gewonnenen  ergebnisse  glatt  vorzulegen. 

KIEL,    NOVEMBER    1868.  K.    WEINHOLD. 


Deutsche  elementargrammatik  für  höhere  lehranstalten,  gymua- 
sien,  lyceen  und  real  schulen.  Von  Ch.  Friedrich  Koch.  Vierte  verb. 
aufläge.  Jena,  Haukes  Verlag  (Hermann  Dufft).  1868.  VIIT ,  66  s.  8.  l^l^  sgr. 
Ein  sehr  verständiges  und  geschicktes  buch,  das  sich  durch  kürze  und  meister- 
hafte klarheit  auszeichnet.  Auf  nicht  mehr  als  4  bogen  bewältigt  es  die  ganze  laut-, 
flexions  - ,  wortbildungs  -  und  satzlehre ,  mit  dem  ausgesprochenen  zwecke ,  den  in  den 
unteren  klassen  an  die  lectüre  anzuschliessenden  grammatischen  stoff  genügend  dar- 
zubieten ,  und  nach  dem  richtigen  grundsatze ,  däss  in  den  unteren  klassen  an  und  in 
der  nmttersprache  allein  gi-ammatische  Verhältnisse  erläutert  werden  können,  weshalb 
auch,  eben  so  richtig,  durchgehend  die  lateinische  terminologie  angewendet  ist.  Es 
beschränkt  sich  auf  das  neuhochdeutsche ,  beruht  aber  durchaus  auf  gedigener  wissen- 
schaftlicher historischer  grundlage.  Sein  Standpunkt  ist  im  wesentlichen  der  der 
Grimmschen  grammatik ,  deren  mängel  auch  grossenteils  noch  beibehalten  sind.  Abge- 
sehen davon  haben  sich  fehler  oder  Irrtümer  nur  sehr  spärlich  eingeschlichen,  wie 
z.  b.  s.  17  ein  Infinitiv  däuchen,  den  Grimm  WB.  2,  835  mit  recht  ,, unerhört" 
nennt,  obschon  er  im  16.  Jahrhundert  vereinzelt  vorkomt ,  (vielleicht  ist  es  nur  dnick- 
fehler  für  das  zwar  auch  selten,  aber  doch  selbst  bei  Göthe  und  Schiller  vorkom- 
mende däuchten),  oder  s.  22  ein  nicht  hochdeutsches  masc.  der  eidechs,  neben 
dem  allein  hochdeutschen  fem.  die  eidechse. 

HALLE.  J.    ZACHER. 

Leitfaden  für  den   deutschen   Sprachunterricht  in    höheren   knaben- 
und    mädchenschulen    von    A.  Eng'elien.    Für  die  Unterklassen.     Zweite, 
■  verbesserte  aufläge.    Berlin  1868.     Verlag  von  Wilhelm  Schultze.     15  sgr. 

Gott  sei  dank!  Endlich  einmal  ein  elementarbüchlein  nach  vernünftiger  methode, 
so  dass  die  anschauung  an  sehr  geschickt  ausgewählten  und  abgestuften  zusam- 
menhängenden prosaischen  wie  poetischen  lesestückchen  und  zwischengestreuten  grup- 
pen  einzelner  sätze  vorangeht,  und  dahinter  erst  die  definition  und  die  regel 
nebst  deren  ein  Übung  an  reichlich  und  zweckmässig  gegebenem  und  mit  klaren 
anleitungen  begleitetem  materiale  nachfolgt.  Das  büchlein  gibt  hauptsächlich 
eine  elementare  satzlehre  in  der  üblichen  aus  der  lateinischen  grammatik  überkom- 
menen gestalt.  Das  notwendigste  der  Orthographie ,  interpunction  und  tiexion  ist 
geeigneten  ortes  zwischengeschoben ,  aber  dabei  doch  etwas  zu  kurz  und  die  wissen- 
schaftliche historische  grammatik  noch  nicht  zu  ihrem  rechte  gekommen.  Ablaut, 
Umlaut .  starke  und  schwache  flexionsform  u.  dgl.  lassen  sich  aber  auf  dieser  elemen- 
tarstufe sehr  wol  behandeln;  ja  richtig  behandelt  regen  sie  sogar  mächtig  an  und 
tragen  reiche  frucht.  Der  Verfasser  würde,  wenn  er  diesem  mangel  abhelfen  wollte, 
den  wert  seines  trefflichen  büchleins  nur  noch  erhöhen. 

HALLE.  J.  ZACHER. 


NOEDISCHER   LITTERATURBERICHT. 

I. 

Wenn  ich,  aufgefordert  von  der  redaction  dieser  Zeitschrift,  einen 
bericht  zu  geben  versuche  über  die  arbeiten  auf  dem  gebiete  der  nordi- 
schen oder  nordgerraanischen  philologie  im  skandinavischen  norden,  so 
sei  es  mir  gestattet  an  einen  kleinen  vertrag,  den  ich  im  jähre  1863 
über  denselben  gegenständ  hielt  und  drucken  liess ,  anzuknüpfen  und  auf 
ihn  hier  zu  verweisen,^  um,  was  ich  dort  zur  allgemeinen  Orientierung 
bemerkt ,  hier  nicht  noch  einmal  zu  sagen.  Es  sind  seitdem  fünf  jähre 
verflossen  und  während  dieser  zeit  eine  ganze  anzahl  von  hier  in  frage 
kommenden  Schriften  erschienen ,  unter  ihnen  mehr  als  eine ,  die  ihrer 
bedeutung  nach  wol  verdiente,  zum  gegenständ  besonderer  und  ein- 
gehender besprechuug  gemacht  zu  werden.  Einer  von  ihnen,  Rdf. 
Keys  er  s  altnorwegischer  litteraturgeschichte ,  ist  ja  eine  solche  bereits 
in  dieser  Zeitschrift  zu  theil  geworden ,  und  dennoch  angesichts  der  Wich- 
tigkeit der  Sache  konnte  sie  es  nur  einzelnen  partien  derselben.  Gleich- 
wol  einerseits  die  uns  hier  gebotenen  räumlichen  grenzen,  andrerseits 
der  wünsch  nichts  wesentliches  zu  übergehen,  lassen  es  zweckmässig 
erscheinen  auf  solch  eingehendere  besprechung  für  diesmal  wenigstens 
zu  verzichten,  um  so  eher  dürfen  wir  es  später  thun,  wenn  der  bericht 
statt  wie  diesmal  über  ein  lustrum,  sich  nur  über  ein  oder  ein  paar 
jähre  zu  erstrecken  hat. 

Nur  ein  werk  macht  eine  berechtigte  ausnähme  und  nötigt  uns  zu 
längerem  verweilen:  Sophus  Bug g es  ausgäbe  der  Saemimdar  Edda, 
nicht  allein  weil  sie  an  sich  zu  den  wissenschaftlich  hervorragendsten 
leistungen  gehört,  sondern  auch  weil  entschieden- kein  werk  der  gesam- 
ten altnordischen  litteratur  uns  Deutschen  in  dem  grade  nahe  steht  und 
von  jeher  unsre  theilname ,  ja  auch  unsre  mitarbeit  so  lebhaft  in  anspruch 
genommen,  als  jene  samlung  alter  lieder  nordischer  götter -  und  helden- 
sage.  Bugges  ausgäbe  derselben  steht  aber  nicht  allein;  theils  unabhän- 
gig von  ihr,  theils  durch  sie  angeregt,  ist  gerade  in  den  letzten  jähren 

1)  lieber  die  altnordische  philologie  im  skandinavischen  norden.  Ein  vor  der 
germanistischen  section  der  philologenversamluug  zu  Meissen  gehaltener  vertrag. 
Leipzig  1864. 

ZEITSOHR.    F.    DKUTSCHE    I"HII.OI,,  26 


390  Möniüs 

SO  viel  im  norden  für  die  Ssemundar  Edda  gearbeitet  und  herausgegeben 
worden,  wie  lange  zeit  nicht.  Sehen  wir  von  mehreren  arbeiten  ab, 
welche  kritik  und  erläuterung  der  eddalieder  mehr  oder  minder  mittel- 
bar gefördert,  so  vor  allem  von  Sveinbjörn  Egilssons  wertvollem 
Wörterbuche  über  die  altnordische  dichtersprache ,  war  seit  der  Muuch- 
Ungerschen  ausgäbe  der  Sa^mundar  Edda  im  jähre  1847,  der  wir  aller- 
dings die  treffliche  und  höchst  schätzbare  bearbeitung  von  Herm. 
Lüning  (Zürich  1859)  zu  verdanken  haben,  im  norden  bis  in  die  sech- 
ziger nichts  nennenswertes  erschienen.  Heute  haben  wir  neben  Bugges 
ausgäbe  nicht  allein  noch  eine  zweite  textesausgabe  von  Svend  Grundt- 
vig,  sondern  auch  drei  Übersetzungen  eddischer  lieder  von  A  a r s ,  Gjes- 
sing,  Jessen  zu  verzeichnen,  zwei  Schriften  über  eddische  syntax  von 
Nygaard  und  Wisen,  von  letzterem  wie  auch  von  Hazelius  com- 
mentare  über  einzelne  lieder,  zwei  über  die  metrik  der  eddalieder  von 
Eosenberg  und  Jessen,  dazu  die  betreffenden  abschnitte  in  N.  M. 
Petersens  und  Kdf.  Keysers  altnordischen  litteraturgeschichten  und 
namentlich  Svend  Grundtvigs,  wie  die  höhere  kritik  der  eddalieder 
überhaupt,  so  insonderheit  die  heldensage  betreffende  Untersuchungen. 

Die  Ssemundar  -  Edda  ist  nun  allerdings  auch  eine  litterarische 
erscheinung,  die  der  betrachtung  so  viele  und  mannichfaltige  selten  dar- 
bietet, wie  kaum  noch  eine  andere.  Der  fragen  der  niedern  wie  höhern 
kritik ,  über  ort  und  zeit  der  samlung  einerseits ,  wie  andrerseits  der  ein- 
zelnen lieder,  deren  ausbreituug  und  Verhältnis  zu  den  späteren  Folke- 
viser,  über  ihre  innere  geschichte,  d.  h.  ihre  Umformungen  und  Vermi- 
schungen mit  andern  noch  während  der  mündlichen  tradition  und  auch 
nach  derselben,  über  ihren  Inhalt,  den  mythologischen  wie  den  helden- 
saglichen, über  ihre  form,  die  sprachliche  wie  die  metrische  —  sind  so 
viele,  und  die  beantwortung  der  einzelnen  ist  eine  der  art  gegenseitig 
bedingte ,  dass  wohl  noch  eine  geraume  zeit  darüber  hingehen  möchte, 
ehe  —  so  weit  überhaupt  ein  wissen  auf  diesem  gebiete  möglich  ist  — 
dieses  überall  an  die  stelle  eines  blossen  vermutens  treten  darf.  Weit 
entfernt,  die  sehr  hohen  Verdienste  unterschätzen  zu  wollen,  die  sich 
um  die  lösung  jener  fragen  seit  Arne  Magnussen  (f  1730),  der  auch 
hier  wie  anderwärts  unverlöschliche  leuchten  angezündet,  sowol  nordische 
als  deutsche  gelehrte  erworben  haben,  glauben  wir  doch  angesichts  des 
buches,  das  uns  zu  diesen  bemerkungen  veranlasst,  nichts  paradoxes  zu 
behaupten,  wenn  wir  sagen,  dass  eine  sichere,  zuverlässige  gruudlage 
für  texteskritik  der  eddalieder,  und  widerum  hiermit  das  fuudament  für 
alle  sich  an  diese  anknüpfende  mythologische,  litteraturhistorische, 
sprachliche  forschung  —  eben  jetzt  erst  durch  und  mit  Bugges  ausgäbe 
geschaffen  worden. 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.    T.  391 

Um  zunäclist  das  biicli  nach  umfang  und  inlialt  zu  beschreiben, 
so  bildet  die  ausgäbe  der  texte  den  wesentlichen  bestand  s.  1  —  376, 
dem  ausser  titel,  Verzeichnis  des  Inhaltes  und  der  abkürzungen  eine  vor- 
rede von  76  selten  vorausgeht,  und  dem  ein  namenregister  s.  377  —  87, 
Zusätze  und  berichtigungen  s.  388 — 450  und  druckfehlerverbesserungen 
s.  451  folgen;  beigefügt  ist  dem  auf  gutem  papier  mit  scharfen  und 
gefälligen  typen  gedruckten  buche,  eine  tafel  mit  2  facsimüestreifen ,  der 
Hauksbök  (Völu  spä)  und  des  codex  ßegius. 

Der  titel  des  buches,  der  vor  allem  dahin  strebt  die  bezeichnung 
Saemundar  Edda  zu  beseitigen  (s.  pag.  LXIX  der  vorrede)  und'  zugleich 
des  herausgebers  urteil  über  die  heimat  der  lieder  sowol,  als  auch  der 
samlung  ausspricht ,  lautet:  „Norroen  fornJcvceäi.  Islandsh  Säm- 
ling af  folJcelige  Oldtidsdigte  om  Nordens  Guder  og  Heroer, 
almindelig  Jcaldet  Scemundar  Edda  hins  fröäa.  üdgiven 
af  SopJius  Bugge.     Cliristiania,  Mailing.    1867.^'' 

Die  vorrede  enthält  in  ihrem  hauptbestande  (p.  I  —  LXX)  einmal 
einen  nachweis  der  handschriftlichen  quellen  und  Dires  gegensei- 
tigen Verhältnisses ,  andrerseits  eine  geschichte  der  unter  dem  namen 
der  Sseraundar  Edda  bekannten  liedersamlung.  Diese  samlung  im 
engern  sinne  umfasst  die  in  den  beiden  membranen ,  cod.  Regius  und  cod. 
Arna-Magnaanus,  enthaltenen  lieder,  dagegen  im  weiteren  —  und  diese 
lediglich  in  papierhandschriften  seit  dem  17.  Jahrhundert  —  ausser  den 
liedern  des  R.  und  AM.  noch  eine  anzahl  diesen  nach  form  und  Inhalt 
verwanter  lieder,  von  denen  die  einen  vereinzelt  auch  in  membranen, 
die  andern  nur  in  papierhandschriften  erhalten  sind.  Die  hier  in 
betracht  kommenden  membranen  sind  sonach  die  beiden  der  samlung, 
R.  und  AM.,  und  die  für  einzelne  lieder:  die  Hauksbök  für  Völu  spä, 
die  Ormsbök  der  Snorra  Edda  für  die  Rigsmäl,  die  Flateyjarbök  für  die 
Hyndluljöd,  der  Reg.  der  Snorra  Edda  für  den  Grottasöngr;  dazu  die 
verschiedenen  membranen  der  Snorra  Edda,  dei*  Völsunga  saga,  des 
Norna-gests-I)ättr  —  die  durch  die  mehrfach  in  ihnen  entweder  voll- 
ständig mitgeteilten  oder  in  prosa  umgesetzten  Strophen  aus  verschiede- 
neu eddaliederU;  zum  theil  sogar  aus  jetzt  verlornen,  ein  wichtiges  hilfs- 
mittel eddischer  kritik  darbieten.  Alle  die  hier  angeführten  membranen 
werden  sorgfältig  und  mehr  oder  minder  ausführlich  beschrieben  und 
gewürdigt,  vorzugsweise  jedoch  die  ersten  beiden,  R.  und  AM.,  und  von 
diesen ,  wie  zu  erwarten ,  in  eingehendster  weise  der  Reg. ,  *  dessen 
beschreibung  wol  eine  erschöpfende  sein  möc^ite;  zunächst  sein  Inhalt 
(lied  für  lied,  mit,  soweit  noch  erkennbarer,  Überschrift,  nach  seite  und 
zeile  der  handschrift) ,   darauf  über   die  art   seiner  widergabe  durch  den 

26* 


392  MÖBix^s 

druck,  endlich  —  auf  10  selten  —  eine  detaillirte  darstellung  seiner 
Orthographie  und  abbreviatureu ;  dassell)e ,  nur  etwas  kürzer ,  über  AM. 
Beide  niembranen  sind  aus  graphischen  gründen  unzweifelhaft  isländische, 
und  rücksichtlich  des  alters:  der  Keg.  vom  ende  des  13.  Jahrhunderts, 
der  AM.  aus  dem  beginne  des  14.  Für  die  bestimmung  des  genealo- 
gischen Verhältnisses,  in  welchem  beide  membranen  zu  einander  stehen, 
ist  ausser  den  sonst  hierbei  in  betracht  kommenden  kriterien  von  wesent- 
lichem gewicht  die  mehreren  liedern  zur  eiuleitung ,  ergäuzung  usw.  bei- 
gefügte prosa,  wie  ja  diese  in  der  Ssemundar  Edda,  um  dessen  gleich 
hier  zu  gedenken,  nicht  allein  für  die  niedere  kritik,  sondern  auch  für 
die  beurteilung  des  Verhältnisses  der  lieder  zur  samlung  ein  in  gleichem 
grade  bedeutsames  kriterion  gewährt.  Ein  gedieht,  das  mehrere  einst 
mündlich  vernommen  und  dann  ein  jeder  von  ümen  für  sich  aufgezeich- 
net hat,  wird  in  diesen  verschiedenen,  von  einander  unabhängigen  auf- 
zeichnungen,  vermöge  seiner  gebundenen  und  festen  form  im  wesent- 
lichen ganz  dieselbe  gestalt  zeigen ;  ein  stück  prosa  dagegen ,  in  gleicher 
weise  vernommen  und  aufgezeichnet,  in  folge  seiner  losen  und  flüssigen 
form  —  nimmermehr:  Übereinstimmung  der  prosa  in  mehreren  exem- 
plaren  beruht  schlechterdings  auf  unmittelbarer  oder  mittelbarer  abschrift 
und  zwar  eines  bestimmten,  individuellen,  einem  bestimmten  verfasser- 
individuum  angehörigen  schrifttextes.  Das  gedieht  gestattet  meh- 
rere mündliche  quellen,  die  prosa  fordert  eine  schriftliche  — 
wenn  diese ,  wie  jenes ,  als  dieselben  in  mehreren  handschriften  befunden 
werden.  So  ist  denn  auch  im  vorliegenden  falle  die  prosa,  wie  sie  uns 
auf  den  erstmaligen  aufzeichner  und  samler  als  solchen  hinweist ,  dadurch, 
dass  sie  im  ß.  und  AM.  dieselbe  ist,  ein  untrügliches  kennzeichen 
dessen,  dass  beide  handschriften  —  selbst  wenn  nicht  gemeinsame 
lücken  und  fehler  es  verriethen  —  auf  ein  ihnen  gemeinsames,  schrift- 
Kches  original,  auf  einen  archetypus  zurückgehen.  Wenn  dagegen  AM. 
-^  bekanntlich  nur  ein  fragment,  bez.  zwei  fragmente  von  6  blättern  — 
gleichwol  von  R.  vielfach  abweicht,  nicht  nur  in  den  lesarten,  sondern 
auch  durch  die  andre  reihenfolge  seiner  paar  lieder  und  durch  ein  ihm 
eigenthümliches  (die  Vegtamskvida) ,  so  erklärt  Bugge  dies  dahin,  dass 
AM.  durch  anders  geordnete  und  reichere  mittelglieder  auf  den  archety- 
pus zurückgeht,  als  R. 

Nach  den  membranen  wird  die  nm-  in  papierhandschriffcen  enthal- 
tene Überlieferung  der  vier  gedieh te,  Grögaldr,  Fjölssvinnsmäl,  Sölar- 
Ijöd,  Hrafnagaldr  Odins  besprochen,  anhangsweise  über  die  in  den  spä- 
tem samlungen  auch  wol  beigefügten  gedichte  aus  der  Hervarar  saga 
und  den  Gunnarslagr,  als  dessen  Urheber  nach  Gudbrand  Vigfiissons 
mitteilungen  wie  hier  (s.  XLIX)  von  Bugge ,    so  neulich  von  Konr.  Mau- 


NOEBISCHER   LITTEBATURBERICHT.     I.  393 

rer  (Pfeif.  Germania  XIII,  72.  284)  der  1793  verstorbne  Gunnarr  Päls- 
son  nachgewiesen  wird.  —  Nach  dem  erörterten  befund  von  R.  und  AM. 
kann  es  fiir  die  kritik  der  in  ihnen  enthaltenen  eddalieder  kaum  ein  ande- 
res ziel  geben,  als  mit  hilfe  derselben  —  nicht  etwa:  das  jenseits  schrift- 
licher aufzeichnung  nur  gesprochene  original  des  betreffenden  liedes  errei- 
chen und  herstellen  zu  wollen ,  sondern :  den  ihnen  gemeinsamen  schrift- 
lichen archetypus  aufzufinden ,  diesen  als  basis  zu  gewinnen  und  bei  den 
wenigen  auch  im  AM.  vorhandenen  liedern  unter  Zugrundelegung  des 
Reg.  die  abweichungen  des  Jüngern  AM.  dahin  zu  prüfen,  in  wie  weit 
sie  gieichwol  dem  archetypus  näher  stehen  und  in  diesem  falle  denen 
des  Reg.  vorzuziehen  seien.  Und  hiermit  würde  die  aufgäbe  der  „recen- 
sio"  erfüllt  sein.  Nun  sind  uns  aber,  wie  bekannt,  seit  dem  17.  Jahr- 
hundert, eine  ganze  reilie  von  papierhandschriften  der  samlung  überlie- 
fert ,  die  die  im  R.  (und  AM.)  enthaltenen  lieder  theils  in  anderer  folge, 
theils  mit  mancherlei  ergänzungeu  und  ausfüUungen  mangelhafter  Stro- 
phen, theils  endlich  vielfach  mit  andern  lesarten  bieten.  Welchen  wert 
haben  diese  neben  den  membranen  für  die  ki-itik  der  Lieder -Edda?  Man 
kannte  sie  bisher,  die  kopenhagener  aus  der  Arnamagnaeanischen  aus- 
gäbe, die  Stockholmer  aus  Rasks  ausgäbe  —  doch  diese  wie  jene  nur 
nach  sehr  dürftigen  und  mangelhaften  angaben,  die  es  denn  doch  nicht 
zur  entscheidung  kommen  Hessen,  in  wie  weit  Arne  Magnüssons  behaup- 
tung ,  dass  alle  papierhandschriften  der  samlung  nur  abschriften  des  Reg. 
seien,  sich  halten  lasse  oder  nicht,  —  um  so  weniger  als  immer  von 
zeit  zu  zeit  und  selbst  noch  neuerdings  nachrichten  von  dem  einen  oder 
andern  ganz  vortrefflichen  und  unabhängigen  chartaceus  auftauchten. 
Da  hat  sich  nun  Bugge  der  überaus  mühseligen,  doch  —  selbst  abge- 
sehen von  dem  gewonnenen  resultate  — ,  um  so  dankenswerteren  arbeit 
unterzogen  (XLIX  — LXIII),  nicht  nur  die  genannten,  sondern  sämtliche  in 
Kopenhagen  vorhandene  papierhandschriften  zum  gegenständ  sorgfältig- 
ster Untersuchung,  bezügl.  vergleichung  mit  den  membranen  zu  machen. 
Auf  grund  derselben  hat  er,  was  Arne  Magnüsson  zuerst  aussprach, 
wirklich  erwiesen:  dass  die  vorhandenen  papierhandschriften  samt  und 
sonders  theils  mittelbar  theils  unmittelbar  unter  benutzung  von  AM. 
und  der  membranüberlieferung  einzelner  lieder  —  Völu  spä  in  der  Hauks- 
bök  und  der  heldenlieder  in  Snorra  Edda,  Völsunga  saga,  Norna  gests 
pättr  —  gefertigte  abschriften  des  Reg.  und  nur  des  Reg.,  und  zwar 
des  schon  damals  defecten  Reg.  seien;  dass  ferner  ganz  ähnliches 
von  den  der  samlung  in  R.  und  AM.  beigefügten  liedern  gelte,  von: 
Rigsmäl,  Hyndluljöd,  Grottasöngr,  die  gleichfalls  auf  keine  andern 
membranen,  als  die  auch  uns  vorliegenden  (s.  oben)  zurückgehen  — 
dass  sonach,   was  uns   auch  anderwärts  auf  dem  gebiete  der  altisländi- 


894  MÖBIL'S 

sehen ,  noch  viel  häufiger ,  wie  bekannt ,  auf  dem  der  griechischen  und 
römischen  litteratur  begegnet,  die  gesamte  Überlieferung  eines  Schrift- 
werkes auf  dem  günstigen  zufalle,  der  eben  eine  membrane  erhielt, 
beruht,  dass  sie  mit  dieser  so  zu  sagen  steht  und  fällt.  Schliesst  sich 
Bugge  hierin  Arnes  behauptung  an,  oder  vielmehr,  hat  er  zuerst  sie 
wirklich  begründet,  so  geht  er  in  sofern  über  ihn  und  Munch  noch 
hinaus ,  wenn  er  behauptet ,  dass  alle  einzelne  Strophen  und  verse ,  die  sich 
nur  in  papierhandschriften  finden ,  samt  den  diesen  eigentümlichen  lesar- 
ten,  bei  den  liedern,  die  zugleich  in  den  membranen  überliefert  sind,  spä- 
tem Ursprungs ,  und  nicht  etwa  aus  für  uns  verlornen  membranen  stammen 
—  bis  auf  eine  einzige  ausname :  die  (9)  schlusstrophen  der  Sigrdrifumäl. 
Wie  bekannt,  ist  im  cod.  Reg.  zwischen  fol.  32  und  33  eine  lücke; 
wie  viel  blätter  abhanden  gekommen,  wissen  wir  nicht;  schon  längst  hat 
mau  an  ihrer  statt  eine  läge  von  8  leeren  pergamentblättern  eingeheftet. 
Durch  diesen  defect  fehlt,  wie  hinter  ihm  der  anfang  der  einen  Sigur- 
darkvida,  so  vor  ihm  der  schluss  der  Sigrdrifumäl;  einen  solchen  ent- 
halten aber  nun  papierhandschriften,  zwar  auch  die  spätem  der  ganzen 
samlung,  doch  zunächst  einige  ältere,  und  zwar  diese  nur  in  Verbin- 
dung mit  Sigurdarkvida  I.  und  Gudrüuarkvida  L,  auch  Hävamäl.  Wäh- 
rend Munch  sie  für  unächt  und  vom  Gunnarr  Pälsson,  dem  Verfasser 
des  Gunnarsslagr  unter  benutzung  der  Völsunga  saga  verfasst  hielt 
(Ssem.  E.  vorr.  p.  XI),  hält  sie  Bugge  aus  Innern  gründen  für  acht 
(s.  234—236  und  L  —  LET);  einmal,  was  hätte  den  dichter  zu  str.  36 
veranlassen  sollen,  für  die  sich  nichts  entsprechendes  in  Völsunga  saga 
findet  ?  ferner :  weil  der  ton  dieser  Strophen  von  achtem  und  altem  gepräge 
und  in  genauer  Übereinstimmung  mit  dem  der  andern  Strophen  steht 
(so  namentlich  im  vergleich ,  bezüglich  gegensatz  der  ächten  und  unäch- 
ten  Strophen  der  Vegtamskvida) ,  auch  in  bezug  auf  metrische  freiheiten, 
wie  sie  ein  späterer  dichter  sich  kaum  erlaubt  hätte;  endlich:  weil  die 
in  str.  34  erwähnte  begräbnissitte  der  einsargung  in  der  hista  der  Atla- 
mäl  str.  103  ihre  bestätigung  findet.  (Wir  möchten  als  kriterium  für 
die  ächtheit  dieser  Strophen  noch  hinzufügen,  dass  ihnen  allem  anscheine 
nach  der  schluss  mangelt,  an  dem  es  ein  nachdichter  doch  sicherlich 
nicht  hätte  fehlen  lassen).  Indem  Bugge  sonach  diese  Strophen  für 
ursprüngliche,  integrierende  bestaudteile  der  Sigrdrifumäl  hält,  sucht  er 
wahrscheinlich  zu  machen,  dass  jene  papierhandschriften,  in  denen  sich 
dies  lied  am  frühesten  findet  und  in  denen  die  beiden  eddalieder  (Sigur- 
darkv.  I.  und  Gudrunarkv.  L),  zwischen  denen  jenes  steht,  untrügliche 
spuren  ihrer  herkunft  aus  dem  cod.  Reg.  aufweisen,  zu  einer  zeit  aus 
demselben  abgeschrieben  wurden ,  als  er  noch  vollständig  war.  —  üebrigens 
berichtigt  Bugge  die  angäbe,   dass  die  schlusstrophen  der  Sigrdrifumäl 


NOBDISCIIER    LITTERAXÜEBERICHT.    I.  395 

im  commentar  des  Björn  von  Skardsä  sich  fänden,  da  derselbe  sich  nur 
über  die  5.  — 19.  str.  erstrecke. 

In  dem  nachweise,  dass  die  sämtlichen  papierhandschriften  ihre 
quelle  in  den  uns  noch  vorliegenden  membranen  und  nur  in  diesen 
haben ,  dass  sie  diesen  gegenüber  trotz  ihrer  oft  verständlicheren  lesar- 
ten  und  ihrer  ergänzungen  keinen  selbständigen  wert,  vielmehr  keinen 
andern  als  den  von  material  und  mittein  für  die  conjecturalkritüi  besitzen, 
dass  hiernach  die  membranen  das  alleinige  object  der  diplo- 
matischen kritik  bilden  — ,  in  diesem  nachweise  haben  wir  ein 
ganz  wesentliches  verdienst  Bugges  um  die  Ssemundar  Edda  zu  erblicken. 

Bugge  wendet  sich   (XLIII  ff.)   zur   samlung,   als   solcher.     Für 
die  zeit  ihrer  entstehuug  kann  zunächst  nicht  massgebend  sein  der 
in  dem  hergebrachten  titel  Seemundar  -  Edda  genannte  Ssemundr  inn  frödi 
Sigfüsson  (f  1133).     Gegen  Ssemund  als  samler  spricht  nicht  allein  des- 
sen Zeitalter,  dem  solche  Interessen,  wie  sie  diese  liedersamlung  voraus- 
setzen,  gänzlich   fern  liegen,   sondern   auch   der  umstand,   dass  Snorre 
Sturluson  in  seiner  Edda  (in  der  Snorra  Edda)  in  keiner  weise  des  Sse- 
mundr  imd   einer  von  ihm  veranstalteten  liedersamlung  erwähnt,   obwol 
doch  eine  solche  jedenfalls  sich  in  der  bibliothek  seines  pflegevaters ,  des 
Jon  Löptsson,    des  enkels  von  Ssemund,    befunden  und  in   diesem  falle 
sicherlich  von   ihm  weder   unbenutzt   noch    unerwähnt   geblieben  wäre; 
liegen  doch  andrerseits  —  worauf  namentlich  Bergmann  (Poemes  de  l'Edda) 
aufmerksam  machte  —  spuren  vor,  dass  die  Edda  Snorres  (f  1241)  von 
jenem,   uns  unbekannten  samler   benutzt  worden.     Hierzu  kommt  aber, 
dass  wir  jetzt  auch  wissen,  wie  überhaupt  der  bischof  Brynjölfr  Sveins- 
son  dazu  kam,  auf  die  abschrift,  die  er  sich  von  dem  cod.  Reg.  fertigen 
liess,  den  titel:  Edda  Scemimdi  midtiscii  zu  setzen,  und  hiermit  dieser 
samlung  nicht  nur  den  namen  Edda  zu  geben,    sondern  auch  diesen  in 
Verbindung  mit  Ssemund  zu  setzen.     Schon  aus  Maurers  artikel:   Grägäs 
in  der  Hallischen  Encyclopädie  (Sp.  98'' — 99**)  —  und  Bugge  fusst  hier 
auf  denselben  mitteilungen  Gudbr.  Vigfüssons  —  erfahren  wir,  dass,  um 
nur  das  wesentlichste  hier  hervorzuheben ,  der  genannte  bischof  Brynjölfr 
Sveinsson  in  der  Überzeugung,  dass  die  bis  in  seine  zeit  allein  bekannte 
Edda  des  Snorre  Sturluson  nur  der   auszug   eines  verloren  gegangenen 
Werkes  jenes  durch  die  spätere  sage  so  hochberühmten  Ssemund  sei,  nun- 
mehr, als  ein  günstiger  zufall,  wie  so  manche  andere  kostbare  membra- 
nen,  so  auch   den  cod.  Reg.  ihm  zugeführt  hatte,    er  eben  in  letzterem 
jenes  längst  vermisste  Ssemundische   originalwerk  für   die   Snorra  Edda 
gefunden  zu  haben  glaubte,  und  sich  hierdurch  für  berechtigt  hielt,  die 
in  ihm  enthaltene  liedersamlung  nicht  nur  Edda  (nach  dem  namen  des 


39G  MÖBius 

Siiorreschou  werkes),  sondern  auch  die  Edda  des  Saemund  als  ihres 
eigentlichen  Urhebers  zu  benennen.  Hiernach  beruhte  der  titel  Ssemun- 
darEdda,  Avie  so  mancher  andere  (s.  Maurer)  nur  auf  subjectiven  ausleb- 
ten und  hypothesen  gelehrter  Isländer  des  17.  Jahrhunderts;  nicht  so, 
wenn  die  bereits  in  der  edit.  AM.  der  Sfemundar  Edda  (I.,  vit.  Ssera. 
p.  IX)  augeführte  aussage  des  Thormod  Torfseus  eine  grössere  giltigkeit 
beanspruchen  dürfte.  Arne  Magnüsson  —  seine  eignen  Worte  theilt  uns 
Bugge  nach  Jon  Sigurdssons  genauer  abschrift  des  originales  mit  — 
schreibt:  „Thormod  Torfason"  (geb.  1636)  „als  ein  mann  um  die  sech- 
zig, erzählt,  er  habe  in  seiner  Jugend  seinen  vater  etwas  aus  der  „Sae- 
mundar  Edda"  eitleren  hören,  die  dieser,  wie  er  sagt,  vor  langer  oder 
vor  kurzer  zeit"  —  A,  Magnüsson  selber  stellt  beides  als  unentschieden 
untereinander  —  „  gelesen ;  so  behauptete  Thormod  ganz  bestimmt ;  man 
kann  daraus  sehen,  dass  man  schon  damals  von  diesem  buche  gewusst 
und  es  lange,  bevor  Brynj.  Sveinsson  in  seinen  besitz  kam,  so  (nämlich 
S^emundar  Edda)  benannt  habe."  Abgesehen  von  Ssemund  —  beruhe  nun 
seine  nennung  auf  gelehrter  hypothese  einzelner  oder  auf  mündlicher 
tradition  unter  den  leuten  —  lässt  sich  doch  von  anderer  seite  her  eine 
Zeitbestimmung  der  samlung  finden.  Bugge  gewinnt  sie  mit  hilfe  der 
beiden  membranen  K.  und  AM.  einerseits,  der  Yölsunga  saga  und  des 
Norna  gests  {)ättr  andrerseits;  er  schliesst:  da  E. ,  ssec.  Xni.  ex.,  und 
AM.,  ssec.  XIV.  in. ,  wegen  der  gemeinsamen  prosa  auf  einen  archetypus 
zurückgehen,  doch  nicht  unmittelbar,  sondern,  wegen  der  mancherlei 
quantitativen  und  qualitativen  Verschiedenheiten,  nur  durch  je  mehrere 
mittelglieder ,  so  dass  mindestens  mehrere  jahrzehende  zwischen  archety- 
pus und  R.  und  AM.  liegen,  —  da  Völsimga  saga  und  Norna  gests 
]}ättr,  denen  beiden  die  samlung  der  lieder  zur  benutzuug  resp.  para- 
phrasierung  vorgelegen,  der  zweiten  hälfte  des  1.3.  Jahrhunderts  angehö- 
ren, und  diese  benutzung  ebenfalls  einen  längern  Zeitraum  beansprucht, 
und  da  widerum  von  der  andern  seite  die  samlung  nicht  füglich  dem 
Snorre,  als  er  seine  Edda  verfasste  (um  1230)  vorgelegen  haben  kann 
(eher  umgekehrt,  s.  oben)  —  so  scheint  die  samlung  um  1240 
zu  stände  gebracht  zu  sein;  aufzeichnungen  einzelner  lieder  (Völu 
spä,  Hävamäl,  Vegtamskvida  u.  a.)  mögen  dabei  schon  früher  vorhanden 
gewesen  und  der  samlung  einverleibt  worden  sein. —  Was  den  ort  der 
samlung  betrifft,  so  kann  mit  hinblick  auf  ihren  allgemeinen  htterari- 
schen  Charakter,  da  ähnliche  werke  der  norwegischen  litteratur  ganz 
fremd  sind ,  so  wie  auf  das  unzweifelhaft  isländische  gepräge  der  betref- 
fenden membranen  der  samlung ,  wie  auf  das  gleiche  der  Völsunga  saga 
und  des  Norna  gests  pättr,  so  wie  endlich  auf  das  Verhältnis  der  Snorra 
Edda  zur  Saemundar  Edda,  eben  nur  Island  in  betracht  kommen ,  nicht 


NOEDISCHER   LITTERATÜRBEEICHT.    I.  397 

Norwegen,  wo  jede  spur  einer  bekanntscliaft  mit  der  samluug  fehlt; 
denn,  die  allein  dergleichen  zu  verraten  scheint,  eine  stelle  aus  dem 
prolog  der  Thidrekssaga ,  worauf  Bugge  unsers  wissens  zuerst  aufmerk- 
sam macht,  ergibt  sich  -~  da  nur  in  den  isländischen  handschrif- 
ten  der  saga  vorhanden  —  als  isländische  fassung.  —  Schliesslich 
(LXIX)  macht  Bugge  noch  auf  zweierlei  aufmerksam;  einmal:  wie, 
wenn  schon  cod.  AM.  und  die  Völsunga  saga  und  Norna  gests  l3ättr,  so 
in  noch  höherem  grade  Snorra  Edda,  in  je  ihrem  Verhältnisse  zu  der 
uns  in  K.  überlieferten  redaction  der  samlung  auf  das  ehemalige  Vorhan- 
densein von  mehreren  andern,  unter  sich  verschiedenen  redactionen 
bestimmt  hinweise;  sodann:  wie  irreführend  der,  ohnedies  ganz  unbe- 
zeugte  name:  Saemundar  Edda  für  die  uns  überlieferte  samlung  aller 
lieder  dadurch  sei,  dass  er  die  durchaus  irrige  Vorstellung  von 
der  samlung  als  einem  in  sich  geschlossnen  und  einem  in 
sich  gleichartigen  ganzen  erwecke,  während  doch  die  mytholo- 
gischen, namentlich  aber  die  heroischen  —  was  ja  in  den  papierhand- 
schriften  seit  dem  17.  Jahrhundert  auch  wirklich  geschehen  ist  —  noch 
mit  manchen  andern,  für  eine  derartige  samlung  gleichberechtigten  sich 
vermehren  Hessen ,  und  während  doch  andrerseits  die  mythologischen  lie- 
der nichts  weniger,  als  von  demselben  Innern  Charakter,  nichts  weniger 
als  von  denselben  grundanschauungen  ausgehen. 

Wenden  wir  uns  zur  ausgäbe  selbst,  so  zeigt  sie  im  vergleich 
zu  der  letzten,  der  Munchischen  (Christiania  1847)  mancherlei  abwei- 
chungen,  nicht  sowol  rücksichtlich  des  Innern  umfanges  oder  der  zahl 
der  aufgenommenen  lieder,  als  vielmehr  in  deren  reihenfolge,  benen- 
nung  und  graphischen  form.  Dieselben  lieder,  die  bei  Munch, 
finden  sich  auch  bei  Bugge,  nur  dass  letzterer  die  von  Munch  (vorr. 
VIII  —  X)  gesammelten  fragmente  eddischer  lieder  in  Snorra  Edda  und 
Völsunga  saga  um  einige  übersehene  aus  Snorra  Edda  vermehrt  hat; 
Munch  gibt  (aus  Snorra  Edda)  5,  Bugge  14,  und  sowol  diese  wie  die 
aus  Völsunga  saga  nach  den  quellen  und  neu  bearbeitet.  —  Die  Eei- 
henfolge  der  lieder  bei  Bugge  weicht  insofern  von  Munch  ab,  als  sie 
genau  die  des  Reg.  ist,  nur  dass  —  wie  dies  auch  schon  in  allen  frü- 
hern ausgaben  der  fall  —  die  AI  vis  sm  dl  (im  Reg.  unter  den  helden- 
liedern,  zwischen  Völundarkvida  und  Helgakvida  Hundingsbana  I.)  unter 
die  mythologischen  (bei  Bugge  zwischen  J)rymskvida  und  Vegtamskvida), 
und  dass  die  Helgakvida  Hj  örvardssonar,  im  Reg.  zwischen 
Helgakvida  Hundingsbana  I  und  11,  vor  diese  beiden  gesetzt  ist;  — 
beide  Umstellungen  durch  den  Inhalt  der  betreifenden  lieder  hinlänglich 
gerechtfertigt.     Die  dem  AM.   eigentümliche  Vegtamskvida  lässt  Bugge 


398  MöHius 

den  mytliologisclien  lietleru  des  Keg.  folgen.  Mit  vollem  rechte  hat  Bugge 
in  den  V  ö  1  s  u  n  g  e  n  1  i  e  d  e  r  n  (vom  zweiten  Helgi  -  Hüudingsbani  -  liede  an 
bis  zu  den  Hamdismäl)  ihre  folge  im  ß.  beibehalten;  es  mochte  Manch, 
der  die  5  lieder:  Sigrdn'fmndl  bis  Gudrünarkvida  I  umgestellt  hat  und 
in  der  folge  von  a  d  b  e  c  aneinander  reiht,  entgangen  sein,  dass  der, 
welcher  sie  sammelte  und  aufzeichnete  und  sie  dabei  durch  prosaische 
einsätze  unter  sich  verband  und  ergänzte,  sie  für  den  leser  als  ein  in 
sich  zusammenhängendes  ganze  vorstellen  wollte.  (Man  denke 
sich  rücksichtlich  des  quantitativen  Verhältnisses  von  vers  und  prosa  eine 
gewissermassen  umgekehrte  Völsunga  saga  (Bugge  vermutet  sehr  anspre- 
chend ,  dass  die  im  Norna  gests  l}ättr  citierte  Sigurdar  saga  diesen  zwei- 
ten theil  der  liedersamlung  bezeichnet).  Diese  Intention  mindestens  des 
samlers,  mochte  sich  auch  der  Schreiber  von  E.  derselben  nicht  mehr 
so  klar  bewusst  sein,  scheint  uns,  abgesehen  von  der  chronologischen 
Ordnung  des  liederinhaltes,  zweierlei  zu  verraten;  einmal  der  Charakter 
der  Strophen,  deren  lieder  nicht  in  extenso  mitgeteilt  sind,  andrerseits 
die  Überschriften,  resp.  deren  Stellung.  Jene  nämlich  sind  so  gut  wie 
ausschliesslich  —  nicht  erzählenden  Inhaltes,  sondern  es  sind  redestro- 
phen,  monologisch  oder  dialogisch  in  oratio  directa —  ganz  ebenso,  wie 
mit  äusserst  wenigen  ausnamen  die  sämtlichen  (c.  440)  Strophen ,  die  wir 
in  den  Fornaldar  sögur  aus  alten  liedern  im  kviduhattr  oder  Ijödahättr 
ausgehoben  finden;  was  das  lied  erzählte,  das  wird  in  prosa  wider- 
gegeben. Die  Überschriften  aber  mit  ihrem  „/Va  — "  oder  auch  „capi- 
tidnm'-'  —  obwol  nicht  immer  genau,  d.  h.  umfassend  genug,  meist  nur 
nach  dem  anfange  des  berichtes  gebildet  —  tragen  nicht  weniger  das 
gepräge  der  capitelüberschriften  in  den  Sagas;  hat  das  betreffende  lied 
schon  von  alters  her  einen  eignen  namen,  so  wird  dieser  unmittelbar  vor 
den  beginn  des  liedes  gesetzt,  z.  b.  zweimal  Gudrünar  kvida,  kvida  Sigur- 
dar, Atla  kvida  (Atlamal  hin  grönlenzku),  Gudrünar  hvöt,  Hamdis  mal; 
sonst  Überschriften  mit  frä  — .  So  stellt  sich  uns  denn  diese  lieder - 
saga  von  den  Völsungen  in  zwei  grossen  abteilungen  dar:  I.  Sigurds 
geschichte  bis  zu  Brynhilds  tod,  und  IL  Untergang  der  Nibelungen,  mit 
Zusätzen  der  sage;  oder  besser  noch  in  folgenden  fünf  abschnitten,  mit 
den  Überschriften  des  ßeg.:  1.  frd  Völsungiim,  enthält  die  geschichte 
von  Völsung,  Sigmunds  söhn,  dem  Helge  Hundingsbani ,  dem  Stiefbru- 
der Sigurds ;  die  in  Hundingsbana  II  vorkommenden  Strophen  sind  durch- 
gängig reden,  mit  ausnähme  von  14  und  15  aus  dem  „alten  Völsungen- 
lied."  3.  frä  dauäa  Sinfjötla,  enthält  die  geschichte  von  Sinfjötle, 
von  Sigurd,  semem  verkehre  mit  Regln,  tötung  des  Fafnir,  bis  zur  auf- 
findung  der  Bryuhüd  (Sigrdrifa);  darin  die  vollständige  Gripisspä,  als 
Überblick  des  ganzen;  darauf  bericht,  erst  über  Fafnir,  dann  über  Fafnii's 


NORDISCHER   LITTERATURBEBICHT.    I.  399 

tod  mit  einer  anzalil  nur  dialogischer  Strophen;  sodann  auffindung  der 
Brynhüd  (Sigrdrifa) ,  ausser  einzelnen  herausgehobenen ,  n  u  r  dialogischen 
Strophen,  folgen  nun  die  Sigrdrifumal:  die  runeusprüche  der  Sigrdrifa. 
•^-  Ittcke  —  schluss  eines  unparaphrasierten  Sigurdliedes ;  3.  frei  dauäa 
Sigurctar,  diese  Überschrift  offenbar  verstellt,  da  sie  schon  über  dem 
epilog  des  vorausgehenden  steht,  statt  erst  über  dem  prolog  der  folgen- 
den ,  zweier  vollständiger ,  unparaphrasierter  lieder :  Gudrunarkvida  I.  und, 
nach  kurzer  überleitender  prosa,  Sigau'darkvida  III.  oder  des  „kurzen 
Sigurdliedes"  [Sollten  in  diesem  unserm  längsten  Sigurdliede  nicht  zwei 
lieder,  das  „kurze"  und  ein  anderes,  ungehöriger  weise  vereinigt  sein?] 
4.  Brynhildr  reiä  um  helveg;  nach  kurzer  prosaischer  einleitung, 
anknüpfend  an  den  eben  erzählten  tod  der  Brynhüd,  folgt  das  vollstän- 
dige gedieht  „  Helreid  Brynhildar  " ;  darauf  endlich  5.  drei})  Nif  hing  a, 
dessen  prosa  als  einleitung  für  alle  folgenden  lieder  dient,  da  sie  den 
inhalt  auch  der  zwei  letzten  berücksichtigt;  darauf,  nach  besonderer  ein- 
leitung :  Gudriinarkvida  II, ;  es  folgen  vier  abschnitte ,  jeder  mit  beson- 
derer Überschrift  und  einleitung,  die  ersten  zAvei  (a.  b.)  mit  je  einem, 
die  andern  zwei  (c.  d.)  mit  je  zwei  vollständigen  liedern:  a.  Capitu- 
lum  {Herhia  het  anibött  usw.),  Gudrunarkvida  III.  1).  frd  Borgnyju 
oh  Oddrünu,  Oddrünargrätr.  —  c.  daiiäi  Atla,  die  beiden  Atli- 
lieder;  d.  frd  Gudrünu:  Gudrünarhvöt  und  Hamdismäl,  hier  wie  dort 
(bei  d. ,  wie  bei  c)  je  zwei  verschiedene  dichtungen  über  denselben  gegen- 
ständ. (So  wertlos  von  der  Hagens  im  einzelnen  vielfach  fehlerhaf- 
ter abdruck  des  Reg.  in  den  „Altnordischen  liedern  usw."  (Berlin  1812) 
heutzutage  erscheinen  mag,  so  leistet  er  doch,  was  keiner  der  übrigen, 
selbst  Bugges  nicht:  dem  leser,  sobald  er  nur  vorher  mit  hilfe  der  Bug- 
gesehen  ausgäbe  die  nothwendigen  correeturen  vorgenommen ,  ein  anschau- 
liches bild  des  eben  besprochenen  Verhältnisses  der  betreffenden  lieder 
im  cod.  Reg.  zu  gewähren.)  —  Im  Anhange  hat  Bugge  die  Sölarljöd 
dem  Hrafnagaldr  Odins  vorausgehen  lassen ,  während  Munch  mit  jenen 
schliesst. 

Die  benennung  der  lieder  bei  Bugge  ist  zum  theil  die  übliche, 
zum  theil  eine  neue,  bezüglich  alte  und  aus  den  verblassten  spuren  des 
Reg.  restituierte  oder  von  Bugge  selbst  gebildete.  Wenn  ein  lied  zwei 
titel  führt,  einen  mit  angäbe  des  Inhaltes  (z.  b.  Skirnisför,  (Egisdrekka, 
Hamarsheimt,  Baldrsdraumar  usw.)  und  einen  mit  der  liedesform  (genet. 
obj.  der  person  mit  mal,  kvida  usw.),  so  zieht  Bugge  in  der  regel  den 
letztern  vor,  wie  er  andrerseits  die  benennungen  mal  nur  für  die  lieder 
im  IjöäahdUr  und  kvicta  für  die  im  hvidulidttr  geltend  macht.  Hiernach : 
Skirnis  mal  (mit  AM.,  Skirnis  för  Reg.);  Loka  senna  (mit  Reg.), 
während  (Egisdrekka    (in  den  papierhandsehriften)    nur   für  die   einlei- 


400  M()BnTs 

tende  prosa  passt;  dasselbe  gilt  von  J)rymskvida  (mit  R.)  statt 
Hani arslieimt  der  papierliaudsclirifteii.  Dagegen  gehört  Vegtamskvicta 
(statt  Baldrs  draiimar  in  AM.)  den  papierhandscliriften ,  Rigsl)ula  wird 
(402°)  als  der  altbezeugte  titel  dem  —  ohnehin  für  ein  episches  gedieht 
nicht  passenden:  Rigsmäl  vorgezogen.  (Doch  sind  die  Atlamäl  nicht 
auch  vorwiegend  episch?  kann  eine  „piila"  trotz  des  citates  in  Snorra 
Edda  strophisch  sein?)  Ganz  vortrefflich  wird  (408*)  für  Helgakvida 
Hundingsbana  I  aus  den  schriftspuren  des  R.  eruiert:  her  hefr  upp 
Tivceäi  frd  Helga  Hunäings  hana  [oh]  peira  HöäfhroddsJ,  in 
Übereinstimmung  mit  Saxo  Grammaticus,  der  den  Helge  gleichfalls,  als 
besieger  des  Hunding  und  des  Hödbrodd,  zweifach  benannt  sein  lässt. 
Ferner  in  den  Völsungliedern :  Völsunga  kvida  hin  forua,  als 
benennung  der  zweiten  Helga  kvida  Hundingsbana,  auf  grund  dieses 
namens  in  der  prosa  zwischen  str.  13  und  14  des  liedes;  ferner:  frä 
dauda  Sinfjötla  (mit  R.),  statt  Sinfjötlalok  der  papierhandschriften ; 
die  benennungen  Sigurdar  kvida  I  und  H  (nicht  imR.),  da  Jcviäa,  unge- 
hörig für  lieder  in  JjöäaJiättr,  zu  verwerfen,  und  statt  des  ersteren  das 
eben  auch  übliche  Gripis  spä,  statt  des  andern  das  neue  (durch  ein 
r —  im  Reg.  angedeutete)  Reginsmäl  vorzuziehen,  während  der  titel 
Sigurdark vida  mit  dem  zusatze  hin  skamma  (im  Reg.)  allein  für 
das  dritte,  gleichwol  in  unserer  Überlieferung  längste,  Sigurdlied  aufzu- 
bewahren. Dem  im  R.  nach  der  lücke  folgenden  und  deshalb  seines 
anfangs  und  titeis  beraubten  liede  gibt  Bugge  statt  des  üblichen  „brot 
af  Brynhildarkvidu "  den  titel:  „brot  af  Sigurdar  k  vi  du,"  worauf 
eine  anführung  in  Völsunga  saga  zu  führen  scheint.  Das  zweite  Gudrun- 
lied benennt  Bugge  auf  grund  des  prosaschlusses  in  jenem  bruchstück: 
Gudrünarkvida  hin  forna.  Das  prädicat  „grönländisch"  vin- 
diciert  Bugge  (433")  trotz  des  R. ,  worin  es  beide  AtKlieder  führen,  nur 
den  Atlamäl ,  von  denen  es  vom  Schreiber  irrthümlich  auch  auf  die  Atla- 
kvida  übertragen  worden,  und  bezieht  es  nicht,  wie  Munch  u.a.,  auf  die 
norwegische  landschaft  Grenland,  (d.  i.  Höhlenland),  dessen  adjectiv 
grenzk  lautet,  vgl.  Haraldr  grenzki,  Olafr  grenski,  sondern  mit  Bene- 
dict Gröndal  auf  das  amerikanische  Grönland  (d.  i.  Grünland,  deshalb: 
grisn-lenzkr).  Die  beiden  gedichte:  Grögaldr  und  Fjölsvinnsmäl ,  die 
Bugge  ja  bekanntlich  als  theile  eines,  noch  in  dänischer  -  schwedi- 
scher nachdichtung  erhaltenen  Volksliedes,  der  Svendalsvise  (beiGrundt- 
vig  II ,  nr.  70)  schon  früher  erkannt  hatte ,  führen  jetzt  bei  Bugge  den 
gemeinsamen  titel:  Svipdagsmal,  I  und  IL  Das  letzte  gedieht  der 
Buggeschen  samlung  führt  die  beiden  titel:  Forspjalls  Ijöd  edaHraf- 
nagaldr  Odins,  indem  Bugge  (Vorr.  p.  XLVI  ff.)  nachzuweisen  sucht, 
dass  das  gedieht,  ein  product  mythologischer  gelehrsamkeit  des  17.  jähr- 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.    I.  401 

hunderts,  von  demselben  Verfasser  herrühre,  der  die  Vegtamskvida  durch 
eine  anzahl  stropheu  ergänzte,  und  diesem  liede  in  dem  seinigen  noch 
eine  einleitung  (d.  i.:  Forspjallsljöd)  hinzudichtete,  beiden  aber,  dieser 
einleitung  und  der  von  ihm  erweiterten  Vegtamskvida,  als  gemeinsamen 
titel:  Hrafnagaldr  Odins,  wenn  nicht  vielmehr  Hraeva-galdr  Odins  vor- 
setzte. 

Die  form  der  lieder  selber,  soweit  sie  unabhängig  von  texteskri- 
tik  und  von  der  metrischen  einteiluug  in  strophen  und  verse,  ist  die 
der  betreffenden  membranen,  deren  Schreibweise  die  ausgäbe  so  genau 
widergibt ,  als  es  die  Übertragung  geschriebener  buchstaben  und  worte  in 
gedruckte,  der  graphischen  form  in  die  typische  gestattet;  normalisiert 
sind  nur  (ausser  dem  Buggeschen  texte  der  Völu  spä,  nr.  I.)  die  in 
papierhandschriften  überlieferten  gedichte:  Grögaldr,  Fjölsvinnsmäl,  Sölar- 
Ijöd,  Forspjallsljöd  und  die  ergänzungeu  der  Vegtamskvida,  —  während 
die  Schlussstrophen  der  Sigrdrifumäl ,  zwar  auch  nur  in  papierhandschrif- 
ten erhalten,  doch  von  Bugge  als  einstiger  bestand  des  K.  nachgewie- 
sen ,  in  dessen  Schreibweise  recoustruiert  sind,  • —  Den  liedern  allen  ist, 
unterhalb  des  textes  in  kleinerer  schrift,  ein  commentar  beigefügt,  der 
für  jedes  einzelne  gedieht  durch  die  „zusätze  und  bemerkungen" 
(s.  388  —  450),  bei  einigen  gedichten,  unmittelbar  an  deren  ende,  durch 
excurse  oder  längere  anmerkungen,  noch  besonders  ergänzt  worden  ist. 
Der  commentar  ist  ein  fiberwiegend  kritischer;  er  enthält  einerseits  die 
im  texte  verlassenen  lesarten,  die  der  membranen  vollständig,  der  papier- 
handschriften mit  auswahl ,  so  wie  Bugges  eigne  und  andrer  besserungs- 
vorschläge,  andrerseits  —  wenigstens  in  den  meisten  fällen  —  mehr 
oder  minder  ausführliche  rechtfertigung  und  begründung  der  wähl;  nur 
ausnahmsweise  finden  sich  von  der  texteskritik  unabhängige  erläuterun- 
gen  —  doch  in  beiden  fällen,  hier  wie  dort,  nicht  ohne  einen  reichen 
schätz  sprachlicher  wie  metrischer  belehrung  darzubieten;  als  ein  für 
kritik  wie  für  erklärung  gleich  schätzbarer  bestandteil  der  anmerkungen 
erweisen  sich  die  ausgeschriebenen  stellen  von  Snorra  Edda,  Völsunga 
saga  und  Norna  gests  Imttr. 

Wir  haben  vorhin  Bugges  verdienst  um  die  kritik  der  Söemun- 
dar  Edda  dahin  zu  constatieren  gesucht,  dass  er  den  Innern,  den  genea- 
logischen Zusammenhang  der  handschriftlichen  Überlieferung  nachgewie- 
sen, dass  er  diese  gesichtet  und  geordnet  und  damit  eine  sichere  richt- 
schnur  für  ihre  benutzung  und  Würdigung  gezogen.  Diesem  Verdienste 
gesellt  sich  nun  in  der  herausgäbe  der  lieder  selbst,  in  ihrem  texte  in 
Verbindung  mit  dem  kritischen  commentar  und  den  betreffenden  abschnit- 
ten der  vorrede,  ein  zweites:  der  ebenso  vollständigen  als  genauen  dar- 


402  Mömcs 

leguug  jener  Überlieferung.  Bugge  hat  die  hier  in  betracht  kommen- 
den liandscliriften  sämtlich  (mit  wenigen  imtergeordneten  ausnahmen) 
selber  gelesen,  mit  "besonderer  Sorgfalt  die  membranen,  zu  wiederhol- 
ten malen  den  cod.  Keg.  Jeder,  der  isländische  membranen  gelesen, 
weiss,  was  es  besagen  will,  diesen  vom  russe  meist  tief  gebräunten 
blättern  die  vielfach  blass  und  unscheinbar  gewordenen  buchstaben  zu 
entlocken  und  wie  es  immer  widerholter,  zugleich  von  besonders  gün- 
stigem tageslichte  abhängiger  besichtigung  bedarf,  um  überall  mit  Sicher- 
heit über  die  wirkliche  lesart  zu  entscheiden.  Bugge  hat  in  folge  wider- 
holter lesung  manche  angäbe  der  handschriftlichen  lesart  des  Keg.  im 
texte  oder  commentar ,  hinten  in  den  nachtragen  zu  berichtigen ,  manche 
anfangs  übersehene  hinzuzufügen  gehabt.  Möglich  hiernach  allerdings, 
obwol  nach  dem  Buggeschen  aufwand  von  zeit  und  mühe  kaum  sehr 
wahrscheinlich,  dass  hier  und  dort  doch  noch  eine  der  wesentlichen 
lesarten  des  E.  einem  andern  äuge  vorbehalten  geblieben.  Dafür  ist  es 
aber  andrerseits  seinem  bemühen,  dem  sich  keines  der  frühern  leser  des 
R,  au  ausdauer  und  intensivität  zur  seite  stellen  kann,  allerdings  auch 
gelungen,  nicht  nur  vieles  richtiger  zu  lesen,  sondern  auch  mehr 
als  seine  Vorgänger  (z.  b.  das  bisher  ganz  übersehene  hyri  in  Hamd. 
21^,  ferner  Häv.  11  ^"~^  die  Umstellung  von  Häv.  62  und  6.3,  die  üble 
stelle  in  Völu  spä  der  Hauksbök,  abgesehen  von  mehreren  kleinem 
correcturen,  zeichen  usw.)  Indes  was  für  einen  gewinn  hätte  eine  noch 
so  sorgfältige  und  genaue  Untersuchung  der  Wissenschaft  gebracht, 
wenn  sie  nicht  eine  dem  entsprechende,  objective  mitteilung  ihrer  resul- 
tate  zur  freien  und  selbständigen  benutzung  für  andere  gefunden.  Und 
dies  ist  nun  hier  mit  einer  Vollständigkeit  geschehen,  wie  sie  auf  die- 
sem gebiete  nur  etwa  von  Gislasonschen  drucken  übertroflfen  werden 
möchte;  positiv  und  negativ:  jenes  durch  die  bis  in  das  geringste  detail 
eingehenden  angaben  über  das,  was  in  der  handschrift  gelesen  wird, 
dies  durch  die  ausdrücklichen  berichtigungen  falscher  angaben  seitens 
der  früheren  herausgeber.  Indem  nur  auf  solcher,  in  dieser  weise  ver- 
mittelten und  gesicherten  basis  genauester  und  umfassendster  keuntnis 
der  handschriftlichen  Überlieferung  erspriessliche  texteskritik  geübt  wer- 
den kann,  wird  man  es  nur  anzuerkennen  haben,  wie  Bugge  mit  völ- 
ligem verzieht  auf  subjective  entscheidung  von  bedeutendem  und  unbe- 
deutendem in  gewissenhafter  treue  auch  nicht  das  mindeste  verschwiegen 
hat,  was  ausserhalb  des  blos  gTaphischen  liegt.  So  viel  ist  sicher,  dass 
mr  von  der  ohne  alle  frage  wichtigsten  handschrift,  dem  stäten  aus- 
gangspunkte  für  die  kritik  der  Saemundar  Edda ,  dem  cod.  Reg.  erst  jetzt 
ein  so  durchaus  klares,  treues  und  vollständiges  bild  erhalten,  ein  bild 
das  vor  einer  photographischen  widergabe  des  ganzen  codex,   woran  ja 


NOKDISCHER  LITTERATURBEKICHT.    I.  403 

heutzutage  der  gedanke  so  nahe  liegt ,  deshalb  den  entschiedenen  vorzug 
verdient,  weil  in  ihm  die  für  den  wissenschaftlichen  gebrauch  notwen- 
dige Scheidung  des  für  die  kritik  wesentlichen  und  unwesentlichen  bereits 
vollzogen  ist. 

Bugge  hat  (p.  LXX)  die  herstellung  einer  solchen  zuverlässigen 
grundlage  für  die  in  der  Ssemundar  Edda  auszuübende  kritik ,  die  niedere 
wie  die  höhere ,  als  das  nächste  und  wichtigste  ziel  seiner  ausgäbe  bezeich- 
net; gleichwol  hat  er  sich  nicht  begnügt,  nur  andere  zur  ausübung  die- 
ser kritik  zu  befähigen,  als  er  sie  auch  selber  durchgehends  bereits 
geübt  hat. 

Die  aufgäbe  der  Texteskritik  ist  in  den  liedern  der  Ssemundar 
Edda,  wie  anderwärts  in  solchem  falle,  dadurch  eine  erweiterte,  dass 
die  form  des  textes  eine  gebundene ,  metrische ,  und  dazu  eine  strophische 
ist.  Hat  sich  jene  einem  fortlaufenden  prosatexte  gegenüber  in  den  mei- 
sten fällen  nur  auf  das  einzelne  wort  zu  beschränken,  gilt  sie  hier  nicht 
nur  dem  werte ,  sondern  auch  dem  verse  und  der  strophe.  Dazu  kommt: 
die  betreffenden  gedichte  sind  nicht  von  ihrem  dichter  niedergeschrie- 
bene ,  sondern  schriftlos  gedichtete ,  und  zum  theil  viele  generationen ,  ja 
Jahrhunderte  hindurch  mündlich  überlieferte.  Wird  auch  während  dieser 
mündlichen  Überlieferung  die  Integrität  des  verspaares  zum  theil  durch 
den  Stabreim  gesichert,  ist  doch  der  strophe  nicht  ein  gleicher  schütz 
vor  Umstellung,  ausfall  oder  zudichtung  verliehen.  Hiernach  quantita- 
tive wie  qualitative  entstellung  des  ursprünglichen,  während  der  münd- 
lichen Überlieferung  nicht  minder  als  während  der  schriftlichen,  und 
zwar  nach  beiden  selten  hin ,  nach  der  sprachlichen  und  nach  der  metri- 
schen. Wenn  dann  in  vielen  fällen  die  sprachliche  form  zu  der  metri- 
schen oder  auch  diese  zu  jener  in  so  inniger  Wechselbeziehung  stehen, 
dass  die  emendation  des  fehlers  den  forderungen  beider  formen  zugleich 
gerecht  wird,  geschieht  es  doch  nicht  minder  häufig,  dass  eine  strophe, 
als  solche,  in  allen  ihren  theilen  völlig  correct  der  wortkritik  vollauf  zu 
thun  giebt,  wie  umgekehrt  ein  correcter  und  klar  vorliegender  Inhalt  in 
metrisch  unzulässigen  versen  oder  Strophen  überliefert  ist.  Der  metri- 
schen kriterien,  der  Innern  wie  der  äussern,  sind  aber  in  vorliegendem 
falle  nicht  viele,  und  diese  wenigen  keineswegs  der  art,  dass  sie  überall 
zu  sicherer  entscheidung  führen.  Wir  bedürfen  nicht  erst  des  gegen- 
satzes  zum  sübenzählenden ,  durch  Stabreim  wie  Innern  silbenreim ,  je  an 
bestimmter  stelle  im  verse,  fest  gefugten  clröWcvcett,  schon  der  ver- 
gleich mit  den  dichtungen  im  fornyräalcu)  der  spätem  Skalden  genügt, 
um  sich  zu  überzeugen,  welcher  freiheit  die  form  des  kviäuhdttr  und 
des  IjöäahdUr   hier  in  diesen  liedern   fähig  ist,   welchen  Spielraum  sie 


404  MÖHTÜS 

dem  Stabreime  und  seiner  Stellung,  dem  umfang  des  verses  und  der 
maJfyUlng  gestattet.  Die  äusseren  kriterien,  d.  li.  die,  welche  wir  aus 
der  handschriftliclien  Überlieferung  gewinnen,  und  die  sich  überdies  nur 
auf  das  quantum  der  strophe  und  ihrer  theile  beschränken,  sind  ebenso 
wenig  ausreichend  und  zuverlässig.  Bekanntlich  ist,  was  uns  nur  von 
altnordischen  gedichten  in  membranen  überliefert  ist  —  jedenfalls  wegen 
der  kostbarkeit  des  pergaments  —  in  fortlaufender  rede,  wie  prosa, 
geschrieben.  So  auch  die  lieder  der  Ssemundar  Edda;  nur  dass  der 
beginn  der  Strophen,  theilweise  auch  der  halbstrophen  durch  initialen 
und  vorausgesetzte  punkte  gekennzeichnet  ist.  Ist  hiernach  zwar  das 
maas  der  strophe,  bezüglich  der  halbstrophe,  gegeben,  ist  doch  das  der 
verspaare  und  der  emzelnen  verse  lediglich  der  bestimmung  des  heraus- 
gebers  überlassen. 

Bugge  hat  sich  nicht  veranlasst  gesehen,  die  gesetze,  die  ihm  für 
die  regelung  der  metrischen  form  maassgebend  gewesen,  zum  gegen- 
ständ einer  besondern  darstellung  zu  machen,  ausser  dass  er  (vorrede 
p.  LXXI)  sich  im  gegensatz  zu  Keyser  und  Munch,  und  in  Übereinstim- 
mung mit  ,,N.  M.  Petersen,  Jessen  u.  a."  ausdrücklich  zur  acht  zeiligen 
strophe  des  kviäuMtfr,  als  der  ursprünglichen  bekennt,  deren  grösserer 
oder  geringerer  umfang  in  der  handschriftlichen  Überlieferung ,  wie  durch 
zndichtung  und  erweiterung  dort,  so  hier  durch  vergessen  eines  oder 
mehrerer  verspaare  (und  in  folge  dessen  widerum  zusammenziehung  der 
Strophenreste  zu  überzähligen  Strophen)  —  theilweise  gewiss  schon  wäh- 
rend der  mündlichen  Überlieferung  —  zu  wege  gebracht  worden  sei. 
Gleichwol  lässt  eine  vergleichung  seines  textes  mit  dem  Munchischen  so 
wie  sein  commentar  zur  genüge  erkennen ,  wie  er  der  metrischen  herstel- 
lung  der  lieder  eine  ganz  besondere,  ihnen  bisher  in  dem  grade  nicht 
zu  theil  gewordene  Sorgfalt  zugewendet.  Umstellungen  von  Strophen 
und  verspaaren,  deren  Bugge  mehrere  mit  überzeugender  richtigkeit 
vorgenommen,  kommen  hier  nur  bedingungsweise  in  betracht;  sie  gehö- 
ren nur  insofern  in  das  gebiet  der  metrischen  kritik,  als  der  unrechte 
platz,  an  den  die  einen  oder  andern  geraten,  durch  die  metrische  form 
derselben  sich  erklärt,  als  kleiner,  in  sich  formell  abgeschlossener  und 
bis  auf  einen  gewissen  grad  selbständiger  theile,  die  deshalb  leicht  von 
den  übrigen  trennbar  und  innerhalb  des  ganzen  leicht  verschiebbar  waren ; 
das  hierbei  giltige  kriterium  ist  vorwiegend  der  Inhalt,  bezüglich  der 
innere  gedankenzusammenhang ,  weniger  ihre  metrische  form.  Wol  aber 
gelten  dieser  einmal  die  mannichfaltigen  bemerkungen  im  commentar 
über  den  Stabreim  (z.  b.  den  vocalischen,  über  consonantisches  und  voca- 
lisches  V,  über  wegfall  oder  zusatz  von  h  vor  r  und  vor  vocalen  usw.) 
so  wie  einzehie  durch  ihn  bedingte  emendationen ,   oder   doch   zu  ihnen 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.   I.  405 

hinleitende  conjectureu ,  andrerseits  die  öfteren  abweichimgen  im  Stro- 
phen -  nud  versuftifang  theils  von  der  handschriftlichen  Überlieferung, 
theils  von  den  früheren  herausgebern ;  an  vielen  stellen  ist  das  vertänd- 
nis  durch  letztere  wesentlich  gefördert  worden. 

Die  von  Bugge  geübte  wortkritik  des  textes  im  engern  sinne 
und  so  weit  sie  von  dessen  metrischer  form  unabhängig  sein  konnte,  ist 
eine  vorherrschend  conservative.  An  vielen  stellen  hat  Bugge  die  von 
den  frühern  herausgebern  verlassene  lesart  der  handschrift  im  texte  behal- 
ten und  zu  rechtfertigen  gewusst,  nur  an  verhältnismässig  wenigen 
eigne  Verbesserungen  in  den  text  aufgenommen  und  auch  von  diesen 
widerum  mehrere  in  den  l)erichtigungen  (388— 44'J)  zurückgenommen; 
in  den  nur  in  papierhandschriften  überlieferten  gedichten  ist  er  freier 
verfahren.  Nicht  gering  dürfen  wir  es  anschlagen ,  dass  Bugge  zu  wider- 
holten malen  auf  verderbte  stellen  hinweist,  über  die  man  bisher  hin- 
weggelesen, und  die  von  ihm  aufgedeckten  Schwierigkeiten  auch  durch 
conjectur  zu  beseitigen  gesucht,  während  für  die  mehrfachen  ergänzun- 
gen  durch  eigne  zudichtung  Bugge  wol  selbst  kaum  einen  andern ,  als 
exegetischen  wert  beanspruchen  möchte. 

Versuchen  wir  es  nun ,  was  wir  bisher  über  Bugges  behandlung 
der  eddalieder  im  allgemeinen  bemerkt  haben,  durch  ein  näheres  ein- 
gehen auf  dieselbe  in  einzelnen  liedern  anschaulicher  zu  machen 
und  zu  begründen.  Wir  beschränken  uns  dabei  auf  die  sechs  ersten: 
Völu  spä,  Hävamäl,  Vaf|trüdnismäl,  Grimnismäl,  Skirnismäl,  Här- 
bardsljöd. 

Yölu  spä ,  eines  der  ältesten,  durch  seinen  Inhalt  das  umfassendste 
der  mythologischen  gedichte,  und  in  vielfacher  beziehung  das  bedeutsam- 
ste, in  seiner  gestalt,  im  ganzen  wie  im  einzelnen,  ganz  vorzugsweise  ent- 
stellt, durch  reichere  membranüberlieferung  vor  jedem  der  übrigen  ausge- 
zeichnet —  wie  es  wegen  vollständiger  mitteilung  der  letztern  in  vorlie- 
gender ausgäbe  den  grössten  räum  einnimmt,  hat  es  auch  zur  herstellung 
seiner  ursprüngliclien  form  die  durchgreifendste  Veränderung  erfahren. 
Es  erscheint  hier  in  vier-,  bezügl.  fünffacher  form;  denn,  wie  bekannt, 
ist  Völu  spa  theils  vollständig  ausser  dem  lieg,  auch  in  der  Hauksbök, 
theils  fragmentarisch  (etwa  die  hälfte  des  gedichts)  in  Snorra  Edda  (Gryl- 
faginning)  und  zwar  in  deren  drei  haupt  -  membranen ,  dem  cod.  Keg., 
dem  cod.  Worm. ,  dem  cod.  Upsal.  uns  überliefert  worden.  Demnacl) 
finden  wir  Völu  spa  hier  I.  in  der  Buggoschen  gestalt,  11.  nach  dem 
cod.  Reg.,  III.  nach  der  Hauksbök,  IV.  nach  Snorra  Edda;  IL  und  III. 
in  litteralem  abdrucke  der  betreffenden  membranen,  begleitet  mit  anmer- 

ZKITSCHK.    F.    DEUTSCHE    l'HILOLOGIK,  27 


406  MOBIUS 

kuiigeii.  die  sich  lediglieh  auf  die  omierung  dessen,  was  in  der  hand- 
schrift  steht  und  auf  seine  darstelluug  durch  den  druck  beziehen ;  IV.  gibt 
die  in  Snorra  Edda  aufgenommeneu  strophen  nicht  in  vollständigem 
abdruck,  sondern  theils  die  Varianten  ihrer  drei  membranen  zu  dem  text 
unter  nr.  I ,  theils  diejenigen  prosaischen  stellen  der  Snorra  Edda  (Gyl- 
faginning) ,  in  denen  entweder  strophen  der  Völu  spa  paraphrasiert,  oder 
die  in  anderer  beziehung  für  deren  kritik  von  irgend  welchem  belang 
sind;  die  auch  hier  beigefügten  anmerkungen  beziehen  sich  vorwiegend 
auf  das  Verhältnis  der  Völu  spa  in  Snorra  Edda  und  in  jenen  beiden 
membranen. 

Die  Buggesche  form  (L),  d.  h,  die  durch  Bugges  kritik  bestimmte, 
ist  in  normalisierter  Schreibweise ,  nicht  sowol  einer  dem  mutmasslichen 
alter  des  gedichtes  entsprechenden,  wie  sie  z.  b.  Konr.  Gislason  in  sei- 
ner ausgäbe  der  Völu  spa  (Pröver  s.  534  —  544)  gegeben  und  wie  sie  Bugge 
selbst  für  eine  spätere  ausgäbe  (vorr.  LXXI— LXXII)  in  aussieht  stellt,  son- 
dern in  der  jetzt  allüblichen.  Die  unter  dem  texte  befindlichen  anmer- 
kungen (in  Verbindung  mit  den  nachtragen  und  berichtigungen :  388  — 
392),  wie  die  unter  allen  übrigen  gedichten,  vorwiegend  zwar  kritischen, 
doch  —  hier  häufiger  als  anderwärts  —  auch  sachlichen  und  gramma- 
tischen Inhaltes,  unterscheiden  sich  gleich wol  dadurch  von  denen  zu  den 
übrigen  liedern,  dass  sie  zwar  conjecturen  und  emendationen  der  frühern 
herausgeber  sorgfältigst  verzeichnen,  auch  besprechen,  indes,  wunderbar 
genug!  von  jeder  vollständigen  angäbe  der  handschriftlichen  lesarten 
abstehen.  Wenn  auch  die  handschriftlichen  quellen  nachher  eine  jede 
theils  in  extenso,  theils  in  Varianten  mitgeteilt  sind,  und  sonach  dem 
leser  die  gelegenheit  geboten  ist,  sich  über  den  handschriftlichen  befund 
überall ,  wo  er  es  wünscht ,  zu  unterrichten ,  hätte  doch  unsers  erachtens 
in  keiner  weise  eine  solche  angäbe  der  handschriftlichen  Varianten,  sei 
es  nun  unmittelbar  unter  dem  text,  wie  bei  den  übrigen  gedichten,  oder 
besser,  wegen  der  hier  viel  grösseren  anzahl  der  Varianten,  gesondert 
von  ihm,  unterbleiben  sollen;  weder  die  änderungen,  so  weit  sie  buch- 
staben  und  werte,  noch  so  weit  sie  zahl,  umfang,  folge  der  strophen 
betreffen,  finden  sich  angegeben,  und  bleibt  es  dem  leser  überlassen  — 
abgesehen  von  den  betreffenden  mittheilungen  in  der  vorrede,  nament- 
lich s.  XXIII  —  durch  eigne  vergleichung  der  verschiedenen  formen  sich 
einsieht  und  urteil  theils  über  ihr  gegenseitiges  Verhältnis,  theils  über  das 
von  I.  zu  n  —  IV.  zu  bilden.  "Wenn  sich  der  herr  herausgeber  nicht  zu 
einem  excerpte  nur  der  wichtigeren,  der  sogenannten  „eigentlichen"  Varian- 
ten entschliessen  mochte,  so  hielt  ihn  das  gewis  sehr  richtige  bedenken 
ab ,  wie  sehr  schwierig  es  sei ,  überall  entscheiden  zu  wollen ,  was  hier 
bloss  orthographische  und  was  eigentliche  Variante  sei.    Indess  Avie  sehr 


NOBDISCHER  LITTERATURBERICHT.  I.  407 

man  auch  eiueu  so  scbeiubar  neutralen  text,  wie  den  unter  nr.  I.  gege- 
benen, hätte  geeignet  halten  mögen,  um  ihn  zur  folie  für  die  eigentüm- 
lichkeiten  der  einzelnen  handschriftlichen  quellen  zu  machen  und  jene 
an  ihm  übersichtlich  erkennen  zu  lassen,  — •  jedenfalls  wurde  mit  ihm 
ein  \äel  wichtigeres  und  würdigeres,  rein  wissenschaftliches  ziel  erstrebt. 
Welches  war  dies?  Bugge  selber  hat  sich  nirgends  darüber  ausgespro- 
chen; doch,  vergleichen  wir  den  text  von  I  (natürlich  ganz  abgesehen 
von  der  zu  blos  practischem  zwecke  normalisierten  Schreibweise)  mit  II, 
III,  IV,  so  hält  sich  I  sowol  in  den  einzelnen  lesarten,  als  auch  bezüg- 
lich der  Strophenfolge  in  dem  grade  an  die  im  R.  (II)  überlieferte  form 
des  gedichtes,  dass  I  in  allem  wesentlichen  als  eine  kritische  bearbei- 
tung  eben  dieser  zu  gelten  hat.  Die  abweichungen  der  vers  -  und  stro- 
phenfolge  des  Buggeschen  textes ,  von  dem  des  lieg.  —  um  zunächst  nur 
diese  hervorzuheben  —  beschränken  sich  darauf,  dass  str.  49  K.  (==  48 
B.)  zwischen  45  und  46  R.  (=  47  und  49  B.)  gesetzt  ist,  dass  in  45  R, 
(=  46  und  47^  —  *  B.)  die  verse  11  —  12  vor  9  —  10  zu  stehen  kom- 
men, dass  endlich  die  verszahl  der  strophen  bei  B.  hier  und  da  anders 
bestimmt  (d.  h,  theils  vergrössert ,  theils  vermindert  ist)  als  im  R.  (Abge- 
sehen von  den  kleineren ,  meist  gemeinsamen  änderungen  folgen  sich  die 
Strophen  des  R.  bei  Bugge  so:  1  —  45.  49.  46  —  48.  50  —  62,  dagegen 
bei  Munch:  1  —  20.  29—31.  21  —  28.  39  —  42.  32  —  38.  43  —  48.  50. 
49.  51  —  62.)  Der  in  dies'ör  weise  unter  I.  gegebene  kritische  text  des 
R.  tritt  jedoch  nichts  weniger  als  mit  dem  anspruche  auf,  den  ächten, 
ursprünglichen  des  gedichtes  zu  geben.  Einmal  bezeugt  dies  die  aner- 
keunung  der  -beiden  andern  Überlieferungen,  derHauksbök  und  der  Snorra 
Edda,  aus  denen  Bugge  nicht  nur  einzelne  lesarten,  sondern  auch  die 
ihnen  beiden  eigentümlichen  verse  in  I.  aufgenommen  hat,  sodann  und 
in  noch  viel  höherm  grade  die  in  einem  besondern  excurse  (s.  33 — ^42) 
statuierte  strophen  Versetzung,  die  darauf  ausgeht  —  wenigstens  nach 
einer  bestimmten  richtung  hin  —  jene  ursprüngliche,  ächte  form  wieder 
zu  gewinnen. 

Diese  Umstellung,  die  den  Charakter  des  ganzen  gedichtes  nicht 
unwesentlich  modificiert,  betrifft  die  ersten  30  strophen,  von  denen  sie 
str.  1—20  R.  in  sicli  unberührt  lässt,  dagegen  die  übrigen  folgender- 
massen  ordnet: 

23.  29^—^    30.    1  —  20.    29  C^"^)  ^^^^.    28.  21  —  22.  24—27. 

31  ff. 

Während  man  bisher   das   gedieht,    vollständig  von   anfang  bis  zu 

ende,   als   die  prophetische   rede   einer  Völva  aufzufassen  gewohnt  war, 

bestimmt  es  Bugge  genauer  dahin ,  dass  diese  rede  von  einer  bestimmten, 

benannten  Völva,  nämlich  der  Heid,   und  zwar  in  folge  einer  bestimm- 

27* 


408  MüKius 

ton  auffordorung  diizii  diircli  Odin,  aiicli  au  diesen  gerichtet  sei,  und 
dass  dies  wie  jenes  in  einer  epischeu  einleitung  von  mehreren  strophen 
aucli  wirklich  ausgesprochen  sei,  dass  die  Völu  spä  sonach  in  dieser 
he/ieliuug  ganz  der  Yegtauiskvida  gleiche ,  in  der  ebenfalls  Odin ,  wie  in 
ihren  ersten  strophen  erzählt  wird,  sich  zu  einer  Völva  begibt,  und  von 
dieser  sich  seine  fragen  ül)er  Baldr  beantworten  lässt.  Sonach  beginnt 
Bugges  Völu  spd  mit:  Heid  hiess  eine  Wahrsagerin  usw.  (str.  23  II.  vgl. 
s.  393").  Odin  besucht  sie,  und  seinem  forschenden  blicke  stellt  sie  die 
frage  entgegen:  was  willst  du  von  mir  wissen?  (str.  29  ^~^  E.)  Odin, 
um  sich  von  ihr  belehren  zu  lassen ,  beschenkt  sie  mit  kostbarkeiteu ,  da 
blickt  sie  erst  weit  umher  (str.  30  E.)  und  beginnt  dann  die  von  Odin 
begehrten  mitteilungen  mit  den  werten:  Hljöäs  hiit  ek  allar  usw.  Und 
nun  so  fort  —  in  oratio  directa  —  bis  zum  letzten  verse  der  letzten 
strophe :  7m  man  hon  söl'JirasJc  „nun  mag  sie  (d.  h.  ich)  versinken." 

Niemand  wird  der  sinnigkeit  dieser  Buggeschen  auffassung  und 
anordnung  des  gedichtes  und  dem  Scharfsinne,  womit  er  sie  begründet 
hat,  seine  freudigste  und  aufrichtigste  anerkennung  versagen  können. 
Sv.  Grundtvig  in  seiner  ausgäbe,  Aars,  Gjessiug,  Jessen  in  ihren  Über- 
setzungen sind  ihr  ohne  weiteres  gefolgt,  und  haben  die  Yölu  spa  in 
obiger  strophenfolge  ediert  und  übersetzt.  Wenn  wir  unsrerseits  uns  den 
genannten  nicht  sofort  anschliessen  können,  so  hindern  uns  daran  fol- 
gende bedenken.  Abgesehen  davon ,  dass  in  fien  von  Bugge  zur  epischeu 
einleitung  bestimmten  drei  strophen  (23.  29  ^~^.  30  E.)  manches  nur 
auf  grund  der  vorausgehenden  Buggeschen  erklärung  verständlich  sein 
möchte ,  ohne  dieselbe  aber  dies  nicht  ist  (wie  namentlich  str.  3  B.)  und 
davon,  dass  str.  29  (^  ^■*)  E. ,  die  hier  getrennt  wird  in  29  ^~^  E. 
(=  2  B.)  und  29»-^^  E.  (=  24  ^^  B.  mit  selbst  hinzugedichteter 
ergänzung  von  24  ^~"^),  in  der  Zusammengehörigkeit  und  Unteilbarkeit 
ihrer  zweiten  hälfte  (29''^^^  E.)  durch  das  ganz  unabhängige  zeugnis 
der  Snorra  Edda  (I,  70)  geschützt  wird,  —  scheint  uns  das  Verhältnis 
dagegen  zu  sprechen,  worin  sich  von  den  drei  handschriftlichen  Überlie- 
ferungen der  Völu  spii,  cod.  Eegius,  Hauksbök,  Snorra  Edda,  die  bei- 
den ersten  zu  einander  befinden.  Zugegeben  -  wofür  Bugge ,  Fort. 
XXIII  —  XXIV,  unwiderlegliche  beweise  bringt  —  dass  cod.  Eegius  und 
Hauksbök  einander  näher  stehen,  als  beide  der  Snorra  Edda,  können 
wir  doch  deshalb  (trotz  einiger  dem  cod.  Eegius  und  der  Hauksbök 
gemeinsamen  fehler)  nicht  zugeben ,  dass  cod.  Eegius  und  Hauksbök  auf 
eine  gemeinsame  schriftliche  quelle  zurückgehen.  Die  Verschiedenheiten 
in  auzahl,  umfang,  reihenfolge  der  strophen  sind  namentlich  in  dem 
mittleren  theile  des  gedichtes  in  beiden  handschriften  zu  grosse ,  als  dass 
wir  sie  nicht  für  von  einander  unabhängige  niderschriften  der  mündlichen 


NORDISCHER   LITTERATUEBERICHT.     I.  409 

Überlieferung  —  sei  es  nun  der  unmittelbaren,  oder  einer  durcb  andre, 
für  uns  verlorene  band  Schriften  vermittelten  —  halten  müssten.  (Die 
Strophen  des  cod.  Kegius  folgen  in  Hauksbok  und  mit  deren  Zählung  so: 
1  -21.  26  —  29.  22—24.  30  ^-\  34  —  35.  25.  32  —  33.  31.  37  —  40 
1-4.  42  —  44.  41.  45  — 4G.  48  —  49  (?  unleserlich  =  52  — 53  R.)  50  — 
57.  59  und  es  fehlen  sonach  der  Hauksbok:  29  —  35  i—^.  36  des  cod. 
Kegius;  andrerseits  folgen  die  Strophen  der  Hauksbok  im  cod.  Eegius 
und  mit  dessen  Zählung  so:  1  —  20.  26  —  28.  39—40.  21  -  25.  3b^~\ 
43.  41  —  42.  37  —  38.  44  —  45.  49.  46  —  48.  50—51.  52  —  53  (?). 
54  —  61.  62  und  es  fehlen  sonach  dem  cod.  Eegius  30^— 4.  36.  4.0^—^. 
58  der  Hauksbok;  dazu  fehlen  einzelner  verspaare  und  andere  folge  der- 
selben in  der  Hauksbok  ebenso  wie  im  cod.  Regius;  wie  lassen  sich, 
ganz  abgesehen  von  der  discrepanz  derlesarten,  dergleichen  Verschieden- 
heiten auf  einen  schriftlichen  archetypus  zurückführen?  — )  Ist  dies 
aber  der  fall,  so  sehen  wir  nicht  ab,  wie  es  möglich,  dass  trotz  sol- 
cher Verschiedenheit  gleichwol  in  jener  abweichung  von  der  ursprüng- 
lichen, ächten  (d.  h.  der  von  Bugge  angenommenen)  gestalt  eine  so 
wesentliche  Übereinstimmung  beider  stattfinden  konnte.  Beide,  cod. 
Regius  und  Hauksbok,  beginnen  gleichmässig  mit  liljoäs  hkt  ch  und 
haben  die  ersten  20,  bezüglich  21  strophen  in  gleicher  folge  gemeinsam; 
während  aber  die  2.  und  3.  der  diesen  zwanzig  von  Bugge  vorgesetzten 
epischen  strophen  (29  ^  ^  und  30  R.)  der  Hauksbok  ganz  fehlen,  steht 
gleichwol  die  1.  derselben:  Hekti  (hana)  lu'iu  (23  R.  und  27  Hb.)  in 
beiden  handschriften  zwischen  denselben  vorhergehenden  und  nachfol- 
genden strophen.  Welcher  ganz  sonderbare  zufall  müsste  gewaltet  haben, 
dass  die  beiden  mündlichen  traditionen  der  Völu  spä,  wovon  die  eine  im 
cod.  Regius,  die  andere  in  der  Hauksbok  ihre  schriftliche  fixierung  fand, 
gerade  in  dieser  gemeinsamen  weise  von  dem  einst  gemeinsamen  origi- 
nale abwichen?  —  Endlich  sei  auch  noch  ein  bedenken  gegen  Bugges 
erklärung  der  bei  ihm  4.  (sonst  1.)  strophe:  liJjöäs  biet  ek  usw.  nicht 
verschwiegen.  Bugge  erklärt:  „Andacht  heisch  ich  von  den  menschen; 
du  verlangst,  Odin  (Valfö(tr)l  dass  ich  die  alten  künden  der  menschen, 
so  weit  ich  mich  ihrer  nur  erinnern  kann,  wol  (vel)  dir  vorerzähle." 
Sollte  Valföär  des  R.  wirklich  nicht  den  genitiv  Valföitur,  auf  den 
doch  der  unzweifelhafte  genitiv  Yalfiklv^  in  der  Hauksbok  hinweist, 
ausdrücken  können?  darf  das  in  seiner  bedeutung  hier  doch  so  unter- 
geordnete vel  den  höfuäsfafr  bilden  und,  wenn  auch  sonst  im  sing, 
nicht  nachweisbar,  nicht  gleichAvol  irl  sein?  Warum  sollen  ferner  niclit 
erst  Valföctnr  vel,  und  dann  f/ra  for}is]iöll  erwälnit  werden  —  erst 
der  Inhalt  des  berichtes  und  dann  seine  quelle?  und  die  zweifache 
anrede  in  derselben   strophe,   erst  an  die  menschen,    sodann,   sei  es  an 


410  MÖ13IUS 

einen  ungenannten,  oder,  wie  Biigge  will,  an  Odin,  bleibt  auch  bei  letz- 
terer annähme  bestehen  (denn  vilclu:  volebant,  ist  natürlich  ganz  unstatt- 
haft). —  Noch  eines  zweiten  Vorschlages  Bugges  zur  restitution  der 
ursprünglichen  form  des  gedichtcs  sei  gedacht,  der  sich  s.  8  (zu  str.  4!),  I) 
findet,  und  wo  Bugge  auf  veranlassung  des  stef:  geyr  Garmr  mjök  usw., 
und  zwar,  in  Übereinstimmung  mit  Grundtvig,  der  ganzen  strophe,  nicht 
bloss  der  halben  (s.  s.  301''  der  Buggeschen  ausgäbe),  eine  einteilung  der 
zweiten  hallte  der  Völu  spa  in  stefjanidl  unternimmt.  Er  gewinnt  durch 
Versetzung,  trennung,  zusammenziehuug  der  betreffenden  Strophen  in  der 
Hauksbök  vier:  32  —  35  |  37  —  41  |  43  —  46  |  48  —  50  und  im  cod. 
Regius  drei:  44  —  45  |  47.  48.  50.  51  |  52  —  54.  Weiter  freilich  als 
auf  diese,  Eagnarökkr  und  seine  Vorzeichen  behandelnden  theile  würde 
sich  eine  derartige  anordnung  kaum  ausdehnen  lassen ;  obwol  das  andere 
stef  im  ersteren  theile  „ßä  gengu  regin  öU"  (4mal  im  Reg.)  nicht  min- 
der zur  restituierung  der  betreffenden  stcfjamdl  aufzufordern  scheint.  Wir 
unsrerseits  vermögen  in  diesen  unzweifelhaften  spuren  der  einstigen  stcf- 
jamdl ,  wenn  es  überhaupt  dessen  noch  bedürfte ,  nur  einen  weiteren, 
triftigen  beweis  dafür  zu  erkennen,  in  wie  ganz  zerrütteter  gestalt  das 
gedieht  uns  überliefert  worden ,  und  —  wie  sehr  doch  dadurch  der  glaube 
an  sein  hohes  altertum  erschüttert  werde. 

Rücksichtlich  der  einzelnen  lesarteu  schliesst  sich  der  Bugge- 
sche  text  (I),  so  v/eit  jene  nicht  handschriftlich  sind,  im  ganzen  den 
früheren  herausgebern  an ;  von  eignen  Verbesserungen  hat  Bugge  nur  sehr 
wenige  in  seinen  text  aufgenommen,  um  so  reicher  an  Verbesserungs- 
vorschlägen ist  der  kritische  commentar  (s.  1  — 11  und  388 — 392). 
Wir  heben  von  jenen  oder  auch  den  vertheidigungen  der  handschrift- 
lichen lesart  hervor ,  5  ^  (B.) :  die  sonne  legte  ihre  rechte  auf  (um)  die 
himmelskante  —  um  himin  jöitur  (statt  —  jddi/r  oder  —  jödi/r);  von 
der  am  horizont  aufgehenden  sonne?  die  sonne  verbreitete  ihren  schein 
über  den  ganzen  horizont?  10—16  ds^s  dvergatal ,  dessen  constituierung 
wie  den  einzelnen  namen  Bugge  eine  besondere  Sorgfalt  zugewendet. 
22  ^  seid  hon  hugleihinn  {seip  hon  leihin  R.  seid  hon  huglcikin  Hk.) 
so  dass  seid  als  verbum,  hugleihinn  als  adjectivischer  acc.  sing.  masc. 
genommen  und  das  subst.  sciä  dazu  ergänzt  wird:  seiä  hon  hugleihinn 
(seid),  wie  sofa  swtan  (svcfn).  24^  horävegr  (R.  —  statt  horäreggr 
Hk.)  die  zinne  der  asenburg;  hordrcgr ,  wie  man  aus  Fritzner  ersieht, 
bedeutet  den  das  verdeck  eines  schiffes  umgebenden  raud;  24  '  Die  Vanen 
betraten  —  nicht :  das  den  krieg  vorausahnende  (cigspd)  sondern  —  wie 
auch  Egilsson  vermutete:  vigshd  das  durch  krieg  feindlich  bedrohte  fehl. 
27^:   sie  sieht  einen  fluss  aus  Mimers  quelle  sich  ergiessen  mit  hcfti- 


NORDISCHER    LITTEEATIEBERICHT.    I.  411 

gern  stromfall  aurgiini  forsi,  d.  i.:  örguM  =  öräcjum  (vgl.  shurgoä  und 
shirägoct)  nicht:  mit  lehmicLtera ,  aargiim,  Hb.  hat  nämlich  qrgum 
(ebenso  4^  hjqätim,  weshalb  Bugge  nicht  mit  Muuch  liest:  hjöäam,  son- 
dern mit  Kask  undGislason:  hjöäam  montibus);  31^  die  Völva  erblickte 
im  voraus  das  dem  Baldr  bestimmte  geschick ,  ihm ,  nicht :  dem  bluti- 
gen, sondern  dem  herrlichen  gotte;  Uoctgum  —  nicht  abzuleiten  von 
hJM:  sanguis,  sondern  von  Uöctr,  gen.  hldäar  (vgl.  z.  b.  Pöll  —  Pdls, 
Ost  —  dstar,  amhött  —  amhdttar  usw.)  =  ags.  Uced  (ahd.  j^^dt,  lat. 
flatus)  dignitas , .  gloria.  Allerdings  scheint  auch  mit  Bugge  Hund.  I,  9 
der  junge  held,  der  noch  nicht  im  kämpfe  gewesen,  blödreldnn  nicht 
sowol:  sanguine  tinctus  (vgl.  dreyr -reh'mn) ,  als  vielmehr:  gloria?  Stu- 
diosus, d.  i. :  UoCt  (=  Udä)  -  rehimi  {=  rceklnn)  zu  sein;  42'^  der 
harfenspielende  riese  heisst:  Eggper  mit  R.  (nicht  Eggäir  mit  Hb.  und 
den  ausgg.),  vgl.  Hjalntjjer ,  SigPer  (und  SigMr);  -per  =  ags.  -peoi\ 
sonach  l^ggpcr  =  ags.  Ecgpyeöv  (z.  b.  Beovulfs  vater);  42*^  der  schöne 
rothe  hahn  kräht  den  Eggper  an  nicht  im  gänse-walde  {gaglvUtl  R.), 
sondern  im,  auf  dem  galgenbaume  (gdlgviäi  Hb.),  d.  h.  Odins  gal- 
gen  oder  der  weltesche  Yggdrasill,  gleichwie  (Fjölsvinnsm.  23.  24)  der 
hahn  Vidofnir  in  den  zweigen  des  Mimameidr  sitzt.  46 ^~^  LeiJca 
Minis  synir,  en  mjötuctr  hyuäkh  at  inu  gamla  Gjallarliorni  —  ,,aber 
Yggdrasill  verbrannte  beim  (schalle  vom)  alten  dut-horn,"  so  überall 
verstanden,  obwol  —  was  Sv.  Grundtvig  zuerst  hervorhebt  —  Yggdra- 
sill in  der  nächsten  atrophe  noch  steht  (asJcr  standandi)  und  hin  und 
her  schwankt ;  auch  nirgends  sonst  erwähnung  jenes  brandes.  Grundtvig 
erklärt  demnach  mjötuär  (nicht  =  injöt-viär,  d.  i. :  Yggdrasill,  wie 
Völu  spä  2',  sondern)  =  ags.  nieotod  schöpfer,  schicksalsbestimmer,  hier 
vom  Heimdali,  und  Jcyndish  nicht  von  hyndasJc,  sondern  (praBt.  von)  Av/n- 
nasJv:  Heimdall  erkannte  sich  an  dem,  d.  h.  erkannte,  d.  h.  fand  wider, 
sein  altes  hörn.  Bugge  —  und  wie  uns  scheint  mit  recht  —  hält  mjö- 
tuär  ==  dss  =  Heimdall  für  unzulässig,  aber  —  ob  mehr  zulässig?  — 
findet  in  nijütnctr :  schicksalsbestimmer,  —  begränzer  (sogar  =  tod  Snorra 
Edda  H,  494^''),  eine  bezeichnung  von  ßagnarökkr,  und  erklärt:  aber 
(dass)  Eagnarökkr  (bevorsteht)  erkannte  man  (doch  wol  dann:  erkennt 
hynnisk?),  oder  Hess  sich  erkennen  am  usw.  Ueberdies  behält  Bugge 
das  gaUa  des  li.  (gamla  Hb.)  und  es  vergleichend  mit  galla-hrd  (SE.  I, 
306^—2)  deutet  er:  bei  dem  schallenden  gjallarhorn.  59^  die  Völva 
sieht  die  erde  aus  der  flut  sich  erheben,  als:  ktja,  grmna^  d.  i.  rena- 
tam,  viridem,  vom  adj.  *i(lr,  nicht  als:  idja-groena,  recenter  oder  novo- 
viridem  —  trotz  des  so  passenden,  von  Bugge  angeführten  holl.  etgrocu 
und  engl,  edgrew?  64*  der  selige  wohnsitz  der  neuen  menschen  findet 
sich    nicht  auf:    Gimll,    wie  in    den  Ausgg.,    sondern  auf:    Gimle  K. 


412  Mnmrs 

{GlwJr  IIb.  und  SE.  rWU.)  <1.  li.:  (ihuhir,  auf  der  Gim(?)-rube; 
hierdurch  wird  auch  dorn  metruiu  f^'euüg'o  yetlian.  Schliesslich  hat  Bugge 
von  den  zwei  in  der  Hauksbök  unlcsorliclien  stropheu  der  Völu  spd  (sti. 
48  und  40)  —  die  betreffende  stelle  der  handschrift  ist  im  facsimile  (l) 
iiiitgoteilt  —  sowol  etwas  mehr,  als  auch  zum  theil  in  anderer  weise  zu 
ontziflern  vermocht,  als  Thorsteinn  Helgason  (Ssem.  E.  AM.  III,  p.  ll.U) 
und  Gudbrand  Vigfüsson  (S?em.  E.  Leipz.  s.  271);  er  bezieht  die  zu 
lesenden  werte  von  str.  48 ,  wie  Thorsteinn,  auf  die  midgardsschlange 
(SE.  AM.  I,  ISS^"  fgg.). 

HslYa  null  (s.  43  — 64.  393  —  395.  XXVIII  — XXIX).  Im  allge- 
meinen unterscheidet  sich  Bugges  text  von  dem  Munchschen  dadurch, 
dass  die  länge  nicht  der  strophen,  wol  aber  der  einzelnen  verse  sehr 
vielfach  anders  bestimmt  ist  und  dadurch  das  Verständnis  der  betreffen- 
den lehrsätze  u.  dgl.  nicht  wenig  gewonnen  hat;  ferner  dass  str.  63  vor 
str.  62  gesetzt  ist,  und  zwar  nach  eigner,  bisher  übersehener  bestim- 
mung  des  E. ,  ohne  dass  übrigens ,  so  weit  wir  sehen ,  das  Verständnis 
der  betreffenden  strophen,  weder  jeder  für  sich,  noch  gegenseitig,  dadurch 
alteriert  würde;  die  halbstrophe  in  den  sogenannten  Loddfäfnismäl : 
rdäimik  Jier  usw.  bei  Munch  nur  12  mal,  hier  nach  K.  8  mal  mehr. 
Das  gedieht  sondert  sich  bekanntlich  in  3  theile,  die  eigentlichen  Häva- 
mal  (str.  1  —  HO),  die  Loddfäfnismäl  (str.  111  —  137),  den  Rünatals 
bättr  (str.  138  — 164),  (nur  der  erste  name  durch  die  letzte  strophe,  wie 
durch  die  Überschrift  in  E.  bezeugt).  Bugge  bezeichnet  nun  die  111. 
Strophe  als  einleitungsstrophe  nicht  blos  zu  den  Loddfäfnismäl,  sondern 
auch  zum  Eünatals  pättr,  indem  sich  str.  162  noch  einmal  die  anrede 
an  den  Loddfäfnir  findet.  Ich  glaube,  dies  ist  für  die  relativ  ursprüng- 
liche gestalt  des  gedichtes  nicht  massgebend,  denn  die  drei  letzten  stro- 
phen des  gedichtes,  str,  162.  163.  164  verraten  zu  deutlich  die  absieht 
des  spätem  compilators,  auf  grund  und  mit  liilfe  einiger  ächten,  aber 
unvollständigen  reste  das  gedieht  abzurunden  und  zum  abschluss  zu  brin- 
gen. Nachdem  bereits  dem  17.  Ijöd  (str.  162  i—^)  eine  vollständige ,  für 
die  sämtlichen  Ijöd  passende  schlusstrophe  angefügt  ist,  kommt  höchst 
überraschend  str.  163  noch  ein  18,  Ijöd,  das  der  dichter  —  ohne  seine 
heilkraft  anzugeben  —  nur  seiner  Schwester  oder  gattin  sagen  will,  das 
aber  nochmals  eine  directe  Schlussbezeichnung  enthält:  ßat  fijlgir  Ijöäa 
loJcum.  Endlich  str.  164:  ein  hauptschluss ,  der  den  ganzen  Hävamäl, 
auch  seinem  ersten  theile,  gelten  soll.  Es  scheint  hierdurch  sowol  die 
ursprüngliche  Selbständigkeit  jedes  der  drei  theile ,  als  auch  ihre ,  wenn 
auch  ungeschickte  zusammenfügung  in  gleicher  weise  bestätigt  zu  wer- 
den. —     Im  einzelnen:    Bugge  behält   die  von  Munch  verworfene  vierte 


NORDISCHER   LITTERÄTURBERICHT.    I.  413 

zeile  in  str.  1  unter  liinweis  auf  ähnliche  Zusätze  anderwärts;  so  z.  b. 
Hävaraäl  74  ebenso :  a  b  c  c ,  a  b  c  oder  wie  im  galdralag  ebendaselbst 
str.  105:  abc,  abcc  und  anderwärts.  19^  haldit  niaär  d  heri  erklärt 
Bugge:  niemand  halte  den  becher  zurück,  d,  h.  man  nehme  den  gebo- 
tenen becher  und  trinke  daraus  (aber  mit  mass  usw.);  können  aber  die 
Worte:  „niemand  halte  am  becher"  —  was  sie  doch  zunächst  heissen  — 
so  viel  sein,  als:  „niemand  weise  den  (dargebotenen?)  becher  zurück?" 
Allerdings  hat  K.  die  negation,  und  der  durch  das  folgende  (aber  mit 
mass)  bedingte  sinn  möchte  wol  eher  sein:  „niemand  halte  zu  sehr 
am  — ,  zu  viel  auf  den  becher,  d.  i. :  das  trinken."  2G^  der  thor  bildet 
sich  ein  alles  zu  wissen,  wenn  er  für  sich  sitzt  —  i  vd,  d.h.  im  winkel, 
vd  =  vrd,  wie  vönguni  =  vröngum,  doch  per  lapsum  calami,  nicht, 
wie  Gudbrandr  will,  als  phonet.  Übergang  (cf.  Eyrb,  vorr.  L.).  33^  „man 
frühstücke  und  mache  nicht  ohne  (dies  getan  zu  haben)  einen  besuch*' 
ne  dn ,  wie  Bugge  liest,  statt  des  mit  dem  Inhalte  der  zweiten  halb- 
strophe  unvereinbaren  nema  des  K.  36  und  37:  „eine  wohuung,  wenn 
auch  nur  ein  huhot:  eine  baracke,  ist  besser  (nämlich:  als  gar  keine)"; 
so  conjiciert  Bugge  statt  des  überlieferten  lUit,  wofür  hikot  (Fms.  VI, 
327^^)  jedenfalls  anschaulicher.  60^  „seines  bedarfs  an  brenn-  und  schin- 
del-holz  kennt  jeder  gute  hauswirt  —  mjöt:  das  mass"  (so  conjiciert 
Jon  Jönsson),  -wie  mjöt  mala:  modus  verborum  in  der  Höfudlausn;  doch 
Bugge,  auf  grund  von  miotvctc  des  K. :  mjötuct  (vergl.  mit  goth.  mifap 
modum).  72'*  „nur  verwante  setzen  uns  bautarsteine."  Bugge  belehrt 
uns,  dass  haufarsteinn  nur  haiitactar-steinn,  genetiv  von  einem  hautuär 
sein,  dies  aber  nicht  c(esus,  sondern  nur  ccesor  bedeuten  könne;  sonach 
hautarsteinn:  der  stein  (zum  andenken)  eines  kriegers.  —  Str.  88  ver- 
mutet Bugge  sehr  wahrscheinlich  nach  89,  da  die  dative  der  str.  85  —  87 
und  89  im  fornyrdalag  nicht  von  dem  verbum  (trüa)  einer  strophe  (88) 
im  Ijödahättr  abhängen  können.  107^  ^  „Ich  habe  gar  wol  vorteil 
gehabt  von  meiner  Verwandlung  (in  eine  schlänge),  von  meiner  woler- 
worbenen  gestalt  vel  keypts  lUar"  —  warum  bedarf  es  mit  Bugge  der 
Wandlung  des  litar  in  lutar  (d.  i.  Jdutar):  von  meinem  wolerworbenen 
anteil  (nämlich  am  meth)?  —  148*^  „ich  vermag  meiner  feinde  schnei- 
den so  stumpf  zu  machen ,  dass  weder  ihre  waffen  noch  ihre  velir  ver- 
wunden,'" warum  velir:  insidise,  und  nicht  velir:  baculi,  was  sowol  in 
Bari.  137^^  (veirtt-veler,  nach  bogen  und  köchern  erwähnt)  als  auch 
nach  Yngl.  c.  6  (vgl.  Bugges  vorrede  s.  XXIX) ,  wo  geradezu  vcndir  dafür 
gesetzt  ist,  das  nächstliegende  ist?  —  155^  die  hexen  in  der  luft  fah- 
ren in  der  irre  herum  —  p<r>r  villar,  wie  Bugge  jedenfalls  mit  recht 
sich  Pfeiffers  eraendation  des  peir  vilUr  im  K.  anschliesst.     Conrad  Hof- 


414  MÖBIDS 

inaiiii  suchte  letzteres  neulich  zu  verteidigen;    vgl,  Bugges  gegeubemer- 
kungen,  vorrede  LXXIV,  anmerkung. 

Yafpnutiiismitl  (65 --74  und  .'595 --396).  1^  das  unerhörte  o/V«', 
das  Egilsson  und  Bugge  (s.  66)  durch  dfrd  erklären,  ist  im  Keg.  selber, 
wie  Bugge  erst  später  erkannte  (s.  395  —  396),  zu  dem  gewönlichen  frd 
corrigiert.  —  28*—*'  die  antwort  in  str.  29  setzt  in  str.  28  die  frage 
voraus:  wer  waren  die  ältesten  abkömmlinge  von  den  riesen?  Aber 
Odin  fragt:  wer  war  dies  von  den  äsen  oder  riesen?  Bugge  conji- 
ciert  (statt  dsa)  jötna  und  erklärt  das  eäa:  sive  (nicht:  aut)  durch 
Vafjyr.  6*^  und  34^;  sollte  aber  der  nicht  minder  auffällige,  unter  allen 
den  verschiedenen  fragen  (abgesehen  von  dem  eigentümlichen  livi  —  vitir 
in  str.  42)  allein  stehende  conjunctiv  yritl  die  berechtigung  der  ganzen 
halbstrophe  hier  in  frage  stellen?  38^  „woher  kam  Njörd  unter  die 
äsen?"  —  statt  mect  dsa  sonum,  worin  die  allitteration  zu  Njörd  fehlt, 
vermutete  Kask:  d  Nöatihmm,  darauf  Bugge:  til  Nöatdna.  —  In 
str.  49  (wo  Bugge  verbindet :  drei  hauptflüsse  strömen  über  das  Jwr2} 
[land ,  wohnstätte  ?]  von  Mögthrasis  töchtern)  —  hat  Bugge  der  lesart 
des  AM.  Jj(Er  er  vor  dem  Jjeirra  des  Keg.  und  der  ausgaben  den  vorzug 
gegeben;  soll  der  sinn  sein:  obwol  riesentöchter,  sind  sie  doch  schutz- 
geister  der  menschen  und  zwar  die  einzigen  ?  was  soll  pcer  er :  ese  quse  ? 
mau  darf  doch  kaum  konstruieren :  (Mögthrasis  töchter)  pcer  er  i  heimi  erii 
liamingjur  einar  ?  —  eher  schiene  zu  theilen :  liamingjar  einar  Jjcer  \  er 
i  heimi  eru  „sie,  die  alleinigen  schutzgeister ,  die  in  der  weit  sind." 

Orimuisiuäl  (75  —  89  und  396  —  397).  Bugge  vermisst,  wie  auch 
N.  M.  Petersen  und  Lüning ,  die  innere  einheit  des  gedichtes ,  meint  aber, 
dass  diese  nicht  erst  durch  spätere  zusätze  gestört  worden,  sondern  die- 
ser mangel  an  einheit  sei  vielmehr  gleich  bei  der  entstehung  des  gedich- 
tes vom  dichter  selbst  durch  aufnähme  älterer  und  fremder  Strophen  ver- 
schuldet worden.  Gegen  Lüning  insbesondere,  der  zwei  gedichte  mit 
etwa  gleicher  einkleidung  annimmt,  das  eine  (str.  1  —  25.  36.  42?  45  — 
54)  von  der  herrlichkeit  der  Äsen,  das  andere  (26  —  35.  37  —  44)  kos- 
mogonischen  Inhaltes,  bemerkt  Bugge,  dass  in  dem  ersteren  str.  26  nicht 
von  25  getrennt  und  str.  42  nicht  weggelassen  werden  dürfe,  dass  ande- 
rerseits das  zweite  vielmehr  als  eine  reihe  von  Strophen  verschiedenen 
Ursprungs  und  nichts  weniger  als  ein  gedieht  für  sich  zu  betrachten  sei. 
Kücksichtlich  der  20.  strophe ,  die  Lüning  ganz  aus  den  ursprünglichen 
Grimnismäl  ausscheidet,  so  dürfe  sie,  obwol  im  wesentlichen  identisch 
mit  str.  21  der  Vafprüdnismäl ,  eben  so  wenig  (weil  eng  verbunden  mit 
str.  41),  aus  diesen  entlehnt  gelten,  noch  umgekehrt,  sondern  müsse  wol 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.    I.  415 

einer  gememsameii  dritten  quelle  angehören.  Ausser  der  lierstellung  und 
theilweisen  erldärung  mehrerer  namen,  Grimnir ,  Sdga,  Vidi  (s.  397''), 
Bilslciniir,  Svcifnir  (?),  Hroäv'dnir ,  Vdfuär ,  Baleygr  (d.i.:  Böl-ei/gr), 
Ratatoskr,  Lcerud,  Geirönul ,  ausser  den  metrischen  bemerkungen  zu 
23-4,  2^-8,  36*-S  424 ,  (Jeu  sprachlichen  über  vcla,  Iwdd  (=  liord 
im  Heljand),  eshi-mey  und  esMs-mey,  skaplicr  und  skaptker  (jenes 
durch  das  skaklcer  der  MorkinsMnna  noch  gerechtfertigt) ,  über  die  mit 
ragna-röJc  und  -röMr  analoge  Verwechselung  Yon  Bilröst  imd  Bifröst  — 
heben  wir  von  conjecturen  und  emendationen  hervor  17  4;  Vidar  sprang 
nicht  vom  pferde  (lezJc  af  mars  halü) ,  sondern  schwang  sich  auf  das- 
selbe (hlesli  ä  mars  hak) ,  wie  dies  allerdings  trefflich  passt  zum  fol- 
genden verse:  um  (in  den  kämpf  zu  ziehen  und)  seinen  vater  zu  rächen. 
21*^  las  man:  valgJaumi  (dat.)  und  verstand  die  leichenschaar,  welcher 
der  ström  zu  mächtig  zum  durchwaten  erschien.  Bugge  nennt  diesen 
Strom  Valglaumnir ,  den  Valhöll  umfliessenden ,  und  liest:  drsfraumr 
Jyylikir  ofnUJcdl  |  Valglaumni  at  vada,  wol  in  dem  sinne  (?):  die  fluss- 
strömung  (prolepsis:  des  Valglaumnir)  erschien  zu  stark,  um  ihn  (näm- 
lich: den  Valglaumnir)  zu  durchwaten.  In  25 ^  und  26 2:  er  sfcndr  höUic 
d  Herjafödrs  streicht  Bugge  das  störende,  wol  durch  das  unrichtige 
BüsJcirni  von  str.  24  veranlasste  Herjafödrs  und  liest  beidemal  (mit 
nachgesetzter  präposition):  er  stendr  MIlii  d.  Str.  33^  vier  hirsche  _^eirs 
gnaga  af  liefingar  d:  „welche  nagen  ab  die  sprossen"  am  (Yggdrasill) ; 
auf  diese  weise  sind  alle  Veränderungen  unnötig  (s.  Lüning).  37*^  Die 
götter  setzen  unter  die  buge  der  sonnenpferde :  isarnJcol;  so  die  ausga- 
ben ;  isarn  \  Jwl  die  handschrifteu ;  was  Bugge  unter  annähme  eines  adj. 
hol  (ags.  cöl)  übersetzt:  kühle  eisen;  mit  recht  bemerkt  Svend  Grundt- 
vig  dagegen,  dass  dies  auf  wafifen  hindeuten  würde. 

Skiriiism<il  (90  —  96  und  398).  Bugge  verdächtigt  die  schlussworte 
der  einleitenden  prosa ,  welche  str.  1  in  den  mund  von  Freys  mutter ,  der 
Skadi,  legen,  weil  weder  die  entsprechende  stelle  in  Snorra  Edda  noch 
die  1.  str.  selber  dies  rechtfertigen ;  gleichwol  möchte  ich  sie  nicht  strei- 
chen ,  da  sie  von  dem  at  yhrmn  syni  (euer  beider  söhn)  in  Skirnis  ant- 
wort,  str.  2,  bedingt  erscheinen.  Str.  1^  „oJc  galcli  [sl'jött]  at  heida,^' 
Bugge,  um  dem  fehlenden  Stabreim  zum  vorausgehenden  Skirnir  genüge 
zu  thun.  1*^  ofreidl,  was  Egilsson  in  ofreidr  ändern  will,  gerechtfertigt 
durch  ähnliche  Wechsel  wie  -ölvl  und  -ölvr,  -vani  und  -vanr;  afi  von 
Lüning  als  avus  bezweifelt,  von  Bugge  durch  goth.  aha,  av)JQ,  gerecht- 
fertigt. 8  ( — 9)  ^^2  die  prädicate  der  waberlohe  (um  myrkvan,  visan 
vafrloga)  visi  durch  die  gleiche  Verbindung  (risum  vafrloga)  in  Fjölsv. 
31^,  myrküi  theils  ^hndkkdmi  (sordidus)  im  Bergbüa  I)ättr,  theils  durch 


41G  MÜBIUS 

die  Worte  der  Yölsuiiga  saga  (Sigiird  reitet  in  die  wabcrlolie ,  gleichwie 
in  die  tinsternis)  erläutert;  doch  visi  —  nach  Fibigers  erklärung  zu 
Fjölsv.  — :  verzaubert,  magisch,  dämonisch?  —  10*  sehr  ansprechend 
widerlegt  Bugge  Jnirsa  (A.  J)i/rj(i  K.)  Jtjöä  i/fir ,  und  conjiciert:  Jntrsa 
J)jöäar  HL  IT-"*  cikhui  fiir  yfir:  über  das  rasende  feuer;  cikinn,  adj., 
von  *eika,  dies  mit  cdyig  (sturmwind)  und  cuyiuiv  (stürmen)  in  Verbin- 
dung gebracht;  und  für  (nicht  für)  als  ältere  form,  vgl.  ahd.  fmr. 
29^  Bugge  vergleicht  sus-  in  silsbreka  mit  ags.  süsel,  Labor,  cruciatus. 
30^  tramar  (in  verschiedenen  formen  noch  in  den  übrigen  nordischen 
sprachen):  teufel,  böse  geister.  31*  Bugge  entscheidet  sich  (31)8'')  für 
pik  gcä  gripi :  dein  gefühl  soll  dich  überwältigen ,  und  ändert  das  pitt 
der  handschrift  mpil-;  sollte  sich  aber  di,\\ch  pitt  {=  piJc)  nicht  eben  so 
halten  lassen,  wie  in  Hävam.  12<j^:  siär  pitt  um  heiUi  hulir,  ne  viri 
fasciuent  tuum,  i.  e.  te?  freilich  ist  pik  an  beiden  stellen  das  einfachere 
und  natürlichere.  33-*  cn  firinilla  mcer!  Du  ungeheuer  schlechte  dirne! 
Bugge  nimmt  das  furin  der  handschrift  für  firin.  42*^  bericlitet  (398'') 
Bugge  zwar,  dass  liynoit  wie  imE.,  so  auch  im  Worm.  der  Snorra  Edda 
gebraucht,  dagegen  im  Keg.  der  Snorra  Edda  als  ein  wort  geschrieben 
sei;  aber  kein  wort,  was  er  darunter  versteht. 

Harl>ar{ts]j6(t,  oder  vielmehr,  wie  Bugge  schreibt  und  deutet: 
Härbards  (d.  i.  graubart)  s.  97 — 104  und  398  —  399.  AUitteration  und 
vers  stellt  Bugge  in  12  2  —  3  q^i  ,,^^^,^  ^^  foräa  fjörvi  minn  fyr  slikum 
sem  pü  erf)  treffend  so  her :  J)a  nmn  ck  fyr  slikum  sem  pil  ert  \  foräa 
fjörvi  minu.  13^  „über  die  fürt  zu  dir  zu  waten  und  dabei  nass  zu 
machen  meinen  —  ögur''  (R.)?  Bugge  vermutet  sehr  ansprechend 
dögiirä:  mein  frühstück,  vgl.  str.  3.  29*^  treffend  scheint  Bugges  Ver- 
mutung (statt:  gagni  urän  peir  Jw  litt  fcgnir):  gagni  uränt  pcir  litt 
fegnir  „sie  freuten  sich  zwar  sehr  ihres  sieges,  doch  — "  nun  der 
erforderliche  gegensatz.  Ebenso,  zur  herstellung  der  allitteration  44^ 
(und  45^):  /  heimis  (nicht:  sJiogiim,  sondern:)  liangnm  ^  was  überdies 
auch  der  sinn  fordert.  58-'^  „du  wirst  dein  ziel  erreichen,  erwidert  Här- 
bard  dem  fragenden  Thor,  mit  arbeit  und  mühe:  at  upprennandi  sohl 
er  ek  get  pdna^''  liest  Bugge  ohne  komma  vor  er,  und  das  folgende  Jwna 
(mit  Sveinbjörn  Egilsson):  thauen;  sonach  jedenfalls  er  als  nachgesetzte 
causale  partikel.  (cf.  Bugge  s.  51"  zu  Hävam.  dl^):  denn  ich  meine  dass 
es  bei  aufgang  der  sonne  thauen  werde;  doch  kann  dies  wol  das  vU  ok 
erfidi  begründen  ? 

Wir  knüpfen  an  die  besprechung  von  Bugges  ausgäbe  der  Ssemim- 
dar  Edda   sogleich  die   seiner   ausgäbe  der  Völsunga  saga   und  des 


NORDISCHER   LITTERATÜRBERICHT.    I.  417 

Norna-gests-pättr.  Beide  sagas  stehen  mit  den  heldenliedern  der 
Saemundar  Edda  durch,  die  paraphrasierung ,  die  diese  in  jenen  erfahren 
haben,  in  zu  enger  heziehung,  als  dass  das  eingehende  Studium,  was  die 
letztern  zum  zweck  einer  kritischen  bearbeitung  erfordern ,  nicht  eben  auch 
jenen  sagas  zu  theil  werden  und  in  demselben  grade,  in  dem  es  für  die 
betreffenden  lieder  aus  den  sagas  gewinnreiche  resultate  erzielt,  nicht  auch 
widerum  für  jene  sagas  gewinnbringend  sein  sollte.  Wenn  Bugge  die 
fruchte  seiner  der  Völsunga  saga  und  dem  Norna  gests  pättr  zugewau- 
ten  arbeit  in  der  form  von  kritischen  ausgaben  derselben  verwertet 
hat,  haben  wir  dies  um  so  dankbarer  anzuerkennen,  als  man  sich  für 
beide  bisher  mit  den  ziemlich  kritiklosen  abdrücken  in  den  Fornaldar 
sögur  (I.  1829)  —  um  der  früheren  ausgaben  ganz  zu  geschweigen  — 
begnügen  muste. 

Norna  gests  pättr  (in  Verbindung  mit  Halfs  saga)  erschien 
1864,  Völsunga  saga  1865  —  jener  als  erstes,  diese  als  zweites  heft 
eines  bandes  von  „altnordischen  Schriften  sagenhistorischen  Inhaltes," 
in  den  publicationen  der  „Norsk  Oldskriftselskab  (nr.  VT  und  VIII)." 
Sie  enthalten  Ngl).  s.  45 — ^79  und  Völs.  s.  81  — 192,  den  kritisch 
berichtigten  text  in  normalisierter  form,  mit  untergesetzten  Varianten 
und  am  ende  (Ng|).  s.  81  und  Völs.  s.  193  —  1!J9)  eine  oder  ein  paar 
selten  erklärender  anmerkungen.  Noch  felilt  der  schluss  des  bandes  und 
damit  auch  die  vorrede.  Dagegen  hat  Bugge  die  an  solcher  stelle  zu 
erwartenden  mitteilungen  bereits  in  der  vorrede  seiner  S^emundar  Edda 
gegeben,  wo  er  sich  (p.  XXXIV — XLIV)  über  das  Verhältnis  sowol  von 
Snorra  Edda  als  auch  von  Völsunga  saga  und  Norna  gests  pattr  zu  den 
betreffenden  liedern  und  den  wert,  den  sie  für  deren  texteskiitik  darbie- 
ten, in  eingehender  weise  auslässt. 

Hiernach  ist  unsere  Völsunga  saga,  verschieden  von  der  den 
Völsungsrimur  (Leipzig  1860)  zu  gründe  liegenden  recension  derselben, 
uns  nur  in  einer  membrane  vom  ende  des  14.  Jahrhunderts  überliefert, 
dem  cod.  Reg.  1824'',  4".  Diese  handschrift  liegt  dann  auch,  nach  einer 
sehr  sorgfältigen  vergieichung,  der  Buggeschen  ausgäbe  zu  gründe.  Die 
saga  selbst,  unzweifelhaft  isländischer  herkunft,  mag  der  zweiten  hälfte 
des  13.  Jahrhunderts  angehören,  nicht  aber,  wie  P.  E.  Müller  annimmt, 
dessen  anfang.  Das  verbietet  das  frühere  alter  der  Didreks  saga,  die 
selber  dem  beginne  des  13.  Jahrhunderts  angehört  und  aus  der  sich  meh- 
rere stellen  in  Völsunga  saga  benutzt  finden ,  wie  sich  aus  dem  abstände 
des  toues  ergibt,  den  jene  stellen  zu  dem  der  vorausgehenden  und  nach- 
folgenden wol  in  Völsunga  saga,  nicht  aber  in  Didreks  saga  bekunden, 
(lene  stellen  sind:  Didr.  ed.  Unger  kap.  185  =  Völs.  ed.  Bugge  kap.  22, 
Didr.    .301^2     25    c^i     3()p^    _    Völs.  158  i'      ^.^    Di^],.^  ;,jq2  i9      23  ^ 


418  MÜBIUS 

Völs.  lG-211  l^  Didr.  3099-23  _  y5ig  16910-1^  Didr.  1^^^  =  Völs. 
lOG'^  •'"').  —  Kücksiclitlich  des  verliältnisses ,  worin  Völsunga  saga  zur 
Su'inuiidar  Edda  steht,  so  benutzte  sie  wol  die  auch  uns  vorliegende 
aufzeichnung  und  samlung  der  heldenlieder ,  ohne  dass  diese  doch  nach 
inhalt  und  umfang  durchaus  dieselbe  sein  konnte.  Die,  wenn  auch 
sonach  nur  thcilweise  gleichheit  der  dem  Verfasser  der  Völsunga  saga 
und  der  uns  vorliegenden  liedersamlung  ergibt  sich  aus  der  fast  wört-" 
liehen  Übereinstimmung  der  Völsunga  saga  mit  den  betreffenden  prosa- 
stücken  mehrerer  lieder  (der  Sigurdarkvida  IL  und  der  Fafnismäl) ,  die 
Verschiedenheit  aber  daraus,  dass  Völsunga  saga  theils  lieder  benutzt 
hat,  die  unsere  samlung  im  Keg.  vermissen  lässt,  theils  widerum 
mehrere  der  letzteren  offenbar  nicht  gekannt  zu  haben  scheint,  als: 
Helgakvida  Hundiugsbana  II,  Sinfjötlalok,  Gudrüuarkvida  I,  Helreid 
Brynhildar,  Gudriinarkvida  III,  Oddrünargrätr ,  dräp  Niflunga,  einlei- 
tung  zu  Gudrünarkvida  IL  Benutzt  von  Völsunga  saga  sind :  Helgakvida 
Hundingsbana  I,  Sigurdarkvida  II,  Gripisspä,  Fäfnismal,  Sigrdrifumäl, 
Brynhildarkvidu  brot,  zum  theil  wenigstens  Sigurdarkvida  III,  die  bei- 
den Atlelieder  und  Hamdismäl.  Da  eine  vergleichung  des  letzteren  mit 
Völsunga  saga  lehrt,  wie  nahe  und  genau  ihr  paraphrast  sich  an  diese 
ihm  in  einer  nicht  nur  älteren,  sondern  zugleich  auch  reineren  und  cor- 
recteren  gestalt  vorliegenden  lieder  gehalten,  würde  dies  allein  den 
hohen  wert  von  Völsunga  saga  für  die  kritik  der  betreffenden  lieder 
bestimmen  können,  auch  wenn  wir  nicht  durch  Völsunga  saga  allein  in 
den  stand  gesetzt  würden,  uns  mit  ihrer  hilfe  den  inhalt  der  für  uns 
durch  die  lücke  in  Eeg.  verlorenen  lieder  zu  reconstruieren. 

Norua  gests  pättr  ist  bekanntlich  keine  selbständige  saga,  wie 
Völsunga  saga,  sondern  bildet  eine  der  zahlreichen  episodien  in  der 
grössern  saga  des  norwegischen  königs  Olaf  Tryggvason.  Diese,  und 
somit  Norna  gests  J)ättr,  ist  uns  in  zwei,  nicht  unwesentlich  von  ein- 
ander verschiedenen  membranen  überliefert,  in  AM.  G2,  fol.  nach  der 
mitte  des  14.  Jahrhunderts  und  in  der  Flateyjarbök  vom  ende  dieses 
Jahrhunderts.  Erstere ,  als  die  auch  fehlerfreiere,  hat  Bugge  unter  stä- 
ter  vergleichung  der  Flateyjarbök  seiner  ausgäbe  zu  gründe  gelegt.  Norna 
gests  Jiättr  ist  jedenfalls  später  verfasst,  als  Völsunga  saga,  wie  es 
scheint  im  beginne  des  14.  Jahrhunderts,  Von  seinem  Verhältnisse  zu 
den  betreffenden  eddaliedern  gilt  ähnliches,  wie  von  Völsunga  saga;  sein 
Verfasser  benutzte  eine  der  unsrigen  nahverwante,  wenn  auch  nicht  die- 
selbe samlung,  nur  dass  er  ausserdem,  wenn  nicht  aus  eigner  erdicli- 
tung,  so  jedenfalls  aus  der  mündlichen  volkssage  mancherlei  hinzugefügt 
zu  haben  scheint. 


NORDISCHER   LITTERATURBERIC'HT.   I.  419 

Die  erste  ausgäbe  der  Saemundar  Edda,  die  der  Buggescheu 
gefolgt  und  auf  der  in  ihr  gebotenen  grundlage  ruht,  ist  die  von  Svend 
Gruudtvig,  dem  bekannten  und  verdienstvollen  herausgeber  von  Dan- 
marks gamle  Folkeviser.  Grundtvigs  ausgäbe,  die  den  titel  führt: 
„  Smmmdar  Edda  Jiins  fröäa.  Den  (ßldre  Edda.  Kritisk  Händudgave 
ved  Svend  Grundteig.  KÖbenli.,  Gyldendal  18G8"  (XYI,  220),  erschien 
fast  unmittelbar  nach  Bugges,  da  sie  zum  bei  weitem  grösten  theile 
nicht  erst  nach  vollendetem  drucke  der  letzteren,  sondern  während  des- 
selben, der  sich  über  volle  G  jähre  hinzog,  unter  benutzung  der  bereits 
fertigen  bogen  von  Bugges  ausgäbe  gearbeitet  und  gedruckt  worden  ist. 
Zwei  hefte  (I,  s.  1  —  72  und  II,  s.  73  —  120)  erschienen  schon  1864 und 
18G5  (?),  obwol  nur  als  manuscript  für  Grundtvigs  Vorlesungen  an  der 
kopenhagener  Universität. 

Grundtvigs  ausgäbe  enthält  den  blossen  text  der  lieder,  dem  jedoch 
am  ende  des  buches  ein  besonderer  anhang  (s.  185  —  217)  beigefügt  ist, 
worin  theils  die  im  texte  verlassenen  lesarten  der  membranen ,  theils  die 
Urheber  der  an  ihre  stelle  gesetzten  emendationen ,  mit  ausführlicherer 
begründung  der  eignen,  verzeichnet  sind;  ein  namenregister —  leider  — 
fehlt,  dafür  eine  vergleichungstabelle  der  strophenfolge  der  einzelnen 
lieder  in  Bugges  und  der  vorliegenden  ausgäbe  (s.  218  —  220).  Grundt- 
vigs Ssemundar  Edda  unterscheidet  sich  von  der  Buggeschen  zunächst 
dadurch,  dass  sie  die  liederfragmente  in  der  Snorra  Edda  und  Völsunga 
saga,  sowie  den  Hrafnagaldr  und  die  Sölarljöd  weglässt,  dass  sie  die 
mythologischen  lieder  unabhängig  vom  Eeg.  und  nach  ihrer  Innern  form 
ordnet,  dass  sie  den  text  nicht  in  der  Orthographie  der  liandschriften, 
sondern  in  normalisierter  form  gibt.  Rücksichtlich  der  kritischen  gestal- 
tung,  die  die  lieder  in  Grundtvigs  ausgäbe  erfahren,  darf  man  ihr  Ver- 
hältnis zu  Bugges  im  allgemeinen  dahin  bestimmen ,  dass  nicht  nur, 
was  Bugge  emeudiert,  sondern  auch  zunächst  nur  vorgeschlagen,  von 
Grundtvig  in  seinen  text  fast  durchgängig  aufgenommen,  bezüglich  aus- 
geführt worden  ist.  Sie  ist  dadurch  ein  sehr  nützliches  complement  für 
die  Buggesche  ausgäbe,  womit  man  sich  am  leichtesten  orientiert  über 
das ,  was  durch  letztere  in  textkritischer  beziehung  geleistet  und  erstrebt 
worden  ist.  Nichts  weniger  jedoch,  als  dass  hiermit  die  Grundtvigsche 
arbeit  und  ihr  selbständiges  verdienst  irgendwie  geschmälert  werden 
sollte.  Einige  der  trefflichsten  emendationen  und  conjecturen,  die  sich 
sei  es  auf  einzelne  werte  oder  Umstellungen  von  versen  und  Strophen 
beziehen ,  und  die  man  bereits  aus  Bugges  commentar  und  besonders  aus 
den  nachtragen  zu  seiner  ausgäbe  kennen  gelernt,  sind  diesem  während 
des  druckes  von  Grundtvig  mitgeteilt  und  auch  von  Bugge  überall  an 
den  betreffenden  stellen  und  noch  besonders  in  seiner  vorrede  als  Grundt- 


420  Mömus 

vigs  eigeiituiu  ausdrücklicli  bezeicLuet  Avorden.  Der  wesentliche  unter- 
schied zwischen  Bugges  und  Grundtvigs  texten  besteht  vielmehr  darin, 
dass  Grundtvig  •  abgesehen  von  seiner  mehrfach  abweiclienden  beurtei- 
liing,  bezüglich  wähl  der  fraglichen  lesarten  und  von  öfter  verschiedener 
Strophenteilung  —  in  der  aufnähme  der  zu  gutem  theil  gemeinsamen 
Verbesserungsvorschläge  in  den  text  freier  zu  werke  gegangen  ist,  als 
Bugge;  es  ist  dies  namentlich,  wie  dies  Grundtvig  auch  selber  in  der 
vorrede  erwähnt,  von  der  Atlakvida  an  geschehen;  hat  doch  Grundtvig 
kein  bedenken  getragen,  ganze  verse  und  verspaare,  ja  strophen  eigner 
oder  Buggescher  dichtung  in  den  text  aufzunehmen  —  ein  verfahren, 
das  allerdings  durch  cursiven  druck ,  klammern  und  besondere  kennzeich- 
nung  in  den  Schlussanmerkungen  den  Vorwurf  einer  Interpolation  von 
sich  abzuwenden  vermag.  —  Wenn  Grundtvigs  ausgäbe  für  ein  einge- 
henderes Studium  entschieden  nicht  ohne  die  Buggesche  gebraucht  wer- 
den kann ,  empfiehlt  sie  sich  doch  für  den  handgebrauch  und  wegen  ihres 
correcten  druckes  und  auch  des  niedern  preises  (^/.^  thlr.  pr.)  insonderheit 
für  academische  Vorlesungen. 

Von  den  ausgaben  der  Ssemundar  Edda  gehen  wir  über  zu  den 
Schriften,  die  sich  an  sie  als  Übersetzung  oder  als  commentar 
auschliessen  oder  sie  nach  irgend  einer  seite  hin  zum  gegenständ  der 
Untersuchung  gemacht  haben.  Von  mehreren  derselben  gilt,  was  von 
Sv.  Grundtvigs  Saemundar  Edda,  dass  ihre  Verfasser  von  Bugge  noch  vor 
der  Vollendung  seiner  ausgäbe  mit  den  bereits  fertigen  bogen  versehen, 
einen  grösseren  oder  kleineren  theil  derselben  für  ihre  arbeit  benutzen 
konnten. 

Der  Übersetzungen  sind  drei,  sie  alle  in  der  stabreimenden 
form  des  Originals  und  in  dänischer  spräche,  die  beiden  ersten  von  zwei 
Norwegern,  die  jüngste  von  einem  Dänen;  sie  erstrecken  sich  nicht  über 
die  ganze  Ssemundar  Edda,  sondern  nur  ü])er  eine  grössere  oder  kleinere 
zahl  von  liedern ;  ihnen  allen  liegt  Bugges  ausgäbe ,  so  weit  sie  bereits 
gedruckt  war,  zu  gründe. 

Zuerst  erschien  die  Übersetzung  von  J.  Aars  unter  dem  titel: 
„Udvalgte  norske  oldhvad"'  usw.:  ausgewählte  altnorwegische  gedichte, 
als  beitrag  zur  kenntnis  von  religion  und  leben  unserer  vorfahren  mi 
heldenzeitalter.  Kristiania,  Cappelen  1864  (IV,  119  ss.  8°).  Der  Ver- 
fasser, bereits  vorteilhaft  be*kannt  durch  seine  altnordisclie  formenlehre 
(1862)  und  eine  kleine  abhandlung  (in  der  kopenhagener  zeitsclirift  für 
Philologie  und  pädagogik  I,  1860,  326--344)  darüber,  dass  die  nordische 
mythologie  keine  ewigen  strafen  nach  dem  tode  kenne        hat  Thryms- 


NORDISCHER  LITTERATURBERICHT.    I.  421 

kviäa,  Vegtamskvicta ,  Völu  spä,  Rigsmäl  und  Helgakvida  Hundingsbana 
I.  uud  n.  übersetzt  und  sowol  mit  einleitung  als  erklärenden  aumerkun- 
gen  begleitet,  am  ausführlichsten  die  Völu  spä,  deren  Innern  gedanken- 
zusammenhang  er  auf  grund  der  Buggeschen  restitution  s.  56  —  69  ent- 
wickelt. 

Die  Übersetzung  von  A.  Gj  es  sing,  demselben,  dem  man  die  über- 
aus fleissige  und  ausführliche  darstellung  vom  stände  der  unfreien  im 
alten  Norwegen  (Annal.  for  nord.  Oldk.  1862,  s.  28  —  322)  verdankt, 
erschien  unter  dem  titel:  Den  cddre  Edda,  norrce.ne  Oldkvad  (sie)  I. 
als  Schulprogramm  zu  Kristianssand  1866  (IV,  80  ss.  8^)  und  umfasst  die 
mythologischen  lieder,  einschliesslich  der  Rigsmäl  und  der  Hyndluljöd. 
Indem  beide  Übersetzungen,  die  von  Aars  und  von  Grjessiug,  Buggeschen 
beirates  sich  noch  im  besondern  zu  erfreuen  hatten,  dürfen  sie  zugleich 
als  eine  willkommene  ergänzung  zu  Bugges  erklärungen  in  seiner  eignen 
ausgäbe  betrachtet  werden. 

Die  Übersetzung  des  dänischen  grammatikers  E.  Jessen  bildet  den 
hauptbestand  seiner  ,, kurzen  nordischen  götterlehre"  (Kopenhagen,  Gyl- 
dendal  1867  IV,  128  ss.  8*^),  die,  indem  sie  nach  kurzer  Übersicht  der 
nordischen  mythologie  und  besprechung  der  quellen  durch  diese  selber 
lehren  will ,  wie  aus  Snorra  Edda  abschnitte  von  Gylfaginning  und  Skäld- 
skaparmäl ,  so  auch  aus  Ssemundar  Edda  die  mythologischen  lieder  sämt- 
lich enthält,  obwol  von  Hävamäl  nur  ein  paar  Strophen  und  aus  den 
Hyndluljöd  die  sogenannte  Völu  spä  hin  skamma  (d.  i.  str.  29 — 44). 
Sie  ist,  wie  sich  das  von  Jessen  gar  nicht  anders  erwarten  Hess,  eine 
ebenso  geist-,  als  kenntnisreiche  Übersetzung,  und  unterscheidet  sich  von 
den  genannten  nicht  allein  durch  eine  meist  freiere,  kritischere  Stellung 
dem  Buggeschen  texte  gegenüber ,  sondern  auch  in  sprachlicher  beziehung 
durch  einen  ebenso  specifisch  dänischen  ausdruck,  als  jene  durch  ihre, 
obwol  im  vorliegenden  falle  sehr  wol  berechtigten  Norvagismen.  Eine 
kleine,  aber  wertvolle  zugäbe  sind  das  namen-  und  Wortregister  (s.  116 
-124  und  125  — 127),  dies  ein  erklärendes  Verzeichnis  der  dem  wort- 
vorrat  der  älteren  spräche  entlehnten  und  für  die  Übersetzung  verwen- 
deten ausdrücke,  jenes  der  im  buche  vorkommenden,  zum  theil  auch 
gedeuteten  eigennamen.  Ein  eigentümliches  verdienst  des  letzteren:  die 
in  den  meisten  fällen  zum  ersten  male  dem  Charakter  der  dänischen 
spräche  gemässe  widergabe,  resp.  nachbildung,  der  altnordischen  namen, 
werden  Jessens  landsleute  in  höherem  grade  zu  würdigen  haben ,  als  der 
Nicht -Däne;  uns  Deutschen,  die  wir  zu  gutem  theil  gemeinsam  mit  den 
Dänen  meist  Öhlenschlägersche  halb  -  altnordische ,  halb -dänische,  halb- 
lateinische  formen  jener  namen  verwenden,    wäre   eine   analoge   nachbil- 

ZEITSCHK.    F.    DEUTSCHE    PHII.OL.  *8 


422  MüBius 

diing  für  unsere  Übersetzungen  altnordischer  originale  nicht  minder  wün- 
schenswert. 

Von  erläuternden  Schriften  liegen  zwei  vor,  von  Thd. 
Wisen.  dem  professor  der  altnordischen  litteratur  an  der  Universität  zu 
Lund,  und  von  dem  candid.  magist.  Arth.  Imm.  Hazelius,  beide  in 
schwedischer  spräche. 

Wisens  commentar  („HjcUesängerne  i  S(enmndar  Edda,  for- 
Marade  af  Th.  W.  L  Hüft.''  Lund.  1805.  IV,  104  ss.  8«)  erstreckt 
sich  über  drei  lieder :  Völuudarkvida ,  Helgakvida  Hjörvardssonar ,  Helga- 
kvida  Hundingsbana  I;  eine  kurze  einleitung  über  Ssemundar  Edda  über- 
haupt, so  wie  vor  einem  jeden  gedichte  über  dessen  Inhalt  und  sage 
geht  voraus;  der  commentar  selber  ist  unter  fleissiger  benutzung  der 
früheren  ausgaben  (Grimms)  und  commentare  usw.  usw.,  namentlich  von 
Sveinbjörn  Egilssons  lexicon  und  Luuds  altnordischer  syntax  ein  vorwie- 
gend lexicalisch  -  grammatischer ;  eigentümlich  sind  die  öfteren  verglei- 
chuugen  mit  der  schwedischen  spräche. 

A.  Imm.  Hazelius  gibt  in  seiner  ,, Indledning  tili  Rdvamdl  euer 
Odcns  sang,''  einer  doctor -  dissertation  der  Universität  Uppsala  (1860. 
VI,  39  ss.  8°)  im  wesentlichen  eine  inhaltsübersicht  der  ersten  138  Stro- 
phen des  gedichtes  (s.  17  —  39),  dereine  bibliographische  einleitung  und 
einige  bemerkungen  über  das  metrum  der  Hävamill,  über  den  Ijodahättr 
(s.  1 — 16)  vorausgehen.  In  jener  Übersicht,  die  durchgehends  auch 
auf  unsere  deutschen  arbeiten  von  Dietrich  ,  Simrock  und  Lüning  rück- 
sicht  nimmt,  sind  einzelne  stellen  ausführlicher  besprochen. 

Die  spräche  der  eddalieder  steht  im  allgemeinen  nicht  in  ent- 
sprechendem Verhältnisse  zu  deren  mutmasslichem  alter.  Sie  kann  es 
auch  nicht,  da,  wie  in  allen  ähnlichen  fällen,  die  sprachliche  form  des 
mündlich  überlieferten  mit  den  Veränderungen  parallel  geht,  welche  die 
])etreffende  spräche  überhaupt  erfährt,  und  diejenigen,  die  diese  lieder 
zuerst  aufzeichneten,  nicht  weniger,  als  die,  welche  diese  aufzeichnun- 
gen  durch  abschreiben  fortpflanzten,  dies  eben  in  der  ihnen  selbst  zeit- 
genössischen, von  der  ursprünglichen  abweichenden  sprachform  ausführ- 
ten. Wir  haben  eine  anzahl  isländischer  Schriften,  die,  weil  ihre  mem- 
branen  früher  datieren,  als  der  Keg.  der  Ssemundar  Edda,  eine  in  dem 
masse  auch  ältere  sprachforra  zeigen ;  und ,  weisen  auch ,  trotz  späterer 
Überlieferung,  die  ältesten  skaldengedichte  (9.,  10.  jh.)  gleichwol  eine  in 
vielem  betracht  ältere  spräche,  als  die  zum  theil  vielleicht  noch  älteren 
eddalieder,  so  erklärt  sich  dies  aus  dem  strengen  gefüge  ihres  dröttkvaett- 
metrum,   das   eine  änderung  der  ursprünglichen  sprachform  ebenso  sehr 


NOEDISCHER    LITTERATDRBERICHT.   I.  423 

verhinderte ,  als  das  um  so  viel  freiere  fornyrdalag  der  eddalieder  eine 
solche  gestattete.  So  steht  denn  auch  die  spräche  unserer  eddalieder 
im  ganzen  in  Übereinstimmung  mit  der  der  übrigen  altnordischen,  d.  h. 
hier  vorzugsweise  altisländischen  litteratur  des  13.  Jahrhunderts,  und  um- 
spuren sind  es,  die  uns  in  den  eddaliedern  auf  ihre  ursprüngliche,  jen- 
seits der  handschriftlichen  Überlieferung  liegende  sprachform  hinweisen, 
meist  eine  solche  nur  erschliessen  lassen.  Die  Stabreime  —  da  alle  in- 
und  auslaute  vom  forn5-rdalag  unberührt  bleiben  —  erweisen  vocalischen 
gebrauch  des  anlautenden  j  und  v,  des  consonantischen  v  vor  den  w-voca- 
len  und  beibehaltung  des  v  vor  r,  letztere  gleichwol  nur  sehr  verein- 
zelt. Die  flexion  zeigt  kaum  etwas  eigentümliches,  solten  wir  nicht  die 
jedenfalls  durchgängige  synkope  des  ek  und  ßü  in :  hafäak  und  haßu 
usw.  (wie  pars  und  Jimrs)  hierher  rechnen.  Die  syntax  bietet  etwas 
mehr;  häufiger  gebrauch  der  negativen  suffixe  —  «,  at,  gi ,  widerum 
der  seltene  einerseits  des  suffigierten  reflexivums  am  verbum  in  wirklich 
passiver  bedeutung  (wenn  auch  um  so  öfter  in  medialer  nebst  den  spä- 
ter nur  selteneren  formen  auf  umli) ,  andererseits  des  suffigierten  artikels, 
der,  wie  er  sich  in  den  eddaliedern  eigentlich  nur  auf  die  Harbardsljöd 
beschränkt,  ebenso  selten  auch  in  der  skaldisclieu  dichtung  erscheint, 
wie  er  denn  seiner  natur  nach  ohnehin  der  poetischen  rede  widerstrebt; 
dazu  der  häufigere  gebrauch  des  starken  adjectivums  statt  des  schwachen 
mit  vorausgehendem  artikel,  die  nicht  selten  noch  selbständige  kraft  der 
fiexionsformen  des  verbums  wie  des  nomen,  jener  ohne  die  hilfe  des 
Personalpronomen,  dieser  ohne  die  von  präpositionen ,  u.  a.  m.  Reicher 
und  mannigfaltiger  allerdings  als  auf  grammatischem  gebiete  treten  die 
eigentümlichkeiten  der  eddasprache  auf  dem  lexicalischen  hervor;  wir 
meinen  hiermit  nicht  die  henningar,  deren  von  den  ungefähr  dreissig 
gedichten  nur  drei  gänzlich  entbehren,  und  die  wol  nur  deshalb  bei  der 
Charakteristik  der  eddasprache  weniger  betont  zu  werden  pflegen,  Aveil 
sie  vor  dem  gegensätzlichen  reichtum  der  skaldischen  dichtung  an  sol- 
chen fast  ganz  zurücktreten  —  denn  sie  gehören  zur  poetischen  Stilistik 
und  darstellungsweise;  sondern  die  einfachen  liciti  und  überhaupt  den 
wertschätz  dieser  lieder;  wie  manches  aira^  l€y(')f.i£vov,  wie  viel  veral- 
tete, wie  viele  uns  ganz  unverständliche  ausdrücke,  deren  bedeutung 
wir  nur  aus  dem  zusammenhange  erraten ,  ohne  sie  etymologisch  begrün- 
den zu  können  —  wenn  auch  gerade  in  dieser  beziehung  die  heutige 
durchforschung  der  nordischen  dialecte,  namentlich  des  norwegischen, 
uns  manche  rätsei  gelöst  hat. 

Kehie  dieser  selten  ist  bis  jetzt  zum  gegenstände  einer  eingehenden 
Untersuchung  und  darstellung  gemacht  worden.  Nicht  als  ob  die  gram- 
matischen,   lexicalischen  und   stilistischen   eigentümlichkeiten    der   edda- 

28* 


424  MÜBITJS 

spräche  unbekannt  geblieben  wären.  Jac.  Grinim  in  allen  seinen  gram- 
matischen Schriften  —  wie  vieles  ist  es  denn  (und  konnte  es  auch 
damals  sein!),  was  er  zur  erkenntnis  und  beurteilung  der  altnordischen 
Sprache  ausser  den  liedern  der  Saunundar  Edda  in  der  Raskischen  aus- 
gäbe benutzt  hat?  —  Lünings  grammatik  (nur  laut-  und  flexiouslehre) 
vor  seiner  ausgäbe  der  Sa;mundar  p]dda,  und  das  ihr  beigefügte  glossar 
beziehen  sich  zwar  eben  nur  auf  diese;  indes  jene  eigentümlichkeiten, 
sollen  sie  nicht  nur  bekannt,  sondern  auch  als  solche  erkannt  werden, 
erfordern  eine  durchgehende  berücksichtigung  und  hervorhebung  des 
abweichenden  im  ganzen  oder  doch  den  hier  zunächst  in  betracht  kom- 
menden theilen  der  altnordischen  litteratur  und  ihrer  spräche.  Unbewust 
dieses  gegensatzes  finden  wir,  die  wir  unser  altnordisch  theilchen  meist 
nur  der  lectüre  der  eddalieder  verdanken,  manches  in  diesen  sehr  leicht 
und  erklärlich,  woran  gelehrte  Isländer,  die  das  ganze  ihrer  litteratur 
beherschen,  gerechten  anstoss  nehmen  und  —  für  sehr  schwierig  zu 
erklären  sich  befugt  halten. 

Jedenfalls  höchst  schätzbare  vorarbeiten,  namentlich  insofern  sie 
auf  eine  reiche  beschaffung  von  belegstellen  bedacht,  sind  für  eine  gram- 
matik der  eddalieder  und  zwar  ihrer  syutax  die  beiden  Schriften  von 
T  h  d.  W  i  s  e  n  und  M.  N  y  g  a  a  r  d ;  beide  erschienen  unabhängig  von  ein- 
)  ander.  Wisens  schrift,  unter  dem  titel:  „07n  ordfogningen  i  den  äldre 
Eddan''  eine  akademische  abhandlung  in  schwedischer  spräche,  Lund 
1865,  83  SS.  4*^,  umfasst  in  übersichtlicher,  wenn  auch  keineswegs 
erschöpfender  darstelluug  das  ganze  gebiet  der  syntax.  Es  geschieht  dies 
im  anschlus  an  und  mit  öfterem  verweis  auf  die  altnordische  syntax  von 
Geo.  Lund  (Köbh.  1862),  nur  dass  Wisen  nicht  allein  die  von  diesem 
behandelten  kapitel  rücksichtlich  der  eddalieder  mehr  ausgeführt,  son- 
dern auch  gleich  zu  anfang  (s.  1  — 16)  eine  eigne  besprechung  über  das 
geschlecht  der  substantiva  und  über  den  substantivischen  gebrauch  der 
adjectiva,  participien,  pronomina  usw.  hinzugefügt  hat.  Die  arbeit  von  dem 
Norweger  M.  Nygaard,  adjuncten  der  kathedralschule  in  Kristianssand, 
erschien  in  zwei  programmen  dieser  schule,  unter  dem  titel:  „Edda- 
sprogefs  Sijntax"  (Bergen,  I.  1865  VI,  103  ss.  und  IL  1867  (IV),  67  ss. 
in  8^)  in  dänischer  spräche.  Nygaards  syntax  behandelt  nur  einzelne 
kapitel,  I:  accusativ,  genetiv,  dativ,  artikel,  reflexive  oder  mediale  ver- 
balform, conjunctiv,  relativ;  im  anhang:  ein  Verzeichnis  der  verba  trans- 
itiva,  der  stammverben  (und  der  abgeleiteten);  II:  indicativ  praesentis 
und  praeteriti,  passiv,  imperativ,  Infinitiv,  negationen.  Sind  hiermit 
auch  die  wichtigsten  und  interessantesten  punkte  der  eddischen  syntax 
bereits  besprochen,  so  können  wir  doch  nur  wünschen,  dass  der  Verfas- 
ser seine  bei  aller  benutzung  der  vorarbeiten   (so  auch  des  vierten  bau- 


NORDISCHER    LITTERATURBF.RICHT.    I.  425 

des  von  Grimms  grammatik)  durchweg  selbständige  und  kritische,  über- 
dies bereits  auf  einem  guten  theil  der  Buggeschen  ausgäbe  basierende 
Untersuchung  weiter  führe  und  zu  einer  vollständigen  eddasyntax  aus- 
arbeite. 

Die  metrische  form  der  eddalieder,  das  fornyrdalag,  bean- 
sprucht unser  Interesse  nicht  blos  um  dieser  selbst  willen ,  sondern  aucli 
im  hinblick  auf  unsere  deutsche  litteratur  und  deren  früheste  Schöpfun- 
gen. Denn  jene ,  ausschliesslich  auf  accent  und  Stabreim  beruhende  form 
ist  nicht  eine  eigentümlich  nordische,  sondern  germanische,  sonach 
älteste  und  uns  Deutschen  mit  den  Skandinaven  gemeinsame.  Während 
wir  aber  zur  erkenntnis  ihrer  natur  und  gesetze  in  der  eignen  litteratur 
nur  auf  ein  paar  dürftige  fragmente  angewiesen  sind,  tritt  in  der  nor- 
dischen uns  eine  reiche  fülle  von  mehr  oder  minder  vollständigen  dich- 
tungen  entgegen ;  denn  dass  wir  ausser  den  liedern  der  Ssemundar  Edda 
nur  höchstens  vier  bis  fünf  vollständige  gedichte  im  fornyrdalag  besitzen 
und  der  weit  überwiegende  reichtum  der  dichtung  dieser  form  in  einer 
durch  die  ganze  sagalitteratur  (bei  weitem  nicht  blos  in  den  Fornaldar 
sögur)  zerstreuten  anzahl  einzelner  Strophen  besteht,  kommt  hier  nicht 
in  betracht. 

Abgesehen  von  Rasks  und  Munchs  gelegentlichen  besprechungen 
in  ihren  grammatiken  und  von  N.  M.  Petersens  abhandlung  über  Völu 
spä  und  hier  und  da  in  seinen  grammatischen  und  litterarhistorischen 
arbeiten,  war  die  bei  uns  so  vielfach  behandelte  älteste  metrik  seitens 
nordischer  grammatiker  nicht  gegenständ  einer  besondern  darstellung 
gewesen.  Dies  ist  nun  neuerdings  in  zwei  dänischen  abhandlungen 
geschehen:  die  eine  von  Carl  Rosenberg,  dem  Verfasser  einer  abhand- 
lung über  die  Chanson  de  Roland  (Köbh.  1860),  erschien  1862  als  sepa- 
ratabdruck  aus  Nord,  üniversit.  -  Tidskr.  VITI,  3,  1  —  70  unter  dem 
titel :  Beitrag  zur  geschichte  unserer  wichtigsten  versmasse ,  T :  die  rhyth- 
mische beschaffenheit  des  fornyrdalag;  —  die  andere  von  dem  bereits 
genannten  E,  Jessen  in  der  Kopenhagener  zeitschr.  f.  philol.  u.  pädag. 
IV  (1863),  s.  249  —  292  unter  dem  titel:  die  metrischen  gesetze  im  Alt- 
nordischen und  Altdeutschen  („OldnordisJc,  og  oldtysh  verselag").  Gemein- 
sam ist  beiden  Verfassern  der  gegenständ:  das  auf  accent  und  stabreim 
ruhende  fornyrdalag,  gemeinsam  ferner  die  durchgehende  berücksich- 
tigung  der  arbeiten  unserer  deutschen  metriker,  Lachmanns  sowol  als 
Dietrichs,  Simrocks,  Riegers,  Schneiders  usw.  usw.;  während  jedoch 
Rosenberg  sich  auf  das  nordische  beschränkt  und  einmal  die  historische 
begründung  der  dänischen  metrik  des  mittelalters ,  sodann  die  bestim- 
mung   des    einflusses   verfolgt,   den  diese  dänische  metrik  von  deutscher 


42G  Mömus 

öoite  inöglichenveise  ertahren ,  behandelt  Jessen  die  südgermanisclie  (ahd. 
ags.  alts.)  ebenso  wol  als  die  nordische  gleichmässig  und  zwar  nnter 
Zugrundelegung  der  ersteren. 

Die  bisher  besprochenen  arbeiten  hatten  es  mit  der  Sscmundar  Edda  in 
textkritischer  und  exegetischer,  in  grammatischer  und  metrischer  beziehung 
zu  tliun ;  die  von  der  handschriftlichen  Überlieferung  unabhängigen  fi-agen 
über  die  heimat  der  eddalieder  und  die  zeit  ihrer  entstehung,  ihr 
Verhältnis  zur  sage,  ihre  entwicklung,  bez.  Veränderung  und 
ihre  Verbreitung,  ihre  innere  form  und  deren  ästhetische  Wür- 
digung —  alle  diese  fragen  der  höheren  kritik  blieben  hierbei  unberührt. 
Sie  sind,  zum  theil  wenigstens,  in  zwei  kleinen  Schriften  von  Svend 
Grundtvig  erörtert,  über  die  wir  schliesslich  noch  mit  wenigen  Wor- 
ten zu  referieren  haben.  Die  eine  gibt  eine  „  TJdsigt,^''  einen  überblick 
über  die  heroische  dichtung  der  nordischen  vorzeit  in  drei  Vorlesungen, 
Kopenh.  1867,  105  ss.  8^;  die  andere  „(Jm  Nordens  ganüc  Uteratur" 
ist  --  wie  sie  sich  selbst  auf  dem  titel  bezeichnet  —  eine  „ankündi- 
gung"  von  N.  M.  Petersens  altnordischer  und  von  Kdf.  Keysers  altnor- 
wegischer litteraturgeschichte  und  „einspräche"  gegen  die  letztere,  Kopen- 
hagen. 1867,  120  SS.  8".  Beide  schritten,  wie  schon  der  umfang  verrät, 
freilich  mehr  andeutungen  als  ausführungen ,  überdies  die  eine  durch  die 
form  von  Vorlesungen ,  die  andere  durch  die  der  polemik  nicht  unwesent- 
lich bedingt,  geben  vielfaches  zeugnis  von  des  Verfassers  Scharfsinn, 
combinationsgabe,  poetischem  sinn  und  wissen.  Wir  stehen  nicht  an, 
sie  zu  dem  besten  zu  rechnen,  was  auf  diesem  gebiete  in  neuerer  zeit 
erschienen  und  meinen ,  dass  sie  niemand ,  der  sich  au  der  lösung  obiger 
fragen  beteiligt,  ungelesen  lassen  darf.  Ein  gelehrter,  der  sich  durch  so 
jahrelange,  eingehende,  umfassende  beschäftigung  mit  nordischer,  wenn 
auch  späterer ,  Volksdichtung  eine  solche  reiche  anschauung  ihres  wesens 
und  Werdens  zu  erwerben  vermochte,  wie  der  herausgeber  von  Danmarks 
gamle  folkeviser,  der  wird  und  muss  auch  jener  frühern  der  eddalieder  nicht 
nur  neue,  sondern  auch  richtigere  gesichtspunkte  der  beurteilung  abzu- 
gewinnen wissen,  und  man  würde  der  mannichfaltigen  anregung,  die  die 
lectüre  dieser  schritten  in  Wahrheit  bietet ,  noch  froher  werden ,  wenn  nicht 
ein  so  entschieden  skandinavistischer  parteigeist  mit  seinem  pro  und 
contra  und  wenn  nicht,  ausser  den  üblichen  ausfällen  auf  uns  Deutsche,^ 

1)  Mancher  leser,  dem  Svend  Grundtvigs  sclirift  „om  Nordens  gamle  Litera- 
tur" bereits  bekannt  ist,  mag  sich  vielleicht  wundern,  dass  wir  hier  kein  wort  der 
entrüstung  übrig  haben,  wenn  der  gelehrte  Däne  (s.  111)  von  der  „raubgierigen  poli- 
tisierenden deutschen  Wissenschaft"  spricht,  oder  (s.  113)  „sinn  für  freiheit  und  Wahr- 
heitsliebe"  als  etwas    ,,nnsern  südlichen  nachbarn  fremdes"   (!!)  bezeichnet.     Diesen 


NORDISCHER  LITTERATURBERICHT.    I.  427 

namentlich  der  gehässige,  höhnische  ton,  den  er  sich  gegen  den  hocli- 
ehrenwerten,  verstorbenen  Normann  Kdf.  Keyser  erlaubt,  den  leser 
stellenweise  geradezu  anwiderte. 

Die  drei  Vorlesungen  der  „  Udsujt"  handeln  die  1.  (s.  1  30)  ü))er 
das  wesen  der  heroischen  dichtuug  im  skandinavischen  norden  und  ihre 
quellen,  die  IL  (s.  30  —  66  und  66  —  75)  über  ihren  Inhalt,  die  111. 
(s.  75  — 105)  über  ihre  form  und  die  in  jener  dichtung  hervortretenden 
ideen.  Im  gegensatz  zur  mythisierenden  und  idealisierenden  auffassung 
der  deutschen  forscher ,  zur  historisierenden  und  realisierenden  der  däni- 
schen und  der  norwegischen,  vermöge  deren  jene  in  der  sage  überall 
mythus  wittern,  diese  sie  nur  als  entstellte  geschichte  betrachten  und 
nur  nach  ihrem  eventuellen  historischen  ertrage  zu  würdigen  im  stände 
sind,  legt  Grundtvig  bei  der  bestimmuug  des  wesens  der  sage  alles 
gewicht  auf  ihr  poetisches  moment,  und  will  sie  ganz  vorzugsweise  oder 
vielmehr  nur  als  dichtung,  als  erzeugnis  des  dichtenden  volksgeistes 
betrachtet  wissen;  nur  der  „litterarische"  Charakter  —  so  Aveit  auf 
ungeschriebene  productionen  der  ausdruck  der  litteratur  anwendbar  ist  — 
sei  der  massgebende,  und  sage  und  die  sie  zur  darstellung  bringende 
dichtung  sei  eins  und  untrennbar.  Diese  dichtung  nun,  weder  entstellte 
mythe,  noch  verdrehte  geschichte,  ist  eine  poetische  Schöpfung,  worin 
der  volkgeist  seine  betrachtung  des  menschlichen  lebens ,  überhaupt  seine 
Weltanschauung  ausspricht,  und  nicht  mythen  sind  es,  und  nicht  liisto- 
rische  ereignisse ,  die  man  in  ihr  zu  suchen  hat ,  sondern  poetische  ideen, 
die  durch  sie  ihre  Verkörperung  gefunden  haben ;  die  personen  und  bege- 
benheiten  der  dichtimg  gehören  bereits  der  vorzeit  an,  aber  die  auffas- 
sung, gruppierung,  die  ganze  darstellung  dem  dichter.  —  Die  quel- 
len, so  weit  sie  von  dem  einst  überaus  grossen,  doch  zu  gutem  theil 
verlornen  sagenreichtum  mehr  oder  minder  vollständige  mitteilungen  ent- 

lesern  diene  zur  antwort,  dass  wer,  Avie  ref. ,  nun  seit  einer  laugen  reihe  von  jahreu 
es  tagtäglich  mit  dänischen  büchern  zu  thun  und  somit  tagtäglich  die  ausfälle  der 
dänischen  Schriftsteller  auf  alles,  was  deutsch  ist,  zu  lesen  hat,  —  dass  dieser  sich 
anfangs  denn  auch  immer  weidlichst  entrüstet  hat,  endlich  aber  —  damit  aufgehört, 
seitdem  er  erkannt,  dass,  wem  es  nur  in  „Kongens  Köbenhavn"  um  den  beifall  der 
nation  zu  thun  ist,  seine  Schrifterzeugnisse  notwendig  mit  dergleichen  gewürze  lecker 
zu  machen  hat;  namentlich  die  hh.  pastoren  (z.  b.  Johannes  Kok,  Hans  Dahl)  sind 
gute  conditoren !  —  Solche  schamlose  rohheit  freilich ,  womit  Jacob  Grimms  nameu 
in  den  Aarböger  1867  s.  177  beworfen  und  er  mit  haaren  worten  geradezu  eines 
„dicbstahls"  bezichtigt  wird,  —  diese  Avird  ganz  sicherlich  auch  in  Kopenhagen 
wenig  beifall  finden,  und  wir  beklagen  es  aufrichtig,  dass  die  königliche  gesellschaft 
für  nordische  altertümcr  zu  Kopenhagen,  der  Jacob  Grimm  einst  als  mitglied  ange- 
hörte ,  ihre  Jahrbücher  in  dieser  weise  hat  beschmuzcn  lassen. 


428  MOBIUS 

halten,  sind  viererlei,  1.  die  liedcr  der  Sffimimdar  Edda;  II.  die  pro- 
saischen Paraphrasen  alter  lieder  (mit  oder  ohne  belassene  theile  dersel- 
ben), z.  B.  Sinfjötklok ,  Völsunga  saga  (ausser  k.  22  und  43),  Hälfs  saga, 
die  erzählungen  in  Snorra  Edda  (Skaldskaparmäl),  Saxo  I  —  IX,-  III.  die 
in  eigentliche  sagas  umgestalteten  und  hierbei  mannichfach  ausgeschmück- 
ten und  interpolierten  erzählungen,  z.  b.  Sögiibrot,  Norna  gests  pättr,  Örvar- 
Odds  saga  usw.  usw.  (Fornaldar  sögur),  und  aus  den  zehn  ersten  büchern 
des  Saxo  was  nicht  zu  IL  gehört;  IV.  hinweisungen  auf  die  sage  in 
der  skaldischen  dichtung,  in  den  historischen  sagas,  in  erzeugnissen  der 
technik  (liolzschnitzerei ,  tapeten  usw.) ;  zu  diesen  noch  als  ausserordent- 
liche quellen,  einmal:  Beovulf,  Vidsid,  Nibelunge,  Gudrun,  usw.  usw., 
andererseits  viele  Chroniken  des  mittelalters ,  in  denen  ja  die  sage  histo- 
risch betrachtet  und  berichtet  wurde.  —  Ihrem  Inhalte  nach  sind 
die  nordischen  sagen,  wie  anderwärts,  wesentlich  geschlechtssagen ,  nur 
dass  im  norden  vom  beiden  und  seinen  vorfahren,  nicht  wie  anderwärts 
vom  beiden  und  seinen  nachkommen  die  rede  ist.  Ihre  dichtung ,  um  das 
menschliche  Schicksal  zur  darstellung  und  veranschaulichung  zu  bringen, 
bedarf  nicht  nur  eines  so  vielgiiedrigen  und  mannichfaltigen ,  sondern  auch 
eines  sich  entwickelnden  ganzen,  wie  es  im  vergleich  zu  einem  einzelnen 
menschen  eben  nur  ein  ganzes  geschlecht  von  mehreren  generationen 
darbietet.  Hat  dann  eines  seiner  mitglieder  die  volle  ausprägung  des 
geschlechtscharakters  erlangt,  sei  es  hier  nach  der  guten,  dort  nach 
der  schlimmen  seite,  und  kommt,  was  steigeiungsweise  in  einzelnen 
früheren  geschlechtsgenossen  sich  bereits  offenbarte,  in  ihm  zur  voll- 
ständigsten, zur  höchsten  geltung,  —  dann  schliesst  mit  ihm  die  sage; 
solche  beiden,  in  denen  die  sage  gipfelt,  sind:  Rolf,  Halv,  Ingjald,  vor 
allem  Sigurd ,  der  nur  als  höchste  stufe  der  früheren ,  Sinfjötle  und 
Helge,  erscheint.  Die  sagen  und  Sagenkreise,  die  Grundtvig  bespricht, 
sind:  die  Völsuugensage ,  die  der  Ynglinger,  von  Ivar  Vidfadme ,  die  der 
Arngrims  -  söhne  oder  vom  Tyrfingschwert  (Hervararsaga),  die  der  Skjol- 
dunger  (dänisch),  von  Halv  (norweg.),  die  der  Siklinger  (Hagbard  und 
Signe),  von  Harald  Hildetand,  von  Regner  Lodbrok,  und  besonders  aus- 
führlich zuletzt  über  Starkad,  nicht  wie  man  ihn  gewönlich  auffast,  ein 
ideal  des  nordischen  heroentums,  als  vielmehr  vikingtumes,  und  aben- 
teuerlicher repräsentant  von  dessen  roher  und  wilder  kämpenkraft.  — 
Unter  allen  diesen  dichtungen  die  umfänglichste  und  bestbewahrte  ist 
die  sage  von  den  Völsungen;  bei  ihr,  die  uns  allein  an  dieser  stelle 
angeht,  hat  denn  auch  Grundtvig  vorzugsweise  verweilt  und  namentlich 
zweierlei  ist  es,  was  wir  aus  seinen  bemerkungen  über  dieselbe  hervor- 
heben möchten.  Einmal:  es  treten  in  der  ganzen  Völsungensage  meh- 
rere der  unheilwirkendeu  Ursachen  und  hebel  hervor ,  das  gold ,  Brynhilds 


NOKDISCHEB   LITTERATURBERICHT.    I.  429 

eifersucht,  das  schwert  Gram,  diese  jedoch  nur  tlieilweise,  gemeinsam 
aber  wird  das  ganze  von  der,  auch  in  andern  sagen  ersichtlichen  idee 
durchzogen:  dass  dasjenige  geschlecht,  das  sich  mit  andern  durch  Ver- 
heiratung verschwägert,  durch  diese  und  zugleich  mit  diesen,  die  es  im 
falle  nach  sich  zieht,  seinen  Untergang  findet;  dass  es  ferner  mit  rück- 
sicht  auf  den  eigentlichen  heros  des  geschlechtes,  also  in  diesem  falle 
Sigurd ,  in  der  natur  desselben  liege ,  wie  er  vermöge  seiner  kampftüch- 
tigkeit  unbesiegbar  für  andre  und  zugleich  wegen  seiner  arglosigkeit  nur 
durch  list  und  betrug  zu  überwinden,  in  dieser  weise  eben  von  denen 
gestürzt  wird,  die  sich  mit  ihm  durch  schwägerschaft  verbinden  und 
insofern  zwar  formell  mit  ihm  gleich  stehen,  dennoch  aber  durch  ver- 
rat sich  reell  das  übergewicht  zu  verschaffen  und  hierdurch  seinen 
Untergang  herbeizuführen  wissen.  Sodann:  die  ganze  Völsungensage 
theilt  sich  in  die  eigentliche  Völsungensage,  in  die  Gjukungeusage  oder 
geschichte  von  Gudruns  räche,  und  in  die  beiden  anbänge  der  Jarmun- 
reks-  und  der  Aslaugssage,  des  einen  durch  Sigurd -Gudruns  toch- 
ter  Svanhild,  des  anderen  durch  Sigurd  -  Brjmhilds  tochter  Aslaug  ver- 
mittelt. Einen  beweis  nun  für  die  anorganische  Verbindung  dieser  bei- 
den anhänge,  und  auch  diesen  durch  analogie  anderer  sagen  gerecht- 
fertigt, findet  Grundtvig  in  dem  parallelismus ,  in  welchem  die  personen 
und  ereiguisse  jedes  anhanges  sich  zu  dem  zweiten  theile  der  sage  befin- 
den, die  in  jenen  gewissermassen  eine  widerholung  finden.  (Eücksicht- 
lich  der  Jarmunrekssage  verweisen  wir  noch  auf  Grundtvigs  andere  schrift: 
om  Nordens  gamle  Litt.  s.  88  ff.).  —  Von  der  form  der  Sagendichtung 
im  allgemeinen  bemerkt  Grundtvig,  dass  die  ältesten  uns  erhaltenen 
dichtungen  zugleich  diejenigen  sind,  in  denen  jene  den  möglich  höchsten 
punkt  ihrer  entwickelung  erreicht  hat,  und  dass  die  späteren  nur  einen 
verfall,  ein  herabsinken  von  demselben  bekunden;  letzteres  motiviert 
durch  den  eintritt  des  rohen  vikingertumes  seit  dem  8.  und  9,  Jahrhun- 
dert und  hiermit  den  vorläufigen  rückschritt  in  der  bereits  erreichten 
cultur.  So  kulminiert  die  Völsungendichtung  in  ihrem  uns  in  den  edda- 
liedern  erhaltenen  theile ,  der  Gjukungensage ,  während  die  Jarmunreks- 
sage zwar  noch  innerhalb  des  Zeitraumes  der  eigentlichen  Sagendichtung 
entstanden ,  dennoch  einen  mebr  äusserlichen ,  unharmonischen  zusatz  bil- 
det, die  Aslaugsage  dagegen  ganz  ausserhalb  desselben  liegt  und  ihre 
entstehung  der  nachheroischen  zeit  verdankt,  als  es  nur  darauf  ankam, 
die  späte  Eagnarssage  mit  der  alten,  berühmten  Völsungensage  in  Ver- 
bindung zu  bringen.  Die  form  der  dichtung  ist  aber  eine  zweifache, 
eine  epische  und  eine  lyrische ;  beiden  gemeinsam  der  Wechsel  von  erzäh- 
lung  und  rede,  doch  in  der  epischen  jene,  in  der  lyrischen  diese  vor- 
hersehend,   dort   eine  reibe   von  begebenheiten ,    hier   nur  ein   einzelner 


430  MÖBIÜS 

auftritt  oder  wesentlich  handlunf^slose  Situation.  Welche  die  ältere,  ist 
fraglich ,  da  sowol  die  ältesten  (z.  b.  Völundarkvida) ,  als  auch  die  jüng- 
sten (z.  b.  die  beiden  Atlilieder) ,  in  gleicher  weise  die  epische  form  liaben ; 
für  uns,  denen  ein  blick  auf  die  vorausgehende  entwickelung  versagt  ist, 
erscheinen  beide  formen  als  gleichalterig,  epische,  wie  die  Helgelieder 
und  Sigurdarkvida  IH,  und  l3aische,  wie  Fafnismäl,  Sigrdrifumal,  Gudru- 
narkvida  I,  wobei  die  sachlichen  abweichungen  (z.  b.  über  Sigurds  todes- 
art)  auf  Verschiedenheit  der  dichter ,  der  heimat ,  vielleicht  auch  der  zeit 
hinweisen.  Ueberarbeitung  verrät  der  erzählende  monolog  in  Gudrünar- 
kvida  n,  ähnlich  in  Oddrünargrätr  (14 —  34)  und  Gudrünarhvöt  (10  —  21); 
hier  wie  dort-  weist  er  auf  ursprüngliche  epische  form  zurück  und  ergibt 
sich,  theüs  durch  diesen  gegensatz,  theils  durch  sein  öfteres  vorkommen 
in  der  spätem  dichtung  auch  innerhalb  der  eddalieder  als  kriterium  einer 
späteren  form.  —  Unter  den  ideen  der  nordischen  Sagendichtung,  die 
Grundtvig  zuletzt  bespricht,  versteht  er  gewisse  allgemeine  typen,  die, 
wenn  auch  mannichfach  modificiert,  dennoch  den  verschiedenen  sagen 
gemeinsam  sind.  Vor  allem  ist  es  der  begriff  des  nordischen  beiden, 
den  er  zu  bestimmen  sucht ;  er  ist  nicht  ein  wilder  kämpe ,  wie  Starkad, 
mit  seinen  gewalttateu,  seiner  Verachtung  oder  rohen  behandlung  des 
weibes,  aber  eben  so  wenig  ein  „halbgott,"  der  dem  begriffe  wie  der 
Überlieferung  nach  dem  nordischen  altertume  gänzlich  fremd  ist,  seine 
idee  entsteigt  vielmehr  dem  boden  religiöser  anschauung,  die  mit  tiefem 
ernst  das  ganze  gebiet  der  alten  Sagendichtung  durchzieht,  dem  eigen- 
tümlichen Verhältnis,  in  dem  der  Skandinave  wie  sich  selber,  so  auch 
seine  beiden  seinen  göttern  gegenüber  fühlt.  Der  nordische  held  ist  der 
von  Odin  zum  immer  noch  bevorstehenden  kämpfe  in  Kagnarök  erkorne, 
der  eingedenk  dieser  einstigen  hohen  bestimmung  sein  irdisches  leben, 
d.  h.  kämpfen ,  nur  als  Vorbereitung  für  dieselbe  betrachtet.  So  erscheint 
au^ch  das  weib,  und  vor  allem  das  liebende,  als  Valkyre,  und  ehre  und 
nachruhm  ist  der  mächtige  grundgedanke ,  der  das  leben  des  beiden 
unausgesetzt  beseelt. 

Die  kritik,  die  Svend  Grundtvig  in  der  schrift  „om  Nordens  ganile 
Litferatur"  nicht  auch  an  N.  M.  Petersens,  sondern  nur  und  ausschlies- 
lich  an  Rdf.  Keysers  litteraturgeschichte  übt ,  ist  eine  negative  und  eine 
positive;  jene  bekämpft  Keysers  norwegische,  diese  erkämpft  alt- 
nordische, südskandinavische,  dänische  ansprüche  an  die  alte 
litteratur.  Keysers  buch,  und  zugleich  welcherlei  ansprüche  es,  nament- 
lich auf  kosten  Islands,  für  den  norwegischen  bestand  der  altnordischen 
litteratur  erhebt,  ist  den  lesern  aus  Konr.  Maurers  besprechung  in  die- 
sem  bände   der   Zeitschrift   s.  25  —  88  bekannt,   und  indem  wir  auf  sie 


NORDISCHER   LITTERATURBEKICHT.   I.  431 

verweisen,    beschränken  wir  uns  hier  nur  auf  den  die  Seemundar  Edda 
betreffenden  abschnitt  in  Grundtvigs  schrift  (s.  61  ff.). 

Keyser  vindiciert  den  liedern  der  Sfemundar  Edda  norwegische  her- 
kimft  aus  vier  gründen:  Avegen  der  spräche ,  wegen  des  mythus  vom 
Bahlr  und  der  sage  vom  Jarmunrek,  wegen  der  naturschilderungen ,  wegen 
des  Epitheton  „grönländisch"  und  der  geschlechtsreihen  in  den  Hyndlu- 
Ijöd.  Die  spräche  erscheine  in  der  form ,  in  der  sie  nicht  mehr  auch 
schwedisch  -  dänisch ,  sondern  bereits  speciell  norwegisch  sei.  Der  Baldr- 
mythus  und  die  Jarmunrek  -  sage  trage  in  den  darstollungen  der  eddalie- 
der  einerseits,  des  Saxo  andrerseits  ein  so  verschiedenes  gepräge,  dass 
jene  unmöglich  dänische  herkunft,  wol  aber  im  hinblick  auf  die  Überein- 
stimmung zwischen  den  eddaliedern  und  der  übrigen  norwegisch -islän- 
dischen litteratur  in  beiderlei  beziehung  norwegische  verraten.  Die  natur- 
schilderungen zeigen  auf  das  felsenland  Norwegen,  nicht  auf  das  ebnere 
Schweden  und  die  dänischen  inseln  und  haiden.  Wenn  die  Atlamäl  die 
grönländischen  genannt  werden,  so  sei  damit  ihre  heimat  in  der  norwe- 
gischen landschaft  Grönland  erwiesen,  und  endlich  die  geschlechtsre- 
gister  in  den  Hyndluljöd  seien  so  vorwiegend  norwegische ,  dass  dies  lied 
nur  in  Norwegen  entstanden  sein  könne.  —  Grundtvig  erwidert  jeden 
dieser  punkte,  obwol  in  der  folge,  dass  er  zunächst  den  1.,  3.,  4.  und 
dann  erst  den  2.  in  einer  längern  erörterung  bespricht.  —  Die  sprach- 
liche form  solcher  dichterischer  productionen ,  die  schriftlos  ebenso  wol 
erzeugt  als  viele  generationen  hindurch  überliefert  werden,  scliliesst  sich 
den  Veränderungen,  welche  die  betreffende  spräche  überhaupt  während 
dieses  Zeitraums  der  Überlieferung  erleidet,  dermassen  an,  dass  sie  in 
allen  übrigen  fällen  nur  wenig  entscheiden  kann,  im  vorliegenden  aber 
um  so  weniger,  als  —  selbst  Keysers  annähme  einer  bereits  eingetre- 
tenen sprachsonderung  des  altnordischen  zugegeben  —  die  eigentümlich- 
keiten  des  altnorwegischen  und  andrerseits  des  altschwedischen  und  alt- 
dänischen zu  gering  waren,  als  dass  die  eddalieder  nicht  eben  so  gut 
in  Dänemark  oder  Schweden  gedichtet  sein  konnten;  ja  eine  reihe  von 
fällen,  in  denen  das  dänische  vr  —  (im  gegensatz  zum  norweg.  r  — ) 
durch  die  allitteration  als  das  ursprüngliche  sich  ergebe,  spreche  sogar 
gegen  norwegische  heimat  und  für  dänische.  —  Die  naturschilderungen 
in  den  mythologischen  eddaliedern  sind  so  allgemein,  dass  sie  ebenso 
gut  auf  Schweden  und  Dänemark  passen,  —  Das  epitheton  „grönlän- 
disch" beziehe  sich  einmal  laut  der  angäbe  des  Reg.  nur  auf  die  beiden 
Atlilieder,  und  sei  deshalb  nicht  auch  massgebend  für  die  übrigen,  fer- 
ner weise  es  nicht  auf  die  norwegische  landschaft  Grönland,  in  welchem 
falle  es  grenzk  heissen  müsse ,  sondern ,  wie  die  form  grvenlcnzk  besage, 
auf  das  amerikanische  Groeuland  (s.  oben ,  s.  400) ;  die  Hyndluljöd  aber, 


482  MÖBius 

die  ja  übrigens  den  liedcni  im  Keg.  erst  von  den  lierausgebcrn  aus  der 
Flateyjarbök  beigefügt  sind,  enthalten  neben  den  norwegischen  geschlecb- 
tern  ebenso  gut  auch  eine  aufzählung  von  dänischen  und  schwedischen, 
wenn  es  auch  seinem  ganzen  Charakter  nach  (eine  art  register  zur  nor- 
dischen heldensage)  als  eines  der  jüngsten  lieder,  wol  in  Norwegen  gedich- 
tet sein  könne.  Eücksichtlich  endlich  des  Baldr-raythus  und  der  Jar- 
munrek-sage  und  ihrer  abweichenden  darstellung  in  den  eddaliedern  und 
bei  Saxo  —  einer  begründung  der  norwegischen  herkuuft  der  eddalieder, 
die  man  bereits  aus  P.  A.  Munchs  vorrede  zur  schwedischen  ausgäbe  sei- 
ner altnorwegischen  grammatik  (1849)  kenneu  gelernt  — ,  so  hebt  Grundt- 
vig  zunächst  hervor,  dass  jene  berufene  Übereinstimmung  der  älteren 
eddalieder  mit  der  übrigen  späteren  altisländischen  und  altnorwegischen 
skalden  -  und  saga  -  litteratur  deshalb  nichts  beweise ,  weil  ja  die  letztere 
auf  jenen  ersteren  basiere.  Ferner:  die  eigentümlichkeiten  der  darstel- 
lung des  Baldr-mythus  bei  Saxo  treten  nicht  im  vergleich  —  worauf 
es  doch  hier  ankomme  —  zu  den  liedern  der  Saemundar  Edda  hervor, 
die  statt  einer  vollständigen  darstellung  jenes  mythus  sich  nur  auf  audeu- 
tungen  seiner  hauptzüge  beschränken,  sondern  im  vergleich  zu  Snorres 
Edda,  die  jedoch  eine  theils  durch  isländische  skalden,  theils  durch 
gelehrte  und  allegorische  behandlung  so  vielfach  beeinflusste  tradition 
darbiete,  wie  die  dem  Saxo  vorliegende  nicht  erfahren  hatte,  so  Avenig 
auch  dessen,  dem  Charakter  seines  Zeitalters  gemässe,  euhemeristische 
auffassung  und  darstellung  geleugnet  werden  solle.  Nicht  das,  wenig- 
stens nicht  alles,  was  Saxo,  sondern  was  Snorra  Edda  und  die  islän- 
dischen berichte  im  Baldr-mythus  mehr  enthalten,  sei  als  zudichtung 
und  späterer  Zuwachs  zu  betrachten.  Wie  bei  Saxo  zwischen  seiner 
historisierenden  prosa  und  den  alten  mythischen  liedern,  muss  auch  zwi- 
schen diesen  und  Snorre  eine  heroische  dichtung  angesetzt  werden,  deren 
gestalten  (z.  b.  Hermod)  in  Snorres  mythendarstellung  aufgenommen  wor- 
den. Ueberdiess  können  abweichungen  innerhalb  der  darstellungeu  eines 
mythus  keine  nationalen  Verschiedenheiten  begründen;  denn  wie  sollte 
dies  z.  b.  rücksichtlich  der  isländisch  -  norwegischen  darstellungeu  der 
nordischen  einwanderuugssage  in  Kimbegla,  in  Tnglinga  saga,  in  der 
upsaler  vorrede  zur  Snorra  Edda  einerseits  und  im  Fundinn  Noregr  ande- 
rerseits geschehen  können?  Sonach  gibt  Saxo  statt  eines  Zeugnisses  für 
eine  speciell  dänische  göttersage  vielmehr  ein  solches  für  die  einheit  der- 
selben im  ganzen  norden ,  wie  wir  ein  gleiches  für  dieselbe  in  der  über 
den  ganzen  norden  verbreiteten  Volksdichtung,  in  den  Ksempeviser  haben. — 
Ahnliches  gilt  von  der  Jarmunreksage ,  durch  deren  abweichende  darstel- 
lung bei  Saxo  Munch  und  Keyser  die  norwegische  herkunft  der  Ham- 
flismäl  und  der  Gudrünarhvöt  begründen.     Während  in  dem,  was  sowol 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.    I.  433 

diese  beiden  lieder  als  auch  Saxo  berichten,  der  unterschied  nicht  ein- 
mal so  gross  ist,  als  der  sich  zwischen  andern  eddaliedern  selber  zeigt, 
seien  die  wirklichen  unterschiede ,  einmal :  dass  Saxo  die  betreifende  sage 
nicht  mit  der  Yölsungensage  verknüpft,  ferner:  dass  Saxo  sie  viel  rei- 
cher und  ausführlicher  als  jene  lieder  erzählt,  dahin  zu  erklären,  dass 
Saxo  jene  ankuüpfung  unterlassen,  da  ihm  die  Völsungensage  für  die 
dänische  geschichte  bedeutungs-  und  beziehungslos  erschien,  dass  ihm 
andrerseits  —  jedenfalls  neben  den  Hamdismäl ,  und  zwar  diesen  in  voll- 
ständigerer gestalt  —  offenbar  mehrere  und  umfänglichere  quellen  zur 
Verfügung  standen.  Sonach  auch  hier  keine  zwingende  notwendigkeit, 
jene  lieder  Norwegen  zu-  und  Dänemark  abzusprechen.  —  Nach  die- 
ser wiederlegung  von  Keysers  ansieht  über  die  heimat  der  eddalie- 
der  wendet  sich  Grundtvig  in  einem  besondern,  zugleich  dem  letzten 
abschnitte  des  buches,  zur  darleguug  seiner  eignen.  Sie  lautet  dahin: 
dass  zwar  nicht  alle ,  doch  die  meisten  und  besten  unter  den  mythischen 
und  heroischen  eddaliedern  nicht  nur  nicht  in  Norwegen  gedichtet  sein 
können,  sondern  im  südlichen  Skandinavien,  vor  allem  in  Dänemark 
gedichtet  sein  müssen.  Er  geht  hierbei  von  dem  satze  N.  M.  Peter- 
sens aus :  „  die  grundlage  der  litteratur  ist  die  kultur ;  die  geschichte 
beider  muss  band  in  band  gehen ,"  d.  h.  die  litterarische  production  eines 
Volkes  ist  mit  dessen  cultur  überhaupt  so  innig  verbunden,  dass,  wo  die 
statte  der  letzteren,  notwendig  auch  die  der  ersteren  sein  müsse.  Da 
nun  die  cultur  des  skandinavischen  nordens  in  der  zeit,  welche  für  die 
entstehung  der  eddalieder  allein  in  betracht  kommen  könne,  nämlich  jen- 
seits der  mit  dem  8.  und  9.  Jahrhundert  beginnenden  Yikingerperiode, 
nicht  im  obern,  nördlichen  theile  der  halbinsel  ihre  heimat  und  blute 
gehabt,  sondern  im  südlichen  theile,  in  Süd-  und  Ost- Schweden,  auf 
den  dänischen  inseln ,  an  den  küsten  des  Kattegat  und  der  Ostsee ,  über- 
haupt unter  den  dänisch -gautischen  Völkern,  so  sei  auch  die  entstehung 
der  eddalieder  eben  nur  hier  und  nicht  anderwärts  zu  suchen;  hierher 
und  in  die  „südlicheren  länder,"  (niehtwahr,  den  Khein?)  verlegen  die 
eddalieder  selbst  den  Schauplatz  ihrer  begebenheiten,  hierher  weise  der 
ags.  Beowulf,  von  hier  aus  sei  bereits  seit  dem  11.,  12.  Jahrhundert 
auf  dem  grund  und  boden  der  alten  mythen-  und  heldendichtung  die 
dichtung  ihrer  directen  nachkommen,  der  dänischen,  schwedischen  und 
norwegischen  Ksempeviser  ausgegangen.  Dass  Grundtvig  bei  solcher 
beüfründunff  seiner  ansieht  von  der  südskandinavischen  lieimat  der  edda- 
lieder  notwendig  auch  gegen  Munchs  und  Keysers  besiedelungstheorie  des 
skandinavischen  nordens  entschiedenen  Widerspruch  erhebt  und  die  frü- 
here und  allgemein  geltende  zu  der  seinigen  maclit,  versteht  sich  von 
selbst. 


434  MÖBIDS 

Diese,  wenn  aucli  nur  wenigen,  doch  lioffentlich  correcten  mittei- 
lungeu  aus  Grundtvig's  scliriften  können  nur  andeutungen  ihres  inhaltes 
sein;  zu  vollständiger  Icenntuisnahme,  bezüglich  prüfung  müssen  wir  den 
leser  auf  sie  selber  verweisen.  Wenn  sich  uns  allerdings  manches 
bedenken  bei  der  lectüre  aufgedrängt,  schien  es  uns  doch  eine  unbil- 
ligkeit gegen  den  Verfasser,  dies  hier  auszusprechen,  ohne  damit  eine 
eingehende  prüfung  seiner  behauptungen  wie  die  begründung  unseres 
Widerspruches  gegen  ihn  zu  verbinden.^  Es  sei  uns  jedoch  gestattet 
zweierlei  hier  auszusprechen,  was  sich  uns  bei  dem  lesen  von  Grundt- 
vigs  Schriften  zu  widerholten  malen  aufgedrängt.  Einmal:  wie  haltlos 
doch  alle  diese  ansichten  und  meinungen  über  ort  und  zeit  der  lieder 
der  Sa^mundar  Edda  bleiben  müssen,  so  lange  man  sich  nicht  die  mühe 
genommen ,  jedes  einzelne  lied  in  beiderlei  beziehung  nach  allen  hier  in 
betracht  kommenden  kriterien  zum  gegenständ  einer  besondern  Unter- 
suchung zu  machen;  wie  wären  so  einseitige  urteile  möglich,  nach  denen 
hervorstechende  eigentümlichkeiten  des  einen  liedes  zugleich  massgebend 

1)  Eins  wie  das  andere  ist  der  Grnndtvigsclien  „einspräche"  gegen  Keyser 
durcli  eine  neue  ,,  einspräche "  gegen  ihn  selber  von  seiten  seines  landsmannes 
E.  Jessen  zu  theil  geworden,  in  einem  artikel  der  unter  dem  titel  „Smaating  usw. 
Kleinigkeiten  über  altnordische  gedichte  und  sagen ,  ,  eine  einspräche '  in  der  historisk 
tidsskrift"  (3.  reihe,  bd.  VI,  s.  226  — 284.  Kopenhagen  1868.)  erschien.  Zu  unserm 
bedauern  konnten  wir  ihn  erst  erhalten,  nachdem  wir  obiges  geschrieben,  dürfen 
aber  nicht  unterlassen ,  den  leser  ganz  besonders  auf  ihn  aufmerksam  zu  machen ,  als 
er  mehrere  behauptungen  Grundtvigs  als  durchaus  irrtümliche  nachweist  und  zugleich 
eine  anzahl  momente  hervorhebt,  für  dereu  Würdigung  Grundtvig  von  seinem  Stand- 
punkte aus  ganz  unzugänglich  scheint.  Jessen  liefert  den  klaren ,  bündigen  und  über- 
zeugenden nachweis,  einmal:  dass  die  von  Grundtvig  zu  gunsten  der  ,,  dänisch - 
gautischen ''  lieder  der  Sseraundar  Edda  behauptete  Verschiedenheit  der  mythologischen 
darstellung  in  diesen  und  in  den  isländisch  -  norwegischen  erzählungen  der  Snorra 
Edda  schlechterdings  nicht  vorhanden  sei,  in  dem  sich  vielmehr  jene  darstellung  auf 
grurid  der  in  Snorra  Edda  benutzten  und  noch  in  den  alliterationsspuren  nachweis- 
baren lieder  auch  für  diejenigen  mythcn ,  die  uns  nicht  in  besondern  liedern  der 
Saemundar  Edda  überliefert  sind,  als  eine  völlig  in  sich  gleiche  und  übereinstim- 
mende ergebe;  sodann:  dass  die  in  den  heroischen  liedern  der  Samundar  Edda 
dargestellte  Wielands-  und  Völsungensage ,  ihrer  speciell  -  nordischen  zudichtung  ent- 
kleidet, deutschen  Ursprunges  sei,  und  wahrscheinlich  im  10.  Jahrhundert  von  Nord- 
deutschland aus ,  kaum  wahrscheinlich  über  Dänemark ,  vielmehr  direct  nach  Norwe- 
gen und  Island  gelangt  sei;  endlich:  dass  in  Uebereinstimmung  hiermit  die  lieder 
selber  auf  grund  ihrer  iunern  wie  äussern  form  (spräche ,  metrik) ,  weit  entfernt  eine 
südskandinavische  heimat  zu  bezeugen ,  fast  alle  vielmehr  in  Norwegen  und  auf  Island 
gedichtet  sind.  —  Möchte  doch  der  Verfasser ,  dem  wir  uns  auf  dem  gebiete  altnor- 
discher und  dänischer  philologie  bereits  für  so  manche  belehrung  dankbar  verpflich- 
tet fühlen,  sich  veranlasst  sehen,  obigen  artikel  unter  benutzung  von  Bugges  nun- 
mehr vollständig  vorliegender  ausgäbe  einer  neuen  und  ausführlicheren  bearbeitung 
zu  unterziehen  und  ihn  dann  besonders  erscheinen  tm.  lassen. 


NORDISCHER   LITTEEATUEBERICHT.    I.  435 

für  zeit-  und  Ortsbestimmung  aller  der  übrigen  sein  sollen,  und  zugleich 
so  widersprechende ,  wonach  z.  b.  die  Helgelieder  dem  einen  Zeitgenos- 
sen des  dritten  Sigurdliedes  sind,  dem  andern  producte  der  möglich 
jüngsten  zeit ,  wonach  die  Yölu  spä  hier  jung  genug  erschien ,  um  die 
form  einer  stefja-dräpa  als  ihre  ursprüngliche  zu  bestimmen,  dort  bereits 
das  5.  Jahrhundert  für  ihre  entstehung  angenommen  wird!  —  Zweitens: 
wie  doch  die  annahmen,  dass  rücksichtUch  der  heimat  nur  der  skandi- 
navische continent,  nicht  auch  Island,  und  rücksichtlich  des  alters  nur 
das  9.  Jahrhundert  und  die  ihm  vorausgehenden,  nicht  auch  die  nach- 
folgenden in  frage  kommen  können ,  einen  fast  axiomartigen  Charakter 
erhalten  haben  und  sich  der  allgemeinsten  Zustimmung  erfreuen.  Und 
in  der  that,  die  entscheidungen  über  ort  und  über  zeit  der  eddalieder 
bedingen  sich  ja  insofern  gegenseitig,  als  diese,  wenn  auf  Island  gedich- 
tet, das  erst  seit  ende  des  9,  Jahrhunderts  (870  —  930)  seine  besiede- 
lung  erhielt,  nicht  vor  dieser  zeit  gedichtet  sein  können,  wie  andrer- 
seits, wenn  ein  späteres  alter  für  die  einen  oder  andern  nachweisbar 
wäre,  nur  dann  erst  isländische  herkunft  überhaupt  in  betracht  gezogen 
werden  könnte.  Die  herschende  ansieht  ist  eben  die,  dass  alle  diese 
lieder  spätestens  vor  Haraldr  härfagri  (seit  861)  gedichtet  sein  und  sonach 
Norwegen,  Schweden,  Dänemark  angehören  müssen,  dass  sie  von  hier 
aus  nach  Island  durch  dessen  besiedler  gelangt  und ,  nachdem  sie  bereits 
in  der  festländischen  heimat  zum  theil  mehrere  Jahrhunderte  alt  gewor- 
den, nun  auch  hier  auf  Island  noch  voUe  drei  Jahrhunderte  hindurch  (!) 
sich  in  mündlicher  Überlieferung  erhalten ,  bis  sie  —  die  altersmüden  — 
endlich  mitte  des  13.  Jahrhunderts  in  schriftlicher  aufzeichnung  beige- 
setzt wurden!  Isländische  herkunft  der  lieder  wird  nicht  sowol  durch 
die  anspräche  auf  norwegische,  schwedische,  dänische  seitens  der  resp. 
gelehrten  bestritten,  als  vielmehr  auf  grund  jenes  alters -axioms  gera- 
dezu für  undenkbar,  für  ganz  indisputabel  erklärt.  Und  worauf 
stützt  sich  dies  axiom?  Einmal  auf  Inhalt  und  form  der  lieder,  sodann 
auf  ihre  anonyme  citierung  in  Snorra  Edda.  Der  heidnische  Inhalt, 
behauptet  man,  weist  auf  die  vorchristliche  zeit  des  skandinavischen  nor- 
dens;  die  germanische,  nicht  speciell  nordische,  altertümliche  und  ein- 
fache form,  namentlich  diese  im  gegensatz  zu  der  schon  im  9.  Jahrhun- 
dert so  künstlichen  skaldik,  lässt  sie  jenseits  derselben  erscheinen;  der 
umstand  endlich ,  dass  Snorre  in  seiner  Edda  jene  lieder  ohne  namen  je 
ihres  dichters  anführt,  während  er  von  den  übrigen  gedichten,  die  er 
citiert,  die  dichter  kennt  und  diese  bis  in  das  9.,  ja  8.  Jahrhundert  hin- 
auf namentlich  angibt,  weist  darauf  hin,  dass,  wären  die  namen  der 
dichter  jener  lieder  nicht  durch  ihr  gar  hohes  altertum  in  der  erinnerung 
der  menschen  ganz  verblasst,    Snorre  sie  gewiss  ebenso  sorgfaltig  ange- 


436  MöBius 

l'iilirt  lüitte,  wie  die  übrigen  diesseits  des  8.  und  9.  Jahrhunderts.  Zu 
diesen  argumenten  möchten  wir  folgendes  bemerken :  Sei  auch  der  inhalt 
theils  ein  ausgesprochen  heidnischer,  theils  jedweder  spur  des  Christen- 
tums baarer,  müssen  sie  deshalb  der  heidnischen  zeit  angehören,  d.  h. 
müssen  sie  deshalb  vor  der  einführung  des  Christentums  im  skandina- 
vischen norden,  also  vor  dem  ende  des  10.  Jahrhunderts  datieren?  Nein; 
denn  wenn  auch  zur  angegebenen  zeit  das  Christentum  in  Norwegen  und 
auf  Island  verkündet  und  gesetzlich  eingeführt  war,  so  fehlte  doch  noch 
viel,  dass  alle  Norweger  und  Isländer  Christen  in  dem  grade  geworden, 
dass  sie  innerlich,  in  ihrem  dichten  und  denken,  nicht  noch  lange  zeit 
hindurch  heidnisch  geblieben;  ferner,  wenn  auch  das  Christentum  ein 
allgemein  verbreitetes  war,  konnte  dies  die  zu  wirklichen,  Innern  Chri- 
sten gewordenen  dichter  nicht  hindern ,  für  skaldischen  gebrauch ,  d.  h. 
für  die  bildung  der  auf  mythe  und  heldensage  beruhenden  kenningar, 
lieder  solchen  Inhaltes  und  in  dem  entsprechenden  Charakter  zu  dichten 
(vgl.  Alvissmäl,  Grimnismäl,  Yaf|)rüdnismäl,  das  zwergenregister  in  der 
Völu  spd).  Die  form,  zunächst  die  metrische,  ist  an  sich  die  älteste 
nordische,  weil  germanische,  d.  i.  nordisch  -  deutsche ;  sie  ist  jedenfalls 
vor  dem  speciell  nordischen,  dem  dröttkvsett,  aber  sie  besteht  auch 
neben  ihm  bis  in  das  13.  Jahrhundert;  gilt  jedoch,  was  vom  fornyrda- 
lag,  auch  vom  nicht- germanischen  Ijödahättr?  Die  spräche,  obwol  in 
mancher  beziehung  grammatisch ,  wie  noch  mehr  lexicalisch ,  eine  sehr 
altertümliche,  dennoch  in  ihrem  wert  als  eines  kriterion  für  das  alter 
durch  die  handschriftliche  Überlieferung  des  13.  Jahrhunderts  bedingt, 
bezüglich  geschwächt;  die  einfachheit  des  stiles  und  der  ausdrücke  (man 
denke,  abgesehen  von  den  vielen  kenningar  in  den  eddaliedern  selber, 
an  die  zahlreichen  kenningar  im  ags.  Beowulf  in  einer  handschrift  bereits 
des  10.  Jahrhunderts!)  im  gegeusatz  zur  skaldischen  dichtung  ist  eben 
die  der  söguljöd,  wie  auch  in  den  meisten  übrigen  dichtungen  im  for- 
nyrdalag.  Kücksichtlich  endlich  der  anonymen  anführung  in  Snorra  Edda, 
so  werden  darin  im  ganzen  aus  sieben  mythologischen  liedern  Strophen 
citiert  aus  Völu  spä  c.  28,  aus  Hävamäl  1,  aus  Vatprüdnismal  8,  aus 
Grimnismäl  22,  aus  Alvissmäl  2,  aus  Lokasenna  V2  V2 1  ^^^^  Skirnis- 
mäl  1 ,  aus  den  heldenliedern ,  nur  aus  Fäfnismäl  3.  Mit  ausnähme  von 
den  im  Skäldskaparmäl  citierten  Grimnismäl  str.  43  und  47,  Alvissmäl 
21  und  31  und  Fäfnismäl  32  —  33  —  stehen  jene  übrigen  citate  in  Gyl- 
faginning ,  der  mythologischen  abteilung  von  Snorra  Edda.  Wenn  Snorre 
diese  lieder  ohne  angäbe  ihres  dichters  citiert ,  so  ist  dies  unseres  erach- 
tens  nicht  sowol  und  nicht  zunächst  ein  zeugnis  für  ihr  hohes  altertum, 
sondern  für  die  eigentümliche  natur  dieser  lieder,  in  folge  deren  sie  — 
mindestens  zum  teil  —  eben  als  producte  der  sagen-  und  Volksdichtung 


NORDISCHER   LITTERATURBERICHT.    I.  437 

keinen  bestimmten  dichter  haben  und  gar  nicht  anders  als  anonjan 
citiert  werden  können.  Solleu  die  so  vielen  anonymen  visur  in  den 
historischen  sögur,  welche  die  eine  oder  andere  kundgebuug  von  volks- 
poesie  enthalten,  deshalb  so  alt  sein?  Sollen  es  die  sögur  selber,  die 
sögur  des  13.  (und  12.)  Jahrhunderts,  die  samt  und  sonders  anonym 
citiert  werden,  und,  wenigstens  die  Islendinga  sögur,  wegen  ganz  ana- 
loger cntstehunsf  auch  nur  so  citiert  werden  können?  Ferner:  wo 
Snorre  den  nameu  des  dichters  anführt,  geschieht  es,  um  die  persönliche 
auctorität  eines  höfud-,  eines  pjöd-skald  für  die  form  des  betreffenden 
dichterischen  ausdruckes  geltend  zu  machen;  wo  er  aber  jene  lieder 
anführt,  thut  er  es  nicht  wegen  der  form,  sondern  in  den  bei  weitem 
meisten  fällen  nur  ihres  Inhaltes  wegen,  dessen  überlieferndes  organ, 
der  dichter,  hier  eben  so  wenig  in  betracht  kommt ,  wie,  wenn  eine  saga 
die  andere  saga  um  ihres  Inhaltes  willen  und  nur  deshalb  citiert,  der- 
jenige genannt  wird ,  der  sie  geschrieben.  Und  endlich  sind  es  eben  nur 
ein  paar,  nur  7  (8)  lieder,  die  von  Snorre  citiert  werden;  soll  man  nun 
dies ,  sehr  schwache  kriterium  widorum  auf  alle  30  in  bausch  und  bogen 
anwenden?  —  So  wenig  wir  gewillt  sind  dem  skandinavischen  fest- 
lande, namentlich  Südskandinavien  und  insonderheit  Dänemark,  eine 
reiche  Sagendichtung  abzusprechen ,  müssen  wir  doch  die  uns  in  den 
eddaliedern  erhaltenen  denkmäler  derselben  in  der  form  und  der  gestalt, 
iu  der  sie  uns  eben  erhalten  sind,  so  lange  für  isländische,  zum  theil 
auch  norwegische,  diclitungen  aus  den  letzten  Jahrhunderten  vor  ilirer 
aufzeichnung  betrachten,  als  wir  nicht  durch  stringente  beweise  vom 
gegenteile  überzeugt  werden. 

KIEL.  TIID.    MÖBIUS. 


BEMERKUNGEN    ZU   OTFRID. 

1.  Verbindung  des  verbunis  im  singrular  mit  dem  substjintivum  im  plural. 

Nicht  selten  zeigt  sich  1)ei  Otfrid  der  singularis  des  verbums  mit 
dem  pluralis  des  substantivums  verbunden;  die  beispiele  sind  von  Grimm, 
gramm.  IV,  196  ff.  nicht  vollständig  aufgezälilt.  Zunächst  zeigt  sich 
diese  Verbindung  beim  plur  al 'abstracter  substantiva: 

IV,  4,  25  thcn  io  lluto  dätt  so  scuno  gilicrcti. 

I,  23,  62  noli  tliili  däti  tJiind  in  ewon  ni  pmö. 

IV,  6,  11  ivio  ouli  thio  mein  dätt  nihein  irharmeti.^ 

1)  Ich  halte  meindäÜ  für  den  nom. ,  nihein  {\\\  den  acc. ,  construction  wie 
IV,  2 ,  28  inan  thiu  nrwimi'i  iiiilif  irbarmeti. 


ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOOTK, 


29 


438  EKDMANTSf 

V,  25,  39  si  tJiin,  tJmz  gnati  sine  thes  thiu  haz,  liiar  seine. 
Sal.  13  ni  thaz,  yninö  äohti  giwerkon  thaz,  io  mohti. 

II,  12,  46  joh  ivanana  thih  rme  thio  Jioldün  Jcunfti  sine; 

so  mit  demselben  verbum  auch  ein  concretes  substantivum: 

I,  25,  6  tha^  thih  henti  mhie  ze  doufenne  hirine. 
(vgl.  in  ähnlicher  Verbindung-  den  singular  IV,  11,  24.). 

In  allen  bisher  angeführten  beispielen  kann  die  mehrzahl  leicht  als 
einheit  aufgefasst  werden;  überall  könnte  ohne  änderung  des  gedankens 
für  den  plur.  der  sing,  desselben  oder  eines  ähnlichen  substantivums  ein- 
gesetzt werden. 

Fortfallen  würden  jedoch  alle  diese  fälle,  wenn  man  bei  den  im 
reime  stehenden  conjunctivformen  ab  fall  des  den  plural  unter- 
scheidenden n  annehmen  wollte.  Otfrid,  obwol  sein  reim  weder 
ungleich  cousonantischen  noch  selbst  ungleich  vocalischen  auslaut  scheut, 
vermeidet  es  sorgfältig,  cousonantischen  auslaut  mit  vocalischem  zu  bin- 
den; das  einzige  beispiel  einer  ausnähme  ist  IV,  4,  32  racJia:  lachan. 
Dieses  stammhafte  n  konnte  nicht  wol  abgeworfen  werden ,  leicht  jedoch 
jenes  der  pluralendungen.  Auch  sonst  scheint  die  annähme ,  dass  ein 
endconsonant  zur  herstellung  eines  genauen  reimes  abgeworfen  sei,  gar 
nicht  zu  umgehen.     Denn 

III,  26,  61  nu  Hernes  thes  thenken  joh  emmiz,igen  tvirken, 
thaz,  imo  io  liehe  zi  themo  höhen  hlniilriche 

lässt  sich  Uche  nur  höchst  gezwungen  (mit  Kelle)  als  3.  sing. ,  leicht  und 
einfach  als  1.  plur.  für  liehen  erklären;  ebenso  wird  Otfrid  firsivige 
III,  19,  y  als  1.  plur.,  nicht  als  3.  sing,  gefühlt  haben.  Dass  endlich 
scoiio  (:  giloiibo)  I,  18,  7  als  conjunctivform  mit  abgeworfenem  s  (für 
scouös),  nicht  als  imperativ  aufzufassen  ist,  ist  mir  durch  vergleichung 
der  parallelstelle  V,  23,  227,  wo  an  hisconö  zwei  verse  weiter  xmt  joh 
der  klare  couj.  scouds  angeknüpft  ist,  noch  gewisser  geworden. 

So  blieben  als  sichere  belege  nur  noch  zwei  stellen ,  an  denen  beide- 
mal der  sing,  des  verbums  dem  plur.  däii  vorangeht: 

IV,  12,  15  in  muate  was  in  thräti  thio  egislichün  däti. 
IV,  25,  9  zeinöt  ouh  thio  däti. 

Ausserdem  ist  einigemal  der  singular  des  verbums  mit  dem  plural 
eines  substantivums  mit  beigefügtem  zahlwort  verbunden.  Einmal  geht 
er  voran: 

III,  7,  23  thes  sarphen  iviz,ddes  not  hi zeinöt  thisu  finf  hröt; 
einmal  folgt  er: 

IV,  6,  27  bedu  thisu  hüidi  so  meinit  thio  irö  fravili. 

Dagegen  IV,  28,  3  tvanta  irö  wärun  fiarl ,  thie  in  therii  däti  tväri 
nehme  ich  bei  der  klar  liervortretenden  vielheit  von  personen  abwerfung 


BEMERKUNGEN   ZU   OTFRID  439 

des  pliiral-r^  (wäri   für  tvärin)   an.     Die    von  Grimm   noch  angeführte 
stelle  I,  17,  28  fällt  nach  Kelle's  lesart  fort. 

Was  die  erklärung  dieser  construction  betrifft ,  so  darf  man ,  glaube 
ich ,  nicht  überall ,  wo  diese  Verbindung  des  sing,  mit  dem  plur.  erscheint, 
eine  dem  bewustseiu  des  redenden  als  einheit  vorschwebende  vielheit  her- 
auszupressen suchen;  besonders  bei  vorangestelltem  verbum  —  der  bei 
weitem  häufigere  fall,  wenn  wir  die  zu  anfaug  angeführten  beispiele  als 
unsichere  belege  betrachten  —  kann  man  sagen,  dass  der  Schriftsteller, 
als  er  das  verbum  setzte ,  die  numerale  beschaffenheit  des  subjects  über- 
haupt unberücksichtigt  und  unbezeichnet  liess  und  deshalb  dem  prädicat 
die  einfachere  und  zunächstliegende  form  des  singularis  gab.  Dies  gilt 
von  den  mittelhochdeutschen  nicht  weniger  als  von  den-  griechischen 
beispielen,^  wie  viel  mehr  von  dem  noch  mit  mühe  in  grammatische 
erkenntnis  sich  hineinarbeitenden  Otfrid. 

2.   Umselireibuug-  zusammeugresetzter  zaiileu. 

Charakteristisch  für  Otfrid  ist  die  unbehülflichkeit  im  ausdruck 
zusammengesetzter  zahlen,  bei  deren  Umschreibung  er  manchmal  wun- 
dersame Umwege  macht;  klares  und  schnelles  überblicken  der  zahlenver- 
kältnisse  mochte  seine  stärke  nicht  sein.  12  wird  umschrieben  ziviro 
selis  I,  22,  1;  200  ist  zivtrö  selianzug  II,  8,  32;  300  daneben  thriz,ug 
sttmton  zeliimi,  obwol  Imnt  ihm  ebenfalls  zu  geböte  stand  (II,  4,  3); 
153  ist  iliria  stunton  finfmig  ...  ouh  thri  (V,  13,  19);  38  wird  durch 
subtraction  dargestellt  als  40—2:  III,  4,  17  ivanda  zwem,  ih  sagen 
tliir  tliaz,,  tJierd  järd  fiarzug  ni  tvas ;  40  tage  werden  umschrieben  als 
960  stunden  II,  4,  3;  zum  eitleren  des  21.  psalms  werden  IV,  28,  19 
nicht  weniger  als  drei  langzeilen  gebraucht.  Wo  ein  substantivum  unmit- 
telbar beim  zahlwort  steht,  wird  es  meist  im  genitiv  vom  zahlwort 
abhängig  gemacht;  so  an  den  angeführten  stellen  und  I,  14,  12  fiar- 
zuy  dagö.     II,  11,  38  therö  järd  ...  fiarmig  iiiii  sehsii. 

3.    Über  die  amveuduiig'  des  refrains  in  Otfrids  eyaiig-elienbuche. 

Während  in  den  übrigen  erhaltenen  althochdeutschen  denkmälern 
des  9.  Jahrhunderts  der  refrain  sich  beschränkt  auf  das  dem  schluss  der 
Strophe  angefügte  Jci/rie  eleison  (lied  vom  heiligen  Petrus.  Erwähnung 
im  ludwigsliede  v.  47) ,  hat  er  bei  Otfrid  grössere  ausdehnung  und  kunst- 
mässige  Verwendung  gefunden. 

1)  Vgl.  über  diese  meine  aliliaiKlIuug  de  Pindari  rtsu  syntaciico.  Halle  18G7. 
S.  C  ff. 

29* 


440  KRDMANN 

Die  regelrechteste,  durcbgearbeitetste  form  des  refrains  erscheint 
in  einigen  abschnitten,  in  denen  in  gleichen  abständen  je  zwei  langverse 
widerkehren,  dem  gedanken,  zu  dessen  bestätigung  alles  in  den  dazwi- 
schen liegenden  versen  gesagte  dient,  immer  von  neuem  ausdruck  ver- 
leihend. Diese  abBchnitte  finden  sich  in  den  eingangscapiteln  des  zwei- 
ten und  fünften  buches.  Im  ersten  (II,  1,  13  —  32)  ist  durch  20  verse 
regelmässige  responsion  durchgeführt:  je  zwei  verse  bilden  den  Vorder- 
satz, auf  den  der  beständig  widerkehrende,  ebenfalls  zwei  verse  umfas- 
sende nachsatz  folgt: 

so  was  er  io  mit  imo  sär,  mit  imo  ivornlder  iz,  tliär, 
so  was  scs  io  gidatun,  sie  iz,  aJlaz,  saman  rietun. 
Die  verse  kehren  allemal  ganz  ohne  abweichung  wider. 

Ebenso  kehren  im  eingangscapitel  des  fünften  buches  (de  utititatc 
crucis)  von  v.  17  bis  zum  ende  fünfmal,  nachdem  jedesmal  in  vier  lang- 
versen  eine  neue ,  bedeutungsvolle  eigenschaft  des  kreuzes  angeführt  wor- 
den ist,  zwei  verse  wider,  die  den  aus  dem  vorhergehenden  sich  erge- 
benden grundgedanken  aussprechen : 

nist  wiht  in  themo  homne,  tlmz,  friuntiUh  giloube, 
tlies  manniUh  giwis  st,  thaz,  tliur  nhh7ga§  st 
Hier   sind   die  verse   nicht  ängstlich  genau  in  derselben  form  widerholt, 
sondern  in  der  anknüpfung  {hi  tliiu  nist  29.  41.  nist  avur  35.)  zeigt  sich 
einige  abwechselung ;  nhhnjaz,  und  der  partitive  gen.  uhMgcs  wechseln. 

Eine  zweite  klasse  bilden  diejenigen  stellen,  an  denen  mehrere 
verse  ganz  oder  teilweise  widerkehreu,  aber  nicht  in  genau  gleichen 
abständen  sich  zeigen,  sondern  nach  längeren  oder  kürzeren  abschnitten 
widerholt  der  erzählung  oder  betrachtung  ruhepunkte  darbieten ,  au  das 
vorher  gesagte  erinnern,  und  so  nicht  gerade  den  vers,  wol  aber  den 
gedankengang  gliedern.  Sie  finden  sich  säramtlich  im  fünften 
buche. 

V,  8,  31.  32  wird  die  bedeutung  der  namentlichen  anrede  aus  dem 
munde  Christi  hervorgehoben: 

sama  so  er  zi  iru  quati :  irJcnäi  mih  hi  noti 
in  muate  läz,  tliiriz,  hei§,  ivanta  ih  tlünan  namon  weiz,. 
Diese    verse    werden    ziemlich    genau    zweimal   widerholt,    nachdem    zur 
erläuterung  einmal  das  beispiel  des  Moses ,   das  zweite  mal  das  der  Eva 
angeführt  ist,  Y,  43  f.   53  f. 

Dazu  noch  mehrere  beispiele  aus  den  an  den  schluss  gestellten 
abschnitten  über  das  jüngste  gericht: 

V,  19,  11  —  14  ward  ivola  in  then  thimgon  iliie  sclhun  mcnnisgon 
thie  thär  tlioh  higonöto  sint  siclior  irö  dato, 


BEMERKUNCEN   ZU    OTFKID  441 

in  thie  tJioh  tihil  thanne  nlst  tviht  21  scUenne 

mit  tliiu  sih  tJioh  biwerien  joh  cfeswio  ginerieu. 

Die  zwoi  ersten  verse  kehren  unverändert  wider  19.  20;  alle  vier, 
jedoch  mit  Umstellung  der  reimenden  werte  des  ersten,  41- — 44;  wider 
die  ZAvei  ersten  55.  56;  und  wider  alle  vier  am  schluss  des  abschnittes, 
mit  abschliessend  motivierender  anknüpfung 

63  —  66  hl  th'm  ist  tvola  ff'. 

Durch  den  langen,  mit  besonderer  kunst  und  teilnähme  gearbei- 
teten abschnitt  V,  23  ziehen  sich  häufig  widerholt  neben  einander  zwei 
stücke  von  je  4  langzeilen;  der  eine  enthält  das  gebet  um  Vermeidung 
der  höllenstrafen ,  anknüpfend  an  deren  Schilderung,  so  wie  an  die  Sün- 
den und  unvollkommenheiten  des  irdischen  lebens  (11 — 14.  79  —  83 
mit  geringer,  im  folgenden  widerkehrender  abweichung.  95  —  98.  105  — 
108.  115  —  118.  145  —  148.  157  — 160.);  der  andere,  noch  häufiger  und 
oft  mit  dem  ersten  abwechselnd  widerholte,  enthält,  anknüpfend  au  die 
Schilderung  der  ewigen  freuden,  positiv  die  bitte,  ihrer  einst  gewürdigt 
zu  werden.  (27  —  30.  57  —  60.  129  —  132.  171  —  174.  183  —  186. 
193  —  196.  205  —  208.  219  —  222.  231—234.  241—245.  255  —  258. 
269  —  272.  283  —  286.  295—298  [schluss  des  abschnitts]). 

Endlich  zeigt  zum  schluss  des  ganzen  werkes  V,  25,  03  ff.  die 
schwungvolle  rede  anfang  zu  künstlicher  strophischer  gliederung.  Vier 
langzeilen  enthalten  das  lob  gottes: 

93  —  96  tliemo  si  guallicM  uhar  allaz,  sina^  ricM, 

ubar  allö  wordlti  si  diuri  stn  io  wonanti; 

in  eräu  joh  in  Jiimile,  in  abgrunte  oiili  Mar  niderc, 

mit  engilon  joh  mannon ,  in  etvinigen  saiigon ! 

Nach  einem  abstände  von  widerum  4  langzeilen  werden  die  beiden 
ersten  jener  verse  dem  gedanken  nach ,  die  beiden  letzten  wörtlich  genau 
widerholt. 

Als  dritte,  unvollkommenste  form  endlich,  gewissermassen  nur  als 
ansatz  zum  refrain,  können  einige  stellen  bezeichnet  werden,  an  denen 
sich  nach  längern  Zwischenräumen  derselbe  gedanke,  das  vorhergehende 
zusammenfassend,  mit  einigem  anklang  an  die  werte,  in  denen  er  das 
erstemal  ausgedrückt  war,  widerholt. 
So  ebenfalls  im  fünften  buche: 

V,  6,  31  gilouhent  sie  thaz,  hr uzt  joh  selben  kristes  wiz,i, 

joh  eiguu  ouh  giivisst  thas,  sin  irstantnissl. 

49  giwisso  iz,  ivircUt  thanne,  thaz,  sie  g iloubent  alle, 

tha^  sie  af'ter  themo  guate  sint  rdz,agemo  muate.  ^ 

67  giloubent  sie  thie  dätt,  thoh  i§  wese  spdti, 

joh  irJcennit  thas,  muat,  wio  selbo  druhtin  irstuant. 


442  IIILDEBRAND 

Vgl.  V,  20,  37.  43.  53;  V,  10,  27.  28  und  35.  36,  wo  dieselben 
gedanken  in  umgekelirter  rcilienfolgo  widerliolt  werden;  und  noch  ein 
beispiel  aus  einem  andern  buche  II,  11,  11.  12.  13.  19.  —  Dagegen 
sind  V,  15,  3.  13.  26  die  drei  fragen  und  antworten,  die  zu  refrain- 
artiger widerliolung  hätten  anlass  geben  können,  jedesmal  verschieden 
ausgedrückt. 

Es  zeigt  sich  also  der  refrain  bei  Otfrid  in  verschiedenen  graden 
der  Vollkommenheit ,  und  zwar  fast  ausschliesslich  im  fünften  buche ,  beson- 
ders in  den  Schlussabschnitten.  Wir  sind  wol  berechtigt,  ihm  die  aus- 
bildung  dieser  kunstform  als  eigentümliches  verdienst  zuzuschreiben ,  ohne 
die  einwirkung  der  muster,  die  er  an  den  geistlichen  hymnen  gehabt 
haben  mag,  allzuhoch  anzuschlagen. 

GKAUDENZ.  OSKAR   ERDMANN. 


EIN  WUNDERLICHER   RHEINISCHER  ACCUSATIV. 

Wer  alemannischen  boden  betritt  oder  mit  einem  Alemannen  ver- 
kehrt in  vertraulicher  stunde,  wo  er  sein  Deutsch  mehr  nach  laudesart 
gehen  lässt,  der  kann  hören,  wie  da  statt  des  masc.  accusativs  merk- 
würdiger weise  der  nomiuativ  gesetzt  wird.  Mir  war  die  sache  wol 
bekannt,  z.  b.  aus  Hebels  alemannischen  gedichten,  der  sie  auch  in  der 
vorrede  (s.  5  der  ausg.  1820)  als  grammatische  regel  anführt,  der  tag 
z.  b.  sei  zugleich  der  und  den  tag; 

der  tag  verwacM  im  tanne-wald,  er  lüpft 

alsgmach  der  umJiang  ohsi  (über  sich,  in  die  höhe).  S.  190. 

Aber  es  ist  ein  grosser  unterschied,  ob  man  dergleichen  nur  in  einem 
buche  sieht  oder  lebendig  hört.  Wertvoll  wurde  mir  dies  der  als  accu- 
sativ  erst,  ja  ich  möchte  sagen  erst  glaubhaft,  als  es  aus  dem  munde 
auch  gebildeter  an  mein  ohr  schlug;  vorher  war  es  mir  höchstens  eine 
verdriessliche  unbegreiflichkeit,  die  man  nicht  an  sich  kommen  lässt, 
nun  reizte  es  meine  neugier,  zumal  seit  ich  es  aus  dem  munde  emes 
deutschen  philologen  von  fach  hörte,  von  dem  kürzlich  verstorbenen 
Franz  Pfeiffer;  auch  aus  Franz  Mich.  Felders  munde  könnte  ich  aufge- 
zeichnete beispiele  anführen.  ^ 

1)  Kenscht  der  da?  fragte  er  mich  z.  b.,  indem  er  mir  eine  Photographie 
zeigte.  Auch  von  Pfeift'er  doch  ein  beispiel,  es  wird  glaubhafter  damit:  der  Bartsch 
kenn  ich  seit  ....  äusserte  er  in  Heidelberg  im  herbst  1865.  Also  betont  wie 
unbetont. 


EIN   BHElNISCHEß   ACCUSATIV  443 

Wie  alt  ist  dieser  wunderliche  acciisativ?  und  wie  in  aller  Avelt 
sind  die  Alemannen  darauf  gekommen  ? 

Auf  die  erste  frage  kann  ich  einige  antwort  geben,  er  lässt  sich 
bis  ins  14.  Jahrhundert  und  weiter  /.urück  nachweisen.^  Als  ich  in 
J.  Grimms  auftrag  den  vierten  band  der  weistümer  beim  drucke  philolo- 
gisch besorgte  (es  muste  eilig  gehen) ,  fielen  mir  fälle  auf  wie  folgende : 
des  vordret  er  und  hat  sin  (d.  i.  zum  fürsprechen  vor  gericht)  Wernher 
Jans  von  Bar.  der  stalt  sich  zu  im  und  hat  der  rieht  er  iimh  ein  rat  ze 
erlouhen,  s.  364,  trat  zu  ihm  hin  und  bat  zunächst  den  richter  um 
die  erlaubnis  einer  besprechuug  (mit  seinem  dienten);  ivenn  es  daran 
Ichomt  (zum  gericht),  so  sond  si  der  stah  von  inen  gehen,  s.  365, 
„unsere  herren  von  Capell"  sollen  den  richterstab  dann  abgeben;  beide 
stellen  sind  aus  einem  Zuger  weistum  vom  jähre  1381,  In  einem  Lucer- 
ner  weistum  vom  jähre  1346:  item  ist  von  alter  har  homen,  dz>  man 
daselhs  alle  jar  vier  setzen  sol  (d.  i.  eine  behörde  aus  vier  männern  beste- 
hend), des  glt  die  herschaft  ze  dem  ersten  dar  den  ersten  (sie  hat  dabei 
den  ersten  zu  „präsentieren,"  dar  zu  gehen) ^  und  nimpt  der  seih,  die 
gchursami  nit,  ein  andern,  ebenda  s.  385,  lässt  denselben  die  bauer- 
schaft nicht  gelten.  Auch  bei  der  allein,  als  relativ:  ein  hanivartampt 
sol  och  lihen  ein  prohst  dem,  der  meijer  und  die  gnoszen  kiesen,  s.  378, 
aus  Lucern  und  der  ersten  hälfte  des  14.  Jahrhunderts.  Auch  einer  für 
einen:  item  iveri  dz,  ein  ivirt  ivin  hetti  (von  solcher  art)  das  einer 
hedüchti  (dass  er)  einem  tvimden  man  oder  einem  kranken  mönschen 
nit  zu  gehörti  (nicht  zuträglich  wäre)  ...  s.  385.  Es  sind  wol  der  bei- 
spiele  genug,  dass  niemand  dies  der  u.  dgl.  m.  für  schreib-  oder  druck- 
fehler  halten  wird;  jene  merkwürdige  grammatische  ersch einung  von  heute 
ist  damit  bis  in  die  mhd.  zeit  zurückversetzt.  ^ 

Aber  sie  muss  noch  älter  sein.  Ein  beispiel  aus  dem  12.  Jahrhun- 
dert bietet  das  von  Jos.  Haupt  1864  herausgegebene  Hohe  Lied:  an  disen 
drin  worhten  mugin  ir  den  vater  unde  den  sun  .  .   irchennen.     wände 

da  wirf  genemmet  daz,  houhet  unde  daz,  golt da^  houhet  daz,  hezeche- 

not  der  gewalt,  daz,  golt  hezechenot  den  wistüm.  77,  30  (geivalt  gott 
der  vater ,  tvtstuom  gott  der  söhn ,  s.  K.  Köhler  in  der  Germ.  8 ,  25). 
Damit  tritt  denn  auch  das  fragliche  der  gouch  in  Lachmanns  Wal- 
ther 73,  31  in  das  rechte  licht,  das  nicht  vocativ  sein  kann: 

1)  Weinhold  alem.  Gramm,  s.  4G0  fg.  hat  nichts  davon. 

2)  In  den  vielen  alemannischen  weistümern  des  ersten  baudes  ist  mir  noch  kein 
beisi)iel  aufgcstossen.  Aber  der  umstand  wäre  als  gegenbeweis  nicht  brauchbar.  Denn 
es  sind  spuren  da  (s.  z.  b.  meine  anmerk.  zu  4,  21G),  dass  J.  Grimm  die  texte  dort 
in  solchen  kleinigkciten  zuweilen  in  der  älteren  gemütlichen  weise  behandelt  hat, 
stillschweigend  bessernd.    Mau  muss  das  für  philologischen  gebrauch  der  texte  wissen. 


44-1  iur,j)i;uRAND 

Mure  müiiiens  beide  esel  und  der  gouch 
(jcharen  v  si  enhi^yen  sin; 
wie  die  heidelborger  liandschrift  äai  goach  gibt,  so  ist  auch  der  gouch 
von  dem  Schreiber  der  pariser  handsclirift  als  accusativ  gemeint,  den  ja 
der  sinn  verhingt.  Dass  diese  der,  einer  bloss  vereinzelt  auftreten ,  mit- 
ten zwischen  riclitigeu  accusativen,  macht  sie  doppelt  merkwürdig; 
entweder  waren  sie  damals  wirklich  erst  im  aufkommen  und  verbreiten 
begrißen ,  oder  die  mundart  lag  beim  Schreiber  im  kämpfe  mit  dem  regel- 
rechten hochdeutsch,  wie  noch  jetzt  bei  gebildeten.  Genauere  beobach- 
tung  würde  bestimmteres  zu  tage  fördern. 

Allein    der  närrische   accusativ  ist  nicht  einmal  bloss  alemannisch. 
Man  hört  ihn  auch  in  Köln.     Ich  habe  von  einem  ohrenzeugen  ein  bei- 
spiel,   der   dort   kindern   zusah,    die    einen   frosch   zu   tode    zu  schlagen 
beflissen  waren  und  endlich  oft  widerholt  riefen :  jets  gitt  er  der  geist  ufl 
In  dem  köbiischen  liede  vom  eiuzug  der  Franzosen  im  jähre  1794   (Sol- 
tau bist,  volksl.  569,  Weyden  köln.  Volkslieder  s.  4)  kommt  vor: 
do  han  mer  auch  der  dag  erläv  (erlebt), 
dat  mer  dat  geld  met  pap  (kloister)  gehläv; 
sc  ginge  dornet  wal  ümer  der  Rein. 
Auch  in  Aachen:    ivic  liee  der  herg  reet  hesog,    wie  er  den   borg  recht 
besah,   op  der  herg,    auf  den   berg,    siehe  Müller  und  Weitz,  Aachener 
mundart  s.  274;    mehr  beispiele   von   dort  in  Frommauus  mundarten  2, 
546,    darunter  eins  für  den  dativ,    der  ja  im  leben  längst  im  accusativ 
aufgegangen  ist:  en  schref  der  här  derselven  dag ,  und  schrieb  dem  bauer 
denselben  tag  s.  545.     Ebenda  s.  556  ff.  beispiele  aus  dem  Elsass,  wie: 
dr  gluzzer  (schlucken),  der  i  A«, 
der  winscJi  i  mim  schätzle -n-ä ; 
„unsere  mundarten  kennen  keinen  accusativ"  A.  Stöber  ebeudas.  s.  561. 
Also  oben  und  unten  im  Kheinlaude.     Einer  meiner  bekannten  aber  will 
es  von   einer  Mainzerin   gehört    haben.      (Frankfurt   hat  nichts   davon). 
"Weiteres  aufmerken  von  solchen,    die  gelegenheit  dazu  haben,    wäre  zu 
wünschen;    denn  die    erscheiuung   hat  wert   für   die   innere  und  äussere 
geschichte  unserer  spräche  im  westen  und  für  die  geschichte  der  leben- 
digen  berührungen   der   stamme   unter  einander.     Zunächst  liegt   darin 
wahrscheinlich  wieder   einer  der  züge  vor,   in  denen  sich  das  gesammte 
Kheingebiet  bis  in  alte  zeit  zurück  als  ein  ganzes   für  sich  darstellt,  in 
dem  quer  durch  die  verschiedenartigsten  grundstoffe  hindurch  das  reiche 
verkehrsieben  Rhein  ab  Rhein  auf  eine  art  neuer  einheit  hergestellt  hat, 
bis  in  die  schweizerischen  Alpenthäler  hinein. 

Wie   entstand   aber  diese   grammatische  ausartung?     Eine  triftige 
antwort  könnte  nur   das  ergebuis  einer  sehr   mühsamen  geschichtlichen 


EIN    ßllEINISCHßE    ACCUSATXV 


445 


Untersuchung  sein.  Aufs  vermuten  angewiesen  denkt  man  zuerst  wol  an 
französisclien  einfluss ;  dass  wirklich  auch  in  solchen  grammatischen  klci- 
nigkeiten,  die  von  hundert  menschen  kaum  einer  beachtet,  eine  wechsel- 
Avirkung  zwischen  deutsch  und  französisch ,  ein  zusammengehen  beider  in 
ihrer  entwickelung ,  und  zwar  durch  den  einfluss  des  lebens,  nicht  der 
bücher,  von  jeher  statt  hatte,  das  ist  durch  thatsachen  bezeugt  (s.  z.  b. 
Grimms  wörterb.  5,  546)  mid  verdiente  einmal  eine  gründliche  darstel- 
lung.  Allein  notwendig  ist  gerade  hier  der  französische  einfluss  nicht. 
Denn  ganz  ausser  seinem  bereiche,  in  niederdeutschen  mundarten  lebt 
eine  entsprechende  ausartung,  nach  der  man  beim  masc.  umgekehrt  den 
accusativ  mit  für  den  nominativ  braucht,  auch  das  schon  mnd. ,  wie 
jenes  alem.  der  schon  mhd.  (s.  z.  b.  Lübl)ens  Rein.  Vos  s.  236  und 
s.  XVIII).  Beides  sind  äusserungen  des  allgemeinen  und  uralten  stre- 
bens,  aus  der  überlieferten  formenfülle,  die  dem  rascher  werdenden  den- 
ken und  sprechen  hinderlich  ist,  heraus  zu  grösserer  einfachheit  zu  kom- 
men. Liegt  doch  beim  fem.  und  im  plur.  die  einheit  des  nom.  und 
acc.  schon  seit  Jahrhunderten ,  beim  neutr.  seit  Jahrtausenden  vor.  Aber 
der  accusativ  mit  als  nominativ  gebraucht  ist  doch  etwas  weniger  merk- 
würdig (er  ist  ja  auch  z.  b.  französisch,  englisch),  als  der  nominativ 
für  accusativ  und  dativ.  Letzteres  sieht  so  schulmässig  aus,  wie  von 
den  Schulbänken  stammend ,  wo  man  das  wort  in  der  form  des  nominativs 
sich  einzuprägen  angewiesen  wird  in  folge  alter  Überlieferung,  weil  ihn 
die  griechischen  grammatiker  den  andern  casus  vorangestellt  haben  als 
den  subjectscasus,  der  den  einfachen  satz  anführt. 

Der  aufsatz  war  geschrieben ,  als  sich  gelegenheit  fand ,  in  dSr 
nähe  des  betreffenden  Sprachgebietes  aus  lebendigen  quellen  ergänzungen 
zu  schöpfen.  In  Würzburg  in  der  deutschen  abteilung  der  diesjährigen 
philologenversamlung  fiel  mir  ein,  über  die  sache  vorzutragen  was  ich 
wüste,  und  nach  weiterem  zu  fragen.  Und  da  war  denn  genug  leben- 
dige künde  glücklich  beisammen,  um  das  bild  der  sache  zu  einem  leid- 
lichen ganzen  abzurunden.  Sie  ist  wirklich  im  ganzen  und  grossen  eine 
eigenheit  des  gesamten  Kheinlandes  in  dem  erweiterten  sinne,  von  den 
Schweizerbergen  bis  hinunter  zu  den  Niederlanden,  diese  eingeschlossen, 
wie  ich  schon  vermutet  hatte. 

Wenn  fürs  Elsass  schon  Stöbers  zeugnis  vorlag,^  so  wüste  für  den 
Breisgau  Lexer^   aus  Freiburg   davon  zu  berichten,   wie   es  z.  b.  bis  in 

1)  Ein  älteres  zeugnis  z.  b.  bei  Keisersberg :  der  ()cifer  sol  man  nit  müschen 
unäer  das  blüt  Christi,     postille  1 ,  24''. 

2)  Vergönnen  mir  die  herrcn,  sie  für  ilire  niiindliclien  beitrage  in  derselben 
lairzon  form  zu  citiercn ,  wie  es  geschähe,  wenn  sie  gedruckt  mitgeteilt  wären. 


44(3  niLDEBBAND 

soiu  haus,  zu  seinen  kiudern  vorgedrungen  sei.  Für  Würtemberg  konnte 
Holhuul  die  angäbe  machen,  dass  da  im  Süden  die  erscheinung  genau 
bis  zur  gränze  des  Alemannischen  reiche,  darüber  hinaus  im  Schwä- 
bischen aber  aufhöre.^  Für  die  Niederlande  andererseits  war  De  Vries 
aus  Leiden  als  zeuge  da,  dass  dort  in  der  lebenden  spräche  im  masc.  der 
nomiuativ  und  accusativ  gleich  seien  (de  man)  wie  beim  fem.,  obwol  er  zwei- 
fei hegte,  ob  darin  der  nomiuativ  und  nicht  vielmehr  der  accusativ  zu 
erkennen  sei ,  da  dort  jedes  schliessende  n  unbetonter  silben  beim  sprechen 
wegfalle ,  sodass  auch  den  man  im  sprechen  zu  de  man  wird.  Mir  scheint, 
der  zweifei  müsse  sich  geschichtlich  erledigen  lassen ,  ich  meine  aus  einer 
beobachtung  des  aufkommens  der  erscheinung;  denn  wie  sie  im  Ober- 
lande, um  in  der  älteren  spräche  des  Rheinlandes  zu  reden,  bis  in  die 
mhd.  zeit  zurück  sich  finden  Hess,  so  wird  sie  auch  im  Niederlande  in 
frühere  Jahrhunderte  zurückgehn,  sicher  auch  am  Niederrhein.  ^  Aus 
dem  flämischen  sprachge])iete  machte  übrigens  Heremans  aus  Gent  die 
angäbe,  dass  man  da  den  noch  erkennbaren  accusativ  des  masc.  mit  als 
nomiuativ  brauche ;  auch  das  ist  aber  dem  übrigen  Rheinlande  nicht 
fremd,  davon  nachher. 

Noch  aber  fehlt  der  Mittelrhein,  das  bindegiied.  Dafür  lag  nur 
eine  biiefliche  mitteilung  Riegers  aus  Darmstadt  vor.  Danach  ist  unser 
rheinischer  accusativ  zwar  nicht  darmstädtisch,  auch  nicht  wetterauisch 
(nach  den  sprachproben  bei  Kehrein  auch  nicht  rheingauisch) ,  blüht  aber 
an  der  Bergstrasse ,  im  Odenwalde ,  auch  weiter  in  Oberhessen ,  ist  übri- 
gens auch  in  Darmstadt  bei  den  kindern  selbst  gebildeter  häuser  nicht 
hintanzuhalten,  eingeführt  durch  dienstboten  aus  den  genannten  gauen. 
So  zeigt  sich  denn  doch  am  Mittelrhein  eine  lücke,  aber  mehr  in  der 
ebene,  als  im  berglande;  sollte  das  von  jeher  so  sein?  oder  ist  die  form 
da  nur  ausgestorben?  Dafür  geht  sie  aber  hier  im  berglande  ziemlich 
weit  ins  binnenland  hinein,  bis  in  die  gegeud  von  Hersfeld,  wie  in 
Würzburg  bezeugt  wurde.  Man  sagt  in  Oberhessen  z.  b.  mach  der  kaf- 
fee,  hring  mir  der  scJdüssel;  aber  auch  das  nicht  ohne  ausnahmen,  denn 
es  heisst  z.  b.  sets  das  ufn  tisch  (wie  in  Thüringen  und  weiter  nach 
Osten),  aber  merkwürdig  wider  bei  betouung  des  artikels  uf  der  tisch. 
Man  sieht,  da  ist  noch  viel  zu  beobachten,  um  der  erscheinung  nach 
ihrer  Verbreitung,  ihren  regeln  und  ihrem  geschichtlichen  Ursprünge  auf 

1)  Genaueres  nun  bei  Birlinger,  die  alem.  spräche  rechts  des  Eheins  s.  153, 
„die  benachbarten  Schwaben  heissen  das  irrtümlich  judeusprachc." 

2)  Mir  steht  vor  der  band  nur  eine  spur  davon  zu  geböte.  In  der  pilgerfahrt 
des  Arnold  v.  Harif  vom  jähre  1496  (herausg.  von  Groote.  Köln  1860)  heisst  es 
s.  141 ,  34 :  vf  dem  Jwifjen  altaer  tzoynt  (zeigt)  man  sent  Thomas  apostel  rech- 
ter arm. 


EIN  RHEINISCHER  ACCÜSATIV  447 

den  gruud  zu  kommen.  Die  beobachtung  würde  aber  zugleich  der  volks- 
geschichte  des  westeus  selbst  zu  gute  kommen.  Besonders  auch  die  lücken, 
die  sich  wahrscheinlich  weiter  finden ,  könnten  wichtig  Averden ,  um  den 
wegen,  die  die  erscheinuug  nahm,  oder  andern  einflttssen  auf  die  spur 
zu  kommen.  Die  einheit  der  sache  im  ganzen  über  das  Rheinland  hin- 
unter wird  durch  die  lücken  schwerlich  gestört  werden.  Geht  doch  eine 
solche  neugeschaffene  einheit  auch  in  andern  lebensgebieten  durch  das 
Rheinland ,  wie  denn  bei  der  besprechung  in  Würzburg  prof.  Dahn  gele- 
genheit  nahm,  aus  dem  rechtsleben  anzuführen,  dass  sich  im  ehelichen 
güterrechte  eine  art  einheit  im  Rheüigebiete  herausgebildet  habe  von  oben 
bis  unten,  also  in  einem  ganz  wichtigen  stücke  des  häuslichen  und 
gemeiudelebens. 

Zu  dem  accusativischen  nominativ  gibt  es  aber  dort  auch  das 
gegenstück,  den  masculinen  accusativ  als  nominativ  gebraucht,  der  mit 
jenem  sich  kreuzt.  Wie  er  aus  dem  Flämischen  schon  oben  auftrat,  so 
hat  ihn  auch  die  Aachener  mundart;  bei  Müller  undWeitz,  Aach.  mund. 
271,  heisst  es  z.  b. :  (solche  dinge)  weess  ich  tvie  enen  Öcher  jong,  wie 
irgend  ein  Aachener  kind.  Und  die  Luxemburger,  denn  Ganglers  lexi- 
con  der  Luxemb.  Umgangssprache  s.  107  gibt  z.  b.  „dcsen,  dieser,  die- 
ser hier,"  und  s.  101  „dee\  vor  einem  vokal  und  vor  d,  h,  t,  z  deeti, 
derjenige,  der  wer,"  z.  b.  deoi  et  läng  holt,  dee'  lesst  et  läng  lienken, 
wer  lang  hat  lässt  lang  hängen.  Aber  auch  der  Mittelrhein,  denn  in 
Darmstadt  sagen  dieselben  kinder  und  dienstboten,  die  jenen  nominativ 
brauchen  (z.  b.  wo  ist  mein  stock?  leih  mir  einmal  deiner)  —  eben 
auch  z.  b.:  unsern  vater ,  unsern  herr  ist  ivider  gekommen,  oder:  den. 
mann,  wo  gestern  da  war,  ist  wider  da;  auch  aus  Oberhessen  wurde 
das  bezeugt.  Vielleicht  geht  das  aber  nicht  weiter  nach  oben,  denn  es 
schliesst  sich  geographisch  au  die  gleiche  erscheinung  auf  niederdeut- 
schem gebiete  an,  die  oben  erwähnt  wurde. 

Überaus  merkwürdig  ist  aber  die  gleichzeitigkeit  der  beiden  gegen- 
theiligen  erscheinungen  auf  nieder-  und  mittelrheiniscliem  boden.  Man 
sieht  daran  recht  das  tastende  suchen  des  Sprachgefühls  nach  befreiung 
aus  dem  unbequemen  formenreichtum ,  und  —  dass  das  Rheinland  der 
älteste  culturboden  Deutschlands  ist,  wo  die  allgemeine  bewegung  sich 
am  weitesten  vorgeschritten  zeigt.  Das  kann  wol  zugleich  eine  tröstende 
betrachtung  für  die  väter  und  lehrer  dort  sein,  die  täglich  ärger  darüber 
zu  verschlucken  haben.     Das  vereinsamte  masculinum^  will  durchaus  auch 

1)  Auch  beim  fem.  ist  übrigens  die  herstelluiig  der  einheit  mit  dem  nom.  ver- 
sucht worden ,  den  man  mit  als  acc.  benutzte ,  z.  b.  in  einem  bairischen  beichtspiegel 
aus  dem  13.  Jahrhundert:  da§  ich  oft  und  dikk  . .  hon  gesmekt  und  kort  gut  edeleu 
speis,  suses  edeles  trinken,  suseu  speis  \\.  s.  w.    Mono,  schausp.  des  mi.tt.  2,  113. 


■14S 


IIU.UEHUAND 


auf  iloii  fuss  treten,  auf  dem  seine  gescliwister ,  das  neutrum  und  fcini- 
uinuni,  schon  lauge  stellen.  Denn  auch  im  femininum  und  im  ganzen 
plural  ist  die  gesuchte  einheit  in  der  Volkssprache  längst  hergestellt, 
grundsätzlich  wenigstens,  wahrscheinlich  durch  ganz  Deutschland.  Der 
grundsatz,  der  da  durchzuführen  erstrebt  wird,  ist  der,  für  alle  casus 
mit  die  auszukommen ,  z.  b.  mit  die  leute  hmn  ich  nicht  aushommen, 
hei  die  hitse  Imuh  ieJis  nicJd  aushalten;  dergleichen  sagt  man  in  Sach- 
sen wie  in  Preussen  und  in  Baiern  und  glaub  ich  auch  in  der  Schweiz, 
obwol  auch  das  seine  Iticken  und  ausnahmen  hat;  man  braucht  z.  b.  in 
Leipzig  dies  die  fast  nur  im  falle  der  betonung,  sonst  lieisst  es  meist 
hein  leiden  und  dergl.  Ob  aber  der  letztere  fall  nicht  jenem  nachfol- 
gen wird? 

An  solchen  grammatischen,  kleinen  und  doch  besonders  wichtigen 
dingen  lässt  sich  übrigens  recht  sehen  und  empfinden,  was  das  hoch- 
deutsch ist  —  eine  kunstsprache ,  die  sich  dem  naturgesetzlichen  zug 
und  ström  des  lebens  entgegenstemmt,  schon  seit  Jahrhunderten.  Ganz 
so  stemmte  sich  einst  das  lateiu  den  volksmuudarten  entgegen,  vergeb- 
lich, wie  man  weiss.  Unser  hochdeutsch  wird  geschichtlich  jetzt  etwa 
auf  dem  punkte  stehen,  wo  das  latein  im  dritten  Jahrhundert  n.  Chr. 
stand.  Aber  es  wird  sich  nie  so  vom  boden  weg  in  die  luft  drängen 
lassen  zu  einer  blossen  stuben  -  und  büchersprache ,  wie  es  dem  latein 
geschah :  die  lebensbedingungen  der  neuzeit  sind  ganz  andere  als  die  des 
altertums  waren. 

LEIPZIG,  OCTOBER    1868.  R.   HU.DEBRAND. 


DIE  BEDEUTUNG  DER  KRYPTA. 

Was  bei  den  kirchenbauteu  des  mittelalters  die  krypta ,  diese  kirche 
in  und  unter  der  kirche,  für  sinn  und  zweck  gehabt  habe,  ist,  so  viel 
ich  weiss,  noch  nicht  völlig  glaubhaft  ermittelt.  Wenn  zuerst,  in  der 
altchristlichen  zeit,  ein  unterirdischer  räum  mit  christengräbern ,  beson- 
ders mit  märtyrergräbern ,  wie  in  den  katakomben  zu  Rom,  so  hiess, 
dann  auch  ein  solches  märtyrergrab  unter  dem  altar  einer  darüber  errich- 
teten kirche,  so  ist  doch  nicht  klar,  warum  man  die  krypta  z.  b.  in 
Deutschland  fortführte  und  besonders  in  der  romanischen  stilperiode  zu 
einer  ganzen  kirche  erweiterte.  Angegeben  werden  zwar  mehrerlei 
zwecke ,  es  ist  aber  keiner  darunter ,  der  volle  Überzeugung  zu  erwecken 
vermöchte;  das  habe  ich  kürzlich  von  einem  manne  vom  fache  selbst 
ge Wissermassen  amtlich  aussprechen  hören.    Eben  das  gibt  mir  den  mut, 


DIE    BEDEUTUNG   DER    KR^TTA  449 

mit  privatgedankcn  darüber  lierauszurückeu ,  die  mir  niclit  aus  fachstu- 
dien,  zu  denen  icli  nicht  die  zeit  habe,  sondern  bei  der  philologischen 
beschäftigung  mit  dem  leben  unsrer  vorfahren  beiläufig  gekommen-  sind. 
Ich  will  sie  gleich  auch  so  vorführen,  wie  sie  mir  eben  gekommen  sind, 
dass  sie  sicli  selbst  rechtfertigen. 

Als  ich  mit  der  bearbeitung  des  zweiten  hunderts  von  Soltaus 
historischen  Volksliedern  zu  thun  hatte,  fiel  mir  in  einem  kirchlichen 
streitliede  aus  Solothurn  vom  jähre  1533  auf,  dass  sich  die  katholischen 
aus  der  pfarre  des  heiligen  Ursus  als  dessen  kinder  bezeichnen: 

sie  sprachend:    wir  sind  saut  Ursen  kmd, 

die  von  den  Lutcrischen  verraten  sind, 

sin  kilcli  wend  {wollen)  wir  behalten  {behaupten).     Soltau  2,   147. 

Die  reformierten  wollten  nämlich  die  kirche  für  sich  Iiaben  und  refor- 
mieren; dagegen  sträubt  sich  das  gefühl,  so  zu  sagen  das  pfarrgefühl  der 
altgläubigen ,  und  das  sucht  seinen  ausdruck  eben  in  dem  ivir  sind  (und 
bleiben)  S.  Ursen  hinder !  Also  der  pfarrheilige  war  der  herr  und  vater 
seiner  „pfarrkinder,"  ganz  wie  im  ausserkirchlichen  leben  ein  kleiner 
landherr  z.  b.  seine  Untertanen  als  kinder  anredete  (Grimms  Wb.  5,  721), 
sie  ihn  als  herr  und  vater  ansahen;  denn  vater  und  herr  war  unserer 
Vorzeit  ein  begriff",  der  söhn  nannte  seinen  vater  auch  seinen  herren 
(Gudrun  611,  3),  redete  ilm  herre  rater  an  (Helmbrecht  1192).  Jenes 
kirchliche  Verhältnis  muss  mit  diesem  weltlichen  in  den  gedanken  der 
gläubigen  vnrklich  so  zusammengeflossen  sein,  denn  z.  b.  die  „himmels- 
königin"  Maria  wird  im  1 7.  Jahrhundert  und  noch  jetzt  in  einem  geist- 
lichen volksliede  aus  Franken  ausdrücklich  zugleich  als  hcrzogin  su 
Franken  gegrüsst,  mit  ausdrücken  wie  von  einem  weltlichen  herscher: 

0  himmlische  frau  königin, 

durcli  alle  weit  ein  herscherin! 

du  {zugleich)  hcrzogin  zu  Franken  bist, 

das  herzogthum  dein  eigen  ist  u.  s.  w. 

Ditfurth  ,  fränk.  Volkslieder  1 ,  47. 

Besonders  die  letzten  worte  machen  deutlich  genug,  dass  hier  von  mehr 
als  einem  sogenannten  poetischen  bilde  die  rede  ist,  an  das  wir  bei 
unserer  art  der  erziehung  und  ausbildung  zu  denken  angemesen  sind; 
dass  hier  nicht  die  hübsche  erfindung  eines  einzelnen  dichters  (d.  h.  stu- 
bendichters)  vorliegt,  hinter  der  kein  ernst  ist,  sondern  die  äusserung 
einer  tief  und  weit  greifenden  massenüberzeugung ,  ein  stück  Wirklichkeit. 
Die  Vorstellung  des  pfarrverhältnisses  als  einer  kindschaft  dem  heiligen 
gegenüber   gilt   übrigens  noch    in   katholischen   landen;    im   märz   dieses 


4r)0  IIILDEBRANl') 

Jahres,  als  in  Orleans  die  Verpflichtung  der  jungen  leute  zur  neugegrün- 
deten (lardr  n/ohilc  nach  pfarreien  statt  hatte,  unter  grossem  widerstre- 
])en  der  hetroftenon,  da  zogen  die  aus  der  pfarrei  S.  Nicolas  mit  einem 
trutzliede  durch  die  Strassen,  in  dem  es  u.  a.  hiess: 

I.a  garde  mobile  n'aura  pas 
les  onfauts  de  Saint  Nicolas! 

So  hatte  denn  der  heilige  eine  art  lebendiges  gemütliches  Verhält- 
nis zu  seinen  pfarrkindern  wie  zur  ganzen  pfarre.  Den  gläubigen  Avar 
er  aber  auch  selber  wirksam  gegenwärtig,  ja  das  erhöhte  gefühl  empfand 
ihn  gewiss  wie  lebendig  gegenwärtig,  vertreten  durch  seine  gebeine  oder 
doch  etwas  von  ihnen.  Dort,  unter  dem  hochaltar,  lag  ja  sein  leib, 
seine  seele  aber  stie^'  für  die  gläubigen  vom  himmel  nieder  und  erfüllte 
gleichsam  den  heiligen  räum.  Wer  die  kirche  betrat,  kam  zu  ihm  wie 
zu  gaste,  und  auch  der  verfolgte  Verbrecher  trat  da  aus  dem  rechts - 
und  gewaltkreis  des  weltlichen  gerichts  in  die  gewalt  des  heiligen  über.^ 

Das  ungefähr  war  mir  in  folge  jener  liedstelle  deutlich  geworden, 
als  ich  bei  Ebernand  von  Erfurt  auf  ein  wort  stiess  ,  das  mich  von  einer 
neuen  seite  daran  erinnerte.  Er  erzählt  von  einem  dom  und  will  seinen 
heiligen  namhaft  macheu: 

der  furste  iu  himelriche, 

der  ist  wirt  über  den  tuom 

(e^  ist  ein  erzebistuom)  — 

seute  Micliahele, 

der  meister  ist  der  sele, 

dem  ist  die  selbe  kluft  (eine  höhlenkirche)  gewiet. 

Heinrich  und  Kunigunde  2763. 

Das  wirt  über  ...  stellt  den  erzengel  als  herrn  und  eigner  des  doms 
dar,  der  wol  darin  wie  zu  hause  ist,  aber  doch  für  gewönlich  eine  noch 
höhere  andere  wohnung  hat;  es  ist  wie  mit  einem  weltlichen  fürsten 
und  einer  einzelnen  seiner  vielen  bürgen.  Aber  ein  kleinerer  unter  den 
heiligen  wohnt  geradezu  in  seiner  kirche,  nur  das  kann  in  dem  Imsivirt 
ebenda  v.  1127  liegen;  es  heisst  von  der  heiligen  Kunigunde,  sie 

1)  Welche  kluft  scheidet  diese  gedanken  unserer  vorfahren  von  unseren ,  wenn 
wir  z.  b.  von  Thoniaslcirche ,  Tliomaskirchhof,  Nicolaikirche,  Nicolaischule  u.  s.  w. 
reden!  oder  wenn  jetzt  noch  für  eine  neue  protestantische  kirche  der  nanie  eines 
heiligen  ausgewählt  wird.  Wenn  freilich  Viluiar  in  seinem  Idiot,  von  Kurhessen 
s.  219  einen  artikel  beginnt:  Kör  ein,  einer  von  den  heiligen,  welche  vorzugsweise 
ihre  namen  zu  fluchen  und  schwüren  musten  misbrauchen  lassen ,  Sanct  Quirinus  — 
so  waren  ihm  die  heiligen  offenbar  wider  lebendig  vorhanden;  es  gieng  ihm  eben 
mit  ihnen  wie  Schillern  mit  den  eöttern  Griechenlands. 


DIE  BEDEUTUNG  DER  KRYPTA  451 

büte  ein  muuster  wol  getan, 
dar  wart  sente  Stephan 
hüswirt  der  niertelere. 

Also  die  Mrclie  ist  dem  heiligen ,  was  z.  b.  einem  grafen  seine  bürg ,  sein 
1ms,  dessen  wirt  er  ist  (vgl.  noch  jetzt  gottesJiaus) ,  die  pfarrei  aber  ent- 
spricht dem  hörigen  burggebiete  mit  seinen  Insassen.  Wo  aber  in  der 
Mrche  wohnte  der  heilige?  Die  kirche  gehörte  ja  zugleich  der  gläu- 
bigen menge  und  den  priestern  an,  ungefähr  wie  eine  herrenburg  zu- 
gleich den  mannen  und  Untertanen  des  herrn  dienen  muste. 

Als  ich  nun  die  erwähnte  äusserung  von  der  Unsicherheit  über  die 
krypta  hörte,  mit  einer  Schilderung  der  Naumburger  krypta,  und  mir 
aus  allem  der  eindruck  kam,  dass  die  krypta  gleichsam  das  allerheiligste 
in  der  kirche  sein  müsse,  da  wüste  ich  auf  einmal,  wo  der  heilige  seine 
Wohnung  hatte :  eben  in  der  krypta.  Sie  war  dem  hüsivirtc  der  kirche, 
was  einem  herreu  in  seiner  bürg  seine  besondern  gemacher,  seine  Jcamere, 
wie  das  hiess  (vgl.  hinimcr  in  Grimms  Wb.  5,  112),^  wozu  nicht  jeder 
aus  der  menge  zutritt  hatte,  nur  die  vertrauten  und  nächsten  diener, 
d.  i.  dort  die  priester.  Sie  war  in  der  kirche,  als  der  innerste  und 
wichtigste  räum  derselben  (ganz  wie  die  Jcamere  auf  bürgen),  und  doch 
zugleich  halb  getrennt  davon  für  sich;  aber  wider  in  der  vollen  form 
einer  kirche,  weil  sie  wol  ursprünglich  eben  der  Verehrung  des  heiligen 
diente;  zugleich  aber  in  der  form  einer  gruft,  weil  ja  der  heilige  nun  im 
grabe  lag.  Denn  da  unten  ruhte  der  heilige  oder  was  von  ihm  übrig 
war,  in  leiblicher  anwesenheit.  Der  altar  der  krypta  war  wol  ursprüng- 
lich zugleich  das  grabmal  des  heiligen.  So  in  Kom  zu  St.  Peter,  wie 
z.  b.  Hermann  von  Fritzlar  im  14.  Jahrhundert  erwähnt:  sente  Pefers 
geheine  und  sente  Paulus  ligen  undcr  dem  Itohcn  alter  sente  Peters  (der 
kirche  selbst)  in  der  Mtift,^  vermuret  under  denie  altäre  (d,  h.  der 
krypta),  und  da  tar  mman  messe  singen  ivan  der  hähist  aJleine.  Myst.  1, 
123.  Der  altarplatz  der  krypta  ist  nämlich  meistens  genau  unter  dem 
hochaltar  der  kirche,  sodass  letzterer  wie  der  Vertreter  von  jenem  für 
die  menge  erscheint,  wie  ihr  wol  die  kirche  selbst  den  heiligsten  räum, 
die  krypta  vertrat.  In  kirchen  ohne  krypta  sind  die  reliquien  des  heili- 
gen ,  so  viel  ich  weiss ,  oft  wenigstens  in  oder  unter  dem  hochaltar  der 
kirche  selbst  niedergelegt.  Baute  man  etwa  krypten  nur  da,  wo  gleich 
zu  anfang  von  dem  erwählten  heiligen  aucli  die  gebeine  zur  hand  waren? 
oder  wo  man   doch    sie   zu   erwerben   hoffte?     So   würde  sich  erklären, 

1)  Ein  vocab.  des  15.  jahrliuiulerts  erklärt  cripta  als  ein  camer  under  der  erde, 
und  is  in  den  Icerken.     Dieienbach  nov.  gloss.  120"^. 

2)  khift  eine  U7iiforniuiio-  von  crypta  (vfic  firuft  ancli) ,  s.  Orininis  wb.  5,  1265. 


452  K()TILKR 

warum  iliese  gruftkirche  nicht  gcrado  ein  notwendiges  stück  eines  kir- 
i'lionbaues  war.  Hokannt  ist  übrigens,  welche  mühen  und  kosten  man 
aufwante,  sell)st  list  nicht  scheuend,  um  für  eine  kirchc  die  gebeine  ihres 
heiligen,  oder,  wo  das  nicht  möglich  war,  doch  etwas  von  ihm  herbei- 
zuschatten.  Denn  dies  erst  verbürgte  den  gläubigen  die  anwesenheit  des 
gewühlten  scliutzheiligeu  in  der  kirche  und  pfarre,  und  auf  diese  anwe- 
senheit kam  alles  an.  Daher  erklärt  sich  wol  auch  mit  die  häufige  dop- 
pelheit,  ja  mehrheit  derselben  reliquien  an  mehreren  orten.  Der  ursprüng- 
liche gedanke  von  der  notwendigkeit  der  reliquien  muste  ja  ins  gedränge 
kommen  durch  das  weit  grössere  bedürfnis  darnach,  er  muste  also  not- 
wendig so  zu  sagen  abwege  einschlagen.  Aber  noch  jetzt  gilt  in  katho- 
lischen landen  der  grundsatz ,  dass  für  gründuug  einer  kirche  wenigstens 
irgend  eine  reliquie  überhaupt,  im  hochaltar  niedergelegt,  unumgänglich 
nötig  ist;  so  wurde  mir  wenigstens  im  Bregenzerwalde  von  bauern  ver- 
sichert bei  gelegenheit  der  einweihung  einer  kirche.  Auch  das  ist  nur 
begreiflich  als  das  letzte  endchen  gleichsam  von  dem  oben  entwickelten 
gedankengange. 

LEIPZIG.  ß.   HILDEBRAND. 


CORNELIUS. 

EINE  ERGÄNZUNG  ZUM  DEUTSCHEN   WÖRTERBUCHE. 
An  Rudolf  Hildebrand  in  Leipzig. 

Du  fragst,  lieber  freund,  im  neuesten  K-heft  des  deutschen  Wör- 
terbuchs im  artikel  korneile:  „Hängt  damit  zusammen  die  merkwürdige 
angäbe  bei  Rädlein  179":  Cornelius  im  köpf,  rappelköpfisch ,  martel 
en  tete?"  Es  ist  Dir  also  ein  eigentümlicher  gebrauch  des  wortes  Cor- 
nelius entgangen,  welcher  im  letzten  viertel  des  16.  Jahrhunderts,  wie 
es  scheint,  aufgekommen,  durch  das  ganze  17.  Jahrhundert  hindurchgeht 
und,  wie  deine  auführung  aus  Rädleins  wörterbuche  lehrt,  bis  ins  18. 
Jahrhundert  reicht.  Wenn  Dir  dieser  gebrauch  entgangen  ist,  so  wird 
er  gewis  auch  sehr  vielen  andern  fachgenosseu  unbekannt  sein.  Es  sei 
mir  daher  verstattet,  Dir  hier  öffentlich  mitzuteilen,  was  ich  darüber  — 
zum  grösten  teil  schon  seit  jähren  —  gelegentlich  gesammelt  habe. 

Es  gibt  zwei  lateinische  komische  disputationen ,  welche  eigens  de 
Cornelio  handeln.  Die  älteste  mir  bekannte  datierte  ausgäbe  dereinen 
disputatio  befindet  sich  in  den  F  a  c  e  t  i  se  F  a  c  e  t  i  a r u  m ,  o.  o. ,  1627, 
4",^  mit  folgendem  titel: 

1)  Künigl:  l)ibliothek  zu  Berlin. 


CORNELIUS  453 

Disputatio  de  Cornclio  Et  Ejiisdem  Natura  ac  Pro- 
prietate.  Cujus  Positiones  Sub  Priesidio  Anipliss.  Famosiss.  Clariss. 
Spectatiss.  et  celeberrimi  Yiri,  Du,  Vespasiaui  Caridemi  omnium  faculta- 
timi  Doct.  In  illustri  Gaudecapeusium  Academia  i)ublice  proponit  Zach^eus 
Pertiuax  Hierosolj'mitanus.  Habebitur  disputatio  in  coUegio  medio  ad 
fontom  Arethuste,  quoties  lubet, 

Vincere  enim  et  vinci  prfefracti  militis  Usus. 
IG    [Holzschnitt:  Vier  Disputierende.]   27. 
[Hinten  ein  Erhängter.] 
Gremerstadj   Apud   Chrysippum  Grillomaunum ,    sumptibus  Lippoldi   Olu-en- 
krätzers. 

In  der  späteren  ausgäbe  der  Facetise  Facetianim,  Pathopoli, 
1645,  12^,^  stellt  ebenfalls  die  disputation,  aber  mit  dem  kurzen 
titel:  Disputatio  de  Cornelio  et  ejusdem  Natura  ac  Pro- 
prietät e.  Sie  findet  sich  ferner  mit  dem  obigen  ausführlichen  titel  in 
den  Nugse  venales,  o.  o.,  1642,  12«,  s.  200  —  222.2 

Aus  den  in  dieser  Disputatio  aufgestellten  41  theses  heben  wir  fol- 
gende hervor.  In  thesis  11  heisst  es:  putamus  Cornelium  esse  spirituni 
corporeum ,  ex  atra  bilis  copia  conflatum ,  qui  certis  exacerbatus  causis 
hominem  inquietat.  Nach  thesis  12  kömmt  Cornelius  her  a  grseco  v.oqho, 
id  est,  satio  seu  saturo,  et  vtjh/^g,  id  est,  immisericors  seu  crudelis, 
dicaturque  Cornelius  quasi  •ao(jhoi'  vijUiog,  id  est,  crudeliter  satians. 
Testatum  enim  experientia  fecit,  eos  qui  hac  peste  onerantur,  ita  inhu- 
maniter  excipi,  ut  per  unicum  modo  diem  laborantes  jam  tum  ceperit 
Cornelii  satietas.  Schon  vorher  (th.  10)  ist  die  ansieht  der  philosophi 
verworfen,  welche  glauben,  Cornelium  esse  nomen  inane  sine  re,  ortum 
ex  festivitate  quapiara :  cum  enim  in  comico  ludo  quidani  Cornelii  nomine 
Conscientife  personam  sustinuisset ,  isque  ex  scenis  prodiens  semper  la?tum 
inveutum,  subinde  digrediens  tristem  ac  moerore  plenum  reliquisset, 
abiisse  has  affectuum  vices  in  proverbium ,  ut  quoties  quis  solito  moestior 
esset,  diceretur  Cornelium  habere. 

Th.  14.  Pro  varietate  autem  temporum  et  locorum,  persoiuirum, 
item  circumstantiarum  aliam  atque  aliam  matrem  agnoscit  Cornelius.    In 

1)  Grossh.  bibliothuk  zu  Weimar. 

2)  Grossh.  bibliothek  zu  Weimar.  Die  k.  bibliothek  zu  Berlin  besitzt  luuii 
gefälliger  mitteilung  des  hemi  dr.  J.  Schrader  eine  ausgäbe  der  Nug;e  venales,  o  o., 
Anno  XXXTI,  12",  3  bogen,  welche  nur  die  fragen  der  Nugaj  venales  enthält.  In 
demselben  bände  aber  befinden  sich,  ohne  jähr,  aber  unzweifelhaft  aus  derselben  ofti- 
cin,  also  auch  wol  aus  demselben  jähr,  mit  besonderer  paginierung,  einige  derjeni- 
gen Schriften ,  die  in  den  späteren  ausgaben  mit  den  Nugai  venales  vereinigt  sind, 
darunter  mit  dem  ausführlichen  titel  die  Disputatio  de  (!ornelio. 

ZBITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIK.  '30 


4'A  KÖHLER 

his  eniin  est  ex  defectu  pöcunicT:  in  aliis  ex  amore:  in  aliis  ex  crapula: 
in  aliis  ex  verberibus:  in  aliis  ex  chartis  lusoriis:  in  aliis  ex  melanclio- 
lici  liumoris  ebullitione  etc. 

Tli.  15.  Sic  nonnullos  Cornelius  invadit  tempore  matutino,  cum 
surgendum  est,  quo  tempore  etiam  meditationes  suscipi  consueverunt  de 
soloecismo  pridie  per  vinura  commisso:  quosdam  vespertino  tempore,  cum 
caupo  se  diutius  potum  daturum  renuit:  alios  post  meridiem,  quando 
amica  in  horto  relicta  ad  urbem  redeundum:  alios  media  nocte,  cum  ad 
caveam ,  seu  ut  Eomani  loquuntur  ad  carcerem  migrandum. 

Th.  16.  Pari  ratione  quidam  in  conclavi  suo  Cornelium  sentiunt, 
dum  labores ,  libros ,  prasceptores ,  et  id  genus  aliud  nugarum  iuveniunt, 
nullos  autem  compotores  aut  confabulantes ;  quidam  in  templo ,  dum  con- 
eio  nimium  protrahitur;  quidam 

Nach  th.  17  ist  auch  gekränkte  eitelkeit,  nach  th.  18  eine  böse 
trau  (fumus  in  domo) ,  desgl.  ein  in  uichtstun  und  liederlichkeit  verbrach- 
tes akademisches  leben,  nach  th.  19  geiz  Ursache  des  Cornelius. 

In  den  folgenden  thesen  wird  über  die  materia,  die  forma, ^  den 
finis,  das  objectum,  die  effectus,  die  remedia  des  Cornelius  und  dann 
noch  über  einige  dubia  gehandelt,  denen  sich  noch  15  CoroUaria  an- 
schliesseu. 

Die  zweite  thesensamlung  de  Cornelio  oder  vielmehr,  wie  der 
Verfasser  einer  gemachten  etymologie  zu  liebe  schreibt:  de  Curnelio, 
liegt  mir  in  dem  exemplar  der  k.  bibliothek  in  Berlin  vor,  nachdem  mich 
herr  dr.  J.  Schrader  auf  sie  aufmerksam  gemacht  hat.  Sie  ist  undatiert, 
aber  mit  einer  ausgäbe  der  Theses  de  Cochleatione  vom  jähre  1593  zu- 
sammengeheftet und  kann  wol  derselben  zeit  angehören.  Der  titel  lau- 
tet vollständig:  Theses  de  Curnelio  bestia  crudeli  et  noxia. 
f3ub  Divi  Harpocratis  Prasidio.  A  Secundo  Philosopho  Silentij  candi- 
dato  ad  disceptandum  propositse  in  celeberrima  Pythagoreorum  Acroasi. 
Disputabuntur  ad  calend.  Grsec.  •;  A  $  ^  Typis  Cornelij  Taciti  Typo- 
graphi  Pythagorsei.     4". 

Das  schriftchen  wird  mit  einer  widmung  eröffnet,  deren  aufang 
also  lautet: 

1)  Bei  dieser  gelegeiiheit  (tli.  21)  heisst  es :  alii  versaiitur  qiiideni  cum  inor- 
talibiis  sed  taciturni,  cernui,  morosi ,  quibus  dici  solet.  eos  calendaria  compo- 
nere,  aut  speculari  in  divinis,  aut  claves  quserere,  aut  Cornelium  habere,  quo- 
rum  postremum  prioribus  tribus  verius  nos  existimamus.  Weiter  unten  (CoroUaria  2): 
falsum  est  quod  vulgus  dieitur,  nos  habere  Cornelium.  Nos  enim  Cornelium 
non  habemus,  sed  Cornelius  nos  habet.  Mehrfach  werden  die  mit  dem  Cornelius 
behafteten  in  der  disputatio  Corneliosi  genannt. 


CORNELIUS  455 

Revorendo  Patri 

C.  Mutio  Trophouio  Silesio,  delecto  Abbati  atque  Proesuli  in 

coeuobio  Ordinis  Silentis,  Patrouo  suo  summe  colendo. 

S.  D. 

Crebro  hacteuus  agitatum  inter  bonannn  disciplinarum  studiosos 
de  Cnruelio  sermone  adagium  est,  paucis  tameu  medullitus ,  quo  ad  ori- 
giuem ,  cognitum :  Nonnulli  enim  de  Cornelio  illo  Tacito ,  uou  muto  certe, 
sed  rerum  scriptore  eloquentissimo ,  deductiim  censent.  At  quam  errent 
de  toto  scilicet  coelo  terrave,  logicum  illud  axioma  notatioui  proprium 
declarat  graphice:  Cui  videlicet  notatio  non  couveuit,  eidem  nee  uomeu 
convenire.  Verität!  igitur  cousulturus  liascce  tliemata  in  medium  pro- 
ferre  volui  sub  litterario  iucude  producenda  etc. 

Von  den  IG  thesen  hebe  ich  folgende  aus: 

I.  Curnelius,  de  quo  hie  quaästio  instituitur,  bestia  est  tristis  et 
squalida ,  macilenta  ac  paliida ,  mortalium  mentes  vel  casu  aliquo  immer- 
gente  sinistro,  vel  ex  defectu  pecunise,  ve'l  prava  actione  exagitans,  curis 
variis  discutiendo. 

IL  Dictus  putatur  a  nomine  cura,  coniunctione  ne  et  graco  verbo 
Ivoj,  quod  solvo  significat,  y.ciT  avriqQaaiv ,  hoc  est,  quis  curam  minime 
solvens,  sed  subinde  adaugens. 

XII.  Causa  efficieus ,  praeter  superius  (I)  enumeratas ,  est  vinum 
vel  cerevisia ,  vesperi  nonnihil  largius  pota ,  atque  ad  tales  actiones  impel- 
lens,  quaä  in  ipso  quidem  actu  arrident  atque  placent,  veruntamen  mane 
Curnelio  in  memoriam  nos  revocante  atque  exaggerante,  vehementer  dis- 
plicent,  unde  a  Germanis  Rewel  dicitur. 

XIII.  Materia  ex  qua  est  temeritas  et  incogitantia. 

XIV.  Materia  in  qua  est  mens  humana. 

XV.  Cognata  sunt  tristitia,  dolor,  ira,  poenitentia,  pudor. 

XVI.  Pugnant  cum  liac  teterrima  bestia  atque  ex  diametro  adver- 
sautur  gaudium,  la3titia. 

Es  folgen  nocli  di-ei  Qusestiones  und  zum  schluss  die  Kelegatio 
Cornelii,  worin  es  u.  a.  lieisst:  Eam  igitur  ol)  causam  te  Cornelium, 
Pessimum  quietis  et  gaudii  pertubatorem  matutinique  soninii  interrupto- 
rem  suavissimi,  qui  tot  nobis  molestias  et  dolores  revocatione  eorum  in 
mentem,  qua3  per  nocturnam  compotationem  gesta  fuere,  creas  atque 
infers,  in  perpetuum  relegamus. 

Ich  lasse  nun  einige  stellen  aus  lateinischen  Schriften  folgen, 
in  welchen  dei'  Cornelius  oder  iibleitungen  davon  gel(\geutlich  vor- 
kommen. 

30* 


450>  KÖHLER 

lu  den  T  lies  es  de  Hasione  et  liasibili  qualitate,  deren 
erster  theil  wenigstens  je<lentalls  nucli  dem  letzten  viertel  des  IG.  Jahr- 
hunderts angehört,^  lautet  die  22.  thesis  des  ersten  theils: 

Symptomata  harum  hasibilitatum  sunt  omnes  his  affines  qualitates, 
Cornelius,  Ciglio,  Eulenspigelius,  Paul  cave  tibi,  Papa  de  calvo 
nionte,^  Claus  stultus,^  oranis  ignoraatia,  superbia,  amor,  cochleatio, 
helluatio,  scurrilitas ,  impudentia,  beanitas  in  uno  plus,  in  altero  minus. 
Summa  totus  cursus  cum  avundine  longa.* 

In  der  30,  these  des  zweiten  theiles  werden  unter  mittein  gegen 
die  hasibilitas  augeführt:  vexatio,  tribulatio,  explosio,  Cornelizatio, 
Pamphy. 

In  der  Disputatio  de  Iure  et  Natura  Pennalium^  lesen 
wir  in  der  84.  these:  pacis  public»  turbatio,  cuius  po^na  est  Bannum, 
quod  parit  multos  et  miserabiles  Cornelios  in  cerebeUo. 

In  der  Disputatio  lus  potandi  breviter  adumbrans, 
Oenozythopoü  1626,  (in  den  Facetia?  Facetiarum,  1645,  s.  56  ff.)  heisst 
es  in  der  60.  conclusio  von  einem,  der  ein  gelage  bei  sich  gehalten  hat: 
surgens  et  musreum  intrans  videns  omnia  depopulata,  Cornelium 
suspirat  maximum,  introspiciens  crumenam  deprehendit  eam  vacuam. 
Und  weiter  unten:  Invento  ex  re  consilio  discutiuntur  frontis  ruga3  et 
dissimulatur,  quam  vis  adhuc  aliquid  segritudinis  inhaereat,    idque  propter 

Ij  Vgl.  meine  ainiierkung  zur  kirnst  über  alle  künste  s.  233  f.  Die  theses  — 
und  zwar  beide  theile  —  stehen  auch  in  den  Nuga'  renales,  1642,  s.  127  ff.  und  in 
den  Facetise  Facetiarum,  Pathopoli  1645,  s.  511  ff. 

2)  Pfaff  von  Kahlenberg.  Schon  bei  Murner  in  übertragener  sprichwörtlicher 
bedeutung.     S.  Gödeke  Grundriss  1 ,  116. 

3)  Claus  Narr.  S.  Gödeke  I,  421.  Zu  Ciglio  und  Paul  cave  tibi  weiss  ich 
nichts  erläuterndes  zu  bemerken. 

4)  ,,Mit  der  leimstange  laufen,"  im  16.  und  17.  Jahrhundert  gleichbedeutend 
mit  ,,ein  geck,  ein  phantast  sein."  Vgl.  z.  b.  herzog  Julius  Schauspiele  525,  651, 
673  (wie  leuft  der  kerl  so  sehr  mit  der  leimstangn  und  keutzchen  her),  675.  Auch 
neuere  niederdeutsche  Wörterbücher  (Strodtmann  Idioticon  osnabruc.  126,  bremisch - 
niedersächsisches  Wörterbuch  III,  73,  Dähnert  plattd.  Wörterbuch  278)  kennen  die 
redensart.  Vgl.  auch  Prutz,  L.  Holberg  s.  299,  anm.  44.  In  Wellers  Annalen  I,  350 
ist  eine  1594  zu  Erfurt  erschienene  schrift  „  Rennplatz  der  Haasen  mit  der  Leimstan- 
gen" verzeichnet.  B.  Armatus  (d.  i.  J.  Rist)  fingiert  in  seiner  „Rettung  der  edlen 
teutschen  Hauptsprache"  (E  VIU)  einen  herrn  Liebhold  von  Hasewitz,  herrn  zur 
Leimstangen,  H.  Reinhold  (d.  i.  G.  W.  Sacer)  in  seiner  schrift  „Reime  dich,*oder 
ich  fresse  dich,"  Northausen  1673,  s  78,  einen  Monsieur  Charlatan  Windsprecher, 
Herrn  zu  Leimstangen.  Auch  die  worte  leimstenger  und  leimstengler  kommen  im 
16.  und  17.  Jahrhundert  für  geck  und  narr  vor. 

5)  In  den  Nugie  venales,  1642,  s.  166  ff. ,  in  den  Facetiie  Facetiarum.  1645, 
s.  305  ff. 


coRNELirs  457 

aliorum    vexationes,    quae   solent   esse   certissimae ,    si   quempiam  videant 
C 0 rn e  1  i z  a n t e ni. 

In  Albevt  Wichgre vilis  im  jähre  1600  geschriebener  komödie 
„Cornelius  relegatus  sive  Comoedia  nova  festinssima  depingens 
vitam  pseudostudiosorum "  fragt  der  rector  in  der  5.  scene  des  2.  actes 
den  Cornelius,  der  sich  zur  immatriculation  meldet,  nach  seinem  namen, 
und  sagt,  als  er  hört,  dass  jener  Cornelius  heisst: 

—  illud  nomeii  liic  clarissimum 
a  conscientia  mala,  tu  roddito 
illud  felicius  ut  in  omen  exeat. 

J.  Sommer  liat  in  seiner  deutschen  Übersetzung  des  Cornelius  rele- 
gatus (Magdeburg  1605)  diese  stelle  so  übersetzt: 

Seht  das  ihr  euch  was  guts  befleist, 
der  namen  ist  zwar  wol  bckand 
hier  und  im  ganzen  deutschen  land, 
und  wird  gemeinlich  denen  gebn, 
die  im  bösen  gewissen  lebn. 
Seht,  halt  euch  also  früh  und  spat, 
das  ihr  es  nicht  seid  mit  der  that. 

Und  hiermit  gehen  wir  zu  den  übrigen  mir  bekannt  gewordenen 
stellen  aus  Schriften  in  deutscher  spräche  über.  Ich  beginne  mit  der 
ältesten,  halte  mich  aber  dann  nicht  weiter  an  die  Zeitfolge. 

Lieben    und   nicht    geliebt   werden    bringt    den    Cornelium    Corne- 

1  i  0  r  u  m. 

Sätze  von  der  leffelei  sampt  derselben  eigenscliaften  und  unterschiedlichen 
gattungen ,  davon  ...  zu  disputiren  gesinnet  ist  Süssemunda  Schön.- 
fleisch  von  Haneshause^i ,  o.  o.,  1593,  4^  [auch  abgedruckt  in  Scheib- 
les  Schaltjahr  IIl ,  039  ff.] ,  satz  XXXVI. 

Endlich    mus   man   auch   betrachten    die  prognostica,    zufclle  und  zeichen 

dieser    krankheit    [der  leffelei].,     Prognostica    seind    diese ,    als    

item,  mitesser  oder  nebenleffler,  wenn  einer  ein  schön  engclchen  zum 
bulen  hat,  den  Cornelium  halten,  wenn  einen  ein  finsterer  und 
schwartzer  kobbclt  zu  geweist  ist. 

Sätze  von  der  leffelei  XXXIX. 

Wie  kompts,  dass  du  so  betrübt  stehest?  Hastu  den  Cornelium? 
Ja,  freilich  hab  ich  den  Cornelium,  aber  dcinenthalben  dass  du  so 
frech  und  wild  bist. 

Englische  Comedien  und  Tragedien,  o.  o. ,  1624,   G  ?y ''. 


458 


Er   hai    heftig   den    Com  diu  in    und    beklaget   sich,    dass  er  nichts 
mehr  gcldt  hat. 

Englische  Comedien  J  vij  ''.  * 

Ich  habe  gar  einen  Corneliuiii,  nnd  zwar  gar  einen  grossen.     Wolt 
ihr  wissen,  wo  er  her  kompt,  hört  ein  wenig  zu. 

Englische  Comedien  Cc  if. 
So  soltu  wissen ,    dass  ich  dadurch   den   C  o  r  u  e  I  i  u  ni  b  e  k  o  m  m  e  n  habe 
und  derhalben  so  störrisch  für  mich  hin  gieng. 

Englische  Comedien  H  ij  '\ 
Meine    äugen   sahen  jetzt   rot    nnd  triefend  aus  wie  eines  achtzigjährigen 
weibes,  das  den  Cornclium  hat. 

Simplicissimus ^  hgg.  v.  Keller  I,  563,  v.  Kurz  /,  380. 
Als  er  nun  siht,  er  sei  betrogen, 
kömpt  Cornelius  eingezogen, 

ist  [nemlich:  er,  der  bctrogne]  der  bekiünmerniss  ganz  voll. 
Olorinus  Tragoedia  von  gescJuvinder  toeilerlist .,  in  Hollands  ausgäbe 
der  Schauspiele  des  Herzogs  Heinrich  Julius  s.  561. 
Diess  geschähe  nun  zum  öftern ,  bis  endlich  mein  beutel  ziemlich  abzuneh- 
men begunte,  und  Herr  Cornelius  sich  anfieng  bei  mir  einzu- 
finden. Wie  mir  aber  nie  kein  traurcn  das  herz  abgestosscu,  so 
war  es  auch  dazumals  mit  mir  bewand. 

Simplicissimus ,  hgg.  v.  Keller  II,  1032,  Kurz  II,  297. 
Fürwar  dieses  muss  einen  treflich  sanft  ankonnnen,   wann    mau  also  ohne 
arbeit  kan  reich  werden  und  zwar  so  plötzlich ;  aber  wenn  man  auch  biss- 
weilen  eine    gute  summe  geldes  verlieret,   ja    wol   gar   naMvend  zu  hause 
geht,  so  muss  denn  auch  Herr  Cornelius  redlich  furnieren. 

Rist  Das  friedeivünschende  Teutschland ,  hgg.  v.  SchJetterer .,  s.  53. 
Ein   solcher    [alter   mann],    mit    dieser    marterhafteu    seuche    [d.  i.   einer 
jungen  buhlerischen  frau]   behaftet,   wann    er    seines   zustandes    gedenken 
höret,   da   ist   dominus   Cornelius   geschäftig,    machet  in  seinem 
gehirn  wunderseltzame  possen. 

Herrlicher  Triumph-Wagen  s.  39  [„Herrl.  Tr.^^  ist  der  columnmtitel 
eines  im  besitz  der  grossh.  bibliothek  zu  Weimar  befindlichen  titellosen, 
mit  hupfern  gezierten  bikhleins  in  12^ ,  jedenfalls  aus  dem  1!7 .  Jahrhun- 
dert ,  loorin  die  hanreischaft  in  versen  und  prosa  behandelt  ist.] 
Es  niüstc  dann  gar  ein  sauer -topf  und  ungesaltzener  stocklisch  sein,  der 
ohne  unterlass  in  dem  C o r u e  1  i o  s t u d i r t e. 

Simplicissimiis ,  hgg.  v.  Keller  I,  202. 
Emplastrum  Cornelianum,   heilpflaster  auf  die  melancholische  wunden  und 
Cornelius  stich,  durch  Huldericuni  Theandrum ,  1605.  8",  augeführt  in 


CORNELIUS  459 

G.   Draudins  Bibliotheca    librorum    germaniconim    classica   p.  623.      Vgl. 
Gödeke  Grundriss  I,  431,  iir.  32. 

Drei  croditoren  kommen  zu  haiif 

und  seiner  kleidcr  ihn  spolirn, 

das  macht 4lni  ret'lit  Cornelisirn. 
J.   Sommer    im    deutschen   arcjimientiun    des     4.    actes    seines    deidschen. 
„Cornelius  relegaius.'''' 

Gelobet  sein  die  himlischen  unsterblichen  göttcr  all  in  gemein,  dass  mein 

Cornclisiren  ein  ende  und  mir  an  dessen  stat  freude 

Englische  Comedien  Hh  iiij. 

Cornelius  ist  nach  allem  mitgeteilten  also  gleichbedeutend  mit 
übler  laune,  unmut,  Verstimmung,  ganz  besonders  auch  so\äel  wie  reue, 
schäm,  gewissensbisse.  Er  schliesst  zugleich  alles  ein,  was  wir  heutzu- 
tage mit  katzenjammer  bezeichnen,  sowol  den  physischen  als  den  mora- 
lischen. 

Wie  aber  der  name  Cornelius  zu  dieser  bedeutung  gekommen 
ist,  darüber  wüste  ich  —  ausser  der  von  dem  Verfasser  der  theses  de 
Curnelio  abgewiesenen  herleitung  vom  Cornelius  Tacitus  —  keine  Ver- 
mutung aufzustellen. 

WEIMAE,   MÄRZ   1869.  REINHOLD   KÖHLER. 


EIN   SCHLECHTES   TÜCHLEIN    SEIN. 

Es  ist  ein  stehender  zug  unsrer  oberdeutschen  gesindeordnung,  dass 
sich  die  dienstboten  zu  ihrem  jahreslohn  und  dem  auf  Weihnachten  und 
Ostern  üblichen  trinkgelde  auch  ein  leinenhemde  und  ein  paar  schuhe 
einbedingen  dürfen.  Diese  dreingabe  trifft  zusammen  mit  dem  jährlich 
widerholten  geschenke  des  pathen  an  sein  pathenkiud;  mögen  nun  die 
gaben  modisch  noch  so  sehr  schwanken,  so  besteht  das  pathengeschenk 
bei  der  taufe  immerhin  noch  im  westerhemde  oder  im  taufmäntelchen 
fort,  und  schliesslich  bei  der  confirmation  im  communionshemde.  In 
Franken  nennt  die  volksrede  das  pathengeschenk  „  pathenhosen. "  Es 
sind  dies  die  letzten  Überreste  aus  der  von  dem  geld-  und  lohnsystem 
der  gegenwart  ganz  verschiedenen  cameralistischen  praxis  unserer  ahnen, 
deren  haushält  in  frieden  und  krieg,  in  kirche,  schule  und  familie  auf 
naturalbezüge  gegründet  war.  Wie  die  Avebende  hausfrau  des  Germanen 
ihre  dienstleute  zu  kleiden  hatte  und  im  mittelalter  der  fürst  den  Vasal- 
len bei  feierlichkeiten  hofkleider  austeilen  liess,   so  erstreckte  sich   der- 


460  ROCHHOLZ 

selbe  brauch  iiaclimals  auf  alle  dieiier  und  läte  eines  liofes  und  gab 
hier,  seitdem  die  färbe  des  kleides  dem  fürstlichen  wappen  gemäss  gewählt 
wurde,  den  ontstehungsgrund  7.u  den  hoflivreen  und  soldatenuniformen. 
Und  gleichwie  der  soldat  seine  montur  „fasst,"  so  drückt  auch  das 
französische  livree  die  gewöhnliche  ablieferung  aus.  Wissenschaftliche 
Corporation en  machten  hievon  keineswegs  eine  ausnähme.  Die  Wiener 
universitäts  -  Statuten  vom  jähre  138  t)  bestimmen  bei  erteilung  der  juri- 
dischen doctorwürde,  der  doctorand  habe  dem  präses  bei  der  disputation 
14  eilen  tuch,  die  eile  zu  2  gülden  zu  geben,  dem  pedell  6  eilen  ä 
1  gülden.  Kaumer,  gesch.  der  pädagogik  4,  28.  Unter  den  taxen  eines 
Juristen  aus  der  Ostschweiz  zu  anfang  des  14.  Jahrhunderts,  mitgeteilt 
von  P.  Morell  im  German.  anzeiger  1865,  nr.  12  sind  diese  hosen  bereits 
mitberechnet:  item  D.  Nicolaus  de  Ezjingen  1  par  caligarum.  Dieser 
Esslinger  Nikolaus  scheint  noch  dazu  eins  zu  sein  mit  dem  l)ekannten 
Nikolaus  von  Wile  von  Bremgarten  im  Aargau,  dem  Verfasser  der  Trans- 
lationen. Nachfolgende  mitteilungen ,  fast  durchweg  aus  oberdeutschen 
quellen  geschöpft,  liefern  den  nach  weis,  dass  in  dem  bürgerlichen  leben 
unsrer  vorzeit  das  linnen-  und  wollentuch  als  besoldungsquote  gedient 
hat,  dass  es  hierauf  die  üblichste  prämiengabe  wurde  bei  Wettrennen, 
Schützenfesten  und  schulprüfungeu ,  und  in  foim  einer  örtlichen  schul- 
stiftung  auch  jetzt  noch  fortbestehend,  das  sprichwörtliche  sittenprädicat 
erklären  hilft:  „ein  schlechtes  tüchlein  sein." 

Beginnen  wir  mit  den  von  der  obrigkeit  verabreichten  ehrenge- 
schenken,  um  von  ihnen  auf  die  festgaben  und  prämien  überzugehen. 
Vom  rat  der  stadt  Basel  wird  dem  dortigen  schultheissen  Cuntz  für 
seine  arbeiten  in  der  gesetzesredaction  „von  der  nüwen  gesatzt  wegen" 
1  pfund  5  Schilling  gegeben  für  ein  paar  hosen.  Basel  im  XIV.  Jahr- 
hundert, s.  99.  Wir  erfahren  hier  den  damaligen  preis  des  tuches;  Avie 
viel  eilen  aber  zu  einer  knapp  auf  die  lendeu  geschnittenen  kniehose 
gehörte,  dies  erhellt  aus  Satzung  10  der  wollenweberordnung  der  mark- 
grafschaft Baden  vom  jähre  1486,  abgedruckt  in  Mones  oberrheinischer 
zeitschr.  9 ,  149 :  „  YecjUch  rot  oder  grün  ende  (Tuches)  soll  heJialten 
(messen)  ^ivo  ein  minder  ein  fiertel  einer  ein  uf  den  scJieertisch ,  damit 
das  eim  yeglichen  gemeynen  mann  tiss  siveien  ein  ein  par  Jiossen  möge 
iverden."  Der  armbruster,  den  die  stadt  Kheinfeldeu  hielt  zur  ausbes- 
serung  der  waffen  der  armbrustschützen,  war  im  jähre  1430  meister 
Peter;  sein  gehalt  bestand  in  5  gülden,  freier  wolmung  und  von  zwei 
bis  drei  jähren  in  einem  neuen  rock.  Hans  von  Küdlingen,  ein  ähn- 
licher zeugmeister  der  stadt,  trat  in  dienst  des  markgrafen  Wilhelm 
von  Hochberg  um  jälirlich  20  fi.  nebst  einem  solchen  hofrock  „als  der 
graf  pflegt  den  andern  sinen  dieneren  und  knechten  zu  geben."'     C.  Schrö- 


EIN    SCHLECHTES    TÜCHLEIN    SEIN  461 

ter,  Die  scliützeugesellschaft  in  Rlieinfelden.  Als  1533  die  Aarauer 
Jünglinge  die  liistorie  der  Liicretia  vor  vielen  aus  den  nachbarstädten  her- 
beigekommenen gasten  s]nelten ,  schenkte  der  Stadtrat  demjenigen ,  der 
den  gaugelmanu  (platznarr)  gespielt ,  ein  paar  hosen.  Ölhafen ,  Aarau. 
Chronik.  Das  alte  ratsbuch  der  stadt  Brugg,  genannt  das  rote,  besagt 
bd.  2,  fol.  351  folgendes  wörtlich:  „1567  vff  Zinstag  3  Jtini  liat  Con- 
rat  Wyss  der  iveyhel  (ratsdiener)  MHHerren  gehätten,  jme  sinen  rock 
ze  nikveren,  dann  das  mg  sye  verschinen  (abgeschossen).  Und  so  uil 
den  roch  antrifft,  sind  3IHHn.  giitivillig  gesijn.  Als  er  aher  ein  paar 
Hossen  yets  dar  zu  hegert,  hand  sy  jm  yetzmal  oucli  nit  abgeschlagen, 
doch  derwil  solichs  hisshar  nit  im  hriich  gsyn,  ^vellend  sy  oiich  nit  daran 
gebunden  syn."  Jeder  vom  stifte  Muri  auf  eine  pfarre  neugesetzte  leut- 
priester  muss  jedem  der  drei  hofdiener  des  stiftes  ein  paar  hosen  geben, 
laut  artikel  vom  jähre  1572.  Aargau.  Beitr.  501.  Die  zehen  orte  (kan- 
tone),  als  obrigkeit  der  altgrafschaft  Thurgau  und  ihrer  drei  städte, 
verfügen  dass  laut  vertrag  von  1555  ihren  amtleuten  und  landgerichts- 
knechteu  je  zu  zwei  jähren  einem  jeden  tuch  zu  einem  rock  gebüre ;  item 
dem  nachrichter,  wenn  er  einen  menschen  zum  tode  richtet,  gehört  für 
strick  und  handschuhe  5  Schilling  und  ebenfalls  tuch  zu  einem  rocke. 
Handschriftliche  samlung  der  Aargauer  histor.  gesellsch.  bd.  37 ,  „Thur- 
geuw"  s.  117  und  119.  Von  der  jährlichen  neuwahl  der  obrigkeit  zu 
Luzern  berichtet  J.  Simmler  (regiment  der  eidgenossensch.  1722,  s.  511) 
folgenden  brauch.  An  beiden  sanct  Johannistagen,  wo  die  bürgerschaft 
ihre  schultheissen  samt  raten  wählte,  ernannte  ebenso  die  jüngere 
bürgerschaft  denjenigen  zu  ihrem  ammann,  der  im  laufenden  jähre  den 
lächerlichsten  streich  gemacht  hatte.  Ein  solcher  hat  weder  sitz  noch 
stimme  im  rate,  wird  aber  bei  obrigkeitlichen  festanlässen  und  mahl- 
zeiten  gleich  einem  ratsherrn  gehalten  und  ausgezeichnet.  Bei  seiner 
wähl  lässt  er  das  ammanns])rod  unter  das  volk  auswerfen  und  zehrpfen- 
nige  auf  die  zunftstuben  vertheilen;  dagegen  erhält  er  von  der  stadt 
einen  rock  und  von  jedem  im  laufenden  jähre  sich  verheiratenden  orts- 
bürger  ein  paar  hosen. 

Die  gewohnheit,  kleidungsstücke  zu  obrigkeitlichen  schützengaben 
zu  bestimmen,  ist  weit  älter  als  der  gebrauch  der  feuerwaffen.  Dies 
beweist  ein  Zürcher  ratsbeschluss ,  30.  juui  1673:  von  den  21  paar 
Hosen  und  28  Wammis ,  so  bisher  die  Bogenschützen  auf  dem 
Lindoijiof  verhurziveilet ,  sollen  den  Musketen-  und  Stückschützen  nun- 
mehr je  7  Hosen  und  8  Wammis  zugetheilt  sein,  „in  Ansehung  dass 
das  Schiessen  mit  Stucken  und  I)oj)pdmusketcn  zu  diesen  Zeiten  höchst 
notwendig."  Seit  1659  wurden  der  städtischen  scliützenzunft  daselbst 
jährlich    ausgeteilt    61   stück    tuch,   jedes    zu    einem    paar    hosen,    und 


462  ROCIIHOLZ 

52  stück  barclicnt,  jedes  fünf  eilen  lajig,  zu  einem  wamsel.  Die  Züricher 
seckelanitsrechnung  vom  j"3hrß  1795  verausgabte  12,608  pfund  an  die  bücli- 
sen-  und  armbrustscliützeu  auf  der  landscliaft  und  verzeichnet  noch  die 
600  stück  barchent  dazu,  die  das  seckelamt  jährlich  zur  Verteilung  bedurfte. 
Zürcher  neujahrsblatt  der  feuerwerker  1851,  38.  Auf  dem  Züricher 
freischiessen  von  1465  waren  folgende  preise  ausgeboten:  Ein  halbschwar- 
zes tuch  von  Arras,  drei  eilen  rot  lündisches  tuch  (von  Lund),  ein 
halb  schwarz  schürlitztuch ,  eine  eile  grün  welschtuch ,  drei  eilen  schwar- 
zer Herrentaler  (Brabant),  eine  eile  lündisches  weisstuch,  sechzehn  eilen 
weisser  scherter  (schettcr,  steifleiuwand).  Solothurner  Wochenblatt  1845, 
s.  144.  Die  Kheinfelduer  vorhin  erwähnte  Schützenordnung  lässt  um  die 
herrengabe  schiessen,  bestehend  in  barchent  und  schürlitztuch  zu  fünf 
eilen:  „Welichcr  den  harchet  einmol  gewinnt,  sol  jn  dasselbig  jor  nit 
mer  geivinnen."  Die  stahlbrust-  und  büchsenschützen  der  reichsstadt 
Esslingen,  deren  Zunftordnung  1537  erneuert  ist,  schiessen  „um  der  her- 
ren  barchent  und  ein  paar  hosen.'.'  Pfaflf,  gesch.  der  reichsst.  Esslingen, 
136.  Ein  paar  hosen  ist  der  preis  in  der  Schützenordnung  von  Würz- 
burg von  1470,  und  ebenso  zu  Elsass - Zabern  von  1479,  Mone,  ober- 
rhein.  zeitschr.  6,  189.  Die  thalleute  von  Engelberg  in  Unterwaiden 
lassen  1580  das  gesuch  an  die  tagsatzung  gelangen,  jedes  der  drei 
schirmorte  möchte  ihrer  schützenzunft  drei  paar  hosen  zu  verschiessen 
geben.  Eidgenössische  abschiede  bd.  lY,  abth.  2 ,  s.  1449.  Heute  noch 
tragen  in  den  Urkantonen  die  für  Schützenfeste  bestimmten  geldgaben 
ihren  von  diesem  preistuche  herstammenden  namen.  Da  der  beste  schuss 
mit  ein  paar  hosen ,  der  zweitbeste  mit  einem  wams  belohnt  wurde ,  so 
heisst  der  erste  preisschütze  in  üri  der  hosenmann ,  der  zAveite  der  wam- 
mismann.  Noch  1854  setzte  der  landrat  des  kantons  Uri  fest,  dass 
die  hosengelder  an  die  schiessstände  der  gemeinden  nicht  mehr  wie 
bisher  von  dem  betreffenden  bezirke,  sondern  vom  kanten  zu  bezahlen 
seien.  Und  im  kanten  Zug ,  wo  die  landesregierung  statt  des  hosentuches 
nachmals  schützeuwein  austeilen  Hess,  entstand  der  eigentümliche  name 
hosenwein.  Im  Berner  Oberlande  galt  ebenso  der  name  schürlitzgeld. 
Dorten  hatte  die  regierung  seit  1616  das  geschenk  an  schürlitztuch  in 
geld  verwandelt,  wobei  die  hose  imi  2^2  krönen,  das  stück  schürlitz- 
tuch um  2  krönen  14  batzen  veranschlagt  wurde.  Eodt,  Berner  kriegs- 
wesen  (1833)  2,  95.  Trafen  benachbarte  landschaften  auf  den  anbe- 
raumten tag  zusammen  zu  kämpf-  und  Avettspielen ,  zum  ringen  und 
steinstosen,  wobei  dann  auch  die  weiber  und  knaben  thätigen  anteil 
nahmen,  so  versteht  es  sich  von  selbst,  dass  nur  uaturalprämieu  zur 
Verteilung  kamen:  käse,  liunen,  schafe.  Vom  schwinget,  das  die  Ober- 
länder bezirke   des  Frutigen-   und  Haslithales  im   sechzehnten  jahrhun- 


EIN   SCHLECHTES    TÜCHLEIN   SEIN  463 

derte  feierten,  sagt  das  gleichzeitige  Volkslied  in  meiner  eidgenössischen 
liederchronik  (Bern  1835,  s.  410): 

Nun  weud  ihr  aber  losen, 
Was  sie  ausgeben  band? 
Vier  paar  leinige  hosen 
Gab  das  Fruttigerland. 

Dies  führt  uns  auf  den  ausdruck ,  ums  tuch  laufen ,  wie  noch  ein  fang- 
spiel  bei  unsrer  kinderweit  genannt  ist.  Der  österreichische  dichter  Sei- 
fried Helbling  (in  Haupts  zeitschr.  4 ,  84)  redet  III ,  vers  35  gieichnis- 
weise  vom  wettläufer  und  berechtigt  damit  den  schluss,  dass  das  Wett- 
rennen nach  einem  preis  -  Scharlach  nicht  erst,  wie  man  sonst  angenom- 
men, unter  Albrecht  III.  1382,  sondern  schon  neunzig  jähre  früher  unter 
Albrecht  1:  in  Oesterreich  üblich  gewesen  ist.  Damit  aber  hört  es  zugleich 
auf,  ein  aus  Italien  entlehntes  spiel  zu  sein ,  weil  hier  erst  papst  Paul  IL 
(Pietro  Barbo,  ein  Venezianer)  es  war,  der  das  friedensjahr  1468  damit 
begieng,  dass  er  den  Römern  zuerst  die  Corso  -  rennspiele  zum  besten 
gab  und  um  die  sogenannten  pallii  rennen  liess,  um  teppiche  und  Sei- 
denstoffe. An  jedem  der  acht  caruevalstage  liefen  damals  abwechselnd 
pferde,  esel,  büffel,  greise,  Jünglinge,  kinder,  zuletzt  die  Juden  Eoms. 
Letztere  musten  von  jener  zeit  an  alljährlich  den  wettlauf  zum  römi- 
schen carneval  allein  übernehmen.  Zwar  ist  dorten  jetzt  nur  noch  das 
Pferderennen  mode,  doch  auch  heute  noch  leisten  die  Juden  am  ersten 
fasnachtstage  auf  dem  capitol  die  huldigung,  indem  sie  die  pallien  für 
die  römischen  rennpferde  überreichen,  damit  erinnernd,  dass  an  ihrer 
stelle  nun  die  pferde  das  römische  volk  belustigen.  Die  stadt  Nördlin- 
gen  liess  sonst  während  der  jährlichen  messe  auf  der  dortigen  reichs- 
wiese  von  der  Rieser  -  bevölkerung  ein  Wettrennen  um  den  Scharlach 
abhalten,  wobei  sich  namentlich  die  weiber  beteiligten,  während  die  män- 
ner  turnierten.  Sebastian  Münster  in  seiner  cosmographey ,  Basel  1567, 
giebt  s.  846  eine  abbildung  davon ,  und  Ph.  Ulharts  chronika  von  Augs- 
burg, gedruckt  1538,  verzeichnet  zum  jähre  1442  darüber  folgendes: 
„Dcsselbigen  jars,  In  der  Mcss  zu  NörcUingen,  dieiveil  man  vnib  den 
Scharlach  randt,  da  hdt  sich  gerüst  Ansshehn  von  Eyhtrg  mit  sihen- 
hundert  pferdten,  nid  tvolten  alles  volcJc  aiiffhehcn  vnd  himvcg  füren, 
vnd  kam  auff  die  keysenvisen.  aber  das  rennen  tvas  schon  für  vnd  das 
volck  tvas  fast  vergangen"  Fischart  gedenkt  dieser  volkssitte  öfters,  so 
im  Gargantua  51:  „Noch  vil  minder  vergass  die  lieh  Grandgnrgel  die 
ordenliche  kirchiveihen ,  die  messfug,  die  jarmärkt;  da  lindiert  er,  kel- 
heriert  er,  dorfariert  er,  kegelt,  sprang  umb  die  hosen,  jagt  nnd>  den 
harchat"    Ebenso  sagt  er  im  bienenkorb  (ausgäbe  von  Eiselein  2,  cap.  18): 


464  ROfHHOLZ 

Nun  hin,  (1((ss  dir  chorscJiiiler  komiihcii  ini4  tapfer  um  den  hnrchent 
singen.  Verwante  stellen  aus  Baldes  deutschen  gedichten  sind  in  Schmel- 
lers  l)air.  Wörterbuch  angeführt.  Der  Zürcher  ('.  Murer  stellt  in  seinem 
poetischen  hilderwerlce  Emhlcuutta  (Zürich  16l'2)  im  IX.  hilde  drei  kna- 
i»en  dar,  die  zu  dritt  iliren  ahlauf  von  einer  am  hoden  liegenden  stange 
nehmen  gogen  das  ziel,  das  unter  fernen  bäumen  ein  drehljalkeu  ist, 
an  welchem  das  preistuch  herab  hängt.  Diese  sitte  ist  unsern  schäfern 
in  Franken  und  Schwaben  verblieben.  In  Markgröningen  wird  zu  Bar- 
tholomäi  der  schäferlauf,  in  Urach  am  Annentag  der  schäfersprung  abge- 
halten. Ledige  mädchen  und  bursche  laufen  barfuss  über  ein  Stoppel- 
feld, an  dessen  ende  der  preishammel  bekränzt  in  einer  zeine  steht,  in 
welche  die  ans  ziel  kommenden  läufer  hinein  springen  müssen.  Der 
Stadtpfleger  ist  dabei  zu  pferde  und  zieht,  sobald  der  lauf  beginnen 
soll,  ein  rotes  tuch  aus  der  tasche.  Meier,  SchAväbische  sagen  2, 
s.  437. 

Schliesslich  kommen  wir  zu  der  in  Basel  noch  üblichen  Verteilung 
des  Schülertuches.  In  dieser  stadt  sind  Stiftungen  zur  bekleidung  der 
armen  schon  vor  dem  grossen  erdbeben  nachweisbar,  das  hier  1356  am 
Lukastage  den  18.  Oktober  losbrach  und  kaum  hundert  häuser  unbeschä- 
digt Hess.  Der  rat  ordnete  sodann  eine  alljährlich  auf  diesen  tag  abzu- 
haltende prozession  an,  wobei  alle  angesehenen  bürger  in  grauen  rocken 
zu  erscheinen  hatten,  die  man  darauf  an  die  armen  verschenkte.  Sie 
hiessen  Lukasröcke  oder  das  Luxentuch.  Hieraus  entwickelte  sich  eine 
besondere  Stiftung,  aus  welcher  bis  jetzt  gegen  280  stadtarme  alljähr- 
lich auf  Lukastag  neugekleidet  werden.  Zur  zeit  der  kirchenreform 
gestattete  man  sich  einen  theil  der  Stiftung  zu  gunsten  der  schulen  zu 
verwenden  uud  so  wurde  mit  dem  17.  Jahrhundert  die  Verteilung  des 
luxentuches  an  arme  schüler  üblich.  Hiefür  besteht  nun  ein  eigner  fond, 
fiscus  vestiendorum ,  der  auf  12,000  francs  alter  Währung  angewachsen 
ist.  Aus  den  Zinsen  und  dem  almosen,  welches  noch  immer  am  gedächt- 
nistage eingesammelt  wird,  kleidet  man  die  dürftigen  des  gymnasiums, 
der  realschule  und  der  vier  elementarschulen.  Die  zahl  der  jährlich  hie- 
durch  gekleideten  soll  sich  bis  auf  tausend  belaufen.  Sind  die  in  den 
kirchen  eingesammelten  beigaben  hinreichend,  so  erhalten  die  kinder  ein 
ganzes,  sonst  nur  ein  halbes  kleid,  unfieissige  und  ungesittete  sind  aus- 
geschlossen. Bei  der  austeilung  haben  sie  in  ihren  älteren  kleidern  zu 
erscheinen.  Burkhardt,  der  kantou  Basel  1 ,  s.  7.  Der  Basler  gymna- 
sial- und  realschul -katalog  vom  jähre  1846  berichtet  s.  37:  „Leider 
konnte  das  tuch  nicht  allen  schülern,  welche  sich  gemeldet,  verabfolgt 
und  manchem  muste  es  auf  besseruug  zurückgelegt  werden.  Wegen  all 
zu  grossen    unfleisses   und    schlechten   betragens  konn\;e   es   21  schülern 


EIN    SCHLECHTES    TÜCHLEIN    SEIN  465 

gar  nicht  gegeben  werden/'  Hier  sind  also  die  misratenen  schüler,  die 
eigentlichen  liederlichen  tüchlein,  in  directeu  Zusammenhang  gebracht 
mit  dem  grauen  prämientuche. 

Wicherns  Rauhes  haus  zu  Bremen  soll  seinen  namen  von  einem 
angeblichen  erbauer  oder  besitzer  Rüge  ableiten  und  aus  Ruges  haus  in 
ein  rauhes  haus  entstellt  worden  sein.  War  der  Lukasrock  zu  Basel 
ursprünglich  jenes  graue  grobe  tuch,  nach  welchem  der  arme  fahrende 
im  mittelalter  der  bruder  Graurock  und  Graumann  hiess;  sind  die  kna- 
ben  des  Berner  Waisenhauses  auch  jetzt  noch  conform  grau  gekleidet; 
wie  ja  auch  die  sage  vom  schlichten  graurock,  worin  Odin  umherwan- 
dert ,  und  die  legende  von  unseres  herrn  unscheinbarem  gräwen  roc  berich- 
tet; so  lässt  sich  aus  dem  namen  des  rauhen  hauses  wol  ein  ähnlicher 
schluss  ziehen.  Das  Hamburger  Waisenhaus  kleidet  seine  kiuder  blau, 
weshalb  ein  fürst  von  der  Hamburger  mildthätigkeit  zu  sagen  pflegte: 
diese  kinder  sind  der  stadt  blaue  garde.  Antiquarius  des  Eibstromes 
1741,   751. 

AAEAU.  E.   L.    ROCHHOLZ. 


ZWEI   NIEDERLÄNDISCHE   LIEDER 

ADS     DEM     JAHRE     1593. 

Die  nachfolgenden  beiden  lieder  sind  einem  fliegenden  blatte  ent- 
nommen, welches  sich  im  hiesigen  archive  gefunden  hat.  Das  erste  ist 
ein  trinklied  voll  soldatenhumors ,  das  zweite  bericlitet  von  kriegerischen 
ereignissen  des  Jahres  1593. 

Graf  Wilhelm  von  Nassau ,  der  niederländische  Statthalter  in  Fries- 
land, machte  damals  einen  versuch  Groningerland  den  Spaniern  zu  ent- 
reissen.  Ohne  zweifei  von  Koevorden  her  drang  er  durch  das  Wester- 
woldingerland  vor,  dessen  hauptfestung  Wedde  sich  am  11.  August  ihm 
ergab.  Auch  Wiuschoten  im  Groninger  oldamte  und  sogar  Slochtern  im 
Duirswolde  fielen  bald  nachher  in  seine  band.  So  meldet  das  lied,  wel- 
ches die  bürger  von  Groningen  aufruft,  mönche  und  pfaflfen  zu  verjagen. 
AberVerdugo,  der  spanisclie  Statthalter,  behauptete  sich.  Erst  im  som- 
mer  des  nächsten  jahres  1594  gelang  es  dem  grafen  Moriz  von  Nassau, 
dem  ruhmreichen  vetter  des  grafen  Wilhelm,  die  stadt  Groningen  zu 
erobern ,  und  aufs  neue  die  ganze  provinz  mit  den  freien  Niederlanden 
zu  vereinigen. 

An  der  orthograpliie  des  fliegenden  blattes  ist  liicn-  durcliaus  niclits 
geändert.     Ob  nicht  der  text  des  ersten  liedes  hin  und  wider  (z.  b.  heb- 


4G(.J 


LEVEKKUS 


hcn   (jchrcle  für  liouäen  van  gehreJcen)    einer   kleinen   correctur  bedürfe, 
überlasse  ich  anderen  zu  entscheiden. 

OLDENBURG,  IM  FEBRUAR  1868.  W.  LEVEUKUS. 


Eeu  uieu  clucliticli  fraey  Liedekeii  van 

Wy  syn  een  sober  Bciide, 
Wy  hebbcn  pant  iiocli  gelt, 
Wy  comou  vau  broocls  ende  ^ 
AI  üuer  Bysterveldt. 
Ous  Brieuen  buuden  van  gebreken, 
Om  dat  wy  bet  wercken  \\ie\\, 
Wy  vieren  die  gantse  weke. 
Wy  sullen  niet  bedyen, 
Dat  seggen  ons  de  Lien. 

Wy  syn  Jan  t  acbters  Rinderen, 
Wy  en  bebben  gbeen  tribuyt. 
Die  dus  baer  goetken  minderen, 
Die  willen  nae  siute  Reyn  uyt. 
Daer  isser  veele  vooren, 
Wy  sullen  volgben  naer. 
Gby  suiter  noch  nieer  affbooren, 
Leeft  gby  noch  seuen  Jaer, 
Dat  seggbe  ick  v  voorwaer. 

Lact  ons  met  blyden  Geeste 
Die  Pot  boudeu  by  der  bandt. 
Weerdiune  tapt  ons  teerste, 
En  scbi-jit  bet  an  de  wandt. 
AI  syn  wy  wat  verdoruen, 
Wy  en  sjti  noch  niet  verdwaeb, 
Waer  ons  goet  tboe  verstoruen, 


Cales  beiule,  Op  die  wjse  alst  begiut. 

So  wordt  gby  wel  betaelt. 
In  dien  dat  niet  eu  faelt. 

Wy  en  willen  noeb  niet  trueren, 
Op  dat  ons  faleu  sal. 
Daer  vallen  veel  auontueren. 
Wie  dat  betalen  sal. 
Wil  ons  die  weerdt  niet  borgben, 
So  weeten  wy  daer  toe  raet, 
Wy  drincken  dan  tot  morgben, 
AI  spreeckt  die  Vrouwe  quaet, 
Wy  naeyen  onsen  naet. 

Laet  die  weerdinne  sorgben, 
Die  ons  gbehuldicb  is. 
Men  sieter  niemandt  verworgben, 
Om  dat  by  sclmldicb  is. 
Haelt  ons  een  volle  Cruycke ! 
Wy  en  drincken  niet  eeu  baer, 
Wy  drincken  by  den  buycke 
Het  geldt  gbelyck  hier  naer 
Oft  ouer  hondert  Jaer. 

Laet  ons  al  int  gbemeyne 
Bidden  den  goeden  Sant, 
Dat  by  ons  a\11  verleenen 
Syn  Imlp  en  syn  bystandt. 


1)  Der  witz  reisender  gesellen  und  fuhrleute  hat  manchen  wh-tshäusern  au 
der  landstrasse  vor  alters  einen  eigennamen  geschöpft,  der  bis  heute  gebliehen  ist. 
Öfter  widerkehrende  nameu  dieser  art  sind  im  nördlichen  Deutschland  Kriipin  (Ivriech 
hinein),  Krupunder  (kriech  hinunter) ,  Stocerfc/er  (halte  noch  einmal) ,  Natlorst  (uach- 
durst)  und  andere.  Schon  im  jähre  1018  wird  im  Hildesheimischen  Brodesende  genannt, 
ein  noch  beute  unter  dem  namen  „Brodesender  krug'-  oder  „ Brosender  krug "  bekann- 
tes Wirtshaus  im  kirchspiel  Lamspringe;  s.  Förstemann,  namenbuch  n.  297  und 
1615.  Der  name  ladet  ein,  den  leeren  reisesack  wider  mit  brod  zu  füllen.  Anders 
freiUch  verwendet  ihn  unser  duchtich  liedeken,  etwa  so  als  ob  der  ort  geheissen 
hätte  —  mit  einem  sehr  o-ewöhnlichen  wirtshausnamen  —  Letztenheller. 


ZWEI   NIEDERLANDISCHE   LIEDER 


467 


Wy  waeren  naeckt  ghebortni, 
Wy  sehe}' den  naeckt  von  hier, 
Wy  en  waren  noyt  te  voren, 
AI  syn  wy  nu  by stier. 
Weerdinne  haelt  ons  een  bier! 

Wy  biddcn  ousen  beere 
AI  door  syn  gratie  soet, 
Dat  by  syn  Jonste  keere 
Op  sinte  Reyniiyts  bloet, 
En  dat  by  sie  verliebte 
Met  duysent  Nobeb_'n  roodt. 
Wandt  die  dit  Liedeken  dichte, 


Certeyn,  by  baddes  noodt. 
Van  gelde  so  was  by  bloodt. 

Prince :  ^ 
Gby  Princelycke  Geesten, 
Die  geerne  drinckt  en  poydt. 
Die  minsten  met  den  meesten 
AI  syt  gby  wel  beroyt. 
Wilt  altydt  triunipberen 
Op  sinte  Reynuyts  dach. 
Want  Calis  moet  fioreren 
Ende  blyuen  by  tgbelacb. 
So  lang  als  byt  vermach. 
FINIS. 


Een  nieu  Liedeken  vau  die  Beleg-heringe  ende  het  Innenien  van  dat  Huys  tho 

Wedde,  ende  Avat  meer  iu  (xi-oning-herlandt  is  g-hebeurt.    Op  die  wyse:  0  Heer 

wanneer  sal  eoomeii,  eenuen  Peys  ende  vreede  liiei*  na. 


Hoort  toe  ende  belpt  my  singen 
Mit  lusten  een  niew  Liedt, 
Van  t  gene  dat  kortelingen 
In  Groninger  landt  is  gheschiet, 
En  noch  daegelycx  voorwaer, 
Twelck  men  siet  voor  Oogen  ciaer, 
In  dit  dryentneghentichste  Jaer. 

Graeff  Willem  van  Nassouwe, 
Een  Crychshelt  wel  gbemoet, 
Mit  syn  Crycbslieden  gbotrouwe, 
Ruyters  en  Soldaten  vroedt, 
En  veel  Heeren  cloeck  int  verstandt, 
Is  ghecomen  seer  triuinpbant, 
Mit  gheweldt  in  Gronigerlandt. 

Seer  sterck  syn  sy  ghecomen 
Voor  wedde  al  in  dat  Veldt, 


Ende  hebben  sonder  schromen 
Haer  Gheschut  daer  voor  gbesteldt. 
Men  liet  haer  vraghen  metter  daet, 
Oft  sy  wenden  met  cort  beraet 
Haer  opgeuen  al  in  ghenaedt. 

„Maer  ist  dat  gby  wilt  streuen 
Met  wreueligen  moet, 
So  halt  sonder  sneuen 
V  costen  Lyff  ende  goet. 
Want  ons  Gesehnt  staet  ghelaen, 
Sehieten  w'y  cenen  scheut  daer  aen, 
Seer  qualycken  salt  v  ouerghaen." 

Tot  s  morgens  tc  negen  vren 
In  Augusti  den  elfften  dach 
So  badden  sy  baere  eueren, 
Oft  sy  wenden  met  verdrach 


1)  Der  hier  redend  eiiigelülirte  jn-iiiz  ist  offenbar  der  jirinz  (oder  graf)  Wilhelm 
von  Nassau  -  Oranien ,  derselbe  welcher  im  vorhergehenden  verse  onse  lieer  genannt 
wird.  Die  sänger  des  liedes  also,  mite  JRcymiyts  hloet ,  sind  seine  landsknechte. 
Der  letzte  vers  wurde  natürlich  mir  von  einem  einzelnen  gesungen  ,  in  dramatischer 
weise. 


4G8 


Dat   Ifuys  tlio  wvMc  wcl  bekandt 
OpuliciuMi  in  Nassouwos  liandt. 
Twflok  is  een  sloutel  van  dat  Landt. 

Maer  doon  sy  lu-hbcn  vcnionuni, 
Wat  haer  was  tlioc  bercydt, 
Begonden  sy  to  schronien, 
Ende  on  hobbent  nict  verbcydt. 
Thot  negen  uyr  was  liaer  besot, 
Maer  Jan  Papaw  die  wist  wel  bet, 
Sy  en  haddeu  geen  lust  an  dat  bancket. 

Sy  hebbent  op  gliegouen 
In  Angusti  den  elfften  dach, 
Doen  s  morgens  de  Clock  sloecb  seuen, 
AI  sonder  schoot  oft  slach. 
Als  Campionen  onversaecM 
Hebben  sy  Lyif  ende  goet  ghewaecbt. 
Zy  en  hebben  daer  niet  nagevraecht. 

Dus  syn  sy  daer  äff  ghetogben, 
Met  goede  seer  onbelaen, 
Also  men  daer  sach  voor  Ooghen, 
Mosten  sy  nae  Groninglien  säen, 
Ende  daer  met  ghew-eerder  bandt, 
Den  Vyandt  oock  doen  wederstandt, 
Voor  Groningen  die  Stadt  playsant. 

Doen  dit  hebben  vernomen 
De  Soldaten  in  winschotcn  cloeck, 
Begonden  sy  te  schromen, 
Dat  sy  veesten  van  angst  in  de  broeck. 
Doen  smeerden  sy  oock  seer  net 
Haer  schoenen  wel  met  Haese  vet, 
Om  dat  sy  souden  loopen  des  te  bet. 

Zy  syn  daer  oock  wt  gheweken 
AI  op  den  seinen  dach, 
Ende  nae  Groningen  ghestreken, 
Zy  en  maeckten  gheen  verdrach. 
Sy  waeren  haer  seinen  seer  ghetrouw, 
Plunderdt'n  t'winschot  man  en  vrouw, 
Ende  vreesden  graeff  Willem  van  nas- 

souw. 


Dees  tydinghe  is  oock  gheconicn 
Tot  Slochtern  also  ras, 
Dat  wedde  was  in  ghenomen, 
Ende  winschoten  verloopen  was. 
Doen  worden  sy  cleyn  ende  groot 
Met  angst  bevreest  en  grooter  noot. 
Want  sy  verwachten  ooc  den  seinen ' 

stoot. 

Seer  corts  na  wej-nich  daghen 
Zyn  sy  glietogen  voordt 
Na  Slochtern,  hoort  myn  gewagen. 
Verdugo  was  seer  gliestoordt, 
En  is  mit.  syai  Crychsluyden  säen 
Op  Slochtern  ghetogben  aen, 
Om  die  Geusen  altsamen  te  verslaen. 

Maer  doen  hy  is  ghecomen 
By  Slochtern  oft  daer  ontrent, 
Heeft  hy  onraet  vernomen, 
Ende  heeft  weder  ghewendt 
AI  na  die  Stadt  met  snellen  yl. 
Want  geen  beter  wapen  voor  een  pyl 
Dan  een  Borstweer  van  een  myl. 

Doen  ginck  Nassouwes  volc  stellen 
Haer  Gesehnt  voor  Slochtern  ras, 
Om  die  Kercke  neder  te  vollen, 
Daer  die  Vyandt  sterck  in  was. 
Maer  sy  gauen  met  flaeuwen  moet 
Slochteren  in  Nassouwes  belioet, 
Ende  naemen  Pasi)ort  ouder  de  voet. 

Dus  syn  nu  de  beste  Schanssen 
Int  gantse  Groninger  landt 
Met  noch  meer  verloopen  canssen 
AI  in  Nassouwes  handt. 
Noch  sullen  sy  worden  metter  tydt 
Den  Pas  op  die  Boertange  quydt, 
Hoe  seer  dat  ghy  Nassouw  benydt. 

Waerom  Avilt  ghy  hem  baten 
Die  V  so  seer  bemindt? 
Want  het  is  tot  uwer  baten, 


ZWEI    NIEDERLANDISCHE    LIEDER 


469 


Als  gliy  dit  recht  versindt. 
Want  men  siet  wel  in  schynender  daet, 
Dat  gants  v  Laudt  te  niete  gaet, 
AUeene  deur  uwor  Papeu  raet. 

0  Groningen,  ghy  sclioone  stede, 
De  Perrel  al  in  Yrieslandt, 
Hoe  niaeckt  ghy  dus  veel  onvrede 
Ende  verderft  v  schoone  Landt? 
Denckt  ghy  niet,  dattet  Godt  verdriet, 
Dat  sulcken  quaet  door  v  gescliiet, 
Des  Landts  weluaert  brcngt  tc  nietV 

Ghy  Burghers  int  ghemeyne, 
Die  binnen  Groninghen  syt, 
Ick  rade  v  groot  en  cleyne, 
Maeckt  v  Monicken  en  Papen  (juyt, 
En  siet  v  eyghen  weluaert  aen, 
Ghelyck  v  Nabueren,  wilt  verstaen. 
Want  het  moet  int  eynde  syn  gf  daen. 

En  laetet  v  niet  beswaeren, 
0  Groninghen  seer  net, 
AI  ist  V  al  ontuaeren 
Daer  ghy  om  hebbet  ghewedt. 
Fortuyne  gheeft  nu  solck  eenen  keer, 


Daerom  raed  ick,  en  wedt  niet  meer 
Met  Nassonw  die  goede  Heer. 

Wedde  heeft  hy  nu  ghewonnen, 
Daer  ghy  v  op  verliet. 
Haddet  ghy  v  wel  versonnen, 
Dit  en  waere  v  niet  gheschiet. 
Doet  noch  nae  vwer  Vrienden  sin, 
En  dat  om  v  eyghen  ghewin. 
So  laet  Nassouw  comen  in. 

So  meught  ghy  noch  fioreren. 
Als  V  Nabiieren  fyn. 
In  neringhe  triompheren, 
En  V  Landt  ghebruyckende  syn. 
Neempt  Exempel  vroech  en  laet 
An  HoUandt  en  Vrieslandt  dehcaet, 
Hoe  Godt  almachtich  haer  bystaet. 

Oorloff  ghy  Princen  reyne, 
Ghy  Heeren  triumphandt, 
Crychslieden  alleghemeyne 
Hier  in  dit  Nederlandt, 
Vreest  Godt  den  Heer  tot  aller  stont, 
En  biddet  hem  wt  horten  grondt, 
Dat  hy  Nassouwe  spaer  ghesondt. 


ANCELMUS    SCAL   DE   PASSIO   HETEN. 

Vgl.  0.  Schade,  geistliche  gedichte  des  XIV.  und  XV.  jarlmuderts  vom  Niderrhein. 

S.  237  fgg. 

Durch  die  zuvorkommende  freuuMlichkeit  des  lierrn  oberbiblioiliekavs 
dr.  Merzdorf  bin  ich  mit  einer  auf  der  oklenburg-ischeu  bibliothek  befind- 
lichen liandschrift  in  niederdeutscher  spräche  bekannt  g-evsrorden,  welche, 
auf  papier  geschrieben  (2( »  bl.  8.) ,  denselben  Inhalt  mit  dem  von  Schade 
nach  einem  alten  drucke  lierausgegebenen  gedichte  „Anseimus  hoich" 
hat.  Und  zwar  hat  sie  nicht  blos  denselben  Inhalt,  sondern  sie  ist  mit 
gröster  Wahrscheinlichkeit  das  original;  der  druck  ist  meiner  meinung- 
nach  nur  eine  Übersetzung  aus  dem  Niederdeutsclien  in  das  Niedeirhei- 
nische.  Dies  ist  erstens  aus  den  reimen  ersiclitlicli.  Die  uno-enauio-kei- 
ten  des  reinies,   welche  die  niederrheinische  fassuug  bietet,   sind  in  der 


ZEITSCHR.    F.   DEUTSCHE    l'HILOLOGIK. 


31 


470 


niederdeutsclieii   liaiulsclirift  völlig 
sächlichste  neben  einander: 

Druck. 
3.  495.  gewiien  :  befe^en 
34.  niei  :  hericM 
41.  wi%en  :  geleden 
84.  guede  :  voi%e 
217.  wiste  :  hoirste 
2 AI.  697.  grifen  :  sleiven 
261.  vur  :  oir 
309.  ghein  :  zien 
670.  irre  :  sere 
689.  genießen  :  heilen 
837.  gereichen  :  stechen 
857.  gehueren  :  hoeren 
875.  leloifen  :  droppen 
1063.  mirhen  :  kirchen 
1083.  zo  en  :  hein 


verschwunden.     Icli  stelle  das  haupt- 


Handschrift. 
wetten  :  bcfefen 
nicht  :  Bericht 
wetten  :  befeten 
ghoyde  :  voete 
wüste  :  brüste 
grepen  :  ßepen 
vore  :  ore 
neyn  :  teyn 
ere  :  sere 
neten  :  heten 
reken  :  stehen 
boren  :  hören 
belopen  :  dropen 
merken  :  Icerken 
tein  :  bein 
lopen  :  ropen 


1163.  gelaufen  :  roifen 

Oder  es  ist  im  druck  durch  die  wähl  eines  anderen  ausdrucks  eine 
Unreinheit  entstanden,  während  in  der  h^ndschrift  alles  in  Ordnung  ist. 
So  z.  b.  hat  der  druck  945:  ind  he  heisch  in  allen  vergeven  |j  want  ß 
niet  en  wisten,  wat  ße  deden.  Die  handschrift:  He  hat,  daf  he  one 
wolde  vorgeuen  ||  Se  en  tvisten  nicht,  wat  dat  fe  dretien.  Der  druck  1121: 
dat  ivir  Jefus  moegen  hegraven  [|  Sin  moder  is  stvairlich  dair  umh 
hedragen.  Die  handschrift:  Dat  tue  Jhesuni  grauen  moten  !  Sin  schone 
moter  wel  vorwoten.  Der  druck  v.  237:  Bie  joeden  quamcn  dae  her 
getreden  \\  mit  fakelen  mit  colven  und  mit  (werden.  Die  handschrift: 
dit  moste  sin  ||  Dattu  mi  scoldest  aldiis  vorraden  \\  De  jodden  quemen 
her  getvaden  ||  mit  luden  vnde  mit  fcharjien  fperen  ]  Min  sone  sprah: 
.wene  soJce  gi  heren.  Der  Übersetzer  scheint  in  den  beiden  letzten  bei- 
spielen  einigen  Wörtern,  weil  sie  am  Mederrhein  nicht  in  gebrauch 
waren  oder  vielleicht  anfiengen  zu  veralten,  aus  dem  wege  gegangen  zu 
sein,  eine  erscheinung,  die  sich  auch  noch  an  andern  stellen  zeigt  und 
für  die  Originalität  des  niederdeutschen  beweist.  So  vermeidet  er  z.  b. 
cleinlik  (tener)  handschrift:  min  leve  föne  [j  De  was  so  cleinlik 
vnde  so  schone.  Der  druck:  510  der  da  was  so  licht  und  so  schoin; 
ferner  472:  tiodute!  als  weheruf :  Tyodute  vnde  ivaphen  \  wu  jamer- 
liken  Ustu  gescapen!  (Fehlt  ganz  im  druck);  ferner  deger.  664:  Ik 
wil  mi  degher  dar  na  prisen.  Der  druck:  so  wil  ich  vort  an  dich 
prisen.  1227:  Dit  fcoltn  vil  degher  fcriven.  Der  druck:  Dit  faltu  vil 
ganz  in  din  herze  schriven;  ferner  gral.  635:  Do  repen  de  jodden 
altomale  \\  Mit  einem  mycheliken  grale.     Der  druck:  mit  eime  gemeinen 


ANCELMUS   SCAL  DE   PASSIO    HETEN 


471 


schal.     Ferner  rügende.     782:    Bo  Pilatus  dat  vornam  ||  dat  al  dat 
Volk  rügende  quam.     Der  druck:  dat  dat  volJc  gelaufen  quam  u.  a. 

Zuweilen  fehlen  im  druck  einige  verse  oder  sie  sind  so  umgeän- 
dert, dass  der  sinn  oder  das  nietrum  wesentlich  darunter  leidet.  Durch 
gegenüberstellung  wird  dies  am  besten  in  die  äugen  springen. 


Druck. 
37.  Anseimus  viel  neder  up  die  erde, 
al  levende  fpraich  hei  defe  rede. 


48.  die  ewangelisten  Jiaint  ouch  hefchre- 
ven 
alle  vier  (ich  dat  hegein) 
ahomail  loat  fi  haut  gefein., 
fi  fint  geioest  zo  und  an. 
dair  umh  soe  enwei?,  ich  ghein  man^ 
der  mir  die  wairheit  moege  sagen. 
das  dair  umb  leitet  hier  einen  ganz 
falschen  schluss  ein. 

107.  Maria,  wat  fprach  din  son  do  he 
diz  wort 
van  fent  Peter  hadde  gehoirt? 

241.  ich  hin  hie! 

soe  halde  als  he  dai  hadde  gefprai- 

chen,  vielen  si 
neder  zo  dem  mail  zo  der  erden. 
Min  fon  sprach  zo  dem  derden  mail 
soecM  ir  mich,   fo  lai^   min  jwn- 
geren  gaen. 

624.  He  hadde  so  groi%e  dinge  gevraeget, 
hedde  in  min  son  des  hericht., 
so  en  were  he  gedoedet  nicht, 
he  weulde  umh  des  minschen  willen 
die  rede  gerne  stillen. 

722.  eine  kröne  hadden   si  gemacht  ran 
dorne ; 
als  fi  in  wail  hadden  geslagen  mit 

J'tangen, 
tmd  die  druckde  fi  em  doe   in   sin 
Wangen. 
Dass   Christo    die    dornenkrone    auf 
die   wango   gedrückt  wurde,    ist   doch 
gegen  die  heilige  geschichte. 


Handschrift. 
Ancelmus  de  vel  vp  de  Jene., 
Eme  was  wol  unde  eme  was  we, 
Eme  was  leue  unde  eme  was  lede, 
Vil  weinende  sprah  he  deffe  rede. 

De  ewangelisten  hehhet  ge  screven 

Malle  wat  he  hat  geseyn^ 

Mer  se  en  draghen  nicht  ouer  ein, 

Se  hehhet  gewefen  to  vnde  van, 

Dar  vmme  so  en  iveit  ilc  neinen  man  etc. 


hier  hat   das 
berechtigung. 


dar    umme    seine    volle 


Maria,  wat  sprah  vnfe  Jiere 
Do  fe  vor  salceden  aldus  fere 
Vnd  do  he  disse  groten  word 
Van  funte  Peter  hadde  gehör d? 

Se  sprah:  ih  hin  it,  do  v eilen  fe 

Iwige  vp  de  erden  dale. 

Min  sone  sprali  to  dem  dridden  male, 

Sohe  gi  mi,  so  vat  mi  an 

Vnde  lotet  mine  jungheren  ghan. 


So  en  were  he  ge  dodet  tiicht, 

So    en    hedden   fe   ome  neine  not 

to  dreuen, 
So    loere   de   mynsche    vor    loren 

hleuen, 
He  wolde  dor  des  mynschen  loillen  etc. 

Eine  cronen  maheden  se  van  dorne, 
Do  fe  one  hadden  ser  geslaghen, 
De  dnccheden  fe  ome  want  an  fin  hra- 
ghe  n. 


31* 


472 


745.  —  doedet  in  na  wen  ewen, 
Jo  geJ'eJniit  uch  tir  wille  even. 
ICHS   gefeze   verhuit    uns,    fprechen 

die  joeden, 
dat  wir  nieman  Jollen  doeden. 

7 07.  doe  sich  Pilatus  der  gewalt  vermoet 
in  dej'en  reden  proeven  ick  goit. 

800.  sie  7iamen  an  der  selver  stunde 

einen  man  der  droich  vur  dat  cruize. 
ind  doe  worpen  in  die  hindere, 
do  was  nianiche  vrouiv  weinende  fere. 

842.  du  l'alt  ouch  vurwair  wi%efi, 

dat  eme  Jcrachden  alle  Jin  lenden, 
och  zohi^en  eme  die  zende 
die  zonge  in  finem  munde. 
Hatte  Christus  mehi-  leiiden  als  an- 
dere menschen? 

865.  van  der  wunde  dat  hloit  ran 

längs  dat  cruize  und  woulde  up  die 
erde  gain. 

872.  des  waren  min  cleider  van  Meide  roit 
ind  die  zo  voren  toi^  tcaren. 
(ich  fagen  dir  dat  zwarenj 
jemerlich  was  icli  heloifen 
van  fines  hiligen  hlodes  drofpen. 


Dodet  one  na  jiiwer  E. 
Altohant  do  repen  se: 
JVei/n,  de  JE  vorhut  vns  joden, 
Dat  loe  nemende  moten  doden. 


Do  sik  Pilatus  des  vor  niat., 
An  diffen  reden  ilc  prove  dat  etc. 

Se  nenien  an  der  fuluen  ftunde 
Eine^i  man  de  droch  dat  crufe  vore, 
De  kinder  worpen  one  m it  höre 
Itlike  vroiveti  de  loeindm  sere. 


Ome  knalceden  alle  fine  fenen. 
OTc  toletten  ome  de  tenen 
Sin  tunghe  an  dem  mvnde. 


Vt  finen  wunden  quam  dat  blot 
Entlangh  dat  crufe  nedder  vleten 
Vnde  wolde  etc. 

Do  worden  mine  cleider  rot 

De  vore  hadden  wit  ge  wefen, 

We   mi  an    sach,     deme    mochte 

grejen , 
So  jamerliken  -was  ik  be  lopen 
Mit  etc. 

Ich  könnte  noch  mehreres  der  art  anführen,  aher  dies  mag  als 
probe  genügen ;  sie  wird  für  die  behauptete  Originalität  der  niederdeut- 
schen handschrift  nicht  ungünstig  ausgefallen  sein.  Indem  ich  nocli  hin- 
zufüge, dass  die  eingestreuten  paränesen  (173  — 17(3.  251 — 54.  521-24. 
587~-590.  647  — G50.  911  —  914.  1105  —  1110.)  so  wie  das  ende 
1235  —  1242  dem  Übersetzer  vom  Niederrhein  angehören,  dass  v.  733 
statt  gerucM  die  handschrift  richte,  968  statt  genoit,  das  sinnlos  ist, 
die  handschrift  vot  (=  vodet ,  genährt)  hat,  und  401  statt  Peter  die 
handschrift  richtiger  Maria  Magdalene  setzt ,  schliesse  ich  diese  notizen 
mit  der  widergabe  eines  im  drucke  fehlenden  grossen  Stückes  am  ende 
des  gedichtes. 

Anseimus  fragt  1195.  Hastu  jenge  not  hefeten, 

Do  me  one  graf,  dat  loolde  ik  xvetten. 

Darauf  antwortet  Maria  nach  der  handschrift  so: 


Ancelme^  dat  fcoltu  vor  stan, 
De  grote  not  de  jtüt  noch  an. 


Do  fe  one  grauen  wolden, 

Ik  l'prak:  ik  weide  one  heholden, 


ANCELBIUS   SCAL  DE   PASSIO   HETEN 


473 


Jk  weide  dot  bi  ome  hliuen, 

Se  fcolden  mi  dar  er  vntUuen, 

Er  he  worde  mi  ge  nonmi^ 

He  en  vjere  mi  so  nicht  ane  komen. 

Do  iohes  dit  vor  nam, 

Vil  drade  he  to  mi  quam. 

He  sprak :  maria ,  ik  bidde  di, 

Datht  ivillest  staden  mi, 

Bat  ik  graue  mineti  heren, 

We  motten  leider  sin  vnberen, 

Du  weist  it  vele  bat  wan  ich, 

Dat  he  suluen  icolde  sich 

In  diffem  daghe  laten  doden 

lämerliken  van  den  jodden. 

Ok  loestu,  dat  he  wel  up  ftan 

Vn  wel  vns  nicht  vor  derve  lan. 

Dar  vme  fo  lat  on  an  de  erde 

Grauen,  dat  he  vns  nicht  ge  nome  werde. 

Maria,  nv  ivolde  ik  fin  be  rieht 
Twidestu  iohes  icht? 
Ich  antworde  vp  fine  rede, 
Ik  fprak:  wes  deistu  mi  dus  lede, 
Johannes,  lat  de  rede  bliuen 
Vn  lat  mi  mine  kvmber  driuen 
Du  most  mi  wol  mit  vrede  lan, 
Mi  is  doch  en  noch  to  lede  dan. 
De  jügere  qaeme  alle  here 
Vn  beden  mi  so  rechte  sere 
Dat  ik  to  lesten  orlof  gaf^ 

Hier  beginnt  auch  der  druck 

OLDENBUECt,  JULI   1 


Dat  fe  one  legheden  an  dat  graf. 

Do  he  an  dem  graue  lach, 

Ik  vor  dar  to  ome  vn  sprach: 

Gi  here ,  latet  jv  ir  barmen 

Vn  grauet  mi  vil  armen 

Bi  min  kint ,  des  dot  mi  not, 

Ik  sterue  doch  van  ruwen  dot. 

Do  dit  do  was  ouer  langh^ 

Se  togheil  mi  do  an  mine  dangh 

Vä  dem  graue  ane  were. 

Do  weinde  ik  so  rechte  sere, 

Se  worpen  ome  den  ftein  vp  fin  Uf 

Do  weinde  ik  vn  fprak :  ik  arme  wif, 

Latet  mi  noch  eines  one  fein, 

Er  de  ynichelike  stein 

Werde  vp  min  kint  gelecht. 

Ander  wa/rue  leip  ik  echt 

Vp  dat  graf,  do  en  sach  ich  nicht 

It  was  leider  al  berich. 

Maria  iw  berichte  7ni, 
JVu  langhe  bleuestu  dar  bi., 
Dar  din  föne  grauen  wart, 
Vorteghestu  siner  mit  der  va/rt? 
Ancelme ,  höre ,  wu  ik  dede. 
Ik  gingh  ligghen  vp  de  ftede 
Dar  min  sone  vnder  lach, 
Vil  Jämerliken  dat  ik  sptrach : 
Gi  heren.,  ik  bidde  iv  alghemeine  etc. 


wider. 


A.  LÜBBEN. 


ZUR  TEXTKRITIK  DES  LUDWIGSLIEDES. 

In  meiner  besprechung  der  neuesten  ausgäbe  von  Pischons  leitfaden 
zur  geschichte  der  deutschen  litteratur  habe  ich  bei  erwähnung  des  Lud- 
wigsliedes (oben  s.  247)  bemerkt :  „  In  der  litteraturangabe  zum  Ludwigs- 
liede  wäre  ...  die  Verweisung  auf  den  druck  in  Lachmauns  spedmina 
linguae  francicae  wol  schon  deshalb  nicht  überflüssig,  weil  Lachmann 
dort  bereits  statt  der  grammatisch  anstössigen  und  deshalb  verdächtigen, 
und  bei  Müllenhoff- Scherer  wol  nur  aus  versehen  ohne  anmerkung  auf- 
genommenen lesart  jah  in  v.  55  aus  dem  verlesenen  Sab  der  editio 
princeps  durch  feine  emendation  die  unanstössige  form  gab,  gewon- 
nen hat." 


474.  ZACHER 

Grund  und  zweck  dieser  bemerkung  beruhen  in  den  textgeschicht- 
liclien  thatsaclien,  mit  welchen  es,  soweit  sie  lüerfür  in  betracht  kom- 
men, folgende  bewandnis  hat. 

Die  erste  ausgäbe  des  Ludwigsliedes,  text,  lateinische  Übersetzung 
und  lateinischen  commentar  auf  72  quartseiten  befassend,  lieferte  Schil- 
ter zu  Strasburg  1G06.  Den  text  nebst  einer  beigefügten  summarischen 
lateinischen  Übersetzung  hatte  sich  Schilter  abgeschrieben  aus  einer 
abschrift,  welche  der  lüneburgische  rat  von  Eyben  um  das  jähr  1689  als 
ein  geschenk  Mabillons  aus  Frankreich  mitgebracht  hatte.  Mabillon  aber 
hatte  das  lied  aufgefunden  in  einer  handschrift  der  abtei  Elno  oder  St. 
Amand,  wie  er  selbst  berichtet  Annal.  ord.  S.  Benedict!  3,  229:  ,,Beperi 
olim  in  codice  Elnonensi  germaniciim  rythmum  antiquum  Ludodco  regi 
Francorum  victori  Nortmannorum  acclamatum."  Nun  war  zwar  Mabil- 
lon, dem  wir  ja  die  begründung  der  wissenschaftlichen  urkundenlehre 
und  handschriftenkunde  verdanken,  vielleicht  der  beste  handschriftenken- 
ner  seiner  zeit,  so  dass  man  voraussetzen  darf,  er  selbst  werde  unmit- 
telbar aus  der  handschrift  eine  verhältnismässig  genaue  und  fehlerfreie 
abschrift  angefertigt  haben :  allein  bei  dem  widerholten  durchgange  durch 
mehrere  aufeinanderfolgende  abschriften  hatte  sein  text  arge  Verderbnisse 
erfahren.  Deshalb  sandte  Schilter  1692  eine  abschrift  des  textes  nebst 
einer  von  ihm  angefertigten  lateinischen  Übersetzung  an  Mabillon,  mit 
dem  ersuchen,  ihm  eine  coUation  dieser  abschrift  mit  der  handschrift 
selbst,  oder  wenigstens  mit  der  ursprünglichen  Mabillonschen  abschrift 
zu  verschaflen.  Im  nächsten  jähre  erhielt  er  darauf  den  bescheid,  in 
folge  eines  erdbebens  sei  das  deckengewölbe  der  bibliothek  in  St.  Amand 
eingestürzt  und  die  bibliothek  dermassen  m  Unordnung  geraten ,  dass  der 
bibliothekar  die  betreffende  handschrift  noch  nicht  habe  widerauffinden 
und  also  auch  die  collation  nicht  habe  ausführen  können.  So  blieb  denn 
Schilter  auf  seine  sehr  mangelhafte  abschrift  beschränkt,  deren  fehler, 
soweit  er  sie  erkannte,  er  zwar  bei  der  herausgäbe  mit  redlichstem 
bemühen  zu  verbessern  suchte,  was  ihm  jedoch  nach  dem  damaligen 
stände  germanistischer  kenntnis  nur  in  beschränktem  masse  gelingen 
konnte. 

Durch  117  jähre  begnügte  man  sicli  mit  dem  Schilterschen  texte. 
Schilter  selbst  widerholte  den  text  samt  den  lateinischen  anmerkungen 
und  dem  lateinischen  conmientare  1727  in  seiner  zweiten  ausgäbe  im 
zweiten  bände  seines  Thesaurus.  Sogar  Mabillon  gab  nicht  den  text 
seiner  eigenen  m-sprünglichen  abschrift,  sondern  beschränkte  sich  darauf, 
1706  im  dritten  bände  seiner  Annales  ordinis  S.  Benedicti  (s.  684—686, 
vgl.  s.  229)  den  text  und  die  lateinische  Übersetzung  Schilters  zu  wider- 
holen,  wobei  noch  ein  paar  druckfehler  unterliefen.     Und  noch  an  ver- 


ZUR    TEXTKRITIK   DKS    LUDWIGSLIEDES  475 

scMedenen  orten  erschienen  Widerabdrücke  oder  Übersetzungen  des  Schil- 
terscben  textes,  von  denen  in  der  Hallischen  litteraturzeitung  1839 
nr.  52  einige  aufgezählt  werden. 

Die  uns  hier  zunächst  angehende  stelle  lautet  im  Schilterschen 
texte : 

Gilohet  sl  tlila  Godes  kraft, 
Hludwig  uuarth  sighaft. 
Sag  allin  Heiligon  tlianc. 
Sin  toarth  ther  sigikamf. 

Zu  sag  aber  ist  im  commentare  bemerkt:  „Sic  enim  legendum  iwo 
eo  quod  scriptum  SahJ' 

Die  erste  durchgreifende  textesverbesserung  unternahm  Do cen,  und 
veröffentlichte  sie  in  einer  zwei  octavblätter  befassenden,  nicht  in  den 
buchhandel  gekommenen  und  deshalb  sehr  seltenen  einzelausgabe ,  Mün- 
chen 1813.  Diese  ausgäbe  macht  den  wohlthuenden  eindruck  einer  gereif- 
ten arbeit,  bekmidet  durchweg  den  gründlichen  kenner  und  besonne- 
nen kritiker,  und  verdient,  dass  sie  nicht  in  Vergessenheit  gerate,  son- 
dern in  ehrendem  andenken  erhalten  werde.  Die  Docenschen  textverbes- 
serungen  waren  nicht  nur  sehr  zahlreich,  sondern  trafen  auch  das  rich- 
tige meist  so  glücklich,  dass  sie  später  durch  die  wideraufgefundene 
handschrift  bestätigt  wurden.  Abgesehen  von  der  herstellung  alter  sprach- 
formen und  von  blos  orthographischem  erfuhren  solche  bestätigung  die 
folgenden  nach  der  reihenfolge  der  langverse  aufgezählten  Docenschen 
Verbesserungen,  denen  ich  jedesmal  die  entsprechende  fehlerhafte  lesung 
des  Schilterschen  textes  in  klammern  beifüge :  1  her  (Jierr) ,  3  sar  (sehr), 
9  geendot  (geendist),  god  (god  i^J,  11  her  (der),  se  (sie),  22  her  (herr), 
29  thie  sin  (thesin),  30  Quadim  al  (Quad:  Hin  cd),  33  Joli  —  gebod 
(doh  —  genod),  38  hinavarth  (hina  'imartli),  (Ji)er  giwalt  (giuuaht), 
44  lang  —  Northman  (lango  —  Northmamwn),  50  vaht  (raht),  54 
we  (h)in  (uuehinj.  Die  uns  zunächst  angehenden  verse  lauten  in  Docens 
texte : 

Gilohet  si  thiu  godes  kraß! 
lÜudvuig  vuarth  sighaft; 
Sag  (?)  allin  heiligon  thanc. 
Sin  cnarth  ther  sigi- kämpf. 
Docen  hat   also   die  Sclültersche   conjectur   sag    durch  ein   beigefügtes 
fragezeichen  beanstandet ,   ohne  jedoch   etwas   anderes  an  ihre  stelle  zu 
setzen. 

Zwölf  jähre  nach  Docen  gab  Lachmann  eine  recension  des  Lud- 
wigsliedes auf  s.  15  — 17  seiner. Specimina  linguae  francicae,  BeroL  1825. 
Die  Docenschen   Verbesserungen    nahm    er   gröstenteils  auf,    und  fügte 


■i7f>  ZACHER 

dazu  noch  eine  wertvolle  nachlese  neuer,  eigener,  vortreflicher  verbes- 
sorunn'eii ,  -welche  obeiifnlls  meist  durch  die  später  wider  aufgefundene 
haudschrill  bestätigt  Avurdcn.  Solche  Lachmannsche  Verbesserungen  sind: 
3  h'uo^  0>oß),  20  Icidhcr  des  hufdd  i^  (leid  her  thes  ingaldiz,  mit  der 
Übersetzung:  permisit  hcuic  fi/ndiiiideiii),  34  gefuhti  (gefurtl) ,  43  tvär 
crrcdiclwu  (iiuarer  rahehon).  Die  uns  zunächst  beschäftigenden  verse 
lauten  im  Lachmannscheu  texte: 

gilohct  si  thiu  godes  Jiraft;         Hliidwig  ivarth  sighaft, 
Gab  allin  heiligön  thaue;         sin  tvartli  tlier  sigiTicmipf. 

Lachmann  verwarf  also  die  Schiltersche  conjectur  sag,  und  bildete,  dem 
richtigen  und  fruchtbaren  grundsatze  seiner  methodischen  kritik  mit 
gewohnter  strenge  nachkommend,  eine  eigene  neue  conjectur  gah,  die 
sich  so  genau  als  irgend  möglich  an  dasjenige  anschloss,  was  nach 
angäbe  der  Schilterschen  anmerkung  die  handschrift  selbst  darbieten  sollte, 
an  das  similose  Sah. 

Im  jähre  1830  nahm  H.  Ho  ff  mann  von  Falle  r  sieben  das 
Ludwigslied  in  den  ersten  theil  seiner  „Fundgruben"'  auf,  und  zwar  gab 
er  auf  s.  6  und  8  den  „urkundlichen  text,''  d.  h.  den  des  Schilterschen 
druckes,  auf  den  gegenüberstehenden  selten  7  und  9  einen  „hergestell- 
ten text."  In  diesem  „hergestellten  texte"  behielt  er  die  Verbesserun- 
gen Docens  und  Lachmauns  gröstenteils  bei,  an  einigen  stellen  jedoch 
kehrte  er  zum  Schilterschen  texte  zurück:  1  herro  ßerr),  11  sie  (sie), 
20  leid  her  thes ,  (her)  ingaldiz,  (leid  her  flies  ingahliz).  Neue  Verbes- 
serungen oder  Vermutungen  bietet  dieser  Hoffmaunsche  „hergestellte 
text"  nicht  dar,  weder  eigne  noch  fremde,  so  Avie  er  überhaupt  nichts 
enthält,  was  nicht  aus  einer  der  drei  genannten  quellen.  Schilter,  Docen, 
Lachnianu,  geschöpft  wäre.  Es  sagt  zwar  Willems,  Elnonensia  (1837) 
s.  12:  „M.  Hoff'mann  de  Fallerslehen ,  avant  cTavoir  retrouve  le  texte 
original,  avait  restitiie,  lignc  29,  the  sin  heidodun  pour  thesin 
Ijeidodun,  ligne  38 ,  her  gi  u ualt,  pour  g i ii ti a h t ;  aber  diese  ))eiden 
Verbesserungen  finden  sich,  wie  wir  eben  sahen,  schon  1813  in  der 
Docenschen  ausgäbe ,  und  sind  folglich  nicht  Hoffmanns ,  sondern  Docens 
eigentum. 

Die  uns  zunächst  beschäftigenden  verse  lauten  in  Hoffmanns  „her- 
gestelltem texte": 

Gelohet  si  thiu  godes  kraft!         hluduuig  uuarth  fighaft. 
fag  alliu  Jieiligon  thane!         [in  miarth  ther  figilwmf. 

Hoffmann  hat  also  die  Lachmannsche  conjectur  gah  ver- 
worfen und  ist  hier  ebenfalls  zu  der  Schilterschen  conjectur  sag  zu- 
rückgekehrt. 


ZÜK  TEXTKKITIK    DES   LUDWIGSLIEDES  477 

Nim   darf  man  aber  nicht  übersehen,    vielmehr  muss  als  ein   für 
die  textffeschichte  und  für  die  kritik  des  56.  verses  bedeutsamer  umstand 
hervorgehoben  werden,   dass  auf  s.  345  desselben  bandes  der  Hoft'manu- 
schen  Fundgruben  sich  folgende  „berichtigungen"  finden: 
„7,  20.  [d.  i.  V.  20]  lies:  Jeidher!  tJief  ingaldis,. 
9,  46.  [d.  i.  V.  45]   gode  loh  fageta  her  ßt  tJws  her  gercda  (obschon 
sich   kein  ähnlicher  satz  im  Hede  findet,   wo  die  zum   verbum  der 
einen  reimzeile  gehörige  person  in  die  folgende  zeile  hinüber  gezo- 
gen wird). 
9,  58.  [d.  i.  V.  56]  iah  allin  heiligon  thanc,  fin  uuarth  Hier  ßgiJcamf, 
Jo  dar  dbur  hluduuig  Jcuning  uuas  falig  — " 
Die  erste  dieser   drei  „berichtigungen"  findet  sich,  wie  wir  gese- 
hen haben,   schon  im  Lachmaunschen   texte  von  1825,    ist    also  Lach- 
manns  eigentum.     Die   zweite   (v.  45.   sU .,   statt   des   schon   von  Docen 
durch  ein  beigefügtes  fragezeichen  beanstandeten  Schilterschen  ^^'^i^)  würde 
nach  einer  mir  in  doppelter  fassung  vorliegenden  schriftlichen  notiz  eben- 
falls  eine   ältere   Vermutung  Lachmanns   sein;    doch  kann   ich   das  jetzt 
nicht  gedruckt  nachweisen,   und  lasse  deshalb  die  eutscheidung  dahinge- 
stellt.    Es  bliebe  sonach  nur  die  dritte  ,,berichtigung,"    v.  56.  iah,    als 
unbestrittenes,  von  niemandem  sonst  in  anspruch  genommenes  eigentum 
Hoffmanns  übrig,   welches   auch   Willems,    Elnonensia  (1837)  s.  12   als 
solches  aufführt   („  et  enfin  M.  Ho  ff  mann   de  FaUerslehen ,    avant  d'a- 
voir  retrouve  le  texte   original,    avait  resfituc  ....  et  Ugne  56,   Iah, 
pour  sag.^' 

So  haben  wir  also  durch  eine  chronologische  überschau  der  text- 
geschichte  des  Ludwigsliedes  die  historische  thatsache  aufgefunden  und 
festgestellt:  in  vers  56  des  Ludwigsliedes  ist  iah  eine  aus 
dem  jähre  18  30  stammende  coiijectur  Hoffmauns  von  Fal- 
lersleben,  und  zwar  höchstwahrscheinlich  die  einzige, 
die  er  selbst  zum  Ludwigsliede  gemacht  hat. 

Wegen  ihres  sell)ständigen  wertes  ist  noch  hervorzuheben  die  aus- 
gäbe W.  Wackernagels  von  1835  in  der  ersten  (mir  jetzt  nicht  zu 
geböte  stehenden)  aufläge  seines  lesebuches,  die  sich  widerum  durch 
einige  neue,  theils  von  Jacob  Grimm,  theils  von  Wackernagel  selbst 
herrührende  Verbesserungen  auszeichnet,  welche  ebenfalls  später  durch 
die  wider  aufgefundene  handschrift  bestätigt  wurden,  wie  v.  12  manoii 
sundiöno  (niannon  sin  diono  vgl.  Grimm,  gr.  4,  Hb.),  v.  18  fol  loses 
(falloses).  Li  v.  56  nahm  Wackernagel  die  Lachmannsche  Verbesserung  auf: 
gab  allin  heiligon  fliaiie. 
Im  jähre  1837  erwarb  sich  Hoffmanu  von  Fallersleben  das 
grosse  verdienst,   der  verschollenen   handschrift  nachzuspüren  und  sie  in 


•178  ZACILER 

Valencieunes  wider  auf/Aifiiuleu.  Seine  aus  ihr  entnommeue  ueiio  abschrift 
des  Ludwigsli^des  übergab  er  seinem  freunde  Willems,  der  sie,  nebst 
dem  aus  derselben  handscbrift  geschöpften  lateinischen  und  dem  franzö- 
sischen liede  auf  die  heilige  Eulalia,  dem  unscliätzbaren  ältesten  deuk- 
male  altfranzösischer  poesie,  mit  hinzufügung  seiner  eigenen  erklärenden 
beigäbe,  unter  dem  titel  Elnonensia  1837  zu  Gent  herausgab  (34  s.  4.). 
Nach  angäbe  dieser  neuen  Hoffmaunschen  abschrift  sollen  nun  die  bei- 
den verse  55.  56  in  der  handschrift  selbst  lauten: 

Gilohot  ß  tliiu  godcf  kraft.         Hliiduig  uuarÜi  ßgihaft. 
Iah  allen  lieiUgon  tlianc.         Sin  uuarth,  thcr  ßgikamf. 
Ob  Hoflfmann  sich  irgendwo  öffentlich  darüber  ausgesprochen  habe,    wie 
er   diesen  Wortlaut   des   56.  verses   tibersetzt  und   erklärt  wissen  wolle, 
ist  mir  unbekannt.    Seinen  freund  Willems  scheint  er  wenigstens  vor  der 
herausgäbe  der  Elnonensia  nicht  darüber  belehrt  zu  haben.     Denn  in  den 
beiden  von  Willems  hinzugefügten  Übersetzungen  lauten  die  betreffenden 
verse  folgendermassen: 
in  der  vlaemischen: 

Geloofd  zij  de  godeskraclit, 

Lodewyh  werd  zeeglmftig. 
Zeg  allen  heiligen  dank; 
Zyn  iverd  de  zegekamp. 
in  der  französischen: 

Dieu  soll  loue,  Louis  fut  vainqueur. 
Gloire  ä  toiis  Ics  saints,  la  victoire  fut  ä  lui! 
Augenscheinlich  hat  Willems  hier  nicht  nach  dem  neuen  texte  der 
Hoftinannschen  abschrift,  sondern  nach  dem  alten  des  Schilterschen 
druckes  übersetzt.  Ob  diesem  mangel  in  der  zweiten  ausgäbe  der  Elno- 
tiensia  (1845)  abgeholfen  worden  ist,  vermag  ich  nicht  zu  sagen,  weil 
dieselbe  mir  jetzt  hierorts  nicht  zu  geböte  steht. 

Unsere  textgescliichtliche  ermittelung  hat  also  herausgestellt,  dass 
in  beziehung  auf  das  erste  wort  des  56.  verses  im  jähre  1837  vorhan- 
den waren 

zwei  von    einander  abweichende   angaben  über  die  Schreibung  dieses 
Wortes  in  der  handschrift  selbst,   nämlich: 

Sah,  nach  der  Mabillou -  Schilterschen  abschrift  von  1696, 
Iah,  nach  der  Hofl^'mannschen  abschrift  von  1837, 
und  drei  conjecturen,  nämlich: 

sag,  die  conjectur  Schilters  von  1696, 
gab,  die  conjectur  Lachmanns  von  1825, 
jah,  die  conjectur  Hoflfmanns  von  1830. 


ZUR   TEXTKKITIK   DES   LUDWIGSLIEDES  479 

Sehen  wir  iiiui  zu,  wie  die  germanisten  sich  diesen  angaben  und 
conjecturen  gegenüber  verhalten  haben. 

Sah,  die  handschriftliche  lesart  nach  Schilters  angäbe,  ward  von 
dem  scharfsinnigsten  und  umsichtigsten  kritiker,  von  Lachmann,  gewür- 
digt und  zur  bildung  seiner  conjectur  verwertet. 

Sag,  die  conjectm-  Schilters  von  1696,  ward  1813  von  Docen 
beanstandet,  1825  von  Lachmann  verworfen,  dann  1830  von  Hoffmann 
nochmals  hervorgezogen,  aber  auch  von  ihm  alsbald  wider  verworfen, 
und  blieb  seitdem  verschollen. 

Jah,  die  conjectur  Hoffmanns  von  1830,  ward,  so  lange  sie 
sich  als  blosse  conjectur  gab,  d.h.  zwischen  1830  und  1837,  so- 
viel mir  bekannt,  von  keinem  namhaften  germanisten  aufgenommen  und 
vertheidigt. 

Gal),  die  conjectur  Lachmanns  von  1825,  ward  von  Wackernagel 
1835  in  sein  lesebuch  aufgenommen,  ward  von  Jacob  Grimm  1837  ganz 
unbedenklich,  und  so  selbstverständlich  als  stünde  sie  in  der  handschrift 
selbst,  im  vierten  bände  seiner  grammatik  (s.  599)  unter  die  belege  des 
mit  gehen  verbundenen  accusatives  eingereiht  („gehen  ...  (jah  allen 
heiUgdn  tlianlv.  Ltulw.  licd"),  ward  von  Graff  im  althochdeutschen  Sprach- 
schatze unter  dem  worte  dam  sogar  noch  1840,  ebenfalls  so  selbstver- 
ständlich als  stünde  sie  in  der  handschrift  selbst ,  als  ein  beleg  aus  dem 
Ludwigsliede  angeführt  (5,  167:  „gah  thanc.  Lu.").  Also:  die  nam- 
haftesten germanisten,  die  gewiegtesten  kenner  des  Althochdeutschen, 
W,  Wackernagel,  Jac.  Grimm,  Graff,  männer,  von  denen  es  absurd 
wäre  zu  sagen,  sie  hätten  damals  Hoffmanns  conjectur  jah  nicht 
gekannt,  —  sie  alle  haben  die  Lachmannsche  conjectur  gah  als  unbe- 
denklich und  selbstverständlich  aufgenommen,  und  sich  in  dieser  aner- 
kennung  durch  die  Hoffmannsche  conjectur  jaA  so  wenig  irre  machen 
lassen,  dass  sie  dieser  letzteren  gar  nicht  einmal  gedenken. 

Als  aber  jah  1837  in  der  ersten  ausgäbe  der  Elnonensia  erschien 
und  sich  dort  in  der  neuen,  unmittelbar  aus  der  handschrift  genomme- 
nen abschrift  Hoffmanns  als  die  Avirkliche,  echte  lesart  der  hand- 
schrift selbst  gab:  von  da  ab  freilich  fand  j«A  fast  überall  eingang 
und  aufnähme,  indem  man  sich  ziemlich  allgemein  der  autorität  der 
handschrift  unterwarf.  Deshalb  erscheint  seit  1837  die  Lachmannsche 
emendation  gah  nur  noch  vereinzelt,  wie  1840  in  der  schon  augeführten 
stelle  des  Graffschen  Sprachschatzes  (5,  167),  und  1862  in  Schades  alt- 
deutschem lesebuche  (s.  56). 

Wie  verhielt  sich  denn  aber  Lachmann  selbst  dieser  Hoffmann- 
schen  entdeckung  gegenüber?  Da  seine  methodische  kritik  ja  priucipiel 
die  handschriftliche   Überlieferung   zu  ihrer  festen  grundlage  nimt,    und 


480  ZACHER 

sich  (lieser  su  luilie  als  möo-lich  anschliesst,  —  beugte  nicht  auch  er 
sich  vor  der  iiutoritüt  der  haiidschrift?  zog  er  nicht  seine  conjectur 
zurück  und  setzte  statt  deren  die  handschriftliche  Überlieferung  in  ihr 
recht  ein? 

Ich  bin  in  der  läge ,  hierüber  bestimmte  auskunft  geben  zu  können. 

In  den  vierziger  jähren  bin  ich  mit  Lachmann  in  seiner  studier- 
stube,  wo  er  mir  in  freundlichem  gespräche  seine  treffliche  belehrung 
gern  und  eingehend  zu  spenden  pflegte,  auch  auf  das  Ludwigslied  zu 
reden  gekommen.  Von  dem  was  Willems  zur  ausgäbe  der  Elnonensia 
beigesteuert  hat,  war  er  gar  wenig  erbaut.  Aber  auch  gegen  die  Zu- 
verlässigkeit der  Hoifmannschen  abschrift  erhob  er  ernste  und  gewichtige 
zweifei.  „Wer  haudschriften  richtig  lesen  will,"  so  sagte  er,  „muss 
genau  wissen ,  was  dastehen  kann  und  nicht  dastehen  kann."  Und  so 
bezweifelte  er  namentlich,  dass  Hoffmann  den  anfang  des  56,  verses  rich- 
tig gelesen  habe ,  und  hielt  dem  jah  der  Hoffmannschen  abschi-ift  gegen- 
über seine  eigene  alte  Verbesserung  gah  aufrecht.  Und  jetzt,  indem  ich 
nachblättere  in  einem  hefte,  welches  mein  verstorbener  freund  Emil  Som- 
mer, einer  der  tüchtigsten  schüler  Lachmanns,  in  einer  Lachmanuschen 
Vorlesung  über  die  geschichte  der  älteren  deutschen  poesie  im  sommer 
1841  nachgeschrieben  hat,  finde  ich,  dass  Lachmann  sich  auch  in  der 
Vorlesung  in  ähnlicher  weise  ausgesprochen  hat.  Die  betreffende  stelle 
lautet  in  Sommers  hefte  wörtlich:  ,,Ein  grosses  verdienst  von  Hoffmann, 
dass  er  den  codex  wieder  aufgefunden  hat.  Von  ihm  herausgegeben 
unter  dem  titel:  Elnonensia  etc.  par  Hoffmann  et  Willems.  Doch  ist 
Hoffmanus  text  noch  nicht  befriedigend;  z.  b,  [Wackernagels 
leseb,]  110,  1  |=-  v,  56]  jah  nllcu  hcillgon  thanc  sicher  eine  con- 
jectur Ton  Hotfmaiiii,  für  g-ah.  Die  construction  sprachwidrig;  jeJien 
c.  gen."  Dass  aber  Lachmann  diese  seine  ansieht  in  seinen  letzten 
lebensjahren  geändert  hätte,  davon  ist  mir  nichts  bekannt  worden,  auch 
kann  ich  es  durchaus  nicht  für  wahrscheinlich  halten. 

Es  ist  aber  meines  bedünkeus  auch  gar  nicht  so  schwierig,  die 
gründe  aufzufinden,  welche  solche  bedenken,  wie  die  von  Lachmann 
gehegten,  erwecken  und  rechtfertigen. 

Erwägen  wir  zunächst  den  diplomatischen  Sachverhalt. 

Das  Ludwigslied  reicht  in  der  handschrift  von  der  rückseite  des 
141.  bis  auf  die  Vorderseite  des  143.  blattes,  und  zwar  beginnt  die  letzt- 
genannte Vorderseite  grade  mit  vers  56 ,  und  ihre  drei  ersten  verse  stel- 
len sich  im  Hoffmannschen  drucke  folgendermassen  dar: 

143''  Iah  allen  IteiUgon  thanc.     Sin  imartli  ther  ßgiJcamf. 
. . .   Holar  abiir  hluduig.    kuning  uu  . . .  falig. 
. . .  garo  fo  fcr  hio  uuaf.    So  uuar  fo  fef  tlmrft  uuaf. 


ZUR    TEXTKRITIK    DES    LUDWIGSLIEDES  481 

Dazu  bemerkt  Hoffmann  selbst  s.  4:  „Lc  commencemenf  des  lignes 
57  et  58  manque ,  commc  ayant  eU  arrache  du  manuscrit ,  et  ä  la  ligne 
57^,  derriere  uu,  est  une  fache  qui  a  enlcve  deux  ä  trois  lettres."  Es 
befinden  sich  also  die  ersten  drei  zeilen  dieser  seite  in  ziemlich  schlech- 
tem stände,  und  namentlich  sind  die  gegen  den  rückenfalz  hin  liegen- 
den Zeilenanfänge  übel  zugerichtet.  Die  ersten  Wörter  der  57.  und  58. 
zeile  sind  durch  zerreissen  des  pergamentes  gänzlich  verloren  gegangen; 
und  wenn  zwei  abschriften  das  erste  wort  der  5G.  zeile  so  abweichend 
widergebeu ,  so  lässt  sich  um  so  mehr  vermuten ,  dass  auch  dies  wort 
nicht  unbeschädigt  geblieben  sein  werde.  Waren  aber  die  buchstabeu 
dieses  wertes  durch  verblassen,  durch  abreibung  oder  sonst  irgendwie 
beschädigt  und  undeutlich  geworden,  so  ist  doch  ganz  natürlich,  dass 
der  an  sie  herantretende  leser  dasjenige  aus  ihnen  herauslas,  von  dem 
er  schon  seit  jähren  glaubte  und  sich  überzeugt  hielt,  dass  es  dort  ste- 
hen müsse.  Wenn  also  vor  1<S0  jähren  der  voraussetzungslos  herantre- 
tende Mabillon  ein  ihm  unverständliches  Sab  dort  erblickte  und  unbefan- 
gen in  seine  abschrift  übertrug,  so  ist  doch  gar  nicht  zu  verwundern, 
dass  Hoffmann ,  mit  seiner  conjectur  jah  im  köpfe  herantretend ,  mit  der 
einzigen,  die  er  selbst  zum  Ludwigsliede  aufgestellt  hatte,  der  zu  liebe 
er  die  besserungsvorschläge  seiner  Vorgänger  verworfen  hatte,  die  er 
also  gleichsam  wie  ein  eigenes  und  einziges  kind  liebte  und  bevor- 
zugte ,  —  dass  Hoftmaun  seine  eigene  conjectur  in  den  zügen  der  hand- 
schrift  wider  zu  erkennen  glaubte ,  und  sie  dem  gemäss  in  seine  abschrift 
aufnahm.  Es  ist  das  um  so  natürlicher ,  da  ja  die  züge  der  handschrift 
selbst  sich  ganz  leicht  und  bequem  darein  zu  fügen  schienen.  Denn  ver- 
gleichen wir  die  Mabillonsche  lesung  und  die  Hoffmannsche,  so  finden 
wir  beiden  gemeinsam  den  vocal  a,  der  wol  am  wenigsten  verkannt  und 
verlesen  werden  konnte,  so  dass  wir  ihn  als  richtig  annehmen  dürfen. 
Als  endconsonanten  bietet  Mabillon  ein  6,  Hoffmann  ein  li.  Es  sehen 
aber  grade  h  und  h,  wie  das  den  Elnonensia  beigegebene  facsimile  aus- 
weist, einander  in  den  zügen  der  handschrift  so  ähnlich,  dass  der  gering- 
ste ausfall  der  schwärze  im  untersten  theile  des  bügeis  ausreicht,  um 
aus  dem  h  ein  li  zu  machen,  so  dass  selbst  bei  einer  nur  unbedeuten- 
den beschädigung  des  ersten  wertes  das  h  des  Schreibers  gar  leicht  als 
ein  h  gelesen  Averdeu  konnte.  Die  anfangsbuchstaben  der  verse  endlicli 
sind  in  der  handschrift  mit  uncialen  geschrieben.  Uncialen  dieser  schrift- 
gattung  sind  aber  schon  an  sich  nicht  immer  auf  den  ersten  blick  leicht 
und  sicher  zu  lesen  und  zu  unterscheiden,  wie  vielmelir  wenn  sie  durch 
eine  beschädigung  undeutlich  geworden  sind.  Daher  darf  es  widerum 
nicht  befremden,  wenn  Mabillon  dieselbe  unciale  als  S,  Hoffmann  dage- 
gen als  I  las  und  abschrieb.  —     Soll   nun  aber  der  kritiker  unter  die- 


482  ZACHER 

seu  beiden  von  einander  abweichenden  angaben  eine  entscheidende  wähl 
troffen ,  so  wird  er ,  nach  dem  alten  bewährten  kritischen  gruudsatze, 
die  an  sich  richtige,  correcte  und  leicht  verständliche,  aber  in  diesem 
znsammenhange  sehr  befremdliclie  form  jah  znrückstehen  lassen  hinter 
der  sinnlosen  form  sah,  welche  eben  deshalb,  weil  sie  sinnlos  ist,  nicht 
eine  Avillkürliche  und  absichtliche  änderung  des  abschreibers  sein  kann, 
sondern  höchst  wahrscheinlich  nur  eine  durch  einen  lese-  oder  Schreib- 
fehler verursachte  entstellung  des  richtigen  und  echten  enthält ,  und  wird 
aus  ihr  durch  beseitigung  dieses  fehlers  das  echte  und  richtige  herzu- 
stellen suchen.  Mit  je  geringerer  änderung  der  Überlieferung  ihm  das 
gelingt ,  um  desto  glaubwürdiger  wird  einerseits  die  Überlieferung  erschei- 
nen, und  um  desto  zuversichtlicher  darf  er  andrerseits  annehmen,  dass 
er  sell)st  mit  seiner  besserung  das  richtige  getroffen  habe.  Genau  in 
diesem  falle  findet  sich  aber  die  Mabillou  -  Schiltersche  Überlieferung  sah, 
und  die  besserung  gah  der  Lachmannschen  kritik. 

Es  bedarf  wol  kaum  der  erinnerung,  dass  diese  darlegung  nicht 
im  entferntesten  die  absieht  hat,  die  gewissenhaftigkeit  Hoffmanns  zu 
verdächtigen  und  sein  verdienst  herabzusetzen,  sondern  dass  sie  lediglich 
bezweckt,  den  hergang  als  einen  sehr  natürlichen  und  kaum  vermeid- 
lichen  zu  erklären,  und  zugleich  zu  zeigen,  wie  eine  methodische  und 
besonnene  kritik,  wie  sie  Lachmann  geübt  und  gelehrt  hat,  in  solchem 
falle  verfährt,  um  unter  anwendung  bewährter  grundsätze  und  kunstre- 
geln das  richtige  mit  möglichster  Wahrscheinlichkeit  zu  ermitteln. 

Doch  hiermit  wäre  die  sache  noch  niclit  endgiltig  erledigt.  Es 
muss  noch  die  aus  der  spräche  nachzuweisende  begründung  bestätigend 
und  abschliessend  hinzutreten. 

Der  Hoffmannsche  text  der  Elnonensia  jah  allen  heiligon  tlianc 
construiert  das  verbum  jelian  mit  dem  dativ  der  person  und  dem 
accusativ  der  sache.  Einen  accusativ  des  objectes  neben  jehan  hat  man 
bis  jetzt,  so  viel  mir  bekannt,  auf  dem  gesamten  gebiete  der  althoch- 
deutschen litteratur  nur  an  drei  stellen  nachgewiesen,  welche  alle  drei 
bei  Graff  (1,  582)  verzeichnet  stehen,  und  von  denen  die  eine  zugleich 
auch  den  dativ  der  person  neben  dem  accusativ  der  sache  darbietet. 
Die  erste  dieser  stellen,  auf  s.  73  der  von  Jac.  Grimm  1830  herausgege- 
benen hymnen  (26,  1,  2)  lautet:  ihili  truMnan  geJiemcs,  und  ist  eine 
Übersetzung  von:  te  dominuin  confitcmur,  oder  der  zweiten  zeile  aus 
dem  sogenannten  Ambrosianischen  lobgesange  Te  deum  laudanms.  Das 
ist  ja  aber  eine  interlinearver sion,  d.  h.  eine  solche  Übersetzung, 
deren  eigentlicher  zweck  ist,  jedes  einzelne  wort  des  lateinischen  tex- 
tes  so  treu  als  möglich  einzeln  widerzugeben.  Thili  ist  also  hier  nur 
die  Übersetzung   von   te,   gcliemes   nur   die  Übersetzung  von   confitemur, 


ZUR   TEXTKRITIK   DES   LUDWIG  SLIEDES  483 

und  ebenso  ist  auch  die  construction  tlilh  gchoiws  nur  die  beibehaltene 
lateinische  te  confitemur;  grade  so  wie  in  str.  8  desselben  hyninus 

suanari    [za]  kelaupannc  pist     tmesan     clmmftiger 
judex  crcderis  esse  venfurus 

wort  für  wort  des  lateinischen  textes  widergegeben  wird  mit  einer  con- 
struction und  Wortstellung,  die  niemals  weder  deutsch  gewesen  noch 
geworden  ist.  Das  tliih  gcJiemes  dieser  stelle  der  hymnen  (in  welcher 
übrigens  tliih  ein  accusativ  der  person  wäre),  kann  also  als  ein  bewei- 
sendes Zeugnis  dafür,  dass  eine  construction  \on  jehan  mit  dem  accu- 
sativ der  deutschen  spräche  gemäss  gewesen  sei ,  nicht  angezogen 
werden.  —  Die  zweite  stelle,  bei  Hattemer,  Denkmahle  des  Mittelalters 
1,  44:  ulnliu  siniu  helitaniu  ....  cote  gelian  ist  eine  Übersetzung  von: 
mala  sua  praeterita  ....  deo  eonfderi.  Das  ist  ja  aber  wider  eine 
interlinear  Version,  eine  zeile  aus  der  dem  Kero  zugeschriebenen 
interlinearversion  der  benedictinerregel.  Sie  ist  also  genau  eben  so  wenig 
beweisend ,  wie  die  erstgenannte  stelle  aus  den  hymnen.  —  Endlich  die 
dritte  stelle,  aus  dem  Notkerschen  katechismus,  lautet  bei  Müllenhoff" 
und  Scherer,  denkmäler  etc.  s.  195  im  texte  B  allerdings:  uuanda  sl 
elliu  sament  ein  gloubit  unde  ein  gihlt;  dagegen  ebendas.  s.  190  im 
texte  A:  uuanda  si  dlliu  sament  ein  gelouhet  unde  eines  jlehet.  — 
Es  bleibt  uns  also  für  die  construction  von  jelian  mit  dem  accusativ 
aus  der  gesamten  althochdeutschen  litteratur  nur  ein  einziges, 
verhältnismässig  spätes,  und  noch  dazu  schwankendes  zeugnis.  Die 
noch  späteren  Zeugnisse  aber  aus  der  mittelhochdeutschen  litteratur  sind 
so  spärlich  und  so  untergeordneten  vorkonmiens,  dass  Wilhelm  Müller 
im  mittelhochdeutschen  Wörterbuche  1,  513  sich  bewogen  fand  zu  sagen: 
„Entscheidende  belege  für  den  accusativ  der  sache  bei  j('//6«i  finden 
sich ,  meines  wissens ,  in  der  älteren  spräche  durchaus  nicht ,  und  selbst 
in  der  späteren  gehören  sie  wol  mehr  den  abschreibern  an  als  dem 
urkundlichen  texte."  Jedenftxlls  ist  die  construction  von  jelian  mit  dem 
accusativ  der  sache  selbst  in  mittelhochdeutscher  spräche  nicht  „  legitim," 
wie  Lachmann  das  zu  nennen  pflegte,  d.  h.  nicht  so  üblich  und  unan- 
stössig,  dass  jeder  schriftsteiler  sie  unbedenklich  gebraucht  hätte,  und 
dass  man  sie  folglich  auch  jedem  unbedenklich  zumuten  könnte;  sondern 
im  gegenteil  bleibt  sie  sogar  noch  im  mittelhochdeutschen  vereinzelt  und 
auffällig. 

Doch  gesetzt  auch  die  construction  jah  allen  heiUgon  thanc 
wäre  zulässig;  Aväre  dann  damit  dem  verse  geholfen?  Wie  stünde  es 
dann  um  die  bedeutung?  Wie  sollte  man  dann  den  vers  verstehen 
und  übersetzen? 


484  ZACHER 

ZAvar  vermag  icli  etymoloo-ie  und  gTundbedeutung  von  jclinn,  nicht 
anziigebon,  weiss  aueli  nicht,  dass  jemand  sie  bis  jetzt  befriedigend  dar- 
getan hätte;  aber  die  hauptbedeiitung  des  wertes,  und  diejenige,  aus 
der  die  übrigen  sich  gar  wol  ableiten  lassen ,  ist  doch ,  so  viel  ich  sehen 
kann,  nicht  „sagen"  oder  „sprechen,"  sondern  „aussagen,  be- 
k  e  n  n  e  n ,"  wie  denn  auch  jehan  weit  überwiegend  zur  Übersetzung  von 
fafcri ,  confiferi  verwendet .  wird.  Soll  denn  aber  der  sinn  des  verses 
sein:  „König  Ludwig  sagte  aus,  bekannte,  dass  alle  heiligen  dank  ver- 
dienen, oder  dass  er  ihnen  dank  schulde?"  Oder  muss  der  sinn  nicht 
vielmehr  sein:  „König  Ludwig  brachte  allen  heiligen  dank  dar;  er  sprach 
ihn  aus"  (durch  dankgebet,  lobpreisung,  gelübde  u.  s.w.);  aber  nicht: 
er  sagte   ihn  aus? 

Beherzigen  wir  die  wolbegründete  Lachmannsche  forderung:  „wer 
eine  handschrift  richtig  lesen  will,  muss  genau  wissen,  was  dastehen 
kann  und  nicht  dastehen  kann ! "  und  fragen  wir  demgemäss :  welche  aus- 
drucksform  des  aus  dem  zusammenhange  erkennbaren  gedankeus  würde 
wol  der  damaligen  deutschen  spräche  gerecht  gewesen  sein?  Den  rich- 
tigen weg  zur  beantwortung  dieser  frage  zeigt  uns  ganz  anschaulich  ein 
beispiel.  In  der  Vulgata  heisst  es  bei  erzählung  der  darstellung  Christi 
im  tempel  (Luc.  2 ,  28)  von  Simeon :  et  ipse  accepit  eum  in  ulnas  suas 
et  henedixit  De  um,  (Luther:  da  nahm  er  ihn  auf  seine  arme  und 
lobte  gott).  Das  lautet  in  der  Übersetzung  Tatians  (cap.  VIL  p.  9.  ed. 
Schmeller):  licr  tliö  iirpfieng  inan  in  sine  arma,  inti  lohota  got. 
Dagegen  im  Heliand  475  fg. 

thö  sagäa  he  waldande  tlianh, 
al-nuüdigon  godc,         fhcs  he  ina  mid  is  ögun  gisah, 
geng  im  fho  fegegnes         endi  ina  gerna  antfeng, 
ald  mid  is  armuri. 
Wir  lernen  aus  diesem  beispiele,  dass  lobön  und  dankön  im  sinne 
des  kirchlichen  henedicere  schon  dem  neunten  Jahrhunderte  S3monym  waren, 
wie  sie  es  uns  noch  heut  sind,  und  dass  sie  für  einander  eintreten  konn- 
ten.    Dem  entsprechend  dürfen  wir  von  vorn  herein  erwarten,  für  beide 
auch  parallele  ausdrucksformeln  und  constructionen  zu  finden;  und  diese 
Voraussetzung  wird  denn  auch  durch  die  thatsachen  bestätigt. 

Die  einfachste,  der  deutschen  spräche  gemässeste,  und  daher  auch 
am  häufigsten  vorkommende  ausdrucksweise  ist  die  durch  das  einfache 
verbum  lohon  und  dank  du.  So  entsprechen  sich:  (hat  sie  thes  himi- 
lisJcan  fader  lobön.  Hei.  1404  und:  Sie  thanhmt  es  mit  ivorte  Kriste. 
Otfr.  2,  10,  18.  —  Die  aus  den  Substantiven  loh  und  danc  und  einem 
verbum  zusammengesetzten  formein  scheinen  sich  hauptsächlich  in  uach- 
büdung  lateinischer  ausdrücke,   wie  hene-dicere ,  laudem  darc,  gratias 


ZUR    TEXTKRITIK   DES    LUDWIGSLIEDES  •  485 

agere,  grutiam  reddere  eingestellt  zu  haben.  Ihr  vorkommen  ist  ein 
migleichmässiges ,  und  zum  tlieil  nur  ein  spärliches  oder  vereinzeltes  und 
vorübergehendes.  Die  herscheude  forme!  für  ,, danken"  in  der  Vulgata 
ist  „gratias  agere."  Das  wird  im  texte  der  Fragnienta  theotisca 
noch  widergegeben  durch  einfaches  danJidn;  dagegen  herscht  im  texte 
des  Tatian  schon  durchgehend  die  formel  danc  tiion.  So  z.  b.  lauten 
die  werte  der  Vulgata  Math.  26,  27:  et  accipiens  calicem  gratias  egit, 
in  den  Fragm.  theot.  (s.  11  der  ausg.  v.  1841)  noch:  Enti  nam  clieliJi, 
dancJiöta;  dagegen  bei  Tatian  (ed.  Schmeller  c.  156.  p.  125)  bereits: 
Intfieng  tho  tJien  kelih,  thanc  tcta.  (Vgl.  Luc.  18,  11.  und  Job.  11,  41. 
gratias  ago  =  thanc  tuon,  Tat.  c.  118,  u.  c.  135;  Matth.  15,  36.  gra- 
tias agens  =  thanc  tuoiiti,  Tac.  c.  89;  Luc.  17,  16.  gratias  agens  = 
thanca  tuonti.  Tat.  c.  111;  Job.  6,  23.  gratias  agenie  Domino  =  thanca 
tuonte  truhtine,  Tat.  c.  82  etc.).  Dass  aber  diese  formel  danc  tuon  aus 
der  lateinischen  formel  gr(dias  agere,  oder  doch  unter  deren  eiuflusse 
entstanden  ist,  dafür  scheint  auch  zu  sprechen  die  glosse:  gratiarum 
actio:  dancho-tät  (Nyerup  Symb.  207).  Diesem  danc  tuon  gegenüber 
finden  wir  ein  loh  tuon  in  der  Notkerscheu  Psalmenübersetzung  15,  7: 
Loh  tuon  ih  cote ,  als  Übersetzung  des  Bencdicam  Dominum  der  Vulgata. 
—  Wie  wir  aber  eben  sahen,  dass  das  henc-dicere,  das  aussprechen 
des  lobes  oder  dankes,  im  Heliand  (475)  durch  thanh  seggian  ver- 
deutscht wurde,  so  finden  wir  auch  wider  diesem  gegenüber  ein  loh 
sagen  in  unserm  Ludwigsliede  selbst  v,  45:  gode  loh  sageda.  —  Die- 
selbe deutsche  formel  thö  sagdun  sie  lof  gode  begegnet  im  Heliand  3584 
als  Übersetzung  des  Vulgataverses  (Luc.  18,  43)  et  omnis  pM)S  dedit 
lau  dem  deo.  Enger  an  die  formel  dedlt  laiidem  des  lateinischen  origi- 
nales schliesst  sich  aber  die  Verdeutschung  derselben  stelle  bei  Tatian 
(ed.  Schm.  c.  115.  p.  85):  inti  al  taz,  folc  gah  gote  loh.  Und  hiermit 
sind  wir  auf  die  dritte  formel  gekommen,  auf  loh  geh  an,  dem  gegen- 
über auch  ein  dank  geh  an  zu  erwarten  wäre.  Wenn  nun  die  formel 
daoic  gehan  bis  jetzt  aus  der  übrigen  althochdeutschen  litteratur  nicht 
nachgewiesen  worden  ist,  so  wäre  es  doch  ein  ganz  unlogischer  schluss, 
daraus  die  allgemeine  behauptung  zu  folgern,  sie  sei  in  der  deutschen 
spräche  des  9.  und  10.  Jahrhunderts  überhaupt  nicht  vorhanden,  oder 
wol  gar  unmöglich  gewesen.  Im  gegenteil,  wenn  die  lateinische  formel 
gratiam  reddere  bereits  in  der  alten  lateinischen  litteratur  gangbar  war, 
wenn  sie  im  Vulgärlatein  Galliens  so  allüblich  gewesen  sein  muss,  dass 
daraus  die  französische  redensart  rendrc  gruee(s)  liervorgieng,  so  ist 
doch  fast  undenkbar,  dass  sie,  namentlicli  in  der  gegend ,  in  welcher 
das  französische  gediclit  auf  Kulalia  aufgezeichnet  wurde,  niclit  auch 
hätte  eingang  in  die  deutsche  spräche  finden  sollen.     Allgemeine  veibrci- 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOL.  32 


4S6  ZACHER 

timg  unil  dauernden  bestand  brauchte  sie  deshalb  eJjen  so  wenig  zu 
gewinnen  als  die  dem  lateinisclien  gratias  agcrc  entsprecliende  forniel 
danc  tuon,  für  welclie  doch  reichliche  belege  aus  Tatiau  zu  entnehmen 
sind.  Jedenfalls  konnte  der  dichter  des  Ludwigsliedes,  der  ja  doch  die 
gelehrte  bildung  eines  geistliclien  besass,  nach  analogie  der  deutschen 
formel  lob  geban  und  der  lateinischen  gmtiam  rcddere  eine  deutsche 
formel  danc  geban  anwenden  oder  auch  selbst  zuerst  bilden,  ohne  der 
deutsclien  spräche  die  geringste  gewalt  anzutun ,  und  ohne  zu  besorgen, 
dass  seine  zuhörer  den  geringsten  anstoss  daran  nehmen  würden. 

Der  dichter  des  Ludwigsliedes  konnte  also  den  gedanken,  welchen 
er  aussprechen  wollte ,  folgendermassen  ausdrücken : 

thancoda  allen  lieiligon 
oder         sageda  allen  heüigon  tlianc 
oder         ded  allen  lieiligon  tlianc 
oder        gab  allen  lieiligon  tlianc. 

Für  den  auftact  des  verses  taugten  natürlich  nur  die  beiden  letztgenann- 
ten einsilbigen  formen  ded  und  gab.  Möglich  wäre  sogar,  dass  der 
dichter  den  bedeutungsunterschied  zwischen  gratiam  reddcrc  und  gratias 
agere  gekannt,  und  deshalb  absichtlich  die  formel  gab  danc  gewählt  und 
der  für  gratias  agere  anderweit  belegbaren  formel  deda  danc  vorgezogen 
hätte.  Er  hätte  dann  andeuten  wollen ,  könig  Ludwig  habe  den  heiligen 
den  dank  für  ihre  siegeshilfe  nicht  bloss  in  werten,  sondern  auch  durch 
thaten,  etwa  durch  erbauung  und  ausstattung  der  vor  und  während  der 
Schlacht  ihnen  gelobten  kirchen  u.  dgl.  abgestattet. 

Da  nun  die  formel  gab  danc  nur  den  einzigen  zufälligen  und  unwe- 
sentlichen mangel  hat,  dass  ihr  kein  belegendes  beispiel  aus  der  übri- 
gen althochdeutschen  litteratur  zur  seite  tritt,  während  sie  doch  an  sich 
durchaus  nicht  sprachwidrig,  sondern  im  gegenteile  ganz  correct  gebil- 
det ist  und  auch  dem  sinne  vortrefflich  entspricht,  so  ist  klar,  mit  wie 
gutem  rechte  die  vorzüglichsten  kenner  des  althochdeutschen ,  Lachmann, 
Jacob  Grimm,  Wackernagel,  Graff  sie  aufgenommen  und  anerkannt 
haben. 

So  sprechen  also  die  gewichtigsten  gründe  für  die  Wahrscheinlich- 
keit, dass  in  der  handschrift  selbst  zu  anfange  des  verses  56  nicht  jali, 
sondern  gab  zu  lesen  sei.  Über  die  Vermutung  freilich  und  über  die 
Wahrscheinlichkeit  können  wir  mit  unseren  gegenwärtigen  kritischen  hilfs- 
mitteln  nicht  hinaus.  Gewisheit  könnte  uns  hier  nur  eine  zuverlässige 
neue  collation  geben.  Wenn  aber  eine  solche  collation  -—  denn  möglich 
bleibt  ja  doch  auch  das  unwahrscheinliche  —  dennoch  bestätigte,  dass 
wirklich  ;a/?,  wie  Hoffmann  gelesen  hat,  in  der  handschrift  selbst  stehe, 


ZUR   TEXTKRITIK   DES    LUD\^^GSLIEDES  487 

dann  hätten  Avir  doch  wol  ein  vollkommen  sicheres  beispiel  für  die 
bisher  bezweifelte  construetion  von  jnh  mit  dem  accusativ  der  sache, 
und  mttsteu  uns  dem  Zeugnisse  der  handschrift  unterwerfen,  die  für  das 
gedieht  einer  Originalaufzeichnung  des  Verfassers  gleich  zu  achten  wäre? 
Der  unbefangene  und  behutsame  kritiker  wird  sich  nicht  zu  einer  so 
raschen  Schlussfolgerung  verlocken  lassen;  er  wird  vielmehr  urteilen: 
dann  blieben  alle  die  aufgezeigten  bedenken,  nicht  blos  hinsichtlich  der 
construetion ,  sondern  auch  hinsichtlich  des  sinnes ,  nach  wie  vor  in  kraft, 
und  wir  hätten  dann  eben  nur  eine  anstössige  und  verdächtige  stelle 
mehr  zu  registrieren  zu  den  verschiedenen  anderen  mislicheu  und  bedenk- 
lichen stellen,  die  das  gedieht  enthält,  und  auf  Avelche  Lachmann  als 
ein  scharfer,  feiner  und  tiefeindringender  kritiker  und  exeget  auch  nicht 
ermangelte,  seine  zuhörer  aufmerksam  zu  machen.  Denn  das  war  ja 
eben  auch  eine  haupttugend  der  feinfühligen  und  auf  den  grund  dringen- 
den Lachmanuschen  kritik  und  exegese,  dass  er  an  den  Schwierigkeiten 
nicht  schweigend  vorübergieng,  sondern  dass  er  grade  im  gegenteil  die 
Schwierigkeiten  hervorhob,  wo  der  zuhörer  sie  übersehen  haben  würde, 
dass  er  sie  aufdeckte,  wo  der  zuhörer  sie  nicht  einmal  erkannt  haben 
würde,  dass  er  sie  erklärte  und  löste,  so  weit  er  es  vermochte,  dass  er 
endlich  da,  wo  er  sie  nicht  zu  heben  im  stände  war,  offen  aussprach: 
„das  weiss  ich  nicht."  Abgesehen  von  unklar  ausgedrückten  versen,  wie 
V.  13  sume  sär  verlorane  wurdmi  sumcrlioranc  und  v.  43  tvoldcr  war 
errahcliön  stna  ividarsaliclion ,  oder  von  orthographischen  und  metrischen 
mangeln ,  wie  v.  20  tvas  crholgan  Krist  (wo  man  Lachmanns  urteile  bei- 
stimmen wird ,  dass  die  Wackernagelsche  ergänzung  imo  „  wegen  des 
verses  und  sinnes  notwendig"  sei),  oder  v.  38  will  her  statt  wili  er,  — 
welches  alles  Lachmann  zu  i-ügen  nicht  verabsäumte,  —  lesen  wir  z.  b. 
V.  2.  Ih  tvei^  her  inios  lonot  mit  der  üblichen  genitivischen  construetion, 
dagegen  v.  40  genau  dieselbe  redensart  III  g'doudn  inio^  mit  unüblicher 
und  anstössiger  accusativischer  construetion,  und  umgekelirt  v.  21  die 
auffällige  genitivische  construetion  Tlioh  erharmedes  got  statt  der  übli- 
chen accusativischen  crharmcdc^.    In  den  versen  44  —  47 

TJw  ni  was  i^  huro  lang,  Fand  her  thia  Northman. 

Gode  loh  sage  da,  Her  sihit  thes  her  gereda. 

Tlier  huning  reit  kuono,  Sang  lloth  fräno, 

Joh  alle  sanian  sungun  „Kyrrie  leison." 

würde  das  praesens  historicum  sihit  sogar  nocli  nach  mittelliochdeut- 
scher  ausdrucksweise  höchst  auffällig  sein,  geschweige  nach  althochdeut- 
scher, und  gar  noch  mitten  unter  lauter  präteritalformen ,  tvas,  fand, 
sagrda,    reit,   sang,    sungun.      Durcli    dergleichen    anstössigkeiten ,    die 

32* 


48S  ZACHER,    Z.    TEXTKHITIK    P.    MIDWIGSLIEDES 

mimöglicli  alle  erst  der  HoÖniauuschen  abschrift  zur  last  falleii  köuiiou, 
■wird  luisore  nu'immg  von  der  Genauigkeit  und  Zuverlässigkeit  des  sclirei- 
bers  der  haudschrift  selbst  ziemlich  herabgestimt.  Wir  haben  deshalb 
vollen  grund  den  verlust  der  Originalhandschrift  ernstlich  zu  bedauern, 
da  sie  uns  durch  eine  so  mangelhafte  aufzeichnung ,  wie  die  in  dei-  haud- 
schrift von  Valeuciennes ,  doch  nur  unvollkommen  ersetzt  wird ;  und  end- 
lich ist  die  kritik  vollberechtigt,  einer  so  mangelhaften  aufzeichnung 
gegenüber,  entschiedener  aufzutreten  und  einzugreifen. 

Ziehen  wir  nun  aus  alle  dem  die  summa,  so  erhalten  wir  folgen- 
des eudergebnis: 

Der  Hoffmannsche  text  des  Ludwigsliedes,  wie  er  in  der  ersten 
ausgäbe  der  Eluonensia  vorliegt,  zeigt  so  bedenkliche  und  anstössige 
stellen,  namentlich  zu  anfange  des  56.  verses ,  dass  der  zweifei  aufsteigt 
und  berechtigt  erscheint,  ob  Hoffmann  überall  richtig  gelesen  und  abge- 
schrieben habe. 

Wenn  die  neueste  ausgäbe  des  Ludwigsliedes  in  den  Denkmälern 
deutscher  poesie  und  prosa  von  Müllenhoff  und  Scherer  im  wesentlichen 
den  Hottmannschen  text  widergibt  und  in  dem  beigefügten  commentare 
die  bedenken  unerwähnt  und  unbesprochen  lässt,  so  wird  —  und  zwar 
um  so  mehr,  weil  dieses  werk  nach  der  kritischen  wie  nach  der  exege- 
tischen Seite  hin  so  bedeutendes  geleistet  hat  und  mit  recht  ein  so 
hohes  ansehen  geniesst  —  derjenige,  der  in  diese  Studien  nicht  schon 
tiefer  eingeweiht  ist,  gefahr  laufen,  zu  der  meinuug  zu  gelangen  oder 
in  ihr  bestärkt  zu  werden ,  dass  mit  dem  Hoffmaunschen  texte  die  kritik 
des  Ludwigsliedes  erledigt  sei. 

Deshalb  muss  der  litteraturhistoriker  und  der  litterarhistorische  kri- 
tiker  • —  nicht  um  die  herausgeber  zu  hofmeistern,  denn  eine  gesunde 
und  anständige  kritik  hat  es  mit  den  Sachen,  nicht  mit  den  personen  zu 
thun  —  sondei'n  um  der  Wissenschaft  nach  bestem  vermögen  zu  dienen, 
diejenigen,  welche  davon  gebrauch  machen  können  und  wollen,  darauf 
aufmerksam  machen, 

Dass  mit  dem  Hoffmaunschen  texte  die  kritik  des  Ludwigsliedes 
noch  nicht  erledigt  ist, 

Dass  eine  neue,  ganz  genaue  und  zuverlässige  collation  der  haud- 
schrift wünschenswert,  ja  unerlässlich  erscheint, 

Dass  die  Lachmannsche  ausgäbe  des  Ludwigsliedes  von  1825  noch 
keineswegs  antiquiert  ist,  sondern  schätzbare  fiugerzeige  für  die  kritik 
enthält,  welche  noch  jetzt  ihre  volle  und  fruchtbare  bedeutung  haben, 
und  diese  auch  für  die  beurteilung  und  Verwertung  einei  neuen  collation 
der  haudschrift  niclit  minder  Itehalten  werden. 


JACOB    GRIMM  ,     LEBENSÄBRISS  489 

Durcli  diese  ausfülirlichere  darlegimg  und  besprecliimg  des  Sachver- 
haltes in  beziehuug  auf  die  textkiitik  des  Ludwigsliedes ,  und  namentlich 
in  beziehung  auf  den  beanstandeten  anfang  des  56.  verses,  hoft'e  ich  den 
o-eneigten  leser  in  den  stand  gesetzt  zu  haben,  dass  er  selbst  auf  grund 
einer  genügenden  kenntnis  der  thatsachen  sich  ein  eigenes  selbständiges 
urteil  bilden  kann.  Dabei  bot  sich  auch  gelegenheit  zu  zeigen,  wie  eine 
so  methodische,  eindringende,  feine  und  umsichtige  kritik,  wie  Lacli- 
mann  sie  übte  und  lehrte ,  in  solchem  falle  verfuhr.  Zugleich  meine  ich 
hiermit  die  in  Haupts  Zeitschrift  für  deutsches  altertum  14,  556  fg. 
geäusserten  bedenken  ausreichend  erledigt  zu  haben. 

HALLE.  J.   ZACHER. 


MISCELLEN  UND  LITTEEATUR. 
Ein  Lebeiisabriss  Jacolb  Oriiums. 

Die  mitteilung  der  nachstehenden  eigenhändigen  aufzeichnung  Jac.  (Jrimms 
verdanken  mr  der  gute  des  herrn  buchhändlers  dr.  S.  Hirzel  in  Leipzig.  Diese 
kurze,  frische  und  charakteristische  selbstüberschau  eines  langen,  arbeits-  und  segens- 
reichen lebens  fügt  zu  den  im  ersten  bände  der  ,, kleinen  schriften  Jacob  Grimms" 
mitgeteilten  lebensuachrichten  eine  willkommene  ergänzung  und  wird  den  freunden 
und  Verehrern  desselben  um  so  schätzbarer  sein,  da  zusammenhängende  autobiogra- 
phische aufzeichnungen  aus  seinen  letzten  lebensjahren  nicht  bekannt  worden  sind. 

RED. 

Jacob  Gri-imm,  geb.  4.  Jan.  1785.  Den  ersten  rohen  Unterricht  ertheilte  ihm 
Präceptor  Zinkhan  zu  Steinau  an  der  Strasse  (Abhandl.  der  Berliner  Akad.  der  Wis- 
sensch.  1849  s.  165),  hernach  auf  dem  Casseler  Lyceum  (unter  Eichter)  gebildet,  stu- 
dierte er  seit  1802  die  Rechte.  1805  folgte  er  einer  Einladung  seines  Lehrers  Savigny 
nach  Paris,  dem  er  dort  bei  litterarischen  Arbeiten  half;  Savignys  wohlthätigen  Ein- 
fluss  auf  ihn  hat  er  geschildert  in  der  Zueignung  der  deutschen  Grammatik  und  in 
einer  Glückwünschungsschrift  zu  dessen  Jubilaeum  (das  Wort  des  Besitzes.  Berlin  1850). 
Nach  Hessen  180G  zurückgekehrt  wurde  er  1806  Kriegsseki-etär  und  die  ihm  vom 
lästigen  Amt  sparsam  gegönnte  Müsse  machte  ihm  die  ersten  Schritte  im  Studium  der 
Literatur  und  Dichtkunst  schwer,  wozu  er  sich  bereits  in  Paris  gewendet  hatte.  Als 
Hessen  feindlich  überzogen  und  ein  Königreich  Westfalen  errichtet  war ,  erhielt  er  auf 
Johannes  Müllers  Empfehlung  die  Aufsicht  über  die  schon  vom  Kurfürst  angelegte 
Bibliothek  zu  Wilhelmshöhe  und  wurde  später  daneben  nochStaatsrathsauditor,  bewahrte 
aber  unter  dem  französischen  Rock  sein  deutsches  Herz  und  liess  in  den  begonnenen 
Forschungen  nicht  nach.  Bei  des  Kurfürsten  Rückkehr  folgte  er  1814  dem  hessischen 
Gesandten  als  Sccretär  ins  Haupt(|uartier  der  Verbündeten ,  auch  später  nach  Paris  und 
zum  Congress  nach  Wien,  wo  er  bis  Juni  1815  verweilte.  Einen  Monat  darauf,  im 
Auftrag  der  Preussischcn  Regierung  nochmals  nach  Paris  gesandt,  um  die  aus  ver- 
schiednen  Gegenden  dort  zusammengeschlei)ptcn  Handschriften  zu  ermitteln  und  zu- 
rückzufordern, hatte  er  daneben  auch  einige  Geschäfte  des  Kurfürsten  zu  besorgen, 
nach  deren  Vollziehung,  entschlossen  diese  öffentliche  Laufbahn  zu  verlassen,  er  ISlö 


400  JACOB    GRIMM,    LEBENSAHßlSS 

als  zweiter  lübliothccar  in  ('assel  angestellt  wurde  und  nun  in  glücklicher,  heilsamer 
Kühe  eine  Reihe  von  Jahren  seinen  Arbeiten  obliegen  und  deren  Ertrag  dem  Publikum 
allmälich  vorlegen  konnte.  Als  nach  Volkels,  des  ersten  Bibliothekars  Tod  ihm  nun 
Rommel  vorgezogen  wurde,  ertrug  er  diese  Ungerechtigkeit  nicht,  und  nahm  1830 
den  Ruf  nach  Göttingen  als  Professor  und  Bibliothekar  an ,  hielt  sieben  Jahre  hindurch 
Vorlesungen  über  deutsche  Sprache ,  Rechtsalterthümer  und  Geschichte  der  Literatur. 
Kaum  aber  war  das  Jubilaeum  der  Universität  im  Jahr  1837  feierlich  hegangen,  so 
fand  er  sich  unter  den  sieben  Professoren,  die  gegen  Aufliebung  des  Staatsgrundge- 
setzes Einsprache  thaten ,  wurde  im  December  seines  Amtes  entsetzt  und  mit  Dahlmann 
und  Gervinus  Landes  verwiesen  (vgl.  Jacob  Grimm  über  seine  Entlassung.  Basel  1838.) 
Die  nächsten  Jahre  lebte  er ,  am  altgewohnten  Orte ,  zu  Cassel  in  stiller  Zurückgezo- 
genheit und  ^vurde  im  Jahr  1841  nach  Berlin  berufen,  wo  er  als  Mitglied  der  Aka- 
demie zugleich  Vorlesungen  an  der  Universität  zu  halten  berechtigt  ist.  Zweimal 
zum  Vorsitzenden  der  Germanistenversammlungen  zu  Prankfurt  1846,  zu  Lübeck  1847 
gewählt,  sass  er  1848  in  der  Nationalversammlung  zu  Frankfurt  und  tagte  1849  mit 
zu  Gotha.  Was  ihm  in  seinen  äusseren  Stellungen  je  Leids  geschah  ist  ihm  stets  zum 
Heil  ausgeschlagen.  Als  er  Hessen  mit  tiefem  Schmerz  verlassen  muste  (und  wie 
möchte  er  heute  in  das  unglücklich  gemachte  Land  wiederkehren?)  gieng  ihm  statt 
der  beschränkten  Lage  ein  ehrenvolles,  reicheres  Leben  zu  Göttingen  auf,  nach  dessen 
Sperrung  er  in  Berlin  noch  freier  und  geförderter  sich  seiner  angeborueu,  ungeschwäch- 
ten Arbeitslust  hinzugeben  im  Stande  ist. 

Er  betrachtet  als  für  sein  Leben  und  seine  Wirksamkeit  entscheidend,  dass  die 
vom  früh  verstorbnen  Vater  selbst  noch  ausgegangne  Vorausbestimmung  zur  Rechts- 
wissenschaft ihn  abgehalten  hat,  sich  der  classischen  Philologie ,  avozu  wol  Trieb  und 
Anlage  in  ihm  gewesen  wäre,  enger  anzuschliessen,  an  deren  Platz  nunmehr  unver- 
merkt die  Neigung  festwurzeln  konnte ,  vaterländischen  Forschungen  alle  Kraft  zu  wid- 
men. Durch  die  Gunst  der  Verhältnisse  gelang  die  Losreissung  vom  zerstreuenden 
Geschäftsleben  und  die  feste  Anknüpfung  des  Verkehrs  mit  Büchern  und  dem  Alter- 
thum.  Das  deutsche  Studium,  fühlte  er  wol,  muste  ihm  Hauptaufgabe  werden  und 
bleiben ,  nicht  bloss  nebenbei  getrieben  werden ,  denn  es  fordert  den  Mittelpunkt.  Es 
kam  darauf  an,  einen  fast  ganz  brach  liegenden,  unabsehbaren  Boden  in  raschen 
Angriff  zu  nehmen  und  die  Früchte  wuchsen  nicht  karg  auf.  Für  seine  deutsche  Gram- 
matik konnte  er  alle  Vorgänger  von  Ikelsamer  bis  auf  Heyse ,  Adelung  mit  einge- 
. schlössen,  ungelesen  lassen  und  seine  Mythologie  gieng  hervor  im  sichern  Gefühl,  dass 
Rössig  und  Gräter  lauter  leeres  Stroh  gedroschen  und  eine  ganz  verkehrte  Weise  befolgt 
hatten.  Er  hat  nicht  zuviel  geschrieben,  ausser  vier  Bänden  der  mehrmals  umgear- 
beiteten, dennoch  unvollendeten  deutschen  Grammatik,  deutsche  Rechtsalterthümer 
(1828),  die  grosser  Erweiterung  fähig  und  bedürftig  wären,  deutsche  Mythologie 
(1835.  1844)  und  eine  Geschichte  der  deutschen  Sprache  (1848).  Versiegte  Quellen 
wieder  aufzuthun  lag  ihm  sehr  am  Herzen,  doch,  so  hoch  er  die  Critik  achtet  und 
an  Geistern,  die  für  sie  ausgerüstet  scheinen,  bewundert,  ihm  galt  es  mehr  darum, 
in  dem  flutenden  wasser  zu  baden,  als  die  hineingefallenen  Halme  und  Spreuer  weg- 
zuschaifen,  die  sich  entweder  von  selbst  ausstossen  oder  von  tapfern  Fegern  fortge- 
bracht werden.  Beim  Reinhart  Fuchs  (1835)  lag  ihm  weit  mehr  an  Entfaltung  des 
wunderbaren  Wesens  der  Thierfabel,  dieser  Reinhart  und  die  mühsam  zusammenge- 
brachten, noch  nicht  genug  erkannten  Weisthümer  (1840—42)  sind  ihm  seine  lieb- 
sten Bücher.  Für  sein  bestes  hält  er  (vielleicht  mit  Widerspruch  mancher  Leser)  die 
Geschichte  der  Sprache  ,  obgleich  sie,  zu  schnell  niedergeschrieben ,  an  mehrern  Stellen 
der  Nachhülfe  bcdarl'.     In  Haupts  Zeitschrift  und  in  den  Abhandlungen  der  Berliner 


A.   KÜHN,   ÜBER   HUGO  MEYER,   ROLAND  491 

Akademie  findet  sich  vielerlei  von  ihm.  Eine  Vorrede  zu  Merkels  lex  salica  behandelt 
die  Malbergische  Glosse  ausführlich  (1850).  Gemeinschaftlich  mit  Wilhelm  hat  er 
die  Kindermärchen  und  Sagen  gesam)uelt ,  die  sich  zum  Verdienst  anrechnen  das  Feld 
eröffnet  und  eine  Menge  ähnlicher  Sammhuigen  in  Deutschland  wie  ausserhalb,  her- 
vorgerufen zu  haben,  durch  welche  es  nun  möglich  geworden  ist,  die  reiche  Fülle 
solcher  Überlieferungen  zu  erschauen  und  fruchtbar  zu  bearbeiten.  In  alter  Gemein- 
schaft mit  dem  Bruder  soll  auch  die  umfassendste  Arbeit  ihres  Lebens,  wenn  sie,  wie 
sie  nun  begonnen  hat,  zur  Vollendung  gedeihen  kann,  das  weitaussehende  deutsche 
Wörterbuch  erscheinen. 


Eoland  von  dr.  Hugo  Meyer.  Osterprogramm  der  hauiitschule  zu  Bre- 
men.    1868.     22  s.  4. 

In  meist  überzeugender  weise  sucht  der  Verfasser  statt  der  bisher  versuchten 
historischen  anlehnung  der  Rolandsage  mythischen  niederschlag  in  derselben  nachzu- 
weisen und  fasst  aufs.  13  das  resultat  seiner  Untersuchungen  dahin  zusammen ,  ,,dass 
der  fränkischen  Eolandssage  ein  mythus  von  einem  gotte  Hruodo  oder  Bodo  zu 
gründe  liegt,  der  ums  jähr  800  etwa  diese  form  hatte:  Der  Sonnengott  Hruodo ,  Ber- 
thas  söhn,  ausgezeichnet  durch  sein  schwert  und  sein  hörn,  wii'd  vom  altfeinde  der 
götter ,  Gamalo ,  verraten ,  von  seinem  bluts  -  oder  bundesbruder ,  Oller ,  dem  schild- 
gott ,  dessen  Schwester  er  liebt,  wider  dessen  willen  tötlich  verwundet  und  endet  so 
im  kämpf  wider  die  unholde  im  dornental  unter  dem  weltbaum.  Die  sonne  bleibt 
nach  seinem  tode  still  stehen,  die  steine  weinen  um  den  verstorbenen,  die  geliebte 
folgt  ihm  in  den  tod." 

Er  sagt  dann  weiter:  „Es  liegt  mir  hier  nicht  ob,  diesen  mythus  auf  die  natur- 
anschauungen  zurückzuführen ;  niu-  so  viel  wird  sicher  sein ,  dass  hierin  dargestellt 
ist  der  kämpf  des  lichtes  und  des  dunkeis  während  der  Sonnenwende  oder  vielleicht 
noch  besser  während  der  herbstlichen  tag-  und  nachtgleiche." 

Im  folgenden  schliesst  er  dann  daran  noch  weitere  bestätigungen  aus  einzelnen 
sagen  und  gebrauchen,  die  ihn  zu  den  Eolaudssäulen  und  -bildern,  von  denen  er 
ausgegangen ,  zurückführen  und  ihn  in  Roland,  Irmin  und  Ziu  nur  verschiedene  namen 
des  einen  Sonnengottes  erkennen  lassen. 

Wir  können  auch  in  diesem  abschnitt  den  resultaten  des  Verfassers  im  ganzen 
nur  zustimmen,  die  auf  dem  gründe  sehr  richtigen  Verständnisses  der  mythensprache 
ruhen,  Avie  sich  in  vielen  einzelnen  punkten  auch  aus  der  mythologie  der  verwanten 
Völker  nachweisen  Hesse. 

Soviel  über  die  arbeit  im  allgemeinen;  hier  noch  einige  einzelheiten.  Wenn 
der  Verfasser  glaubt,  dass  auch  in  dem  namen  des  wilden  Jägers  Herodes  oder  Rods, 
der  doch  wol  in  christlicher  zeit  aus  Hrodo  entstellt  sei,  derselbe  Sonnengott  stecke, 
so  kann  ich  dem  nicht  beistimmen  nach  dem,  was  ich  in  dieser  Zeitschrift  I,  89  ff. 
als  den  grundcharakter  des  wilden  Jägers  nachgewiesen  zu  haben  glaube.  Dagegen  kann 
der  blosse  name,  der  doch  nichts  weiter  besagen  wird  als  der  berühmte,  ja  sehr 
wol  zwei  ganz  verschiedenen  göttern  zugestanden  haben ,  wie  z.  b.  Indra  und  Agni  bei 
den  Indern  oft  dieselben  beinamen  tragen;  wie  beide  z.  b.  Vritrahan ,  Vritratöter  und 
sahasvant,  siegreich  heissen.  —  Zu  dem  umdrehen  des  Rolands  bemerke  ich,  dass 
dieselbe  sage  auch  in  Stendal  geht  (mark.  sag.  s.  5) ,  wo  man  auch  erzählt,  der 
Roland  sei  verheiratet  und  der  zu  Buch  (in  der  Altmark)  stehende  sei  seine  frau! 
(ib.).  —    In  bezug   auf  die   erklärung   der  form  Tiodute  bemerke  ich,    dass   zu  ihr, 


4U2  A.    KUHN 

was  (las  broiiior  würtcrbudi  bietet,  doch  niclit  auwrciclit;  es  luit  kein  (inte,  sondern 
(hitfe,  und  zwar  mit  der  bedeutung  „ein  pHock,  zai>fen.''  Daye<,'cn  bieten  Scham- 
baeli- Müller,  niederdeutsches  wörterb.:  „(hit  (?sin<;-.  un^-ebr.),  [>\.(lutten,  subst.  def. — 
Nur  in  der  redeusart  in  (hiticn  (jän  in  triunnier  ^eheu,  zu  gründe  gehen  und  in 
iluttcn  slän  in  trlünnier  zerschlagen,"  woraus  sich  Avol  die  bedeutung  pfähl  einiger- 
niassen  rechtfertigen  lässt,  zumal  wenn  man  den  truneus  ligni  des  Rudolf  von  Fulda 
(myth.  106)  als  bezeichnung  der  Irmensäule  dazu  hält. 

Durch  Ziutar ,  Zeter  scheint  mir  die  annähme,  dass  der  weltbaum  auch  nach 
Zin  genannt  sei,  hinlänglich  gesichert,  zumal  ja  die  ursprüngliche  bedeutung  nur 
,, hiuimelsbaum "  besagt.  Mir  scheint  aber  auch,  dass  zwei  sagen  aus  Nordjütland 
weiteren  beweis  dafür  liefern,  die  Sv.  Grundtvig  in  seineu  gamle  dansTce  minder  3, 
137  nr.  96-97  mitteilt: 

Troset  paa  Tis- Eng ^ 
(Fra  Thy) 
[96] .  A.  Der  sJcal  vcere  et  sted,  de  Icalder  „Tis'  Eng  "  og  der  staar  et  trce 
med  tre  grene,  og  det  er  saa  forfmrdelig  stört,  at  dct  ser  ud ,  som  det  var  „sJcy- 
fcest."  Det  er  spaat  ovi ,  at  det  skal  tre  danslce  Iconger  binde  deres  lieste  ved,  naar 
slaget  er  saa  hardt,  at  der  er  ikkun  tolvaars  dreiige  og  Jcvindfolk  til  at  liriges. 
Nogle  siger ,  at  det  er  Icongcrne  uf  Dunmark,  Norge  og  Sverrig ,  der  skal  binde 
deres  heste  ved  det  trce. 

[97].  B.  Paa  „Tids  Enge"  skal  der  staa  et  trce,  som  liar  voeret  savet  af 
mange  gange,  men  som  ultid  er  grot  op  igjen,  og  om  det  hur  Sybille  spaut,  at  der 
skal  det  engang  gaa  gruelig  til:  der  skal  staa  et  Jiaardt  slag.  Dunmurk  skal  da 
ticere  i  krig ,  och  fjeiulerne  komme  her  ind  i  landet  sonderfra  og  loegge  det  rent  ode. 
Den  sidste  rest  af  den  danske  hcer  skal  saa  samles  paa  Tids-  Enge  og  fjenden  staa 
ligeoverfor  den,  og  saa  kommsr  den  danske  konge  ridende  paa  sin  hvide  liest  og 
staar  af  og  binder  den  ved  det  trce,  og  da  begynder  slaget.  Det  skal  gaa  Dans- 
keryie  imod ,  for  de  er  saa  faa,  og  de  skal  blice  slaaede  ihjel  hver  mand.  Men  saa 
kommer  Holger  Danske  („Olgjer  Dalmsk")  og  samler  edle  tolvaars  drenge  og  tre- 
sindstyveaars  moend ,  og  med  dem  gaar  han  mod  fjenden,  og  da  skal  Dansken  vinde 
sejer.  Men  det  er  ogsaa  det  sidste  slag  der  skal  stau ,  for  saa  er  dct  forbi  med 
baade  venner  og  fjender ,  og  det  er  Dommedag,  da  al  Verden  bliver  odelugt. 

Der  er  andre,  som  siger,  at  det  slag,  hvor  Holger  Danske  skal  komme,  det 
skal  staa  paa  Kronens  Mark  norden  for  Tliisted;  og  de  siger  ogsaa,  at  naar  det 
slag  skal  begynde  xkiu  Tis -Enge,  saa  skal  Lindormen  i  Kloo-BaJcke  bryde  ud  og 
gjore  det  af  baade  m^  venner  og  fjender ,  saa  ikke  een  bliver  tilbage;  men  det  kan 
ogsau  vosre  det  summe,  for  da  er  det  Dommedag. 

Ich  denke  Grundtvigs  Vermutung  ist  so  wahrscheinlich,  dass  sie  kaum  des 
Ijeweises  bedarf;  doch  würden  lagerbücher  und  Urkunden  älterer  zeit  vielleicht  den 
vollen  beweis  liefern,  dass  Tis  Eng  nichts  sei  als  Tirs  Eng  und  somit  von  Himin- 
vängr  himmelsfeld  nicht  verschieden;  der  himmlische  bäum  und  das  himmlische  feld, 
auf  dem  er  steht,  sind  also  nur  irdisch  localisiert,  doch  so  dass  der  bäum  noch  him- 
mel  und  erde  verbindet,  denn  er  reicht  bis  in  die  wölken  (skyfcest).  Der  könig  auf 
weissem  ross ,  der  dasselbe  an  den  bäum  bindet ,  möchte  dagegen  hier  nicht  Tyr, 
sondern  Odin  sein,   doch  ist  der  zweite  kämpfer  Holger  Danske  (Olgjer  Dahnsk)  für 

J)  Man  kan  jo  herticd  luinke  paa  det  Tise,  der  er  Annex  til  yreiidsted  i  Vc.ndsi/ssel ;  mvn  Jra 
Jörst  "J  har  man  doy  nok  tdinkt  paa  Gudens  (Tirs)  orj  ikke  paa  Stedets  Navn. 


ÜBER  HUGO  KEYER,  ROLAND  493 

uns  von  Wichtigkeit,  Ja  in  ihm  der  Olivier  der  Eolandssage,  wie  üin  Meyer  aufge- 
fasst  hat,  nicht  mehr  verkannt  werden  kann.  Nach  dänischer  sage  Avar  er  als  geissei 
bei  Karl  dem  Grossen  und  zog  mit  ihm  in  den  krieg  gegen  die  Saracenen,  nachher 
zog  er  mit  dem  kaiser  nach  Indien,  wo  er  eine  frucht  zu  essen  bekam,  welche  sei- 
nen körper  unsterblich,  machte,  so  dass  er,  obgleich  er  nachher  in  Frankreich  starb, 
sich  doch  an  verschiedenen  stellen  noch  sehen  lässt.  Auch  sagt  man,  dass  er,  so  oft 
die  dänische  kriegsmacht  in  kämpf  und  gefahr  ist,  sich  voran  sehen  lässt  mit  dem 
rothen  schilde,  um  sie  zu  ehre  und  rühm  zu  führen  (Thiele,  Daum,  folkes.  I^  18.). 
Grimm,  mj'th.  913  sagte:  ,,Die  Dänen  wandten  alte  mj-then  auf  Olger ,  der  gar  nicht 
ihnen,  sondern  den  Niederlanden  gehört,  und  derselbe  Ogier  (Otger,  vielleicht  Ota- 
cher)  soll  im  Ardennerwalde  umgehen  und  einmal  widerkommen."  Jetzt  werden  wir 
wol  nicht  anstehen ,  im  Olger  =  Olivier  den  OUerus  des  Saxo  mit  Meyer  zu  erken- 
nen, da  er  ja  als  Skjaldaräss  durch  seinen  roten  schild  unverkennbar  ist.  (Vgl.  Mej^er 
s.  13).  Nur  das  scheint  mir  einzuräumen,  dass  die  romanische  namensform  wol  auf 
die  dänische  eingewirkt  habe  und  dass  Ogier,  der  in  den  romanischen  Überlieferun- 
gen der  Däne  heisst ,  in  der  dänischen  sage  mit  Olivier  zusammengeflossen  sei.  Oder 
wäre  es  etwa  umgekehrt  und  wären  sowol  Olivier  als  Ogier  erst  aus  dem  einen  Oller 
hervorgegangen?  Ich  unterlasse  übrigens  auf  die  klar  und  auf  der  band  liegende 
naturauffassung  weiter  einzugehen. 

Zum  schluss  will  ich  noch  einen  umstand  beibringen,  der  die  auffassung  der 
rolandssäulen  als  der  des  ,, berühmten*'  erklären  helfen  und  eine  interessante  parallele 
zum  eddischen  mjiihus  vom  weltbaume  bieten  möge.  Im  l'üUtinya-hräJimanav/ird  unter 
den  zur  ausrüstung  der  opferstätte  nötigen  hölzern  auch  der  parna  aufgeführt,  der, 
wie  ich  an  einem  andern  orte  ausgeführt  habe  (herabkunft  des  feuers  s.  126  ff.), 
himlischen  Ursprungs  sein  soll.  Da  heisst  es  nun  I.  1.  3.  10:  „Im  dritten  himmel 
von  hier  war  der  soma ;  den  brachte  die  [fthjatri  her ,  ein  blatt  (parna)  davon  wurde 
abgerissen,  das  wurde  der  j)rtr««-(baum) ,  das  ist  (fids,  parna  parrM-\\.Q\t.  Wer  ein 
opferrequisit  von  parnaholz  hat,  der  Avird  des  somatranks  teilhaftig.  Die  götter 
unterredeten  sich  beim  Brahman,  das  hörte  der  parna,  Siigraväs  (ruhmvoll)  heisst 
er  ja  mit  namen;  wer  ein  opferrequisit  von  parnaholz  hat,  erlangt  heiligkeit."  ^  Zu 
diesen  Worten  gibt  Säyana  folgende  erläuterung:  ,,Als  die  götter  einst  an  einsamer 
statte  sich  im  schatten  des  jJrt^äfrtbaunies  niedergelassen  und  mit  dem  höchsten  Brah- 
man Zwiesprache  pflogen,  hörte  das  alles  der  dabei  stehende  palägahaum,  und  weil 
er  so  treftliche  dinge  gehört,  erhielt  er  den  namen  Suprwüs."  Vgl.  ib.  I,  2,  1, 
5 — (i,  wo  dieselbe  erzählung  widerkelu't  und  nur  etwas  bestimmter  erzählt  wird, 
dass  die  götter  dort  heilige  reden  geführt  hätten  (demnäm  hrahmavädam  vadatäm 
yad  upägrinoh) .  Die  götter  halten  also  unter  dem  schatten  des  himlischen  paläqa 
Zwiesprache  und  führen  heilige  reden,  wie  die  Äsen  unter  der  esche  Yggdrasil  rat 
und  gericht  halten.  Der  bäum  führt  den  beinamen  Surraväs  (wörtlich  =  svxktrjg), 
was  sowol  heisst:  ,,der  treffliclies  gehört  hat"  als  auch  ,,von  dem  treffliches  gehört 
wird,  ruhmvoll."  —  Icli  lasse  die  frage  dahin  gestellt,  ob  diese  genauen  Überein- 
stimmungen bereits  gemeingut  der  urzeit  oder  nur  gleiche  Weiterbildungen  aus  glei- 
chen grundlagen  seien;  im  einen  wie  im  anderen  falle  sind  sie  von  hohem  interesse. 

1)  triüyasyäm  ito  diin  soma  dsU.  tarn  (jdyatry  dharat.  tasya  parnam  accliid- 
yata ,  tat  parno'bhavat.  tat  parnasya  parnatvum.  yasya  parnamayah  samhhnro  hlia- 
vati,  somaintliam  evä'  varunddhe.  devä  väi  hr alimann  avadanta,  tat  parna  vpägri- 
not.  sugravä  vai  ndma.  yat  parnamayah  mmhhärn  hhavati,  hrahmnvarcasam  evä' 
varunddhe. 


494  GERLAND 

Bemerkt  iiuif,'  nur  nocli  werdeu,  'dass  gravas  von  derselben  wurzel  tjru,    klii  stamt, 
wie  yJ.t'os  und  Hruodo. 

BEIILIN.  A.    KUHN. 


Altgriecliische  inärchen  in  der  Odyssee.  Ein  beitrag  zur  verglei- 
chenden mythologie  von  dr.  Georg'  Gerland.  Magdeburg,  Creutzische 
bucbbandlmig  18G9.  52  s.  8.  (10  sgr.) 
Unsere  gesamte  märcbenlitteratur  zerfällt  in  zwei  grosse  theile :  erstens  in 
jüngere  märcben ,  welche  fast  alle,  wie  Benfey  nachgewiesen  hat,  aus  Indien  stam- 
men und  dorther  einerseits  von  Arabern  und  den  europäischen  Völkern  entlehnt,  ande- 
rerseits mit  dem  Buddhismus,  dessen  litteratur  sie  zum  grossen  theil  angehören, 
nach  Tübet  und  der  Mongolei  gekommen  sind.  Ausser  diesen  gibt  es  aber  noch  eine 
sehr  grosse  anzahl  älterer,  ja  uralter  erzählungen,  welche  man  als  frühes  ureigentum 
des  indogermanischen  stamvolkes  betrachten  muss.  Diesen  satz  sucht  vorgenante 
Schrift  zu  beweisen  und  zwar  zunächst  an  märchen,  welche  in  Indien  von  den  Vid- 
yädhareu,  halbgöttlichen  wesen  der  späteren  litteratur,  aber  von  sehr  hohem  alter, 
in  Griechenland  von  den  Phäaken  und  Amazonen,  in  Deutschland  von  den  Walküren 
und  Lichtelben  (Titania)  erzählt  werden;  wie  denn  auch  alle  jene  wesen,  die  Vid- 
yädharen,  Phäaken,  Walküren  u.  s.  w.  zu  identificieren  sind.  An  diese  märchen 
haben  sich  und  schon  in  ältester  zeit  andere  angeschlossen:  zunächst  das  von  den 
blutsfreunden  oder  dem  treuen  diener,  sodann  aber  der  mythos  von  den  toteninseln 
und  der  fahrt  zu  ihnen  und  endlich  von  den  Schwarzeiben,  welche  sich  im  späteren 
Deutschland  als  Hexen,  in  Indien,  als  Yakshas  und  in  Griechenland  in  einzelnen 
dämonischen  wesen  widerfinden,  wie  in  Kirke,  Medea  u.  s.  w.  Nachdem  bei  dieser 
gelegenheit  noch  über  den  ström  und  fels  vor  der  unterweit  (leukadischer  fels ,  dille- 
stein  der  helle ,  lapis  manalis)  geredet  und  derselbe  aus  der  geographischen  beschaf- 
fenheit  der  ursitze  des  indogermanischen  stamvolkes  abgeleitet  ist,  werden  jene 
Schwarzeiben  und  verwante  als  plurale  Personifikation  des  abends ,  der  nacht ,  die 
Lichtelben  als  eben  solche  des  morgens  gedeutet  —  beide  mögen  entstanden  sein  aus 
dem  flockigen  gewölk  des  abend-  und  morgenhimmels ,  welches  dort  immer  dunkler, 
hier  aber  sich  immer  goldner  und  heller  färbt.  Der  kern  der  behandelten  mythen, 
das  hinaufsteigen  zum  himmel ,  das  herabsteigen  zur  unterweit  enthüllt  sich  als  ural- 
ter sonnenmj'thos.  Einen  solchen  hat  man  auch  in  der  sage  des  Odysseus  zu  sehen, 
dessen  gleichstellung  mit  Hennes  dadurch  fällt. 

Ich  habe  mir  von  der  verehrten  redaction  dieser  Zeitschrift  den  räum  für  eine 
selbstanzeige  hauptsächlich  deshalb  erbeten,  weil  ich  dem  schriftchen,  das  in  mög- 
lichster eile  als  festgruss  geschrieben  und  gedruckt  war ,  noch  einige  nachtrage  anfü- 
gen wollte.  Zunächst  eine  kleinigkeit,  welche  indes  nicht  ganz  ohne  Interesse  ist. 
Hermes  gibt  dem  Odysseus  das  kraut  moly  mit  milchweisser  blume  und  schwarzer 
wurzel  und  es  ist  bekannt,  gegen  welche  gefahi-  es  den  Odysseus  persönlich  gegen 
die  schon  besiegte  Kirke  schützen  soll.  Seite  36  wird  über  die  ähnliche  Wirksamkeit 
des  deutschen  allermannsharnisch  u.  s.  w.  geredet.  Wie  kommen  diese  harmlosen 
blumen  zu  einer  solchen  kraft?  Auf  diese  frage  lässt  sich,  wie  es  mir  scheint,  eine 
ganz  erschöpfende  antwort  geben.  Sie  ist  folgende.  Die  uranfäugliche  medicin  nicht 
blos  der  Indogermanen ,  sondern  der  sämtlichen  Völker  der  weit,  wenigstens  der 
Afrikaner,  Amerikaner,  Malaien  und  Australier  bestand  zum  theil  darin,  dass  man 
gleiches  mit  gleichem  vertrieb:  „ gelbholz  wurde  gegen  leberkrankheiten,  eine  schlan- 
genähnlich gewundene  wurzel  gegen  schlangenbiss ,  pflanzensaft,  der  eingetrocknet  die 


MÄKCHEN   IN   D.   ODYSSEE  495 

gestalt  von  würmern  annahm,  gegen  Spulwürmer  angewendet  —  jedenfalls  die  älteste 
art  der  homöopathie "  (Waitz,  anthropol.  3,  391  von  brasilianischen  Völkern  nach 
V.  Martins).  Man  braucht  weiter  keine  beispiele;  hat  sich  doch  im  deutschen  aber- 
glauben  vieles  der  art  erhalten,  wie  man  z.  b.  den  saft  von  brennesselblättern  gegen 
brandwunden  anwendet  u.  s.  w.  So  verlieh  man  auch  den  zwiebeln  jener  pflanzen, 
welche  meist  eine  grobfaserige  hülle  (so  allium  Vietorialis ,  gladiolus)  und  entweder 
runde  oder  länglich  gezogene  gestalt  haben ,  wegen  ihrer  ähnlichkeit  mit  dem  gefähr- 
deten theil  ihre  gefahrabwendende  heilkraft.  Auch  die  milchweisse  blute  ist  viel- 
leicht nicht  ohne  bedeutung.  Spuren  ältestes  heil  Verfahrens  haben  sich  übrigens  auch 
sonst  noch  bei  uns  erhalten:  wenn  wir  unsere  kinder  zu  grosser  beruhigung  der  lei- 
denden an  stellen  wo  sie  sich  gestossen  oder  sonst  verletzt  haben,  unter  einem 
kindischen  verschen  anblasen:  so  thun  wir  jetzt  im  scherz,  was  alle  naturvölker  noch 
heute  im  ernst  thun,  was  unsere  vorfahren  vor  Jahrtausenden  gleichfalls  im  ernste 
thaten  und  dass  nur  nicht  in  jenen  sinnlosen  verschen  alte  heidnische  bannformeln 
stecken!  Auch  der  aberglaube,  man  dürfe  ein  kind  nicht  anblasen,  der  z.  b.  in 
Hessen  ganz  verbreitet  ist,  beruht  auf  derselben  anschauung.  Zauber  lösende  kraft 
hat  das  anblasen  auch  im  märchen  von  den  sechs  schwanen,  Grimm  1,  247. 

Doch  wir  sind  abgeschweift  und  kommen  zu  unserem  heftchen  zurück,  zu 
ernsteren  dingen.  Auch  die  sage,  welche  dem  Nibelungenlied  zu  gi-unde  liegt,  ist 
in  demselben  behandelt  und  Brunhild  als  lichtelbin,  Günther  und  Sigfrid  als  held 
und  treuer  diener  gedeutet,  welche  die  himlische  zu  erwerben  ausziehen;  der  ganze 
mythus  also  erscheint  als  andere  Version  der  geschichte  von  Hettel  Wate  und  Hilde. 
Allein  in  jener  erzählung  der  Nibelungen  ist  vieles  zusammengeflossen.  Sigfrid  ist 
ursprünglich  eine  personification  des  lichtes ,  des  tages ,  der  sonne ;  sein  tod  durch 
Hagen  mag  das  absterben  des  sommers,  der  lichtzeit  darstellen.  Von  dem  sonnen- 
helden  aber  giengen  noch  andere  mythen:  er  zog  zum  himmel  hinan  um  eine  göttin 
zu  freien  und  stieg  wie  die  abendsonne  zur  unterweit  in  das  reich  der  Nibelungen 
hinab.  So  erscheint  auch  Sigfrid  als  freier  und  gewinner  der  Walküre  Brunhild  und 
seine  leuchtenden  walsungaugen ,  wie  sie  ihn  der  göttin  kenntlich  machen ,  verraten 
auch  uns  seine  ursprüngliche  sonnennatur.  Später  gab  man  ihm  den  freund  zur 
Seite,  der  ihm  half  und  noch  später  verschob  man  das  ganze,  indem  jetzt  der  leuch- 
tende Sonnengott,  ui-sprüngUch  der  hauptheld,  zum  gezwungen  dienenden  helfer  wii'd : 
sei  es  aus  Interesse  am  pathetischen,  denn  durch  seine  Verschiebung  erhält  freilich 
erst  der  mythos  jenen  hohen  tragischen  reiz ;  oder  sei  es ,  und  dies  ist  wahrschein- 
licher, aus  rein  naturalistisch -mythologischen  gründen,  denn  freilich  ist  im  norden 
der  leuchtende  gott  der  sonne  die  längste  zeit  im  dienstc  des  kalten ,  unfreundlichen 
nebelreiches  des  mnters.  Alle  diese  demente  sind  im  Nibelungenlied  vereint  und  so 
wie  wir  eben  aufgezählt,  scheint  die  reihenfolge  jener  Verschmelzungen  gewesen  zu 
sein.     (Vergl.  Simrock,  deutsche  mythol.  73  —  75). 

Dafür ,  dass  die  Walküren  den  Vidyädharen  gleich  zu  setzen  sind ,  lässt  sich 
noch  anführen ,  dass ,  wie  jene  wunschmädchen  heissen  und  schätze  spenden ,  so  in 
den  gärten  der  Vidyädharen  der  wuuschbaum  steht,  der  alle  wünsche,  die  man  ihm 
ausspricht,  erfüllt  (Somadcva,  herausg.  von  Brockhaus,  Tar.  22,  18;  Brockliaus  übers. 
117).  Dieser  wunsclibamn  lebte  aucli  in  der  deutsclien  mythologie:  er  ist  erhalten 
(nicht  entlehnt)  in  dem  bäumchen,  welches  auf  Aschenputtel  gold  und  silber  herab- 
wirft, obwol  sich  hier  eine  andere  mythologische  anschauung  eingemischt  hat,  näm- 
lich die  von  dem  segen  spendenden  einfluss  abgeschiedener  verwanten.  Denn  das 
weisse  vögelchen,  welches  die  gaben  herabwirft,  ist  der  geist  der  mutter,  welche 
sich  ihi-es  verlassenen  und  gcmishandclten  kindes  erbarmt.     Er  ist  erhalten  ferner  in 


40G  GERLAND 

(Ifv  wi'iiiscliclnito,  wi'K-lic  iiioist,  Avio  jener  bäum  iuit' dem  grabe,  eine  liasel  ist;  erhal- 
ten ferner  in  der  liasel  im  volksliedc ,  welche  ein  junges  mädchen  dureh  ihre  klugen 
Warnungen  vor  t'ehltritteii  behütet.  Auch  ist  es  begreiflich,  warum  die  schatzhiiten- 
den  sehlangen  und  drachen  auch  ,,  haselwurni "  hcissen.  Weil  sie  sich  gern  unter 
haselnusstaudeu  auflialten,  heisst  es  bei  Frisch;  natürlich,  sie  liegen  auf  den 
schätzen ,  welclie  die  hasel  spendet.  Unbegreiflich  aber  ist  es ,  warum  die  eigentüm- 
liehkeiten  des  indischen  wunschbaumes  gerade  auf  den  haselstraiich  übertragen  sind, 
der  sich  weder  durch  hohen  wuchs  noch  durch  blütenpracht  auszeichnet  und  dessen 
fruchte  man  gewiss  nicht  so  hoch  hielt,  dass  durch  sie  jene  Übertragung  gerechtfer- 
tigt ist.  Die  buchnüsse  schätzte  man  mindestens  ebenso  hoch,  ja  höher,  wie  aus 
der  beschränkung  des  gotischen  aJcran  auf  die  fruchte  der  buche,  die  buch-eckern, 
hervorgeht.  Dieser  bezug  der  hasel  zu  gold  und  schätzen  muss  einen  andern  grund 
haben:  er  muss  im  namen  liegen.  Im  sanskrit  heisst  der  wunschbaum  Tcalpa ,  d.  i. 
bewirker,  geber,  oder  manorathadäyalca ,  wunschgeber;  ahd.  hasal  leitet  Ben- 
fey  gr.  WL.  2,  154  von  sanskr.  gas  springen  ab  und  erklärt  es  ,,die  kleine  sprin- 
gende nuss."  Hierbei  ist  aber  nicht  abzusehen,  warum  sich  mit  der  hasel  die  uralte 
Vorstellung  des  wunschbaumes  vereinigt  hat;  und  wenn  jene  etjonologie  richtig  ist, 
so  möchten  wir  sie  eher  so  deuten ,  dass  hasal  die  springrute  bezeichnet ,  welche  dem 
Schatzgräber  aus  der  band  springt ,  um  schätze  anzuzeigen.  Allein  auch  diese  erklä- 
rnng  schliesst  sich  zu  sehr  einem  späteren ,  nicht  ursprünglichen  gebrauch  an.  Man 
stellt  hasal  gewönlich  zu  lat.  corylus ,  corulus,  griech.  xoQvXog  und  xüqvot  ,  wel- 
ches letztere  Benfey  zu  sanskr.  Jcaralca  schale  der  kokosnuss  stellt  und  es  deshalb 
von  corylus  hasal  ti-ennt.  Und  mit  recht:  denn  ahd.  s  verlangt  auch  s  im  sanskr. 
Hätten  Avir  ein  recht,  anzunehmen,  dass  ahd.  s  sanskr.  r  vertreten  könnte,  wie 
nach  Lottuer  in  Kuhns  zeitschr.  7,  190  viridis  (welches  wort  gevviss  mit  Benfey 
und  Bopp  zu  sanskr.  liarit  gestellt  werden  muss)  und  althochd.  wiso  zusammenge- 
hört ,  so  ergäbe  sich  als  wurzel  zu  corulus  und  hasal  sanskr.  hri  bestreuen ,  begaben, 
anfüllen,  was  auf  den  wunschbaum  treiflich  passen  würde.  Allein  das  s  widersteht 
dieser  erklärung;  auch  scheint  corulus  im  lat.  keine  beziehung  mehr  zum  Icalpa  der 
Indier  zu  haben ;  und  die  deminutivform  in  allen  drei  sprachen  ist  zu  beachten.  Wii* 
kommen  also  zu  keiner  bestirnten  entscheidung ;  doch  scheint  uns  die  geltung  der 
hasel  als  wunschbaum  aus  den  augeführten  gründen  wichtig  genug,  die  bisher  auf- 
gestellten etymologien  anzuzweifeln,  i 

Ob  aber  nicht  noch  eine  andere  spur  der  Vidyädhareu  in  unserem  deutschen  leben 
und  zwar  dem  alltäglichsten  weiterlebt?  Es  ist  etwas  ganz  gewöhnliches  in  den 
indischen  märchen ,  z.  b.  besonders  bei  Somadeva,  dass  Vidyädharen  und  andere 
halbgöttliche  wcseu  als  menschen  geboren  werden,  welche  sich  dann  gleich  von  frü- 
her Jugend  an  durch  ausserordentliche  begabung  auszeichnen  und  schon  früh  den 
verdacht  erwecken ,  dass  sie  eigentlich  nicht  dieser  weit  angehören.  Auch  in  Deutsch- 
land herschte  ein  ähnlicher  glaube  meistens  von  schlechten  geistern ,  welche  ihre  kin- 
der  mit  menscheukindern  vertauschen  und  sie  als  Avechselbälge  in  die  wiege  legen. 
Wird  aber  der  wechselbalg  durch  etwas  als  göttliches  wesen  erkannt,  so  muss  er 
Avider  in  seine  heimat  zurück.  Mit  den  guten  geistern  Avar  es  früher  avoI  eben  so. 
Dafür  sprechen  eine  menge  märchen,  in  denen  kinder  ganz  Avie  scliAvan Jungfrauen 
oder  Vidj'ädharen  pUHzlicli  in  vogelgestalt  entrückt  und  nur  durch  äusserste  mühe 
Avidererlangt   werden;    dafür    auch    das    eintreten    ähnlicher  halbgöttlicher  wesen  in 

1)  über  die  hasel  vgl.  Kuhn,  die  herabkunft  des  feucrs  und  des  göttertrankes.  Berlin  1859 
s.  227  fgg.    Red. 


M.VKCHEN   IN    D.    ODYSSEE  497 

menschliche  Verhältnisse  (Melusine,  Staufenbergers  frau  u.  s.  w.),  welche  verschwin- 
den müssen,  sobald  man  ihre  wahre  natur  erkannt  hat.  Auch  sie  zeichnen  sich  durch 
besondere  Schönheit  oder  sonstige  gaben  aus.  Nun  sagen  wir  im  täglichen  leben 
scherzhaft:  ,,er  ist  zu  gut  für  diese  weit;"  allein  unsere  ahnen  mögen  das,  was  jetzt 
nur  noch  abergläubische  kaffeeschwestern ,  wie  z.  b.  die  bewohnerinnen  Ostraus  bei 
Freitag  Soll  und  haben  cap.  1,  ernsthaft  nehmen,  wirklich  so  aufgefasst  haben,  dass 
allzugut  begabte  frühreife  kinder  solche  wechselbälge  im  guten  sinne  seien  und  daher 
stammt  jene  redensart,  als  deren  ältestes  vorkommen  mir  die  stelle  in  Shakespeares 
Eomeo  und  Julie ,  wo  die  amme  von  ihrem  verstorbenen  kinde  spricht ,  bekannt  ist. 
Gewis  aber  gibt  es  ältere  belege.  Weder  christlich  ist  diese  Vorstellung,  noch  zur 
heidnischen  moral  gehörig,  denn  das  heidentum  fasst  die  weit  als  ganz  glückseligen 
aufenthalt  der  lebenden  auf  und  das  Christentum  hält  alle  menschen  für  sünder.  Sie 
kann  sich  also  nur  entwickelt  haben  aus  einem  solchen  eingreifen  überirdischer 
mächte,  wie  ihn  das  heidentum  auch  in  Deutschland  mannigfach  annahm. 

Doch  wii-  sind  immer  noch  nicht  mit  den  Walküren  und  ihren  verwanten  fer- 
tig. Wie  sich  bei  Ariost  das  amazonenmärchen  erhalten  hat,  so  finden  wir  bei  ihm 
auch  eine  merkwürdige  spur  unserer  deutschen  Brunhildsage ,  und  zwar  scheint  es, 
als  ob  wir  hier  eine  einwirkung  des  Nibelungenliedes  hätten,  wie  sie  selten  genug 
in  romanischen  landen  sein  dürfte.  Ariost  erzählt  nämlich  (32,  51  f.)  von  einer 
unendlich  schönen  königin,  die  im  tiefsten  norden  auf  der  ,,  verlorenen  insel"  oder, 
wie  diese  insel  von  einigen  genannt  wird,  auf  Island  thront  und  weil  sie  sich  nur 
mit  dem  ersten  beiden  der  weit  vermählen  will,  an  Karl  den  Grossen  als  den  höch- 
sten richter  ritterlicher  dinge  einen  reichen  goldschild  (also  auch  hier  die  beziehung 
auf  den  reichtum)  schickt  mit  der  bitte ,  diesen  dem  ersten  ritter  als  ehrengabe  und 
ihr  diesen  ersten  ritter  als  gemahl  zu  bestimmen.  Diese  erzählung  ist  merkwürdig 
genug;  wie  es  denn  überhaupt  eine  ebenso  schwierige  als  verdienstliche  arbeit  wäre, 
die  quellen  des  Ai'iost  nachzuweisen,  eine  arbeit,  welche  für  die  geschichte  der  mär- 
chen  und  mythen,  ja  für  die  entwickeluug  des  romanischen  Volkslebens  von  gröster 
Wichtigkeit  sein  würde. 

In  meiner  abhandlung  bin  ich  ausgegangen  von  der  vergleichung  der  geschichte 
des  Saktideva  mit  der  des  Odysseus,  deren  ähnlichkeit  mir  aufgefallen  war,  als  ich 
vor  einigen  jähren  den  Somadeva  behuf  eines  anderen  Zweckes  durchlas.  Professor 
Brockhaus  hat  seine  Übersetzung,  welche  den  schluss  seiner  ausgäbe  bildet,  auch  als 
selbständiges  buch  erscheinen  lassen  (Leipzig ,  Brockhaus  1843) ,  welches  ich  erst 
kennen  lernte ,  als  es  mir  die  Brockhausische  Verlagshandlung  mit  dankenswerter 
gefälligkeit  für  meine  arbeit  zusante.  Leider  aber  hab  ich  die  einleitung  jener  Über- 
setzung erst  gelesen,  als  meine  abhandlung  gedruckt  und  ausgegeben  war,  und  so 
trage  ich  hier  nach,  was  ich  sonst  im  texte  erwähnt  haben  wäirde:  seite  XVII  jener 
.einleitung  weist  Brockhaus  gleiclifalls  darauf  hin,  dass  Saktideva  sowol  wie  Odys- 
seus in  die  gefahren  der  Charybdis  geraten  und  beide  auf  ähnliche  art  gerettet 
werden. 

Wie  es  nun  wol  in  märchen  geschieht,  dass  der  held  desselben  nach  mancher- 
lei wunderbaren  wegen  und  abenteuern  schliesslich  vor  ein  ehernes  thor  kommt,  das 
hinter  sich  eine  neue  und  erst  recht  wundervolle  weit  der  wunder  birgt,  die  er  zwar 
ahnt,  aber  noch  nicht  erkennt:  vor  ein  ähnliches  ehernes  thor  sieht  sich  schliesslich 
auch  der  leser  meiner  abhandlung  gefülirt,  hinter  welchem  er  von  wunderbar  über- 
einstimmenden malaiisclien,  polynesisclien ,  amerikanischen  und  nach  Jülgs  neuesten 
entdeckungen  mongolischen  mytlien  und  märclien  hört,  deren  Übereinstimmung  unmög- 
lifli  auf  Zufall  oder  cntlehnung  Ijcrulien  kann ,  ohne  dass  er  erfährt,  was  es  mit  ihnen 


49S  OERLAND 

und  ilirci-  yloiclilioit,  für  (miic  bowaiitnis  liabo.  Zwar  ist  os  in  den  märehon  oft 
<;-ot'iilirlioli ,  wenn  ein  solches  thor  zu  früli  oder  gar  von  unbefugten  bänden  eri)ft'net 
wird:  allein  wir  wollen  es  dennoch  zu  öffnen  wagen,  wenn  wir  aucli  in  den  geheim- 
i\isv(illen  räum  dahinter  iiiclit  eintreten.  Ja  denn:  alle  diese  niythen  halte  ich  für 
unentlelmt,  für  gemeinsames  erbgut  dieser  so  ganz  verschiedenen  Völker ,  welche  viel- 
leicht in  unvordenklichen  zeiten  nicht  so  geschieden  waren ,  wie  jetzt.  "Wie  aber  und 
woher  diese  genieinsamkeit  gleicher  mji:hologeme  zu  erklären  ist,  das  hoff  ich  später 
in  einem  besonderen  buche  ausführen  zu  können ,  für  jetzt  weise  ich  nur  auf  ähnliche 
Übereinstimmungen  hin,  welche  ich  in  meinem  , .Aussterben  der  naturvölker"  (20  f.  77  f. 
34  f.  40  f.  4G.  42  u.  s.  w.)  nicht  ohne  absieht  zusammengestellt  habe. 

MAGDEBURG,    16.    MAI    1869.  GEORG   GERLAND. 


1.  Kalmückische  Märchen.     Die  märchen  des  Siddhi-kür  oder  erzäh- 

lungen  eines  verzauberten  todten.  Ein  beitrag  zur  sagenkunde 
auf  buddhistischem  gebiet.  Aus  dem  kalmückischen  übersetzt 
von  B.  Jülg-.    Leipzig.     Brockhaus  1866.     (24  sgr.) 

2.  Mongolische  Märchen.     Die  neun  nachtragerzählungen  des  8iddhi- 

kür  und  die  geschichte  de  s  Ardschi-Bordschi  Chan.  Eine  fort- 
setzung  zu  den  kalmückischen  märchen.  Aus  dem  mongolischen 
übersetzt  mit  einleitung  und  anmerkungen  von  prof.  dr.  B.  Jülg". 
Insbruck,  Wagnersche  universitäts  -  buchhandlung  1868.     (1  thlr.) 

Die  vorstehenden  märchensamlungen  haben  auch  für  den  leserkreis  einer  Zeit- 
schrift für  deutsche  philologie  nach  mehr  als  einer  seite  hin  grosses  interesse.  Zu- 
nächst sind  sie  für  die  geschichte  des  deutschen  märchens  nicht  nur,  sondern  für  die 
märchenforschung  überhaupt  so  wichtig,  dass  für  jeden,  der  auf  diesem  gebiete  thä- 
tig  sein  will,  beide  gleich  unentbehrlich  genannt  werden  müssen,  denn  sie  werfen 
ein  helles  licht  in  so  schwer  zugängliche  räume,  von  denen  doch  für  die  geschichte 
des  märchens  selbst  mancher  aufschluss  geholt  werden  muss.  Fast  jede  erzählung 
beider  samlungen  gibt  material  zu  wichtigen  vergleichungen  mit  deutschen  oder  sonst 
abendländischen  märchen  an  die  band ,  worauf  Jülg  in  den  anmerkungen  zu  den  mon- 
golischen märchen  vielfach  selbst  hinweist;  und  Benfeys  in  seinem  Pantschatantra 
ausgesprochene  behauptung,  dass  unser  deutscher  märchenschatz  grosse  bereicherung 
aus  indischen  quellen  durch  mongolische  vermittelung  bekommen  hat,  bewährt  sich 
durch  diese  vorliegenden  Übersetzungen ,  die  zugänglicher  und  getreuer  sind ,  als  ihre 
verschiedenen  Vorgängerinnen ,  vollkommen.  Andere  erzählungen  aber  weisen ,  und 
das  ist  besonders  merkwürdig,  auf  eine  gemeinschaft  des  märchenstoffes  hin,  die, 
wenn  sie  auf  entlehnung  beruht,  auf  einer  ausserordentlich  frühen  und  lange  vor. 
Buddhas  auftreten  erfolgten  beruhen  muss ;  wie  z.  b.  (mong.  märch.  s.  46)  die  vom 
könig  mit  den  eselsohren ,  die  ganz  genau  zu  der  erzählung  vom  könig  Midas ,  wie 
sie  Ovid  gibt,  stimmt  und  welche  ein  so  wenig  griechisches  gepräge  hat,  trotz  der 
einmischvmg  des  musengottes,  dass  man  schwerlich  glauben  wird,  sie  sei  aus  dem 
abendland  nach  Indien  herübergenommen.  Noch  merkwürdiger  ist  die  vom  klugen 
hasen  (ebd.  44) ,  denn  ganz  dieselbe  Stellung .  welche  die  indische  mythologie  dem 
hasen  gibt,  und  sein  Zusammenhang  mit  dem  monde  findet  sich  bei  den  Hottentot- 
ten wider  in  Bleeks  Beineke  the  fox  in  South- africa.  Genauer  auf  diese  bezüge 
einzugehen  verbietet  der  räum;  die  Wichtigkeit  der  Übersetzungen  Jülgs  beweisen  sie 
zur  genüge. 


ÜB.   MÄRCHEN   U.    SPRACITWISSENSCHAPT   VON  JÜLG  499 

Es  ist  gewiss  nicht  leicht,  aus  einer  altaischen  spräche  getreu  und  doch  geniess- 
bar  zu  übersetzen :  allein  die  vorliegenden  niärchen  sind  so  schön ,  so  frei  und  leicht 
deutsch  erzählt,  dass  nur  ein  ge"\visser  fremdartiger  localton.  der  dem  ganzen  einen 
neuen  reiz  gibt,  an  ihren  fernen  Ursprung  erinnert.  Einzelne  theile  der  samlung  sind 
geradezu  musterstücke.  ■v\de  man  übersetzen  muss  —  und  kann.  Jülg,  der  bekannt- 
lich auch  den  grundtext  beider  märchensamlungen  herausgegeben  hat,  ersteren  mit 
kalmückisch- deutschem  Wörterbuch,  letzteren  mit  kritischen  noten,  beide  mit  Über- 
setzung, ist  einer  der  ersten  kenner  mongolischer  sprachen  in  Deutschland,  deren 
Studium,  wie  Ewalds  abhandlung  ,,über  den  nordischen  sprachstamm"  beweist,  von 
ganz  specieller  Wichtigkeit  auch  für  die  geschichte  der  indogermanischen  sprachen 
ist,  mag  man  sich  nun  für  Ewald,  oder  wie  bis  jetzt  wol  die  mehrheit  der  Sprach- 
forscher, gegen  ihn  erklären.  —  Hiermit  verbinden  wir  die  anzeige  eines  anderen  werk- 
chens desselben  Verfassers: 

Jülg,  B.  Über  wesen  und  aufgäbe  der  Sprachwissenschaft  mit 
einem  überblick  über  die  hauptergebnisse  derselben.  Nebst 
einem  anhange  sprachwissenschaftlicher  literatur.  Insbruck,  Wag- 
ner 1868.  63  ss.  (12  sgr.) 
Herr  Jülg  gibt  in  diesem  Vortrag  einen  überblick  über  das  gesamtgebiet  der 
Irnguistik.  Nachdem  er  kurz  die  verschiedenen  gesichtspunkte  besprochen  hat,  nach 
denen  man  die  sprachen  betrachten  kann  und ,  will  mau  ihnen  nach  allen  selten 
gerecht  werden,  betrachten  muss,  geht  er  näher  ein  auf  die  resultate,  welche  bisher 
die  Wissenschaft  in  beziehung  auf  die  form  der  sprachen  sowie  ai;f  ,,  die  sprachliche 
ethnographie  (s.  7)"  aufzuweisen  hat.  Auf  jeder  seite  der  abhandlung  zeigt  sich  in 
knappster  form  eine  wahrhaft  staunenswerte  fülle  der  reichsten  gelehrsamkeit :  auf 
dem  ungeheuren  gebiet  der  linguistik  aller  weitteile ,  überall  ist  der  Verfasser  gleich- 
massig  zu  haus,  überall  weist  er  nach,  was  schon  geschehen,  was  noch  zu  thun  ist, 
überall  sondert  er  aufs  umsichtigste  das  sichere  von  dem  noch  nicht  feststehenden 
oder  als  unrichtig  erkannten,  ohne  auch  dies  letztere  zu  übergehen:  so  dass  allen 
denen,  welche  sich  auf  dem  lockenden  aber  schwierigen  felde  der  linguistik  orientie- 
ren wollen,  seien  es  nun  anfänger  im  Sprachstudium  oder  seien  es  gereifte,  aber  auf 
ein  anderes  gebiet  concentrierte  fachmänner,  das  büchlein  nicht  genug  empfohlen  werden 
kann.  Auch  für  den  ethnologen  ist  es  von  Wichtigkeit  und  man  denke  nicht,  dass 
der  linguist  von  fach  leer  ausgienge:  denn  wenn  auch  Herr  Jülg  zunächst  nur  die 
ergebnisse  anderer  zusammenstellt,  so  ist  doch  die  wissenschaftliche  ansieht,  die  er 
selbst  vom  wesen  und  Zusammenhang  der  sprachen  hat,  scharf  und  bestimmt  zwi- 
schen den  Zeilen  zu  lesen  imd  das  ganze  empfängt  dadurch  wie  bestimtheit  und 
halt,  so  sicher  fördernde  kraft  auch  für  die  linguistik  als  solche.  Sehr  wertvoll  für 
letztere  ist  ferner  der  reiche  anhang  sprachwissenschaftlicher  litteratur,  der  um  so 
dankenswerter  ist,  als  er  in  bestimmter  anordnung  sich  auf  das  gesamtgebiet  der 
Sprachwissenschaft  bezieht.  Der  herr  Verfasser  war  für  eine  solche  arbeit  freilich 
ganz  besonders  legitimiert,  da  man  ihm  die  Umarbeitung  und  ergänzung  der  Vater- 
seben litteratur  der  grammatiken  aller  sprachen  der  erde  verdankt.  —  Wenn  es  der 
räum  verstattete ,  so  möchten  wir  allerdings  über  manche  punkte ,  wo  wir  anderer 
meinung  sind,  mit  herrn  Jülg  rechten:  so  über  die  art.  in  der  er  mit  Schleicher  die 
Darwinsche  lehre  für  anwendbar  auf  die  spräche  hält  (s.  6),  wobei  doch  nichts  als 
eine  rein  äusserliche  analogie  und  ähnlichkeit  heraus  komt;  so  über  manches  ein- 
zelne in  bezug  auf  Polynesien ,  Melanesien  und  Australien ,  und  insbesondere  über  die 
ausdehnung ,    welche   er  der  agglutinierenden  sprachform  (s.  9.  f.)  gibt ,  unter  welche 


500  fiERLAND,    ÜB.    JÜLG  ,    SPRACHWISSENSCHAFT 

er  niilit  nur,  ;iusser  den  altaisclieu ,  <lic  mahiiopolynesischen ,  sondern  auch  alle  afri- 
kanisflion,  alle  amerikanischen  sprachen  unterordnet.  —  Da  das  hüchlein  sehr  anre- 
ij^end  und  fesselnd  geschrieben  ist,  so  empfiehlt  es  sich  noch  einem  weiteren  leser- 
kreis .  bei  welchem  eine  recht  weite  Verbreitung  desselben  sehr  Avünschenswert  wäre : 
jeder  gebildete  laie  wird  es  ohne  mühe  mid  mit  grossem  genuss  lesen,  da  es  im 
edelsten  sinne  populär  ist.  Die  uaturwissenschaften  stehen  mit  deshalb  heute  in  so 
grosser  und  allgemeiner  achtung  ,  weil  der  moderne  geist,  um  sich  eine  sichere, 
freie  und  selbständige  Weltanschauung  zu  bilden ,  sie  bei  diesem  bestreben  zu  gründe 
legt:  nicht  minder  aber  sollte  man  sich  zu  diesem  zAvecke  an  die  so  nah  verschwi- 
sterten  Avissenschaften ,  die  ethnologie  und  die  linguistik  wenden,  ja  an  diese  —  was 
bis  jetzt  noch  keineswegs  geschieht  —  vorzugsweise  ,  da  sie  wie  keine  andere  Wissen- 
schaft den  menschen  über  den  menschen  und  seine  Stellung  in  der  weit  aufzuklären 
im  stände  sind. 

MAGDEBURG,    JANUAR    1869.  GEORG   GERLAND. 


^  Druckfehler. 

s.    18  z.  15  statt  56  lies  60 

paruti  lies  parut 

98  Ues  88 

swcere  lies  swa;re 

pvaefatio  lies  praefatio 

poden  lies  poden 

Tegerschlag  lies  Degerschlacht 

Bartsch  lies  Möbius 

viererlei  lies  vielerlei 

1867  lies  1868 

verkältnisse  lies  Verhältnisse 


-  144 

-  28 

-  153 

-  19 

-  229 

-  6 

-  276 

-  3 

-  355 

-  34 

-  355 

-  45 

-  356 

-  26 

-  356 

-  33 

-  357 

-  9 

439 

-  20 

I.     SACHEEGISTER. 


Äditj'a,  ädityas  97.  115. 

aife.  im  märchen  u.  in  der 
fabel  188  ff. ,  in  der  me- 
dicin  191. 

Agni  97. 

A 1  e  X  a  n  d  e  r  s  a  g  e.  brucli- 
stück  aus  Jul.  Valerius  u. 
dessen  epitome  119  ff. 

allermanusharnisch  494  f. 

alliteration  nicht  vier- 
fach 307. 

altnordisch,  spräche, 
isländischer  urspr.  d.  altn. 
schriftspr.  46  if. ,  dialect- 
bildung  in  Norwegen  44  ff. 
syntax  424.  metrik  425. 
—  1  i  1 1  e  r  a  t  u  r.  norwegi- 
sche auffassung  derselben 
25  ff.  isländischer ,  nicht 
norwegischer ,  Ursprung 
46  ff.  57  ff.  quellen,  In- 
halt ,  form ,  ideen  der  hel- 
denlieder  427  ff.  poesie 
57  ff.  Jurisprudenz  60  f. 
geschichtschreibung  61  ff. 
nichtgeschichtliche  sagen 
79  ff.  sonstige  litteratur- 
zweige  80  ff.  fremdlän- 
dische Stoffe  82  f.  verfall 
in  Norwegen  früher  als 
in  Island  83  ff.  —  Alt- 
nordischer litteratur- 
bericht  389  ff. 

altsächsisch,  spräche, 
altsächs.  dialektische  ein- 
flüsse  im  Hildcbrandslicd 
298.  im  Wessobrunner  ge- 
bet 298  ff.  —  littera- 
t  u  r.      alttestamentliches 


gedieht  291  ff.  anfang 
hochdeutsch  erhalten  im 
wessobrunner  gebet  294  ff. 

andhakä  sternbild  112  ff. 

angelsächsisch,  sprä- 
che, eiuflüsse  auf  d.  abre- 
uuntiatio  diaboli  und  die 
zweite  Basler  arzneivor- 
schrift  298.  —  vocale. 
eä  =  got.  äu  339  f.  — 
litter  atur.  gedichte. 
rätsei  215  ff.  epilog  zu 
Elene  219.  314.  331.  von 
erscheinung  des  kreuzes 
313.  gebete  319.  reimge- 
dicht  des  cod.  exon.  321. 
bi  monna  cräftum  323. 
bi  monna  vyrdum  223. 
Wanderer  324  ff.  Seefah- 
rer 330  ff.  Gudlac  325 
anm.  331.  spruchdich- 
tung  331  ff. 

Angirasas  97.  115. 

Apollo  i'uy.Tl  koiywg  100. 
seuchenseudend  115. 

ärdrä  sternbild  113. 

Ari  hinn  frodi  46.  62.  67. 

Augustijnken  v.  Dordt  174. 

Bähu  sternbild  113. 

bauernwenzel  -wetzel  -wä- 
schel  309. 

Beatrijs  166. 

Bernkes  jachte  s.  jagd. 

Bhrigu,  Bhrihaspati97. 115. 

bliscap,  d,  eerste  v.Marial76. 

boec  V.  d.  houte  170. 

Böddcnjäger  s.  Jäger. 

Boie,  H.  Chr.  .378  ff. 

Boudewijn  v.  d.  Lore  175. 


ZEITSCHR.    F.   DEUTSCHE    PHILOLOGIE. 


brahmanas,  ihr  wert  für 
mythologie  119. 

Brandaen  162. 

Bugges  ausg.  der  Edda  391 
ff.  417. 

bürzel,  burzel,  perczel  22  ff'. 
312.     Ganser  23. 

Calfstaf  166. 

Carel  ende  Elegast  164.  166. 
177. 

casus.  accusativer  ge- 
brauch des  nom.  und  no- 
minativer des  acc.  355. 
442  ff. 

Catoen,  dietsce  166. 

CläwsBür  verfasst  von  Bado 
214. 

c  0  n  s  0  n  a  n  t  e  u.  lautver- 
schiebuuglff.  126.  129  ff. 
auslautend  t  nach  n  ab- 
gefallen 127.  auslautend 
n,  s  abfallend  bei  Otfrid 
438.  Wechsel  zwischen  str. 
und  scr.  233  anm. 

Cornelius  im  Sprachgebrauch 
des  16.,  17  jh.  452  ff. 

coqueluche  22. 

Cynevulf.  leben:  217  f. 
2l9ff  313ff.  317ff  327f. 
gedichte:  von  erschei- 
nung des  ki-euzes  313  ff. 
bi  monna  cräftum,  bi 
monna  vyrdum  323  ft". 
Wanderer  324  ff.  Seefah- 
rer 330  ff.  gnomische  ge- 
dichte 331  ff.  —  zu  un- 
recht ihm  zugeschrieben: 
ein  gebet  319.  ein  reim- 
gedicht  des  cod.  exon.  321. 
33 


')02 


T.      SArTTREOISTKR 


dank  tnon .  snjrr-n.  fijobaii 
4H-). 

D  i  a  1  c  c  t  e.  deutsche,  alt- 
niederfränkischer  V.  Wer- 
den 288.  schlesischer 
199  ff. 

Diederic  van  Assenedo  165. 

Doctrinael.  dietsce  171. 

Eber  =  sonne  115  ff.  ohne 
herz  184. 

Eburdrung  sternbild  =  Ori- 
on 114. 

Edda  Saemnndar  389  ff. 
name  395.  Ursprung  ih- 
rer lieder  431  ff.  435  ff. 
zeit  und  ort  ihrer  sam- 
lung  395  ff.  handschrif- 
ten  391  ff'.  reihenfolge 
der  lieder  397  ff.  benen- 
nung  der  lieder  399  ff. 
textkritik  403.  405  ff. 
spräche  422  ff.  quellen, 
Inhalt,  form,  ideen  der 
heldenlieder  427  ff.  ■ — 
ausgaben:  von  Bugge 
389.  391  ff.  von  Grundt- 
vig  419.  —  Übersetzun- 
gen von  Aars,  Gjcssing, 
Jessen  420  f.  —  c om- 
ni entare  von  Wisen, 
Hazelius  422  f.  sjntax 
von  Wisen ,  Nygaard  424. 
—  metrik  von  Eosen- 
berg,  Jessen  425. 

Edda  Snorra  älter  als 
Saemundar  Edda  395  f. 

Englisch.  romanischer 
Wortschatz  des  mittel- 
englischen 365. 

esel.  im  märchen,  ohne 
herz  und  obren  189  ff. 

Esopet  166. 

Ferguut  165. 

fiebcr  durch  genuss  von 
affenfleisch  geheilt  192. 

Floris  u.  Blancefloer  105  f. 
177. 

freischütz  91  ff.  graf  Otto 
92. 


PrejT ,  Frö  =  hirscli  (ober) 
=  Sonnengott  106  f.  115  f. 
=  Frode  106. 

frostapingslög  47  f. 

Ganser  s.  bürzel. 

Gheraert,  minderbroeder 
173. 

Gielis  V.  Molhem  162. 

Gillis  de  Wevel  173. 

Go'i  s.  Jäger. 

Grägäs  47.  51. 
I  Grimbergsche  oorlog  171. 

Grimm ,  Jac. ,  leben  489. 

Hackelberg  s.  Jäger. 

Iiasel  495  f. 

Heimelijcheit  der  heimelij- 
cheden  170. 

Hein  van  Aken  oder  von 
Brüssel  172. 

Heinric  van  Alkmaer  177. 

Heinrich  v.  Veldecke  160  ff. 

Heliand  273  ff.  291  ff. 

Helljäger  s.  Jäger. 

Herakles  spannt  den  bogen 
auf  Helios  117. 

Herodis  s.  Jäger. 

herz,  gegessnes  (märchen) 
181  ff.  fehlendes  182. 184. 
188.189.  heilmittel  190ff. 

hirsch  (binde),  in  mythos, 
sage ,  aberglauben  und 
Symbolik  195.  =  sonne 
108.  frönhiru:;  107.  ohne 
herz  182  ff.  vermummung 
in  hirschlarven  109  ff. 

Historien  bloeme  173. 

Hodenjäger  s.  Jäger. 

Holger  Danske  s.  Olivier. 

Holt)-  380. 

Hooden  s.  jäger. 

horion  22. 

Hossejavoren  s.  jäger. 

Hubertus ,  st. ,  s.  jäger. 

Hultheimische  liedersam- 
lung  175. 

Jagd,  wilde  89  ff.  Bern- 
kes  j  achte  90.  engelske 
jagd  90.  nachtvolk  102. 
jagd  am  sonn-  od.  f eiertag 


89.  jagd  auf  einen  hasen 
89.  auf  einen  hirsch  mit 
crucif.  zw.  d.  geweih  90  ff. 
auf  rindvieh  101  ff.  schafe 
103. 

jehen.  construction  482  f. 
bedeutung  484. 

jäger,  wilder  89ff.  Ha- 
ckelberg 89. 115.  Bödden- 
jäger,  Weltschjägerle, 
Buchjäger,  Hodenjäger, 
de  Joe  89.  Türst  90.  102. 
Nachtjäger  90.  99.  Sträg- 
gele  90.  Goi  90.  König 
Odhin  90.  93.  Oen  93. 
Freischütz  91  ff.  St.  Hu- 
bertus 91.  100.  114.  117. 
gi-af  Otto  92.  ritter  Tils 
93.  Hooden  100.  HeU- 
jäger  101.  Vollmer  102. 
Eanzenpuffer  102.  Hero- 
dis 102.  103.491.  rinder- 
hütender riese  103.  Hos- 
sejaveren  (horsejageren) 
103.  116  ff. 

Jan  I ,  herzog  von  Brabant 
(miunesinger)  170. 

Jan  Boendale,  de  clerc  171. 

Jan  Cnibbe  175. 

Jan  V.  Heelu  171. 

Joe,  de,  s.  jäger. 

Johann  v.  Soest  177. 

Kalkoffens  Comoedie  214. 

Keyser,  Rud.  25.  430. 

ki-j-pta.  deren  bedeutung 
448  ft\ 

kukuk  33G.  anm.  53. 

y.vvi]yiu  sternbild  113. 

y.viov  sternbild  113. 

Ladendo  22. 

Lanseloot  165.  175.  177. 

Latewaert  173. 

1  autverschieb  uug,  s. 
consonanten. 

leimstange.  mit  der  1.  lau- 
fen 456  anm.  4. 

Lienhout,  Gheraert  v.  173. 

lob  tuon  ,  sagen ,  geban  485. 

Lodewijc  v.  Yelthem  169. 


I.     SACHREGISTER 


503 


lubdhaka  sternbild  112. 

Luclwigsliod,  textkritik  4781 

Maerlant,  Jae.  v.  165.  167  ff. 

märga9irsha ,  monat  118. 

marienlied  latein.  u.  afrz. 
178  ff. 

Martijn  v.  Thorout  173. 

Maruts  99. 

Mathijs  de  Castelcyu  176. 

Mellibeus  172. 

/Lidiilv  494. 

mric^a  104. 

mvigayavas  sternbild  113. 

mrigavyädha  sternbild  112  ff. 

mriga^irsha ,  mriga^iras 
sternbild  111  f. 

Mums,  Mumhart  311  f. 

Musenalmanach ,  Göttinger 
383  f. 

Nachtjäger  s.  Jäger. 

Nachtvolk  s.  jagd. 

Niederländische  litte- 
r  a  t  n  r.  übersieht  der  mit- 
telniederl.  157  ff.  zwei 
niederländische  lieder  aus 
d.  jähre  1593  465  ff. 

Noregs  konünga  sögur  is- 
länd.  urs]n-ungs  77. 

Noydekijn  166. 

Odhin  s.  Wuotan   u.  jäger. 

Oen  s.  Jäger. 

Olivier  =  Holger  Danske  = 
Ollerus  (Ullr)  493. 

Orion  sternbild  li2  ff. 

Orthographie,  deutsche, 
äusserungcn  J.  Grimms 
227  ff.  angelsächs.  338 
anni. 

Otfrid  tilgt  auslautenden 
cons.  (n ,  s)  438.  verbin- 
det sing,  des  verbs  mit 
plur.  des  subst.  437.  um- 
schreibt zusammenge- 
setzte zahlen  439.  rcf'rain 
bei  0.  439. 

Otto,  graf  s.  Jäger. 

Parthenopeus  und  Melior 
165  f. 

passio  Ansclmi  460  ff. 


Philip  utenbroeke  aen  den 
dam  169. 

Potter,  Dirk  174. 

praepositionen.  mit  c. 
acc.  306  ff. 

Prajäpati  95  ff.  105  ff.  111  ff. 
=  Savitar  105  ff. 

Prajäpater  hridayam,  stern- 
bild 112.  " 

7TQOXV10V  sternbild  113. 

pronomen.  got.  hva  nicht 
plural  24. 

Eanzenpuffer  s.  Jäger. 

rechtsaltertümer.  aus 
der  Gudrun  257  ff.  va- 
sallenvcrhältnis  257  ff. 
thronfolgeverhältnis  264 
ff.  einfluss  d.  heerschilds- 
ordnung  auf  die  Vermäh- 
lung 267  ff.  Verlöbnis  und 
ehcschliessung  270  ff. 

Eederijkers  176  f. 

reduplication  im  prae- 
teritum  125. 

refrain  bei  Otfrid  439. 

reim,  abfall  eines  auslau- 
tenden consonanten  (n,  s) 
bei  Otfrid  438.  reime  in 
angelsächs.  gedichten  321. 

reimen  tein  mwcstf.  214. 

Eeinaert  162.  173.  177. 

Eibhus  116. 

ri^ya  96.  104  ff. 

riese  ,  rinderhüteuder  s.  Jä- 
ger. 

rind  =  wölke  und  sonne 
116.  rinder  des  Helios 
116. 

rohini  sternbild  112  ff. 

rohit  96.  104. 

Eoland  491  ff. 

ross  =  sonne  116. 

Rudra  95  ff.  112  ff  Eudras 
99. 

Saehrimnir  116. 

Savitar  105  ff. 

Saxo  Grammaticus.  behand- 
lung  der  altnord.  helden- 
satre  432. 


Schiller,  zu  Toll  IV,  1.  353. 

Schimmelreiter  s.  Jäger. 

schuss.  auf  die  sonne  92. 
94  ff.  auf  den  mond  92. 
94.  auf  den  hirsch  mit 
crucifix  90  f.  auf  die  ho- 
stie  92.  auf  gott  94.  auf 
Prajäpati  in  gestalt  einer 
ri^ya  96  f.  Auf  Freyr  in 
hirschgestalt  106. 

Schwabenspiegel.  abfas- 
sungszeit  273  f. 

Seghere  Dieregodgaf.  166. 

Sirius  112  ff. 

speien,  abele  175.  van  sinne 
176. 

Stoke,  Melis  170. 

storch  im  schweizerischen 
Volksglauben  344  ff. 

Sträggele  s.  Jäger. 

Superlativ  comparativisch 
304  ff. 

syntax.  singular  des  ver- 
bums mit  plural  des  Sub- 
stantivs bei  Otfrid  437, 

Tac,  le  22. 

Theodorich  der  erste  norwe- 
gische geschichtschreiber 
49  ff. 

Tils,  ritter  s.  Jäger. 

Tiodute  491  f. 

Tishya  118. 

tuch  als  besoldung  imd  be- 
lohuung  459  ff 

tüchlein ,  ein  schlechtes  459 
ff.  465. 

Türst  s.  Jäger, 

Ushas  96.  115, 

Veldecke  s,  Heinrich. 

Vergi,  burggräfin  172. 

Vidyadharcn  494.  496. 

vikslulras  sternbild  113. 

vocale.    iibluut  124  ff. 

Vollmer  s.  Jäger. 

Völuspä  405  ff. 

Völsungasaga.    abfassungs- 
zcit    und   Verhältnis    zur 
Sacmundar  Edda  417  f. 
grundgedanke  428  f. 
33* 


504 


IT.     WORTREGISTER 


Walewcin  165  f. 

Wapono  Martiiii  lOO  IT.  170. 

172.  177. 
wechselbälge  496  f. 
Weckherlin.  Ge.  Riul.  350  ff. 
Woort.  Jan  de  172. 
woltbauni  492  ü. 
AVoltschjägcrle  s.  Jäger. 
Willem,  leben  der  Lutgar- 

dis  173. 
Willem  van  Delft  174. 


Willem    V.    Ilill.'gacrsl.orcli 

175. 
Willem  V.  Oringhcn  164. 

W  u  ()  t  a  n  Wodan  Odhin.  = 
Rudra  99  f.  in  den  ge- 
bräuclien  der  zwölften  110. 
(als  naclitjäger)  den  son- 
neneber  vernichtend  115. 
vgl.  119. 

Xenien.  berichtigung  zur 
xenienliteratur  382. 


Zahl  0  n.  nmsrlircilning  zu- 

samniengesetzter  bei  Ot- 

frid  439. 
zeter  492. 
Ziegenpeter  310. 
zwölfgötter,    die  deutschen 

229  ff. 
zwölften ,  erlegung  des  son- 

nenthieres  117  f. 
pidi-eks  saga.  ihr  alter  417. 
Jjorgeirr  afrads  kollur  65. 
i  poroddur  runameistari  46. 


IL     WORTEEGISTER 


1.  Ootiseli. 

abrs  14. 
af,  afar  146. 
aflifnan  148.  155. 
afskiuban  135. 
agg\Tis  4. 
agis  4. 
ahana  133. 
ahjan  133. 
absei  133. 
alima  133. 
ahtau  133.  142. 
ahva  20. 
aihan  133. 
aihva  19. 
airknipa  149. 
akrs  149. 
alheis  105. 
alhs  133. 
alpeis  140. 
anabiudan  9. 
anaks  150. 
anpar  140. 
anut  142. 
arbi  14. 
aquizi  137. 
at-pinsan  138. 
äugo  133. 
anhns  133. 


A.  Deutsche  sprachen. 

auhsa  133. 

auhsus  372. 

aukan  150. 

bagms  11. 

bai  11. 

bairan  13. 

bairgahei  5. 

bairgan  5.  12.  13.  154. 

bairhts  13. 

balgs  12. 

balvjan ,    balveius ,     balva- 

vesei  12. 
banja  12. 
bansts  12. 
batiza,  batists  12. 
baurgs  5. 
beitan  15.  153. 
bidjan  12. 
bifaihön  143. 
bigitan  4. 
bindan  9.  154. 
biraubon  14. 
biudan  14.  154. 
biugan  5.  14. 
bium  14. 
uf-blesan  13. 
blöp)  13. 
brikan  150. 
brinnan  13. 
bropar  14.  140. 
büc  14. 


ydad  128. 

daddjau  7. 

dags  154. 

dars  7. 

danbs  7.  14. 

dauhtar  8.  154. 

dauhts  8. 

dauns  8. 

daur  8. 

deigan  5.  154. 

dis\'iuj)jan  141. 

doms  8. 

dragan  6.  137. 

drunjus  8. 

dugan  8. 

dulps  9. 

dumbs  7.  14. 

fadar  143.  155. 

faginon  155. 

fagrs  143. 

fahan  133.  143. 

faheps  143.  155. 

faian  143. 

faihu  133.  143. 

fairguni  143. 

fairzna  143. 

falpan  133.  140.  143. 

fana  144. 

faran  144. 

fastan  142.  144. 

faps  140. 


n.     WORTREGISTER 


505 


faur,  faura  144. 
favei  144. 
lidvor  155. 
fijan  143. 
filleins  144. 
filu  144.  146. 
filu-faihs  143. 
fimf  144.  147. 
finpau  140.  144. 
fisks  136. 
flahtoni  138.  145. 
flekan  145.  150. 
fona  146. 
fotus  145.  153. 
fraihuan  133. 
frafi  140.  145. 
frijon  145. 
frius  145. 
fulls  146. 
füls  146. 
gadeds  8. 
gahamOu  16. 
gairnei  4. 
gaits  3.  153. 
garedan  10. 
gaskapjan  15. 
gasts  3.  142. 
gatairan  152. 
gatamjan  152. 
gatimau  152. 
gaj)airsan  139. 
gavigan  7. 
gistradagis  3. 
giutan  4.  153. 
gods  154. 
grabau  14.  154. 
gram  Jan  4. 
gredus  4.  154. 
greipan  15. 
gretan  137 
grids  154. 
gulj)  4. 
guma  4. 
liafian  16. 
hahan  16. 
haifsts  16. 
haihs  16. 
hails  16. 
liaims  16. 


153. 


haü-da  9.  16.  17. 
hairtö  18.  153. 
hairus  18. 
haldan  10.  16. 
hallus  16. 
hals  16. 
halts  16. 
hana  17. 
haupr.  17. 
hardus  17. 
haubil»  17. 
liaurn  17. 
heivafrauja  17. 
hilpan  17. 
liimins  16.  17. 
lilaibs  155. 
lilaifs  18.  146.  155. 
hlains  18. 
hlaiv  18. 
hlifau  18.  146. 
hliuma  18. 
lilutrs  18. 
Imaivs  18. 
Imeivan  18. 
hraiv  18. 
liramjan  18. 
lirukjan  18. 
huljau  19. 
hund  19.  155. 
liunds  19. 
hva  20.  24. 
hvairnei  20. 
livaiteins  19. 
liveits  19. 
itan  153. 
jüggs  133.  155. 
jühiza  133.  155. 
juk  150. 
jünda  133. 
kalbo  148. 
kalds  148. 
kaun  148. 
kaurjös  148. 
kaum  148. 
kaurs  148. 
kinnus  7.  149. 
kiusan  149. 
kiiiu  149. 
kuui  149. 


laggs  5. 
laibos  148.  155. 
lauhiimui  134. 
laus-qiiiprs  14. 
leihts  6. 
leihvan  20. 
ligan  6. 
ligrs  6. 
lipus  140. 
Hubs  14. 
liudan  10. 
liubap  134. 
mag  6. 
midjis  10. 
mikils  7.  150. 
miluks  150. 
mimz  10. 
mil)  140. 
mizdö  10. 
munps  140. 
nadrs  155. 
nahts  134.  142. 
naquaps  150. 
nehv  20. 
nimandci  24. 
uipjis  140. 
6g  4. 

paida  154. 
quaii-nus  151. 
quairus  137. 
queiis  151. 
quiman  151. 
quino  151. 
quipau  137. 
quipus  140.  150. 
quius  151. 
ragiu  6. 
raihts  142. 
rakjan  150. 
rauds  10. 
reiks  150. 
rign  7. 
riquis  151. 
sads  155. 
saihs  134. 
saihvan  20. 
saps  141.  155. 
sibja  15. 
sidus  10, 


50G 


11.     WOIITBKGISTER 


sigis  7. 

sitaii  153. 

skiiilus  135.  154. 

skaidar  135.  154. 

skal  135. 

skaiiiau  sih  135. 

skatts  138. 

skauns  136. 

skilja  136. 

skip  136. 

skiuban  15. 

spai  -  skukb-s  136.  154. 

s])eivaii  147. 

spinnan  147. 

Stabs  15.  141. 

staius  141. 

stairiio  141. 

standan  141. 

stautan  141.  154. 

steigan  7.  141. 

stigquau  141.  151.  154. 

stilau  142. 

stiur  142. 

straujan  142. 

striks  142. 

strit  142. 

sutis  154. 

svaihra  134. 

svistar  142. 

tagr  152.  155. 

tahjan  134.  152. 

taihsvs  134.  152. 

taüiuii  134.  152.  155. 

taikns  134.  137.  141. 

tarhjan  134.  152. 

teihan  134.  153. 

tekan  142.  150. 

tigus  155. 

timrjan  152. 

tiuhan  8.  134.  153. 

triu  153. 

triggvs  11.  153. 

tuggo  7.  153. 

tunfus  141.  153. 

tvai  153. 

pa-  138. 

Imgkjan  138.  150. 

Itahan  135.  138. 

I)aho  138. 


Iiairh  138. 
J)aurban  138.  155. 
paurmis  138. 
paurp  138.  154. 
I)iuda  139.  155. 
pius  139. 
piul)  139. 
prafstjan  139. 
pragjan  139. 
preihan  135.  139. 
preis  189. 
prutsfill  144. 
pu  139. 
pulan  139. 
pm-s  139. 
pusuudi  139. 
ufpaiijau  138. 
untila  -  mulsks  136. 
us-skavs  13G. 
us-stiggan  141. 
us-priutan  139. 
vadi  11. 
valisjau  135. 
vaii-pau  147. 
vairpau  141. 
vait  154. 
vakan  151. 
vato  154. 
vaurd  11. 
vaurkjan  151. 
vaui-ds  11. 
veilis  135. 
veitvüds  154. 
viduvo  11. 
vigs  7. 
vikau  137. 
vinds  141. 
vipön  141. 
vraiqvs  137.  151. 
vulfs  148. 
wunscan  136. 

2.   .Uthochdeutsch. 

ahsa  133. 
anko  149. 
blao  13. 
b6?o  369. 
chalp  148. 
dat  für  da?  298. 


dl'hsala  133. 

claho,  clho  105.  133. 

cnti  304. 

enteo  ni  wentco  304. 

ero  300. 

fahs  143. 

falo  143. 

faran  144. 

fesa  144. 

flrahim  299. 

firiwizzo  300. 

firswige  438. 

fixzu  145. 

fiuhta  145. 

flur  146. 

flins  145. 

flöh  145. 

friudil  145. 

frö  107  ff. 

frönhiru?  107. 

furh,  furhi  146. 

füst  146. 

gafregiu  299. 

galla  3. 

gans  3. 

gelo  3. 

hahsa  16. 

hamar  16. 

hasal  496. 

herti  17. 

hua?:5a  78. 

hof  18. 

houbit  17. 

lu-abaii  18. 

hün  19. 

huosto  19. 

igil  5. 

knoto  153. 

liehe  438. 

lik-hamo  16. 

mareo  302. 

manno  miltisto  304  ff. 

miskaii  136. 

iiagal  6. 

nebul  14. 

liest  153. 

niftilä  146. 

ninohheinig  301. 

niwiht  303. 


U.     WORTKEGITTER 


507 


sahs  134. 
sciluf  136. 
skiura  135. 
scouö  438. 
spannau  144.  147. 
sparon  147. 
speliön  134.  147. 
striunau  333  aum. 
strouiii  142. 
üfhimil  301. 
wäri  439. 
zehä  134. 

3.  Mittelhochdeutsch. 

büc  13. 

bürzel,  perczel  22  if. 
mitte  kl.  kurzebold  378. 
rät  10. 
tauuewctzel,    tanabeczl, 

taunweczschl,  tanawä- 

scliel  22  flf. 
vert  144. 
visellin  145. 

4.  Neuhochdeutsch. 

arg  5. 
bansch  12. 
birke  13. 
brauen  13. 
bremse  13. 
dämmer  138. 
deich  5. 
düne  8. 
feim  144. 
finster  138. 
gelb  3. 
lialm  16. 
hinken  135. 
kebsc  149. 
küeben  149. 
mumme  312. 
nabel  15. 
quäl,  quälen  151. 
scheit  135. 
schreiben  154. 
spreu  147. 
springen  147. 
Volk  146. 
weben  15. 
Weidmann  11. 


5.  Altsächsisch. 

anbiodau  9. 
bedriogan  5. 
bodm  2.  13. 
calf  148. 
fepara  144. 
här  17. 
höbit  17. 
höhn  18. 
klioban  149. 
liudi  10. 
malsk  136. 
nebal  14. 
qualm  151. 
qnäla  151. 
skakan  135. 
skap  135. 
skio  135. 
torht  134. 
pegn  139. 
penian  138. 
pim  138. 
pinsan  138. 
vebbi  15. 

6.  Niederdeutsch. 

hillc  19. 
hüd  19. 

fries.  liäved  17. 
altndd.  kela  149. 
altudd.  kranc  149. 
mwestf.  de  reimen  tein 
214. 

7.  .Aug-elsächsisch. 

ad  9. 
älf  14. 
beän  12. 
beard  9. 
bifian  13^. 
bog  5.  13. 
böc  13.  150. 
breav  14. 
bryd  372. 
cealf  148. 
cleofan  149. 
cü  149. 
cvcahu  151. 


dynjan,  dynnan  9. 

eolh  105. 

fäm  144. 

fearn  144. 

fülm  145. 

gifre  333. 

gelagu  336,  anm.  64. 

hälfest  17. 

hän  16. 

lieäfod  17. 

heorot  17. 

hläder  18. 

hlin-bed  18. 

hnit  18. 

holm  18. 

hräv  18. 

hrioder  18. 

hveol  20. 

livösta  19. 

hyd  19. 

hydan  10. 

medu  10. 

nacod  150. 

päd  147. 

reötan  153. 

screon  333. 

sculdor  135. 

scyndan  154. 

spie  147. 

sporn  147. 

spovan  147. 

stearn  141. 

streönan  333  anm. 

tä  134. 

täcor  152. 

Tivesdäg  153. 

pävan  138. 

preägan  139.  154. 

udcr  10. 

veder  11. 

vrence  151. 

8.  Altenglisch, 
Englisch. 

arber  368. 

arblastc ,  arow  -  blaster  368. 

baili  bailif  369. 

batayle  370. 

bodkiu  370. 


508 


II.     WOBTREGISTER 


bokel  bokil  bocul  bocle  369. 

boket  370. 

botel  371. 

boton  butouus  botluim  369. 

carol  871. 

caudruii  cawdrou  369. 

citezeiu  369. 

CO  Veiten  371. 

cleinte  deintce  370. 

edish  371. 

iie.  foaiu  144. 

fout  369. 

iie  hat  135. 

impen  370. 

iie.  hindlc  136. 

kover-checf  370. 

paien  369. 

paiseu  369. 

pilche  369. 

(juilte  370. 

robbare  371. 

9.  Altnordisch. 

afl  415. 
älfr  14. 


baiui  12. 
bautarstciuii  413. 
blüdigr  411. 
blödrekiiin  411. 
brim  13. 
brünn  13. 
Eggper  411. 
eikinn  416. 
olgr  105. 
für-  416. 
gas  3. 
gorn  3. 
hafela  17. 
hafr.  15.  146. 
haiiir  16. 
hefna  hefnd  16. 
hein  IG. 
höfud  17. 
höttr  135. 
hryggr  5. 
hulistr  19. 
hulundi  19. 
hväsa,  hv89sa  19. 
hvila  20. 
kalla  148. 


154. 


kefsh-  149. 
kringla  137. 
kyiida  137. 
kyndisk  411. 
iiiergr  154. 
iiijötudr  411. 
iiaiu  65. 
ofreiflr  415. 
rök  151. 
skald  135 
sofa  146. 
sped  147. 
styiija  142. 
süsbreka  416. 
sveiti  154. 
tivar  153. 
pekga  150. 
pior  139.  142. 
J)röask  139. 
I.imur  138. 
vä  413. 
vekta  11. 
velir  413. 


B.  Griechisch. 


f(y()6g  149. 
ut!flor  11. 
«i'5^w  9. 

ÜXfKOV   16. 
dlaly.ah'  133. 
aXy.ai.  105. 
uXifiog  14. 
dl<fc'cvoj  14. 
(cuelyu  150. 

l(f^(fOJ    11. 

avakrog  140. 

«|wr  133. 

-an-  in  Mtoac'cncoc  20. 

dnö  146. 

c<oy)]s  149. 

«o/oj  6. 

(cancci()üj  147. 

äaTt\u(frr];  15. 

darriQ  141. 

av^dvw  135. 

((//jg  4. 


ßuivw  151. 
ßuiTt]  154. 
ßccQ^g  148. 
ßiog  151. 
^/ßoq  149. 
ßovg  149. 
ß()t\u(iv  13. 

ßof^M    7. 

ßoitpog  148. 
ßoovTrj   13. 
yuar^Q  140. 
yevvg  149. 
ysQavog  149. 
yevta'fci  149. 
yr;()ug  148. 
yrJQvg  148. 
yiyvofJ.(ci,  149. 
yiyv(i}0>:(i)  148- 
yövv  149. 
yqiufiHV  14. 
yvQtg  148. 


3(d]n  152. 
ddy.Vü)  134. 
^äy.ov  152. 
(y('(y.TL').og  134. 
öauäio  152. 
Ö^hog  134. 
Sity.vvui  134. 
<Uy.a  134. 
ätutiv  152. 
(ff'oyoucd   134. 
t)Vooj  152. 
*J!fog  153. 
ih'y.,]  134. 
Sohyög  6. 
(Jo/^o?  152. 
Sönv  153- 
Jo??  153. 
Jl'o  153. 
lyyvg  4. 
«(fo)  153. 
Uog  153. 


n.     WOKTREGISTEK 


509 


t»og  10. 
ixctröv  19. 
txvnog  134. 
lla/vs  6. 
iv  140. 
'ivsyxaiv  20. 
U  134. 
enoficti,  20. 
fQSßog  151. 
iQvd-QÖg  10. 
/;ifa'Off  5. 

JiQy-  151- 
*/axw  137. 
*AJ-  154. 

JOV/M     i. 

ioimuv  147. 
^evyvvf^c  150. 
ZTu^of  150. 
^ntQonaviiv  146. 
jjd'y?  154. 
d^aXia  9. 
iiciQöog  7. 
iyeCviD  12. 
■&rjG&ca  1. 
&tyyävtü  5. 
;?^t?  8. 
d^QTjVog  8. 
&o6og  8. 
■9-vyccTi]Q  8. 
dvöay.oog  135. 

•öl' (3«    8. 

id/w  154. 

trfpw?  154. 

iTinog  19. 

lOTtjUl    141. 

y.üXcifxog  16. 

zwAd?  16. 

xulia  19. 

X ((V ci Coj ,  xavHyri   17. 

xt'cvvaßig  17. 

xccTiQog  15. 

/f«o«  20. 

xc.Qäia  18. 

XKQTlog    17. 

xiT^ui  17.  20. 

XilQCO    18. 
ZiOKf    17. 

xfifuh]  17. 
XTJnog  18. 


xXiTlTO}    18. 

xXi\ua§  18. 

xi.Cvri  xlivo)  xliGia  18. 

;<^i;foj   18. 

xri6r]  18. 

xvCaaa  18. 

zofw  135. 

zoAwrd?  18. 

xovig  18. 

zd^«^  18. 

xoxojvrj  16. 

XQaviov  20. 

Zjpai/yjj  18. 

XOfKS   18. 

XQ8fXC(fJ.Ul    XQijuäwv/J^C    18. 

zu5^-  xevfHi)  10- 
xvxXog  20. 
;ct'ft)  19. 
xwvog  16. 
xojx/j  16. 
Xtiyja  6. 
Aei'TTw  20.  148. 
^fi'zd?  133. 
Af/off  6. 
Aijxo?  148. 
fj.eyag  150. 
[itaaog  10. 
|U£r«  140. 
fxiyvvfxt,  136. 
[xiGyiu  137. 
fiiod^ög  10. 
yff'w  18. 
ve(fog  14. 
j/i'?  134. 
oßQifj-og  14. 
dd"oi'?  141. 
oixog  135. 
otJ«  154. 
d;fTW  133. 
(ixvog  16. 
GfA-iptiXog  15. 
6Vy|  6. 
ÖQeyo)  150. 
6()(fav6g  14. 
oaaeadta  133. 
ov^a()  10. 
oipQvg  14. 
oyhofxtu  7. 
TtaXäfir]  145. 


nccrrjQ  143. 
7ic(/vg  11. 
nai'w  144. 
nixog  143. 
TTfZOJ    143. 

TTs;.;.«  144. 

äol.  n^uTis  144.  147. 

ntvO^tQog  9. 

TTfVrf  144.  147. 

TTfO?    145. 

tisqÜo)  144. 
ntoöouat,  145. 
nt'Qvac  144. 

TTSVxfj   145. 
7T7jyVV/Llt.    143. 

Tifjvog  144. 
7ij]/vg  5. 
TiXtxii}  133. 
nXriaaii)  145. 
TiUv&og  145. 
noixilog  143. 
noXiög  143. 
ttoAl?  144. 
Troff/?  140. 

TTOl'?    145. 

mtQva  143. 
TtTiaacü  144. 

TTTüW  147. 

TTi'civog  12. 

TTvyfir']  146. 

TTLiiy^-  nvv!iavoy.ai  9. 

Tiv&ixriV  2. 

nvx^o)  146. 

TTi-jj  146. 

nvQQÖg  nvQöög  145. 

71VQO8L0)    145. 

QKißög  151. 
qä/ig  5. 
^i'i/;  136. 
Ziavffog  136. 
axüifri,  axuffog  136. 
axeSävwfxi  136. 
Gx^TiTOfica  134. 
ffzt'«  135. 
OxvTog  19. 
anäü)  147. 
yff(5ii  142. 
OTi'yo)  150. 
aretQcc  141. 


510 


II.     WORTBEGISTER 


arti/jo  7. 
oi('uß(u   15. 
OTtQt'tO    142. 

ajiK  141. 

ariCco,  öTiyfici  141. 
aio()fvPi\ui  142. 
o}(iC(o  135. 
aiouK  10. 
rnvQog  142. 
r*yo?  150. 
rffVw  138. 
ret^rog  5. 
TexT(ov  133. 
T^XVOV  139. 
Tfono)  139. 

TSQaOfACCl,  139. 
TfTßJ'WJ'  142. 
Tf>i'?;  133. 


rjyjfw   138. 
ri]TKo/j.ni   142. 

Tlü^>)f.ll    8. 

Tkfivtd  139. 
To-  138. 

T()fr?  139. 

TQt'/ü)   139. 

Ti;'  139. 
Tii()yS^  138. 
Ti'QarjVos  139. 
rv<fX6g  7. 
i/Jw^  154. 
vnvos  146. 
vifaivü)  15. 
(pfßofxni  13. 
^*y-  12. 
^^(icü  13. 
(ftvyco  5. 


tmyög  13. 
(fiUyio  13. 
(fQc'iaoo}  5. 
ff(>((irj(>   14. 
ij.Qvyu}  13. 
(fQvvri  13. 
«f  j;w  14. 
/«tpw  4. 
^/■«rtJ'Krw  4. 
/ärj  4. 
/'i»^  3. 

Z^ö/j,  /).ioq6s  3. 
;^^£?  3. 
/o7o?  3. 
^QOfiudog  4. 
XQvßög  4. 
i/'«^»  141. 
\pvlka  145. 


1.   Lateinisch. 

acus,  eris  133. 
acus,  udis  137. 
acutus  137. 
aedes  9. 
ager  149. 
ala  133. 
albus  14. 
alces  105. 
alere  140. 
ambo  11. 
anas  142. 
angustus  4. 
anser  3. 
aqua  20. 
arguere  149. 
artus  140. 
arx  133. 
augeo  150. 
axis  133. 
barba  9. 
bos  149. 
caesaries  17. 
caecus  16. 
calamus  16. 
calculus  16. 
Campus  18. 


C.    Italische  sprachen. 

candeo  137. 
canis  19. 
cannabis  17. 
cano  17. 
capio  16. 
capra  15. 
Caput  17. 
caro   18. 
carpo  17. 
caveo  135. 
cella  19. 
celsus  18. 
centum  19. 
cerebrum  20. 
cicur  137. 
claudus  16. 
depo  18. 
clinare  18. 
cloaca  18. 
cluo  18. 
coUis  18. 
Collum  16. 
coniveo  18. 
cor  18. 
cornu  17, 
corvus  18. 
coxa  16. 
cribrum  18. 


crocire  18. 
cruor  18. 
cunctari  16. 
cuneus  16, 
curtus  18. 
altl.  dacruma  152. 
decem  134. 
dens  141. 
dexter  134. 
dico  134. 
digitus  134. 
altl.  dingua  7. 
distinguo  141. 
d  Omare  152. 
domus  152. 
ducere  8.  134.  153. 
duo  153. 
edere  153. 
emiuere  140. 
equus  19. 
faba  12. 
fagus  13. 
fero  13. 
findo  13. 
fingo  5. 
flare  13. 
flavus  13. 
fores  8. 


U.     WORTKEGISTEE 


511 


frater  14. 

fregi  125. 

fremitus  13. 

frigo  13. 

frui   150. 

fugio  5. 

fu-  14. 

fulgeo  13. 

fumus  8. 

ftindo  4. 

fundus  2. 

fungi  150. 

gelidus  148. 

gena  149. 

genu  149. 

gigno  149. 

gnosco  148. 

granum  148. 

gravis  148. 

grus  149. 

gula  149. 

gurges,   gurgulio  149. 

gustare  149. 

haedus  3. 

liaruspex  3. 

helus  3. 

heri  3. 

liomo  4. 

hostis  3. 

instrumentuni  142. 

iungo ,  iugum  150. 

lendes  18. 

levir  152. 

levis  6. 

übet  14. 

lingo  6. 

linquo  20.  148. 

lupus  148. 

lux  134. 

magnus  150. 

inedius  10. 

nieutum  140. 

miscco  137. 

mulgeo  150. 

nanciscor  20. 

nidus  153. 

nodus  153. 

nox  134. 

nubes  14. 


nudus  150. 
nuo  18. 
octo  183. 
orbus  14. 
paciscor  143. 
pallidus  143. 
palma  145. 
pannus  144. 
parcere  147. 
paucus  144. 
paulus  144. 
pauper  144. 
pecto  143. 
pecu  143. 
pedo  145. 
peior  143. 
pellis  144. 
penis  145. 
pes  145. 
pessinius  143. 
pinso  144. 
piscis  136. 
plaiigo  145. 
plecto  133. 
plico  133. 
plus  144. 
porca  146. 
porta  144. 
postis  142. 
potis  140. 
precor  133. 
prehendo  4. 
procus  133. 
pruina  145. 
prurio  145. 
Prurigo  145. 
pugnus  146. 
pulex  145. 
püs  146. 
quiesco  19. 
quinque  144.   147. 
rego  150. 
rcx  150. 
rigare  7. 
robur  10. 
ruber  10. 
rudo  153. 
satis  154. 
satur  154. 


scabo  136. 
scelus  135- 
scindo  135. 
scirpus  136. 
scutuni  19. 
secare  134. 
sedere  153. 
sequi  20. 
sex  134. 
socer  134. 
somnus  146. 
sopor  146. 
soror  142. 
specto  134. 
spuma  144. 
spuo  147. 
stare  141. 
stabilire  15. 
Stella  141. 
sterilis  141. 
sterno  142. 
altl.  stlis  142. 
strigilis  142. 
stringere  154. 
struo  142. 
sturnus  141. 
suavis  154. 
sudare  154. 
taceo  135. 
tango  142. 
taurus  142. 
tegere  150. 
tendere  138. 
tenebrae  138. 
tergere  142. 
texere  133. 
altl.  tongere  138. 
torrere  139. 
torquerc  135. 
torvus   139. 
ose.  tovto  139. 
tu  139. 
tuli  139. 
tundo  141. 
turba  138. 
turgeo  139. 
umbr.  tutu  139. 
tres  139. 
tribus  138. 


512 


n.    WORTBEGISTER 


tnulo  139. 

über  10. 

umbilicus  15. 

uuila  154. 

iniguen,  uuguentum  119. 

Tiiiguis  {]. 

vacliiiioniuia  11. 

valgus  151. 

vcgco  150. 


vehere  7. 
vcnari  11. 
venire  151. 
vertere  141. 
vicus  135. 
Video  154. 
viduo  11. 
vigil  150. 
vivere  151. 


2.  llomaniscli. 

af'rz.  Anne  180. 

afrz.  Aube  jonrnee  180. 

afrz.  boton  boutou  360. 

afrz.  eliartres  180. 

afrz.  enchartre  ISO. 

afrz.  poeste  180. 

afrz.  virgc  für  vierge  180. 


1.  Sanskrit. 

akslia  133. 
akslii  133. 
ajra  149. 
afij  149. 
anjasä  149. 
ad  153. 
antara  140. 
apa  146. 
apara  146. 
amblivina  14. 
arj  150. 
arjuna  149. 
arbhaka  14. 
arh  6. 
a9  137. 
aQna  133. 
afniau  16. 
a9va  19. 
ashtan  133. 
ahäm  7. 
äjya  149. 
är^a  105. 
idh  9. 
i9  133. 
ukshan  133. 
ud  154. 
ubhäu  11. 
üdhan,  üdliar  10. 
righäy  5. 
ribhii  14. 
rifya  133. 
edha  9. 
kakubli  17. 
kaksha  16. 


D.    Arische  sprachen. 

katu  17. 
kapäla  17. 
kalama  16. 
kalja  16. 
kalp  17. 
kavi  136. 
käs  19. 
küi-d  16. 
kesara  17. 
ki-aud  137. 
kravis  18. 
kravya  18. 
kni9  18. 
kshubh  15.  136. 
khaja  135. 
kliaöj  135. 
khala  19. 
ygabh  149. 
gam  151. 
gar  148. 
gariyans  148. 
gardh  4. 
garbha  148. 
gala  149. 
gir  148. 
guru  148. 
guh  10. 
go  149. 
grabh  15. 
cakra  20. 
eand  137. 
candra  137. 
chad  135. 
chandas  135. 
chard  136. 
cha  134. 


chid  135. 

jathara  140. 

Jan  149. 

jani  151. 

jantu  149. 

jar  136.   148.   151. 

jala  148. 

janu  149. 

jihvä  7. 

jiv,  jiva  151. 

jush  149. 

jnä  148. 

jranibh  149. 

jval  151. 

jvar  151. 

ta  138. 

ytak  139. 

taksh  133. 

tau  138. 

tanias  138. 

tar  141. 

tark  135. 

tarj  139. 

tarp  139. 

tarsh  139. 

taiis  138. 

tära  141. 

täyu  142. 

tij  141. 

tiryak  138. 

tu  139. 

tud  141. 

tu9  135. 

tul  139. 

trina  138. 

tri  139. 


II.     WORTREGISTER 


513 


tva  139. 

tvar  139. 

dakslia  134. 

danta  141. 

dam  152. 

dama  152. 

dar  152. 

dar9  134. 

darli  11. 

da^an  134. 

dilni  153. 

*diglivä  7. 

divas  153. 

di9  134. 

dih  5. 

dirgha  6. 

dur  8. 

duh  8.  153. 

duMtar  8. 

devar  152. 

dru  153. 

druli  5. 

dva  153. 

dvära  8. 

dhanvan  8. 

dharsh  7. 

dhä  7.  8. 

dliätri  7. 

*dhugliatar  8  anm. 

dhuiii  9. 

dhü  8. 

dliüma  8. 

dhriti  9. 

dliraj  6. 

dhran  8. 

dhvan  9. 

nakta  134. 

nagua  150. 

napti  146. 

nabhas  14. 

na?,  20. 

nfibhi  15. 

iii(,'rayani  18. 

nicja  153. 

paiica  144.  147. 

pat  145. 

pati  140. 

pattra  144. 

l>atli  145.  147. 


päd  145. 
par  144. 
parut  144. 
parc  133. 
parjanya  143. 
pard  145. 
parna  144. 
palita  143. 
pa(;u  143. 
pa^.upati  101. 
pasas  145. 
pastya  142. 
päni  145. 
päda  145. 
pädu  145. 
pärslini  143. 
pävaka  146. 
pä^a  143. 
pitar  143. 
pi(?  143. 
pi9una  143. 
pish  144. 
piy  143. 

puras  144. 

purä  144. 

puru  144. 

pü  146. 

pürna  146. 

prach  144. 

pra9na  133. 

priya  145. 

pri  145. 

prush  145. 

plusli  145. 

phciia  144. 

bandh  9. 

bablu-u  13. 

barh  5. 

barhis  12. 

bahu  11. 

baiih  11. 

baliii  5. 

budh  9. 

bhadra  12. 

bhaii  12. 

bhaiid  12. 

*bhaiidh  9. 

bhar  13. 

bhargas  13. 


*bhardli  9. 
bhaiisas  12. 
bhid  13. 
bhi  13. 
bhugna  5. 
bhiij  5.  14.  150. 
bhudiia  2. 
bhur  13. 
bhü  14. 
bbürja  13. 
bhrajj  13. 
bhram  13. 
bhramara  13. 
bhi-ätar  14. 
bhrü  14. 
majjan  154. 

madhu  10. 

madhya  10. 

mabant  7. 

mäüsa  10. 

miksh  136. 

miyedha  10. 

mi9ray  136. 

mürkha  136. 

medha  10. 

yabh  149. 

yavishtha  134. 

yaviyans  134. 

yuj  150. 

yün  134. 

raksh  133. 

rajas  151. 

rabh  14. 

raj  149. 

-räj  150. 

rädhas  10. 

ric  20.  148. 

ruc  134. 

rud  153. 

rudhira  10. 

rub  10. 

laghu  6. 

laUgh  6. 

lih  6. 

lubh  14. 
loha  10. 
vaksh  135. 
vadh  11. 


514 


IT.    AVORTREOISTER 


vadhas  11. 

vabh  15. 

vart  141. 

vah  7. 

vanch  136. 

vid  154. 

vidhava  11. 

vrika  148. 

\Tijina  151. 

vyadli,  vyädha  11. 

^akuna  16. 

^ank  16. 

9ata  19. 

^anam  17. 

9ap,  ^äpa  16. 

9ar  18. 

9arkarä  16. 

^ardhas  9. 

9!  17. 

(^iras  20. 

91  20. 

9rapay  146. 

9rä  146. 

9ri  18. 

9ru  18. 

9van  19. 

9va9ura  134. 

9vas  19. 

9vi  19. 

9vit  19. 

shash  134. 

shthiv  147. 

sac  20. 

sad  153. 

san  141. 

sabliä  15. 

sahas  7. 

skandhas  135. 

skabh  15. 

sku  19. 

skhad  136. 

skhal  136. 

stan  142. 

stabh  15. 

Star  141.  142. 

staras  141. 

stari  141. 

stäya  142. 

stigh  7. 


149. 


stona  142. 
sthatr  150. 
stha  141. 
sthüra  142. 
spar  147. 
spa?  134.  147. 
spliar  147. 
sphäy  147. 
sphigi  147. 
smat  140. 
sru  142. 
svadhä  10. 
svap  146. 
svasar  142. 
svädu  154. 
svid  154. 
han  12. 
banu  7. 
haiisa  3. 
bar  4. 
hari  3. 
bätaka  4. 
biranya  4. 
hii-ä  3. 
bu  4.  7. 
yiirad  137. 
bva  7. 


2.  Zend. 

ae9ma  9. 
aklisb  133. 
ap  20. 
apa  146. 
arez  6. 
a9pa  19. 
a9inan  IG. 
ukbsban  133. 
uba  11. 
qa9ura  134. 
qaiibar  142. 
kbsbvas  134. 
gam  151. 
grab  15. 
gram  4. 
gbeiia  151. 
cakhra  20. 
jafitu  149. 


jivya  151. 

zan  148. 

zaranya  4. 

zaredbaya  18. 

zusb  149. 

zairi  3. 

zbiiu  149. 

tan  138. 

tarsbna  139. 

temanh  138. 

tbvi  139. 

dafitan  141. 

daregba  6. 

dare9  134. 

daresb  7. 

da9  134. 

da9an  134. 

dasbina  134. 

da  8. 

dugdbar  8. 

dunman  8. 

derezran  11. 

altpers.  drafiga  6. 

dru  153. 

druj  5. 

dvan  9. 

dvara  8. 

napti  146. 

nabi  15. 

patar  143. 

pare9  133. 

l/pa9  143. 

päsbna  143. 

pisb  144. 

pistra  144. 

pukbdba  144.  147. 

pü  146. 

perena  146. 

paiti  140. 

pouru  144. 

fri  145. 

band  9. 

bar  13. 

barez  5. 

barezis  12. 

bäzu  5. 

bi  13. 

bud  9. 

bü  14. 


1 


11.    WORTREGISTER 


515 


brätar  14. 

räz  149. 

9cid  135. 

brvat  14. 

ruc  134. 

9tar  142. 

madhu  10. 

rud  10.  153. 

9tare  141. 

maclhema  10. 

vakhsh  135. 

9paeta  19. 

marez  150. 

vadare  11. 

9par  147. 

mizhda  10. 

varez  151. 

9pa9  134. 

maidhya  10. 

vid  153. 

9pä  19. 

myazda  10. 

vehi-ka  148. 

hac  20. 

yavau  133. 

9ata  19. 

had  153. 

yuj  150. 

^aredba  9. 

hazänh  7. 

rädaiih  10. 

91  17.  20. 

hizii  7. 

E. 

Lettisch -slavische   sprachen. 

lett.  klaips  146. 

lett.  sa'lds  154. 

1.  Litauisch  u.  s.  w. 

klepas  146. 

sapnas  146. 

lett.  abbi  11. 

lett.  kuest  18. 

lett.  sapnis  146. 

äntras  140. 

lengvas  6. 

sedmi  153. 

aszis  133. 

medüs  10. 

sesu  142. 

äuga  150. 

miszti  136. 

lett.  skaida  135. 

lett.  azs  133. 

nägas  6. 

skola  135. 

balavojüs  12. 

lett.  nägs  6. 

sotus  141. 

lett.  ba'rda  9. 

naktis  134. 

sparus  147. 

barzdä  9. 

lett.  nakts  134. 

lett.  spe'rt  147. 

bijaü  13. 

lett.  liest  18. 

lett.  spet  147. 

blussa  145. 

nügas  150. 

spiäuti  147. 

dantis  141. 

pälvas  143. 

spirti  147. 

lett.  darva  153. 

päts  140. 

lett.  stabs  15. 

deveris  152. 

lett.  peda  145. 

stegiu  150. 

diriü  152. 

lett.  pehrkoüs  143. 

lett.  stigga  7. 

du  153. 

altpr.  peku  143. 

szeimyna  16. 

dukte  8. 

penki  147. 

szelpiü  19. 

edmi  153. 

perkunas  143. 

szimtas  19. 

lett.  fa'rna  3. 

lett.  pe'rdu  145. 

szü  19. 

altpr.  gana  151. 

pesta  144. 

tamsä  138. 

gävsas  148. 

pilnas  146. 

tasyti  138, 

gerve  149. 

lett.  pist  145. 

lett.  tauta  139. 

glindas  18. 

plytä  145. 

trüdnas  139. 

grebti  15. 

prantti  140. 

tu  139. 

gyvas  151. 

praszaü  133. 

tukstantis  139. 

ilgäs  6. 

lett.  präts  140. 

vartyti  141. 

lett.  ilgi  6. 

prtitelius  145. 

vetyti  141. 

jjiunas  134. 

prötas  140. 

vilkas  148. 

jimgas  150. 

lett.  pulks  146. 

lett.  wa'rds  11. 

kainiyuas  16. 

puszis  145. 

altpr.  widdevu  11 

kälnas  18. 

püti  146. 

zarna  8. 

kariü  18. 

lett.  put  146. 

zirnis  148. 

kartüs  17. 

raudä  153. 

zmü  4. 

lett.  käset  19. 

lett.  ruds  10. 

kemas  IG. 

saldus  154. 

516 


n.      WORTREfilSTER 


2.  SlsiYiscli. 

Kussisch  unbezoiclinot. 
bogll   5. 

bcrioza  13. 

bob  12. 

boiat'sia  13. 

borodä  9. 

budit'  9. 

ksl.  bradä  9. 

brat  13.  14. 

ksl.  bregü  5. 

brov'  14. 

hjt'  14. 

ksl.  deveri  152. 

doit'  7. 

dolgi  6. 

ksl.  domü  152. 

dotsch  8. 

ksl.  drüva  153. 

ksl.  düva  153. 

dver  8. 

dyt  8. 

ksl.  gnezdo  153. 

golod  4. 

gost  3. 

ksl.  govQdo  149. 

ksl.  grabiti  15. 

grebsti  15. 

gremet'  4. 

gus'  3. 

ksl.  hlebu  146. 


bau  151. 
ybar  13. 
ben  151. 
beo  151. 
biu  151. 
ir.  blä  13. 
brot.  boden  369. 
bolg  12. 
kymr.  bot  369. 
bräthair,  brathir  14. 
gäl.  buidheag  369. 
ycan  18. 


böli  ni.  linida  18. 
inj  5. 

k  s  1.  jnini  134. 
kamen  16. 
krrov'  18. 
liägu  6. 
liogki  6. 
liubit'  14. 
liud  10. 
lizat  6. 
mejdu  10. 
miaso  10. 
miod  10. 
mizda  10. 
ksl.  mleko  150. 
mogii  6. 

ksl.  niozgu  154. 
ksl.  nagü  150. 
nebo  14. 
oba  11. 
ksl.  osi  133. 
ksl.  peua  144. 
ksl.  pero  144. 
slav.  Perun  143. 
ksl.  pQsti  146. 
piät  144.  147. 
ksl.  plesiia  143. 
ksl.  pleta  133. 
polk  146. 
ksl.  postü  142. 
ksl.  prijati  145. 
rodif  10. 

F.     Keltisch. 

altir.  criathar  18. 

cride  18. 

cü  19. 

cuic  16. 

daur  153. 

dess  1.34. 

det  141. 

dorus  8. 

drog  5. 

fich  135. 

hveger  134. 

ithim  153. 


ksl.  rydati  153. 
serdtze  18. 
ksl.  sestra  142. 
ksl.  statu  141. 
stegät'  141. 
ksl.  stenati  142. 
ksl.  streti  142. 
ksl.  struja  142. 
ksl.  svekru  134. 
ksl.  sytü  141. 
ksl.  taiati  138. 
ksl.  taiti  142. 
tern  138. 
terpet'  138. 
ksl.  tima  138. 
ksl.  tri  139. 
ksl.  trudü  139. 
ksl.  tvoriti  139. 
ksl.  ty  139. 
ksl.  tysassta  139. 
uzki  4. 
vdova  11. 
ksl.  videti  154. 
ksl.  vlükü  148. 
ksl.  voda  154. 
zlato  4. 

ksl.  znati  148. 
ksl.  zrüno  148. 
ksl.  zena  151. 
ksl.  zivö  151. 
ksl.  zrebe  148. 


ligim  6. 
ymalg  150. 
necht  146. 
nochtcbenn  150. 
glil.  put,  putau  369. 
ir.  quem  151. 
ysad  153. 
sid  10. 
temel  138. 
cymr.  treb  138. 
aitir.  tuath  139. 


Halle,  Di-nck  der  Waisenlmiis-Biirlidr 


Halle  ^/s.       Buchliandlung  des  Waisenhauses.      Mai  1868. 

PROSPECTUS. 

In  dem  unterzeichneten  Verlage  erscheint: 

Zeitschrift 

für 

deTit solle   Pliilologie 

herausgegeben  von 

Dr.  Ernst  Höpfner,  und  Dr.  Julius  Zacher, 

Oberl.  am  Wilhelm sgymnas.  zu  Berlin.  Prof,  au  der  Universität  zu  Halle. 


Seitdem  die  Wissenschaft  der  deutschen  Philologie  über  den  enge- 
ren Kreis  gelehrter  Forscher  hinausgediehen  ist ,  und  das  Bedürfniss  wie 
die  Neigung  zur  Beschäftigung  mit  den  Schätzen  unserer  Sprache  und 
unserer  älteren  Litteratur  fortwährend  wächst,  besonders  aber  seit  die 
deutsche  Philologie  officiell  unter  die  Forderungen  des  preussischen  Ober- 
lehrerexamens  aufgenommen  worden  ist,  macht  sich  je  länger  je  mehr  für 
den  Lehrenden  wie  für  den  Lernenden  der  Mangel  an  guten  Hilfsmitteln 
für  ein  methodisches  Studium  empfindlich  fühlbar. 

Soll  sich  namentlich  der  deutsche  Unterricht,  wie  es  dem  Wesen 
der  gelehrten  Schulen  entspricht,  und  in  ihrem  eigensten  Interesse  liegt, 
fortan  auf  der  wissenschaftlichen  Grundlage  deutscher  Phüologie  aufbauen, 
dann  wii'd  nur  der  wirkliche  Kenner  derselben,  wenn  er  zugleich  das 
nöthige  praktische  Lehrgeschick  besitzt,  auch  wirklich  segensreich  wir- 
ken, der  dilettantische  Halbwisser  dagegen  wird  fast  unvermeidlich  mehr 
Schaden  als  Nutzen  stiften. 

Leider  aber  hat  noch  nicht  jeder  Studierende  ausreichende  Gelegen- 
heit sich  auf  der  Universität  die  zu  einer  wirklichen  Kennerschaft  erfor- 
derlichen Grundlagen  zu  erwerben ,  und  selbst  die  dargebotene  Gelegen- 
heit hat  gar  mancher  nicht  richtig  ausgenutzt;  will  er  aber  dann  Ver- 
säumtes nachholen  oder  Begonnenes  weiterführen,  so  gebrechen  ihm  die 
geeigneten  Hilfsmittel  für  das  Selbststudium. 

Deshalb  ist  die  unterzeichnete  Verlagshandlung  gern  bereit  gewe- 
sen den  an  sie  ergangenen  Aufforderungen  zu  entsprechen,  und  Avird 
die  schon  seit  längerer  Zeit  sorgsam  vorbereitete  Herausgabe  einer  ger- 
manistischen Handbibliothek  nach  Kräften  zu  fördern  suchen. 


Zu  diesem  Zwecke  beabsichtigen  wir  erstens  unter  Redaction  des 
Herrn  Prof.  Dr.  Zacher  eine  Reihe  von  commentierten  Ausgaben  wich- 
tiger altdeutsclier  Sprachdenkmäler  7ai  veröffentlichen,  welche, 
von  erprobten  Gelehi'ten  bearbeitet,  gedrängte  litterarische  Einleitungen, 
berichtigte  Texte ,  erklärende ,  technische  und  kritische  Anmerkungen  und 
einen  zweckdienlichen  kritischen  Apparat  darbieten  sollen.  Zunächst 
bestimmt  für  das  wissenschaftliche  Bedürfniss  des  Lernenden,  sollen  sie, 
soweit  es  die  Xatur  der  Sache  erlaubt,  durch  ihren  wissenschaftliclien 
Charakter  auch  dem  Fachmanne  noch  augenehm  und  durch  ihre  Fas- 
sung auch  dem  Laien  noch  zugänglich  und  verständlich  zu  werden 
suchen. 

An  diese  Texte,  von  denen  zuförderst  die  Gedichte  Walthers 
von  der  Vogelweide,  Gudrun,  Parzival,  Tristan  und  das 
Nibelungenlied  für  den  Druck  bestimmt  sind,  soll  sich,  mit  glei- 
chem Zwecke  und  Charakter,  zweitens  eine  Reihe  von  Handbiicliern 
anschliessen ,  welche  in  gedrängtem  und  doch  fasslichem  und  ansprechen- 
dem Vortrage  eine  dem  gegenwärtigen  Stande  der  Wissenschaft  eutspre- 
chende  zusammenhängende  und  abgerundete  Darstellung  der  einzelnen 
Disciplinen  der  deutschen  Philologie  darbieten  werden.  Aus  dieser  Abthei- 
lung werden  demnächst,  gleichfalls  von  bewährten  Forschern  verfasst,  ein 
Handbuch  der  deutschen  Grammatik  und  ein  Handbuch  der 
deutschen  Metrik  erscheinen. 

Haben  diese  Bücher  wesentlich  die  Aufgabe ,  den  Zugang  zur  Wis- 
senschaft der  deutschen  Philologie  zu  erleichtern  und  zu  fördern,  so 
gesellt  sich  ihnen  drittens  eine  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie, 
redigiert  von  Herrn  Prof.  J.  Zacher  in  Gemeinschaft  mit  Herrn  Ober- 
lehrer Dr.  E.  Höpfner  in  Berlin,  welche  sich  die  Aufgabe  stellt,  den 
Fortschritt  der  Wissenschaft  zu  begleiten  und  so  gleichsam  den  stets  leben- 
digen und  pulsierenden  Mittelpunkt  für  unsere  Bestrebungen  zu  bilden. 

■  Dem  erweiterten  Bedürfnisse  der  Gegenwart  entsprechend  will  diese 
Zeitschrift  alle  Gebiete  der  deutschen  Philologie,  die  sprachlichen  wie 
die  sachlichen  und  die  technischen ,  einschliesslich  der  neuereu  Litteratur 
und  der  lebenden  Sprache,  Schriftsprache  wie  Mundarten,  und  der  noch 
lebenden  Volksüberlieferung  in  ihren  Bereich  ziehen.  Weder  auf  beson- 
dere ,  durch  bereits  bestehende  Zeitschriften  vertretene  Zwecke  und  Rich- 
tungen sich  beschränkend,  noch  die  erschöpfende  Vollständigkeit  eines 
Repertoriums  erstrebend ,  will  die  Zeitschrift  den  Forschern  und  Kennern 
einen  Sammelplatz  darbieten,  wo  sie  Originalforschungen,  Mittheilungen, 
Uebersichten  und  Kritiken  zur  Kenntniss  der  Fachgenossen  und  der 
Freunde  der  deutschen  Philologie  bringen  können;  und  andererseits  will 
sie  den  Pflegern  und  Freunden  der  deutschen  Philologie,  und  darunter 
namentlich  auch  den  Praktikern  des  Lehramtes,  das  Bemühen  erleichtern. 


sich  in  laufender  Kenntniss  des  Fortschrittes  der  Wissenschaft  zu  erhal- 
ten. Muss  zwar  die  Erörterung  concreter  Fragen  und  Aufgaben  der 
Schulpraxis  grundsätzlich  ausgeschlossen  und  den  Gymnasialzeitungen  und 
pädagogischen  Journalen  überlassen  bleiben,  wohin  sie  recht  eigentlich 
gehört,  so  soll  doch,  um  der  nothwendigen  und  heilsamen  Einwirkung 
der  Wissenschaft  auf  Schule  und  Leben  gerecht  zu  werden,  die  Aufnahme 
gediegener  wissenschaftlicher  Erörterungen  wichtiger  Principienfragen  der 
Praxis  nicht  gänzlich  abgelehnt  werden.  Und  lassen  sich  andrerseits 
Gebiete  und  Behandlungsweisen,  die  von  bereits  bestehenden  Zeitschrif- 
ten vertreten  werden,  schon  deshalb  nicht  ausschliessen ,  weil  sie  inte- 
grierende Theile  des  Ganzen  bilden,  so  ist  die  Wissenschaft  der  deut- 
schen Philologie  doch  nachgerade  so  sehr  erstarkt  und  die  Zahl  ihrer 
Pfleger  und  Freunde  so  angewachsen ,  dass  wir  wohl  nicht  besorgen  dür- 
fen, anderweite  heilsame  und  bewährte  Bestrebungen  hierdurch  zu  schä- 
digen oder  gar  ernstlich  zu  gefährden. 

Demgemäss  soll  die  Zeitschrift  enthalten :  Originalabhandlungen  aus 
allen  Gebieten  der  deutschen  Philologie;  Texte  und  Textesbruchstücke, 
jedoch  nur  in  beschränkterem  Umf^inge;  geeignete  Mittheilungen  aller 
Art,  auch  aus  wichtigeren  aber  minder  verbreiteten  oder  schwerer 
zugänglichen  gedruckten  Werken;  periodische  Uebersichten  über  die  ger- 
manistischen Leistungen  auf  einzelnen  Gebieten  und  in  einzelnen  Län- 
dern; Anzeigen  und  Recensionen. 

Die  Haltung  anlangend  wird  die  Zeitschrift  einen  möglichst  objec- 
tiven  Charakter  zu  tragen,  allem  Partheitreiben  fern  zu  bleiben  und  in 
ihrem  Tone  und  ganzen  Wesen  jederzeit  die  Würde  der  Wissenschaft  zu 
wahren  trachten.  Jede  wissenschaftliche  Ansicht  soll  sich  in  ihr  frei 
aussprechen  dürfen,  sobald  solches  in  wirklich  Avis sen schaftlicher  Weise 
geschieht. 

Wie  weit  es  gelingen  werde,  den  hier  angedeuteten  Plan  zu  ver- 
wirklichen und  dem  vorgesteckten  Ziele  nahe  zu  kommen,  das  wii'd 
wesentlich  von  der  freundlichen  Unterstützung  und  'Theilnahme  abhän- 
gen, welche  Redaction  und  Verlagshan dluug  bei  den  Pflegern  und  Freun- 
den der  deutschen  Philologie  zu  finden  hoffen ,  und  welche  sie  sich  ebenso 
angelegentlicli  als  vertrauensvoll  erbitten.  Die  geneigte  Mitwirkung  und 
fast  ausnahmslose  Zustimmung,  welche  die  liedaction  bis  jetzt  überall 
bei  den  •Fachgenossen  gefunden  hat,  lässt  uns  hofl'en,  dass  auch  das 
Publikum  unseren  Unternehmungen  eine  wohlwollende  Theilnahme  zuwen- 
den werde. 

Die  Zeitschrift  erscheint  in  Heften  von  durchsclmitlich  8  Bogen  in 
dem  Formate  und  der  Ausstattung  dieses  Prospectes.  Jedes  Heft  wird 
25  Sgr.  kosten,  und  je  4  Hefte  werden  einen  Band  bilden.  Das  erste 
Heft,     welches    bereits    gedruckt    vorliegt,     enthält   Beiträge    von    den 


Herren  Delbrück.  AVeiiihold,  Leo  Meyer,  Konratl  Maurer,  A.  Kuhn  und 
W.  "Wackernagel.  Für  die  nächstlblgenden  Hefte  liegen  Mittheilungen 
druckfertig  vor  von  den  Herren  Anschütz,  Delbrück,  Gildemeister,  Heyne, 
Leverkus,  Martin,  Rieger,  Rochholz,  Rückert ,  Schröder,  W.  Wacker- 
nagel ,  Weinhold ,  Woeste ,  und  weitere  Zusendungen ,  namentlich  auch 
Berichte  über  die  germanistischen  Bestrebungen  in  Skandinavien,  den 
Niederlanden  und  England  sind  uns  von  verschiedenen  Seiten  her  freund- 
lich verheissen.  Das  zweite  Heft  befindet  sich  bereits  unter  der  Presse 
und  wird  binnen  wenig  Wochen  vollendet  sein ;  ihm  werden  die  weiteren 
Hefte  so  rasch  folgen  als  es  ohne  Beeinträchtigung  des  Gehaltes  der 
Zeitschrift  geschehen  kann. 

Zusendungen  von  Manuscripten ,  Büchern ,  Programmen  u.  s.  w. 
erbitten  wir  uns  entweder  über  Leipzig  auf  buchhändlerischem  Wege 
oder  direct  franco  mit  der  Post. 

Bestellungen  nehmen  alle  Buchhandlungen  entgegen. 

Biicliliaiidlimg  des  Waisenliauses. 


Ihre  tbätige  Mitwirkung  an   dieser  Zeitschrift   haben  bis  jetzt   freundlich 
in  Aussicht  gestellt  die  Herren: 


Prof.  Dr.  Anschütz  in  Halle. 
Dr.  M.  Bernays  in  Bonn. 
Privatdoe.  Dr.  Delbrück  in  Halle. 
Prof.  Dr.  Dietrich  in  Marburg. 
Prof.  Dr.  Friedberg  in  Halle. 
Oberl.  Dr.  Gerland  in  Magdeburg. 
Prof.  Dr.  V.  Giesebrecht  in  Müncben. 
Prof.  Dr.  Gildemeister  in  Bonn. 
Archivar  Dr.  Grein  in  Cassel. 
Dr.  Helfenstein  in  Oxford. 
Privatdoe.  Dr.  Heyne  in  Halle. 
Oberl.  Dr.  Hildebrand  in  Leipzig. 
Prof.  Dr.  C.  H  o  f m  a  n  n  in  München. 
Archivar  Dr.  J  a  n  i  c  k  e  in  Magdeburg. 
Oberl.  Dr.  .J  ä  n  i  c  k  e  in  Wriezen. 
Prof.  Dr.  Koch  in  Elsenach. 
Oberbibl.  Dr.  Köhler  in  Weimar. 
Prof.  Dr.  Kuhn  in  Berlin. 
GR.  Prof.  Dr.  Leo  in  Halle. 
Staatsrath  Dr.  Leverkus  in  Oldenburg. 
Prof.  Dr.  Lex  er  in  Freiburg. 
KoUab.  Dr.  Lübben  in  Oldenburg. 
Prof.  Dr.  Lucae  in  Marburg. 
Privatd.  Dr.  Martin  in  Heidelberg. 
Prof.  Dr.  K.  Maurer  in  München. 
Prof.  Dr.  Leo  Meyer  in  Dorpat. 
Dr.  E.  H.  M  e  y  e  r ,  Lehrer  an  der  Han- 
delsschule in  Bremen. 


Prof.  Dr.  Möbius  in  Kiel. 
Prof.  Dr.  Moltzer  in  Groningen. 
Prof.  Dr.  Max  Müller  in  Oxford. 
Oberl.  Dr.  Palm  in  Breslau. 
Prof.  Dr.  Pott  in  Halle. 
Prof.  Dr.  V.  Räumer  in  Erlangen. 
Prof.  Dr.  Regel  in  Gotha. 
Dr.  Rieger  in  Darmstadt. 
Prof.  Dr.  Roch  holz  in  Aarau. 
Prof.  Dr.  Rückert  in  Breslau. 
Privatd.  Dr.  Rumpelt  in  Breslau. 
Prof.  Dr.  Schade  in  Königsberg. 
Privatd.  Dr.  Seh  er  er  in  Wien. 
Oberl.  Dr.  Schiller  in  Schwerin. 
Prof.  Dr.  S  c  h  r  ö  d  e  r  in  Bonn. 
Prof.  Dr.  S  c  h  w e i z e  r -  S  i die  r  in  Zürich. 
Prof.  Dr.  Sigwart  in  Tübingen. 
Prof.  Dr.  Ueberweg  in  Königsberg. 
Prof.  Dr.  de  Vries  in  Leiden. 
Prof.  Dr.  W.  Wackernagel  in  Basel. 
Prof.  Dr.  Weigand  in  Giessen. 
Prof.  Dr.  Wein  hold  in  KieL 
Gymn.-Lehr.  Dr.  Wilma nns  in  Berlin. 
Fr.  Woeste  in  Iserlohn. 
Prof.  Dr.  Zarncke  in  Leipzig. 
Prof.  Dr.  J.  Zingerle  in  lusbruck. 
Gymnasial  -  Lehrer     Dr.     Z  u  p  i  t  z  a     in 
Breslau. 


Halle.   Iiruck  der  Waisdilmns-Kuchdr' 


Litterarische  Anzeigen. 

@runt>tt^  ^ct  tniiicU)od)^c\ü^A)cn  f^^0tmcnUi}tc, 

füv  ^(nfänger  bearbeitet  oon  ßa  r  l  35artf)cl.     15  i^gv. 
Auswahl  der 

Minnesänger 

lür  voilesuugeu   uiid  zum   schulgebrauch  mit   eiueui   wörterbuclie   und   einem  abrisse 

der   mild,  formeulehre  herausgegeben   von  dr.  Karl  Volckmar.      1  Tblr.   10  Sgr. 

Partiepreis  für  Schulen  nur  25  Sgr. 


Gothischhoclidentsche  Wortlehre. 

Herausgegeben    von   Adolf  Ziemann.      15  Sgr. 

Altdeutsches  Lesebuch. 

Herausgegeben  von  Adolf  Ziemann.    Zweite  Ausgabe.     1  Thlr. 

Mittelhochdeutsches  Wörterbuch. 

Herausgegeben  von  Ad.  Ziemann.    Herabgesetzter  Preis :  '6  Thlr.  lu  Sgr. 

S^.  g.  Mafemann:    ®ejd)i(f)te 

Tiebft  uoflftänbigcv  Citcvntur  be§  ©pieteö ,  fotoie  ^bbilbungcn  uub  3{egi[tern.    1  %i)\.x.  20  *gr. 

§.  ^.  Ma^mann: 

ÄÄifet  l^tic^vtd)  im  ^tf?J)äufcr» 

gSortvag,   gel)altcn  am  Stiftungsfefte  bev  58erltniid}en  ®cjeUfct}aft  für  bcut|d)c  ^pra^c 
(17.   Januar    1850).       10  @gt. 


Sonft.  53latt^iä: 

^\c  ®ctttfd)c  ^pta^c 

unb  bie^eutjd^en  ©deuten.    Sin  5gcitrag  jur  ä^erftätibigung  über  ben  Xcutirf)cn  Untcrrid)t. 

20  Sgr. 
ISittf^ilt:    2BiAtifl£ett,    9}ktliobe  uiib  ^ertiijvm;ieu  bcä   tciit(d)cn  UittciTtc^tö ,    iicbft  iSeincrlitiuieu   itbcv 
iSrf)veib-  unb  Spvacijleljvc",  ®i)vac()mcugevci ,  Ucbcvfc^uiiacii,  ■)JJau>jclbafti()tcit  iiu}evcö  öffentliAcu  ^tili3,  ü)hiftcv 
ftücfc  imb  btc  bciitjc^e  ©rammatit  öoit  (Stfeleiit. 


S»  S»*  ^*  aWcincfcJ  .s>rnbtt}Drterbuc()  ber  SWctvlif ,  in  beionbever  33e5iet)ung  auf  ^<x^  eigen» 
t^ümUd)c  bcrjctbeu  in  ber  bcutjdjcn  3prari)C.     1  J^Ir. 

%  ^.  ^*  9Äcinc(c:  T)ic  «Bcr^futtft  ber  Seutjdien,  nu§  ber  5]atur  be§  iKI)l)tf)mu§  ent» 
»idclt,  in  ikrgleid)ungcn  mit  ber  gried)ifd)=römifd)en.  gum  ^S^n(gebraud) ,  roic  auc^ 
für  iiebt^aber  ber  Sic^ttunft  unb  für  5)htfifcr.     2  2:()cilc.     2  Jtjlr.  2t »  Sgr. 

2  üb  tu.  aSill^i.  ©(i^raber:    S>ie  ©agc  üon  ben 

unb  bereu  (^ntftcl)en  in  üDrc^riftliri)cr  S^it  burd)  bie  5ycref)ritng  be§  a)ieIt)tH-»95  unb  ber 

Srau  .f;>ol(e.    10  3gr. 


ENGLA   AND  SEAXNA   SCOPAS  AND  BÖCEKAS. 

Auglosaxüimui  poetae  atquc  scriptores  prosaici,  quoruiii  partim  integra  o])era ,  partim 
loca    selecta   colligit,    correxit,    edidit    Ludov.    Ettm  iillerus.       1  Thlr.    20  Sgr. 


Velin -Papier  ä  Thlr. 


VOKDA  YEALHSTOD  ENOLA  AND   SEAXNA. 

Lcxicon   aiiglosaxonicum    ex    i)octarum   scriptorumque   prosaicorum   oiteribus   nee   non 

lexicis  anglosaxonicis   coUectum,   cum  synopsi  gramraatica  edidit  Ludov.  Ettmül- 

lerus.     4  Thlr.  15  Sgr.     Velin -Papier  5  Thlr.  10  Sgr. 

Altdeutsche  Dichtungen. 
Aus  der  Handschrift  herausgegeben  von  Dr.  N.  Meyer  und  E.  G.  Mooyer. 

25  Sgr. 
Inhalt:    1)  Legende  vom  heiligen  Alexius.     2)  Dis  ist  der  busant.     3)  Dis  ist 
der  ritter  vnderm  zuber.     4)  Von  eyme  gewerbe  eins  vnd  einer.     5)  Dis  ist  der  kunig 
von  franckrich.     6)  Dis  ist  der  schuler  von  paris.     7)  Dis  ist  ein  hubisch  spruch  von 
liebe.     8)  Von  ej'me  truncken  hüben. 

SBci  ©♦  j^ivjel  in  lSei|)3i9  evfc^ien  Joeben: 

®  o  ö    95  f  o  t 

im 

Spiegel  fd)mei^erbcutfd)er  ÖolkBfpradje  mib  Sitte. 

Scfc  jc^njci5crifrf)cr  (Scöärfnamcu. 

^u§  bcn  papieren  be§  f(f)ti)eijerifd)cn  Sbiotifon§. 
gr.  8.     5|3ret§:    1  Stljlr. 

Sm  3?evtage  Don  f^*  Xcmp^tt)  in  ^Väö  ift  erf^iencn  unb  burc^  aQe  a3u(!^f)anblun= 
gen  ju  bestehen: 

über  bie 

@ntnbmat)r^eiten  öer  SSiffenfcljaft 

SUOlcid)  in  i^rcv  ^^c^ictjuuö  5«  öcm  ßcöcn. 

fjür  ©ebilbete  au§  ollen  ©tänben. 

SBon 

(Erfler  ßanli :  friiciitc  ticnninfllirifik. 

2.  t)ermet}rte  ^luflage. 
20 V4  93Dgen  gr.  8.      ^reiö   2  %i)h. 
2)affelbe  au*  unter  bein  Sttel: 

(Erneute   t)  e  r  n  u  n  f  t  k  r  i  t  i  k. 

3>oit 

ÄrtrI  crrjtlftian  ?^ticötrt<J)  Ärattfc. 

2.  üerme^rte  2Uiflage.      20 V4  53ogen  gr.  8.      5ßvei§  2  S^aler. 

Sm  S?erlage  üon  21»  9lcif e)t>i%  in  ©^l^cln  iyt  foebett  erfc^ienen : 

eittfüljntncj 

in  ba§ 

3um  5rlbrtuntfind)t  für  jcbrii  ©fbilktcii. 

3>Dn  Dr.  ^nU  3uVl%<>»     ©4.  10  ©gv. 


Verlag   von   0.  Emil   Barthel  in   Halle, 

durcli  jede  Buchhandlung  zu  beziehen. 

Shakfpere  -  Eorscliiiiigeii 

von 

Benno  Tschiscliwitz, 

Dr.  pliil.,  College  a.  d.  Realschule  des  Waisenhauses  zu  Halle  a/S. 

Drei  Theile. 

1868.    kl.  8.     brochirt.     2  Thlr.  20  Sgr. 

I.  Auch  unter  dem  Titel: 

Sliakfpere's  Hamlet ,    vorzugsweise   nach  historischeu  Gesichtspuncten 
erläutert.     1868.     kl.  8.     15  Bogen,  brochirt.     1  Thlr.  10  Sgr. 

II.  Auch  unter  dem  Titel: 

Naclikläiige  geruiaiiiselier  Slytlie  in  den  Werken  Shakfpere's.     Zweite 
vermehrte  Ausgabe.     1868.     kl.  8.     9%  Bogen,  brochirt.     24  Sgr. 

III.  Auch  unter  dem  Titel : 

Shakfpere's  Staat  und  König'tliiim ,   nachgewiesen  an  der  Lancaster- 
Tetralogie.   Zweite  Ausg.    1868.   kl.  8.   6^8  Bogen,  brochirt.  16  Sgr. 


Shakspere's  sUmmtliche  Werke. 

Englischer  Text, 
berichtigt  und   erklärt 

von 

Dr.   Benno   Tschischwitz. 
Nebst  historisch -ki'itischen  Einleitiiug-en. 
Shakspere's  Hamlet,  Prince  of  Denmark.     Englischer  Text,  berichtigt 
und   erklärt.     Nebst    einer  historisch  -  kritischen   Einleitung.    1869. 
gr.  8.     15 Va  Bogen,  brochirt  1  Thlr. 

Prospect  auf  der  Eückseite  des  Umschlagtitels. 

ARTICULI  DETERMINATiyi 

ANGLICI  HISTORIA 

AUCTOR 

BENNO  TSCHISCHWITZ 

DR.     PHIL. 

MDCCCLXVII.     gr.  8.     2  Bogen,  brochirt.     10  Sgr. 


Aristotelische  Forschungen 

von 

G-ustav  Teichmüller, 

Dr.  phil. ,    ord.  Professor  a.  d.  Universität  zu  Basel. 

I.   Auch  unter  dem  Titel:  ^ 

Beiträge  zur  Erklärung  der  Poetik  des  Aristoteles.    i867.    gr.  8. 

I8V2  Bogen,  brocliirt.     1  Thlr.  25  Sgr. 
n.   Auch  unter  dem  Titel: 

Aristoteles  Philosophie  der  Kunst  erläutert.    1869.  gr.  8.  30  Bogen, 

brochirt.     3  Thlr. 

Wird  fortgesetzt. 


Bei  Goors"  Reimer  in  Berlin  ist  cLen  erschienen  nnd  durch  jede  Bucliliand- 
luug  zu  beziehen  : 

I  W  E  I  N 

eine  Erzälilunp 
V  o  n    FI  a  1*  t  ni  a  n  n    a-  <>  n    Aue 

mit  Anmerkungen 

von  G.  F.  Benecke  und  K.  Laehmann 

Dritte    Ausg-abe. 

2  Thlr.  15  Sgr. 

Verlag  von  Ferdinand  Scliöningh  in  Paderborn. 

Bibliothek  der  ältesten  deutsclieii  Litteiatiirdeiikmäler, 

lierausgegeben   von   IVIoritz    Heyne,    Dr.    pliil. ,    Privatdocent 
in  Halle. 

Band  I.  ülfllas  oder  die  uns  erlialtenen  Denkmäler  der  gotlii- 
sclien  Spraclieu.  Text,  Grammatik  mid  Wörterbuch.  Bearbeitet 
und  herausgegeben  von  Fried.  Ludw.  Stamm ,  Pastor  an  St.  Lud- 
geri  in  Helmstedt.  Vierte  Auflage,  besorgt  von  Dr.  Moritz 
Heyne,  Privatdocent  in  Halle.  Iö6'j.  gr.  8.  380  Seiten,  geli. 
1  Thlr.  20  Sgr. 

Band  II.  Altniederdeutsche  Denkmäler,  l.  Theil:  Heiland.  Mit  aus- 
führlichem Glossar  herausgeg.  von  Dr.  Moritz  Heyne.  18G5.  gr.  8. 
.388  Seiten,     geh.    2  Thlr. 

Band  III.  Beovulf.  Mit  ausführlichem  Glossar  lierausgegeben  von 
Dr.  Moritz  Heyne.  Zweite  verbesserte  Auflage.  1868.  gr.  s. 
292  Seiten,     geh.    1  Thlr.  10  Sgr. 

Band  IV.  Aitniederdeutsclie  Denkmäler.  2.  Theil:  Kleinere  altnie- 
derdeutsche Denkmäler.  Mit  ausführlichem  Glossar  herausgegeben 
von  Dr.  Moritz  Heyne,    gr.  8.   .208  Seiten,     geh.   1  Thlr. 


Kurze  Grammatik  der  altgermanisclien  Spraehstämme.  Gothisch, 
Althochdeutsch ,  Altsächsisch ,  Angelsächsisch ,  Altfriesisch ,  Alt- 
nordisch. 1.  Theil:  Kurze  Laut-  und  Flexionslehre  der  altgerma- 
nischen Sprachstämme.  Herausgegeben  von  Dr.  Moritz  Heyne. 
1862.     gr.  8.     342  Seiten,     geh.    1  Thlr.  10  Sgr. 

lieber  die  Lage  und  Construction  der  Halle  Heorot  im  angelsäch- 
sischen Beovulf liede.  Nebst  einer  Einleitung  über  den  angelsäch- 
sischen Burgenbau  von  Dr.  Moritz  Heyne.  1864.  gr.  8.  64  Sei- 
ten,   geh.    10  Sgr. 

BeoTulf.  Angelsächsisches  Heldengedicht,  übersetzt  von  Dr.  Moritz 
Heyne.     12".     135  Seiten,    geh.   13 Va  Sgr. 

Walther  Ton  Aquitanieu.  Heldengedicht  in  zwölf  Gesängen,  über- 
setzt mit  Erläuterungen  und  Beiträgen  zur  Heldensage  und  Mytho- 
logie von  Franz  Linnig.     12**.     160  Seiten,     geh.   10  Sgr. 

lUlle,  Druck  der  Waiieilliau-Blichdruokerei. 


Band  XXIL:  DYOCLETIANUS  LEBEN  von  Hans  von  Bühel. 
Herausgegeben  von  Adelb.  Keller. 

Preis:  1  Thlr.   15  Sgr.     Velinp.   1  Thir.  25   Sgr. 

Band  XXIIL:  GESTA  RÖMANORUM  das  ist  der  Ra3mer  Tal. 
Herausgegeben  von  Adelb.  Keller. 

Preis:   1  Thlr.  10  Sgr.     Velinp.   l  Thlr.  15  Sgr. 

Band  XX] V.:  DER  JÜNGERE  TITÜREL.  Herausgegeben  von 
Karl  August  Hahn.  Preis:    2  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  3  Thlr. 

Band  XXV.:  MJE¥iE  VON  SENTE  ANNEN,  Erzebiscove  ei  Kolne 
bi  Rini.     Von  neuem  herausgeg.  von  Dr.  H.  E.  Bezzenberger. 

Preis:  1  Thlr.     Velinp.  1  Thlr.  5  Sgr. 

Band  XXVI.:  lacob  Ruffs  ADAM  UND  HEVA.  Erläutert  und  her- 
ausgegeben von  Herrn.  Marc.  Kottinger. 

Preis:    1   Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 

Band  XXVIL:  THEOPHILUS,  der  Faust  des  Mittelalters.  Schau- 
spiel aus  dem  vierzehnten  Jahrhunderte,  In  niederdeutscher 
Sprache.     Erläutert  und  herausgegeben  von  Ludw.  Ettmüller. 

Preis:    20  Sgr.     Velinp.  25  Sgr. 

Band  XXVIIL:  ENGLA  AND  SEAXNA  SCÖPAS  AND  BÖCE- 
RAS.  Anglosaxonum  poetae  atque  scriptores  prosaici,  quorum 
partim  integra  opera,  partim  loca  seiecta  collegit,  correxit,  edi- 
dit   Ludov.  Ettmüllerus.  Preis:    1   Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 

Band  XXIX.:   VORDA  VEALHSTÖD  ENGLA  AND  SEAXNA. 

Lexicon  anglosaxonicum  ex  poetarum  scriptorumque  prosaicorum 
operibus  nee  non  lexicis  anglosaxonicis  coilectum,  cum  synopsi 
grammatica  edidit  Ludov.  Ettmüllerus. 

Preis:  4  Thlr.  15  Sgr.     Velinp.  5  Thlr.  10  Sgr. 

Band  XXX. :  DER  WÄLSGHE  GAST  des  Thomasin  von  Zirclaria. 
Zum  ersten  Male  herausgegeben  und  mit  sprachlichen  und  ge- 
schichtlichen Anmerkungen  versehen  von  Dr.  Heinr.  Rückert. 

Preis:    3  Thlr.     Velinp.  3  Thlr.  15  Sgr. 

Band  XXXL:  DAT  SPIL  FAN  DER  UPSTANDINGE.  Gedichtet 
1464.  Mit  Einleitung  und  Erläuterungen  herausgegeben  von 
Ludw.  Ettmüller.  Preis:   25  Sgr.     Velinp.  1  Thlr. 

Band  XXXII. :  DAS  PASSIONAL.  Eine  Legenden- Sammlung  des 
dreizehnten  Jahrhunderts.  Zum  ersten  Male  herausgegeben 
und  mit  einem  Glossar  versehen  von  Fr.  Karl  Köpke. 

Preis:    3  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  4  Thlr.   15  Sgr. 

Band  XXXIIL :  Des  Fürsten  von  Rügen  WIZLÄW'S  DES  VIER- 
TEN SPRÜCHE  UND  LIEDER  in  niederdeutscher  spräche. 
Nebst  einigen  kleineren  niederdeutschen  Gedichten:  Herrn  Eiken 
von  Repgöwe  Klage,  —  Des  Kranichs  Hals  und  Der  ThiereRath. 
Erläutert  und  herausgegeben  von  Ludw.  Eltmüller. 

Preis:    20  Sgr.     Velinp.  25  Sgr. 

Band  XXXIV.:  Bruder  Philipps  des  Carthäusers  MARIENLEBEN. 
Zum  ersten  Male  herausgegeben  von  Dr.  Heinr.  Rückert,  Pro- 
fessor extraord.  zu  Breslau. 

Preis:    l  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 
Rand  XXXV:   KARL  DER   GROSSE  von  dem  Stricker.    Heraus- 
gegeben von  Dr.  K.  Bartsch. 

Preis:  2  Thlr.  15  Sgr.     Velinp.  3  Thlr. 


y«rl«f  voa  Q.  Sause  in  Qaedlinburg. 


Band  XXXVl:   LOHENGRIN.     Zum   erstenmale  kritisch   heraus- 
gegeben und  mit  Anmerkungen  versehen  von  Dr.  Heinr.  Rückert. 
Preis:   1  Thlr.    15  S^r.     Vclinp.   1   Tlilr.  20  Sgr. 

Band  XXXVIL:  DIE  ERLOESÜNG.  Mittelhochdeutsches  Gedicht, 
mit  einem  Anhange  geistlicher  Lieder.  Herausgegeben  von 
K.  Bartsch.  Preis:   2  Tlilr.  15  Sgr.     Velinp.  3  Thlr. 

Band  XXXVIIL:  ALBRECHT  VON  HALBERSTADT  und  Ovid 
im  Mittelalter.     Herausgegeben  von  K.  Bartsch. 

Preis:  4  Thlr.     Velinp.  5  Thlr. 

Band  XXXIX.:  HEINRICH  UNO  KUNEGUNDE  von  Ebernand 
von  Erfurt.  Zum  ersten  Male  nach  der  einzigen  Handschrift 
herausgegeben  von  Dr.  Reinh.  Bechstein. 

Preis:   1  Thlr.  25  Sgr.     Velinp.  2  Thlr.  10  Sgr. 

Zweite  Abtheilung. 
Band  l:  SRonc,  Untctfu^ungctt  jur  ©cfc^ic^tc  bct  bcutf^eti  ficl- 

bcnfagc»  «pvei^:  2  Zi)h.  10  ggr.    ajetinp.  2  Z\)h.  20  ©gv. 

Band  IL:  @an  =  9KaTtc  (Qt.  €rf}urj),  S)ic  Mtt^nt - Ba^t  Uttt»  t»ic 
SÄä^r^ctt  bcö  rotten  S3u(^cö  öon  ^crgcjl, 

^rci^:  2  2^Ir.    93ennp.  2  Zi}lx.  10  ®gr. 
5anrf  ///.;   ®an  =  2)1  arte  (^li.  <Sc!^uIj).  —   ^Seiträge  jur  bretonifc^en  mit 
ccitifci;  =  gcrmanifcf)en  ^elbenfoge» 

«Prei^«:    1  J^fr.  15  ©gr.    Jßdiiip.  1  3:t)[v.  25  €ijv. 

Band  IV.:  ®an=9J?artc  (Q(.  @c6utj),  But  SSaffcnfunbe  t>c§  tttteren 

tCUtfd;Ctt  fStitUlaltn^,  «Preiö:  2  Zi^lx.  20  egr.    55eHin.\  3  Z1)lx. 

Dritte  Abtheilnng. 

5an(i  /.;  MITTELHOCHDEUTSCHES  WÖRTERBUCH.  Heraus- 
gegeben von  Ad.  Ziemann.  Herabgesetzter  Preis:   3  Thlr.  10  Sgr. 

Band  IL:  REIMREGISTER  zu  den  Werken  Wolframs  von  Eschen- 
bach.    Von  Dr.  A.  Schulz  (San-Marte). 

Preis:  1  Thlr.     Velinp.   1  Thlr.  5  Sgr. 

Bei  dem  unterzeichneten  Verleger  sind  ferner  erschienen: 

Gothischhochdeiitsche  Wortlehre. 

Herausgegeben  von  Adolf  Ziemann.     gr.  8.     Preis:  15  Sgr. 

Altdeutsches  Lesebuch. 

Herausgegeben  von  Adolf  Ziemann.     Zweite  Ausgabe,    gr.  8. 
Preis:   1  Thlr. 

Altdeutsche  Dichtungen. 

Aus  der  Handschrift  herausgegeben  von  Dr.  N.  Meyer  und   E.  G. 
Mooyer.     gr.  8.     Preis:  25  Sgr. 

Inhalt:  1)  Legende  vom  heiligen  Alesius.  2)  Dis  ist  der  busant.  3)  Dis 
ist  der  riUer  vnderm  zuber.  4)  Von  eyme  gewerbe  eins  vnd  einer. 
5)  Dis  ist  der  kunig  von  franckrich.  6)  Dis  ist  der  schuler  von  paris. 
7)  Dis  ist  ein  hubisch  Spruch  von  liebe.   8)  Von  eyme  truncken  buben. 


Quedlinburg,  im  November  1868. 

Cr.  Sassesche  Buchhandlung. 


Gedruckt  bei  G.  Basse  in  Quedlinburg. 


PHILOLOGISCHE  LITERATUR 

im  Verlage   von  Gr.  Baisise  in   Quedlinburg. 


Drei  dem  C.  Pedo  Albiuoranus  zugeschriebeue  Elegien, 

nebst  einem  Fragmente  dieses  Dichters.     Der  latein.  Test  nebst  einer  metri- 
schen Uebersetzung  und  Anmerkungen  von  J.  H.  F.  Meineke. 
17i  Sgr.  =:  1  Fl.  3  Kr.  rhein.  ~  88  Kr.  österr. 
9trc{)iniel>eö:    lieber  t(ie  ^JU-nj^e  teö  Sant'c^,   otcr  ^credmung  t>ev  ®rü§c  fcer 
Söelt  in  ®an^fin•nern.    9Ui?"  tm  ©riedjifd^cn  libei-fe^t  i^cn  5.  %.  Jlriiiger. 
10  <BiT,t.  —  36  ilr.  rhein.  =  50  Rx.  oficvr. 

©runbrif  t»er  mittel^oc^bcutfc^ett  gormenlc^te, 

für  5(nfdufler  bearbeitet  von  Äart  SBartbei. 
$reiö:   15  ©^r.  z:  54  j^v.  rbeiii.  =  75  ^x.  öjterr. 

Rieh.   Bellt! eil   !>otae   atqiie   Einendatioues 

in  Q.  Horatium  Flaccum  integrae.  Nunc  separatim  usui  critico  diligen- 
tissime  typis  exscriptae.  Cum  ipsis  indicibus  Bentleianis.  Curante  Jo.  Fr. 
Sachse.  1  Thlr.  25  Sgr.  =:  3  Fl.  18  Kr.  rhein.  —  2  Fl.  75  Kr.  österr. 
Besseres  Papier  2  Thlr.  2^  Sgr.  =:  3  Fl.  45  Kr.  rhein.  =  3  Fl.  13  Kr.  österr. 
Yelinp.  2  Thlr.  15  Sgr.  —  4  Fl.  30  Kr.  rhein.  —  3  Fl.  75  Kr.  österr. 
6bi»nU''i'flion'?5i9eac: 

2Hjbitt)Utt9  «nb  SScfilmbung 

feö  nud)  $ariö  gefdjafften  Cbeli^'f  foii  8iii;or.    ^Udj  Un  3cid}iutiiiV'n  wnb  f;ant« 

fcl)riftlid)en  SBcmerhinflea  gbiii'iVoUiün'e  ^ee'  ^iiiiöern.    3hi?  tem  j^ranjö- 

fifdien.  '  5[IUt  2  2afe(n  ^IbbüMiiUjen  (in  4.  imb  ■gel). 

15  Sgr.  zz  54  Ar.  rf)eiu.  ir  75  jlr.  üfierr. 

(Sf)aniVüniou'ö  teö   ^üniicru 

Briefe  auö  2tegi)^ten  mt  ^ubictt, 

gefitriebeu  in  ten  Sabren  1828  un^  1829.    aScflftäut>iAC,  mit  frei  3lbbanMuiigen 

unt'  mit  2tbbiI^u^c)en'  i?erfebene  9(u^ivit'f-    ?^"^^   ^f"'  g-ranjöft|d)cu  iiberfe^t  Pen 

ßucien  x>.  önttfdnnit'.'   ^it  7  lafeln  Jlbbiltuuijcn. 

1  Sbfr.  l"5  egr.  =:  2  %{.  42  ilr.  rbein.  =:  2  gl.  25  Jir.  ofierr. 

Sit  <rmnf)nten  brct  3f(>l)ünMiingcn  £ntt)alttn:  l)  J?iitjcr  Äbrip  bcr  ägtjftifc^Jii  ©e.- 
fd^tt^tc.  2)  eingäbe,  wegen  ert)iiltiing  bcr  Senf  malet  JfegiUJteng.  3)  SJioljammebS,  53Jü; 
inurS  ober  a3orf}cI)er§  con  Za\)ta ,  SBrief«  an  GtjampeUion. 

9tömifcf)C  ©cf^idpfe, 

yind)  «Riebubr,  ^leeren,  3©ad)ömutb,  €d)(i^ffer  nnt'  Sintern.    9lnö  tem  (^-nglifd^en 

üon  %x.  03  au  er  «nt  Dr.   ^HMnr.   2>ih-ing.     2  93änfc.     2  at;(r.  15  ©gr.  — 

4  ?^(.  30  ilr.  rfjein.  =  3  gl.  75  Ar.  ollerr. 

9)Jori|j  ®raf  i'cn  ©ör^^aiU-iöbcnj: 

Sßörtcrbu^ 

über  bic  (2d)anerigfeiten  Iicr   tieutfc^en  ©pradie.    Oter  bequemet  9Jad)f^Iaflebud), 

um  ftd)  in  fd)anerigen  gdllen  [cwo^l  bi"M}t'ict)  ^f»-'  @prad?lebre,    alö   and)   bcr 

JKed;tfd)rcibung  unt»  tcr  grcmb;  unb  [iuniienvanbtcn  2Börtcr  dlüH  ju  er{)oIen. 

H  Zi}U:  =  2  gl.  42  Jlr.  rbciu.  =  2  gl.  25  ^r.  oftcrr. 

©efc^it^tc  bcö  ^incjtfd)cn  9Jei^c6» 

aScn  Sari  ß^üMaff.    ?lu!i  bcm  (fngli|"d}en  von  gr.  33  au  er.    2  SSbe. 

2  Jblr.  15  egr.  =  4  gl.  30  Rx'.  rtjein.  =  3  gl.  75  Kx.  cftcrr. 

gr.  ^aupt:    Seidite  SUifgaben  jum 

Ucbcrfe|en  auö  km  S)cutfc^cn  in'6  ßatcinifd)C» 

3Uö  SBcifpiele  ju  bcn  fiintattifd)cn  ^Hegeln  ber  tleincn  örober'[d)en  ÖH-ammatif  für 

bie  untern  illaffcn  wn  ®elel}rtenfd)ulcn.    ^\vt\k  V'Cxmd^xU  Sluflaöc. 

10  ©ijr.  —  36  i\x.  rbein.  —  50  Mx.  öjlierr. 

C.   H  e  i  n  e  c  li  e  's   Andeutungen 
über  das   Princip    der  Vcrmittclung    im  homerischen   Götter-    und   Helden- 
Dualismus,     n  Thlr.  —  2  Fl.  24  Kr.  rhein.  =  2  Fl.  österr. 


Hesiodi  quod  fertur  Scutiim  Herculis  ex  recognitione  et  cum   animadver- 

sionibus  Fr.  Aug.    Wolfii   cdidit  C.   Ferd.   Ranke.  Accessit  apparalus 

crilicus   et  dissertalio  editoris.      1  Thlr.   25  Sgr.  —  3  Fl.  18  Kr.  rhein. 
~  2  Fl.   75  Kr.  osterr. 

©cfc^id^tc  ©icilicnS 

in  6cr  fn'ibmu  3nt  lIll^  im  a)}ittclafter.    IUmi  Dr.  3.  ®.  i?on  .^ot^cr. 
2  a:i)(r.  10  ®j]r.  =  4  gl.  12  .ffr.  vljcin.  =  3  %L  60  .ftr.  öficrr. 
Jacob,  C.  G.,  Prof.  Port.:     Ouaestiones  epicae  seu  symbolae  ad  grarama- 
ticam  latinam  poeticam.      f  Thlr.  15  Sgr.  —  2  Fl.  42  Kr.  rhein.  —  2  Fl. 
25  Kr.  iJsterr. 

Lucani,   M.  Annaei:     Pharsaliae  libri  X.     Ad  meliorum   librorura    fidem 
recensuit  scholiisque   inlerpretatus  est   et    iudicem   adiecit   Carolus  Her- 
mannus  Weise.     1  Thlr.  20  Sgr.  =  3  Fl.  rhein.  —  2  Fl.  50  Kr.  österr. 
Velia-Papier  2  Thlr.  10  Sgr.  zz  4  Fl.  12  Kr.  rhein.  —  3  Fl.  50  Kr.  österr. 
L.   Lucilius  Jun.: 
Aetna. 
Ein  Lehrgedicht,    nebst   dem   Bruchstücke    eines  Gedichts   des  Cornelius 
Severus,  von  dem  Tode  des  Cicero.     Der  lateinische  Text,  nebst  einer  me- 
trischen Uebersetzung  und  Anmerkungen,   von  J.  H.  F.  Meineke. 
17.1   Sgr.  —    l  Fl.   3  Kr.  rhein.  —  88  Kr.  österr. 
Macrobii  Ambrosii  Theodosii  v.  c.  et  inl.  Opera  quae  supersunt.     Excus- 
sis   exemplaribus    tam   manu    exaratis   quam   typis    descriptis   emendavit: 
prolegomena,  apparatum  criticum,  adnotationes,  cum  aliorum  selectas  tum 
suas,   iüdiccsque    adiecit  Ludovicus   lanus.    —  Volumen  I.     Prolego- 
mena:    Ciceronis   somnium  Scipionis  cum   commentariis   Macrobii:     Ex- 
cerpta  e  libro  de  diffcrentiis  et  societatibus  graeci  latinique  verbi.     2  Thlr. 

—  3  Fl.    3(5  Kr.  rhein.   —    3  Fl.   österr.     Velin -Papier  2  Thlr.    15  Sgr. 

—  4  Fl.  30  Kr.  rhein.  —  3  Fl.  75  Kr.  österr. 

—  Volumen  II.  Saturnaliorum  libri  VII.  et  Indices.  3  Thlr.  10  Sgr.  — 
6  Fl.  rhein.  —  5  Fl.  österr.     Velin -Papier  4  Thlr.  ZZ  7  Fl.  12  Kr.  rhein. 

—  6  Fl.  österr. 

te  SWarleö: 

©cfc^ic^te  ber  SJlarie  ^tnavt, 

iliMiigin  von  ©cf;ottIant.    20  ©äv.  —  1  gl.  12  Jlv.  rtjctn.  zz  1  %L  öfJevr. 
^;\  g.  SDJai^mann:     65f[d)icl)tc 

ht^  mitUlaltnli^m,  tjorjugö weife  feeö  beutf^en  B^a^^pkU^. 

9ltb\t  vollftcintigev  unt>  fortlaufcntcv  gitcvatur  teö  Spicicö,  fonnc  Slbbiltungcn 

lIn^  gjfgiftnn.    l  Jljlr.  20  ©gr.  z:  3  %l.  xljdn.  —  2  g(.  50  ^x.  öftcrr. 

^p.  g.  9[)Ja§mnnn: 

^aifer  ^ricbric^  im  Äijf Käufer» 

SJortraj,    gehalten  am  Stiftungfifcfte  ^el■   Serlini|djen   ©cfcHfctjaft   für    t>cutfd;e 

©pracfje  (17.  Januar  1850).'   10  Sgr.  =  36  Jtr.  rt)cin.  —  50  JTr.  öftcrr. 

J^onft.  »KittHci: 

©ie  S)eutfc^e  ^pxa^t 

unt)  Mc  2)cutf^cn  ®d)ulcn.  {?iu  Scitrag  jur  äjerftäntiignug  über  t>cn  SDentfcljcn 
llnterricljt.     20  ®gr.  =  1  %L  12  ^v.  rtjein.  =  1  gl.  öficrr. 

ÜDJeinctc,  5.  ^.  g. :  Seic^tfa§lid)c  Cfnhvicfclung  fcr  waf^ren  SÄ^^t^'n^lt  in 
Un  gricd)ifd)en  S5er8artcn  tee  -Cunaj,  finpct)!  im  Originale,  alö  in  ihren 
reutfcl)en  9?ac^lntl»ungen.  giir  ©diülcr  in  l)6t)ern  '2ct)ranftalten.  12i  (Sgr. 
n  45  .Rr.  rl)etn.  ~  63  Jlr.  ijfterr. 

—  .'panl!tt)c>rterDucl)  ter  SWctrif,  in  befontcrer  58c3ie{)ung  auf  tiaö  (ftgent^üms 
{id)c  tcrfclben  in  rcr  fcutfd;en  «aprad^c.  1  5£()lr.  ~  1  gl.  48  Jtr.  rt)ein.  ~ 
1  gl.  50  Six.  ofterr. 

—  5Dic  SSctSfunft  tix  ©eHtfd)en,  auS  ^er  9iatur  t>ci  SRljDt^muö  entiricfclt,  in 
3Jcrglcid)ung  mit  itx  flried)ifd)  =  rünufd)en.  3Min  ^d)\üo,ibxcivid) ,  wu  axiä}  für 
lHebf)al'er  f'cr  !Did)tfunft  nn^  für  SJluftfer.  2  Iljeilc.  2  S^lr.  20  €gr.  — 
4  gl.  48  Ar.  r^cin.  =  4  gl.  öftcrr. 

©efc^t^te  beS  btitift^cn  Sttbien« 

Sßon  3aiucö  9)1  iU,   (£fq.    dUd)  tcr  tritten  cnglifd)en  CriginabSluflagc  üOcrfe^t. 
6  Sänfce.    9  Xi)lx.  =  16  gl.  12  Sit.  r^ein.  z=.  13  gl.  50  Six.  öjlerr. 


Yerlagr  von  G.  Basse  in  Qnedlinbnrg. 


mibllotliek 

der  gesammten  deutschen 

MTrONAL-LITERATlR 

von  der  ältesten  bis  auf  die  neuere  Zeit. 

gr.  8.     1835  —  1867. 

Erste  Abtheilung. 

Band  1.:  KUTRUN.  Mittelhochdeutsch.  Herausgegeben  von  Adolf 
Ziemann.  Preis:    l  Thir.  15  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 

Band  IL:  THEUERDANK.  Herausgegeben  und  mit  einer  histo- 
risch-kritischen Einleitung  versehen  von  Dr.  Carl  Hallaus. 
Nebst    6   lith.   Blättern.  Preis:    2  Thlr.   10  Sgr.     Velinp.  3  Thlr. 

Band  III.:  DEUTSCHE  GEDICHTE  DES  XH.  JAHRHUNDERTS 

und  (ier  nächtsverwandten  Zeit.     Herausgegeben  von  Prof.  Dr. 
Massmann.     2  Theile  (in  1  Bande). 

Preis:    1  Thlr.  25  Sgr.     Veliup.  2  Thlr.  12i  Sgr. 

Tkeil  I. :  Die  strassburg-mulsheimische  Handschrift:  1)  Glouben  des  ar- 
men Hartmann.  2)  Letanie.  3)  Alexander  des  Pfaffen  Lamprecht. 
4)  Pilatus. 

Theil  IL:  1)  Kunic  Rother.  2)  Diu  Buochir  Mosis.  3)  Von  Tieren  unde 
von  Fogilen.     4)  Heinrich  von  des  todes  gehugde. 

Band  IV.:  Der  keifer  und  der  kunige  buoch  oder  die  sogenannte 
KAISERCHRONIK,  Gedicht  des  12.  Jahrhunderts  von  18,578 
Reimzeilen,  Nach  12  vollständigen  und  17  unvollständigen 
Handschriften,  so  wie  anderen  Hülfsmitteln,  mit  genauen  Nach- 
weisungen über  diese  und  Untersuchungen  über  Verfasser  und 
Alter,  nicht  minder  über  die  einzelnen  Bestandlheile  und  Sa- 
gen, nebst  ausführlichem  Wörterbuche  und  Anhängen  zum  er- 
sten Male  herausgegeben  von  Hans  Ferd.  Massmann. 

Erster  Theil.       Preis:   3  Thlr.  10  Sgr.     Velinp.  4  Thlr.  10  Sgr. 
Zweiter  Theil.     Preis:    3      „      10     „       Velinp.  4      „      10     „ 
Dritter   Theil.      Preis:    4      „      25     „        Velinp.  5      „      25     „ 

Band   V.:    HERBORT'S   VON  FRITSLAR  LIET  VON   TROYE. 

Herausgegeben  von  G.  K.  Frommann. 

Preis:    1  Thlr.  25  Sgr.     Velinp.  2  Thlr.  12i  Sgr. 

Band  VI:  ERACLIUS.  Deutsches  und  französisches  Gedicht  des 
12.  Jahrhunderts  (jenes  von  Olle,  dieses  von  Gautier  von  Arras) 
nach  ihren  je  beiden  einzigen  Handschriften,  nebst  mittelhoch- 
deutschen, griechischen,  lateinischen  Anhängen  und  geschicht- 
licher Untersuchung.  Zum  ersten  Male  herausgegeben  von 
H.  F.  Massmann.  Preis:  3  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  4  Thlr.  10  Sgr. 

Band   VII:    DIE  KLEINEN   SPRACHDENKMALE  des  VIU.  bis 

XII.  Jahrhunderts.     Herausgegeben  von  H.  F.  Massmann. 

Preis:    1  Thlr.  5  Sgr.     Velinp.    1  Thlr.   12^  Sgr. 
Inhalt:    Die  deutschen   Abschw'öriings-,    Glaubens- ,  lieieht-  und  BctJ'or- 

meln  vom  achten  bis  zum  zwölften  Jahrhundert,  nebst  Anhiingcn  und 

Schrifinachbildungen. 

Band  VIIL:  LIEDERBUCH  DER  CLARA  HÄTZLERiN.  Heraus- 
gegeben von  Dr.  Karl  Hallaus. 

Preis:   2  Thlr.   10  Sgr.     Velinp.  3  Thlr.    10  Sgr. 


Verlag  von  G.  Baase  in  Quedlinburg. 


Band  IX.:  SANCT  ALEXIUS  LEBEN  in  acht  gereimten  mittel- 
hochdeutschen Behandlungen,  Nebst  geschichtlicher  Einleitung, 
so  wie  deutschen,  griechischen  und  lateinischen  Anhängen. 
Herausgegeben  von  H.  F.  Massmann. 

Preis:    1  Thlr.   15  Sgr.     Velitip.   1  Thlr.  25  Sgr. 

BandX.:  DEUTSCHE  INTERLINEARVERSION  DER  PSALMEN 
aus  dem  XII.  und  XIII,  Jahrh.    Herausgegeben  von  E.  G.  Graff. 

Preis :  3  Thlr.  25  Sgr.     Velinp.  4  Thlr.  25  Sgr. 

Band  XIa.:  DEUTSCHE  PREDIGTEN  des  XII.  und  XIII.  Jahr- 
hunderts.    Herausgegeben  und  erläutert  von  Dr.  K.  Both. 

Preis:    25  Sgr.     Velinp.  1  Thlr. 

BandXIb.:  DEUTSCHE  PREDIGTEN  des  XHI.  und  XIV.  Jahr- 
hunderts.    Herausgegeben  von  Dr.  Herrn.  Leyser. 

Preis:    1   Thlr.     Velinp.    1   Thlr.  7J   Sgr. 

Band  XIL:  FLORE  UND  BLANSCHEFLUR.  Eine  Erzählung  von 
Konrad  Fleck.     Herausgegeben  von  Emil  Sommer. 

Preis:  2  Thlr.     Velinpap.  2  Thlr.  15  Sgr. 

Band  XIII.:  KEISER  OTTE  MIT  DEM  BARTE.  (Konrad's  von 
Würzburg  sämmtliche  Werke,  dritter  Band  )  Herausgeg.  von 
A'.   A.  Hahn.  Preis:   25  Sgr.     Velinp.  1  Thlr. 

Band  XIV.:  Jacob  Buffs  ETTER  HEINI  uss  dem  Schwizerland 
sammt  einem  Vorspiel.  Erläutert  und  herausgeg.  von  Herrn. 
Marc.   Kottinger.  Preis:    1  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 

BandXV.:  AUSWAHL  DER  MINNESÄNGER  für  Vorlesungen  und 
zum  schulgebrauch  mit  einem  wörterbuche  und  einem  abrisse 
der  mhd.  formenlehre  herausgegeben  von  dr.  Karl  Volckmar. 

Preis:    1  Thlr.  10  Sgr.     Velinp.  1  Thlr.   15  Sgr. 
(In  grossem  Partieen  nur  25  Sgr.) 

Band  XVI.:  Heinrichs  von  Meissen  des  Frauenlobes  LEICHE,  SPRU- 
CHE, STREITGEDICHTE  UND  LIEDER.  Erläutert  und  her: 
ausgegeben  von  Ludwig  EUmüller. 

Preis :   2  Thlr.    10  Sgr.     Velinp.  2  Thlr.  20  Sgr. 

Band  XVIL:  DAS  NARRENSCHIFF  von  Dr.  Sehast.  Brant.  Neue 
Ausgabe,  nach  der  Original -Ausgabe  besorgt  und  mit  Anmer- 
kungen versehen  von  Adam  Walther  Strobel,  Professor  am  Gym- 
nasium zu  Strassburg. 

Preis:  1  Thlr.  25  Sgr.     Velinp.  2  Thlr.  121  Sgr. 

Band  XVIIL:  KLEINERE   GEDICHTE  VON  DEM  STRICKER. 

Herausgegeben  von  Karl  August  Hahn. 

Preis:   1  Thlr.     Velinp.  1  Thlr.  7^  Sgr. 

Band  XIX.:  HEINRICHS  VON  KROLEWIZ  UZ  MISSEN  VA- 
TER UNSER.     Herausgegeben  von  G.  Ch.  Fr.  Lisch. 

Preis:    1  Thlr.  20  Sgr.     Velinp.  2  Thlr. 

Band  XX.:  GEDICHTE  des  XII.  und  XIII.  Jahrhunderts.  Her- 
ausgegeben von  Karl  August  Hahn. 

Preis:    l  Thlr.  5  Sgr.     Velinp.  1  Thlr.  10  Sgr. 
Inhalf:   1)  Anegenge.    2)  Tundalus.     3)  Kintheit  Jesu.     4)  Urstende.     5) 
Jüdel. 
Band  XXL:  2irtfcÜtf^C  ®d)auf^tcle»     ^§errtuäi3C3cBen  (itnb  mit  einem 
©loffar  bcrfc^en)  üon  %xan^  3of.  ÜJi  o  n  c. 

«ßrciö:   1  3:i)Iv.  10  @äv.     33ctiiiv.  1  ZUx.  15  ©gr. 
3nf}a(t:    Ü}Jam  ^immelfiut,  6f)villi  Sluferjtc^ung,  gronleirfjnom. 


Verlag  von  G.  Basse  in  Quedlinburg. 


Melanthonis,  P. :  De  vita  Martini  Lutheri  narratio.  Ad  pie  tnemoranda 
recuperatae  fidei  et  reipublicae  sacra  saecularia  a.  d.  31.  Octobris  1817 
celebrata  Gymnasiorum   alumnis  recudi  curavit  J.   F.  Saxius.     7J   9gr. 

—  27  Kr.  rhein.  —  38  Kr.  österr. 

Pfau,  J.  A.:     Meditationes   criticae  de  oratioilibus   TIlUCydideis.     12^  Sgr. 

—  45  Kr.  rhein.  ~  63  Kr.  öslerr. 

^faii,  5-  91.:  (Elemente  t'cr  gviccliifcltcu  unt  vömifd^cu  SSJfctrif.  f^üx  mittlcvc 
unt  obere  ©timnafiatflaffen  l>arijcftctlt  iint»  mit  Ccu  nötfjkjcii  {'cfeüiMiiiiicii  i'ev^ 
[eben.  17»  Si^r.  —  1  %l.  3  Jlr.  rbeiii.  —  88  ^v.  öilcrr.  —  3»  '^iivticcn  nur 
121  (ggr.  :zz  45  Sir.  vbein.  —  63  i\x.  öftcvr. 

Pfau,  J.  A.:  De  numero  Saturnio  conimentatio.  20  Sgr.  ~  1  FI.  12  Kr. 
rheiu.  zi  1  Fl.  österr. 

Plauti  Coinoediae  et  comoediaruni  fragmenta.  Cum  ictil)us  melricis,  lectioue 
ad  optimos  libros  emendata,  edidit  C.  H.  Weise.  Editio  minor,  uno 
Yolumine,  notis  omissis.  2  Thir.  10  Sgr.  —  4  Fl.  12  Kr.  rhein.  —  3  Fl. 
50  Kr.  österr. 

^Uiuitiio  ßuftfpiele.    Ja  eiiicv.  luctrifd^cii  llcbcvfc^uiuv 

IflcS  58ün^(i)en  entlii'ilt:     Ser  Jiirtl)a(i«t. —  Sa^  -^nuggcfpftift.  — '2tc6  58('inbc^ni:     Ser 
ptal)[etif(^e  ^Rtiegämunn.  —  T(t  («eijl)iil^. 

ä  Sänfd)cii  10  Sgv.  —  36  ilx.  t()cin.  ~  50  .ftr.  öfterr. 

C.  ¥.  Rauke:    Pollux  et  Luciauus. 

Coraraentatio.     25  Sgr.  —  l  Fl.  30  Kr.  rhein.  —  1  FI.  25  Kr.  österr. 

Dr.  Alb.  Schmidt: 

Latinae  liiiguae  Tocabula 

aut  iisdem  aut  similibus   sonis   facile    fallentia.     Handbüchleiu   der   gleich- 
und  ähnlich  lautenden  Wörter  der  lateinischen  Sprache.     Zum  Gebrauch  für 

Anfänger  beim  Schul-  und  Privatunterricht. 

7J^  Sgr.  zz  27  Kr.  rhein.  zi  38  Kr.  österr. 

Ziitw.  ©ilf).  ©cbratev:    SDie  ®a<ne  i^ün  ticn 

unt)  tereu  Kutfie^en  in  i.'orcl)viftIid)er  Qät  tiivcf)  tte  ä5evcbviitii\  teö  SlJelvbogs;  imb 
tev  g-rnu  4>onc.     10  @inr.  zz  36  Ar.  vbein.  —  50'jlr.  i>\tcxx. 

?..<?.  (y.  ©eiDlcr'ö  SWijt^ologtC  tev  alten  i^ölfer,  f)>niptfädifid)  lex  Jnt^ev, 
Skijitpter,  ©liedjen  unD  Olömcr.  '^üv  bie  ijcbilrcten  ©tänrc,  inc-bcfonrcre  für 
l»ic  ftncirence  5ity}''»t!  ltn^  anl^e[)en^e  Jtünftfcr.  2  Steile  uiiJ)  9(tlcisi  mit  20  Ja« 
fein  5lbbiltun.]en.    2  2blv.  25  ©gr.  zi  5  gl.  6  Jlr.  rliein.  :::  4  gl.  25  ^r.  öftcrr. 

2.  51.  ©eneca:    lieber  ^as  i^erbältnip  ter 

Wiffcnf^aftlid^cn  S^ilbung  pr  ftttlic^cn, 

ofer  ^ei'[en  88|ltev  ©rief,   übevfe^t  nn^  erläutert  \>on  Dr.  ß.  (S.  30.  ßetimann. 
7i  ©gr.  =  27  S{x.  vbein.  z:  38  jlv.  öfterr. 

©cf^ic^tc  Ut  (gi-oberung  tion  9Äcj:ifo. 

9tuö  tcnt  Spanifd)en  teö  Don  9lntonio  ^e  ®oli?  ü[iev|'e|jt  von  ?.  &.  göv* 
fler.  2  Sänre.  2  Jljlv.  25  @gr.  —  5  gl.  6  ilv.  vbein.  —  4  gl.  25  ^x.  öfterr. 
C.  Corn.  Taciti:  De  origine,  nioribus  ac  situ 
(ieniiauorum 
libellus.  Omnium  codicuni  hucusque  cognitorum  lectionc  accuratissime 
subinnotata  nee  non  de  libelli  fatis  et  codice  ceterorum  omnium  fönte 
quaestione  addita.     Cura  loau.  Ferd.  Massmann.     Smaj.     1  Thlr.  15  Sgr. 

ZZ  2  Fl.  42  Kr.  rhein.  =  2  Fl.   25  Kr.  österr. 
Varronis,    M.   Terent. :     Saturarillll  Meilippearum    reliquiae.     Editit  Franz 

Oehler.     Praemissa    est   commentatio    de   M.   Terenlii    Varronis    Satura 

Menippea.      1    Thlr.    20   Sgr.    —    3  Fl.    rhein.    rz    2   Fl.    50   Kr.    österr. 

Velin -Papier  2  Thlr.  z:  3  Fl.  36  Kr.  rhein.  =z  3  Fl.  österr. 
Virgilii   (Publii)    Maronis    Acneis.     In    usum    scholarum   annolatione   per- 

petua   illustravil  God.  Guil.  Gossrau.     3  Thlr.   10  Sgr.    —  H  Fl.   rhein. 

ZZ  5  Fl.  österr.      Velin -Papier  4  Thlr.    10  Sgr.   =    7  Fl.    48  Kr.   rhein. 

Z=  6  Fl.  50  Kr.  österr. 
ajirgil'^  2ebvgetid)t  oom  ßaitbBau.    3n  einer  getreuen,  metvifcl^en  llebcrfe|jung 

oon  g.  2B.  ®(cntl)c).    15  ogr.  z:  54  S{x.  rtiein.  zz  75  Ar.  öfterr. 


Verlag  Von  G.  Bass«  in  QuedUnbnrg. 


Atlas    aiitiquus. 

Schul -Atlas  der  alten  Welt.    Nach  d'Anville,  Mannert,  Kruse,  Reichard  u.  A. 

bearbeitet.     N'ebst  einem  kurzen  Abrisse  der  alten  Geographie  von  C.  Herrn. 

Weise.     11  iMatt  in  i^rof?  Clucrfolio. 

1  Iblv.   15  S^x.  zz  2  31.  42  Rx.  x\)(i\\.  zz  2  %l.  25  Stx.  öftovr. 

Corretthcit,  ©aubcrteit  lln^  fBoaftfl'nbigfeit  }ci(i)iicn  bicfcn  ontiqunrifcf)cn  t£rf)u[:2fttrtg 
in  l)D()cm  ©tnbc  ous ;  ivclilmlb  bcrfclbe  in  lUi'Icn  @clef)rtcn:S(biikn  GiniViUil  gcfunbcn  Init. 
(St  cnrbält:  1)  Orbis  terrarmn.  2)  Hi^ipania.  ?0  Gallia.  4)  Iialia  superior. 
5)  lialia  inferior.  6)  Germania.  7)  Graecia.  H)  Asia  minor  ei  Syria.  9) 
Palaesiina-  10}  Aegypius  ei  Arabia  pelraea.  W)  Ailienae  cum  Piraeo.  12) 
AcropoÜs.  13)  Roma.  Mens  Capilolinii.s,  14)  Campus  Mariius.  Giiict  8?ecenr 
)"icn  im  Sitcvaturbtttttc  1835.  @.  595  ifl  fotgcnbe  ©teUc  enthoben:  „1(Ue  14  iBlött«  finb 
mit  rielem  @cfd)ict  cntmerfon  :c.,  bic  ®ct)tift  ift  bcutlid)  iinb  i'ibercU  leobar;  nud)  läpt  rid) 
nic^t  oecfcnncn,  bii^  bic  auf  bem  Sitelblotte  genunnten  .ipiilf^mittcl  mit  Um|ii-i)t  bcnugt  rcor; 
bcn  rmb.  Surc^  bie  ajcifiigung  bct  leptcn  4  »[ättcr,  iüclrt)C  bcn  mciflcn  Unternebmungen 
bcr  ^tt  fefjlcn,  l)iit  jugtcic^  ber  .^eruuggcbcr  bct  Swaf"''  ein  i^oUfommcncS  Wittcl  bnrgcbc: 
tcn,    fid)   tim  niihcrc  Äcnntniji  ton  2ttl)en  unb  Sfum   ju  envcvbcn  jc." 

C.  H.  Weise: 
Die    Kouioedien   des   Plaiitiis. 

Kritisch  nach  Inhalt  und  Form  beleuchtet  zur  Bestimmung  des  Echten  und 
Unechten  in  den  einzelnen  Dichtungen,     gr.  8.     1860. 
1  Thlr.   —   1  Fl.  48  Kr.  rhein.  —  1  Fl.  50  Kr.  österr. 

C.  H.  Weise: 
Lexicou    Plaatiiiiini. 

8maj.     20  Sgr.  =  1  Fl.   12  Kr.  rhein.  =  1  Fl.  österr. 

H.  Weise: 
Plautus  iiud  seine  ueuestcu  Diorthoten. 

Philologisch -kritische  Abhandlung.    15  Sgr.  —  54  Kr.  rhein.  —  75  Kr.  österr. 

®ci[c,  ß.  Cv:  ©af^  alte  @rietf;cntanb.  (Mcivjvapbifd),  biftorifd)  uut  vo(itifd) 
favaeftcüt.     (Jin  i^inDtnid)    fiii"   ric  thl^il•cll^c  ^itsUn^-     5J(it  1   Sparte  unt) 

2  45fä»cn-  1  Zijlx.  15  Bc^x.  =  2  gl.  42  Äv.  .r^cin.  zz  2  %l.  25  jtr.  öftevv. 
Weise,  C.  H.:     Der  Saturnische  Vers  im  Plautus,   und  an  sich,  nach  den 

Zeugnissen  der  Grammatiker.     12i  Sgr.  zz  45  Kr.  rhein.  —  63  Kr.  österr. 
Dr.   3üf).  ?^-r.  Xb.  SBob  Ifart  (i:     65efd)id)te  l>eö  gefammtcn 

®r5ic^un9ö=  unb  8^ulttJcfcnö, 

in  bcfonbcver  aiiicfiuljt  auf  ftc  gcj^einvävtiäc  Bcit  imt  i()re  5LH-i'cnini3en.    g-üv 

®Äuliiuffef)er ,  @cift(icf)e,  2ef)rcv,  (ji^icbcr  iiut^  cjctnitcte  (s-Ücvn.     2  SBäntc. 

4  Zi)lx.  15  B$x.  zz  8  Jyl.  6  Ar.  vl)cin.  zz  6  %l  75  Mx.  oikxx. 

XE>OPHO>'S    A^ABASIS. 

Zum    Schulgebrauche   mit   Erläuterungen  herausgegeben,    sowie    mit  einem 
Wörterbuche  und   grammatischen  Anhange  versehen   von  Konst.  Matthiä. 
1  Thlr.  :=  1  Fl.  48  Kr.  rhein    =:  1  Fl.  50  Kr.  österr. 
Z  i  e  m  a  n  n 
in  Deiuosthenem  de  bello  Philipp!  Olyuthico 
commentatio.     Edidit  et  epistolam  adiecit  C.  F.  Ranke. 
20  Sgr.  =:  1  Fl.   12  Kr.  rhein.  zz  1  Fl.   österr. 
AnKclsächsisches  Lesebuch.     Von   Prof.^  Dr.  Ludw.  ^Ettmüller.    —    Unter 
dem  Titel:    EXGLA  A\D  SEAXXA  SCOPAS  AXD  BOCERAS.    Anglosaxonum 
poetae   atque   scriptores    prosaici,    quorum   partim  integra  opera,    partim 
loca  selecta   collegit,    correxit,    edidit    Ludov.   Ettmüllerus.      1    Thlr. 
20  Sgr.  z:  3  Fl.  rhein.  ZZ  2  FI.  50  Kr.  österr.     Velin -Papier  2  Thlr.  = 

3  Fl.  36  Kr.  rhein.  =  3  Fl.  österr. 

Angelsächsisches  Wörterbuch.  \on  Prof.  Dr.  Ludw.  Ettmüller.  —  Unter 
dem  Titel:  VORDA  VEALIISTOD  EXGLA  AXD  SEAXX.A.  Lexicon  anglosaxo- 
nicum  ex  poetarum  scriptorumque  prosaicorum  operibus  nee  non  lexicis 
anglosaxonicis  collectum,  cum  synopsi  grammatica  edidit  Ludov.  Ett- 
raiillerus.  4  Thlr.  15  Sgr.  —  8  Fl.  6  Kr.  rhein.  zz  6  Fl.  75  Kr.  österr, 
Velin -Papier  5  Thlr.  10  Sgr.  zz  9  FI.  36  Kr.  rhein.  ZZ  8  FI.  österr. 


Druok  von  Q.  Basse  in  Quedlinburg. 


Verlag  von  F.  C.  ^f.  Yog'cl  in  Leipzig, 

Soeben  erschien  und  ist   durch  jede  Buchhandlun>,^  zu  beziehen: 

I>ie   liis torisclxeii  "%^ollisliodLer 

der  Deutschen 

vom  13.  — 16.  Jahrhundert. 
Herausgegeben 

durch   die   historische  Oommission  bei  der  Königl.   Akademie   der  Wissenschaften 

in   München. 
Gesammelt  und  erläutert 

von 

K.  y.  Lilieneron. 

Vierter    (Schluss-)   Band. 

Lex.  8.     650  Seiten,     geh.     3  Thlr.  15  Sgr. 

Das  nunmehr  complete  Werk  kostet  13 Vs  Thlr.  Dasselbe  ist  vollständig 
oder  in  einzelnen  Bänden  zu  beziehen. 

Diese  Sammlung  der  deutschen  historischen  Volkslieder  und  politischen  Gedichte 
(1243^1554)  bietet  nicht  nur  dem  Historiker  und  Sprachforscher,  sondern 
allen  Freunden  der  Litter atur  eine  Fülle  des  interessantesten  Stoffes  über  die 
Geschichte  und  Litteratur  unseres  weitesten  Vaterlandes. 


Wörterbiicli 

zu 

Dr.    Martin   Luthers 
Deutschen   Schriften. 

Dritte   Lieferung. 

(Dach  —  Fahren). 
4.     30  Bogen,     geh.     1  Thlr.  14  Sgr. 


U  e  b  e  r 


Otfrid's  Versbetonung 

von 

Dr.  Eichard  Hügel. 

gr.  8.    S^/g  Bogen,    geh.    Preis  10  Sgr. 


Neuer  Veilag  der  Biichliaii(lliiii.g:  dos  Waisenhauses  vom  Jahre  1869. 

Walther  Yon   der  Vogelweide, 

herausgegeben  und  erklärt 
von 

W.  Wilmamis. 

251/2  Bogen  gr.  8.     geh.     1  Thlr.  15  Sgr. 


Auch  unter  dem  Titel: 

Germanistische  Handhihliothelt, 

herausgegeben  von 
Prof.  Dr.  Jul.  Zacher,    l.  Band. 


Im  Verlage  des  Unterzeichneten  ist  erschienen  und  in  allen  Buchhandlungen 
zu  haben : 

Bibliothek  der  ältesten  deiitsclieii  LittcratiirdeiikmiUer.  Her- 

;iu8ge£,^ebeii  von  Moritz  lloyiie,  Dr.  pliil.,  Priviitdoceut  in  Halle. 
1.  Band.    Ulfilas  oder   die   uns   erhaltenen  Denkmäler  der  gothisohen  Sprache. 
Text,  ({ranuiiatik  und  Wörterbuch.     Bearbeitet  und  herausgegeben  von  Ferd. 
Ludw.  Stamm,    Pastor   an  St.  Ludgeri  in  Helmstedt.      Vierte   Auflage, 
besorgt  von  Dr.  Moritz  Heyne,  Privatdoocnt  in  Halle.  1869.   gr.  8.   380  Sei- 
ten,    geh.  1  Thlr.  20  Sgr. 
Diese  4.  Auflage    ist    sowohl   im  Texte    (durch   Benutzung   von  Uppströms 
Analekten) ,    als  im  Glossar ,    das  ganz    neu  gearbeitet  und  aufs  Doppelte  und  mehr 
erweitert  ist,  wesentlich  verbessert  und  vermelirt. 

n.  Band.    Altniederdeutsche  Denkmäler.     1 .  Theil :  Heiland.    Mit  ausführlichem 
Glossar    lierausgegeben    von   Dr.  Moritz  Heyne.     1865.     gr.  8.     388  Seiten, 
geh.  2  Thlr. 
TTT-  Band.     Beövulf.    Mit  ausführlichem  Glossar  herausgegeben  von  Dr.  Moritz 
Heyne.    1868.    gr.,8.     288  Seiten.     Zwe  ite  Auf  läge,   geh.  1  Thlr.  10  Sgr. 
IV.  Baud.    Altniederdeutsche  Denkmäler.    2.  Theil :  Kleinere  altniederdeutsche 
Denkmäler,    Mit  ausführlichem  Glossar  herausgegeben  von  Dr.  Moritz  Heyne. 
208  Seiten.     8.     geh.  1  Thlr. 
Alo  grammatisches  Hilfsmittel  reiht  sieh  diesen  Bänden  an: 
Kurze  Grammatik  der   allgemeinen  Sprachstämme.      Gothisch,   Althochdeutsch, 
Altsächsisch  .    Angelsächsisch ,    Altfriesisch ,    Altnordisch.      1.  Theil :    Kurze 
Laut-  und  Flexionslehre  der  altgermanischen  Sprachstämme.      Herausgege- 
ben von  M.  Heyne.     1862.     gr.  8.     342  Seiten,     geh.  1  Thlr.  10  Sgr. 
Die  Arbeiten    M.  Heyne's,    der   auch  neuerdings   wieder   als   Mitarbeiter    an 
Grimm's  deutschem  Wörterbuche  seine  glänzende  Fähigkeit ,    Glossare  zu  verfassen, 
bewiesen  hat,  sind  von  der  gelehrten  Welt  als  vorzüglich  anerkannt. 
Ferner  erschien: 

Waltlier  von  Aqnitanien.  Heidengedicht  in  12  Gesängen  übersetzt 
und  mit  Erläuterungen  und  Beiträgen  zur  Heldensage  und  Mythologie 
versehen  von  Franz  Liiiiiig'.  160  Seiten.  8.  geh.  10  Sgr.  hübsch 
cartonirt  12  Sgr. 

Paderborn.        ^^^^ Ferdinand  Schöningh. 

Neuer  Verlag  von  Breitkopf  &  Härtel  in  Leipzig. 
^Wanclg-ernälcle  der  vom  Vesuv  verschütteten  Städte 
Campaniens,  beschrieben  von  Wolfg'aiig  HelMg".  Nebst  einer 
Abhandlung  über  die  antiken  Wandmalereien  in  technischer  Beziehung 
von  Otto  Donner,  Mit  3  eingefügten  Tafeln  und  einem  Atlas  von 
23  Tafeln  gr.  8.     geh.  8  Thlr. 

Genaue,  auf  Autopsie  beruhende  Beschreibungen  der  erhaltenen  antiken  Wand- 
malereien ,  mit  beigefügtem ,  wissenschaftlichem  Apparate ,  einer  Eeihe  kunsthistori- 
scher Untersuchungen  und  drei  Eegistern.  Die  Abhandlung  von  0.  Donner  enthält 
eine  eingehende  Untersuchung  ilires  Gegenstandes,  der  Atlas  Darstellungen  unpubli- 
cirter  und  besonders  wichtiger  Bilder. 

In  meinen  Besitz  ist  der  gesammte  Auflagerest  von 
H.  B.  Ch.  Brandes.      Das   ethnographische   Verhältniss  der  Kelten 
und   Germanen    nach    der   Ansicht    der    Alten   und    den    sprachlichen 
Ueberresten.     Leipzig  1857. 
übergegangen.     Um  den  Absatz  dieses  anerkannt  tüchtigen,    wissenschaftlichen  Wer- 
kes möglichst  zu  befördern ,  habe  ich  den  Ladenpreis  desselben  von  2  Thli-.  auf  25  Sgr. 
herabgesetzt,    und    ist  es   zu  diesem  Preise  sowohl   —  gegen  Francoeinseudung   des 
Betrags  —  von  mir  direct,  als  auch  durch  alle  Buchhandlungen  zu  beziehen. 
Halle  a/S.  Emil  HeriMiaiiii. 


Neuer  Verlag  der  Bncliliaiidluiig:  des  Waisenhauses  vom  Jahre  1869. 

Das  natürliche  System  der  Spraclilaiite 

und  dessen  Verliältnis 

ZU    den   wichtigsten    Cultursprachen ,    mit    befonderer    Kückficht    auf 

deutsclie  G-rammatik  und  OrtliograpMe 

von 

Dr.  H.  ß.  Rumpelt. 

15  Bogen  gr.  8.  Text.     1  gedr.  u.  4  lithogr.  Tafeln ,  geh.  1  Thlr.  15  Sgr. 


Le  besant  de  dien 

von 

Cruillaume,    le  clerc  de  Normandie. 

Mit  einer  Einleitung  über  den  Dichter  herausgegeben  von  Ernst  Martin. 
11  Bogen  gr.  8.  geh.  1  Thlr. 


Visio    Tniagdali 

edidit 

Oskar  Schade, 

phil.  Dr.  Univ.  Eegün.  Prof.  P.  0. 
4  Bog.    gl-.  4.    geh.    15  Sgr. 


Liber  de  infantia  Mariae  et  Christi  Salvatoris 

ex  codice  Stiittgartensi  descri^^sit 

et  enarravit 

Oskar  Schade. 

6  Bog.    gr.  4.  geh.   20  Sgr. 


Sedulii  Scotti 

carmiiia  quadragiiita 

ex    codice    Bruxellensi 

edidit 

Ernestus  Dümmler. 

4 ',2  Bog.    gr.  4.    geh.    15  Sgr. 

Elementar-,  Laut-  und  Formenlelire 

der 

lateinisclien  Sprache 

von 

Dr.  Heinrich  Schweizer -Sidler, 

Professor  am  (»yinuasiuiu  uail  an  der  Universität  zu  Zürich. 

10  Bog.    gr.  8.     geh.     12 ',2  Sgr. 


N(MHM-  y<Ml!i}^'  der  niicininiidliinn-  dos  Waisoiilians(>s   vom  .Inhic  isdl). 

Büclisonsehütz,  Prof.  Dr.  15.,  Besitz  und  Erwerb  im  Griechischen 
Alterthume.     oO  Bog.    gr.  8.    geh.     3  Tlilr. 

Coiizo,  l'rof.  Dr.  A.,  Beiträge  zur  Geschichte  der  griechischen  Pla- 
stik. Mit  XT  Tafehi ,  meistens  nach  Abgüssen  des  archaeologischen 
Museums  der  Köuigl.  Universität  Halle -Wittenberg  gezeichnet  und 
lithograpliirt  v.  H.  Schenck.     2.  Aufl.    5  Bog.  Text,  hoch  4.  geh.  3  Thlr. 

T.  Hciiiemaiiii.  Dr.  C. ,  (Oberbibhothekar  in  Wolfenbüttel) ,  Lothar  der 
Sachse  und  Konrad  IIL    17  Bog.    8.    geh.    25  Sgr. 

Hess,  trcor^',  (Direktor  des  Gymnasiums  zu  Oels),  Erzählungen  aus  der 
ältesten  Geschichte  Eoms.  Bd.  I.  Rom  unter  den  Königen.  lO  Bog. 
8.    geh.  10  Sgr.,  geb.  16  Sgr. 

Jäü'er,  Oskar,  (Direki;or  des  Friedricli  Wilhelms- Gymnasiums  zuCöln), 
Die  punischen  Kriege  nach  den  Quellen  erzählt.  I.  Bd.  Rom  und 
Karthago.     9  Bog.     8.     geh.     10  Sgr. 

IL  Bd.    Der  Krieg  Hannibals.    18  Bog.    8.   geli.  20  Sgr. 
complet,  elegant  in  Leinen  gebunden.     1  Thlr.  10  Sgr. 

Kalisclier ,  Dr.  S. ,  De  Aristotelis  Rhetoricis  et  Ethicis  Nicomacheis 
commentatio.    572  Bog.    gr.  8.    geh.    15  Sgr. 

Kreiizwald,  Friedrieh,  Ehstnische  Märchen,  aus  dem  Ehstnischen 
übersetzt  von  F.  Löwe ,  ehem.  Bibliothekar  an  der  Petersburger  Aka- 
demie der  Wissenschaften.  Nebst  einem  Vorwort  von  Anton  Schief- 
ner, und  Anmerkungen  von  Reinh.  Köhler  und  A.  Schiefner. 
22V2  Bog.     8.     geh.  1  Thlr.  7V2  Sgr.     geb.  1  Thlr.  15  Sgr. 

Kurseliat,  Friedrich,  (Kgl.  Professor,  evangel.  litt.  Prediger  und  Diri- 
gent des  litt.  Seminars  bei  der  Universität  zu  Königsberg  in  Pr.), 
Deutsch  -  littauisches  Wörterbuch.  1.  Lieferung.  10V2  Bog.  Lex.  8. 
geh.     25  Sgr. 

Merx ,  Dr.  Adalh. ,  Grammatica  Syriaca ,  quam  post  opus  Hoffmanni 
refecit.     Particula  secunda.     ca.  30  Bog.     geh.     3  Thlr. 

Opitz,  Oberlehrer  Dr.  E.,  Ueber  die  Sprache  Luthers,  Ein  Beitrag 
zur  Geschichte  des  Neu -Hochdeutschen.  3^2  Bog.  gr.  8.   geh.  T^o  Sgr. 

Piatos  Kratylus  im  Zusammenhange  dargestellt  und  durch  kritisch - 
exegetische  Anmerkungen  erläutert  von  Dr.  Hermann  Schmidt, 
Gymnasial  -  Dir.  a.  D.     7  Bog.     gr.  8.     geh.     15  Sgr. 

Sehröder,  Dr.  Paul .  Die  Phönizische  Sprache.  Entwurf  einer  Gram- 
matik nebst  Sprach-  und  Schriftproben.  Mit  einem  Anhange,  enthal- 
tend eine  Erklärung  der  punischen  Stellen  im  Pönulus  des  Plantus. 
22  Bogen.   Lex.  8.     Nebst  22  lithogr.  u.  authogr.  Tafeln,    geh.    4  Thlr. 

Thiemaiin,  Dr.  C. ,    Heliodori    colometriae  Aristophaneae   quantum 

superest  una  cum  reliqnis  scholiis   in  Aristophanem  metricis.     9  Bog. 

gr.  8.     geh.     25  Sgr. 
Wolf,  Fr.  Aug. ,  Kleine  Schriften  in  lateinischer  und  deutscher  Sprache. 

Herausgegeben   von    G.    Bernhardy.     2  voL     77  V2  Bog.    gr.  8.    geh. 

4  Thlr.  15  Sgr. 


PF  Zeitschrift  für  de-utschQ 

3003  Philologie 

Z35 
Bd.l 


PLEASE  DO  NOT  REMOVE 
CARDS  OR  SLIPS  FROM  THIS  POCKET 

UNIVERSITY  OF  TORONTO  LIBRARY 


'h.^  ä* 


At  '     ^^ 


Ktipi.; 


^St.*i 


►«Ig^. 


w* 


^1 


*J^ 


^w%  '^■# 


*  »^ 


•  :«l 


m